Oderanzeiger 1997
Schlechtes Gewissen im bunten gewand?
8. Januar 1997
Entwarnung! Die Berge von Paketen, die Stapel bunter Karten sind verteilt. Auch die letzte Gro߬tante hat die Weihnachtsbäume der lieben Familienmitglieder nun hinreichend bestaunt. Adventskränze und Silvestergirlanden können wieder eingemottet werden. Nur die 327 Tannennadeln im Teppich und die drei Kilo zuviel auf der Waage werden noch ein Weilchen all den Feiertagsstreß erinnern. Jedes Jahr das gleiche Ritual! Und manchmal scheint es, als müsse in den letzten zehn Tagen des Jahres alles nachgeholt werden, was zuvor verpaßt worden ist.
Da wurden ganze Adreßbücher mehr oder weniger gründlich abgearbeitet, um sich Freunden, Verwandten und Geschäftspartnern in Erinnerung zu rufen. Was für ein Inferno des Gedächtnisses, in dem plötzlich alle Nachlässigkeiten und Versäumnisse auftauchen! Aber ist es wirklich nur eine überflüssige Höflichkeit, die jetzt die Briefständer füllt? Niemand weiß hinterher, wohin mit all dem Zeug. Manche binden ein rosa Schleifchen um das Paket, manche geben ihm einen Platz in der Vitrine, weil es wieder für zwölf Monate ausreichen muß. Manche lassen es schlicht in den Papier¬korb wandern. Doch jede Zeile ist vielleicht auch ein vorsichtiges Signal: Laß uns doch noch einmal sehen, ob wir einander nicht noch etwas zu sagen haben! Das schlechte Gewissen kommt im bunten Kleid daher. Ach, wie oft habe ich selber den ewigen Mangel an Zeit vorgeschoben, schob ich einen Brief, ein Fax, einen Anruf wochen- und monatelang auf.
Nicht, daß die ein, zwei Stündchen sich nicht gefunden hätten. Es war die innere Uhr, die keinen Freiraum anzeigte, die Muße war es, die fehlte, sich auf den anderen ganz und gar einzulassen (wozu sonst sollte man schreiben oder sich besuchen?). Vielleicht muß man sich diese Fähigkeit zur Zuwendung anderen gegenüber organisieren. Zuerst einmal, indem man sich selber Aufmerksamkeit schenkt, hineinlauscht, was in einem drin eigentlich passiert ist und weiter geschieht. Sonst wird auch der kurze Trip an den Feiertagen schnell zur Enttäuschung, geraten die wenigen freundlichen Zeilen zur gestammelten Ausrede.
8 760 Stunden hat so ein Jahr. Wie viele davon gönnen wir uns selber und unseren Nächsten? Wie viele lassen wir uns stehlen vom Ärger auf Ämter, Arbeit und Allerweltskram? Wieviel Medienmüll lassen wir uns auf die Seele schütten? Muß es erst krachend kalt um uns herum werden, damit WW ein bißchen zusammenrücken? Brauchen wir erst Weihnachtskerzen, damit uns ein Licht aufgeht? Wenn wir es nötig haben, Barrikaden aus Geschenken zwischen uns und unsere Sehnsucht zu türmen, ist es eh zu spät.
Die Zeiten sind vorbei, da das fehlende Salz im Hause für Nachbarschaftskontakte sorgte. Keine Mietergemeinschaft drängelt sich mehr um die geöffnete Motorhaube eines streikenden Trabbis. Wir müssen uns schon etwas Besseres einfallen lassen, wenn uns die Nähe zu anderen fehlt. Was Gerhard Gundermann aus Hoyerswerda in einem seiner Lieder schrieb, wäre vielleicht eine gute Devise: „Fernseher aus - Sternschnuppen an“. In einer Heiratsannonce habe ich den Satz wiedergefunden. So ernst kann es einem also plötzlich damit sein, wenn das Manko erst einmal groß genug geworden ist.
Aber das Jahr hat ja erst angefangen. Noch ist viel Platz im Kalender. Und das Wichtigste darin ist gewiß nicht der Termin fürs Fitneßstudio oder den Friseur. Jeder Gruß, der uns in den letzten Wochen erreicht hat, ist eine offene oder heimliche Einladung. Wer sie anzunehmen und zu erwi¬dern versteht, wird mehr von diesem Jahr haben.
Vom Aktionismus leise zur Aktion
15. Januar 1997
Wenn sich Mikroelektronik und Mikrosystemtechnik in der Frankfurter Region entwickeln sollen, braucht die Struktur - gebildet aus zahlreichen innovativen, hochspezialisierten, aber kleinen Firmen - einen Kern. Bislang galt das SMI als solch ein Fixpunkt, doch der hat sich längst zum Irrlicht gemausert. Nicht nur, daß die dahinsiechende Chipfabrik Millionensummen verschlingt. Sie zeigt auch, wie schlecht Frankfurter Dinge zuweilen beim Land aufgehoben sein können. Alles Getöse um den Erhalt des HFO-Nachfolgers kann schließlich nicht verdecken, wie schlecht der Mehrheitseigner von SMI seiner Verantwortung in den vergangenen Jahren gerecht geworden ist. Potsdam war nicht selten fast so weit weg, wie die chinesische Mauer, hinter der die Hoffentlich-Investoren jetzt pokern. Bleibt aber der Stadt deshalb nichts anderes übrig, als ergeben darauf zu warten, wann der Geldhahn zugedreht wird und mit dem SMI auch eine halbwegs erfolgsträchtige Entwicklungsperspektive für die Region verschwindet?
Daß dem nicht so ist, wurde in der letzten Zeit zunächst nur in Nebensätzen hörbar. Solange jedenfalls, bis der Direktor des Instituts für Halbleiterphysik, Professor Abbas Ourmazd, sich zu einem Statement aufraffte, in dem er mit einem in Silicon Valley geschulten Selbstbewußtsein auf die Potenzen seiner Einrichtung pochte. Die, so Ourmazd, gehöre zu den führenden in der Welt und werde ihre Wettbewerbsfähigkeit ausbauen, wenn Bund, Land und Europäische Union den 80-Millionen-Neubau bezahlen, mit dem die 175 Mitarbeiter des Instituts zugleich zu einem der modernsten Cleanroorns kommen sollen. Das Institut selbst sei in der Lage, mit seinen industrie¬relevanten Projekten Unternehmen nach Brandenburg zu ziehen und der Struktur, mit der sich so viele Hoffnungen verbinden, Aufwind zu verschaffen. Die gebeutelte Seele hört´s gern. Nichts hat Frankfurt nötiger als eine Vision, die nicht nur heraufbe¬schworen wird, damit man das Zähneklappern nicht so laut hört. Das Einschlagen eines neuen Weges - und darum handelt es sich zweifellos - verrät einen Zuwachs an Realismus, dessen erste Einsicht heißt: So geht‘s nicht weiter. Wenn bei diesem Schwenk Oberbürgermeister, Rathaus, Investorcenter und Fachleute Eintracht demonstrieren, wenn sie gemeinsam bereit sind, ihre Kräfte zu konzentrieren und sich kraft ihrer Verantwortung in die Bresche zu werfen, zeigt das aber noch etwas anderes: Nach einer Phase der Wendelähmung und einer weiteren, in der dieses Dahindäm¬mern unübersehbar als Zeitverlust und Wettbewerbsnachteil zu Buche schlug, scheint die Stadtpoli¬tik nunmehr ernstlich gewillt, vom Aktionismus zur Aktion zu kommen. Das sollte auch dann nicht komisch wirken, wenn es in der Zwangsjacke eines brachialen Sparjahres passiert. Wer lernt schon ohne Not?Hilfe wird freilich auch dann noch vonnöten sein, wenn das ehrgeizige Projekt sich verwirklichen läßt, ja selbst, wenn finanzkräftige Hightech-Unternehmen in absehbarer Frist den Weg an die Oder - statt darüber hinweg - finden. Ohne eine durchschaubare und effiziente Förderpolitik des Landes lassen sich die Firmen kaum aus dem Boden stampfen, von denen die Techonolgien des 21. Jahr¬hunderts entwickelt werden. Geb‘s Wilma Simon, daß die dafür benötigten Summen nicht schon in einem letztlich vergeblichen Subventionismus verschleudert wurden.
Gewichtsverluste hinter Milchglasscheiben
22. Januar 1997
Wenn ich erst neue Schuhe habe, was brauche ich da noch meine alten Füße? Von solcher Logik getrieben, wird in Frankfurt derzeit darüber nachgedacht, ob es in Zukunft überhaupt noch ein eigenes Theaterensemble braucht. Vielleicht tut‘s ein Bespieltheater im neuen Kleist-Kongreß- und Kulturzentrum ja auch, zumal das Staatsorchester die Kommune schon teuer genug ankommt? Vorausgesetzt, das 68-Millionen-Neubau-Projekt wird realisiert. Denn durch den Protest des Theaters ist der Deckel der oderstädtischen Trickkiste aufgeschlagen. Der Bühnenturm des Kon¬greßzentrums leuchtet weithin sichtbar und könnte manchen nachdenklich stimmen, was denn nun eigentlich gebaut wird. Ein Theater, wie es die politische Intention der Abgeordneten war und - nach Intendant Manfred Webers Aussagen - die Raumplanung vom Keller bis zum Boden durchbuchstabiert hat? Das wäre durch den angezapften Fond der Europäischen Union gar nicht förderfähig. Ein Multifunktionsbau, in dem die Kleist-Bühne, wenn auch nicht als Hausherr, eine Heimstatt findet, soweit die Vermarktungspläne einer möglichen Betreibergesellschaft es zulassen? Das wäre mit dem Euro-Geld zu machen, driftet aber fort von dem Ziel, zu dem sich die Stadt weiland durch sämtliche Förderdschungel aufgemacht hatte. Daß die durch viele Fragen heraufbe¬schworene, möglicherweise ungnädige Antwort aus Brüssel den Bau kippen könnte, sorgt im Rathaus derzeit für Aufregung. Schuld an der schlechten Kunde wäre auch in diesem Falle gewiß ihr Bote und nicht ihr Verursacher.
Deshalb wird die Öffentlichkeit im milchgläsernen Rathaus derzeit nur geliebt, wenn sie Imagepflege für die Provinz betreibt. Das läßt sich nachvollziehen, weil es noch nicht allzu viel gibt, was aus eigener Kraft zustande gekommen wäre. Für den güldenen Ehrenring, den die Stadt künftig an verdiente Bürger verleihen will, käme aus dem Rathaus derzeit jedenfalls kaum jemand in Frage. Aber muß deshalb gleich die Keule geschwungen werden, wie Kulturdezernent Martin Patzelt es in seinem Schreiben an Intendant Weber tat? Der ziehe in seiner Erregung „voreilig und eventuell auch falsche Schlüsse ... Sobald diese öffentlich verhandelt werden, kann auch Ihr Haus Schaden nehmen„, mahnte der Dezernent. Ähnliche Post sollen auch andere bekommen haben, die sich lautstark in die Spardebatten einzumischen trachten.
Auch Oberbürgermeister Wolfgang Pohl glänzt dieser Tage vor allem durch Meinungslosigkeit. Daß er zu seinem eigenen Neujahrsempfang nicht erschien, weil in Potsdam wichtige Investoren¬gespräche warteten, mag weniger als Geheimnistuerei denn als Posse hingehen. Doch daß er zwei vollkommen gegensätzliche Verwaltungsvorschläge über das Schicksal der Kitas „Kunterbunt“ und „Am Pfingstberg“ unterschrieb, läßt vermuten, er unterschriebe erst einmal alles, um nicht sein eigenes Gewicht in die Waagschale werfen zu müssen. Das Dumme daran ist, daß sich das Gewicht eines Politikers dabei immer mehr verringert.Das sind nicht die besten Voraussetzungen für ein Stadtoberhaupt angesichts der laufenden Haushaltsdebatten. Wenn Pohl überdies eine Kündigung des Vertrages über den Kinder- und Jugend-Notdienst „Anker“ an den Verein Independent Living schickt, obwohl die Beschlußlage seit dem vergangenen Jahr dessen zehnjähriges Bestehen festschreibt, sind auch Zweifel am Umgang mit den Abgeordneten berechtigt. Martin Patzelt mag recht damit haben, daß erst der verwaltungs¬rechtliche Akt eine neue politische Option - Umstrukturierung, Schließung oder Beibehaltung - offenhielt. Daß die zuständige Ausschußvorsitzende Bärbel Teich von solch brisantem Vorgehen aus der Zeitung erfährt, daß die Kündigung noch vor dem zugesagten Sachgespräch erfolgt, daß mit keinem Wort auf die vielleicht lauteren Motive eingegangen wird, bevor die gewählten Vertreter nachdrücklich Auskunft verlangen, all das beschwört die Frage herauf, wer in dieser Stadt eigent¬lich für wen da ist und wer hier eigentlich regiert: Die Verwaltung oder das Parlament?
Das Rad muss sich drehen
29.Januar 1997
Die erfreulichsten Ereignisse der letzten Tage in Frankfurt hatten alle mit Kultur zu tun. Sie hatten aber auch alle mit dem zu tun, was Regine Hildebrandt „ein kleines Wunder“ nannte eingedenk der fortschreitenden Entsolidarisierung im Lande und der staatlich vorgeturnten Flucht aus Verantwor¬tung und Engagement.
Ereignis Nummer eins: Am Sonntag wurde im Museum Junge Kunst die Ausstellung „Meine Welt“ eröffnet. Der Rathausfestsaal hat schon lange nicht mehr solch eine Vernissage erlebt. Vierhundert Gäste drängten sich zwischen Säulen und Wänden, um sich die Werke von 32 brandenburgischen Künstlern anzusehen. Künstlern, die „anders“ sind - geistig behindert oder psychisch krank - und die dieses Andersfühlen in Bildern, Plastiken, Fotografien und Texten auszudrücken verstehen. Mit der Ausstellung ist mancher von ihnen vom Rand der Gesellschaft ins grelle Licht der Öffentlichkeit gerückt. Scheuen, das zeigt die Qualität der Arbeiten, braucht niemand diese plötzliche Aufmerk¬samkeit. Während die Redner redeten, hielt eine Frau sich weitgehend im Hintergrund, ohne die es diese Schau nie gegeben hätte. Vier Jahre lang hat Renate Jantke hartnäckig ihr Ziel verfolgt - ihr zur Seite das Wichernheim, die Freimaurerloge, der Oder-Anzeiger, das Museum und eine ganze Reihe von Firmen und Sponsoren. Wer in die Gesichter der Eröffnungsgäste schaute, die überraschten, staunenden, glücklichen Blicke einfing, der wird - so hoffe ich - sich fortan schwerer tun, mit dem Rotstift zu fuchteln.
Ereignis Nummer zwei: Die Frankfurter Fanfarengarde hat endlich ein Zuhause. Wo vor ein paar Wochen noch Schaltschränke, Notstromaggregate und Armaturen einstaubten, um die sich seit dem Auszug der Stasi niemand mehr gekümmert hatte, gibt es jetzt freundliche Probenräume, Werkstatt und Traditionstresen. Die Stadt hat kräftig geholfen, daß die Garde wieder ein wirkliches Vereinsleben hat. Hätte sie es auch getan, wenn Laurisch und Co. nicht inzwischen in halb Europa bekannt wären? Die Zeit, die Musiker, Eltern und Bekannte in das neue Domizil steckten, ergibt zusammengenommen mehr als vier Monate. Einige waren mehr als 300 Stunden dabei. Für zig tausend Mark wurde von der Schrankwand bis zur Zierleiste alles herangeschafft, was die neue Heimstatt braucht. Kommunale Hilfe bringt private Unterstützung mit auf den Weg. Das gilt eben nicht nur in der Wirtschaft oder bei der Stadtsanierung, sondern auch in der Kultur. Und sie ist ein phantastisches Mittel gegen Resignation.
Ereignis Nummer drei: Die Musikschule war gleich zweimal Gastgeber in der letzten Woche. Einmal in eigener Sache. Der traditionelle Jahresempfang stand ins Haus. Und als ob sie nicht gerade abgewickelt würden, tanzten die Mädchen vom Kunstbereich ihren Katzentanz, verkaufte Evelin Grunemann die wunderbaren Postkarten, die „ihre“ malenden Kinder geschaffen hatten. Nikos Athinäos kam auf diese Art sogar zu einem Kunstwerk seines eigenen Sohnes. Der General¬musikdirektor braucht sich um seinen Nachwuchs nicht zu sorgen - auch nicht im übertragenen Sinne. 14 der fast 1 500 Schüler haben sich gerade für den Landesausscheid „Jugend musiziert“ qualifizieren können - ein Verhältnis zwischen Breite und Spitze, das sich sehen lassen kann. Es zu erhalten, stehen die Chancen gar nicht so schlecht. Nicht nur, weil das Reiche-Ministerium bis 1999 eine Bestandsgarantie für Brandenburgs Musikschulen übernommen hat. Ministerpräsident Manfred Stolpe, der am Sonnabend beim Neujahrsempfang der SPD im gleichen Hause erschien und neugierig auf die Bongos klopfte, hatte zwar wenig Konkretes im Gepäck Die Zusage, daß Sport und Kultur, wenn schon nicht weiterentwickelt, so doch wenigstens nicht weiter heruntergefahren werden, war zumindest dabei. Denn Brandenburg, so der Regierungschef „braucht Frankfurt (Oder) als ein Schwungrad“. Da werden wir uns wohl noch ganz schön drehen müssen....
Eine Stadt, aus der Hilfe kommt
5.Februar 1997
Warum kratzt eine 85jährige Frau ihre Rente zusammen, um wildfremden Kindern zu helfen? Lilly Schuhknecht saß am Samstag still in der Runde der honorigen Gäste. Die reichte von Ingrid Stolpe als Schirmherrin der „Aktion Kraniche“ bis zu Norbert Schulze als Chef der Dresdner Bank, die zum kostenlos geführten Konto noch einen 1000-DM-Scheck herüberreichte. Es darf vermutet werden, daß der Tausi der Bank weniger fehlt, als die 240 DM der Seniorin. „Aber ich verbrauche ja nicht mehr soviel „, erklärte die Frankfurterin lächelnd.
Tschernobyl, das waren für sie die Schilder damals im Wald: Pilze sammeln verboten. Wo sie doch so gerne in die Pilze ging. Das war das Unheimliche an dieser Mahnung im volkseigenen Wald. Viel später erst kamen Berichte und Zahlen aus dem Katastrophengebiet dazu. Und schließlich die Initiative von ursprünglich fünf Frankfurtern, den Kindern in Weißrußland ihren gesetzlich zugesicherten, aber von der Regierung nicht bezahlten jährlichen Kuraufenthalt zu finanzieren. „Zwei nehm ich„, sagte die älteste aller Spender und Spenderinnen letztes Jahr. Und nun bei der Ausstellungseröffnung in der Dresdner Bank sagt sie wieder: „Zwei nehm ich. Es sind doch so viele, denen geholfen werden muß.„ Warum? Weil Lilly Schuhknecht sich über Menschen freut, die helfen können und das auch tun. Und am meisten freut sie sich, wenn sie selber dazu gehört. Warum gründet ein Arzt, den die Krankenkassen für seine Kranken gerade zur Kasse bitten, einen Verein, um im äthiopischen Hochland psychisch kranken Streetwanderern zu helfen? Holger Mäthner strahlte nach der ersten Versammlung im Kleistcafe wie ein Primus am Ende des Schuljah¬res. „Jetzt kann ich meinen Freunden wieder schreiben.„
Seine Freunde, das sind Ärzte, die Mäthner in den 80er Jahren in Äthiopien ausbilden half, die ihren Weg gemacht hatten, als er sie letztes Jahr an der Universität von Addis Abeba wiedertraf, und die ihn nicht moralisierend, sondern mit einer Kaskade von Ideen daran erinnerten, daß sie ihre Freundschaft auf die gemeinsame Verantwortung gegenüber kranken Menschen gegründet haben. Sie wollen sich nicht an den Tropf der reichen Deutschen hängen. Aber sie wollen etwas tun gegen arbeitslose Ärzte, leerstehende Kliniketagen, ungenutzte Medizintechnik, für die der Service fehlt. Dazu brauchen sie Starthilfe. Wenn alles gut geht, könnte eine gut ausgestattete Klinik für gut verdienende Äthiopier entstehen, und die damit erwirtschafteten Mittel könnten in Projekte für Therapie und Rehabilitation fließen, in Medikamente und in das berufliche und soziale Lebenstraining für Menschen, die ohne Obdach sind und nicht selten auch ohne Familie.
Das Geld dafür soll aus Frankfurt kommen - so haben es ein Dutzend Mitstreiter am Samstag beschlossen. Ganz so, als gäbe es keine Rezession, als müßte man sich nicht hier schon die Taschen zuhalten, als hätte Deutschland nicht mit sich selber genug zu tun. Warum? Ach, die Welt ist klein für diese Leute. Zu klein, um sie in erste, zweite und dritte einzuteilen. Zu klein, um wegsehen zu können. Was die Frankfurter Enthusiasten bewirken können, wird sich freilich erst noch zeigen müssen.
Die Initiatoren der Aktion Kraniche nahmen sich Ende 1995 vor, wenigstens 100 Kindern zu helfen. Inzwischen ist das Geld fair mehr als 600 Kuren gesammelt worden, haben sich 125 Paten gefunden, gilt das Projekt einer größeren Bank als hinreichend imageträchtig und einer MP-Gattin als beschirmungswürdig. Ist die Hoffnung so weit hergeholt, daß sich in zwei, drei Jahren über die Äthiopienhilfe Frankfurt (Oder) vielleicht ähnliches sagen läßt?Frankfurt als Stadt, aus der wirksame Hilfe kommt. Auch das wäre ein Image, auf das sich stolz sein ließe.
Die Narren sind schon lange los
12. Februar 1997
Als was sollte ein Mann in den besten Jahren denn nun zum Fasching gehen? Am ehesten bietet sich wohl die Verkleidung als Großinvestor an. Sie hat den Vorteil, daß hier absolute Freiheit der Garderobe besteht - denn wie so ein Großinvestor aussieht, weiß in Frankfurt schon lange keiner mehr. Der Nachteil könnte allerdings darin bestehen, daß man zu spät bei seiner Faschingsfete eintrifft, weil das Erscheinen eines derart exotischen Wesens in der Stadt ein mittleres Chaos auslösen würde und weil sich die Stadtverwaltung - ähnlich wie beim American Football - schon beim geringsten Anzeichen, einen Geldmann vor sich zu haben, auf den fröhlichen Narren stürzen könnte, um ihm Möbelhäuser, Spaßbäder oder Bürogebäude als Anlagechance aufzuschwatzen. Der Lustgewinn solch eines Massenauflaufes hielte sich für den Betroffenen wahrscheinlich in Grenzen.
Die größten Lachnummern kommen derzeit ohnehin von anderen gutgezwirnten Krawattenträgern. Da will einer am Rhein die Arbeitslosigkeit halbieren. Tolle Sache, aber hoppla - wenn er es schafft, ist er gerademal dort angekommen, wo er sich 1982 zu einer geistig-moralischen Wende in diesem unserem Land aufgemacht hat. An der Havel versprach einer, die Arbeitslosigkeit auf zehn Prozent zu bringen. Tolle Sache, aber hoppla - er schafft spielend das Doppelte bis zum Ende seiner Legislaturperiode. Merke: Versprechen sind zuallererst Versprecher. Und wo Kohl und Stolpe schon waren, lohnt sich für andere kaum noch der Weg in die Bütt.
Oder der Herr mit dem adligen Namen. Einen Gedenktag hat er der Nation gestiftet, auf daß sie die Opfer der Gewalt nicht vergesse. Die „Zeit“ hat ihn gerade beim Wort genommen und ist auf 50.000 Opferrenten-Empfänger zu sprechen gekommen, die im Jahr 637 Millionen Mark kassieren: Kriegsverbrecher, SS-Leute und deren Hinterbliebene.
Einer von ihnen, der in Italien Frauen und Kinder abschlachten ließ, brachte es übrigens in der Heimat nicht nur zum SPD-Gemeinderat, sondern auch bis zum Karnevalspräsidenten. Helau! Für ihn und seinesgleichen gilt, daß Renten nicht als Strafrecht mißbraucht werden dürfen. Da müßten doch manchem Ostdeutschen die Ohren klingen.
Doch die meisten, darauf läßt sich allemal bauen, haben gar keine Zeit, sich solchen Klängen hinzugeben. Steigende Rentenbeiträge, Gesundheits- und Lebenshaltungskosten sorgen so schon für hinreichend Turbulenz. Nicht zu reden von den 4,6 Millionen Arbeitslosen, mit denen in Deutschland erstmals wieder der Stand von 1933 erreicht wurde. Da fallen Ihnen gleich ein halbes Dutzend Kostüme ein? Lieber nicht...
Mehr als 7300 Jobsuchende kommen aus Frankfurt. Die Zahl dürfte in den nächsten Wochen noch steigen. Vielleicht auch durch die 300 Beschäftigten von SMI, die den bereits abgewickelten 7700 Halbleiterwerkern folgen könnten, wenn der umstrittene Verkauf an die Tongwei-Gruppe scheitert und sich auch das Angebot der Berliner Silicon Sensor als Windei entpuppen sollte. Daß jeder Job im SMI monatlich mit rund 8000 Mark subventioniert wird, ist ohnehin nur noch einer fröhlichen Narrenversammlung vermittelbar.
Das Wort Fasching kommt übrigens aus dem Mittelhochdeutschen, wo es noch vastschang oder vaschane. hieß. Gemeint war damit der Ausschank des Fastentranks. Wem der nicht bitter aufstoßen soll, der möchte schon selber mal gucken, wer ihm was eingeschenkt hat.
Wie die Hamster im Laufrad
19. Februar 1997
Im vergangenen Jahr wurde der Haushalt für Frankfurt(Oder) beschlossen, als quasi die letzte Rechnung schon bezahlt war. Das hat scheinbar etwas höchst Praktisches, denn eigentlich läßt sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel falsch machen. Die Frage, wozu man einen solchen Etat dann noch braucht, ist hingegen etwas schwieriger zu beantworten. Vielleicht, damit man zeigen kann, wo das unablässig wachsende Manko im Stadtsäckel herkommt.
Dieses Jahr soll alles ganz anders sein. Schon am Donnerstag werden die Stadtverordneten gleich vor zwei Finanzpapieren sitzen: dem Haushalt für das laufende Jahr und dem Konsolidierungs¬programm. Verfolgt man die laufenden Diskussionen dazu, kommt einem zumindest der Verdacht, daß bei Einnahmen und Ausgaben zuweilen mit Zahlen jongliert wird, denen selbst die Verfasser nicht recht trauen. Liegt die Kosmetik im Grenzbereich des Erträglichen, so verschiebt man seine Sorgen in den irgendwann anstehenden Nachtragshaushalt (in der DDR gab es fair diese Fälle die berühmte Plankorrektur). Überschreitet das Zahlenspiel den Toleranzpegel der Mehrheit, so wird der Haushalt und/oder das Konsolidierungspapier abgeschmettert, wieder vorgelegt und so weiter. Schlimmstenfalls, bis das Jahr zu Ende ist. Das führt unweigerlich zu Blockaden, die manche kommunale Einrichtung zwischenzeitlich schmerzhaft treffen können - vor allem im Bereich der freiwilligen Aufgaben - in Kultur, Sport und Sozialwesen, wo derzeit ohnehin ein Erdbeben das andere ablöst.
Was also sollte sich der steuerzahlende Bürger wünschen? Daß mit akrobatischen Künsten die Zustimmung des Landes und nicht zuletzt der Kreditgeber für das Kleist-Kongreß- und Kulturzen¬trum gesichert wird? Daß ein zwar offenherziges, aber von niemandem akzeptierbares Zahlenwerk auf den Tisch kommt? Das Dilemma der Stadt - und nicht nur in Frankfurt, nicht nur im branden¬burgischen - besteht keineswegs darin, daß Kämmerer und Finanzausschuß nicht rechnen können. Die Misere hat ihre Ursache darin, daß alles Hin- und Herschieben von Kosten, alles Verscherbeln von Liegenschaften und Gesellschaftsanteilen, alles Abspecken der Verwaltung und Aufplustern der Einnahmen nicht ausreicht, um die Löcher zu stopfen. Das Desaster besteht in der bundesweit bei allem Getöse letztendlich lammfrommen Duldung irrwitziger finanzpolitischer Rahmenbedingungen, die den Kommunen und Kreisen die Luft zum Atmen nehmen und eine eigenständige Entwicklung verhindern. Die Stadt zeigt auf das Land, das Land zeigt auf den Bund der Bund zuckt mit den Schultern und streicht weiter das ohnehin knappe Geld ein, das vor Ort gebraucht würde. Nicht am Schwanz beginnt der Fisch zu stinken, sondern am Kopf.
