Oderanzeiger 2000
Schuhe für Nowosibirsk
8. Januar 2000
Am zweiten Weihnachtsfeiertag war Heinz Adler einkaufen. Er suchte nach Schuhen, festen amerikanischen Winterstiefeln. Und mit ihm suchten etliche Bewohner des Kinderheims St. Nicolaus in den Geschäften von Nowosibirsk. Das Geld – sechstausend Mark – hatten Angehörige der Heilig Kreuz Gemeinde Frankfurt (Oder) gespendet, ebenso wie die bunten Teller für die russischen Kinder. Sage keiner, Hoffnung wöge leicht: Fünf Zentner wogen die Koffer und Taschen, die Adler und seine beiden Begleiter schleppen mußten: Süßigkeiten, Haushaltswaren, Kommunikationstechnik. Wenn er von den Strapazen erzählt, glänzen Adlers Augen. Genauso, wenn er von der Tour auf den verschneiten sibirischen Straßen bei 22 Grad Kälte spricht, die ihn nach Tomsk führte. Dort verabredete er einen erneuten Kinderaustausch für den Sommer dieses Jahres. Nun sitzt Adler wieder im Carisatt-Laden in der Leipziger Straße und meint: An den Alltag hier muß ich mich erst wieder gewöhnen. Denn die Reise war ein Fest, sein Fest. Nicht anders mag es Jörg Faulhaber gegangen sein, als er an der Weihnachtstafel in der Meurerstraße saß. Nicht nur, weil er sehen konnte, wie sein riesiger, selbstgebackener Schokoladenkuchen den Kindern und Erwachsenen schmeckte, sondern weil er im zurückliegenden halben Jahr die Erfahrung machte, daß er anderen mit vielen kleinen Schritten helfen kann. Die sich in der Meurerstraße am Heiligabend versammelt hatten, lebten vor kurzer Zeit noch im Obdachlosenheim oder hatten Kündigung und Räumungsklage am Hals. Inzwischen haben sie wieder eine eigene Wohnung. Für diese Rückkehr nach zu Haus haben Stadtverwaltung und Wohnungswirtschaft gemeinsam mit dem neugegründeten Verein „Miteinander wohnen“ gesorgt. Kein Wunder, wenn auch Sozialdezernent Martin Patzelt meint: Für mich ist das ein wirklich gelungenes Weihnachtsgeschenk. Zwei Beispiele für viele, die zeigen: Am größten ist die Freude, wo wir uns selbst beschenken, indem wir anderen Gutes tun. Zwei Gründe, um zu sagen: Das Jahr fängt gut an. Das dritte Beispiel könnte jeder von uns sein. In diesem Sinne: Auf ein gutes, ideenreiches Jahr 2000!
Visionen und Realitäten
15. Januar 2000
Wenn von der Entwicklung der Stadt auf dem Weg zu ihrem Jubiläum die Rede ist, spricht Oberbürgermeister Wolfgang Pohl neuerdings gern von zwei Flaggschiffen, die Frankfurt mit der Universität und dem Institut für Halbleiterphysik hat. Man sieht sie förmlich bei schwerer See die Wellen pflügen. Die Kapitäne Abbas Ourmazd und Gesine Schwan stehen für die Überwindung von Grenzen an der Schwelle zur Informationsgesellschaft, kommunikativer ebenso wie nationalstaatlicher. Frankfurter Studenten und Wissenschaftler aus vieler Herren Länder werden das neue Europa wesentlich prägen. Weltspitzenleistungen aus Frankfurt (Oder) sind kein Treppenwitz mehr und auch keine Zukunftsmusik, sondern Gegenwart.
Man könnte sie also glatt in Öl malen, die beiden Flaggschiffe, hätte das Panorama nicht einen kleinen Schönheitsfehler. Wo bleibt denn die Flotte? Ist sie im Haushaltsloch von 100 Millionen Mark ersoffen? Oder reicht es vielleicht nicht, wenn die Mannschaften sich selbst überlassen in die Segel pusten, während ringsum Flaute herrscht? Die Bevölkerungszahl sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt, und wer noch einen Job hat, wartet nicht selten monatelang auf sein Geld. Internationale Reiseführer warnen davor, daß kaum ein Besucher in dieser Stadt ohne ein Knöllchen davonkommt und daß die Touristinformation angesichts fremder Mundart zumeist Bahnhof versteht. Die Stadtverwaltung, nach Pohls Worten, macht sich immerhin schon im Jahr 2000 auf den Weg, ein Dienstleister für die Bürger zu werden, und der Ruf nach Stadtmanagement und Regionalmarketing klingt altvertraut, ohne daß er bislang vorzeigbare Ergebnisse gebracht hätte. Wenn Pohl in dieser Situation weniger Staat und mehr unternehmerische Initiative fordert, darf das nicht Rückzug aus der öffentlichen Verantwortung bedeuten. Denn eine Flotte ohne funktionierenden Hafen wird es nicht geben.
Die Kunst des Vorbeihörens
22. Januar 2000
Was Kulturreferent Michael Reiter bei der jüngsten Sitzung des Kulturausschusses ins Feld führte, klingt vernünftig: Das städtische Theaterkonzept soll alle denkbaren Optionen für Theater in der Stadt vermittels möglicher Projektförderung offenhalten. Die Arbeitsgruppe „Freunde des Theaters“ will dagegen ein Klei(n)st-Ensemble, das sich produktiv in den brandenburgischen Theaterverbund einbringt und in der Region wirksam wird. Beide Vorschläge liegen auf dem Tisch. Die darin enthaltenen Wunschvorstellungen und realen Chancen müßten nun voneinander geschieden, eine sinnvolle Synthese zum Nutzen der Stadt gefunden werden.
Doch wenn es darum geht, beide Papiere gleichberechtigt zu diskutieren, entwickelt Kulturreferent Reiter eine Kunst des Vorbeihörens, zu der sonst nur jahrzehntelanger Dienst im Diplomatischen Corps befähigt. Standhaft weigert er sich, zur Kenntnis zu nehmen, daß der Kulturausschuß das Konzept der Theaterfreunde in der Dezernentenrunde diskutiert wissen will und Reiter mit dem Auftrag versehen hat, genau das sicherzustellen. Seine Haltung brüskiert Abgeordnete und engagierte Bürger. Da geht es längst nicht mehr um Mißverständnisse, sondern um die Verweigerung von Kommunikation seitens der Verwaltung. Da steht nicht mehr die geplante Verteilung von 2,6 Millionen Mark für Theater in Frankfurt (Oder) auf dem Spiel, sondern die politische Kultur dieser Stadt. Setzt sich ein Demokratieverständnis durch, das auf Ausgrenzung statt auf Partizipation angelegt ist? Werden die gewählten Vertreter der Bürgerschaft zur Dekoration der Verwaltungsherrlichkeit degradiert? Egal, wessen Konzept sich schließlich durchsetzen und wie das Theaterangebot in Frankfurt (Oder) künftig aussehen wird: Der Grabenkrieg zwischen Verwaltung, Kultur-ausschuß und Theaterleuten ist eine Groteske.
