Poesiealbum 242
Angeln
Die Erinnerung ist ein Fisch,
der lachend durch die Netze schwimmt,
sagt Vater. Eine Flasche Korn
steht zwischen uns. Der Mond
ist geteilt. Für jeden
ein dunkles und ein helleres Viertel
Leben. Die Hälfte ist immer verschenkt.
Grafik von Wolf Henry Gentsch
Formung
Nein. Dass ich so wurde, war Gewalt.
Am Anfang war ich nichts als roter Ton
auf einer Töpferscheibe. Wirbelnd schon;
doch wusste ich noch nichts von der Gestalt.
Ja. Während ich noch fragte, was mir fehlt,
wuchs sich der Klumpen langsam aus zum Rand.
Er wäre formlos ohne ihre Hand.
Ich fühlte mich begrenzt und war beseelt.
Geführt von Blicken, schnell und unbestechlich,
verschloss sie Risse, eh ich sie erkannte.
(Die Töpferscheibe sang in vommem Lauf).
Sie gab mir Farben, trug mir Bilder auf,
die sie wie blaue Liebe in mich brannte.
Sie nennt mich nützlich jetzt. Ich bin zerbrechlich.
Hölderlin / Mein Traum
1
Männer sah ich
mit großen brennenden Fahnen
ins Dunkel gehn. Jemand
fasste nach mir.
Er hatte geweint und sagte:
Zünd sie nur an. Vom Himmel
fielen weiße und goldene Sterne.
Versanken im Fluss. Dort chwamm
der gebräunte Leib eines Mädchens.
Die Sterne trafen ihn nicht.
Ich wusste nicht, ob er noch lebte.
Später, im tiefsten Schwarz,
als das Gras mir die Füße schnitt,
urde ein Stück des Weges
von meinem Blut überstrahlt.
Die Männer kehrten zurück.
Sie stützen sich
auf verkohlte hölzerne Stangen,
als wären sie blind
in ihrer Nacht. Das Mädchen
stieg lautlos ans Ufer. Drei Tropfen
rannen über die Brüste
wie Augen, von Sternen gesäugt.
Ich redete, aber im Nebel
der auszuströmen begann,
ist alles verschwunden. Ich selbst
finde mich hier und allein.
2
Fährmann war ich, ruderte
zwischen dem Festland der Dinge
und Inseln der Menschen
die Verlassenden, und selber
hatt ich kein Ufer.
In der Spitze des Kahns
saß ein Mädchen und schwieg
und hatte einen Namen.
Sie wischte, wenn es regnete,
Tropfen aus meinem Gesicht.
Und das Boot teilte die Wellen,
wie man ein Wort teilt, wo Trost
für viele reichen muss.
Ich hielt die Ruder. Fische
sprangen zuweilen über die weißen
Bäuche der Brüder.
Meine Arme schmerzen. Das Mädchen
berührt ihre Haut, zerfressen
vom Salz der Gewissheit. Für mich
ändert sich`s nicht: Die Geschichte
des letzten lehr mich ertragen
die Geschichte dessen, der kommt.
Wer aber rettet das Mädchen,
wenn es nicht Morgen wird,
bevor ein Ruder bricht...
3
Zeit zerreißt wie ein Mantel.
Aus dem schwarzen Tunnel Dezember
jagen sich die Gejagten
in noch dunklere Liebe
und singen.
Ihre Stimmen
mischen sich
auf unbeschriebenen Seiten.
Durch die Stille danach
wirft jemand Kupfermünzen
in ein offenes Grab.
4
Im letzten Schnee
hackten zwei Krähen einander
die Augen aus.
Ich aber stand
auf meinen wunden Füßen
in diesr Erde fest.
Zu kurz war die Nacht,
um aus dem Tag zu erwachen.
Nur meine Traurigkeit wuchs
endlich über die Ufer.
Was blind ist, versinkt,
doch die Liebste treibt fort
in der Flut.
5
Die Angst
hab ich verloren
wie mein Vaterland
hab ich verloren
die Angst
6
Einmal verlor der Mond
seinen Schleier, weißes Gewölk
glich einer schwangeren Frau.
Einer bronzenen Schönen
floss das Blut der Fontäne
grün in die Augen, den Mund.
Mein Schatten ging auf und ab.
Die Vögel schrien nach Süden.
Die Kronen lichteten sich.
Mein Volk, du dunkle Wand aus Gelächter,
Schmerz du, der nachlässt mit jedem Schlag.