Ob die kommunalen Kassen gesunden, entscheidet sich nicht daran, ob das Theater eine Million Mark einspart, ob vier oder fünf Sozialarbeiter die Trümmer gesellschaftlicher Beziehungen zurechtklopfen, ob den Handwerkern für ihre kreditbelasteten Unternehmen auch noch eine Gewerbekapitalsteuer übergeholfen wird. Was not tut ist nicht nur eine Steuerreform, die die Lasten gerechter verteilt, sondern auch eine Revision der Aufgaben, die zu einer Dezentralisierung in den Einnahmen wie den Ausgaben, führt. Solange das nicht geschieht, bleibt die Rolle der Abgeordneten, gleich wie sie sich entscheiden, vorbestimmt: Ihr Spielraum ist der eines Hamsters, der wählen kann, ob er sein Laufrad vorwärts oder rückwärts dreht.
Schnittstellen und Berührungspunkte
26. Februar 1997
Einige Dutzend Adressen im Internet verweisen heute bereits auf Frankfurt(Oder), seine wissen¬schaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Potentiale. Wer auf sich hält, ist im Net dabei: IHK und IHP, BIC und WTC, Viadrina und Kleist-Gedenkstätte, Konzerthalle und Gauß Gymnasium, Handwerkskammer und Brückeverein... Wen das neugierig auf eine Surftour in Sachen Oderstadt macht, der stößt auf interessante Angebote. Doch das Grausen überkommt ihn spätestens dann, wenn er etwas länger in den Seiten herumblättert. Da fällt er ihm entgegen, der berüchtigte Datenschrott. Das beginnt bei simplen Statistikdaten. Über die Einwohnerzahl gibt es knapp ein halbes Dutzend Auskünfte, und natürlich stimmt keine (mehr). Der Rätselfreund kann irgendwo zwischen 80 000 und 86 000 wählen. Die Europa Universität offeriert Antrittsvorlesungen zwischen Oktober 1996 und Anfang Februar dieses Jahres. Die Handwerkskammer informiert über die Vorstandswahl vom April 1996. Der Veranstaltungskalender der Kleist-Gedenk- und Forschungs¬stätte reicht gerade mal bis zum vergangenen November. Anderswo wird die Entstehung eines Frankfurter World Trade Centers „in den nächsten Jahren“ vorausgesagt, und das brandenburgi¬sche WTC präsentiert den Messekalender von 1996... Was nützen schon ins Utopische hoch-schnellende Daten-Transferraten, wenn der Mensch nicht hinterherkommt? Wer Beziehungen knüpfen und das Image der Stadt aufbessern will, statt sie der Lächerlichkeit preiszugeben, sollte vielleicht mit der Datenpflege beginnen. Die Schnittstelle allein macht es nicht.
Leider sieht es mit den Beziehungen von Mensch zu Mensch oft auch nicht viel besser aus als mit denen von Rechner zu Rechner. Dabei fehlt es weniger an Themen als an Berührungspunkten. Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft hat mit seinem monatlichen Stammtisch im Oder¬speicher immerhin ein Podium für kleine und mittelständische Unternehmer der Region geschaffen. Dort geht es nicht nur um interessante wirtschaftspolitische Themen, sondern auch um Expertenrat und Kontakte ohne Umweg, zuweilen auch um das gemeinsame Lamento. Beispielsweise darüber, daß es einer ähnlichen Form für die regelmäßige Begegnung von Wirtschaft und Politik in der Stadt bedürfte, um Interessen und Möglichkeiten miteinander zu diskutieren und dort, wo Konsens besteht, eine gemeinsame Lobby zu schaffen.
Für die Kultur gab es so etwas schon einmal. Als Echo des Runden Tisches Kultur entstand nach der Wende ein Kulturstammtisch im Haus der Künste, initiiert unter anderem vom damaligen Kulturamtsleiter Ulrich Schröder. Lang ist´s her. Im letzten Jahr versuchten Vertreter kleinerer Vereine mit dem Stammtisch Soziokultur etwas Ähnliches zu etablieren. Aber bevor solch ein Kreis Erfolge zeitigt, muß er erhebliche Mehrarbeit investieren - mehr als mancher konnte oder ange¬sichts zunehmender Entsolidarisierung vielleicht auch wollte.Bei den mehrtägigen Protesten des Kleist-Theaters im Rathaus in der vergangenen Woche, bei denen auch der Lyriker Frank Hammer mit eigenen und der Kleist-Gedenkstättenchef Jochen Marquardt mit kleistschen Manuskripten gesichtet wurden, tauchte die gute alte Idee wieder einmal auf. Auch der Vorsitzende des Kulturausschusses, Peter Staffa, ist wild entschlossen, sie weiterzu¬tragen. Leicht dürfte das nicht werden. Denn in der Stadt ist allenthalben Pokertime. Niemand läßt sich mehr so gerne in die Karten gucken. Die Verwaltung nicht. Die Vereine nicht. Die Unterneh¬men nicht. Nur: Wer sich immerfort selber auf den Füßen herumsteht, wird kaum auf die anderen zugehen können. Und gerade darauf käme es an.
Mehrheit ist ein scharfes Instrument
5.März 1997
Gutgläubige Geister hätten bei der letzten Stadtverordnetenversammlung, erster und zweiter Akt, fast zu der Annahme gelangen können, es würde über den städtischen Haushalt gestritten. Doch hinter den kataraktartig über die Abgeordneten der rechten Bankhälfte hereinbrechenden Ände¬rungsanträgen verbarg sich denn wohl noch etwas mehr, als die höchst ehrenvolle Absicht, das katastrophale Stadtdefizit von 66 Millionen DM einzudämmen. Sozialdemokraten und demokrati¬sche Sozialisten ließen es sich nicht nehmen, in kurzentschlossener Liason ihre Instrumente zu zeigen. Nicht die einer mittelalterlichen Folterkammer, sondern die der realexistierenden Demokra¬tie, die jedem die Option einräumt, sich absolute Mehrheiten zu verschaffen - also das, was Ober¬bürgermeister Wolfgang Pohl auch gerne hätte.
Ihm galt das Signal wohl zuallererst, denn es traf einen guten Teil seiner Berater, die da weggespart wurden. Zum anderen wurde so eifrig geleugnet, daß es bei den Einschnitten im Verwaltungsappa¬rat um konkrete Personen ginge, daß auch der Letzte irgendwann kapieren mußte: Genau darum ging es. Zumindest auch. Aber weil man die Leute nicht zu greifen kriegt, meinte man eben das Brettchen absägen zu müssen, auf dem sie Platz gefunden haben. Und so wurde die Auflösung der erst vor einem dreiviertel Jahr gegründeten Beteiligungsverwaltung durchgedrückt, die Stabsstelle für Stadtentwicklung entflochten und die Presse- und Marketingstelle gleich dazu.
Nun läßt sich das erste Exempel noch halbwegs nachvollziehen. Gesellschaften werden durch Geschäftsführer und Aufsichtsräte kontrolliert. Darin ist die Stadt vertreten, und wenn die Gremien ihren Job anständig erledigen, braucht sich kein Extra-Wasserkopf darum zu scheren. Bei Exempel Nummer Zwo wird es schon schwieriger. Die Stabsstelle könnte so etwas sein wie eine Zukunfts¬werkstatt, in der Strategien für die Stadt ausgebrütet werden. Das mit Leuten zu tun, die nicht zugeschüttet werden vom sonstigen Alltagskram einer Verwaltung, könnte schon Sinn machen. Die Frage ist nur, wie man es organisiert, daß hier eine gut durchlüftete Zone für Brainstorming entsteht und nicht eine Nische für Leute mit Legitimationsproblemen. Die Erwartung freilich, daß sich hier jedes Gehalt sofort rechnet, entspringt dem gleichen Krämer-Horizont, mit dem andere meinen, Kultur könne sich selbst auf direktem Wege refinanzieren.
Am weitesten haben PDS und SPD ihren Sparwitz getrieben, als sie arbeitsteilig jeweils zwei Stellen für Presse, Öffentlichkeitsarbeit und Marketing wegbeantragten. Womit keine mehr übrigblieb. Inzwischen ist zu hören, es handele sich um ein Mißverständnis. Und irgendwie wird man jenseits der Öffentlichkeit dieser Lesart bald zum Durchbruch verhelfen, um möglichst rasch den Vorwurf übereifriger Unbedarftheit abzuschütteln.
Natürlich hatte die Lektion auch ihr Gutes. Der tapfere Ritter und seine Tafelrunde dürfen sich die Augen reiben. Die Verwaltung kann sich die Beulen kühlen und gewiß sein, daß sich weiteren blauen Flecken nur durch eigene Rationalisierungsideen zuvorkommen läßt. Die Fraktionen können darüber nachgrübeln, ob die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung als Eigentor zum Osten in die Chronik eingehen möchte. Und der Wähler vermag sich ein Bild über stabile Mehrheiten und ihre Konsequenzen zu machen. So fern ist der nächste Urnengang schließlich auch nicht mehr.
Der öffentliche Raum als Arena
12. März 1997
Der Frühling kommt, die Knospen knallen und auf den Straßen knallen wieder die Fäuste: der öffentliche Raum als Arena. Die zumeist jungen Kämpen signalisieren in den Winterschlaf der Altvorderen hinein: Wir sind noch da. Wir haben die Schnauze voll und deswegen hauen wir sie den anderen kaputt. Wenn Deutsche sich untereinander prügeln, brauchen sie dafür einen Grund. Diese intellektuelle Anstrengung ist verzichtbar, wenn ein Ausländer auftaucht. Deshalb sind sie die beliebtesten Opfer, wie sich am Wochenende wieder einmal zeigte. Es ist der kleine alltägliche Amoklauf, genährt aus Barbarisierung, Mangel an Phantasie, Langerweile, Angst.
Barbarisierung? Das Wort kommt aus dem Griechischen und meinte: nichtgriechisch, fremd. Im Deutschen stand es seit dem 14. Jahrhundert zunächst für unverständlich, dann für ungepflegt und roh. Was als fremd, dem eigenen fern und keinesfalls vergleichbar angesehen wird, hat keine guten Aussichten. Das beginnt bei der Massenhaltung von Tieren, die als Produktionseinheiten, nicht als Lebewesen betrachtet werden. Das setzt sich fort beim vermeintlich wissenschaftlichen Anspruch, Primaten klonen zu dürfen. Das hört noch nicht auf, wo statt über Arbeitende, nur noch über Arbeits-Plätze geredet wird. All diesen Haltungen liegt zugrunde, daß das Gegenüber kein Individuum ist, sondern fremde Masse. Wenn aber einer nicht einmal mehr weiß, daß er selber mehr als ein Stück Masse ist, fällt auch die letzte Schranke, die ihn zwingt, einen individuellen Maßstab an die Dinge zu legen. Barbarisierung.
Mangel an Phantasie? Der Frosch wird aufgeblasen, bis er platzt. Das sieht lustig aus. Niemand denkt an den Schmerz des Tieres. Der Andersfarbige wird plattgemacht, bis er sich nicht mehr rührt. Eine gebrochene Mutter, eine verwaiste Familie, einen Sarg gar, der für immer in der Erde verschwindet, hat dabei niemand vor Augen, auch der Schläger nicht. Es fehlt ihm an Vorstellungskraft. Die Helden der Straße, von der Justiz eher umsorgt als gestraft, sollten ihre Bewährungszeit oder gemeinnützigen Arbeitsstunden in jenen Familien verbringen dürfen, denen sie Schaden zugefügt haben. Ihre Phanta¬sie würde wachsen.
Langeweile? Vor Gerichten ist das ein nicht selten gehörtes Argument. Dem wäre nicht einmal beizukommen, wenn die Stadt voller Klubs wäre und die Freizeitangebote wären für jedermann bezahlbar. Denn wer kein Ziel hat, macht sich auch auf keinen Weg. Und ein Ziel hat nur, wem es nicht an Werten gebricht, auf die hinzuleben sich lohnt. Wer in der sechsten Klasse weiß, daß seine Chancen auf einen Job miserabel stehen, ist ein undankbares Erziehungsobjekt. Der Versuch, ihn dem höchsten gesellschaftlichen Status entgegenzuheben - dem eines Konsumenten, der zur Beschaffung seiner Konsumtionsmittel auf Erden ist - weckt ein Gefühl des Bedrohtseins in ihm, nicht der Perspektive. Der Vorgang kann auch in der Ausbildung einsetzen oder in einer stillen Stunde auf dem Arbeitsamt.
Angst ist die Konsequenz aus dem vorher beschriebenen. Tiere ohne Fluchtdistanz greifen dann an. Menschen ohne Sprache, ohne Stolz, ohne Würde, schlagen dann zu. Die anderen sind empört. Nadelstreifen prügeln sich schließlich auch nicht. Sie fechten mit Dumpingpreisen, gezielt erteilten und nicht bezahlten Aufträgen an die Konkurrenz und dem ganzen Arsenal legaler Tricks, die man Wirtschaftsleben nennt. Politiker prügeln sich auch nicht. Sie schwatzen in die Mikrofone, schicken ihre Anwälte in die Bütt, und wenn sie doch einmal einen Eierwerfer umhauen wollen, halten sie der Staatsschutz und das Eisengitter der Polizei zurück. Biedermänner prügeln sich ebenfalls nicht. Sie steigen in ihren Boliden mit der eingebauten Vorfahrt und treiben den Pöbel auf den Highways vor sich her. Und allen zusammen gebietet die eigene unzweifelhafte Kultur, ein betroffenes Gesicht zu machen, wenn die Zahl der Blutlachen auf den Straßen sich nicht mehr übersehen läßt.
Wetterleuchten aus dem Kohlepott
19. März 1997
Nicht daß die Kohlekumpel aus dem Ruhrgebiet gebissen hätten. Sie haben nur eben mal die Zähne gebleckt, und schon kam dem Kanzler der Saumagen hoch. Dieses Sodbrennen ließ sich der Bund anderthalb Milliarden mehr als geplant kosten - Subventionismus aus Steuergeldern. Das Zechen-sterben wird deshalb nicht aufhören. Die Halbierung der Beschäftigtenzahl auf unter 40.000 bleibt vorbestimmt. Aber alles geht etwas langsamer und, so das Versprechen, ohne betriebsbedingte Kündigungen. Das dürfte auch im Osten aufhorchen lassen.
Der Grund für das rasche Einlenken liegt gewiß nicht nur in den Demonstrationen der Betroffenen, sondern auch darin, daß sie bei ihren Aktionen eins waren mit der mächtigen Lobby einer Industrie, die gewohnheitsmäßig nach Fütterung verlangt. Zum anderen aber geht es im Pott um eine heilige Kuh. Die bröselnde Fassade des „Wirtschaftswunders“ steht unter Denkmalschutz. Sie ist Mythos und Legitimationsfaktor jeder deutschen Regierung. Die entscheidende Wählerstimme liegt im Handschuhfach des Zweitwagens, und die soziale Friedfertigkeit steht kleingedruckt im Bausparver¬trag. Das weiß man in Bonn.
Deshalb gelten für das Vorderhaus immer noch andere Spielregeln als für den Hinterhof im Osten. Zusammengewachsen oder nicht - mit den Schmuddelkindern der Nation wurde nach der Wende nicht halb soviel Federlesens gemacht. Peter-Michael Distel von der CDU erinnerte am Wochenen¬de in einer Talkshow an die mecklenburgischen Werften. Frankfurts Halbleiterwerker brauchen nicht so weit zu gucken. Von ihren Arbeitsplätzen blieben weniger als fünf Prozent übrig. Auch dafür gab es unterschiedliche Gründe. Der Osten sollte vorexerzieren, was dem Westen bevorsteht. Doch der Versuch am lebenden Objekt verlief glücklos. Die Zerschlagung der ökonomischen (Mono)Strukturen führte nicht zum Aufschwung - von dem niemand mehr redet -, nicht zu blühenden Landschaften, sondern zur Industriebrache Ost. Das Verschwinden wirtschaftlicher Substanz wurde nicht für einen Neuanfang genutzt, sondern verlängerte die Galgenfrist für den rezessions¬geschwächten Westen. Weder Politik noch Arbeitnehmervertreter hatten dem etwas entgegenzuset¬zen. So verloren beide an Glaubwürdigkeit. Leidtragende sind nicht nur die Lohnbeschäftigten, sondern auch die klein- und mittelständischen Unternehmen, die über das erreichte Entwicklungs¬plateau nicht hinauskommen, ebenso wie die Kommunen und Kreise, die mit sinkenden Steuereinnahmen leben sollen. Dem Westen ist dieser Weg nicht plausibel zu machen. Das Frohlocken über ein Ende der Privilegien im Pott kam zu früh. Der im Ruhrgebiet unter dem Druck der Kumpel erzielte Kompromiß ist umgekehrt ein Zeichen für den Osten, auf eine Verlangsamung und soziale Abfederung der Umstrukturierung zu drängen.
Längst sagen Wissenschaftler eine nochmalige Halbierung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit beim Übergang von der Industrie- in die Informationsgesellschaft voraus. Ob sie auch eine Verdoppelung der Arbeitslosigkeit bedeutet, hängt davon ab, welche Modelle für die Verteilung nicht nur der Arbeit, sondern auch des Reichtums in Deutschland gefunden werden. Das VW-Modell war nur ein Ansatz dafür. Nötig sind weiterreichende Strategien. Und natürlich eine Regierung, die sich vor aktuellen Fragen nicht drückt. Der Frage, weshalb dahindümpelnde Industrien eigentlich auf Kosten der Steuerzahler vor dem internationalen Wettbewerb beschützt werden müssen. Der Frage, ob das dafür aus dem Fenster geworfene Geld in neuen Strukturprogrammen nicht besser angelegt wäre - auch im Interesse sicherer Arbeitsplätze. Die Frage, ob Modelle für eine alternative Energieversorgung nicht Priorität genießen sollten. Der Umzug der Bundesregierung nach Berlin wird es auch den Ostdeutschen leichter machen, beim Kanzler und seinem Gefolge auf Antwort zu dringen. Wie haben‘s dann nicht mehr so weit.
War Handelskonzept nur Beschäftigungstherapie?
26. März 1997
Das Frühlingsfest am Wochenende hat es gezeigt: Die Stadt kann auf ihre Händler bauen. Was Cityring, Interessenverband Altberesinchen, Oderturm, SNIC und Kommune gemeinsam auf die Beine brachten, macht auch Hoffnung. Auch für den Weihnachtsmarkt, wollte der Kommentator schreiben, doch bei Redaktionsschluß wedelte die Verwaltung mit der weißen Fahne: Nun gibt es doch wieder eine Ausschreibung für den Markt statt eines Gemeinschaftsprojektes von Unternehmern und Stadt. Man fühlt sich überfordert.
Die Frage - nicht nur angesichts solcher Rückzüge - ist, ob sich die Händler auch auf die Stadt verlassen können. Cityring und Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) melden da ihre Zweifel an. Das vor Jahren erstellte Einzelhandelskonzept für Frankfurt (Oder), so belegen die Zahlen, wird ausgehebelt, obwohl keine der grundsätzlichen Prämissen, von denen das Entwicklungs¬papier ausging, positiv erfüllt wurde.
Bis zum Jahr 2004 sollten in Frankfurt demnach 132 000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche vorhan¬den sein, davon 40 Prozent im Stadtzentrum. Zugrunde gelegt waren eine Einwohnerzahl von 85 000 mit einer Kaufkraft von 94 Prozent des Westniveaus. Bis zum Jahresende wird es 160 000 Quadratmeter Verkaufsfläche geben, von denen nur 20 Prozent in der Innenstadt liegen. Das Kaufkraftniveau dümpelt mit 68,5 Prozent vom Westniveau noch unter dem vergleichbarerer brandenburgischer Städte dahin. Die Einwohnerzahl ist auf unter 80.000 gesunken. Wen wundert es, wenn der Cityring von einer kontraproduktiven Entwicklung spricht und der BVMW kritisiert, daß auf die Ideen und Gedanken der Unternehmer in wichtigen Bereichen kein Pfifferling gegeben wird?
Doch selbst wenn die Kommune der Forderung folgt, keine Ansiedlungen von Großhändlern an der Peripherie mehr zu genehmigen, bleiben die Probleme im Zentrum. Die Karl-Marx-Straße soll in den nächsten Jahren immerhin ihren „Charme eines Rangierbahnhofes“ (Cityring-Chef Dieter Kühn) verlieren. Die Geschäfte sollen saniert, die Fassaden freundlich gestaltet werden. Aber was ist eigentlich mit Frankfurts größtem Pissoir - dem Messhof an der Grenzbrücke? Erst jüngst zog sich wieder ein Geschäft daraus zurück. Die Besitzerin war es scheinbar leid, dort, wo potentielle Kunden seit langem einen Bogen machen, die Toiletten-Frau zu spielen. Und was ist mit den Erdgeschossen der Häuser zwischen Karl-Marx- und Großer Oderstraße? Der Interessenkonflikt zwischen den jetzigen Mietern, die kaum ihre gute Wohnlage werden aufgeben wollen, und jenen, die an der Gestaltung des öffentlichen Raumes interessiert sind und sich dort folglich Geschäfte, Kneipen und andere Anziehungspunkte wünschen, wird sich nicht ohne weiteres lösen lassen. Er verlangt nicht nur Kreativität, sondern auch Bares.
Die Nachkriegsbebauung hat die Sichtachsen zur Oder hin gebrochen. Die Flußpromenade ist für den Besucher nur zu erahnen. Allenthalben fällt der Blick auf wenig markante Giebel. Das läßt sich kaum rückgängig machen. Auch das schönste Kupferschild kann nicht jenen Sog ersetzen, der entsteht, wo schon das Prinzip „immer der Nase nach“ einen erquicklichen Spaziergang verspricht. Wenn dem aber so ist, muß auch über radikalere Lösungen nachgedacht werden. Die City braucht Plätze und Verweilzonen mindestens ebenso wie Parkplätze, weil nur dann das Leben funktioniert. In Altbere¬sinchen wurde das begriffen. Zwischen Oderturm und Grenze hindert die Furcht vor einem Verkehrschaos die Planer bislang offenbar daran, für Binsenweisheiten der Stadtgestaltung realistische Umset¬zungsmöglichkeiten zu entwickeln. Eine davon wäre, die Karl-Marx-Straße zwischen Oderturm und Grenzbrücke zu schließen. Nur dann ließe sich der Gedanke des „Rundganges“, auf den auch das Frühlingsfest-Konzept abhob, wirklich realisieren.Je mehr Zeit verstreicht, umso schwerer wird es werden, Investoren zu finden, die der Stadt bei solchen kostspieligen Eingriffen helfen könnten. Doch wie sollte eine Stadt zu tiefgreifenden Lösungen finden, die nicht einmal in der Lage ist, sich an ihre eigenen Konzepte zu halten?
Ministeriell geförderter Ideenklau?
2. April 1997
Daß das Potsdamer Kulturministerium bei der Einverleibung fremder Ideen nicht allzu zögerlich ist, weiß man in Frankfurt (Oder) spätestens seit der Wiedererweckung des „ Poetendampfers„ als zwischenstaatliches Kultur-Freundschafts-Vorzeige-Projekt. Auch daß es in solchem Falle auf die ursprünglichen, authentischen Intentionen nicht so sehr ankommt, ließ sich dabei recht anschaulich erfahren. Daß aber das Ergebnis mehrjähriger Arbeit von Wissenschaftlern aus Frankfurt und Berlin kurzerhand zur publizistischen Ausschlachtung weitergereicht wird, dürfte auch in brandenburgischen Gefilden eine Novität darstellen. Aber nichts ist unmöglich.
Ohne Gevatter Zufall hätten die Frankfurter Germanistin Carmen Winter, der Kleistforscher Wolfgang Barthel und der Berliner Publizist Michael Hinze vielleicht nicht einmal erfahren, daß ihr 160 Seiten starkes Konzept zum Aufbau einer „Märkischen Dichterstraße„ - orientiert am Vorbild des schwäbischen Pendants - inzwischen im Peter-Huchel-Haus liegt, wo mit ministerieller Untersturzung eine Geschäftsstelle „Märkische Dichterlandschaft„ eingerichtet wurde. Das Papier, entstanden in mühsamer ehrenamtlicher und zeitweise als ABM geförderter Arbeit, gibt Auskunft über rund 70 literarische Erinnerungsstätten. Beim Zusammentragen der Dokumentation wurden zugleich Kontakte geknüpft zu über 60 Vertretern von Literaturmuseen, Kommunen und Gemeinden sowie anderen engagierten Literaturfreunden. Daraus sollte, gemeinsam mit Interessenten aus der Wirtschaft, vor allem dem Hotel- und Gastronomiegewerbe, ein Netzwerk geknüpft werden. Das Ziel: Touristen ins Land holen, indem ihnen neben der Bildungsreise an literarisch bedeutsame Orte zugleich auch Unterkunft, kulinarische Spezialitäten, Schriftstellerbegegnungen und andere Kulturveranstaltungen angeboten werden. Dazu braucht es eine Koordination zwischen den potentiellen Partnern und nicht zuletzt Hilfe durch das Kultur- und das Wirtschaftsministerium, auch über Ressortgrenzen hinweg. Das ist anstrengend. Das ist nichts für die Potsdamer lm isterialbürokratie.
Dort will man schnell ein „vorzeigbares Ergebnis„, so Steffen Reiche in einem Brief an Carmen mnter, und was ist vorzeigbarer als ein Buch - mag es auch noch so lange in den Regalen schmoren. Und weil das Frankfurter Material fast schon ein Buch hergibt, reichte man es an den Literaturtwissenschaftler Peter Walther weiter, machte aus der Dichterstraße eine Dichterlandschaft und glaubte sich aller Sorgen ledig, indem man die eigentlichen Macher gleich außen vor ließ. Zum Fontanejahr 1998 hätte man sich dann mit dem 999. Reiseführer schmücken können. Wäre nicht Gevatter Zufall zur Unzeit erschienen.
Nun muß sich das Kulturministerium einige garstige Fragen gefallen lassen. Beispielsweise von Kleisthaus-Chef Jochen Marquardt, dem es „völlig unverständlich„ wäre, wenn „die jahrelange Arbeit einer engagierten Literaturwissenschaftlerin von Dritten - ohne jede urheberrechtsvertragliche Übereinkunft - einfach weiterverwendet„ würde. Beispielsweise von Michael Hinze, der die „Abwendung von Urheberrechtsverletzungen„ verlangt und auf einen Vorschlag für gemeinsame Gespräche mit den Urhebern des Projekts „Märkische Dichterstraße ‘ wartet. Verweigern will sich niemand einer weiteren Arbeit. Das zeigt auch die Initiative der Beteiligten, die inzwischen Kontakt zum Huchel-Haus aufnahmen. Schließlich hoffen sie immernoch, Kultur- und Wirtschaftsministerium an einen Tisch zu bringen, damit der Gedanke eines touristisch wirksamen Projekts nicht zugunsten einer literaturwissenschaftlichen Fleißarbeit auf der Strecke bleibt. Eine erstaunliche Souveränität, die im Hause Reiche eigentlich zu denken geben müßte.
Manchmal reicht ein Streicheln eben nicht
9. April 1997
Einen Frankfurter Wohltätigkeitsball wird es in diesem Jahr nicht geben. Resignation? Dazu bestünde nach den Ergebnissen der Vorjahre kein Grund. Fünfstellige Summen konnten für soziale Zwecke zur Verfügung gestellt werden. Ein Ergebnis, das Dagmar Uhlmann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband als hinreichenden Lohn für wochen- und monatelanges Engagement ansieht. Aber auch solche Festivitäten geraten rasch in Gefahr, zu Ritualen abzustumpfen. Wiederholung ist der Tod aller Unterhaltung - und Spaß soll die Sache schon machen. Das Gewissen ließe sich auch anders beruhigen; Gelegenheiten, einen Scheck auszuschreiben, finden sich mehr als genug.