Wirtschaft am Scheideweg
29. Januar 2000
Die Wirtschaftsakteure des Oderlandes zeigen vorsichtigen Optimismus. Es geht wieder aufwärts, ist die Botschaft der jüngsten Konjunkturumfrage der Frankfurter Industrie- und Handelskammer. Bei Lichte besehen zeigt sich: Es geht zumindest nicht mehr abwärts. Allerdings schlagen bei den Prognosen die Wirkungen der sogenannten Ökosteuer noch nicht mit voller Wucht durch. Auch ob die Nachbesserungen bei den 630-Mark-Jobs das gewünschte Ergebnis zeitigen, läßt sich noch nicht mit Sicherheit sagen. 27 Prozent der Unternehmen sehen einen Personalabbau vor, während nur zwölf Prozent zusätzliche Mitarbeiter einstellen wollen. Schon jetzt liegt die Arbeitslosenquote bei rund 20 Prozent – alles andere als ein Grund zum Aufatmen. Das gilt nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für den Einzelhandel. Im Verkehrs- und Transportgewerbe wird sich erweisen, ob das Durchreichen höherer Kosten an den Kunden nicht mit schwerwiegenden Akzeptanzverlusten einhergeht. Der öffentliche Personen-Nahverkehr weiß davon seit längerem ein trauriges Lied zu singen. Bei der Industrie und im Service- und Dienstleistungsbereich sind die deutlichsten Verbesserungen zu verzeichnen. Aber auch hier bedarf es einer langfristigen Strukturentwicklung, um die Exportwirtschaft zu stärken und die Wertschöpfung in der Region anzukurbeln. Das Stichwort heißt Wirtschaftsförderung. Allerdings nicht Wirtschaftsförderung schlechthin und als Faß ohne Boden, sondern mit hoher Effizienz durch größtmögliche Vernetzung. Das Investor Center Ostbrandenburg, das erst kürzlich wieder erfolgreich eine Ansiedlung im Dienstleistungssektor begleitete, steht dafür als Beispiel. Sein Kurs zeigt zugleich, daß es vor allem die neuen Märkte sind, mit denen sich in Frankfurt und der Oderregion Zukunft schaffen läßt. Dafür allerdings bedarf es einer größeren Bereitschaft zu Risiko und Neuorientierung, als sie derzeit vorhanden scheint.
Kein Schuz vor Katastrophen
5. Februar 2000
Die CDU will es nicht dabei belassen, daß über sie geredet wird – sie will mitreden. So lud der Ortsverband 1 am Montag zur öffentlichen Versammlung. Doch der Gesprächsbedarf scheint nicht sehr groß zu sein. Medienvertreter und Abgeordnete bildeten die deutliche Mehrheit der Anwesenden. Was sollte von den Frankfurter Christdemokraten auch Neues zu erfahren sein? Selbst die Durchhalteparolen und Selbstbeschwichtigungsrituale klingen so vertraut, daß man gar nicht mehr weiß, aus welchem Teil Deutschlands man dergleichen wann schon vernommen hat. Ein bißchen Zerknirschtheit, eine bißchen halbherzige Inschutznahme, ein wackeres Kampfsignal vor Ort und das bei solcher Gelegenheit stets vernehmliche: „Das darf aber nicht noch einmal passieren...“
Wieso nicht, wenn selbst der Landesvorsitzende nach der Klausurtagung seiner Partei weniger weiß als Stunden später die Medien? Da wird jede Vertrauensseligkeit zum Russischen Roulette. Niemand weiß, wann und bei wem es demnächst knallen wird.
Nun hat es gerade geknallt, und ein Vertuschungsversuch nach dem anderen scheitert vor laufenden Kameras. Das System Kohl: Ein Kaufmannsladen. Im Angebot: Regierungspolitik. So drastisch urteilen Wähler, und sie argumentieren: Eine saubere Quelle müßte ja niemand verschweigen. Was hilft es zu sagen, daß die CDU mit ihrem Debakel nicht allein dasteht. Traurig genug, kommt die Antwort zurück. Aber Demokratie heißt auch, daß Skandale wie dieser schließlich ruchbar werden und die Öffentlichkeit darauf reagieren kann. Das unterscheidet sie – Ulrich Junghanns hat vollkommen recht – von der Diktatur. Die Betroffenen können auf den Vertrau-enseinbruch mit Sacharbeit reagieren. Wolfgang Melchert brachte die Lage der hiesigen CDU auf den Punkt, wenn er sagte: „In der Stadt muß man an unseren Leistungen erkennen, wer wir sind.“ Ein Schutz vor künftigen Katastrophen ist das allerdings nicht.
Chance beim Schopf gepackt
12. Februar 2000
Seit langem dümpelte der Frankfurter Cityring nur noch vor sich hin. Die Beschäftigung mit Ladenöffnungszeiten und Beteiligungen an Stadtfesten griff entschieden zu kurz, die Uneinigkeit lähmte. Nun hat sich eine Interessengemeinschaft Innenstadt als Verein formiert. Gründungsmitglieder sind „Macher und Koordinierer“, wie Oberbürgermeister Wolfgang Pohl sie nennt: Banken und Vermieter, Einzelhandelsverband und Werbeagentur, Vertreter der Stadt und der freien Jugendarbeit. Mit einem Zustrom engagierter Mitstreiter wird gerechnet. Angesprochen ist jeder, dem die Attraktivität der Stadt am Herzen liegt. Auch einen Citymanager will der neue Verein bestallen. Mit einer erneuten Ausschreibung soll ein Bewerber ausfindig gemacht werden, der den Ansprüchen mit Blick auf das große Jubiläum gerecht wird.
Die stille Emsigkeit, mit der hinter den Kulissen monatelang Wege geebnet wurden, das Zusammenrücken der Partner mit ihren ebenso differenzierten Interessen wie Wahrnehmungen am runden Tisch und natürlich auch das Timing sprechen dafür, daß hier eine Chance beim Schopf gepackt werden soll. Einerseits besteht ein gewisser Druck durch die bevorstehenden Ereignisse, andererseits könnte der Zeitpunkt mit der Ausgestaltung der Innenstadt als Sanierungsgebiet und der voranschreitenden Lückenschließung kaum günstiger gewählt sein. Der ganzheitliche Blick, den sich der Verein auf die Fahnen geschrieben haben, entspricht einem modernen Begriff von Bürgerbeteiligung, der sowohl den Spaziergänger auf der Promenade als auch den Großinvestor einschließt.
Das ist auch nötig, denn wo „Brikettfabrik“, „Fischbüchse“ und „Schweineohrenplatz“ zunehmend das Stadtbild prägen, wo Funktionsarchitektur historische Spuren eher verwischt als freilegt, da wird Aufenthaltsqualität zu einem erheblichen Teil vom Einfallsreichtum bei der Detailgestaltung abhängen. Schon deshalb darf man auf das noch ausstehende Handlungskonzept der Interessengemeinschaft gespannt sein.