Ich lebe dir zu, wie die reife Kastanie dem Kind.
Die Asche künftiger Dichter
färbt mir die Haut. O welche Bedrohung
weltlos Weltlos zu sein.
Mein Bild
Nicht, was ich war, noch, was ich sein kann.
Nur: die Umarmungen derer,
die aufstehen zwischen zwei Stürzen
und aus den Schalen ihrer Hände
einander zu trinken geben,
weil sie einander erkennen
an ihrem Durst.
Januar - Für Rosa Luxemburg
Januar. Niemand zielt
auf meinen Schädel. Von innen
schlägts an die Decke, kleine
Detonationen meiner uneingelösten
Versprechen. Die alte Welt,
eine Eisscholle, driftet
in wärmere Meere
mit uns.
Januar. Die Knospen fangen
jetzt an zu treiben. Der Somer
spült Erschlagene, Erschossene an Land.
Wir werden noch leben. Aber die eigne
Schuld wird mich ungrecht machen.
Sei ruhig und heiter
trotz alledem.
Als trügst du schon
1
In der Verwandlung der Flüsse liegst du
ganz still, dein blaues Tuch Himmel
hat sich gelöst und schwebt,
Wälder und Wellen streifend,
zum Horizont.
2
Ich hab meine Träume verraten. Krank
und verwundet warn wir, vernarrt
ins Blut, das Steine färbte, Schnee
und das blaue Tuch Himmel,
wenn der Abend kam.
Da gingen Freunde mit uns. Da ist einer
gestürzt und schrie, dass wir aufhörn,
endlich aufhören sollen mit dem sturen
Gang am Strick der Geschichte, den Träumen
entgegenfliegen und schrein.
3
Was säumt die Ufer jetzt, wir laufen
durch Niederungen, und dein Haar
liegt ausgebreitet im Gras, wenn du
redest vom Ried, als könnten wir
bleiben.
Was macht, dass du taumelst, der Hunger
meiner harten Hände erreicht dich
nicht mehr. Über den Städten
ist Rauch und eine wunde Sonne,
wenn ich fortgeh am Morgen.
4
In der Verwandlung der Schritte
werden wir still, dein blaues Tuch
hat sich gelöst, und dein Haar
ist weiß, als trügst du schon
alle Farben der Zeit.
Damals mit B.
Rose im Licht.
Laken im hautwarmen Wasser.
Nackt sein. Tanzen. Tanzen
auf zerbrochnem Glas.
Vorher und Nachher:
Wachs in der gleichen Flamme.
Blaue Wunde Himmel.
Grüne Narbe Gras.
Fremde Frauen
Wo immer ich bei euch steh,
wo meinem Blick Hände und Füße wachsen,
zieh ich euch aus.
Ich löse den Ring, der das Fleisch quetscht.
Handtaschen, Plastikbeutel, Kollegmappen
fallen herab und Schminktäschchen, Portemonnaies,
Terminkalender, Eintrittskarten, Essenbons,
Antikonzeptiva, Geschichten der Philosophie:
eine ganze Müllkippe täglicher Pflichten
und Gefälligkeiten, an denen wir vorüber müssen,
um aufeinander zuzugehen, nackt, stehenzubleiben
und dann..., und dann macht mich traurig,
dass ihr nichts ändern wollt an mir,
mich hinnehmt, angezogen, wie ich bin.
Wachen wir miteinander,
ohne zu sehen, was einer aufhebt
oder verstreut?
Kann ich nicht lesen,
was eine Reihe Schneidezähne
in eine Unterlippe druckt?
Wenn ihr die Augen schließt,
seh ich durch eure Lider und folg eurem Blick,
von dem ihr nichts wisst. Und seh auch
diesen Schatten einer Falte auf eurer Stirn,
den ich fortstreicheln möchte
mit einem winzigen
Nichts.
Liebeslied
Zu einer Grafik von Georg Matthäus
Beinah leidlos lieg ich nun
in der ersten Stunde.
Nicht ein Wort fällt zwischen uns
aus der offnen Wunde
deines Mundes. Nachtlicht deckt
über unsre Bene
seine Tücher. Schon zu oft
warf es kalte Steine.
Alles, was mir draußen schien,
kommt, seit ich dich ahne,
wie der Wind am Vorhang rührt,
seiner alten Fahne.
Deines Körpers Wellenschlag
tönt in mir. Wir fließen
über uns hinweg, vielleicht,
dass wir uns nicht schließen.
(c) Henry-Martin Klemt