Damit aber soziales Anliegen, kulturelles Ereignis und Gesprächsmöglichkeit auch diesmal in einem Vorhaben zueinander kommen, ist am 18. April im Oderspeicher eine große Party angesagt. Das klingt weniger pompös, schreit nicht nach dem einmaligen Kleid, nach edlem Zweireiher und goldener Krawattennadel, und soll doch trotzdem kein Rückzug sein. Im Gegenteil. Wenn auf allen drei Etagen etwas los ist, wenn Günter Fischer seine traumhafte Kanne bläst - und dabei auf das Honorar verzichtet -‚ dann könnten sich davon auch Leute angesprochen fühlen, denen Ball vor allem als Abkürzung für „Besondere Ansammlung Langweiliger Lackschuhe„ gilt.
Eine Party also - für die Großen zugunsten der Kleinen, wie es in der Ankündigung steht. Deshalb heißt das Motto auch „Wie gut, daß es uns gibt„. Das können die Großen wie die Kleinen auf sich beziehen. Damit sich das Unternehmen aber auch lohnt, sind zumindest die Eintrittspreise ballmäßig. Satte 120 Mark pro Nase - das hat sich gewaschen. Wer da nicht ins Schwimmen kommt, kommt zumindest ins Rechnen. Davon könnte man ja dreimal in einem gepflegten Restaurant essen gehen. Oder, je nach Wagenklasse, anderthalb bis zweimal volltanken. Oder, uneigennütziger gedacht, eine mehrwöchige Kur für ein strahlengeschädigtes weißrussisches Kind bezahlen. Oder einmal die Liebste zum Tanz ausführen, Sektfrühstück inklusive. Stimmt alles.
Nur ist es so, daß in Frankfurt (Oder) mit dem Willen der Stadtverordneten gerade zweifreie Kindertagesstätten gerettet wurden. Sie hatten einiges auf ihrer Habenseite: überzeugende pädagogische Konzepte, eine gute Atmosphäre zum Spielen und Lernen, einwandfreie Versorgung, Eltern, die sich engagieren. Nun müssen die Kita Kunterbunt und die Kita am Pfingstberg jedoch wie alle Einrichtungen dieser Art einen fünfprozentigen Eigenanteil an den entstehenden Kosten aufbringen. Die Kommune hat die Latte zudem etwas höher angelegt, indem sie bestimmte Eigenleistun gen gar nicht erst anerkannte. Diesen beiden Kindertagesstätten soll mit der Party geholfen werden. Wer selber kleine Kinder zu Hause hat und sie nicht allein lassen möchte, für den übernimmt die Kita Kunterbunt in der fröhlichen Nacht die Betreuung bis zum Morgen. Das kostet zehn Mark und ist eben auch ein Zeichen von Servicebereitschaft. Hilfe soll ja keine Einbahnstraße sein. Das ist die Haltung Heranwachsenden gegenüber ohnehin noch nie gewesen. Die Kinder werden größer. Ob sie hierbleiben oder weggehen, ist ihre erste entscheidende Reaktion auf das, was sie bisher von den Erwachsenen ihrer Heimatstadt erfahren haben. Haben sie hier einen lebenswerten, hoffnungsvollen Ort gefunden, für den sie eine Zukunft sehen, an der sie teilhaben möchten? Oder empfinden sie Kleingeist und Enge als unzumutbare Last, der sie sich entziehen möchten? Sind sie hier mir ihren Freunden aufgewachsen, haben Schutz und Respekt genossen, oder wurden sie herumgeschubst und mit ihren Sorgen allein gelassen? Manche Antwort darauf kostet nur ein Streicheln über den Kopf Aber manche kostet auch ziemlich viel Geld. Und deshalb bin ich ein bißchen gespannt, wer von den Promis und Nobodys dieser Stadt am 18. den Weg zum Speicher findet.
Gesundheit entsteht nicht von selbst
16. April 1997
Impfen war doof Meistens war es verbunden mit einer Reihenuntersuchung, und wir bibberten in der Schul-Aula reihenweis aufgestellt vor uns hin, bis wir vor dem weißen Kittel zum Stehen kamen. Wichtigste Vorausinformation dabei war, ob der Arzt mit einem zuckerkrümelvollen Teelöffel aufwartete oder mit einer dieser ekligen Spritzen. Wie viele es davon gab, darüber gibt ein zerfledderter impfausweis heute noch Auskunft. Eine Wahl gab es nur bei der Grippeimpfung. Auch im Gesundheitsschutz dominierte Übervater Staat gegenüber Eigen- und familiärer Verantwortung. Die geschlossene Gesellschaft sorgte überdies für überschaubare Verhältnisse. Beides ist vorbei.
Zweifellos bietet staatlich durchgesetzte Immunisierung eine bessere Möglichkeit zur gesundheitspolitischen Erfassung von Risikopotentialen und eine bessere Abwehr. Aber sie „schützt„ auch vor bewußtem Nachdenken, vor Eigenverantwortlichkeit, Initiative. Gesundheit, so Amtsärztin Dr. Maria Kiene, entsteht aber nicht per se. Man kann sich nur selbst für ein gesundes Leben entscheiden und danach handeln. Das nimmt nicht nur die Eltern in ihrer Verantwortung gegenüber den eigenen Sprößlingen in die Pflicht - wer könnte sich schon verzeihen, wenn das eigene Kind aus Nachlässigkeit an Kinderlähmung oder ähnlichem erkrankte? Auch die Erwachsenen haben angesicht internationaler Entwicklungen allen Grund, einmal nachzuschauen, ob eine Nachimpfung gegen Diphterie, Polio oder Tetanus angeraten ist. Gesundheitsamt, Krankenkassen, Ärzte können und wollen aufklären, informieren, Möglichkeiten zeigen - aber nicht kontrollieren und reglementieren.
Die Erfahrung zeigt, daß die allermeisten mit ihrer Entscheidungsfreiheit umzugehen wissen. Zumal Kranksein dank Gesundheitsreform immer teurer wird. Zumal dem weniger Leistungsfähigen der soziale Absturz droht. Gibt es auf dem sogenannten Arbeitsmarkt eigentlich etwas, das schlimmer ist als 1. eine Frau, 2. eine Mutter, 3. über 40 und 4. gesundheitlich labil zu sein? Das hat nun nichts mehr mit dem berühmten Piekser zu tun, aber die Weltgesundheitsorganisation rechnet zur Gesundheit auch nicht nur die Abwesenheit physischer Krankheit, sondern auch das geistige und soziale Wohlbefinden der Menschen. Arbeitslosigkeit, Angst, den eigenen Kindern keine ausreichenden Entwicklungschancen geben zu können, das Gefühl, selber vergessen und verbraucht auf dem Abstellgleis zu stehen, macht nicht nur krank. Es ist Krankheit. Dafür freilich gibt es keine Impfung, und so sehen die entsprechenden Statistiket im ersten Frankfurter Gesundheitbericht dann auch aus. Die Einwohnerzahl Frankfurts ist in den 90er Jahren durch Geburtenrückgang und Abwanderung um bisher 6 000 gesunken. Zogen 1990 noch 2 500 Menschen aus der Stadt, waren es 1995 bereits knapp 6500. Die Arbeitslosenrate, durch die sinkende Bevölkerungszahl gedämpft und durch ABM und AfG-Maßnahmen geschönt, wuchs trotzdem von 9 auf fast 15 Prozent. Die Zahl der Sterilisationen als sicherstes Verhütungsmittel stieg in der gleichen Zeit von 70 auf 250. Ob und wie diese Zahlen miteinander kommunizieren, mag jeder für sich selbst entscheiden. Angesichts fehlender Jobs und Ausbildungsplätze, bröckelnder kultureller und sozialer Infrastruktur, ausgebliebener Entwicklungsschübe und hohl wangiger politischer Versprechungen allerdings ließe sich auch dieses trockene Resümee des Gesundheitsamtes, so bitter es klingt, als Ausdruck eines gewachsenen Veranrwortungsbewußtseins gegenüber der eigenen Gesundheit interpretieren.
Ein Maulbeerbaum an der Oder
23. April 1007
Von Brückenschlägen wird in dieser Gegend allenthalben gesprochen. Doch Projekte ohne kommerziellen Effekt halten sich trotzdem nur mühsam über dem Oderwasser. Kontinuität erweist sich allenthalben als die Fähigkeit, in finanzpolitisch kühlen Zeiten von Scholle zu Scholle zu springen, bis man vielleicht in irgend welchen fernen Dezennien mit ihren blühenden Landschaften wirklich das Ufer erreicht.
Das deutsch-polnische Literaturbüro Oderregion e. V. konnte am Wochenende immerhin ein kleines Jubiläum feiern. Bereits zum fünften Mal war es Gastgeber eines internationalen Symposiums zur Kinder- und Jugendliteratur. Traditionsgemäß fand die Zusammenkunft von rund 50 Schriftstellern und Wissenschaftlern auf deutscher und polnischer Seite - in Frankfurt (Oder) und Lagow - statt. Das Jubiläumsgeschenk machten sich die Veranstalter vorsichtshalber, siehe oben, gleich selbst: Sie legten ein Büchlein auf den Tisch, das in deutscher und polnischer Sprache dreißig Geschichten von 25 Autoren aus Deutschland, Polen und Israel enthält. Dieser 260 Seiten starke Band unter dem Titel „Der Maulbeerbaum, der Fernweh hatte„ schürt nicht nur Lesefreude, er gereicht seinen Herausgebern und ihren Helfern ebenso zur Ehre, wie er ein trauriges Schlaglicht aufs frühere Leseland„ wirft: Sämtliche Autoren und der Illustrator verzichteten auf ihr Honorar. Die Übersetzerin Jolanta Sachers arbeitete umsonst. Die Texterfassung war eine Freizeitbeschäftigung für Gudrun Lindner und andere. Steffen Peltsch und Hans-Joachim Nauschütz lektorierten das Buch für die Freude am Spaß. Damit es dann auch gedruckt werden konnte, griff die Robert-Bosch-Stiftung wie schon bei vielen kulturellen Projekten in die Tasche...
Nein, was da im unscheinbaren blauen Kartoneinband vorliegt, ist längst nichts Alltägliches mehr. Wie der Hamburger Almanach zur polnischen Kinderkultur im vergangenen Jahr zeigte, ist in den 90er Jahren für deutsche und polnische Kinder so gut wie nichts aus den jeweiligen Literaturen übersetzt worden. Standen zwischen 1948 und 1990 immerhin rund 200 polnische Kinder- und Jugendbücher in deutscher Sprache zur Verfügung, kamen seit 1990 nur noch knapp zehn Titel dazu. Auch verglichen mit dem, was nach Ansicht von Symposiumsteilnehmern beispielsweise zwischen Sachsen und Tschechien an literarischem Austausch passiert, geschieht an der Oder noch viel. Immerhin war das Symposium unter dem Motto „Berührungen„ mit 41 Lesungen vor etlichen hundert Kindern beider Lander verbunden. Viele Zuhörer an polnischen Schulen zeigten dabei, daß ihr Fremdsprachenunterricht ihnen den Zugang zur deutschen Literatursprache tatsächlich erlaubt. Doch das Lesefutter aus Frankfurt (Oder) war nicht nur dort willkommen. Auch der deutschsprachige Rundfunk Warschau gestaltete dazu eine Sendung, Radio Zachod und zwei polnische Fernsehsender nahmen Lesungen in ihr Programm, Euronews-TV aus Frankreich will sich der Anthologie annehmen.
Obwohl in diesem Jahr im Literaturbüro ABM-Stellen wechseln und AfG-Maß nahmen auslaufen, eine ehrenamtliche Leitung des Büros jedoch kaum möglich ist, sind die Ideen für das kommende Symposium bereits zusammengetragen. Es könnte, so Hans-Joachim Nauschütz, unter anderem von Schülern und Studenten mit ihren literarischen Reflexionen auf ihre wissenschaftlichen Arbeiten gestaltet werden. Vorausgesetzt, das Projekt ist finanzierbar. Derzeit werden in Frankfurt Prioritäten für die kulturelle Entwicklung gesetzt. Das deutsch-polnische Literaturbüro ist nur eine Farbe in der Kulturlandschaft, an die dabei zu erinnern wäre.
SMI - Stolpes mächtiger Irrtum
30. April 1997
Nun ist die Katze also aus dem Sack. Sie ist schwarz, läuft von links nach rechts über die Straße, stößt das Salzfäßchen um und schlägt den Spiegel entzwei. Und dabei dachten doch alle, im Sack hätte ein Goldeselchen gesessen. Als es, vor einigen Jahren schon, heftig zu miauen begann, meinten vermeintliche Experten, daß Goldeselchen in diesen schwierigen Zeiten eben Miau machen. Deshalb sprechen sie auch von einer bösen Überraschung, jetzt, wo die Katze aus dem Sack ist.
Zugegeben, viele Mitarbeiter des SMI werden über solche Fabel nicht lachen können. Zwischen Endzeitstimmung und einem Rest Hoffnung, aus der Gesamtvollstreckung könne ein funktionieren de Unternehmen hervorgehen, schwankten die Reaktionen von Mitarbeitern am Wochenende.
Feststehen dürfte, daß das Land wirtschaftspolitisch versagt hat. Einen industriellen Standort erhält man eben nicht mit salbungsvollen Beschwichtigungen. Doch was das Wort Stolpes wert ist, war schon klar, als er vor der Laubag klein bei und die Hornoer den Interessen preis gab. Oder als er kleinlaut von seinem Regierungsziel einer unter zehn Prozent sinkenden Arbeitslosigkeit abrückte. Eine Regierung, die zwar keines ihrer wirtschaftlichen Hauptziele erreicht hat, sich nach einer jämmerlichen Halbzeit aber dennoch in die Brust wirft, als hätte sie etwas vollbracht, muß man nicht ernster nehmen als nötig.
Was heute im SMI geschieht, hätte schon vor Jahren passieren können - und das wäre billiger gewesen. Dann stünden die jetzt zur Sanierung fehlenden Millionen vielleicht noch zur Verfügung, wären sie nicht in den laufenden Betrieb zur Erwirtschaftung von Millionenverlusten gepumpt worden. Man braucht kein Wirtschaftsminister zu sein, um zu sehen, daß ein Unternehmen, das seine eigenen Produktionsstätten mieten muß, kein Bonbon für künftige Investoren ist. Wenn Dresden und Erfurt heute wirkliche Elektronikstandorte sind, dann doch wohl deshalb, weil sie von Anfang an handfeste Unterstützung erhielten. Was hier als Hilfe ausgegeben wurde, meinte ein SMI Mitarbeiter, war von Anfang an nur Sterbehilfe. Viele Hoffnungen hatten sich mit dem amerikanischen Engagement verbunden. Immerhin blieb das Land Brandenburg bei SMI Mehrheitseigner. Die betriebswirtschaftliche Verantwortung aber ließ es sich aus der Hand nehmen. Die Folge war, wie ein Kommentator kürzlich im ORB meinte, daß der Restkern zusätzlich aus gepowert statt aufgebaut wurde. Und das will in Potsdam niemand bemerkt haben? Dazu soll es keine Möglichkeit eines Gegenkonzeptes gegeben haben? Das glaube. wer will. Geradzu unüberbietbar war schließlich die Blauäugigkeit, mit der man sich an die Tongwaigruppe klammerte. Muß man im Kommunikationszeitalter wirklich erst bis zur nächsten Chinareise warten, umfestzustellen, daß der Plan am Regierungsveto aus Peking scheitern wird? Nein, die Politik gegenüber der Frankfurter Halbleiterindustrie war geprägt von Dilettantismus und Kaffeesatz-Leserei auf dem Rücken der verbliebenen Belegschaft. Die Frage, die sich jetzt dringlicher stellt denn je, heißt nicht. Wie bau ich SMI zu einem elektroni sche Zwergbetrieb um? Sie heißt: Wie sieht das Leben nach SMI aus? Diese Frage könnte, entgegen aller Rückwärtsgewandtheit, auch für die Landesregierung zu einer wirklichen Herausforderung werden. Die Wirtschaftspolitik wird sich unter anderem daran messen lassen müssen, ob es ihr gelingt, den Neubau des Halbleiterinstiruts mit einem Supercleanroom durchzusetzen und schnell zu verwirklichen. Ob es ihr gelingt, hochinnovative Ansätze, wie sie sich im BIC finden, effizient zu fördern. Ob es ihr gelingt, Netzwerkstrukturen wie die Zentrale Anwendergemeinschaft Mikrosystemtechnik ausbauen zu helfen. Ob sie Wirtschafts-, Forschungs- und Produktions potential zusammenzuführen versteht.
Vom Ganzen immerhin ein Stück
7. Mai 1997
Das Brückenfest war beinahe zu Ende. Auf der Terrasse am Fluß saßen einige junge Leute, aßen und tranken. Weil die Sitzgelegenheiten nicht ausreichten, hatten sie sich zwei Stühle von der Brücktorklause herübergerückt. Unter dem Glaspavillon mit seiner abblätternden Farbe und seinen trüben Scheiben hielt sich ohnehin kein Gast auf. Doch die wachsame Wirtin bemerkte die Veränderung sofort, kam und zerrte den noch Essenden die Stühle unter dem Allerwertesten weg. „Das ist meine Terrasse. Meine Stühle sind das.„ Kampfesmutig schleppte sie ihr Eigentum in Sicherheit.
Das ist wohl wirtschaftliches Denken an der Oder. Anderswo hätte eine clevere Gastwirtin sofort ihre Chance erkannt und vielleicht gesagt: „Wollen Sie noch was trinken?„ Doch wo eine vermeintliche Ordnung mehr gilt als das Geschäft, liegt solcher Gedanke fern. Und so wurde die kleine Szene zu einer Parabel auf Frankfurts - und vielleicht nicht nur Frankfurts - ganze Misere.
„Es geht ums Ganze„ tönte die Gewerkschaft anläßlich des zum „Tag der Arbeit„ geschrumpften „internationalen Kampf- und Feiertages der Arbeiterklasse„. Und weil es „ums Ganze„ geht, spazieren ein paar hundert Frankfurter vom Mahnmalfür die Opfer des Faschismus bis zum Brückenfest an der Oder. Für einen preiswerten Gebrauchtwagen oder eine erschwingliche Wohnung würde mancher vermutlich weiter laufen als fürs „Ganze„. Das kann denn also so ernst nicht gemeint gewesen sein. Vielleicht ist es aber auch eine Tugend - der sachlichen Geduld beispielsweise - oder eine Gewohnheit - so geht‘s ja nun schon ein paar Jahre - oder einfach nur Ermüdung - wo Verantwortungsrräger die Predigt der Politik vorziehen.
Einiges hat sich freilich doch geändert: Die Mai-Meile ist ein ganzes Stück länger geworden, das Angebot wesentlich umfangreicher, das Brückenfest nicht nur zu einem stattlichen Volksfest angewachsen, sondern auch zu einem demokratischen Forum. Das beginnt mit den Diskussionsrunden zwischen Vertretern der im Stadtparlament versammelten Fraktionen und reicht bis zu den Informationsangeboten vom AStA bis zum Weltladen, vom Ingenieursverband bis zum Tauschring „Hans im Glück „, von Greenpeace bis zur Volkssolidarität. Da wollte sich auch der Bundeswehrverband nicht lumpen lassen, zumal es zum gern beschworenen Ethos der deutschen Armee gehört, „auch die Freiheit jener zu schützen, die die Bundeswehr ablehnen „. Das klingt ein bußchen nach Märtyrertum, doch in der pluralistischen Zweckgemeinschaft des Brückenfestes blieb den Interessenvertretern der Soldaten jegliches Martyrium erspart, und das ist auch völlig in Ordnung.
Den Schreiber freut natürlich, daß die Autoren, die aus Brandenburg und Berlin gekommen waren, zu einem Gutteil mit neuen Büchern aufwarten konnten und damit offenbar einen Nerv der Zeit trafen. Ob Preißler, Görlich, Richter oder Nauschütz, jeder der Anwesenden konstatierte ein gewachsenes Interesse am gedruckten Wort, und obwohl auf den Bühnen gesungen, gespielt und getanzt wurde, fanden sich auch zu den Lesungen auf dem gemütlichen Hopfenboden des Oderspeichers etliche Zuhörer ein.
Daß über Grenzen hinaus gedacht wird, gehört in Frankfurt mittlerweile zu den erfreulichen Selbstverständlichkeiten. Da lag nicht nur die deutsch-polnische Anthologie „ Vom Maulbeerbaum, der Fernweh hatte„ auf dem Büchertisch, da flogen auch Luftballons Richtung Polen, waren „Mali Gorzowiacy„ und „Buziaki„ aus Gorzow zu erleben, kam jede verkaufte Mainelke den strahlengeschädigten Kindern von Tschernobyl zugute. Über 2600 Mark allein durch diesen Blumen verkauf - das sind mehr als 20 Kuraufenthalte für Opfer des atomaren GAUs. Wenn nun der Alltag wieder Einzug hält, wäre zu wünschen, daß einiges von der Atmosphäre, die das Brückenfest an der Oder zum Anziehungspunkt für viele Frankfurter und ihre Gäste macht, darin seinen Platz findet als Zeichen von Toleranz undAufgeschlossenheit oder, wie es die PDS als Hauptveranstalter formuliert, im Sinne einer liebenswerten, weltoffenen und menschenfreundlichen Stadt. Auch ein Stück vom Ganzen wäre schließlich etwas wert.
Wundern ist doch wohl erlaubt
14. Mai 1997
„Uns fallen so viele Steine vom Herzen, daß sich daraus durchaus ein Fundament errichten läßt„, meinte Oberbürgermeister Wolfgang Pohl anläßlich der Grundsteinlegung zu den Lennépassagen in Frankfurt (Oder). Das war vor anderthalb Jahren. Für 125 Millionen sollten bis Ende 1997 auf sechs Ebenen 8000 Quadratmeter Hotel-, Geschäfts- und Büroflächen entstehen. Wer weiß, wo die Steine von Pohls Herz abgeblieben sind. Vielleicht sind sie derweilen in die Galle gewandert. Vom Fundament jedenfalls ist noch nichts zu entdecken. Und am Wochenende erwiderte Helmuth Penz auf die Anfrage, wie und wann es denn nun weiterginge, deutlich verschnupft: „Wir sind private Investoren mit 30 Millionen Eigenkapital in dem Projekt. Wir werden bauen, wenn wir es für richtig halten, wenn wir alles rund haben.„
Unisono erklang es auch aus der Magdeburger Hochbau AG, wo Vorstandsvorsitzender Dr. Ludger Hellenthal meint: „Wir informieren gern, aber dann, wenn wir es für richtig halten.„ Im übrigen sei man auf gutem Weg und der Neubau zu 80 Prozent vermietet. Die hervorragende Stadtlage und die vielversprechende Rendite machten die Lennépassage nach wie vor zu einem guten Objekt. Dafür, daß man sich im übrigen bedeckt halte, sei eine ansässige Tageszeitung verantwortlich, deren „Stil zwischen Dichtung und Wahrheit„ die Arbeit nicht eben erleichtere. Ende 1998 stehe das Prachtensemble. Punktum.
Nun - man wird sich ja wohl noch ein bißchen wundern dürfen in den Tages- und Wochenblättern der Stadt. War es bisher nicht immer so, daß von den tollen Sachen gern und viel gesprochen wurde und von den weniger tollen eben weniger? Das sollte jetzt plötzlich umgekehrt sein? Vom Baubeginn war doch wohl schon einige Male die Rede. Von Gründen für die eingetretenen Verzögerungen auch. Das garstige Grundwasser mußte erst durch die Druckleitung in die Oder plätschern. Dann wurde Väterchen Frost herbeibemüht. Aber immer hieß es, man liege gut in der Zeit. Tatsächlich sollen vereinzelte Zaungäste inzwischen hie und da auch einen Kipper gesehen haben. „Dem Engagement in Frankfurt gilt unser größter Einsatz„‚ so Hellenthal. Doch die Kräne drehen sich anderswo. Die deutsche Städtewerbung wird also noch ein Weilchen über einen phantastischen Werbestandort für ihre Plakate verfügen. Werbung für Frankfurt(Oder) allerdings ist das nicht.
Doch gereicht das, was tatsächlich gebaut wurde und gebaut wird, der Stadt denn eigentlich a priori mehr zur Ehre, als das gähnende Loch, in dem schon die Firmenschilder von Trigon und Wertkonzept verschwanden? Die Sieben Raben verfügen über ein paar nette Läden, einen super Bäcker und ein hervorragendes indisches Restaurant. Der Rest ist potemkinsches Gruselkabinett aus Zinkzeit und Betonnium. Marieneck reimt sich inzwischen am besten auf Kirchenversteck. „Jede Epoche hinterläßt ihre architektonischen Sünden„, meinte neulich ein Leser. Und ringsherum gammelt die restliche Substanz. Gerade hat Cityring-Chef Dieter Kühn wie einen Keulenschlag die Nachricht empfangen, daß aus der Rekonstruktion der grauen Fassaden in der Karl -Marx-Straße so bald auch nichts wird. Am Ende bleiben ein paar Oasen des Wiederaufbaus, der Kiez in Altberesinchen, die Sanierungsgebiete südöstlich vom Zentrum, die Neubauten am Oderufer und in Nord, Ämter, Banken und Behörden. Gerade der Beifall für die kommunalen Sanierer und ihre privatwirtschaftlichen Partner kann nicht groß genug sein. Schon, weil in diesem Bereich eben nicht die Zeit verschlafen, sondern das Förderpotential ausgeschöpft und klug investiert wurde. Aber für eine einladende, intakte Stadt reicht das allein noch lange nicht aus.
Frühlings-Spaziergang
21. Mai 1997
Manchmal ist einfach nur Frühling. Das freundliche Grün, die sommerlichen Temperaturen, der blühende Rhododendron stimmen milde und locken aus den eigenen vier Wänden heraus. Frankfurter Frühling, das kann der Gang zum Ziegenwerder sein, auf das die neue elegante Brücke führt. Vor einigen Wochen sind dort Umweltschützer mit ihren Müllsäcken entlangspaziert, haben Büchsen und Papier aus den Büschen geklaubt, Flaschen aus dem Wasser gezogen. Noch ist der Müll nicht gar so arg nach gewachsen, die Bänke stehen noch, die Treppe zum Ufer macht auch älteren Menschen den Abstieg möglich. Schöne Kleinigkeiten, Freude, die wenig kostet. Der Neubau des Collegium Polonicum prägt inzwischen die Silhouette von Slubice. Sehnsüchtig wandert der Blick zurück ans heimische Ufer und bleibt am verlassenen Landungssteg hängen. Ob hier noch einmal weiße Schiffe anlegen, um das bunte Volk auf die Oberdecks zu locken? Der Rudertrainer schreit seinen Männern inzwischen Urlaute zu. Ach, wenn sich doch alle so wie die in ihre Riemen legten!
Frankfurter Frühling herrscht auch an der Schönen Helene. Die Auftaktwochenenden versprechen eine gute Saison. An den Stränden wird Sonne getankt, Surfer und Segler nutzen jede frische Brise. Der Kahn- und Tretbootverleih hat Hochkonjunktur. Am Abend gibt es Tanz und Frühschoppen am Morgen. Michael Treprow und sein Team haben einen Veranstaltungsplan ausgeknobelt, der keine Langeweile aufkommen läßt. Und in der ehemaligen EKO-Siedlung am Oststrand hoffen Bungalowbesitzer, daß auch das Tauziehen zwischen Helenesee KG und Interessengemeinschaft Fünfwegekreuz nicht länger auf ihrem Rücken ausgetragen wird, sondern zu einem guten Ende findet. Die Fahrzeugbesitzer hoffen, daß das Pflichtparken auf dem unbewachten Areal nicht wieder zur Einladung an die Automarder gerät, und die Camper, daß das Versprechen der Helene-Crew, konsequenter gegen nächtlichen Zoff vorzugehen, dieses Jahr eingelöst wird.
Auch in Friedersdorf findet der Frankfurter Frühling statt. Im Kunstspeicher an der B 167 löst eine Vernissage die andere ab. Schier unerschöpflich scheint der Fundus an Kunst und Künstlern zwischen Oderstadt und Oderbruch. Auffällig viele Frauen stellen sich in dem denkmalgeschützten Bau vor, dessen Angebote inzwischen Gäste .aus ganz Brandenburg und Berlin anziehen. Mit gutem Grund, wie die Künstlerin Erika Stürmer-Alex erzählt. Im Dialog mit einer spröden Landschaft ist hier eine ästhetische Qualität gewachsen, die keinen Vergleich zu scheuen braucht.