Kleist - Innovation oder Totenfeier
19. Februar 2000
Bei den kommenden Kleist-Festtagen wird sich erweisen, ob ihre Neukonzipierung als sommerliches Kulturfestival die versprochenen Vorzüge entfaltet. Die Veranstalter hatten hinreichend Zeit, die Umstellung zu vollziehen. Nun darf man gespannt sein, ob sie sich der in Aussicht genommenen Zahl von 10 000 Besuchern nähern, die breite überregionale Ausstrahlung erreichen, sich innovativ auf dem Markt des Bildungs- und Erlebnisurlaubs bewähren. Falls nicht, bedarf die Begründung keines langen Nachdenkens. Denn die Kleist-Festtage sind auch eine Totenfeier: Ein Theatergastspiel aus Österreich ersetzt die Produktion des mit dem Sparknüppel erschlagenen Kleist-Theaters. Die Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte bleibt bis zum 15. Oktober wegen zu spät ausfinanzierter Sanierungsmaßnahmen geschlossen. Das Frankfurter Kleist-Kolloquium findet nur noch alle zwei Jahre statt. Dafür können weder die Stadt noch das Literturmuseum etwas. Überdies wird man auf das näherrückende Stadtjubiläum verweisen, auf das bereits, im nächsten Jahr mit neuer Dauerausstellung und Kolloquium glänzende Kleist-Haus und auf das Kleist-Kultur- und Kongreßzentrum, das dann fertiggestellt sein wird, aber wahrscheinlich ohne seinen ursprünglichen Namenspatron wird auskommen müssen. Ein Wettbewerb zur Neubezeichnung läuft ja bereits und auch der Volksmund hat längst seine Synonyme für den 60 Millionen Mark teuren Theatersarg gefunden. Natürlich kann es auch ganz anders kommen. Flexible, durch professionelle Kooperation hocheffiziente Veranstalter ziehen aus Brandenburg und Berlin im Verbund mit dem Frankfurter Gastgewerbe, der Universität und der Expo 2000 Scharen von Besuchern nach Frankfurt (Oder). Die Stadt wird zur gefragten Kulturbastion vor den Toren der Bundeshauptstadt, an der auch die inzwischen umgezogenen Eliten des Landes nicht vorbeikommen, ohne Schaden für ihr Image zu nehmen...
Kulturvereine - nur ein Kostenfaktor?
26. Februar 2000
Das Bedürfnis nach Kultur ist nicht zuerst ein kommerzieller Impuls. In ihren Lebensäußerungen finden Menschen zueinander, entwickeln Berührungsflächen, Kommunikationsmöglichkeiten, gemeinsame Bedürfnisse. So ist es nur natürlich, daß Kultur seit jeher zu einem beträchtlichen Teil von freiwilliger und ehrenamtlicher Arbeit lebt. Ohne das Engagement zahlloser Bürger wäre mit der gesellschaftlichen Transformation im Osten Deutschlands ein viel größerer Teil kultureller Beschäftigungsmöglichkeiten weggebrochen. Ähnliches gilt für den Sport und andere Freizeitbereiche. Doch nach der Auflösung der staatlichen und betrieblichen Strukturen bedurfte es lediglich einer Übergangsphase, um sich mit den neuen Rahmenbedingungen vertraut zu machen. Nach wenigen Jahren hatte eine Reorganisation bürgerschaftlichen Engagements eingesetzt.
Die Kulturfabrik verzeichnet inzwischen ihren 100.000. Besucher. Der Amateurkunstverein fehlt bei keiner Regionalmesse. Das Seniorentheater “Spätlese“ hat sich deutschlandweit einen guten Ruf geschaffen. Das deutsch-polnische Literaturbüro schlägt Brücken über die Oder. Die Fanfarengarde erobert fremde Kontinente. Lang ist die Liste der Leistungen.
Horcht man sich allerdings um in der Szene, wie es das Kulturpolitische Institut jetzt im Rahmen einer Studie getan hat, so dominiert bei vielen Befragten das Gefühl, die heimischen Kommunalpolitiker betrachteten die Vereine lediglich als Kostenfaktor, schmückten sich gern mit den Ergebnissen der Kulturengagierten, für die sie sich im übrigen jedoch nicht sonderlich interessierten. Gleichzeitig findet eine Verschiebung von bezahlter zu unbezahlter Arbeit, von Fachlichkeit zu Ambitionismus im Kulturbereich statt. Wird die ehrenamtliche Arbeit aber nicht mehr professionell flankiert, fehlen zur Sacharbeit die Sachmittel, so gerät die gewachsene Struktur aus den Fugen. Das zu verhindern, kann nicht nur die Aufgabe der Kultureinrichtungen und Vereine sein.
Nicht nur ein neuer Name
4. März 2000
Kleist-Forum Frankfurt könnte der schwarzgekachelte 60-Millionen-Neubau im Zentrum künftig heißen. Der Namensvorschlag überzeugte die Jury unter 120 Ideen am stärksten. Er bewahrt den Namen des Frankfurter Dichters, gibt mit dem Stadtnamen ein selbstbewußtes Signal hin zum großen Namensvetter und betont den Begegnungscharakter, der dem neuen Haus sein Profil geben soll. Zweifellos eine gute Entscheidung, der der Hauptausschuß als offizieller Namensgeber hoffentlich zustimmen wird.
Aber nicht nur um einen neuen Namen geht es: Viele Einsendungen zeigten, daß der Streit sowohl um die architektonische Gestalt als auch um die Funktion des Hauses nicht ausgestanden ist. Von Black Box bis zu Theater-Gedächtnis-Halle reichte die Palette. Andreas Bitter und die von ihm geführte BrandenburgMesse Frankfurt (Oder) GmbH übernehmen deshalb nicht nur eine der größten Investitionen, die Frankfurt (Oder) im Zuge der gesellschaftlichen Transformation angepackt hat, sondern auch die kommunalpolitischen Verdrängungsleistungen, wenn es um öffentliche Debatte über sich ändernde Bedingungen geht, und ihre Folgen, die dem Volksmund die Zunge lockern. Wer nur mit Häme registriert, daß das Kleist-Forum schon vor seiner Fertigstellung ein von vielen Frankfurtern ungeliebtes Kind ist, dem überdies die Verantwortung am Finanzdesaster der Stadt zugeschoben wird, begnügt sich nicht nur mit einer Halbwahrheit, sondern trägt dazu bei, daß Frankfurt wieder einmal eine Zukunftschance verpaßt. Auch wenn es nicht zur Heimstatt des stadteigenen Theaters wird, wie es einst gedacht und beschlossen wurde, steht mit dem Forum im kommenden Jahr ein Potential zur Verfügung, das Frankfurt im Wettstreit der Kommunen ein Plus verschaffen kann. Die Kraft der Stadt sollte jetzt darauf konzentriert werden, das Haus mit realistischen Konzepten zum Leben zu erwecken und die Messegesellschaft mit dieser schwierigen, aber auch lohnenswerten Aufgabe nicht allein zu lassen.
