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Wetter

Wissenschaftler meinen herausgefunden zu haben, daß die Menschheit ihre Existenz lediglich dem Umstand verdankt, daß ihre Entstehung in einer klimatische Periode fiel, die weniger als andere reich war an Extremen. Schlicht formuliert: Wir hatten Glück mit dem Wetter. Angesichts solcher kosmischen Plattitüde relativiert sich allerdings vieles. Vielleicht deshalb neigen Menschen, die sich als Teil der Natur und die Natur als Teil von sich selbst verstehen, auf Klimaschwankungen etwas gelassener, insonderheit auf gesellschaftliche.

Über Erwachsene

(aus einem Brief an einen Freund,1992:) ...Der Mythos vom Erwachsenwerden ist furchtbar albern. Der Mythos vom Ankommen entbehrt nicht der Grausamkeit. Ich traue den Erwachsenen nicht. Ich glaube, sie sind Lügner, Scharlatane, Diktatoren. Die meisten Erwachsenen, die ich getroffen habe, waren jünger als ich. Die ich als meinesgleichen empfand, standen oft kurz vor dem Ende. Jetzt, da die Schatten so groß und unüberwindlich scheinen, lerne ich von ihnen, wie sie mit Verrenkungen und clownesken Gebärden, ablenkend von ihren Anstrengungen und sich selbst unaufhörlich verspottend, langsam das Bein heben, eine Richtung suchen, einen Halt, einen Hüpfer tun und - den ersten Schritt getan haben (oder der wievielte war es? und wie weit ist der Schatten gewandert mit ihnen, seit sie den ersten taten?)...

Über DDR-Menschen

(aus einem Brief an einen Freund, 1992): ...Aber wenn Ratlosigkeit Format hat, kann sie klüger machen und stärker. Zum Beispiel kann sie helfen, schlicht und einfach zu sagen: Ich bin ein DDR-Mensch. Ich werde Zeit meines Lebens ein DDR-Mensch sein. Und wenn ich es nicht wollte, fänden sich welche, die dafür sorgten, dass ich´s bleibe. Obwohl sie´s auch nicht wollen. Und: Ich bin kein DDR-Mensch. Ich bin ein komischer Vogel, der aus dem Nest gefallen ist, zwei dünne Beinchen und zwei dürre Flügelchen an sich entdeckt und nun in der Gegend rumflattert, mit einem viel zu kleinen Köpfchen, als dass er gleich wieder eine Philosophie draus machen müsste...

Über Kapitalismus

(aus dem Brief von einem Freund, Oktober 1990:) ...Der Siegeszug des Kapitalismus wird zu einer Vereinigung der Welt in größerer Armut führen. Die Bundesrepublik wird nicht die Welt erobern, sondern die Armut die Straßen dieses Landes. Die Bundesrepublik ohne Mauer wird untergehen und damit die gezügelte Variante des Kapitalismus, weil der Sozialstaat zwar noch seine Mauer besitzt, aber der Kapitalismus nicht mehr seine Bändiger...

Über Steffi Spira

(aus einem Brief an eine Freundin, 1990): ...wie die 83jährige Steffi Spira, die ich in der vergangenen Woche in ihrer Wohnung an der Berliner Jannowitzbrücke besuchte. Ich habe von wenigen Menschen so bittere und so gütige Worte in einem Atemzug vernommen, wie von ihr. "Wenn jemand etwas gegen die Juden sagt", sagte die österreichische Halbjüdin: "bin ich hundertprozentig Jüdin, wie ich hundertprozentig Deutsche bin, wenn jemand etwas Prinzipielles gegen Deutschland sagt." Auf ihrem Balkon steht ein Kaktus, der so alt ist wie sie, am Mauerrist gegenüber wohnt ein Falke, den es im Herbst in den Süden Frankreichs zieht. Das waren die wichtigen Dinge, die sie mir zu zeigen hatte, neben einigen Bildern und Kleinplastiken befreundeter Künstler, Mitbringseln aus dem mexikanischen Exil...