Bei der Flugschau in Neuhardenberg tummeln sich die Enthusiasten. Kein Streit um den besten Plan für einen Großflughafen. Das nahe Schloß träumt von seiner Auferstehung als Bildungsstätte des Sparkassenverbandes. Das schinkelsche Vorwerk davon, noch einmal in altem Glanz zu erstrahlen. Die Anwohner haben noch den trommelfellzertrümmernden Lärm in den Ohren, mit dem hier einst die MiGs in den Himmel schossen. Inzwischen sind die Bäume an den früher einmal als Ausweichpiste kalkulierten Landstraßen zu kleinen Alleen herangewachsen. Dafür wetteifern noch immer Sonntagsausflügler in ihren Wagen mit den Startgeschwindigkeiten der Kampfjetpiloten. Die Kreuze an den Straßengräben blühen nicht, sondern verwittern wie die Blumensträuße der Hinterbliebenen. Auch in diesem Jahr wächst gegen den Wahnsinn kein Kraut in den Wiesen. Aber manchmal ist einfach nur Frühling. Dann kämpfen frisch bepflanzte Blumentöpfe mit bröckelnden Fassaden, Grillwurstgerüche mit Abgasmief, Liebesgeflüster mit donnernden Stereoanlagen. Dann scheint es für ein Weilchen, das eine könnte über das andere obsiegen. Allabendlich unternimmt ein Igel raschelnd seinen Gang durch die frischgeharkten Beete. So bringt er sich und seinesgleichen in das Gedächmis zurück Und der das sieht und schreibt, ist froh, hier zu Hause zu sein.
Besser als wer oder was?
28. Mai 1997
Diese Woche ist Werner Mandel auf der Bundesgartenschau in Gelsenkirchen unterwegs. Wie immer wirbt der Chef des Frankfurter Fremdenverkehrsvereins für die Oderstadt. „Frankfurt ist besser„, so der Slogan der neuen Imagekampagne. Den verschämten Untertitel „als erwartet, sagen die, die hier waren„, erwägt man bereits zu streichen. Doch selbst dann fragt zumindest der Hiesige sich: Ei was? Stampft da nicht ein trotziges Kind mit den Füßen auf den märkischen Sandboden? Oder singt da eine alternde Soubrette: „Alles, was du kannst, das kann ich viel besser...„?
Daß die forsche Selbst-Behauptung mit ihrem überdies eher defensiven Touch durchaus umstritten ist, weiß auch Mandel. „Aber irgendwie muß man ja mal anfangen„. Und damit meint er: dem in alle Winkel des Landes dringenden Ruf von Grenzstau und -kriminalität etwas entgegensetzen. Denn das Erstaunen über die Stadt, wenn jemand sie erst einmal selbst in Augenschein genommen habe, sei allgemein. Zumindest die amtliche Statistik gibt den Touristenwerbern offenbar recht. Mit dem Zuwachs an Hotelbetten, vor allem in günstiger Stadtlage, um fast 60 Prozent, wuchs in einem Jahr auch die Zahl der Übernachtungen um mehr als ein Viertel. Legt man jeweils das erste Quartal 96 und 97 als Vergleichszeitraum zugrunde, wären es sogar mehr als 70 Prozent. Die Reisebusse kippen nicht mehr nur Schnäppchenjäger an der Grenzbrücke ab, sondern bringen zunehmend auch Leute, die sich für Frankfurt und die Region interessieren. Knapp 30 Millionen Mark Umsatz im Jahr, so lautet die vorsichtige Schätzung des Vereins, gehen auf Kosten der Touristen - immerhin mehr als eine halbe Million davon finde sich als Steuer im Stadtsäckel wieder.
Freilich weisen die Zeigefinger der Stadtführer gern auf das neue Dach der Marienkriche und nicht auf die halb lackierte, halb verrostete Druckwasserleitung zwischen Lennéloch und Oder, obwohl nach der mindestens ebenso viel gefragt wird, wie Mandel berichtet. Schneller als das Fassadengrau in Neuberesinchen entdeckt man den Kiez im Look der Jahrhundertwende. Theater und Kabarett, Galerien und Lokale sind im Urlaub verlockender als eine Fachsimpelei mit dem Sequester einer abgeschmierten Chipfabrik. Doch trotz eines solcherart selektiven Draufblicks ist das wachsende Interesse für die Stadt ein gutes Zeichen, aus dem sich durchaus Selbstbewußtsein schöpfen ließe. Vielleicht auch, um jenen Forderungskatalog dürchzusetzen, den der Fremdenverkehrsverein bereit hält, um für 2003 ein würdiges Stadtjubiläum und einen attraktiven Hansetag der Neuzeit vorzubereiten. Die Liste reicht von einem im Halbstundentakt verkehrenden Regionalexpreß bis zu seiner Ankunft auf einem angemessen umgestalteten Bahnhof mit einladendem Vorplatz, vom baldigen Verschwinden der City-Grube über frische Fassaden in den Magistralen und rund um das Rathaus herum, von Radwegen in die Umgebung bis zu Anlegestellen und Versorgungseinrichtungen für Bootstouristen, von kommerziellen Sportangeboten bis zur Erhaltung eines attraktiven Kulturangebots. Was im Strategiekonzept „Wirtschaft und Tourismus„ von Eisenhüttenstadt das Schlaubetal und das Kloster Neuzelle, könnten für Frankfurt die Lebuser Hänge sein - auch wenn die Adonisröschen nicht in Blüte stehen ‚- Müllrose und natürlich die schöne Helene. Im Jubiläumsjahr, so das Konzept des Fremdenverkehrsvereins, soll es rund 1600 Hotelbetten in Frankfurt geben. Mit 230 000 Übernachtungen wird gerechnet. Bei einer Verweildauer von durchschnittlich zwei Tagen wären das 115 000 Gäste. Dazu kommen eine dreiviertel Million Tagesbesucher. Das von Mandel gern kolportierte Urteil vieler Frankfurt-Besucher, die Stadt sei „liebenswürdig, idyllisch, interessant„ braucht dann hoffentlich nicht mehr als möglicherweise höfliche Übersetzung für „trottelig, verschlafen und chaotisch„ bemißtraut zu werden.
Brandnacht riss viele aus dem Schlaf
4. Juni 1997
Die vorerst letzte Seite in der Chronik des Wichernheimes ist schwarz. Am vergangenen Donnerstag erschütterte die schwerste Brandkatastrophe, die Frankfurt (Oder) in seiner jüngeren Geschichte erlebte, die Stadt. Bei einem Feuer im Hofgebäude kamen acht Menschen ums Leben. Neun weitere erlitten eine Rauchvergiftung. Von den 145 Bewohnern des Heims mußten 84 zeitweise evakuiert werden. 60 von ihnen haben kein Zuhause mehr. Viele Tränen habe ich am Freitagmorgen gesehen. Viele ratlose, erschütterte, übernächtigte Gesichter. Ein Heim, in dem liebevolle Fürsorge und umsichtiges Engagement dafür sorgen, daß geistig und körperlich behinderte Mitmenschen sich wohlfühlen, wurde mit seinen engen, verwinkelten Gängen zur Todesfalle. Das Feuer, das vermutlich im Erdgeschoß ausbrach, fraß sich bis zum Dach des 90jährigen Gebäudes. Im dichten Qualm konnten die Retter trotz Schutzmasken und starker Lampen nur zwanzig Zentimeter weit sehen. Auf allen Vieren krochen die Feuerwehrleute ins Haus, um die verängstigten Menschen herauszuholen. Noch am Freitagnachmittag dauerten die Löscharbeiten an. Ein solches Unglück, so traurig das ist, kann überall geschehen. Kein regelmäßiger TÜV, keine noch so gründliche Begehung, keine Belehrung der Mitarbeiter und Bewohner gibt eine hundertprozentige Garantie dafür, daß nicht doch einmal etwas passiert. Allerdings war das Gefahrenpotential nicht unbekannt. Heimleiter Gunter Behnke macht schon seit Jahren auf die komplizierten Umstände aufmerksam, unter denen viele Menschen im Wichernheim leben. Nicht selten sind die Zimmer viel zu klein, in manchen entsprechen die Bedingungen keineswegs der brandenburgischen Heimverordnung. Schrittweise wurde versucht, etwas dagegen zu tun. Beispielsweise durch den Neubau eines Wohnhauses für eine Million Mark im Ortsteil Kliestow, wo es bereits ein Wohnprojekt gibt. Der Grundstein dafür wurde kürzlich gelegt - zu einem Zeitpunkt, als das Gebäude eigentlich schon stehen sollte. Aber der finanzielle Eigenanteil des Heims sollte im Rahmen einer Spendenaktion zusammengebracht werden. Und das wollte und wollte nicht gelingen. Vielleicht war es nicht spektakulär und werbewirksam genug, ein paar Behinderte in dötflicher Atmosphäre unterzubringen. Vielleicht sagte mancher sich: Auf den Weststandard müssen schließlich nicht bloß die Behinderten warten. Vielleicht ist es so: Was sich nicht einbrennt, tut uns nicht weh. Oder es sind einfach zu wenige, die auch die leiseren Signale vernehmen, und es sind immer die gleichen. Als es im Wichenheim brannte, waren binnen weniger Minuten mehr als hundert der insgesamt 160 Einsatzkräfte und Helfer vor Ort. Sie taten das Menschenmögliche, um Schlimmeres zu verhindern. Mittendrin auch Bürgermeister Heino Ewert und Oberbürgermeister Wolfgang Pohl. In den frühen Morgenstunden bereits fanden sich Nachbarn ein und fragten, wie sie helfen können, ob sich nicht etwas organisieren läßt. Bis zum Mittag hatten mehr als achtzig Frankfürter eine Übernachtungsmöglichkeit für die Brandopfer angeboten. Das Hilfstelefon in der Stadtverwaltung klingelte andauernd. Bis zum Abend waren allein dort Geldspenden von mehr als 12 000 Mark avisiert. Die Frankfurter Sparkasse und die Sparkasse für Kirche und Diakonie richteten Spendenkonten ein. Ein Firmenverbund erklärte sich bereit, für einen Neubau kostenlos eine Feuerwarnmeldeanlage zu liefern. In anderen Sozialeinrichtungen wurde zusammengerückt für die Betroffenen. Die Stadt stellte Wohnungen zur Verfügung. Das Holiday Inn nahm kurzfristig mehr als ein Dutzend Menschen kostenlos in Kost und Logis. Es macht Mut, und ein wenig tröstet es auch, daß so viele Menschen bereit sind, sich ihres Nächsten anzunehmen, wenn es darauf ankommt. Auch das Land wurde in dieser Brandnachr aus dem Schlummer gerissen. Sozialministerin Regine Hildebrandt gab unumwunden zu, daß eine ganze Reihe der 150 Heime in Brandenburg dringend der Rekonstruktion bedürfen. Für Frankfurt (Oder) hoffe sie auf einen vorgezogenen Beginn der für das nächste Jahr geplanten Arbeiten. Auch Ministerpräsident Manfred Stolpe beeilte sich, das Wichernheim zu besuchen. Vielleicht kann auch er dazu beitragen, daß das 2,7-Milliarden-Investiti- onsprogramm Pflege in Brandenburg schneller vorankommt. Vielleicht hat der schwarze Freitag manchen daran erinnert, daß das Unheil vor niemandem Halt macht und jeder betroffen sein kann. Und vielleicht geht ein Hilferuf wie der für den Neubau in Kliestow in Zukunft dann nicht mehr ins Leere, nur weil er scheinbar ohne Not erfolgt.
Das Schweigen der Fische
11. Juni 1997
Können Sie sich denken, weshalb die Fische schweigen? Vielleicht haben sie in den Zeiten und Zeitenwenden so viel gehört, daß sie es irgendwann müde waren, sich dreinzumischen. Was trägt der Wind nicht alles über den See in den lauen Nächten, wenn zwischen Helene und Katja ein halbes Dutzend Lagerfeuer brennen, wenn der Lärm der Diskothek sich mit Gelächter und Geschrei vermischt. „Alt wie ein Baum möchte ich werden „, dröhnt es über den schwarzen Spiegel. Und ein vielstimmiger Chorus ungeübter Stimmen echot: „Genau wie der Dichter es beschreibt„. Gedankenlos. Forever young.
Der Dichter ist vor 40 Jahren gestorben. „Alt möcht ich werden wie ein alter Baum, mit Jahresringen, längst nicht mehr zu zählen ‚ schrieb Louis Fürnberg ein halbes Jahrzehnt vor seinem Tod. Und obwohl er in vieler Munde ist, wird wenig von ihm gesprochen. Die Kinder singen manchmal noch: „Der Frühling zündet die Kerzen an in den grünen Kastanienkronen „. Aber andere Verse des Dichters sind weniger einvernehmlich. In dem gleichen Band, dem beide Texte entsta,nmen, bekennt der Karlsbader auch: „ Was ich singe, sing ich den Genossen, ihre Träume gehen durch mein Lied.„ Am meisten zitiert aber wird der letzte Text dieses „ Gedichtkreises„: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht . . . denn aus Leninschem Geist wächst von Stalin geschweßt die Partei die Partei die Partei!„ Das war kein Ausrutscher. Ein ganzer Zyklus webte an der Legende vom „Vater des Weltproletariats„. Was wissen davon die singenden jungen Leute? Und was wissen sie von den Verhören bei der Gestapo, wo Fürnberg fast taub geschlagen wurde? Was von der Flucht über Jugoslawien nach Palästina? Von der Heimkehr ins verehrte Land?
Wenn die Diskomusik verstummt und es ist genug Alkohol geflossen an den Feuern ringsum, kramt das Volk der ersten Strophen - zusammen mit den Hitparaden der Pubertät, den Schnaps- und Fetengesängen - auch das Schulliederbuch aus dem Gedächtnis. Irgendwie fängt es dann an mit dem Bier auf Hawaii und dem Heidenröslein, dem schönen Götterfunken und dem eisgekühlten Bommerlunder. Und irgendwann kommt das Lied vom kleinen Trompeter und erstickt sogleich in einem verlegenen Gekicher beim „lustigen Rotgardistenblut„. Zwecks unverzüglicher Wiedergutmachung raffi man sich auf zu Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland. Aber auch da fehlen ein paar Strophen. Nicht nur die von der Maas, der Memel, der Etsch und dem Belt, sondern vor allem die vierte, die als einzige hierher gehörte und gar nicht nationalhymnisch ist, sondern ausgesprochen sinnenfroh. Aber schon ziehn die Moorsoldaren durchs Moor und die Partisanen vom Amur stürmen noch ein paar Verse lang, bevor sie von Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen ein geholt werden. „Ist das Volkskunst?„ fragen sich - schweigend natürlich - die Fische. Vielleicht sind es nur die Erinnerungen, die beschworen werden und die zufällig an diesem oder jenem Lied hängen? Oder drängt zum Singsang, daß die Stille einer Vollmondnacht sich so schwer aushalten läßt, selbst wenn jemand sie ab und zu mit dem stereotypen Ruf: Votze, duuuuu! unterbricht? Vielleicht geht das Gedächtnis für das Ureigene einher mit dem Gedächtnisschwund für das Fremde, und es ist deshalb gleich, was am Feuer erklingt? Die Welt scheint einfacher, wenn das Kiefernholz auf knistert. Vielleicht aber lockt auch die etwas unheimliche Hoffnung, daß die Welt sich einrichten ließe wie ein Lied. „Aus sagenhaften Zeiten möcht ich ragen, durch die der Schmerz hinging, ein böser Traum „, schrieb hoffend der Dichter Louis Fürnberg, „in eine Zeit, von der die Menschen sagen: Wie ist sie schön! 0 wie wir glücklich sind!"
Ein lachendes und ein weinendes Auge
18. Juni 1997
Die Frankfurter Musikschule feiert in diesen Tagen ihren 40. Geburtstag. Das Jubiläum, eigentlich im September fällig, wurde ein paar Monate vorgezogen: So kamen noch einmal Musik- und Kunstbereich gemeinsam dazu, sich zu präsentieren. Festkonzert, Projektwoche, Hofzirkus - volles Programm. Und doch eine Abschiedsfeier. Der Kunstbereich wird mit dem Ende des Schuljahres aufgelöst. Was der Schule ein besonderes Profil und eine weitreichende Ausstrahlung zu schaffen vermocht hätte, bleibt eine vergeigte Chance. Den Grund dafür kann Manfred Uhlmann sehen, wenn er aus dem Fenster schaut. Dann grinst ihn die Bauruine von Haus IV an. Vor Jahren vielgeliebtes Objekt der Begierde, inzwischen Zeugnis der städtischen Finanzmisere. „Wir waren auf gutem Wege„, sagt Uhlmann und klopft die Asche von seiner Zigarette.
Der Kommune bleibt kaum eine Wahl. Daß kulturelle Doppelangebote zusammengefaßt und Synergien ausgenutzt werden müssen, um Kosten zu dämpfen, bleibt unbestritten. Und wann immer ein irgendwie finanzierbares Projekt eine Heimstatt braucht, schreien etliche „Hier„, die sich davon eine Bestandssicherung versprechen. Aber ein Stück Vielfalt und übergreifende Inspiration bleibt auf der Strecke. Fröhlich kann das keinen machen.
Wenn es in dem ehemaligen Knast trotzdem Grund zur Freude gibt, hat sie andere Ursachen. „Die Angst ist raus„, meint der Musikschulchef. Mit dem GmbH-Projekt fallen den - noch - 24 Mitarbeitern Steine von der Seele. Die Furcht, durch die Hintertür würden mit dem neuen Trägermodell auch die BAT-Ost-orientierten Tarifverträge ausgehebelt, lähmte die Schule und band jene Kraft, die für perspektivische Überlegungen notwendig ist. Ein anderes Wirtschaftsmodell wird es trotzdem geben. Doch in einem Eigenbetrieb, gemeinsam mit anderen Kultureinrichtungen der Stadt, fühlt sich auch die Musikschule sichtlich besser aufgehoben. Mit der Bestandsgarantie bis 1999 durch das Kulturministerium und halbwegs überschaubaren Kürzungsschritten bei den kommunalen Zuschüssen wollen Uhlmann und sein Team, wenn schon nicht gern, so doch getrost leben. Die Suche nach zusätzlichen Einnahmequellen hat längst begonnen, und ein beträchtlicher Teil der Lehrerschaft ist mit großem Engagement daran beteiligt. Von der „Musik zum Anfassen„ über den „Musikgarten„ bis zur Musik im Club, die gemeinsam mit der Caritas organisiert werden soll, reicht die Palette. Aber auch die sozial Schwächsten sollen nicht vergessen werden. Behinderte werden auch weiterhin Gelegenheit haben, im ehrwürdigen Gemäuer sinnenfroh die Welt der Klänge zu erfahren. Trotzdem beunruhigend bleibt, daß die Gebühren - in der Vergangenheit bereits drastisch erhäht - auf versteckte Weise weiter steigen. So wird der fakultative theoretische Untericht nur noch im ersten Jahr kostenfrei erteilt. Eine soziale Auslese, die alles andere ist als gewollt, wird dabei nicht ausbleiben, selbst wenn Bedürftigkeit noch mit einem System von Ermäßigungen abgefangen wird. Daß jedoch auch dort, wo es ans Geld geht, Korrekturen möglich sind, beweist die Schule ebenfalls. Wenigstens für eine kleine Gruppe herausragender Talente soll es ab nächstem Jahr wieder kostenfreie Förderstunden geben. Das ist Frankfurt beileibe nicht nur seinem musikalischen Nachwuchs schuldig, sondern auch dem eigenen Image. Immerhin haben die Musikschulen in Potsdam und Cottbus die Nase auch deshalb landesweit vorn, weil sie mit ihren Konditionen auf ein breiteres Lehrkräftepotential zugreifen und vielversprechenden jungen Musikern entsprechend mehr Zuwendung angedeihen lassen können. Im Rahmen des Irgendmöglichen geschieht das übrigens auch in Frankfurt: zumeist in der Freizeit und für den Gotteslohn. Und deshalb verdiente jeder einzelne Lehrer einen ganz besonderen Glückwunsch - und daß sich die Stadt auch weiterhin zu ihrer Schule bekennt.
Feuer, Wasser und Posaunen
25. Juni 1997
Sie kamen aus Berlin und der Uckermark, aus Chemnitz und München, aus den angrenzenden Landkreisen und natürlich aus Frankfurt. Trotz des Regens waren es Tausende, die zum Oderfest drängten. Vor allem das samstägliche Mega-Feuerwerk mit Lichfontänen und Löserstrahlen. Musik und Feuerkaskaden an der Oder wollte sich niemand entgehen lassen. So wohlgefüllt zeigt sich die Oderpromenade sonst bestenfalls zum Brückenfest am 1. Mai. Eine Sternstunde also nicht nur für den Brücke-Verein als Träger der dreitägigen Veranstaltung, sondern auch für die Kneipen im Dreh. Die haben inzwischen dazugelernt und standen nicht nur mit offenen Türen, sondern auch mit Bierzelten und Baldachinen bereit, um die Kundschaft anzulocken. Ein Hauch von Zukunft lag so über der Bummelmeile zwischen Grenzbrücke und Ziegenwerder. Wer gefürchtet hatte, Petrus ließe die Show platzen, hatte sich - glücklicherweise - getäuscht.
Anders bei Schwergewichtsboxer Jan „Mönch„ Jungmayr. Der hätte eigentlich am Sonntag in den Kölner Saturiussälen in einem Sechs-Runden-Fight gegen Timo Hoffmann antreten sollen. Aber das, was er vermutlich liebend gern seinem Gegner verpaßt hätte, widerfuhr ihm zuvor schon einmal selber: Sein Sparringspartner haute Jungmayr das Nasenbein kaputt. Trotzdem wollte der „Mönch„ unbedingt in den Ring. Erst das Machtwort seines Managers und seines Arztes hielten ihn schließlich zurück. Vier Wochen darf er nun keine Handschuhe mehr anziehen, und voraussichtlich bis zum Boxtag am 13. September in Oberhausen muß der „Mönch„ weiter die Häme der Ungläubigen aushalten und die Spannung, was nach sieben boxabstinenten Jahren noch in ihm steckt. „Aber Boxen ist wie Fahrradfahren„, so Jungmayr. „Das verlernt man nicht. Nur die Kondition muß wieder aufgebaut werden.„ Übrigens war Jungmayr nicht der einzige, für den der Kampf am Sonntag ins Wasser fiel. Auch drei weitere Männer mußten aufgrund von Verletzungen draußen bleiben. „Wäre das zwei Tage früher passiert„, so Jungmayrs Manager Detlef Loritz. „würden wir von einem schwarzen Freitag sprechen„.
Die Posaune blies in der letzten Woche allerlei Brandschutzverantwortliche im Wichernheim. Nachdem die Schlampereien kommunaler Amtlichkeit in den letzten Jahren ruchbar geworden waren, sollte nun offenbar bewiesen werden, daß es knallhart zur Sache geht - und sei es auch auf dem Rücken der Heimbewohner. So wurden praktisch von einer Stunde zur anderen die Gemeinschaftsräume von zwei der noch verbliebenen drei Wohnbereiche als Diele geoutet, für die Fluchtwegsregeln gelten. Weg mit Schränken und Tischen, Fernsehern und Kommoden - wozu muß man schließlich zusammenhocken, wenn jeder sein eigenes Zimmer hat. Klar doch: Der Schreck sitzt den Verantwortlichen noch in den Knochen und die Staatsanwaltschaft interessiert sich nicht nur für den oder die Brandstfter, sondern auch für die „begünstigenden Umstände„ der Katastrophe. Aber wenn die Anforderungen des Brandschutzes lieb gewordene Gewohnheitsrechte aushebeln, sollte doch wohl gemeinsam nach verträglichen Lösungen gesucht werden. Hier wurde stattdessen einfach „durchgestellt„ - und nicht nur die Möbel wurden dabei wie altes Gerümpel behandelt. In dieser Woche tritt ein neuer Geschäftsführer seinen Posten im Wichernheim an. Er wird nicht nur Durchsetzungskraft zu beweisen haben, sondern auch Einfühlungsvermögen und ein bißchen Fortune. Auf das Engagement seiner Leute kann er dabei ebenso setzen, wie Klaus Baldauf auf seinen Brücke-Verein oder „Mönch„ Jungmayr auf seinen Stallchef in Neuwied.
Nach 24 Jahren fast am Ziel
2. Juli 1997
Was lange währt, wird schon irgendwie werden, ließe sich ein altes Sprichwort für Frankfurter Verhältnisse abwandeln. Und manchmal klingt es dann so, als hätte ein guter Zauberer es in Blitzesschnelle aus dem weiten Ärmel seines Mantels gezaubert: HEP - da steht das Einkaufsparadies, mitten in der Platte und in vertrauter Quaderform. Aber der Anblick täuscht auch ein wenig. Zumindest an den drei tollen Tagen zur Eröffnung in der vergangenen Woche wuselte drinnen das Leben zwischen Supermärkten, Dienstleistern und kleinen Geschäften. Drumherum amüsierten sich die Jüngsten wie Bolle mit Springburg und Musik. Die Bäume werden mit ihnen langsam größer werden. Eine freundliche Oase, während die Autos auf den Parkdecks zusammenrücken.
Immerhin sind hier in den vergangenen 16 Monaten mit einem Aufwand von 45 Millionen Mark eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen geschaffen worden, haben sich für mehr ein Viertel der Frankfurter Bevölkerung die Einkaufsverhältnisse entschieden verbessert. Alles, was täglich gebraucht wird, gibt es im HEP - und sogar ein bißchen mehr. Ob allerdings auch die umliegenden Händler davon profitieren werden, weil sich jetzt viele Besorgungen innerhalb Neuberesinchens erledigen lassen, muß sich erst noch zeigen.
Die Frankfurter Gesamtverkaufsfläche ist jedenfalls um weitere reichlich 10 000 Quadratmeter brutto angewachsen. Wenn alle Pläne in der Stadt verwirklicht sind, wird man sagen müssen: ein ganzes Stück über Frankfurter Verhältnisse hinausgewachsen. Und irgendwer, auch das ist heute bereits absehbar, wird dafür bluten - denn wo das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage gestört ist, wo die Kaufkraft der Bevölkerung in der Summe nicht mehr ausreicht, dort tritt der Verdrängungswettbewerb an die Stelle belebender Konkurrenz. Treffen wird es vor allem die Kleinen, und der Cityring, der Bundesverband mittelständische Wirtschaft warnen seit langem davor.
Auch sonst sind längst nicht alle Blütenträume gereift. Als sich 1973 die Planer daran machten, dem Zirkusplatz wenigstens auf den Reißbrettern ein neues Outfit zu verpassen, da verdienten die Planungen noch den Namen Stadtteilzentrum. Das Wort beginnt schamhaft neben dem peppigen Konsumtempelnamen zu verschwinden. Wie die erträumte Schwimmhalle. Die vorstellbare Bowlingbahn. Die fehlenden Gelegenheiten für Squash und andere Trendsportarten, für die Enthusiasten bis nach Berlin fahren müssen. Manches davon soll, so verspricht Wirtschaftsdezernent Peter Edelmann, bald auch in Frankfurt(Oder) möglich sein. Aber woanders halt und wenn sich Investoren finden. Daß schon die DIBAG mit ihren 400 Millionen Mark Jahresumsatz vor solch einem Projekt zurückschreckte, daß komplizierte Eigentumsverhältnisse die Flächenplanung darüber hinaus erschweren, macht nicht gerade besonders viel Mut. Sei´s, wie es sei. Auch wenn sie keinen Sportpalast anbieten kann, sondern nur eine simple Spielothek, hat Centermanagerin Martina Jach ein offenes Ohr für die Leute im Kiez. Einer von denen, die allen Grund haben, sich darüber zu freuen, ist Akim Bartel. Er hofft darauf, noch in diesem Jahr mit dem Bürgerbüro und der Bürgerkontaktstelle Neuberesinchen ins HEP einziehen zu können. Eine bessere Adresse könnte er sich nicht denken. Und der Gebietsverantwortliche Wolfgang Butry bringt es schließlich auf den Punkt: „Dazu, daß aus dem HEP ein echtes Stadtteilzentrum wird, gehört auch, daß die Bürger sich noch ein bißchen mehr engagieren, damit rund um die Birkenallee noch etwas passiert.„
Leinen los für MS Fürstenberg
9. Juli 1997
Mehrfach hatte der Oder-Anzeiger in der Vergangenheit darauf aufmerksam gemacht, daß Frankfurt (Oder) sich ein Armutszeugnis ausstellt, wenn man sich selbst für eine simple Dampferfahrt erst nach Eisenhüttenstadt oder gar nach Polen aufmachen muß, während der Ponton und das Verkaufshäuschen an der Oder verwaist vor sich hin dämmern. Die inzwischen pleite gegangene „Brandenburgisch-preußische Schiffahrtsgesellschaft„ - nicht zu verwechseln mit dem überlebenden Rest, der „Brandenburgisch-preußischen Oderschiffahrt„ - hatte bei ihrem oderstädtischen Intermezzo ohnehin vor allem durch frustrierende Unzuverlässigkeit geglänzt.