Oistrachs von heute und morgen
11. März 2000
Die Frankfurter Festtage der Musik haben sich, im Verbund mit den musikalischen Begegnungen West-Ost Ziebna Gora und dem internationalen Bachwettbewerb Gorzow zu einem grenzüberschreitenden Musikfestival wahrhaft europäischer Dimension entwickelt. Das ist zum einen auf den Willen der Beteiligten zurückzuführen, die grenzüberschreitende Kooperation zu pflegen und konsequent auszubauen - ein Bemühen, das sich in Umfang und Qualität der Musikfesttage widerspiegelt. Zum anderen ist – Dank der Initiative des Fürderkreises Frankfurter Festtage der Musik – eine Lobby entstanden, die den Festspielgedanken – auch mit handfesten Sponsorenleistungen – trägt und weiter verbreitet. Der Auftritt der weltberühmten Oistrachs ünd andere Höhepunkte sorgen für Furore über die Stadtgrenzen hinaus. Hartnäckigkeit und Geduld zahlen sich aus.
Zur gleichen Zeit bangen im Land Brandenburg 27 Musikschulen mit rund 27. 000 Nachwuchstalenten um ihre Existenz. Für sie hat sich die Situation im zurückliegenden Jahrzehnt permanent verschlechtert. Deutlichstes Zeichen dafür war ein rigider Abbau des pädagogischen Personals. Seit 1994 hat es deshalb immer wieder Aktionen gegeben, die zu einem Musikschulgesetz des Landes führen sollten. Bisher vergeblich. Zwar hat Kuhurminister Wolfgang Hackel inzwischen eine entsprechende Vorlage erarbeitet, doch der Landesmusikschulverband bemerkt mit Sorge, wie der Prozeß in Potsdam verschleppt und der Entwurf verwässert wird. Der Verband setzt deshalb auf ein Volksbegehren, das am 20. März eingeleitet wird. 80 000 Unterschriften müssen bis zum 19. Juli gesammelt werden, um dem Anliegen der Musikschulen und ihrer Nutzer Nachdruck zu verschaffen. Es steht zu hoffen, daß die Musikliebhaber im Lande sich nicht nur für die Oistrachs von heute begeistern, sondern auch denen von morgen öffentlich den Rücken stärken werden.
Liebesbrief an meine schöne Helene
25. März 2000
Erst geh ich hinter dem Steuer in Deckung, damit ich auf schnurgerader Piste nicht mit mehr als 30 Stundenkilometern geblitzt werde, dann muß ich rechts abbiegen und an den Stümpfen einer Schranke vorbei, die niemals in Betrieb war, schließlich noch einmal nach links, wo der Wagen durch zwei Gruben knallt und dabei kräftig aufsetzt, und schon bin ich angekommen. O grünes Paradies mit dem maroden Charme der 70er Jahre und den Preisen des 21. Jahrhunderts!
Hatte da nicht einst jemand versprochen, die Perle des Urstromtals zu putzen? Da zieht er zur Tür hinaus mit seinen Abfindungsmillionen und – horch, was kommt von draußen rein – dort klopft er schon wieder ans Fenster. So macht man Aktiengeschäfte: ran und weg, je nachdem, wie die Kurse stehn. Aber doch nicht mit dir, meine schöne Helene! Männer brauchst Du, keine Zocker, die Dich allein lassen mit Deinen Nöten und sonstwo verjuckeln, was Du zum Leben brauchst!
Zugegeben, ich kann Dir nicht bieten, was Du nötig hättest. Aber wie einst die Brautwerber würde ich Dich gern an vier Burschen verkuppeln, allesamt im besten Alter und mit Meriten, die sie hier verdienten. Dir zu Ehren haben sie sogar eine Aktiengesellschaft gegründet. Das Brautgeschenk in den nächsten fünf Jahren sollen rund sieben Millionen Mark sein, die Deine alte Schönheit neu erblühen lassen. Ein Frankfurter Geldinstitut hat sich dazu bereits als Pate gemeldet. Doch ach, wenn am Montag die Würfel rollen, werden weder Du noch ich gefragt. Die Domus, sonst in Steuerdingen bewandert, hat das Ausschreibungsverfahren in der Hand. Niemand weiß so recht, auf welchen Kompetenznachweis sie dieses heikle Amt eigentlich gründet. Nur die Spatzen pfeifen vom Dach, daß auch beim Abschluß des Mietvertrages zwischen Wohnungswirtschaft und Helmuth Penz die Domus mit an Bord war. Sie steckt tief in der Materie, meint Kämmerer Edmund Rost, tiefer als sonst irgendjemand. Und sei nicht zu blenden. Und sei objektiv. Ich wünsche es Dir von Herzen, Helene.
Fehlt nur noch Rothers Hahn
1. April 2000
Wieder ist eine Nachwendegeschichte zu Ende. Sie begann mit dem Abriß des Hotels Stadt Frankfurt. Ein langes Kapitel stand unter dem Titel “Penzloch“ – so lang, daß die Bäume in der Grube meterhoch wuchsen und schon zu fürchten war, das neue Biotop würde glatt noch unter Naturschutz gestellt. Der dritte Akt hieß “Bäumchen wechsle dich“. Investoren kamen und gingen, nur die Bagger rückten nicht an. Zwischendrein gab es noch einen Ausflug in die tiefe Vergangenheit. Bronzezeitliche Gefäße, aber auch die Hinterlassenschaften aus dem Vorkriegs-Frankfurt wurden sorgsam geborgen und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Lange wird den Frankfurtern auch die kobaltblau-rostrote Rohrschlange quer durch die City in Erinnerung bleiben. Zeitweise avancierte das Ungetüm zu einer Touristenattraktion, weil es so oft ja nicht vorkommt, daß jemand sein Klorohr durch die gute Stube verlegt.
Doch auf all dem ist nun – endlich – der Deckel drauf. Die Lennépassagen sind eröffnet. Silberglänzend, sachlich und kühl dominiert der Handels-, Freizeit- und Bürokomplex seine Umgebung. Funktionalität nach innen und Anpassung ohne Einordnung nach außen prägen seine Architektur. Dabei darf er sich der Akzeptanz, nicht nur der Frankfurter, sicher sein. Der wenig schmeichelnde Name “Fischbüchse“ ändert daran nichts. Das Indoor-Bummeln als Freizeitbbeschäftigung hat sich seit langem durchgestzt. Ob im A10-Center, im Forum Köpenick oder beim SMC: Erlebnisaufenthalt ist gefragt. Wer dabei, neben der in Sortiment, Qualität und Preis weitgefächerten Palette der Handelsofferten, auch noch mit attraktiven Fitneß- und Unterhaltungsangeboten aufwarten kann, befindet sich auf der sicheren Seite. Daß es zwischen Oderturm und Passagen eine direkte Verbindung gibt, kommt beiden Zentren und ihren Nutzern zugute.
