Laudatio von Lutz Jahre
Die Verwendung biblischer Motive in Literatur und Lyrik ist vielleicht nichts Ungewöhnliches. Indes, wer wie Henry-Martin Klemt versucht, eine der eindrücklichsten und bekanntesten biblischen Geschichten als zentrales Bild für ein zeitgenössisches Gedicht zu verwenden, braucht entweder viel Mut oder eine gesunde Portion Naivität oder vielleicht beides zusammen. Von solch einem Versuch würde jeder sicherheitsbewusste Mensch dringend abraten. Man kann sich eigentlich nur eine blutige Nase dabei holen. Erstaunlicherweise ist nichts Schlimmes passiert. Im Gegenteil, ein anerkennenswertes Ergebnis, ein diesjähriger Träger des Heinrich-Vetter-Literaturpreises ging daraus hervor.
Abrahams Opferung seines geliebten Sohnes Isaak ist ein in mehreren Religionen verbreitetes Sinnbild des inneren Widerstreits zwischen persönlichem und göttlichem Gebot. Es ist wohl eine zutiefst menschliche Zwangslage, nur noch eine Entscheidung zwischen unvereinbaren Gegensätzen treffen zu müssen, jeweils absolute Liebe oder unbedingten Gehorsam in die Waagschale legen zu müssen. Dieser Konflikt ist trotz seiner biblischen Herkunft wahrscheinlich moderner denn je. Heute allerdings mit der Ausnahme, dass es nicht mehr – wie noch im Alten Testament – rettende Engel gibt, die rechtzeitig Einhalt gebieten könnten. Spätestens seit dem 20. Jahrhundert, und insbesondere in Deutschland, sind Macht und Ohnmacht, Gehorsam und Verweigerung, falsche und richtige Opfer, gerechte oder blinde Kriege große Fragen, die ganze Nationen wie auch einzelne Persönlichkeiten in ihren Grundfesten erschüttern können. Genauso wie die ganz persönlichen, ewigen Fragen nach Einsamkeit oder Liebe, Alter oder Jugend, bewegtem Leben und die Angst vor dem Tod.
Viele der Einsendungen des diesjährigen Heinrich-Vetter-Literaturpreises haben sich sehr authentisch darauf bezogen, wie sich solche Fragen heute stellen mit bemerkenswert aktueller Bezugnahme etwa auf Arbeitslosigkeit, Irak-Krieg, Globalisierung, gesellschaftlicher Isolation und vielem mehr.
Poesie wird nun daraus, wenn es gelingt, das Bekannte mit dem Ungewöhnlichen, das Gewusste mit dem Ungeahnten zu verbinden, das aktuelle mit dem Zeitlosen zu verweben. Kurz: einen ganz eigenen Ton zu erzeugen, denn es vorher noch nicht gab. Das ist Henry-Martin Klemt gelungen, mit individueller Sprache, unverbrauchten Bildern und einem sicheren Gefühl für die Balance der Poesie.
Dafür hat die Jury Henry-Martin Klemt den 1. Preis zuerkannt.