Doch in einer Situation, die allemal aussah wie ein Plankenlauf in den Abgrund, zeigten ein paar Leute plötzlich enorme Initiative, Schnelligkeit und Risikobereitschaft. Das Schifferehepaar Rita und Wolfgang Herzog beispielsweise, das die MS Fürstenberg im April für zunächst ein Jahr pachtete. „Was soll man denn machen, wenn man die Wahl hat zwischen Arbeitsamt und Selbständigkeit„, meint Rita Herzog, die neben dem Beruf auch noch den Papierkram für das neue Geschäft erledigt. Bis er arbeitslos wurde, war ihr Mann Wolfgang jahrzehntelang auf den Binnenwasserstraßen unterwegs. „Davon kommt man doch nicht mehr los.„ Außerdem schufen die beiden noch drei Arbeitsplätze, denn an Bord gibt es bei den Tages- und Rundfahrten auch einen Imbiß, Kaffee und Kuchen, und in Eisenhüttenstadt werden in einem kleinen Büro Ticketbestellungen entgegengenommen. Die Leute danken es den Herzogs. Ständig ist die Nachfrage gestiegen. „Die unberührte Natur zieht die Menschen mehr an denn je.„
Jetzt soll es von Frankfurt nach Küstrin gehen, wie vorher schon von Eisenhüttenstadt nach Crossen. Das allerdings ist vor allem dem Duo Edelmann/Däubler und dem Tiefbauamt zu danken, die das Wunder vollbrachten, innerhalb von 24 Stunden eine Entscheidung zu treffen - darüber nämlich, ob die Stadt den Anlegeponton vom Sequester der Pleite-Schiffer kauft. Sie kaufte, und Ende letzter Woche gab es einen Lokaltermin, denn natürlich steckt auch diesmal jeder Teufel im Detail. So brauchen die Herzogs vorerst keinen Bürocontainer am Ponton, wohl aber Strom. Und sie brauchen eine Ausnahmegenehmigung vom Schiffahrtsamt, damit die „Fürstenberg„ auch über Nacht in Frankfurt liegen darf. Ohne diese Bestätigung gibt es keine Tagesfahrten von Frankfurt (Oder) aus. „Der Rückweg wäre viel zu lang. Außerdem schließen die Schleusen um 20 und am Wochenende schon um 18 Uhr„, erklärt Rita Herzog. Optimistisch ist sie trotzdem. „Wenn es so weiterläuft wie bisher, bin ich zufrieden.„
Das dürften auch die Frankfurter sein, selbst wenn sie ihre Dampfertickets in Eisenhüttenstadt bestellen oder an Bord lösen müssen. Das Niederhalten des bürokratischen Aufwandes war schließlich die erste Voraussetzung dafür, daß das Schifflein überhaupt wieder neben dem Ziegenwerder anlegt. Und natürlich der doppelte Sprung über den eigenen Schatten, den Verwaltung und Pächter kurzentschlossen vollführten. Bravo!Im kommenden Jahr freilich, wenn die „Fürstenberg„ nach dem Winter frisch aufgemöbelt von der Werft zurückkommt, rollen die Würfel noch einmal von vorn. Dann geht es um einen neuen Pachtvertrag, um Auflagen und Konditionen, müssen Ämter, Eigentümer und Betreiber ein weiteres Mal eine glückliche Hand beweisen. Der Andrang auf der „Fürstenberg„ dürfte der beste Ansporn dafür sein.
Falls die Eingemeindung doch nicht kommt
16. Juli 1997
Beim jüngsten Technologietag der Gesellschaft zur Förderung von Wissenschaft und Wirtschaft meinte einer der Redner zum regionalen Verbund von Stahl- und Siliciumstandort, nun müsse Frankfurt (Oder) wohl allmählich achtgeben, nicht von Eisenhüttenstadt eingemeindet zu werden. Wenn das für diese Woche angekündigte Hochwasser dem nicht zuvorkommt - keine Sorge, die Wetterfrösche sind da anderer Meinung - wäre das ja möglicherweise nicht die schlechteste Idee. Wenigstens, wenn man dieser Tage den Blick wieder einmal auf die EKO Stahl richtet. Dort wird am 22. Juli offiziell das 650 Millionen Mark teure Warmwalzwerk in Betrieb genommen, mit dem endlich die Technologie-lücke zwischen Stahl- und Kaltwalzwerk geschlossen wird, die dem Werk jahrzehntelang zu schaffen machte. Das bereits seit zehn Jahren betriebene Projekt ist Teil eines Investitionsprogamms von mehr als 1,1 Milliarden Mark. EKO Stahl erwirbt sich damit selbst vor seiner Muttergesellschaft, der belgischen Cockerill Sambre, einen zehn- bis fünfzehnprozentigen Produktivitätsvorsprung und hofft, als integriertes Stahlwerk bereits zum Jahreswechsel 1998/99 eine schwarze Null schreiben zu können.
Ein Vergleich drängt sich geradezu auf: Das Halbleiterwerk an der Oder, Teil einer boomenden Branche, geht den Bach ab. Von achtzig Jobs bleibt einer. Sachsen freut sich. Frankfurt blutet. EKO, auf dem schwankenden Grund der Stahlindustrie, überlebt, obwohl die Privatisierung nicht, wie von der Treuhand geplant, 1991, sondern erst drei Jahre später über die Bühne geht - unter kräftigem Sperrfeuer aus Brüssel und zu Lasten anderer ostdeutscher Standorte. Die Gründe dafür mögen vielfältiger Natur sein - und in beiden Fällen wurde der Aderlaß der Städte mit einem Bevölkerungs-zehntel dadurch nicht verhindert. Aber wenn man zurückschaut, wie die Belegschaften den Privatisierungsprozeß ihrer Firmen begleiteten, dann wirkt die EKO-Story wie ein Krimi, die des früheren HFO wie eine fade Familienserie.
Im Februar 1992 demonstrierten zum ersten Mal 2 000 Stahlkumpel. Ein Jahr später gingen sie erneut auf die Straße. Im Mai 1993 folgte ein zweiwöchiger Streik um die Einhaltung des Stufentarifvertrages. Ein Solidaritätskonzert verschiedener Rockgruppen für den Stahlstandort findet im Sommer 1994 vor 5 000 Menschen statt. Immer mit dabei: Betriebsräte und IG Metall. Der Betriebsrat des SMI dagegen mauerte noch am Tag des Liquidationsbeschlusses und drückte sich mit dem Verweis auf dringende Beratungen vor einer öffentlichen Stellungnahme. Die Spazierfahrt in die Landeshauptstadt kam schlichtweg ein paar Jahre zu spät.
Niemand wagt heute längerfristige Prognosen für die Stahlindustrie. Auch in Eisenhüttenstadt hält man sich mit euphorischen Voraussagen zurück. Aber die zehn Milliarden Jahresumsatz starke Cockerill Sambre ist sich über die Bedeutung von Eisenhüttenstadt im klaren. Konkurrenzfähigkeit über die Jahrtausendwende hinaus bedeute dieses Werk, meint Cockerill-Präsident Jean Gandois. Dazu sollen im EKO noch einmal hundert Arbeitsplätze abgebaut werden. So viele, wie vom Halbleiterwerk noch übrig sind. Wenn es mit der Eingemeindung nicht klappen sollte, wäre es für die Frankfurter vielleicht ganz nützlich, sich zuweilen beizeiten den Kopf zu kratzen, vor allem wenn es um wirtschaftspolitische Entscheidungen geht - und um das Engagement jener, deren Arbeitsplätze sonst zur Disposition stehen könnten.
Wenn die Wasser sich verlaufen haben
23. Juli 1997
Dem Kabarett wollte ja keiner glauben! Schon in „Schmierige Zeiten“ im vergangenen Jahr prophezeihten die Oderhähne das große Absaufen. In der „Arche Noah“ zeigten sie den gewaltigen postbiblischen Entwurf der Errettung. Aber die Leute lachten bloß. Nun sind die Kabarettisten in der Sommerarbeitslosigkeit, die meisten Parlamentarier im Urlaub, und mancher, der besser hier gewesen wäre, hatte seine Not damit, von fernen Gestaden heimzukommen, um seinen zumindest moralischen Verpflichtungen zu folgen.
Wie die Pressestelle im Rathaus informierte, hatte sich Oberbürgermeister Wolfgang Pohl bereits am vergangenen Donnerstag entschlossen, seinen Urlaub abzubrechen. Nur war das leichter gesagt als getan. Wie die Berliner Flughäfen bestätigen, wird die griechische Insel Zákynthos nur von Charter- und nicht von Linienmaschinen angeflogen. Und bei den Reiseveranstaltern ein Ticket umzubuchen, ist nicht nur teuer, sondern auch zeitaufwendig. Während Pohl also zwar auf gepackten Koffern, aber immer noch am Ionischen Meer saß, rann sein politischer Kredit ihm hier davon wie das Oderwasser, und mit der Flut stieg der Frust vieler Bürger. Nun kann man sich trefflich darüber streiten, ob nicht schon bei den Horrormeldungen aus Tschechien und Polen absehbar war, daß Pohls Platz an der Oder ist - und das nicht erst, wenn die Uferzonen landunter gehen. Allerdings muß man dann gerechterweise auch fragen, wie dringend Pohl hier tatsächlich gebraucht wurde, ob er mit seiner Abwesenheit wirklich eine unschließbare Lücke riß.
Als das Wasser kam, hatten Bürgermeister Detlef-Heino Ewert und der kommunale Krisenstab bereits ordentliche Arbeit geleistet. Moralischen Beistand erhielt die bedrängte Stadt von Ministerpräsident Manfred Stolpe ebenso wie von Umweltminister Matthias Platzeck oder Innenminister Alwin Ziel. Konkrete Hilfe kam von der Bundeswehr wie vom Technischen Hilfswerk, von Feuerwehren und Vereinen. Sie waren da, als jede Hand gebraucht wurde. Nicht nur die Gaffer eben, die die schwitzenden Einsatzkräfte noch verspotteten und verhöhnten - nein, auch die anderen: die, die nicht nur ihren eigenen Besitz zu schützen suchten, sondern sich auch ungefragt für das Gemeinwohl einsetzten. Das hat der Stadt gutgetan, auch wenn die Hilfe nicht immer und überall zur rechten Zeit kommen konnte.
Bei aller Mühsal sollte aber nicht vergessen werden, daß ein Teil der Frankfurter Probleme durchaus hausgemacht war. Hätten die von ästhetischem Schöngeist durchhauchten Abgeordneten die zentrale Schutzmauer wie geplant einem Jahrhundertwasser angepaßt und 60 Zentimeter höher errichten lassen - wieviel Geld, Mühe und Sorgen wären Frankfurt erspart geblieben! Hatten sie sich nicht verpflichtet, Schaden abzuwenden von Frankfurt und seinen Bürgern? Haben sie Wort gehalten? „Es wird schon nichts passieren!“ heißt der Satz, mit dem noch jede Titanic auf große Fahrt gegangen ist.Nicht verwunderlich, aber durchaus kurios ist dieser Tage die Verwandlung ganzer Völkerscharen in Überschwemmungsexperten. Was ist ein Hochwasserscheitel, was ist Qualmwasser, was hat es auf sich mit „über null“ und „über normal“? Die Zunge gewöhnt sich schneller an die neuen Vokabeln als der Kopf. Wenn die Wasser sich verlaufen haben, wird auch für andere Gedanken Zeit sein: Warum eigentlich ist für viele von uns erst eine Katastrophe nötig, um sich zu erinnern, daß wir nicht die Herren der Natur sind, sondern ihre schwachen, fehlbaren Kinder? Wieviel Emsigkeit ist nötig, wieviel Anspannung aller Kräfte, um der gelassenen Macht des Flusses zu begegnen! Wie fragil wirken all die menschlichen Werke aus der Luft betrachtet, von den Fluten umspült, wie leicht zerstörbar das vermeintlich Dauerhafte! Und wie nötig ist es, sich zusammenzutun, um zu bestehen für die kleine, uns zugemessene Frist!
Was bleibt von der Jahrhundertflut?
30. Juli 1997
Was dem Volke frommt, kann der Regieung nur nutzen - und so nimmt der Hochwassertourismus inzwischen hochherrschaftliche Formen an. Selbst Bundeskanzler Helmut Kohl kann sich die Überschwemmung an der Oder offenbar nicht vorstellen, bevor er sie nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Dazu ist er sogar bereit, seinen Hubschrauber für ein Weilchen zu verlassen. Aber nur für ein Weilchen, und das wiederum unterscheidet ihn von, sagen wir, Umweltminister Matthias Platzeck. Der ist in den letzten zwei Wochen nicht nur vor vielen Fernsehkameras präsent, sondern weiß auch mehr als fromme Sprüche von sich zu geben, ist genauestens über die Lage informiert und strahlt neben Sachkenntnis und mitunter Betroffenheit vor allem rationale Gelassenheit aus.
Diese Ruhe im Wirrwarr - nicht nur beim Minister, sondern mehr noch bei den Leuten - hat schon manchen erstaunt, der mit Kamera und Mikrofon dafür sorgte, daß inzwischen auch der letzte in Deutschland mitbekommen haben dürfte: es gibt zwei Frankfurts. Wie man es im andern Frankfurt händelt, läßt sich schwer sagen, für hiesige Gefilde gilt wohl immer noch, daß der Mensch seinen Alltag braucht. Deshalb verteidigt er nicht nur sein Eigentum, so gut es eben geht, sondern mindestens ebenso energisch seine Gewohnheiten. Deshalb spielt sich auf der Karl-Marx-Straße sommerliches Bummelleben ab, während ein paar Meter weiter mit neuen Höchstpegeln gerungen wird. Deshalb bringt manchmal die Feuerwehr den Leuten die Zeitung ins Haus, und mancher versucht schon mal, sich eine Pizza in den Buschmühlenweg zu bestellen. Die heikelste Situation besteht neben der friedlichsten Idylle.
Sage niemand, daß diese Katastrophe nicht auch eine ästhetische Dimension hätte! Wann bekommt man schon einmal ein kleines Meer in die karg-schöne Oderlandschaft gestellt? Die Bootstour über das Flachwasser der Ziltendorfer Niederung, wenn der Wind ins Haar greift und die Gischt vom Bug hochsprüht, macht Spaß. Das ist so und soll auch ausgesprochen sein, denn es gibt keine guten und schlechten Emotionen. Gefühle sind da, ob man will oder nicht. So wie die Hunderte von Vögeln, die über Aurith kreisen, sehr zum Leidwesen der Katzen, die sich mühsam auf diesen oder jenen First gerettet haben. So wie die Störche auf ihrer mühsamen Nahrungssuche. Die Sonne scheint warm, und noch stinkt es nicht nach Kadavern, Fäkalien, Benzin.
Aber dann steigt eben ein alter Mann aus dem Boot in die senfbraune Brühe. Watet, bis zur Brust durchnäßt, auf sein Gehöft. Bleibt mit der Hose am Zaun hängen und merkt es nicht einmal. Als er zurückkommt, hat er drei Kaninchen im Sack. Die zappeln und zucken mit nassem Fell, ungläubig, so möchte man meinen, daß gerade sie davon gekommen sind (zum Schlachten, aber das wissen sie nicht). Und die anderen? Da schüttelt der Alte nur traurig den Kopf, und der Frager ist froh, daß ihm das Bild der unter Wasser stehenden Karnickelbuchten erspart geblieben ist. So schnell wechseln die Gefühle, während der Sohn des Aurithers mit einem Sack voll Bettzeug kommt. Keine reichen Leute, denke ich noch. Aber selbst das spielt keine Rolle mehr. Es gibt Politiker, die holen sich einen ganzen Medienstab, wenn sie ein paar Sandsäckchen füllen gehen. Es gibt Politiker, die sind einfach nur da. Es gibt in diesen Zeiten ebensoviel Redlichkeit und Verlogenheit wie sonst auch. Das Hochwasser als Wahlkampf, als - Sie werden’s erleben - Ausrede für wirtschaftspolitisches Versagen. Als Waffe im Kampf um die demokratischen Mehrheiten. Das ist es, was mir unwirklicher vorkommt als die Bilder zwischen morbider Schönheit und nackter Not. Es gehört zu dem Rest, der übrigbleiben wird von der Jahrhundertflut, als Dreck und Schlamm, Geröll und Gerümpel. Was für eine Arbeit steht bevor, das eine wie das andere irgendwann beiseite zu räumen!
Lesen und Schreiben sind schädlich
6. August 1997
Nennen wir die Sache doch gleich bei ihrem richtigen Namen: Rächtschreibreform kommt ohne Frage von Rache. Rache eines elitären Klüngels an dem der Weisheit höhnenden Plebs. Rache einiger frustrierter Schulmeister an den eh viel zu blöden Gören. Rache der Kultusminister samt dem hochkompetenten Polizeigewaltigen Kanther am ignoranten Kulturpöbel. Ach, es hätte alles so schön werden können. Ein Riesengeschäft für die Verlage, ein Qualifizierungsprogramm wahrhaft gigantischen Ausmaßes in den deutschen Amtsstuben, ein Software-Boom weit über die Jahrtausendwende hinaus. Und alle hätten brav dafür zahlen müssen. Statt dessen stellt sich das Verwaltungsgericht Wiesbaden den Deformern in den Weg und stoppt den Neuschreibdeal im schönen Hessenland. Ein Urteil, das den Vorspruch „im Namen des Volkes„ wahrlich verdient. Schließlich sind 75 Prozent der Betroffenen gegen das Regelwerk, das ihnen da übergestülpt werden soll.
Wem will man auch plausibel machen, daß in Schöpfungen wie der „Flussschifffahrt„ eine Vereinfachung stecke? Wer soll glauben, daß der Verzicht auf eine Reihe von Kommata angesichts der tänzelnden deutschen Syntax das Leseverständnis erleichtere? Welchen vereinfachenden Nutzen hat die Auflösung des Sonderbuchstabens ß nach dem kurzen Vokal und seine Beibehaltung nach dem langen? Wem gereicht die Flut des ä-Umlauts zum besseren Begreifen? Wieso soll „hintenüber„ zusammen, „vorn über„ aber getrennt geschrieben werden? Und wen will man davon überzeugen, daß die Verwischung ethymologischer Herkünfte sinnstiftend sei?
Der Tolpatsch ist sowenig toll wie er patscht. Sein ganzes Geheimnis steckt in den mit Schnüren versehenen Sohlen der ungarischen Infanteristen vor reichlich 300 Jahren. Als „Talbas„ wurden die verspottet, Breitfuß, und später erst wurde der Tolbatz, der Tolpatsch daraus, einer, der nicht so behende ist und Pech hat beim Vorwärtskommen. Auch belemmert hat, selbst wenn „belämmerte„ Schummelschreiber es so behaupten, nichts mit dem jungen Schaf zu tun, sondern stammt vom „lahmer machen„ her. Das Quent war eine deutsche Gewichtseinheit; das Quentchen zielt auf ein unteilbar Wenigstes, nicht auf ein abstraktes Quantum. Und welcher Eingebung ist es endlich zu danken, daß aus dem Portemonnaie „Portmonee„ werden soll, aber ein „Schoppingzenter„ sich ebenso verbietet wie ein „Härsteilist„? Gibt es zum „nummerieren„ bald auch den „nummerus klausus„, zum „platzieren„ die „Platzenta„?
Eine Reihe von Autoren - von Ilse Aichinger bis Martin Walser - verbietet schlichtweg die Übersetzung ihrer Werke ins Neuschreib. Damit stehen mindestens zwei Schreibweisen ins Haus. Eine für die Schule und eine für den täglichen Gebrauch. Das ist insofern eine Annäherung an die normalen Verhältnisse, als sich ein großer Teil der Menschen heute ja auch zwei Sprachen leistet: eine für die Ämter, die Firma und den Chef und eine für den Stammtisch, die Familie und den Verein. Aber damit sind die Vorteile bereits ausgeschöpft. Kaum ein Kind lernt Lesen nur aus der Fibel - falls doch, gehört es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit bald zu den Lese- und Rechtschreibschwachen. Denn Rechtschreibung prägt sich ein bei der Alltagslektüre. Die aber zerfällt bald schon in Zeitungen, die den Unsinn mitmachen, und solche, die sich ihm verweigern, in Bücher, die den neuen, und solche, die den alten Regeln folgen. Lesen wird also schädlich fürs Schreibenlernen. Lesen bringt durcheinander. Und wer durcheinander ist, schreibt auch nicht gern. Aber dafür gibt’s ja eine Säckreteerin.
Solidarität wird jetzt erst recht gebraucht
13. August 1997
Vier bis sechs Mückenstiche ist so ein Kommentar lang. Die Blutsauger sind des Hochwassers eigentliche Profiteure. Bald werden ihnen die lieben Verwandten folgen: dubiose Geldanbieter, Wundertechnik-Verkäufer, Alleskönner, die sich nicht scheuen, den Hochwasseropfern auch vom Letzten noch etwas abzuluchsen.
Da ist Vorsicht angesagt, genauso wie bei den Hinterhofparolen, die umgingen, als die Deiche in der Ziltendorfer Niederung knackten. „Wir werden überflutet„, hieß es da, „weil Frankfurt leben soll, saufen wir ab.„ Stundenlang ging das Palaver, während vorn am Fluß immer noch die Männer um den Damm kämpften und wertvolle Zeit verstrich, das Wichtigste aus den Häusern in Sicherheit zu bringen. Es sind nicht selten die gleichen Leute, die sich später entrüsteten, daß sie keine Zeit hatten, etwas mitzunehmen, als die Evakuierung kam. Das Fernsehen wiederholte es eifrig, nur wahr geworden ist es deshalb nicht. Und darum bleiben alle Diskussionen müßig, ob noch zwei Tage Zeit gewesen wären, die Ziltendorfer Niederung zu räumen. Was für ein Geschrei hätte denn erst angehoben, wäre die Räumung nicht zu früh, sondern zu spät erfolgt! Daß in Deutschland aufgrund der Flut kein Menschenleben zu beklagen ist, dürfen sich die politischen und logistischen Verantwortungsträger ganz getrost auf ihr ultramarinblaues Siegesfähnchen schreiben.
Am Telefon sagte ein OA-Leser vergangene Woche: Ist das nicht toll? Da hat sich ein Stück Utopie in Wirklichkeit verwandelt, wie Gerhard Gundermann es in seinem Lied von der „Grünen Armee„ besingt. - Wie recht er hat! Ein ganzes Heer kämpft endlich einmal einen menschlichen Kampf gegen die Unbilden der Natur und geht dabei auf in der Schar von vielen tausend Helfern. Mindestens
30 000 Soldaten werden sich fortan beim allenthalben unvermeidlichen Geschichtenerzählen „vom Bund„ nicht zuerst an irgendwelche hirnrissigen Übungen erinnern, sondern an Tage und Nächte zwischen Oderbruch und Ratzdorf. Sie werden für sich in Anspruch nehmen können, zumindest einmal während ihres Wehrdienstes etwas Sinnvolles getan zu haben, und sie werden sich mit Stolz erinnern können, genauso wie all die anderen Unermüdlichen vom Technischen Hilfswerk und den Johannitern, von Wasserwacht und DRK, von BGS und Polizei. Aber auch die Mutmacher, die gar nicht so gern von sich reden, sollen im Gedächtnis bleiben, die Oma mit der Thermoskanne Kaffee und dem Stullenpaket, der Landwirt, der seine Ställe zum Asyl für vierbeinige Flutopfer machte, die Kinder, die ihre Ferien opferten, um Sandsäcke zu füllen. Weil es Spaß macht und guttut zugleich, wenn man für andere dasein kann. Weil Not die Menschen einander näherbringt.
Jetzt geht es ans Aufräumen. Das ist unspektakulär wie ein dreckiger Wischlappen. Ach, wie schwer hatten es die Kameraleute in den ersten Häusern von Wiesenau, die das Diakonische Werk sanieren hilft. Hochgebogene, graue Dielen, abgerissene Scheuerleisten und Tapeten machen noch kein Fernsehbild. Nur Arbeit, viel, viel, Arbeit, die ebensoviel Solidarität braucht, ebensolche Hoffnungszeichen. Deshalb war es gut, daß die Evangelische Kirche schon am Freitag vor Ort war, um Hilfe anzubieten. Deshalb tat das Bekenntnis von Brandenburgs Wirtschaftsminister Burkhard Dreher und seinem Bonner Kollegen Günter Rexrodt gut, daß der Wiederaufbau der Region nicht am Finanzrahmen der Soforthilfe scheitern wird. 40 Millionen stehen von Land und Bund bereit, 30 aus privaten und kirchlichen Spenden, hinzu kommen Kreditunterstützungen durch die Banken. All das wird gebraucht - und dabei stand nicht, wie das allabendliche Fernsehprogramm suggerierte, halb Brandenburg unter Wasser. Ein paar hundert Meter nur waren es, mit denen die Oder - auf ihre Art - die Umleitung vor 250 Jahren feierte. Dies wenigstens sollte den genialen Flußbegradigern Deutschlands für kommende Tage ein wenig zu denken geben.
Gefeiert werden soll auch die Geduld
20. August 1997
Frankfurts ewige Baustelle hat sich in Erinnerung gebracht - mit großen Transparenten an der unverputzten Fassade, mit einer ums Haus pilgernden mittelalterlichen Stadtwache, mit einem Festprogramm, das auch noch diese Woche läuft. 40 Jahre alt ist das Viadrina-Museum geworden. Gefeiert werden darf vor allem die Geduld, die Frankfurter immer wieder bewiesen, wenn es darum ging, geschichtlichen Zeugnissen dieser Stadt und ihres Umlandes einen würdigen Platz zu verschaffen. Das galt bereits für die hundertköpfige Museumsgesellschaft, die anno 1905 das Lienauhaus erwarb und es sich mit dem städtischen Kunstverein teilte, der hier zeitgenössische Werke vorstellte, mit dem historischen Verein, dessen Bibliothek zum Verweilen einlud, mit dem naturwissenschaftlichen Verein, der hier Unterschlupf für seine photografische Abteilung und seine geheimnisvolle Dunkelkammer fand. Offensichtlich traten Kultureinrichtungen der Stadt im permamenten Verteilungskampf damals noch nicht gegeneinander, sondern miteinander an.
Aber auch die Geduld derer ist zu feiern, die nach den Verheerungen des zweiten Weltkrieges, denen auch das Museum und seine Sammlungen zum Opfer fielen, ganz von vorn begannen, allen voran Museumschef Ernst Walter Huth. Einige Räume im Junkerhaus machten den Anfang für das spätere Bezirksmuseum, das bald schon den Beinamen Viadrina erhielt und sich zum bedeutendsten Regionalmuseum entwickelte. Diesen Status versucht es bis heute zu bewahren, auch wenn die Zahl der brandenburgischen Museen sich seit der Transformation 1989/90 mehr als verdoppelt hat. Immerhin 70 000 Exponate wurden zusammengetragen, lagern heute in den Räumen des Junkerhauses und den früheren Stasibunkern in der Havemannstraße, wartend, daß sie ans Licht zurückdürfen, in die künftigen Ausstellungssäle des Viadrina-Museums mit ihren dann 1500 Quadratmetern Fläche.