Fehlt eigentlich nur noch eines: Roland Rothers Frankfurter Hahn, der seit fast einem Jahrzehnt darauf wartet, gegossen und aufgestellt zu werden. Das Stadtzeichen von Frankfurt: Hier paßte es hin.
Aus der Nische in die vorderste Reihe
8. April 2000
Wenn jemand in der Vergangenheit den Nachweis erbracht hat, daß Nächstenliebe und offenherziges Engagement nicht an materielle Privilegien gebunden sind und daß liebevolle Improvisation manches Defizit auszugleichen vermag, dann waren es die Mitarbeiter der Gesundheits- und sozialen Einrichtungen des kirchlichen Bereiches. In der DDR häufig vernachlässigt und beargwöhnt, gerade gut genug, die immer weiter aufklaffenden staatlichen Betreuungslücken zu schließen, erwarben sie sich landesweit den Ruf besonderer Fürsorglichkeit und Zähigkeit, wenn es um die Interessen von Kranker, Alter und Pflegebedürftiger ging.
Mit der Wende war das Nischendasein beendet, aber die Erfahrungen, der Ideen- und Initiativreichtum wirkten fort. Das ist nicht nur spürbar, wenn man unversehens selbst zum Patient wird, es ist gerade in Frankfurt (Oder) auch allenthalben sichtbar. Nicht zuletzt dank des Investititionsprogramms Pflege, mit dem das Land Brandenburg bundesweit eine Pionierrolle übernahm, sowie anderer Förderinstrumente konnten in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Einrichtungen neu gebaut und modernisiert werden. Auch Spenden und Eigenleistungen trugen wesentlich dazu bei. Ob das Caritas-Zentrum “Albert Hirsch“ für Senioren, das “Hanna-Keller-Haus“ für Behinderte, das neue Altenheim des Lutherstifts, die Förderschule oder das in dieser Woche übergebene neue “Alfred Blochwitz-Haus“ des Wichernheims: Die Stadt braucht sich nicht zu verstecken. Die Integration von Menschen, die durch Alter, Krankheit, körperliche oder geistige Handycaps leicht an den Rand der Gesellschaft geraten, hat deutliche Fortschritte gemacht. Gerade angesichts der zunehmend angespannten Haushaltssituation in Bund, Land und Kommune kommt es nun mehr denn je darauf an, daß die Stadt mit den kirchlichen und sonstigen freien Trägern Hand in Hand arbeitet. Die Voraussetzungen dafür wurden in Frankfurt (Oder) geschaffen.
Kulturbüro als Pfadfinder
15. April 2000
Eine Grenze läßt sich nicht einfach abschaffen. Wer wüßte das besser als die Deutschen? Selbst wenn die Mauern fallen, dauert es lange, bis der Schritt von hüben nach drüben zur Normalität geworden ist. Das gilt erst recht, wenn unterschiedliche Sprachen eine zusätzlichen Barriere auftürmen, wie das zwischen Deutschland und Polen der Fall ist. Aber Grenzen zu perforieren, scheinbar Normales in Frage zu stellen und neue Normalitäten zu etablieren, ist nicht nur Aufgabe der Politik. Künstler und Kulturschaffende haben darin seit jeher eine Herausforderung für sich gefunden. Die Wegweiser über die Grenzen hinaus allerdings sind rar. Wer Hilfestellung bieten kann, ist deshalb hoch willkommen.
Der jetzt auf CD erschienene Kulturatlas für die Euroregion ist solch ein Ratgeber. Das Frankfurter Kulturbüro hat damit sein Profil ergänzt und darf sich künftig getrost auch als Pfadfinder-Gruppe bezeichnen. Interessenten können eines der 2000 Atlas-Exemplare ab sofort kostenfrei über die Kreise und die Euroregion Pro Europa Viadrina beziehen. Auch wenn die Pilotausgabe nicht vollständig, mit Blick auf das polnische Ufer vielleicht sogar etwas dürftig geraten ist, ist dem Bildungstouristen, dem potentiellen Veranstalter oder auch dem neugierigen Kontaktesucher mit der Silberscheibe ein Schatz an die Hand gegeben, der den Aufwand sicherlich gelohnt hat. Das Frankfurter Kulturbüro hat schließlich nicht weniger als 500 Institutionen und Personen versammelt: Theater und Museen, Schriftsteller und Maler, Vereine, Initiativen und vieles mehr – benutzerfreundlich aufbereitet und teilweise mit Fotos und Videoclips versehen. Vor allem aber setzt das Kulturbüro auch hier auf Kontinuität. Schon wird über ein Nachfolgeprojekt nachgedacht, bei dem die CD nur noch ein Nebenprodukt ist und das Internet deutlich an Bedeutung gewinnt: Ein onlinefähiges Who is Who und What is Where der Euroregion, die damit beweist, daß sie zu Recht den Titel einer Kulturlandschaft für sich in Anspruch nimmt.
Wieviel Ritus braucht der Mensch?
22. April 2000
Tausende Jugendliche feiern in diesem Frühling wieder ihre Jugendweihe. Sie haben sich darauf vorbereitet. Sie hoffen auf oder fürchten sich vor dem Besuch der lieben Verwandtschaft, der Voraussetzung für den warmen Regen der Geschenke ist. Auch eine Festrede werden die Geweihten über sich ergehen lassen - mehr oder weniger ergriffen, aber meistenteils zumindest aufgeregt. Immerhin wird die Schwelle zum Erwachsensein überschritten, und die diesen Schritt wagen, scheinen uns im einen Augenblick altklug wie Hundertjährige und schon im nächsten schutzbedürftig und Liebe suchend wie sehr kleine Kinder.
Das Ritual der Initiation ist aber nicht nur für die schlaksigen Gestalten gedacht, die nun ein größeres Maß Freiheit einfordern werden und uns dabei zeigen, was sie für den Umgang damit von uns gelernt haben. Es gilt auch den Erwachsenen selbst. Denn die Kunst des Loslassens ist nicht einfacher als die Kunst der Losgehens. Oder die Kunst, jemanden, der eben noch in der eigenen Obhut stand, zunehmend als gleichberechtigten Partner anzuerkennen.
Dieses Ritual ging seit altersher in fast allen Kulturen einher mit der Einweihung in die großen Geheimnisse, die das Leben tragen, mit oft schmerzhaften Prüfungen, Exzertien, Fastenzeiten und heiligen Verletzungen, um in eine soziale Gemeinschaft aufgenomen zu werden, die der Familie gleich gilt. Auch bei der Übernahme von Verantwortung für das Gemeinwesen. So lohnt sich vielleicht auch die Überlegung, was von diesem alten Brauch der Integration heute noch lebt. Wer gibt was mit auf den Weg, wer zeigt wie, daß die jungen Mädchen und Jungen zu uns gehören? Daß es so bleiben wird, ganz gleich, was auch geschieht? Wenn wir die richtigen Antworten finden, werden an Zeugnistagen, bei Lehrstellenbewerbungen und auf dem Arbeitsamt weniger Hoffnungen zerplatzen. Denn die wichtigste Gabe, die wir vermitteln können, bleibt ein Selbstvertrauen, das an äußeren Widrigkeiten nicht zerschellt, sondern wächst.