Das wird frühestens in fünf, sechs Jahren möglich sein, und deshalb ist ein drittes Mal die Geduld zu feiern - diesmal von Siegfried Griesa und seinem zusammengeschrumpften Team. Wer fast ein Jahrzehnt zwischen Baugerüsten lebt und Schilder wie Hilferufe aufstellen muß: „Museum geöffnet!„, der könnte manches Mal den Mut verlieren. Umso mehr, wenn Stellen gestrichen und damit wissenschaftliche Arbeit immer schwerer gemacht wird. Das Viadrina-Museum reagierte darauf mit einer Ausdehnung seines Sammlungsspektrums und einer Verbreiterung seines Profils. Heute gehört das Schulmuseum ebenso wie die Gedenkstätte für die Opfer politischer Gewaltherrschaft zum Haus. Die 15 Millionen Sanierungskosten sind also gut angelegt.Es geht, so sagte Griesa in seinem Festvortrag, um nicht mehr und nicht weniger als „eine unverzichtbare Dimension unseres Bewußtseins„. Daß die sich nicht nur auf die stummen Zeugen der Vergangenheit bezieht, machte das Veranstaltungsprogramm am Sonnabend klar - und daß zu denen, die der Vergangenheit Antlitz und Stimme verschaffen, nicht nur Museologen zählen, auch. Wenn Astrid Griesbach ihre Odersagen erzählt, wenn das Theater Rückschau auf die Historie hält, wenn Gruppen und Vereine, die zum Teil im Umfeld des Hansefestes entstanden oder wuchsen, ein Panorama mittlealterlichen Lebens auferstehen lassen, ebenso wie Gymnasiastinnen mit ihrer Modenschau, Handwerker, Musiker. Die „unverzichtbare Dimension des Bewußtseins„, die uns reicher macht um ein Herkommen und um die Verbundeheit mit unserem Ort, ist die Summe all des Ererbten und all der Möglichkeiten, es zu bewahren. Aus den Taten der Altvorderen kann Mut für Heutiges wachsen, Selbstbewußtsein, auch Zuversicht. Vor allem aber, was wir scheinbar am nötigsten brauchen: Geduld. Eine seltene Tugend in der Ex-und-hopp-Gesellschaft. Eine unverzichtbare.
Erntezeit und Zeit der Feste
27. August 1997
Es ist Erntezeit. Und die Zeit der Feste. Wir brauchen unsere Rituale: Das Aufatmen, eh die Nächte lang werden, das Wetter kalt und feucht, die Straßen wieder leerer. Wir brauchen auch die Erinnerung, die jedes der ins Haus stehenden Feste uns beschert. An die Anspannung, die da eben noch war, an die Sorgen um Termine und Fristen, an den Kummer und die leise Freude auch.
So wird es zum Hansefest nicht nur einen Sturm auf das Guinessbuch der Rekorde geben, eine vielhundertköpfige Tafelrunde, ein mittelalterliches Spektakel. Am Oderufer soll auch den Helfern gedankt werden, die erst dafür sorgten, daß wir so ausgelassen feiern können. Ein großartiger Aufruf ist es, mit dem sich zehn Vertreter der Stadt vor einer Woche an die Frankfurter wandten. Denn wir haben allen Grund, dankbar zu sein. Nicht nur für die umfangreiche materielle und technische Hilfe, sondern auch für so manche Erfahrung. Zum Beispiel, daß ein gemeinsames Interesse - mit der Flut fertigzuwerden nämlich - Vorurteile und Klischees knacken kann zwischen Ost und West, Deutschen und Polen, besser und schlechter Betuchten. Das ist keine Gewähr dafür, daß sie nicht von neuem entstehen, wenn die Interessen nicht mehr die gleichen sind, wenn das Krümelzählen beginnt, wenn der Alltag uns wiederhat. Aber wir werden wissen: Es geht auch anders - und da möchten wir gerne hin.
Auch der Topfmarkt auf dem Landgut Gronenfelde wird uns erinnern: an die furchtbare Feuersbrunst, die das Wichernheim verheerte und der acht Menschen zum Opfer fielen. An die schnelle und wohlbedachte Hilfe, die von allen Seiten, angefangen bei der Stadt Frankfurt (Oder), kam. So groß war die Solidarität, daß die Bewohner und Betreuer im Heim einige Wochen später sagten: Jetzt ist es an uns, empfangene Hilfe weiterzugeben. Am Montag ist Renate Jantke vom Wichernheim mit einer großen Hilfssendung und einer umfangreichen Spende nach Opole gefahren. Dort wurde eine Einrichtung für geistig behinderte Kinder durch das Hochwasser böse zugerichtet. Wie überhaupt die eigentliche Katastrophe in Polen und Tschechien stattfand, mit siebzehn Meter hohen Flutwellen, mit Dammbrüchen, die zur Überflutung tausender Quadratkilometer führten. Unser Glück - das gerettete Oderbruch - gründet sich auf das Unglück der Nachbarn. Auch das soll nicht vergessen sein.
Schließlich steht auch das Altstadtfest an und das Richtfest am Dresdener Platz. Eine gute Gelegenheit für die Stadtsanierungsgesellschaft, das Erreichte zu präsentieren. Die Stadt hat sich viel vorgenommen in diesem Jahr. Leipziger und Dresdener Platz sollen im Kiez Raum für Begegnungen schaffen, zum Verweilen und Flanieren einladen. Die Gubener Straße wird saniert. In der Linden-, Korsing- und Fischerstraße wird weitergebaut. Das Türmchenhaus am Lindenpalais erlebte am Wochenende gerade seine Einweihung mit großem Trubel, Hunderten Gästen und Jazz vom Feinsten. Die Sanierungsgebiete Altberesinchen und Lindenstraße wurden erweitert, um komplexe Planungen umsetzen zu können. Mag der Streit um historisches Pflaster, Parkplätze und Verkehrslösungen einen Tag lang ruhen - er wird die Gemüter noch lange genug bewegen. Im Atrium von Königs Fritze werden am Sonntag Christoph Neubauer und Gerald Ramm, Umbetter von Kriegsopfern und Autor, an den Weltfriedenstag erinnern, an das Oderbruch 1945. Eine Ausstellung wird es geben, Filmausschnitte und Dias über Vergangenes, das manchmal noch klafft wie eine offene Wunde.Erntezeit. Zeit zum Feiern. Danach wird immer wieder gesät. An der Oder wurde in diesem Jahr vielfach gezeigt, daß die Menschen auch in der Bedrängnis nicht klein beigeben, nicht aufgeben, was von Generationen geschaffen wurde. Darauf läßt sich, im wahrsten Sinne des Wortes, ganz getrost bauen.
Wer Helden braucht, muss sie sich schaffen
3. September 1997
Frankfurt (Oder) bekommt eine neue Ehrenbürgerin. Die letzte Würdigung dieser Art liegt noch nicht lange zurück. Damals wurde Henry Maske dafür aufs Podest gehoben, daß er den Namen Frankfurts durch die Weltgeschichte - zumindest des Profiboxgeschäfts - trug. Hernach trug Maske seine Möbel weit fort von der Oder und verkündet den Brandenburgern seither aus der Ferne, wie gut es ist, in heimatlichen Gestaden Lotto zu spielen. Auf das Feigenblatt etwa eines Zweitwohnsitzes hat Maske verzichtet. Das war zwar ehrlich, wurde aber trotzdem übelgenommen. Dabei liegt es zum einen in der Logik des Geldmachens, daß einer sich dort anbietet, wo etwas zu holen ist. Und zum anderen schmälert es nicht die vorherige, mit der Ehrenbürgerschaft gewürdigte Leistung.
Eine Ehrenbürgerschaft, ob sie nun jährlich verliehen wird oder einmal im Dezennium, ist auch so eine Art Lotterie. Das hat sie mit jeder Art Anerkennung gemein, die den einen ins Licht rückt und den anderen im Schatten zurückläßt. Ihr Sinn besteht nicht darin, jedermann Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sondern dem Gemeinwesen vor Augen zu führen, welcherart Lebenswandel als für die Allgemeinheit besonders nützlich und sinnstiftend betrachtet wird. Es ist die Anerkenntnis eines Idols, eines Phänomens also zwischen Vor-, Helden- und Trugbild, zwischen Verehrung und Vergötterung. Was da als heldisch gilt, lohnt sich allemal zu betrachten, denn es ändert sich mit den Zeiten, ihren Sehnsüchten und Nöten, zuweilen sehr rasch.
Der nette Junge mit den flinken Fäusten hat ein Stück Osten hoffähig gemacht und eine Siegerfigur kreiert, an der sich angeknackstes Selbstbewußtsein aufrichten konnte. Für den Gentleman wurde die ganze Maschinerie der Public Relation in Gang gesetzt, die nicht nur Millionen vor die Bildschirme zieht, sondern auch Millionen in die Managerbeutel und die Portemonnaies aller an der Big Show Beteiligten klimpern ließ. Daß Sir Henry, ganz oben angekommen, nicht in des Ostens äußerster Ecke auf die blühenden Landschaften warten wollte, für die sein Mundwasser-Lächeln stand, darf ihm getrost nachgesehen werden.
Frau Doktor Ursula Sellschopp, lüde Wolfgang Pohl sie zum Empfang vor das Frankfurter Rathaus ein, würde gewiß kein Bad unter Zehntausenden Fans nehmen können. Dabei hat die 1915 geborene Ärztin ein halbes Jahrhundert lang Menschen geholfen und Kinder ans Licht der Welt geholt. Als es nach dem Krieg an allem fehlte, zögerte sie nicht, Betten für die Kinderstation des Lutherstifts aus eigener Tasche zu bezahlen oder den Krankenschwestern mit Schuhwerk auszuhelfen. Um die behinderten Bewohner des Holzhauses kümmerte sie sich ebenso wie um die Mütterberatung. Ihr Dienst begann allmorgendlich um sechs - auch an Sonn- und Feiertagen. 1979 wurde sie ambulant tätig, 1991 - mit 76 Jahren - ging sie in die eigene Niederlassung. So ist sie in der Stille zum Beispiel für die Erfüllung einer Pflicht geworden, die der Mensch sich selber auferlegt und die deshalb sein Ureigenstes ist.
Selbstlosigkeit wäre ein dummes Wort dafür. Menschen, die so leben, sind für gewöhnlich weitaus mehr bei sich selbst, als jene hohlen Erfolgstypen, die sich nur noch über ihre Wagenklasse definieren können. Der Eigennutz der Uneigennützigen besteht in der Freude daran, Menschen gesund gemacht zu haben, Leute durch die Straßen laufen zu sehen, die in den eigenen Händen auf die Erde gekommen sind, dagewesen zu sein, wo andere zauderten, und - nicht zuletzt - dabei verwurzelt zu sein an dem selbstgewählten Ort. Solche Menschen gibt es immer, und immer fehlt es an ihnen. Sie zu würdigen, ist ein guter Entschluß.
Herzlichen Glückwunsch, Doktor Ursula Sellschopp!
Ein bisschen Regen zur Erinnerung
10. September 1997
Es ist wie verhext. Die Slubicer feiern ihr Freudenfest nach dem Hochwasser - es regnet. Der brandenburgische Umweltminister Matthias Platzeck läutet das Dankeschönfest an der Oderpromenade ein - es regnet. Und als wäre es damit nicht genug, sorgt eine dem Suff (?) ihres Chauffeurs zum Opfer gefallene Prinzessin dafür, daß das Publikum mehrheitlich erst einmal zu Hause bleibt, um - vereint mit einem reichlichen Drittel der Menschheit, wie die Quotenschätzer behaupten - im Fernsehsessel der Beerdigung von Lady Di beizuwohnen. Dafür schien es sich anschließend umso eifriger in den mitteltarlichen Trubel an der Marienkirche zu stürzen, wo die Zahl der Kostüme, Gaukler und Spielleute von Jahr zu Jahr wächst. Schon lohnt es sich zu fragen, ob die eine schmale Gasse nicht mittlerweile ein etwas zu enges Korsett geworden ist für dieses mehr und mehr raumgreifende Spektakulum.
Betrüblich - nicht nur für den Geschäftsführer des Fremdenverkehrsvereins, Werner Mandel - war freilich, daß die weltgrößte Festtafel, zur Hälfte geschrumpft, unter das Dach der Marienkirche gerettet werden mußte, wo sie schlechte Aussicht auf das Guinessbuch der Rekorde hatte. Traurig auch, daß mancher Helfer nicht ans Oderufer fand, wo ihn offene Arme und ein kleines Präsent erwarteten. Andere immerhin unternahmen eigens aus diesem Anlaß noch einmal eine weite Reise quer durch Deutschland. Schließlich hatten sich sehr, sehr viele Oderstädter Gedanken gemacht, wie sie sich für Hilfsbereitschaft und Engagement, mitmenschliche Nähe und Verständnis revanchieren könnten. Unternehmer und Händler, Künstler und Politiker gaben sich ein Stelldichein, und auch eine ältere Dame ergriff beherzt das Wort - stellvertretend für etliche andere.
Michael Lindner und seine Helfer zeigten indessen, wie sich rasch und ohne Riesenaufwand etwas auf die Beine stellen läßt. Flanieren und Klönen, Gucken und Kaufen, dafür ist die endlich wieder trockene Promenade wie geschaffen. Und gerade hier sollte auch die Stadt mit viel Unterstützung und Sonderkonditionen für Interessierte helfen, daß das Leben sich breit machen kann zwischen Winterhafen und Ziegenwerder, daß die Atmosphäre des Wochenendes zu einer schönen, vielleicht sogar einzigartigen Normalität wird, die sich nicht nur unter den Hochwasserhelfern herumspricht, sondern auch unter Touristen, gestreßten Geschäftsleuten, Frankfurter Bürgern. Vielleicht kommt mehr dabei heraus, als aus dem halbherzigen Versuch, fünf Unterwäsche-, Blusen- und Socken-Verkäufer zwischen Sieben Raben und Rathaus zu plazieren und das dann als Wochenmarkt zu titulieren.
Während Frankfurt samt Festgetümmel letztlich doch seinen verdienten Sonnenschein bekam, knistert es in Potsdam bereits wieder zwischen den Ministerien. So denkt Platzeck darüber nach, wie der Oder künftig mehr Raum gegeben werden könnte, und erwägt eine Rückverlegung des Deiches und einer ausschließlichen Nutzung der Polder als Weideland. Landwirtschaftsminister Zimmermann hingegen kennt seine Bauern und hält standhaft wie ein Maiskolben dagegen. Von der anderen Idee des Umweltministers, keine Baugenehmigungen mehr im Überschwemmungsgebiet zu erteilen, will wiederum der zuständige Ressortchef Hartmut Meyer nichts wissen. Und unter den Betroffenen macht sich Unmut breit, da so mancher durch das auf Gerechtigkeit bedachte Spendenraster fällt, zum Beispiel, weil in seinem Ausweis der falsche Hauptwohnsitz steht. Vielleicht regnet es ja deshalb ab und zu in die Festumzüge hinein, als ein leises Zeichen, daß wir wohl die Flut hinter uns haben, mit den Folgen aber noch eine ganze Weile vollauf beschäftigt sein werden.
Zukunftsinvestition in die Vergangenheit
17. September 1997
Tausende Bundesbürger besuchten am vergangenen Sonntag wieder einmal die Offenen Denkmale des Landes. Alljährlich ist dieser Tag eine Art Eroberungszug: Zu erbeuten gibt es ein kleines Stück Geschichte, eine Facette für das öffentliche Gedächtnis, ein wenig mehr Sensibilität für die eigene Historie, einen Zuwachs an Verständnis dafür, daß jedes Erbe der Pflege bedarf.
In Frankfurt (Oder) rückte ein Stück Stadtgeschichte in den Mittelpunkt: die Gartensiedlung Paulinenhof, die Hanns Martin Kießling Anfang des Jahrhunderts entwarf. Der Berliner hat eine eindrucksvolle Spur durch die Oderstadt gezogen. In wenigen Jahren wurden 600 auf seinem Reißbrett projektierte Wohnungen gebaut - der größte Teil davon in der Paulinensiedlung. Die Stadt hat diese Geschichte dankenswerterweise in einer kleinen, feinen Broschüre festgehalten. Auch der Zustand der Häuser vor der in den letzten Jahren in Gang gekommenen Sanierung ist dort festgehalten. Unschwer zu erkennen also, mit wieviel Mühe und Hinwendung zum Beispiel die einstmals liebevoll gesetzten Details rekonstruiert wurden. Auch die Gestaltungssatzung für diesen Denkmalsbereich ist abgedruckt. Aus gutem Grund, droht doch durch den Verkauf an eine Vielzahl neuer Eigentümer das Ensemble als Ganzes aus dem Blick zu geraten, vielleicht sogar zu zerfallen, wenn nicht grundlegende Prämissen den Bestand sichern.
Wer dieses Kleinod der Baukunst zu genießen versteht, der fragt freilich über kurz oder lang auch nach den anderen Gebäuden, die Kießling schuf. An der Leipziger Straße dämmert die Brandruine eines dieser Häuser. Jugendliche, die eine Zeitlang dort lebten, wurden vertrieben, weil Verkauf und Instandsetzung angeblich unmittelbar bevorstanden. Das ist Jahre her. Es scheint, als habe die Denkmalpflege den Abriß nur verhindert, um nun dem Verfall zusehen zu müssen. Ulrich-Christian Dinse von der Unteren Denkmalschutzbehörde jedenfalls streitet das nicht ab. Die Perspektive des Hauses ist umso ungewisser, je mehr die Jahre ihm zusetzen und je teurer eine Rekonstruktion folglich wird. Doch die Bahn nimmt´s eh nicht so genau mit ihrem Frankfurter Eigentum. Ein Blick auf den Bahnhofstunnel oder den Bahnhof selbst verrät, daß die Imagepflege sich eher auf regelmäßige Tariferhöhungen konzentriert, als auf Gastlichkeit rund ums rollende Rad. Besser sieht es da schon mit dem ehemaligen Palais des Reichsbahn-Präsidenten aus. Mit ihrem Beschluß haben die Stadtverordneten das Ensemble an der Gertraudkirche zum Bestandteil des erweiterten Sanierungsgebietes Gubener und Lindenstraße gemacht. Schon im kommenden Jahr wird mit der Umgestaltung des davorliegenden Angers begonnen. Dabei ist auch an ein Rosarium am Kießling-Palais gedacht, Augenweide für den Spaziergänger und historische Reminiszenz zugleich, vielleicht auch schon ein Augenzwinkern in Richtung Euro-Gartenschau 2003. Am schönsten sind ja vielleicht überhaupt jene Denkmäler, die uns höchst lebendig erscheinen, weil sie dem Besucher offenstehen, wie Marienkirche, Kleisthaus oder Konzerthalle, oder weil Frankfurter darin wohnen, wie in Altberesinchen, der Fischer- oder anderen Straßen, die das Stadtbild wieder zu prägen beginnen. Es mag manche Versäumnisse in den Nachwendejahren gegeben haben, doch was in der Macht der Kommune und der Stadtsanierungsgesellschaft stand, um Fördermittel zu beschaffen und ein Vielfaches an privatem Kapital in Bewegung zu setzen, das wurde in unserer Stadt wahrlich getan. Jetzt, da die Geldquellen spärlicher fließen, ist mehr denn je Engagement und auch Risikobereitschaft bei den Investoren gefragt. Darauf aber läßt sich nur bauen, wenn das Investieren in ein Stück Vergangenheit auch als Investition in eine hoffnungsvolle Zukunft der Stadt erscheint. Und das hängt nicht allein von Denkmalpflegern und Sanierern ab.
Zwischen Ausnahme und Normalität
24. September 1997
Irgend etwas wünscht der Mensch sich immer. Wenn der Alltag allzu lange nur so dahinträufelt, bekommt er irgendwann eine unzähmbare Lust auf das Außergewöhnliche. Wenn es hingegen schon eine ganze Weile richtig turbulent zugegangen ist, dann überfällt ihn über kurz oder lang die Sehn-sucht nach dem ganz Normalen. Er möchte allenthalben etwas Vertrautes um sich herum haben, aber zugleich soll es sich, bitteschön, stetig erneuern. Fortschrittsgläubig hofft er auf jede Art von Innovation, aber das Überkommene und Traditionsbeladene will er darin bewahrt sehen und wiedererkennen. Für das Leben des einzelnen gilt das nicht anders als für das Leben eines Landes, einer Stadt oder auch nur eines Kiezes. Erinnern Sie sich, was noch vor einem Jahrzehnt, wenn auch traurige und beklemmende, Normalität war rund um den Leipziger und den Dresdener Platz? An die wenigen Lichtpunkte zwischen bröckelnden Fassaden und verfallenden Häusern, die halb gruselige und halb gemütliche Tristesse? Dann folgte eine Zeit der Unruhe, der aufgerissenen Straßen, Baugerüste, Umleitungen, Parkplatz-nöte. Ganz ist sie noch nicht vorbei, auch nicht, wenn am Freitag das Richtfest für den Bunten Riegel am Dresdener Platz gefeiert wird, wenn am Samstag die neunte Altstadtfete steigt. Aber schon stellt sich eine neue Normalität ein. Zu der gehören nicht nur mühevoll rekonstruierte Häuser, sondern auch frisch gepflanzte Bäume und Sträucher, noch blitzende Spielgeräte, vom vorherrschenden Pio-niergeist ermutigte Händler und Marktleute. Es ist das andere, was jetzt schon wieder auffällt: daß der Spielplatz eigentlich zu klein ist, die Turnhallenmauer öde, daß die grauen Steinquadrate um den Brunnen herum an einen Appellplatz erinnern. In den Respekt vor einer Stadtsanierungsgesellschaft, die mit jeder öffentlichen Mark rund fünf Mark Privatkapital in Bewegung setzte, mischt sich ein Anspruchsdenken, das manchem suspekt erscheint. Aber ohne diese wachsenden Ansprüche käme die Stadt nicht voran.
Mit der großen brandenburgischen Dankeschönfeier vor dem Rathaus, bei der in der letzten Woche die ersten Helfer gegen die Oderflut von Ministerpräsident Manfred Stolpe mit einer eigens zu diesem Zweck gestifteten Medaille geehrt wurden, wird ebenfalls ein Stück Normalität eingeläutet. Bundespräsident Roman Herzog und andere Redner wünschten sich, daß diese Normlität nicht gar zu sehr verdrängen möge, was im Hochwassergebiet gerade mit Freude registriert worden war: daß die berühmt-berüchtigte Mauer in den Köpfen der Deutschen aus West und Ost unter der Last der neun Millionen Sandsäcke zusammenbrach, daß die Bürokratie für ein Weilchen ihre Lebensferne verlor, daß aus einer hochgerüsteten Streitmacht eine Grüne Armee wurde, die gegen die Unbilden der Natur als einzigen wirklichen Feind des Menschen ankämpfte.
Inzwischen freilich grummelt aus dem Hintergrund der Festtribünen bereits der Unmut von Betroffe-nen, die immer noch auf das Geld warten, das seit Wochen auf den Spendenkonten schmort, ärgern sich Frankfurter Kommunalpolitiker darüber, daß das Deutsche Rote Kreuz verwaltungstechnische Hürden in die Schadensbeseitigung einbaut, zweifelt ein Potsdamer Minister öffentlich an der Schlüssigkeit der Bonner Millionen-Hilfs-Rechnung, in die auch ganz gewöhnliche laufende Kosten des Bundes stillschweigend integriert worden sein sollen.
Wer wirklich möchte, daß das Außergewöhnliche, zuweilen Wunderbare aus den Tagen am Deich nicht vergessen wird, der müßte es eben zum Teil einer neuen Normalität machen. So wie man sich auch um die wiedererstandenen Bürgerhäuser kümmern muß oder um die guten Beziehungen zu seinen Nachbarn im Kiez. Was in der Not getan wird, auch ohne Not zu tun, gehört freilich nicht nur zu den schwersten, sondern auch zu den seltensten Tugenden. Gut und richtig ist es, sie zu feiern. Aber feiern allein reicht sicher nicht aus.
Haushaltsentwurf oder Makulatur
1. Oktober 1997
Ein Quartal früher als im Vorjahr verfügt Frankfurt (Oder) nun über einen vom Land bestätigten Haushalt. Die Finanzlage allerdings sieht so aus, daß Stadtkämmerer Edmund Rost bereits für die nächste Zeit wieder eine Haushaltssperre erwägt. 65 Millionen Defizit schlagen zu Buche - kein Wort mehr von den Traumtänzereien, das Jahr mit einer Rücklagenbildung abzuschließen. Für das nächste Jahr bleibt scheinbar wieder nur der Ausweg, das zu tun, was Rost, Bürgermeister Heino Ewert und andere seit Jahren selbst als Sackgasse, Crashkurs, Irrweg beschreiben: die Aufzehrung des städtischen Vermögens zugunsten des Verwaltungshaushaltes. Auch eine Erhöhung der zum Verkauf stehenden Gesellschafteranteile an kommunalen Unternehmungen wird erwogen. Schönheitsfehler der Rechnung: Niemand sagt offen, was veräußert werden soll, und niemand weiß so recht, wer dafür was auf den Tisch zu legen bereit ist.
Die Kiste ist verfahren, so sehr, daß der Kämmerer sich nicht einmal mehr traut, seine Hausaufgaben so zu machen, wie es sein Job wäre. Bei dem, was euphemistisch Erste Lesung des Haushaltsent-wurfes 1998 genannt wurde, legte er ein Papier vor, das von vornherein einen Fehlbetrag von knapp neun Millionen Mark auswies. „Makulatur„, meinte Volker Kulle von der SPD dazu. Er sollte froh sein, schließlich können sich die Genossen mit solchem Kampfbegriff ihres Fraktionschefs im Rücken wieder einmal todesmutig der Stimme enthalten. Vorerst brauchten sie das nicht zu tun, denn der Haushalt soll in den Ausschüssen weiter diskutiert, zu gut deutsch, zusammengestrichen werden. Warum Rost das nicht längst selber gemacht hat? „Die notwendigen Vorschläge sind politisch nicht mehrheitsfähig.„ Auch eine Art von Enthaltung.
Eigentlich ist es verständlich, daß Rost und andere es müde sind, die Gebetsmühle zu drehen, wieder und wieder Gründe zu beschwören, weshalb die Löcher im Stadtsäckel immer größer werden. Die Stadt wird, wenn sie so rechnet wie bisher, weiter 12 bis 15 Millionen Mark mehr ausgeben, als sie erwirtschaften kann. Und auch das Land, wie man inzwischen sieht, konsolidiert fröhlich fort auf dem Rücken der Städte und Kreise. Noch vor zwei Jahren war es Gesetzestext, daß im kommenden Jahr 1,03 Milliarden Mark als Investitionspauschale in Brandenburg ausgereicht werden sollen. Was aber schert Potsdam sein Gewäsch von dunnemals; das Gemeindefinanzierungsgesetz wird jährlich neu gestrickt, und da wird die Summe eben halbiert. Das erinnert gewaltig an die sozialistischen Plankorrekturen und dürfte mittelfristig ähnliche Wirkungen haben.
Kurz und schlecht: Die Schlange in der märkischen Streusandbüchse ist gehalten, dringend darüber nachzudenken, ob sie sich nicht, vom Schwanz her beginnend, an sich selber sättigen kann. Im Jargon der Finanzpolitiker heißt das: „heilige Kühe schlachten, zementiertes Besitzstandsdenken aufbrechen, Tabus abbauen„. Die Bürger stimmen derweil, auch das ist nicht ganz so neu, mit den Füßen ab. Um 6000 ist die Einwohnerzahl bereits gesunken. Weitere 7000 wird die Stadt nach neueren Prognosen in den nächsten Jahren verlieren. Als größtes Dorf an der Oder freilich können wir wieder gewaltig sparen, da werden wir kein Theater mehr benötigen und keinen als Kongreßzentrum - mit 190 Plätzen - kaschierten Theaterneubau. Weil es außerdem auch das schönste Dorf an der Oder sein wird, brauchen Sozialhilfeempfänger und Behinderte nicht extra in den Urlaub zu fahren. Ausländer- und Aussiedlerarbeit ist verzichtbar, wo die Neuankömmlinge nach der obligaten halbjährigen Heimquarantäne ihr Heil in der Flucht gen Westen suchen...Bei dem Versuch, die Bodenerosion in den Wüstenländern durch Aufforstung aufzuhalten, haben die Entwicklungshelfer ein Problem: Die verzweifelten Bauern lassen ihr Vieh regelmäßig die Schößlinge abfressen. Dann werden für viel Geld neue Setzlinge beschafft. Vielleicht sollte man es einmal mit Futter versuchen. Und vielleicht sollte man eine Landesregierung zum Teufel schicken, die das nicht besorgt!
Engagement mit Zaun und private Barrikaden
4. Oktober 1997
Auf einer Baustelle zu leben, ist an und für sich nichts Außergewöhnliches. Das Leben selber ist ja auch eine. Daß es darauf in der Regel etwas leiser und vielleicht zuweilen sogar rücksichtsvoller zugeht, will nicht viel besagen. Aber was derzeit in der Gubener Straße zusammengewurstelt wird, strapaziert beileibe nicht nur Anwohner-Nerven. Gewiß: Der Tag eines Tiefbauers bietet so seine Überraschungen, wenn der Bagger plötzlich mit dem Betonbrocken einen vergessenen Hydranten aus der Erde zieht, oder wenn eine Heiztrasse nur einen halben, statt zwei Meter tief im Boden liegt. Oder wenn hier eine Stromleitung, dort ein Telefonkabel auftaucht, die in den Zeichnungen ganz woanders verliefen. Und natürlich wollen dann alle betroffenen Unternehmen ihren Kram selber machen - schon um Geld zu sparen. Die Arbeiten stocken, Termine geraten ins Rutschen, Bauleiter werden nervös.