Wir haben ja noch Big Brother
29. April 2000
Im Kleist-Theater ist nach 158 Jahren der letzte Vorhang gefallen. Der Grund: Die Bühne war nicht gewollt. Sie ist nicht nur das Opfer einer asozialen Verteilungsstruktur in der Bimbesrepublik Deutschland. Die Schließung ist auch folgerichtig im Rahmen des medialen Verdrängungsprozesses, durch den das Theater sein Publikum verliert, sowie durch das kulturelle Desinteresse und die ästhetische Unbedarftheit zahlreicher Entscheidungsträger.
Nur keine Sorge - uns wird nichts fehlen: Wozu brauchen wir denn Kleist, wenn wir Big Brother haben, die hirnerweichende Sozialplastik live via Fernsehen und Internet? Der Verband deutscher Kritiker bringt die Sache auf den Punkt, wenn er auf die üble Vorreiterrolle aufmerksam macht, die das Land Brandenburg bei der Zerstörung deutscher Kulturlandschaften übernommen hat.
Trotzdem wäre es fatal, dem – seit Geschichte geschrieben wird – von intellektuellen Eliten immer wieder gepflegten Kulturpessimismus das Wort zu reden. Denn noch immer hat Druck auch Gegendruck erzeugt, haben Bedürfnisse sich ihren Weg gebahnt. Wie das Grün sich seinen Weg durch Geröll und Steine sucht, so findet auch die Daseinsreflektion ihren Ausdruck. In Zeiten wie diesen tut sie gut daran, kommerzielle Klippen und politische Agonie zu umschiffen. Das dauert sein Weilchen, aber die Kunstgeschichte – vom Theater über die Musik bis zur Malerei – ist voll von Beispielen dafür. Die ästhetische Massenproduktion hat nicht nur zu einer Verflachung geführt, sondern auch zu neuen Gestaltungs- und Partizipationsmöglichkeiten. Dem Theaterensemble ist mit solchen philosophischen Apercus freilich wenig gedient. So soll die letzte Gelegenheit nicht verstreichen, ohne Danke zu sagen. Für spannende Inszenierungen. Für tapferes Widerstehen. Für die Ermutigung derer, die ihre Lebensqualität noch nicht mit ihrem Nettoeinkommen identifizieren. Danke.
Blumen des Erinnerns
6. Mai 2000
Zum Vergessen ist es zu früh. Drei Aggressionskriege gegen andere Völker allein im 20. Jahrhundert gehören zur deutschen Geschichte – und zum Gedächtnis jener Opfer, die dabei Mütter, Väter und Kinder verloren. Der letzte dieser Kriege liegt weniger als ein Jahr zurück. Die NATO beschleunigte damit die Flucht der Kosovoalbaner und ermöglichte später unter umgekehrtem Vorzeichen die Drangsalierung und Vertreibung serbischer Minderheiten. Dafür wurden mindestens eintausend Zivilisten umgebracht. Was ist ein Menschenleben in den Händen solcher Politiker wert? Daß die untergegangene DDR durch diesen Waffengang in den Besitz des traurigen Monopols gelangte, als einziger deutscher Staat keinen anderen angegriffen zu haben, ist ein Satz, den die Kriegsfreunde nicht gerne hören.
Bislang war es so, daß noch nicht einmal alle Gefallenen des letzten Krieges ein Grab gefunden hatten, noch nicht einmal alle Bomben der vergangenen Gemetzel entschärft waren, wenn ein neues Schlachten begann. Gerade in Brandenburg werden alljährlich noch Soldaten aus den Gefechten des zweiten Weltkrieges geborgen und beigesetzt. Eine Arbeit, für die starke Nerven und ein hohes Motiv notwendig sind. Erst in der vergangenen Woche wurden an der ehemaligen Westkaserne in Frankfurt wieder 30 Granaten gesprengt, die im Erdreich lauerten. Und auch jetzt herrscht Krieg: in Tschetschenien und anderswo. Die Proteste halten sich in auch in Deutschland in Grenzen. Der 8. Mai ist eine Gelegenheit, den Toten Respekt zu zollen. Wenn junge Menschen heute unter der Losung “Deutschland ist größer als die Bundesrepublik“ demonstrieren, ist das nichts anderes als eine Einladung zu neuem Sterben. Auch daran sollte an den Gräbern gedacht werden. Die Brandenburgische Freundschaftsgesellschaft e.V. lädt alle Frankfurter ein, am Montag um 16.30 Uhr am Anger auf jedem Grab eine Blume niederzulegen. Als Forderung nach der Beendigung aller Kriege. Als Zeichen, daß wir nicht an den Gräbern neuer Kriegstoter stehen wollen. Als Blumen des Erinnerns.
Kränze und Hakenkreuze
13. Mai 2000
Der letzte Wochen-Kommentar begann mit dem Satz: Zum Vergessen ist es zu früh. Wie zur Bestätigung machten sich in der Nacht zum Dienstag die Sudelköpfe auf den Weg, schändeten die Kriegsgräberstätte am Anger, das Karl-Marx-Denkmal und hinterließen ihre Spur auch am Büro des AstA. Ähnliche Vorfälle gab es auch in anderen Städten. Sie reihen sich, wie PDS-Fraktionschef Axel Henschke treffend bemerkte, ein in die Kette von Brandanschlägen auf Asylbewerberheime, den Angriff auf die Erfurter Synagoge, die nicht abreißenden Gewalttätigkeiten gegen Ausländer.
Gerade Studierende in Frankfurt beobachten mit Sorge die neofaschistische Inbesitznahme öffentlicher Räume, die Umsetzung eines Graswurzel-Revolutionskonzeptes, das die Verdrängung demokratischer Kräfte sowie die Untermininierung und den Mißbrauch demokratischer Strukturen mit einer diffusen Nationalstaatsidee vereint. Das Ziel dieser politischen Kräfte ist eine andere Republik: rassistisch, doktrinär und individualitätsfeindlich. Ihr Sockel ist die Angst der anderen. Ihr Antrieb ist die eigene Angst vor den anderen. Nicht Strafrecht und Polizei helfen dagegen, sondern nur ein Gemeinwesen, das zur Kenntnis nimmt, wenn es in seinen Grundwerten angegriffen wird, und sich wehrt.
Dazu gehört, daß es sich als fähig erweist, seine sozialen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu überwinden. Ein Gesellschaftskonzept ohne Perspektive ist sowenig wert, wie eine Politik, die nur in die Zukunft vertrösten kann. Wer auf einem unaufhaltsam wachsenden Schuldenberg sitzt und keinen Ausweg mehr sieht, als sein Vermögen zu verschleudern und alle freiwilligen Leistungen gegen Null zu fahren, dessen Karren steckt im Dreck. Das weiß jeder Sozialhilfeempfänger, denn dem geht es im schlimmsten Falle genauso. Ob die jüngsten Appelle zu Toleranz und Integrationsbereitschaft Widerhall finden, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die Menschen ihre Hoffnungen mit den bestehenden Möglichkeiten und Chancen verbinden. Eine Demokratie stirbt nicht durch den Mangel an Demokraten. Aber Demokraten sterben durch den Mangel an Demokratie.
Wieder um ein Armutszeugnis reicher
20. Mai 2000
Frankfurt ist um ein Armutszeugnis reicher. In der vergangenen Woche schippten fleißige Arbeiter den Brunnen an der 2. Grundschule Mitte zu. So lernen die Kinder beizeiten, sich einen vermutlich nicht ganz stubenreinen Reim auf ihre Stadtväter zu machen, die zwar als Gastgeber brandenburgweiter Jugendhilfetage glänzen, aber ansonsten nicht so genau hinsehn, wenn es um die Bedürfnisse der Heranwachsenden geht. Schließlich war das nicht ganz legale Planschbecken in der warmen Jahreszeit allenthalben ein willkommener Treffpunkt mit seinem kühlen Naß.
Fontänen zu Priemelbüchsen – das scheint in Mode zu kommen. Während sich die sonderbare Entstehung überdimensionierter Blumentöpfe an der einstmals rauschenden Panzersperre noch erklären ließ, fallen die Ausreden diesmal eher spärlich aus. Immerhin habe die Stadt in den vergangenen Jahren mehr Brunnen saniert als abgerissen, hieß es aus dem Rathaus. Ja, liebe Leute, was denn sonst? Und im Rahmen der Neugestaltung der Bischofstraße mit Blick auf Jubiläum und Euro-Gartenschau sei gar kein Brunnen mehr geplant. Auch das mag stimmen, obwohl den Jüngsten angesichts solcher Planung vielleicht ein bißchen weniger feierlich zumute ist, und obwohl noch in den Sternen steht, ob es die immer wieder beschworene Gartenschau überhaupt geben wird. Vor allem geht es ums Geld. Für Wasser. Für Wartung. Für Reinigung. Deshalb wird der Hahn so spät wie möglich auf- und so früh wie möglich zugedreht. Deshalb werden Schönheitsfehler mit der Schippe korrigiert. Nein, es ist keine Frankfurter Erfindung, eine krude Einsparmaßnahme als Fortschritt zu verkaufen. Es geht nur wieder ein Tupfer verloren, von denen erst eine stattliche Anzahl das Gefühl von Lebensqualität vermitteln. Der zum Blumenkasten degradierte Brunnen ist ein mieser Flicken mehr auf einem ohnehin mühsam aufgebürsteten Mittelklasseanzug. Und mit solchem Gewand kommt man eben nicht rein in die Belle Etagè. Auch wenn man noch so schöne Sprüche klopft.
Porschemotor im Bollerwagen
27. Mai 2000
Die EXPO 2000 steht vor der Tür. Für Frankfurt bedeutet sie etwas Rückenwind, den die Stadt gut gebrauchen kann. Vier Projekte werden präsentiert: Das Heizkraftwerk mit seiner modernen Technologie, das Synergiehaus im BIC, dessen Energieverbrauch bei einem Bruchteil des üblichen in anderen Bürogebäuden liegt, das Landesbehördenzentrum als erfolgreiches Beispiel für die Konversion militärischer Liegenschaften, und schließlich – vor der Haustür sozusagen – die Gemeinde Wulkow als Modell einer ökologisch orientierten Entwicklung.
Wo immer von der Weltausstellung die Rede ist, wird die Rede auch von Frankfurt (Oder) sein, wie die EXPO auch ingesamt eine Imagekampagne für den Wirtschaftsstandort Deutschland darstellt. Damit kann die Stadt sich sehen lassen. Allerdings war den Organisatoren dafür auch nichts zu teuer, denn dieses Sich-sehen-lassen kostet nunmal Geld. Eine Binsenweisheit, die sich aber längst nicht überall durchgesetzt hat. Schon gar nicht in Frankfurt. So läßt sich beispielsweise die Rechnung aufmachen, wie viel eigentlich für jeden einzelnen Gast ausgegeben wurde, damit er den langen Weg zu den Frankfurter EXPO-Projekten auf sich nimmt. Es dürfte ein erkleckliches Sümmchen zusammenkommen, angesichts dessen sich die Subvention einer Theater- oder Konzertkarte geradezu lächerlich ausnimmt. Obwohl diese Klientel, wie sich zeigen wird, auch nicht viel kleiner ist.
Doch während auf der einen Seite – man möchte sagen: endlich – Anspruchsdenken erwacht, wird auf der anderen weiter demontiert auf Teufel komm raus. Das erinnert nicht an die Strategie des 21. Jahrhunderts, sondern an den Ehrgeiz eines Entwicklungslandes, um jeden Preis sein eigenes Weltraumprogramm zu realisieren. Wie wäre es denn mit einem ganz bescheidenen fünften EXPO-Projekt: Stabilisierung der Einwohnerzahl und Konsolidierung des Haushaltes? Daß Stadtparlament und Verwaltung finanzpolitisch bislang versagt haben, paßt zum Fortschrittsgedanken der Weltausstellung nämlich genauso gut, wie der Porschemotor zum Bollerwagen.
Entwicklungspolitik ist mehr als Bauen
3. Juni 2000
In Frankfurt (Oder) sollen bis zum Stadtjubiläum rund 400 Millionen Mark verbaut werden. Das ist eine Größenordnung, mit der sich die Stadt nicht zu verstecken braucht. Hinter der Zahl verbergen sich tausende sanierte und modernisierte Wohnungen, aber auch Kleinodien wie der neugestaltete Anger mit seinem Rosarium. Jetzt, da sich das Augenmerk vor allem auf das Stadtzentrum richtet, beginnt sich auch dort einiges zu tun. Der Experimentalbau wird umgestaltet. Eine ganze Reihe von Straßenzügen erlebt eine Schönheitskur.
Trotzdem widerspiegeln die Pläne für die kommenden Jahre auch, daß die Investoren eine Rechnung mit vielen Unbekannten aufmachen müssen. Werden sich für die im Übermaß vorhandenen Gewerbeflächen Mieter finden? Wie werden sich Leerstand und Einnahmeausfälle entwickeln? Was bringt die Novellierung des Altschuldenhilfegesetzes? Die salomonische Formel der Großvermieter lautet: Wenn die Einnahmeerwartung sich erfüllt, dann...