Aber eine ganz andere Frage ist es, ob man dann auf einer Länge von 500 Metern jede noch verbliebene Zufahrt allnachmittäglich mit Steinpalletten verstellen muß, so daß nur noch ein einziger Berg-und-Tal-Weg durch das Bauloch bleibt. Zwar: den Anwohnern ist so der Weg versperrt, sie können nicht einfach so, Oma hin, Opa her, mit ihrem bißchen Einkaufszeug vors eigene Haus fahren oder gar, den frühaufstehenden Bauleuten hinderlich, wild in der Gegend herumparken. Aber in der Haut der Barrikadenbauer möchte ich trotzdem nicht stecken, wenn schlechten Endes ein Krankenwagen mit einem Notfall deshalb auf der Strecke bleibt, wenn die Feuerwehr plötzlich in der Sackgasse festsitzt. Dann entpuppt, was bedacht sein wollte auf das schon Geschaffene, sich urplötzlich als organisierte Verantwortungslosigkeit. Und keiner hat von nichts gewußt.
Schwere Zeiten auch für das Käuzchen und die Nachtigall, das Eichhörnchen, den Igel und die Fledermaus, die sich den altehrwürdigen Park hinter dem Kettenhaus zur Heimstatt machten, dort, wo es noch Ulmen in Frankfurt (Oder) gibt und wo jahrzehntealter Efeu sich rankt. Seit das Privatgrund-stück des Herrn von Burgsdorff und anderer restituiert wurde und die Kommune nicht mehr zuständig ist, ringsum die Sanierungsarbeiten laufen und die Stadt versucht, ein Gleichgewicht zwischen der Anzahl der Politessen und der Halteverbote herzustellen, hat auch dort die Blechkarawande Einzug gehalten. Zwei Dutzend Fahrzeuge aus Frankfurt und den umliegenden Kreisen wildern Kotflügel an Kotflügel im Gesträuch. Der Brunnen, der noch bis zur Wende an der vormaligen Kindertagesstätte sprudelte, ist zum historischen Müllcontainer heruntergekommen. Die 20 000 Mark Steuergelder, die in die Sicherung des Gebäudes gesteckt worden waren - buchstäblich aus dem Fenster geschmissenes Geld.
Die Nachbarn aus der Lindenstraße 16 hingegen, die vor Jahren auf eigene Kosten eine wilde Mülldeponie beseitigten und einen Spielplatz hinter dem Haus einrichteten, der Stadt sogar einen befristeten Pachtvertrag abtrotzten, sahen ihre Initiative nach der Rekonstruktion ihres Hauses entgegen allen Versprechungen sorgsam eingezäunt. Damit der kleine grüne Fleck besser verwildern und vergammeln kann. Eigentum verpflichtet? Na, wen denn? Die inzwischen fast schon zu groß gewordenen Kids müssen sich seit drei Jahren durch ein Loch im Maschendraht zwängen, um an Schaukel und Sandkasten zu gelangen, die ihre eigenen Eltern angeschafft haben.Verhandlungswirrwarr zwischen Eigentümern, Stadt und vermeintlichen Kaufinteressenten auf den Knochen der Menschen, die dort wohnen. Schade, wenn solcherart Engagement verpufft, das die Stadt so nötig hätte. Dabei ist manches wirklich ganz einfach: Die Bauarbeiter in der Gubener Straße könnten beispielsweise ihre Privatbarrikaden künftig rund um die Ruine des Kettenhauses errichten. Mit einem Schlag wären zwei Probleme gelöst. Wenn sich dann noch jemand bereit fände, den Mietern einen neuen, vernünftigen Pachtvertrag für das Stückchen Brachland anzubieten und den überflüssigen Zaun einzusammeln, wäre einer Menge Leuten besser. Ist das wirklich so schwer?
Rio ist gleich um die Ecke
11. Oktober 1997
Rio? Umweltgipfel? Irgend etwas hat wahrscheinich fast jeder schon davon gehört. Doch Hand aufs Herz - die Agenda 21, auf die sich 1992 die 178 dort vertretenen Staaten einigten, wird kaum jemand gelesen haben. In den Medien herrschte damals der Tenor vor: Schön, daß man sich über das Zukunftsproblem Nummer eins ausgetauscht hat, aber Verbindlichkeiten sind dabei kaum herausgekommen. Nun, immerhin liegen satte 600 Seiten vor, in denen versucht wird, unterschiedliche Kulturen, Herrschaftsformen und Verwaltungssysteme zu berücksichtigen. Wer den Streit um einen halben Nebensatz kennt, der schon im kleinsten Dorfparlament losbrechen kann, vermag sich ein Bild zu machen über den Anspruch, dem sich die Verfasser stellten.
Agenda, so verrät das Wörterbuch, bedeutet ebenso Merkbuch wie Preisliste, und die Agenda 21 ist denn auch beides. Als Dokument gemeinsamer Vernunft erweist sie sich als von der Realität diktiert und auf die Utopie hinschielend: auf die Überwindung der Armut, der jämmerlichen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen, unter denen Teile der Menschheit dahinvegetieren, auf die Schaffung einer lebenswerten Umwelt. Zugleich benennt sie die absehbaren Kosten. Viele Ziele aber lassen sich nur vor Ort realisieren; deshalb orientiert das Kapitel 28 der Agenda auf einen lokalen Konsens aller gesellschaftlich Beteiligten, wie sie in ihren Planungen für eine entsprechende Infrastruktur sorgen können, wie Bürger- und Unternehmerschaft dazu in Dialog treten können, wie die Wahrnehmung des einzelnen für ökologische Belange geschärft werden kann. Unter dem Strich soll eine lokale Agenda 21 entstehen, die Leitlinien und Ziele festschreibt.
In mehr als 100 Städten Deutschlands ist das inzwischen geschehen, meistens als kommunalpolitischer Akt und verbunden mit der Einrichtung entsprechender Büros. Anderenorts wurde die Agenda 21 in Gestalt von Bürgerinitiativen aufgegriffen, oder es nahmen sich Umweltgruppen und Vereine der Sache an. 600 Städte vor allem Europas tauschten ihre Erfahrungen damit vergangenes Jahr im dänischen Aalbourg aus. Und irgendwie hat sich die Sache bis nach Frankfurt (Oder) herumgesprochen. Endlich. Jürgen Barber, Alena Karaschinski und Günther Wullekopf wollen dazu am 25. Oktober um 10 Uhr im Liebknecht-Gymnasium eine Zukunftswerkstatt veranstalten, bei der es um die Frage geht: „Wie wollen wir Frankfurter im 21. Jahrhundert leben, arbeiten und wirtschaften?„ Eingeladen sind alle, die das Thema interessiert. Was daraus wird, entscheidet sich am Ergebnis.
Frankfurt, auch wenn es einem Arbeitslosen wie Hohn in den Ohren klingen mag, hat anderen Städten einiges voraus: Im grünen Gürtel qualmen keine Schlote, kein Nachmittagssmog macht jedes Fensteröffnen zur Gesundheitsgefährdung, selbst der Autobahnstau ist mehr ein Struktur- als ein Umweltproblem. Die Voraussetzungen für ein funktionierendes Recyclingsystem sind besser entwickelt als der Bürgerwille, es durch Abfalltrennung auch zu nutzen. Mit dem Müll auf Straßen und Plätzen werden wir noch halbwegs fertig. Gesundheits- und Sozialwesen, Bildung und Konsum befinden sich, gemessen an den Verhältnissen in der Welt, auf hohem Level. Aber auch hier werden - in dieser Woche wurde die Kraftwerkseinweihung gefeiert - sorbische Dörfer als Laubag-Kohle verheizt. Auch hier lassen die umsatzorientierten Wegwerfprodukte ihre Spuren im Ressourcenverbrauch und im Wachsen der Halden. Und daß hier noch nicht die Agonie satter Gesellschaft Platz gegriffen hat, die Zukunft lediglich als Verlängerung der Gegenwart und nicht mehr als Veränderungspotential wahrzunehmen vermag, liegt eher am zermürbenden Kampf gegen Schulden, Arbeitslosigkeit und Abwanderung als am Überfluß realistischer Gestaltungskonzepte.Die Agenda 21 hat vielen Proklamationen gegenüber einen enormen Vorteil. Sie begreift demokratische Verhältnisse als Bestandteil der Umweltgestaltung und zielt auf Bürgerbeteiligung als Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenleben ab. Sie braucht diese Beteiligung aber auch, um Partikularinteressen ausgleichen zu helfen. Balance ist nur mit Kompetenzenvielfalt zu schaffen. Rio ist um die Ecke. Ein kleiner Schritt, und es ließe sich sehen.
Bei den Visionen sind die Herren unter sich
18. Oktober 1997
Ein schier unstillbares Bedürfnis nach Visionen scheint die Stadt ergriffen zu haben. Keine sich ernsthaft gebärdende Unternehmung ohne ihren eigenen Fünf-Jahr-Plan! Wer hingegen auf sich hält als Vordenker wessen auch immer, verdoppelt mühelos die zeitliche Distanz seiner Vorausschau. Nicht anders, als unsereiner im Knirpsenalter durch den Zeichenlehrer sachte über die Schwelle des Phantasiereichs gestubst wurde, fordern honorige Herrschaften einander in der ehrwürdigen Konzerthalle öffentlich auf: Nun mal mal deine Stadt im Jahre 2007, und kaum hat sich Initiator und Ex-OB Wolfgang Denda in wohldosiert auffälliger Bescheidung aus dem Empfangsbereich der Mikrofone zurückgezogen, legen sie auch schon los.
Allen voran spult Oberbürgermeister Wolfgang Pohl die Festpunkte seines Strategiekonzepts 2003 herunter, demnach die Oderstadt zu einem osteuropäischen Straßbourg sich aufreckt, bekrönt von einer Brücke, die Hundertwasser mit eigener Hand verschönt, mit Gesandten der Partnerstädte auf Römischen Terrassen am Ufer des Flusses, Händelscher Wassermusik und Weitblick vom wiedereröffneten Hochhauscafé. Beheimatet sieht Superintendent Christoph Bruckhoff die Bürger dieser zweisprachigen Doppelstadt mit gemeinsamer Kultur und Euro-Währung, einig findet er sie im Streben nach Niedriglöhnen zur Sicherung des Arbeitsplatzes, erheitert vom Flanieren unter Studiosi und Händlern auf der freundlichen Promenade und erquickt vom segensreichen Wirken einer Kirchgemeinde, die als Vermittler hoher Haltungen und Werte die Wege weisen hilft zwischen Tradition und Innovation. Viadrina-Rektor Hans N. Weiler weiß gar ein Sendschreiben seines Nachfolgers vorzuweisen, der gerade über die Fußgängerbrücke zwischen Slubicer Collegium Polonicum und Frankfurter Kartoffelhaus wandelt, bei Dorit Herden in der Alten Schmiede californischen Wein schlürft und das Bankwirtschaftskolleg im früheren Bundeswehrgebäude an der Oder aufsucht, bevor er zur Agrarökonomischen Fakultät nach Rosengarten seine Schritte lenkt.
Gemeinsam ist diesen visionären Panoramen, daß sie wie die Luftspiegelung über der Wüste nolens volens aus dem Nichts entstehen. Am Anfang ist eine ziemlich lausige Realität, dann hat es Zoom gemacht, und die Landschaften blühen. Ein großer Geist verschmäht eben auch den kleinen Anlaß nicht, das Genie sich verbreiten zu lassen. Edmund Rost, wo waren denn Sie?! Nur der Kleinmütige doch läßt sich vom schnöden Sachzwang verschüchtern! Interessant an solchen Visionen ist mithin längst nicht nur, was sie offenbaren. Mindestens ebenso spannend ist, was sie aussparen. Das beginnt bereits mit der eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeit einer ausschließlichen Herrenrunde. Wo Frauen in patriarchalischer Tradition außen vor gelassen sind, finden sich ausgangs dieses aufgeklärten Jahrhunderts Begriffe wie „Kinder„ oder „Jugendliche„ gar nicht erst ein. Wo die Idee ins Zentrum eifert, ist von der Platte in Nord und Neuberesinchen nicht die Rede mehr. Im Publikum gab es ohnehin nur eine Handvoll Leute, die jünger als dreißig Jahre waren, kam auf vier Zuhörer eine Zuhörerin. Kurz und gut: Es blieb noch viel Platz, sich dreinzumischen und Wind zu machen - auch wenn es die schönsten Luftschlösser kostet, die ohnehin kaum mehr als einen feuilletonistischen Reiz verströmen. Und ganz unbenommen hat Heinz W. Siekmann von der Telekom allemal Recht, wenn er mit Exupery erklärt: „Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.„
Begegnungsstadt im Zeichen von Kleist
25. Oktober 1997
Wir dürfen uns wieder einmal die Augen reiben. Womit es in Wirtschaft und Politik noch Weile zu haben scheint, das vollzieht sich bei den Kleist-Festtagen bereits in aller Deutlichkeit: Frankfurt (Oder) präsentiert sich als „europäische Begegnungs- und Kommunikationsstadt„, wie es im Strategiepapier von Oberbürgermeister Wolfgang Pohl heißt. Ein bißchen voreilig war sein Stoßseufzer am Wochenende deshalb wohl schon: „Es ist nicht leicht, Kleist-Stadt zu sein.„
Schon das Thema der Festtage „Recht und Gerechtigkeit„ war angetan, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Erst recht lassen die Veranstaltungen aufmerken, die sich um dieses Motto gruppieren. Das begann bereits mit dem Eröffnungsvortrag der Festtage, den der bosnische Schriftsteller Dzevad Karahasan im Kleist-Theater hielt. Ausgehend vom Nachdenken darüber, daß die Zeitgenossen Kleist und Hölderlin „eine Grenze in der Zeit„ markierten, jenseits derer die nackte Effizienz zum Kriterium des Wahren, Schönen und Guten geschrumpft, der Mensch von Gott, der Welt und seinen Prinzipien verlassen sei, Europa aufgehört habe, sich selber zu gleichen, fragte Karahasan nach jener Grenze, vor der wir heute stehen. „Die Rückkehr Europas zu sich selbst ist wieder möglich geworden„, meint der jüngst mit dem bedeutendsten italienischen Literaturpreis ausgezeichnete Autor. Kleist und Hölderlin könnten helfen, aus dieser Rückkehr eine Heimkehr zu machen.
Für die Aktualität Kleists stand auch das Kolloquium, an dem sich vierzehn Wissenschaftler aus sieben Ländern Amerikas, Afrikas und Europas beteiligten: Germanisten, Historiker und Juristen, die neben der ästhetischen auch die gesellschaftspolitische Dimension des Kleistschen Werkes auszuloten suchten. Den zwanzig Jahre zurückliegenden Deutschen Herbst als Parabel zu der von Kleist beschworenen „Nachkommenschaft„ des Michael Kohlhaas zu lesen, scheint naheliegend. Professor Hermann Klenner aus Berlin war es, der darauf aufmerksam machte, daß die Geschichte des Kohlhaas-Prozesses auch auf jene juristischen Konstrukte hindeutet, die das grundgesetzlich verbürgte Rückwirkungsverbot aufheben, um DDR-Verantwortungsträger aburteilen zu können. Doch selbst in Togo oder Uganda fordert, wie zu hören war, der „Kohlhaas„ zum Vergleich mit aktuellen gesellschaftlichen Prozessen heraus und wird als Impuls für die Entwicklung zu einer modernen Demokratie aufgegriffen.
Schließlich präsentierte Intendant Manfred Weber im TheaterBahnhof erstmals sein Traumspiel „Verspers Reise„, das nicht nur das „Phänomen Terrorismus„ zurückbefördert in den zeitenübergreifenden Kontext menschlicher Zerrissenheiten zwischen Resignation und Revolte. Frankfurt (schon das ist ein nicht geringzuschätzendes Verdienst) wird durch das Stück zum literarischen Ort - und dies nicht nur, weil Webers Vesper in der geschlossenen Gesellschaft eine Zeitlang zwar Zuflucht vor strafrechtlicher Verfolgung findet, nicht aber vor sich selbst, seinem Erbe an deutscher Geschichte und seiner Last an eigener Vergangenheit. Weber offenbart auch eine präzise wahrgenommene und reflektierte Atmosphäre, deren Wirkung mit dem Jahr 89 keineswegs endet.Nun stößt eine Konzeption wie die der Kleist-Festtage freilich auch auf Widerspruch, wenn sie sich gar zu dicht an die Gegenwart heranwagt, an die wenig ätherischen Bezirke menschlicher Erfahrung. Für manche erreicht sie erst damit ihren eigentlichen Zweck. Für andere verläßt sie so den ihr bestimmten künstlerisch-ästhetischen Raum. Doch wie tragfähig solch eine Konzeption tatsächlich ist, muß sich ohnehin vor Ort erweisen: in den Foren und Theatersälen. An Kleist, soviel scheint sicher, wird sie nicht scheitern.
Sieben Jahre Oderanzeiger
1. November 1997
Jede Ehe hat ihr verflixtes siebtes Jahr. Da knirscht es und knackt, und danach haben zwei sich endgültig zusammengerauft oder sind auseinandergelaufen. So jedenfalls behauptet es der Volksmund. Laut Scheidungs-Statistik kracht es meistens schon nach drei Jahren, was ja auch so eine heilige Zahl ist, und Druckerzeugnisse können froh sein, wenn sie das erste Jahr ihrer Existenz in trauter Dreierbeziehung mit Werbekunden und Lesern überstehen.
Erinnern Sie sich noch, wie es im plötzlich aufblühenden Blätterwald rauschte anno domini 1990? Der Wagemut des Anfangs fragte nicht danach, ob und wie dieses Wende-Kind überleben würde. Das hatte die neue Postille durchaus mit anderen gemein. Erst einmal etwas machen war die Devise, erst einmal dieses Vakuum füllen, das da über die Jahre entstanden war, dachten viele - in Frankfurt (Oder) und andeswo. Aufbruchzeit. Erinnern Sie sich an die Neue Frankfurter, an den Auf-Märker, an Die Andere, an Das Blatt? Nicht nur die zarten Pflänzchen der Nachwendezeit, auch manches, das sich sturmfest und ehern gab, ist verschwunden. Erinnern Sie sich an die Neue Zeit, an die Wochenpost? Sieben Rosen hat der Strauch, sechs gehörn dem Wind...
Die Äste sind wieder ziemlich kahl geworden. Manch Urwüchsiges wurde auf Bonsai-Format zurückgestutzt, ganz nach dem Geschmack milde gestimmter Gemüter, die lieber im englischen Garten lustwandeln, als sich durch eine unberechenbare Dschungelwirklichkeit zu schlagen. Der Oder-Anzeiger aber ist immer noch das, was er wurde durch die Mühe derer, die ihn päppelten und hegten. Sieben Jahre liegen hinter denen, die sich Woche für Woche auf das Abenteuer des Blattmachens einlassen, überreich beschenkt mit Begegnungen, Erlebnissen und Geschichten. Das macht manchen Streß und manchen Ärger wett.
Trotzdem fragt sich wohl jeder Jubilar in solchen Zeiten: Waren das nun die berühmten sieben fetten Jahre oder die sieben dürren, denen die große Ernte erst folgt? Auch wer mit beiden Beinen im Wirtschaftsleben dieser Stadt steht - und Akquisiteure sind ebenso Seismographen für Wohl und Wehe gerade des Mittelstandes, wie Journalisten eine Nase haben für die beinahe unmerklichen Klimaveränderungen in ihrer Umgebung -, wird um die Antwort verlegen sein. Was kündigt sich an, wenn Oberbürgermeister Wolfgang Pohl meint, sogar bei den Studenten der Viadrina-Universität betteln zu müssen, sie mögen sich - wenn schon nicht mit Leib und Seele, so doch mit dem vorläufigen Hauptwohnsitz - der Oderstadt verschreiben? Sie mögen auf Fahrtkosten zum Ausbildungsort, Steuervorteile durch doppelte Haushaltsführung und dergleichen verzichten, damit hier der Bevölkerungsschwund nicht so ins Gewicht fällt bei den Schlüsselzuweisungen und auf dem Glanzpapier der Zukunftsvisionen.
Heute vor sieben Jahren wurde Manfred Stolpe in Potsdam zum Ministerpräsidenten gewählt. Der Treuhandvorstand erklärte, daß kaum 30 Prozent der 8000 Ostbetriebe überleben würden. Unstet und poltrig ging es da mitunter zur Sache. Naiv, winken manche im nachhinein ab. Aber müßte es nicht besser heißen: authentisch, unmittelbar, ohne Zensur im Kopf, ohne alte und neue parteipolitische Rücksichten? Ohne die Scheuklappen eines gerade erst übergestülpten Finanzrechts, das die Schwächeren - und so eben auch die Kommunen - erbarmungslos über den Tisch zieht in den bundesrepublikanischen Verteilungskämpfen? Dann wäre jene Naivität eher eine Tugend, von der zumindest ein Stück zu bewahren sich lohnte. Der Oder-Anzeiger hat das versucht, und seine Leser haben ihm dabei den Rücken gestärkt.In ihrer Geschichte ernten Menschen selten das, was sie gesät zu haben glauben, und die Historie richtet sich auch nicht nach dem gestrengen Lauf der Monate. Mancher Keim, der lange abgestorben schien, treibt plötzlich aus. Was zur Rechten gepflanzt wurde, drängt sich plötzlich zur Linken ans Licht. Was die Scheuern füllen sollte, fault auf dem Halm, und anderes als das Erhoffte nährt auch in kalter Zeit. Fette Jahre? Magere Jahre? Vielleicht ist das gar nicht die Frage.
Meines Bruders Hüter sein?
8. November 1997
Morgen beginnt die diesjährige Ökumenische Friedensdekade der Kirchen in Deutschland. Sie ist unter das Thema gestellt: „Meines Bruders Hüter sein?„ Sie erinnern sich vielleicht der Bibel-Stelle bei I. Mose 4. Nachdem der Ackermann Kain seinen Bruder, den Schäfer Abel, auf dem Feld erschlagen hatte, fragte ihn der HERR nach dessen Verbleib, und Kain log: „Ich weiß es nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?„
Was vielleicht als vorwitziger Verweis gemeint war, daß schließlich jeder für sich selber sorgen könne, erweist sich als drängender Konflikt des Gewissens. Soll ich, der ich mich benachteiligt fühle, Hüter dessen sein, der ohnehin Gnade genießt? Soll ich, für den in meiner Stadt immer weniger Platz zu sein scheint, einem Hergelaufenen beistehen? Oder soll ich ihm mit Stiefeln und Fäusten beibringen, wer hier - zumindest nach Feierabend und in der Nacht - der Herr im Hause ist? Oder soll ich nicht wenigstens schweigen dazu? Ist es nicht mein gutes Recht, aufzubegehren dagegen, daß mein Anteil am Ganzen geringgeschätzt wird, daß ich keine Achtung empfange, es sei im Kreise meiner Spießgesellen? Wenn ich aus meinen unsichtbaren Wunden blute und sich auf dem Boden eine rote Lache bildet, schreien die Politiker auf: Das Parkett ist verletzt! Und dann holen sie den Fußbodenleger. Aber mich will niemand sehen. Weshalb soll ich meines Bruders Hüter sein?
So sei es nicht, meinen Sie? Aber gerade verurteilt das Potsdamer Landgericht die jungen Mörder an einem Italiener, der trotz mehrerer Zeugen wehr- und hilflos in der Havel ertrank, zu langen Haftstrafen. Gerade fahndet die Frankfurter Polizei nach den Schlägern, die wieder einmal polnische Studenten überfallen haben. Gerade ergeht sich die Stadtpolitik zum wiederholten Mal in Entrüstung und den üblichen Versprechungen, „alles„ zu tun, um eine Wiederholung zu verhindern. Was ist denn „alles„? Ein Polizist in jeder Toreinfahrt? Ein Streetworker an jeder Straßenecke? Oder vielleicht die Streichung der Stelle einer Ausländerbeauftragten in der Stadtverwaltung?
Gewalt wird noch immer als probates Mittel akzeptiert, um die Interessen des Stärkeren durchzusetzen und um Macht zu demonstrieren oder auch, um Ohnmacht zu verheimlichen. Mit pathetischen Ritualen werden junge Menschen zu Kriegern geschlagen. Keine noch so martialische Gewaltphantasie, die nicht über ein Kurzes ihre Nachahmer fände. Und ringsum ein Gespinst aus hohlen Phrasen und Rechtfertigungsphilosophien. Wer soll das zerreißen, um seines Bruders Hüter zu sein? Wolfgang Borchert, ein Schriftsteller, der 24jährig aus dem Krieg heimkehrte, schwerkrank und im Angesicht nahenden Todes, beschreibt seine Erlebnisse mit einer Präzision, wie sie nur eine neugierige, alles aufsaugen wollende Naivität hervorbringt. Indem er sich in den Zustand des gerade erst auf die Welt Gekommenen zurückzuversetzen sucht, läßt er alles von sich abprallen, was das Gräßliche schön, das Entsetzliche erträglich, das Gemeine gut machen könnte. Nur nicht die Welt. Zu den Veranstaltungen der Friedensdekade gehören in Frankfurt (Oder) neben einem Borchertabend am Montagabend in der Gertraudkirche bereits am Samstagnachmittag eine Gedenkveranstaltung am Standort der früheren Synagoge, am Donnerstagsabend in der Gertraudkirche eine Diskussion mit Bundeswehrreservisten - jenen, gegen deren Marsch im Vorjahr auch junge Christen demonstrierten - und am Montag in einer Woche am gleichen Ort schließlich ein Gesprächskreis über Ursachen und Folgen staatlicher Abschottungspolitik. Vielleicht könnte die eine oder andere Begegnung Anlaß zum Nachdenken sein darüber, wen ich behüte und - was wohl nicht minder wichtig ist - von wem ich Obhut erhoffe.
Neuer Schandfleck für Frankfurt (Oder)?
15. November 1997
Die denkbare Hoffnung der Verwaltung, mit dem Hochhaus Halbe Stadt 17/18 verschwände ein „Schandfleck„ aus dem Stadtbild, wenn der Bau geschleift und durch etwas Neues ersetzt würde, diese Hoffnung wird sich nicht erfüllen. Was immer auf dem Hügelchen am Rosa-Luxemburg-Berg entstünde: Es würde ein Ort der Schande für diese Kommune bleiben. Jener Schande nämlich, sehenden Auges die letzten in der Stadt verbliebenen, großzügigen und eigens als solche gebauten Künstlerateliers ersatzlos vernichtet zu haben. Jener Schande, sich in die unselige Tradition einer Künstlervertreibung gestellt zu haben, die Frankfurt (Oder) bereits vor der Transformation eher berüchtigt als berühmt gemacht hatte.Da hilft auch die Aussicht auf 300 Parkplätze, volle Sozialwohnungen und leerstehende Gewerbe- und Büroräume nicht.
Ob hier überhaupt alles mit rechten Dingen zugehen kann, wagen manche ohnehin zu bezweifeln. Immerhin läuft der Mietvertrag mit dem Künstlerverein bis zum 31. Dezember 1998 und sieht ausdrücklich eine zweimalige Fünfjahres-Option zu angepaßtem Mietzins vor, deren Inanspruchnahme lediglich drei Monate vor Vertragsablauf angezeigt werden muß. Das sieht, meint denn auch einer der Künstler, nach Arbeit für die Rechtsanwälte aus, falls trotzdem ein Verkauf stattfindet und der neue Immobilienbesitzer ernsthafte Bauabsichten hegt.
Auch die Frage, wer von den „Verschönerungsplänen„ betroffen ist, lohnt sich. Da ist zum Beispiel Evelyn Grunemann. Die Malerin hat jahrelang versucht, in der Musik- und Kunstschule einen Kunstbereich aufzubauen, hat interdisziplinäre Projekte in Gang gebracht, vielen Kindern Spaß am Ästhetischen und Schöpferischen vermittelt und ist letztendlich an der Finanzmisere der Stadt gescheitert. Die Kunstabteilung an der Musikschule wurde in diesem Sommer dichtgemacht. Doch statt sich nun enttäuscht an ihre Staffelei zurückzuziehen, ging die Grunemann los, kaufte Arbeitstische und Lampen, Papier und Malzeug, und lud die Kinder zu sich ins Atelier. Sie sollen unter den seltsamen Prioritäten der Erwachsenen möglichst wenig leiden. Dachte Evelyn Grunemann. Jetzt wird sie, wie es aussieht, von einer Realität eingeholt, die nach Kindern sowenig fragt wie nach Kunst. Das Beispiel mag für die anderen beiden - den Grafikdesigner Gerhard Trost und die Schmuckgestalterin Margarete Neumann mitstehen. Und dabei ist noch kein Satz über die nicht minder heimgesuchten anderen Mieter gefallen, die sich erst jüngst mehrheitlich für eine Sanierung statt Abriß aussprachen, wie Gerhard Trost berichtet.
Der Kunstverein unserer Stadt hat lange gezögert, bevor er sich jetzt mit einem Offenen Brief an den Oberbürgermeister Wolfgang Pohl und die Stadtverordneten wandte. Darin wird unter anderem auf den Denkmalscharakter des nach Entwürfen von Beige, Hensel und Wegner entstandenen Ziegelbaus verwiesen. Beklagt wird auch das Fehlen einer Städtischen Gestaltungsordnung, die - wie es gerüchtelt - aus „Rücksicht auf Investoren„ in den Schubladen verschwunden sein soll, ohne je zur Abstimmung gekommen zu sein. Schließlich fragen die Briefautoren, warum eigentlich für die Zerstörung sozialer Bindungen, wie sie sich in dem seinerzeit ausgesprochen innovativen Bau widerspiegeln, eine bis zu sechzigprozentige Investititonsbeihilfe gezahlt werden soll, warum von der Stadt nicht vielmehr ein Antrag auf Einzeldenkmalschutz für das Haus gestellt wird, der eine Förderung bei Sanierung ermöglichen könnte, und warum die Stadt auf die Erwartung einer solchen Sanierung seitens der Bewohner unverdrossen mit der vorgeblich alternativlosen Abrißlösung reagiert. Im Oktober 1991 hatte die Stadtverordnetenversammlung übrigens auf Antrag der Grünen Fraktion beschlossen, der Zweckentfremdung von Atelierräumen „ab sofort„ entgegenzuwirken. Noch sind die Würfel nicht gefallen, und vielleicht erinnert sich ja noch dieser und jener...
Keine Lobby für den Mittelstand?
22. November 1997
Wenn sich der Bundesverband Mittelständische Wirtschaft (BVMW) im gastlichen Holiday Inn zu seinem monatlichen Stammtisch zusammenfindet, wenn es dann darum geht, was Politik für die Wirtschaft leistet, wenn Heidrun Förster und Ulrich Junghanns als Gäste alles ansonsten schon wieder obligat gewordene Parteiengezänk außen vor lassen, dann versprechen die Beteiligten sich offenbar, ein Stück weit vorwärts zu kommen miteinander. Das ist auch bitter nötig angesichts der Hilflosigkeit, die sich wie eine Hongkong-Grippe auszubreiten scheint. Da erklärt Peter Edelmann, immerhin der Wirtschaftsdezernent dieser Stadt, es gebe in Frankfurt (Oder) keine Wirtschaftslobby. Heidrun Förster bekennt, daß sie als Landtags-Abgeordnete der Regierungsfraktion gegenüber dem Beamten- und Verwaltungsapparat nur „eine Bittstellerin unter vielen„ sei (was sie freilich nicht hindert, sich jedesmal wieder auf die Socken zu machen, wenn sie von Sinn und Nutzen einer Sache überzeugt ist). Einem Unternehmer tritt, wie er sagt, der kalte Schweiß auf die Stirn, wenn er für die Kommune zu einem Seminar über die Einrichtung von City-Manager-Stellen fährt, und dann lassen sich - Lebensfragen her, Lebensfragen hin - nicht einmal die paar Mark Reisekosten im kommunalen Etat lockermachen. Eine Unternehmerin läuft und bittet und droht und wartet dann doch geschlagene anderthalb Jahre auf die Produktionsgenehmigung für ihren Betrieb. „Es geht ja gar nicht immer darum, finanzielle Unterstützung von der Stadt zu erhalten. Die Verwaltung soll einfach nur ihre Arbeit machen.„ Allerdings offenbart manche Forderung auch Unkenntnis über die eigenen Möglichkeiten. Daß der Wirtschaftsausschuß öffentlich tagt, dürfte auch in Seefichten kein Geheimnis sein. Daß jede Stadtverordnetenversammlung mit einer Bürgerfragestunde beginnt, desgleichen. Die frühe Bürgerbeteiligung bei Planungsverfahren wird so gut wie nie in Anspruch genommen. Die Diskussionen beginnen dann meist, wenn der Hochbau schon am Werken ist. Die brennendsten Fagen freilich sind nicht in Frankfurt (Oder) zu lösen. Das gerade war ja der Grund für den BVMW, Land- und Bundestagsabgeordneten den Rücken zu stärken im Interesse der Region. Der seit Jahr und Tag von der Wirtschaft nachdrücklich eingeforderte Regionale Güterverkehr über Kietz/Küstrin ist auch nicht ansatzweise in Sicht. Die Verhandlungen zwischen Polen und Deutschland sind festgefahren - aber nicht, weil Bonn eine Regionalisierung gefordert hätte, sondern weil es auf eine Tonnagebegrenzung abzielte, die eigentlich gar keiner gebrauchen kann. Wenn die Landesregierung ihre Aufträge für die Deichrekonstruktion freihändig sonstwohin vergibt, nur nicht an die Betriebe vor Ort, darf sie sich nicht wundern, daß sie tiefes Mißtrauen erntet, wieweit ihre Bekenntnisse zur Wirtschaftsförderung überhaupt noch ernstgenommen werden können. Auch das Zusammenwachsen von Frankfurt(Oder) und seinen anliegenden Landkreisen zu einer Wirtschaftsregion ist immer noch mehr eine Sache bunter Europlänchen, als Realität, selbst wenn sich „langsam ein regionales Selbstbewußtsein regt„, wie Junghanns meint. Wenn er recht hat, müßten sich die Messepotentiale von Fürstenwalde, Eisenhüttenstadt und Frankfurt (Oder) bald schon am Westkreuz bündeln lassen.Kurzum: Die Probleme liegen, zum Teil seit langem, auf allen Ebenen zutage. Allerdings versucht die Unternehmerschaft in Frankfurt den mittlerweile angestauten Frust nicht umzumünzen in polemische Attacken. Vielleicht liegt’s an der freundlich blinkenden Kerze auf dem Tisch oder dem gemütlichen Glas Bier. Vielleicht aber auch daran, daß ein Unternehmer nicht in Fraktionszwängen und anderen unsinnigen Ritualen der Tagespolitik verfangen ist, sondern gewöhnlich Entscheidungen trifft, die er auch unmittelbar verantworten muß. Manche Stadtverordneten, nicht selten allzu vordergründig auf der Suche nach dem gerade passenden Schuldigen, könnten sich von der Diskussionskultur des BVMW jedenfalls ein ganzes Stück abschneiden.
Leben in einer Welt mit Aids
29. November 1997
Vielleicht haben Sie sich gestern über die Bonsai-Verkäufer mit den roten Schleifen am Revers gewundert, als Sie im HEP oder im SMC waren. Möglich, daß Sie über den stattlichen Preis für die Pflänzchen gestaunt haben oder gerätselt, was diese Minibäumchen mit AIDS zu tun haben sollen. Symbolisch. Metaphorisch. Trösten Sie sich - an dreihundert weiteren Ständen im gesamten Bundesgebiet ging es anderen Leuten ebenso. Vielleicht liegt’s einfach an dem italienischen Großhändler, der die Kunstkümmerlinge en masse am Lager hatte. Doch Hand aufs Herz: Wer hat nicht schon für Unnützeres mehr Geld ausgegeben? Und so haben vielleicht auch Sie etwas aus der Weihnachtskasse abgezwackt, um zu helfen. Daß diese Hilfe nötig ist, daran besteht leider kein Zweifel.
Schon wahr: Die Begleiterscheinungen der offenen Gesellschaft sind nicht in Gestalt einer Lawine über Brandenburg hinweggerollt. Manche Kurve klettert beinahe unmerklich nach oben. Auch für die HIV- und AIDS-Statistik gilt das. Waren 1989 auf dem Gebiet des heutigen Landes Brandenburg ganze sechs HIV-Positive und ein AIDS-Kranker erfaßt, so hatte sich diese Zahl 1994 bereits verzehnfacht, sind es in diesem Herbst bereits 122 HIV-Positive und 32 Erkrankte. Auch 15 Todesopfer sind inzwischen zu beklagen. Dabei nimmt die Statistik keine Rücksicht auf die vermutlich relativ hohe Dunkelziffer und die mit Sicherheit hohe Zahl jener, die sich lieber in Berlin oder anderswo testen lassen. Auch das knappe Dutzend AIDS-Kranker, das sich in Frankfurt (Oder) mittlerweile behandeln lassen soll, kommt schließlich zumindest teilweise aus anderen Teilen der Region.
Es gibt eben immer noch die Angst vor der Ausgrenzung, vor dem Verlust sozialer Kontakte, nicht zu reden von der eigenen Unsicherheit. Wie geht einer mit dem „positiv„ verlaufenen Test um? Wo findet einer Halt, wenn er krank ist? Kann er auf das Verständnis seiner Mitmenschen bauen? Das Ding mit dem Gummi haben heute schon die Vierzehnjährigen drauf, aber leider ist das nicht alles. Der Welt-AIDS-Tag am kommenden Montag soll deshalb auch in Frankfurt (Oder) dazu dienen, über Risiken und Präventionsmöglichkeiten zu informieren und zugleich an die Betroffenen zu erinnern. Der Verein „Bella Donna„ hat sich dazu mit dem Verein „Netzwerk„ und dem Schwulen- und Lesbenverein „Our Way„ zusammengetan. Aber auch das Gesundheitsamt der Stadt und - ein Novum - die Poliklinik in Slubice sind mit von der Partie.
Das Motto des diesjährigenWelt-AIDS-Tages heißt „Children living in a world with AIDS„. Zwar sind von den 50 000 Betroffenen in Deutschland „nur„ rund 500 Kinder, doch weltweit sterben allein an der Immunschwächekrankheit Tag für Tag tausend Minderjährige. Schätzungen gehen davon aus, daß neun Millionen Kinder - zum Teil selbst infiziert - durch AIDS ihre Eltern verloren haben. Deshalb will die Deutsche AIDS-Hilfe in diesem Jahr auch ein Spendenprogramm der UNICEF unterstützen, damit Projekte für Kinder mit AIDS in Uganda, Malawi, Namibia, Kambodscha und Sri Lanka finanziert werden können.Der Großhändler übrigens legte auf seinen Bonsaiwald noch 50 000 Mark als Spende obendrauf. Unter anderem, damit weitere Verkaufsaktionen organisiert werden können. Und falls Sie doch kein Bäumchen gekauft haben sollten, aber trotzdem helfen möchten, können Sie Ihre Spende ja auch direkt an UNICEF überweisen: Konto 1 330 000 bei der Deutschen Bank Köln, BLZ 370 700 60, Stichwort: Kinder und AIDS.
Die Sache mit den Töpfen
6. Dezember 1997
Lichterglanz in Frankfurts City. Wie eine Vorahnung, wie ein Hoffnungsschimmer. Schließlich soll auch hier irgendwann zusammenwachsen, was zusammengehört. Schließlich weiß auch hier niemand, wann genau das sein wird. Bauminister Töpfer machte vor gar nicht langer Zeit Mut, die gesamte Innenstadt könnte zum Sanierungsgebiet werden. Förder- und entwicklungsfähig. Mit öffentlichem Geld, das ein Vielfaches an privatem Kapital in Bewegung bringt, wenn man die Hebel richtig ansetzt. Die GSW und die Kommune demonstrieren seit Jahren, wie das funktioniert - in Altberesinchen, in der Fischer-, Linden- und Gubener Straße. Doch das öffentliche Geld muß erst einmal dasein. Wieso liegen beim Land noch immer Millionenbeträge ungenutzt herum, während alle über die Finanzmisere stöhnen? Die Taler sind im falschen Topf gelandet, über die Haushaltssperre gestolpert, in heimliche Sparstrümpfe gekullert. Zum Nachteil Brandenburgs. Zum Nachteil auch unserer Stadt.
Dafür schreiben Staatsanwälte jetzt einigen Verantwortungsträgern des Hildebrandt-Ministeriums ins Stammbuch, daß sie sich pekuniär falsch engagiert haben, als sie Gesundheitseinrichtungen opulent mit Fördermitteln ausgestattet haben. Warum? Sie haben das Geld aus den falschen Töpfen genommen. Eine ernste Sache, so eine Geld-Küche, da haben viele die Hand drauf. Und wenige kennen sich aus. Neulich beklagte sich ein brandenburgischer Projektleiter, daß er gar nicht wisse, wohin mit den Projektmitteln, die bis zum 31. Dezember ausgegeben werden müßten. Er wüßte zwar schon, wofür er das Geld brauchen könnte, aber er weiß auch, daß er es dafür nicht verwenden darf. Obwohl sein Projekt überaus erfolgreich gelaufen ist. Mit weniger Penunse, als er es für möglich hielt. Der einzige Dank für den Sparer: Er muß zurückzahlen, was er über hat. Seine Sachkenntnis ist nicht gefragt. Könnte ja jeder kommen. Wozu hätten wir dann so viele schöne Töpfe? Und so viele kluge Deckelverwalter?
Bei den Spendentöpfen ist es nicht anders. Die 640 000 Mark Hochwasserschäden, die aus Frankfurter Privathaushalten gemeldet wurden, sind inzwischen wie geplant zu 90 Prozent beglichen. Aber allein von dem Geld, das auf den DRK-Konten dafür bereitlag, sind noch mehr als fünfeinhalb Millionen Mark übrig. Was wird daraus? Könnte nicht den Unternehmen, die Verluste von knapp zehn Millionen Mark beklagen, damit unter die Arme gegriffen werden? Oder der Kommune, die alles in allem 36 Millionen Mark benötigt, um die Stadt samt Uferbefestigung wieder für die Zukunft fit zu machen? Oder wenigstens den Firmen mit städtischer Beteiligung? Sozialdezernent Martin Patzelt kann darauf vorerst noch keine Antwort geben. Wegen der Töpfe. Weil gegen den Spenderwillen - aus gutem Grund - nichts geht. Nur: Ist nicht der Spenderwille längst erfüllt? Ist es nicht schlichtweg logisch, den Topf flugs weiterzureichen, wenn schon satt ist, wer satt werden sollte?Die Crux scheint immer wieder dieselbe zu sein. Die Finanzhoheit liegt selten dort, wo sie hingehört, dort nämlich, wo das Geld gebraucht und ausgegeben wird. Das Finanzsystem ist zu unbeweglich und verbürokratisiert, um flexibel und effizient zu reagieren. Ein gut Teil aller Haushaltsnöte, darf man vermuten, sind letzten Endes darauf zurückzuführen. Also seien Sie auf der Hut: Gucken Sie sich Ihre Haushaltsführung niemals bei der öffentlichen Hand ab, sonst sind Sie morgen pleite. Wenn Sie sich partout nicht sicher sind, welches der richtige Topf für die Weihnachtsinvestition ist: Legen Sie ihr Geld in einem Brummtopf an oder, falls das nicht reicht, in einem Rumtopf. Das wirkt immer. Und haben Sie einen fröhlichen Advent.
Wer durchbricht welchen Konsens?
13. Dezember 1997
Dem schwarzen Block mit seinem straßenbreiten Transparent lief eine junge Frau voran. Kaum zu erkennen das weißgeschminkte Gesicht. An den Oberkörper hielt sie ein Pappköfferchen gepreßt, und hinter sich her zog sie ein Kinderspielzeug, bunt wie ihre Pluderhosen. Sagte nichts, blickte sich nur um, verwirrt von den geharnischten Hundertschaftlern der Polizei, von den militanten Sprücheklopfern hinter sich, die am vergangenen Samstag kamen, „den rechten Konsens„, wie sie meinten, zu durchbrechen. Wie ein kleiner, ausgesetzter Clown tippelte Alena Karaschinski vor dem Zug her, neben sich Leute wie den Stadtverordnetenvorsteher Jürgen Barber, den Klubhauschef Frank Hammer oder den PDS-Landtagsabgeordneten Christian Gehlsen mit seiner Schärpe „Keine Gewalt„. Das versteh ich nicht, rief dieses Gesicht, aber ich gehe hier, damit nichts passiert. Euch nicht, mir nicht und diesem Land auch nicht. So dachten viele. Der 70jährige, der die Nazis noch erlebt hat mitsamt ihrem Krieg, und sein Enkel auch. Das ist kein Chaot, sagte der Opa, der weiß, daß der Faschismus das Schlimmste ist, was uns passieren kann. Dem will ich nicht widersprechen.
Doch ob deshalb politische Ideen als gruppentherapeutische Ersatzrituale für das Manöver Schneeflocke - und Ärgeres - herhalten müssen? Ob das Pathos der Sprechblasen deshalb weniger kitschig wird? Ganz zu schweigen von der verbalen Brandschatzerei, dieser alten deutschen Übung, mit dem eigenen Kampfgeschrei das eigene Nachdenken totzubrüllen. Wie froh war ich, als Gehlsen an der Stadtbrücke das Mikrofon nahm, über diese Grenze sprach, die Flüchtlingsjagd und die von der Stadt mitverantwortete Abschiebepraxis - aber dann eben, der aufkochenden Pöbelei standhaltend, auch über die „verdammte linke Überheblichkeit„, die Toleranz predigt und den Mitmenschen nicht gelten läßt, die gegen Gewalt zu sein vorgibt, zugleich Gewalt fordert und letzten Endes zur Gewalt greift. Nein, nicht um den Faschismus zu überwinden, sondern die Kassiererin im Supermarkt. Nicht um den Privatbesitz an Produktionsmitteln zu enteignen, sondern um Schnaps und Zigaretten zu klauen. „Wie die Vandalen sind sie hier durchgezogen„, erzählte die Verkäuferin. „Die ersten bezahlten noch, dann brach eine regelrechte Hysterie aus.„ Am Ende fehlte Ware für rund tausend Mark. Kurz danach wurde im Jugendclub Ragbag ein junger Mann krankenhausreif geschlagen. Daß die folgenden Personenfeststellungen und die Razzia im Lebenshaus vernünftig vonstatten gingen, ist unter solchen Umständen wohl zuallererst der Polizei zu danken. Der Kapitalismus hat an diesem Revolutionsabend übrigens keinen Schaden genommen.Es ist schon so: Was nach der Demonstration geschah, geht nicht auf das Konto jener 600 Deutschen und Polen, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch nahmen. Jeder soll in dieser Republik zeigen können, was er glaubt. Wenn er sich dabei von einer andersdenkenden Majorität und laufenden Kameras nicht einschüchtern läßt, ist das aller Ehre wert. Wahr ist aber auch: Von ein paar Dutzend Leuten - 17 wurden vorläufig festgenommen, fünf davon kamen aus Frankfurt - ist ein Konsens gebrochen worden, um den in Frankfurt gerade wegen seiner Zerbrechlichkeit seit Jahren gerungen wird: der Konsens der Friedfertigkeit und der Verständigungsbereitschaft. Mit den sich häufenden rechtsextremistischen Übergriffen auf polnische Studenten, Asylbewerber, Denkende ist das nicht entschuldigt, auch nicht mit dem Protest gegen Junge Nationaldemokraten und ihre Minnesänger. Wer etwas ändern will, muß sich nun mal - auch für bislang Unbeteiligte sichtbar - unterscheiden von dem, was geändert sein soll.
Rückert und das Weihnachtsfest
20. Dezember 1997
Auf Weihnachten kann man sich verlassen. Das braucht kein Bundeskanzler anzukündigen. Das kommt auch so. Und da es so ist, lädt Weihnachten dazu ein, sich mit den eigenen kleinen Riten darauf einzustimmen. Umso mehr, wenn die oral fixierte Befriedigungsgesellschaft einem nicht als das Ziel aller Wünsche erscheint. Umso mehr, wenn Flut und Feuer und auch sonst allerlei Unbill das Jahr durcheinandergeschüttelt haben. Weihnachten bietet sich an, wie der imaginäre Punkt, den Archimedes für seinen ebenso imaginären Hebel suchte, um die Welt aus den Angeln zu heben. Oder in die Angeln zurück. Wer überdies jüngere Kinder hat, bedarf nicht einmal einer besonders pfiffigen Ausrede, weshalb er mit Eifer Adventskalender spickt, die Haustür mit grünen Kränzen versieht, Fenster schmückt und allüberall Kerzen und Räucherwerk aufschimmern läßt.
In unserer Küche riecht es mittlerweile nach Plätzchen und Pfefferkuchen. Das Bachsche Weihnachtsoratorium ist entstaubt und dreht sich auf dem Plattenteller. Im Computer steckt statt einer Flugsimulation eine Musik-CD von Thomas Friz und Klaus Wuckelt. Ein Kunst-Stück der besonderen Art, dessen ich mich in der Adventszeit gern entsinne. Die Weihnachtslieder darauf stammen von allerlei Autoren der letzten Jahrhunderte. Am meisten ans Herz gewachsen aber ist mir ein Text von Friedrich Rückert, den Friz vertont hat. „Gekommen in die Nacht der Welt ist Gottes Licht„, heißt es dort, und: „Wir sind daran erwacht und schlummern fürder nicht.„ Darin erkenne auch ich mich wieder. Denn wozu sollten milder Schein und Feiertagsruhe nützlich sein, hülfen sie nicht auch, das bisher Ungesehene wahrzunehmen, das bislang Unbedachte zu bedenken und beidem sich zuzuwenden? Dazu bedarf es keiner großen Tat. Eine Geste ist oft genug. So wie die des Kneipers in der Fischerstraße. Zu dem kam neulich eine ältere Dame auf der Suche nach einer Festtafel für die Gäste ihrer Goldenen Hochzeit, die sie am Heiligen Abend begeht. Manches Restaurant hatte sie schon vergeblich abgeklappert. „Da mach ich doch auf die paar Stunden. Wo soll sie denn sonst hin?„ meinte der Wirt, der auch lieber im Sessel säße und die Beine hochlegte vor der Bescherung. Diese kleinen Ermutigungen sind es, auf die zu hoffen sich lohnt.
Rückert in seinem Lied läßt uns nicht auf Erleuchtung warten. Was wir glauben oder wissen oder zu wissen glauben, kann nur ein Anfang sein, ein Trost vielleicht. Für die Erlösung sind wir schon selber zuständig, meinte der Dichter, der die 48er Revolution erlebte und ihr Scheitern. Im nächsten Jahr ist das 150 Jahre her, und es wird sich im Gedenken einmal mehr zeigen, wie sich Wünsche und Illusionen, Mut und trotziges Bestehen über die Epochen hin gleichen. Wie jede sich neu gebärdende Zeit die alten Versprechungen bricht. Und wie es am Ende immer beim Einzelnen liegt, seine Schlüsse zu ziehen aus dem, was ihm widerfuhr. „Daß wir durchdrungen sind vom Lichte, dem wir dienen: Wir zeigen’s dem Gesind der Nacht in unsren Mienen„, schreibt Rückert. „In hellen Mienen macht sich kund die Kraft des HERRN, und wer nicht in der Nacht kann leuchten, ist kein Stern.„
Ist es Nacht? Sind wir Stern? Wer ist unterwegs jetzt und folgt wem? Was sehen wir in den Augen des bescherten Kindes unter unserem Weihnachtsbaum und was, zum Beispiel, in den Augen des verbrannten Mädchens aus Wuppertal? Was macht uns ruhig, und was soll nach der Ruhe uns bewegen? Weihnachten schenkt uns ein wenig Zeit, Antworten zu suchen. Zwischen Christbaum und Weihnachtsgans sollte das nicht ganz vergessen sein. Ich wünsche Ihnen ein erinnerungsreiches Fest.
Die Frage ist nur, wie hoch einer fliegt
27. Dezember 1997
Im Arbeitszimmer des scheidenden Pressesprechers im Rathaus hängt ein Luftbild, das vor etwa zweieinhalb Jahren aufgenommen wurde. Da stand noch die Collathsche Fabrik, und da gähnte bereits das Penz-Loch, da wurde in der Fischerstraße schon kräftig saniert, und die Brachen in der Walter-Korsing-Straße lagen noch unberührt. Da fehlten noch die buntfrisierten Betonergüsse „Sieben Raben„ und „Marieneck„, aber das World Trade Center grüßte schon in die Ferne. Die Stadt, verrät das Bild, ist in Bewegung. Sollte die Ansicht aktuell bleiben, so müßte wohl jeden Monat eine neue Aufnahme gemacht werden. Aber nicht alles hat die überdimensionale Fotografie ins Bild gebannt. In diesem Jahr erlebte die Stadt ihre furchtbarste Feuersbrunst und ihr schlimmstes Hochwasser in diesem Jahrhundert. So schrecklich beide Ereignisse waren, so überwältigend war doch auch die Reaktion von Mitbürgern, beileibe nicht nur aus Frankfurt (Oder) und Brandenburg. So konnten nicht nur viele der überlebenden Brandopfer inzwischen in restaurierte Wohnungen einziehen; in Kliestow entstand unter dem Motto „Neues Leben wagen„ auch ein Neubau für Behinderte. Und während die Oderwasser sich inzwischen ins Flußbett zurück verlaufen haben, ist die Spendenflut noch immer nicht gebändigt und, was allerdings dringend nötig wäre, sinnvoll kanalisiert. Dabei war das Geld für die Schadensbeseitigung und den Wiederaufbau nur das eine. Die Stadt erlebte Solidarität hautnah, erlebte, wie die zu recht vielgescholtene Bürokratie sich selbst überwand, erlebte den Mut und die Beherztheit von Einsatzkräften, Helfern, bekannten und gänzlich unbekannten Leuten. Einzelne Institutionen oder Unternehmen mögen daraus im nachhinein eine Werbekampagne für ihre eigenen Zwecke gemacht haben. Die Erinnerung an das gemeinsame Zupacken wird davon nicht geschmälert. Höchstens zeigt sich dabei, daß sich die Ausnahmesituation nicht einfach in den Alltag verlängern läßt.
Zu diesem Alltag gehörten auch andere Superlative, beispielsweise bei den Erwerbslosenzahlen. Die überschritten deutschlandweit ebenfalls die Jahrhundertmarke. Den Bürgern wurde tief in die Tasche gegriffen, wenn es um Versicherungs- oder Kassenbeiträge ging, und sie dürfen sich bereits auf die Erhöhung der Mehrwertsteuer freuen, den Absud einer mißglückten Steuerreform a la Kohl. Während so die Preise, als wäre dies ein Naturgesetz, unablässig steigen, wird in Frankfurt die Fernwärme billiger. Das ist nicht nur dem neuen Grundlast-Heizkraftwerk zu danken, sondern vor allem den Kommunalpolitikern, die den Mut hatten, die Energieversorgung der Stadt in die eigenen Hände zu nehmen, dabei einen zornigen Riesen auszubooten und ein überzeugendes Argument für die Dezentralisierung von Strukturen zu liefern. Auch sonst fehlte es nicht an Einweihungen und Richtfesten: Landeszentralbank und DEKRA-Haus, IHK-Gebäude und Telekom-Domizil setzten Zeichen für das Behördenzentrum Frankfurt (Oder). Ansonsten kommt auf zwei Frankfurter mittlerweile ein PkW, die Zahl der Geburten stieg über die der Sterbefälle, und die Einwohnerzahl sank auf unter 78 000.
Die Stadt also verändert sich, aber die Leute gehen. Tröstlich, daß Sie offenbar noch nicht dazugehören. Sei es nun, weil Sie die Eurogartenschau im größten Dorf Brandenburgs noch erleben möchten, sei es, weil Sie fest auf das Erblühen der Mikroelektronik vertrauen, oder sei es auch nur, weil Sie hier Ihren Ort gefunden haben, von dem sie nicht lassen können - mag da kommen, was will. Wenn Sie denn getrost ins Wahljahr 1998 schlittern, sehen Sie zu, daß Ihnen kein Frankfurter Elch in die Quere läuft, lassen Sie sich nicht gegen einen Alleebaum wuchten und nehmen Sie´s wie Heinz Kruschel, der da schrieb: Der Himmel, mein Lieber, ist immer blau. Die Frage ist nur, wie hoch einer fliegt.