Skeptisch ist auch gebeutelte Baubranche, die weitere Arbeitsplatzverlusten fürchtet. Öffentliche Auftraggeber ziehen sich hinter ihre Sparzwänge zurück. So machte die Verwaltung um den Beschluß des Bauausschusses, notwendige Investitionen auf dem Messegelände vorfristig vorzubereiten, am liebesten einen weiten Bogen. Bei der jüngsten Versammlung des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft war das zu spüren.
Sicher wird es gelingen, viele Defizite zum Stadtjubiläum auszuräumen oder wenigstens zu kaschieren. Doch daß die Ansammlung neuer Fassaden allein noch keine blühende Stadt ergibt, ist für viele inzwischen zu einer schmerzlichen Erfahrung geworden. Selbst mit höchstem Engagement aufgepäppelte Gebiete wie Altberesinchen offenbaren inzwischen ihre Strukturschwächen. Es fehlt an Kaufkraft, es fehlt an Arbeit und es fehlt an attraktiven Einrichtungen. Die Spaßbäder, von denen hier geredet wurde, sind anderswo längst in Betrieb. Die Regisseure, die hier abgewickelt wurden, holen anderswo Theaterpreise. Das leicht unterkühlte Cello eines bedrohten Staatsorchesters verdirbt dem wohltemperierten Klavier des besten Stadtmanagers den Ton.
Entwicklungspolitik, das wird in Frankfurt immer deutlicher, ist mehr als Bauen. Aber Bauen gehört natürlich dazu.
Junge Musiker ohne Lobby?
10. Juni 2000
Seit geraumer Zeit kämpfen die Musikschulen des Landes Brandenburg nicht nur um den Namensschutz als Bildungseinrichtung, sondern vor allem um die Sicherung ihrer Existenz – zuletzt mit der Einleitung eines Volksbegehrens. Direkte Demokratie als die beste Legitimation. Die Rechnung der Musikschulen war einfach: Hinter 30 000 Schüler stehen mindestens 45 000 Elternteile. Dazu kommt die natürliche Lobby der künstlerischen Talente: Orchester, Chöre, Kultureinrichtungen. Spielend müßten die nötigen 80 000 Unterschriften zusammenkommen, die den brandenburgischen Landtag in die Pflicht nähmen, ein Musikschulgesetz zu verabschieden. Kulturminister Wolfgang Hackel wäre nichts lieber als das. Also alles paletti?
Die Zahlen sagen etwas anderes. Bisher sind gerade einmal 15 000 Unterschriften zusammengekommen, und am 19. Juni endet die Frist. Zugegeben, der Weg zu Meldeämtern und Beratungsstellen ist mühsam, vor allem in ländlichen Gebieten. Zugegeben, die Musikschulen zeigen erst jetzt ihre Instrumente, indem sie sich zu Konzerten und öffentlichem Unterricht vor den Unterschriftslokalen einfinden. Doch das Desinteresse an einem wesentlichen Bestandteil kultureller Zukunft ist damit nicht erklärt. Denn natürlich gibt es auch ein anderes Szenario. Dem Kulturminister werden mangels Masse die Argumente aus der Hand geschlagen. Die Musikschulen verlieren ihre Spitzenleute an private Anbieter, die sich den am stärksten nachgefragten Fächern widmen. Den letzten noch geduldeten Musikschulen bleibt der Rest. Die Orchesterarbeit hört auf. Spitzentalente haben nur noch eine Chance, wenn der elterliche Geldbeutel es zuläßt. „Jugend musiziert“ wird zu einem Elitetreffen weniger Priveligierter. An ein halbes Dutzend Erster Preisträger aus Frankfurt (Oder) ist nicht mehr zu denken. Die Politik vor Ort stellt sich diesem Prozeß keineswegs in die Quere. Oberbürgermeister Wolfgang Pohl, im Unterschied zu seinem Vorgänger Fritz Krause, denkt nicht daran, sich einem entsprechenden Aufruf anzuschließen. Im Gegenteil: Die Musikschule landet wie so vieles auf dem Sparaltar der Kommune. Liegt das Kind erst im Brunnen, fliegt die Geige hinterher.
Kulturpolitik in Darwins Spuren
17. Juni 2000
Die Daumenschrauben für Kultureinrichtungen werden weiter angezogen. Inzwischen spricht Dezernent Martin Patzelt von 1,3 Millionen Mark zusätzlicher Streichungen bis 2005. Auch mit dem Staatsorchester müsse an die Grenze des Möglichen gegangen werden, ohne den Status des Klangkörpers zu gefährden. Eine Quadratur des Kreises, die schon beim Theater mißlang. Zudem macht bereits die nächste Kürzungsrunde im Land alle bisherigen Pläne zur Makulatur. Und die Idee der Eingemeindung zwecks Aufbesserung der Einwohnerzahl und damit der Geldzuweisungen, hat auf den umliegenden Dörfern große Heiterkeit hervorgerufen.
In tragikomischer Weise versucht Oberbürgermeister Wolfgang Pohl, Kritiker zurechtzuweisen, die behauptete Konzeptlosigkeit gäbe es gar nicht. Prächtige Kleider hat der Kaiser an. Mit denen angetan, versucht er Hans-Jochen Marquardt von der Barrikade zu schubsen. Absurd, beleidigend und imageschädigend sei dessen Kritik an der kommunalen „Salamitaktik“ des Totsparens. Doch Marquardt fragt zurück: Richtet derjenige Schaden an, der auf eine schon veröffentlichte schlechte Nachricht kritisch Bezug nimmt, oder derjenige, der die schlechte Nachricht verursacht hat? Kulturreferent Michael Reiter spricht nicht mehr von Kulturentwicklungsplanung, sondern von einem „ungesteuerten sozialdarwinistischen Experiment“. Dagegen setzt er die verläßliche Mathematik: Zehn Prozent Gehaltssteigerung bei eingefrorenem Budget im Kultureigenbetrieb gleich zehn Prozent Stellenabbau ab 2003. Weitere 1,3 Millionen Mark Konsolidierung gleich weitere 20 Stellen. So verschwindet ein Drittel der Beschäftigten im Kulturbereich. Also müßte allmählich ein Konsens über Prioritäten und Ziele gefunden werden. Dann kann abgearbeitet werden, so weit das Geld reicht. Eine simple Steuerungsaufgabe, für die der Oberbürgermeister, Verwaltung und Parlament die Verantwortung tragen – egal, ob es ihnen paßt oder nicht.
Frankfurt versteht nicht bloß Bahnhof
24. Juni 2000
Von den Plakatwänden trieft der Spott: Mit den schnellsten Verbindungen zur Expo wirbt dort die Deutsche Bahn. Doch jeder, der Frankfurt (Oder) nicht mit dem Auto passiert, sieht schon am Bahnhof, daß das „Unternehmen Zukunft“ hier vor allem die Vergangenheit repräsentiert. Deutsche Bahn - das steht für leere Versprechungen, blockierte Stadtentwicklung, halsbrecherische Provisorien, den Schandfleck Bahnhofstunnel, kurzum: für das Dreckloch zum Osten. Europa schrumpft hier zu seiner provinziellen Wirklichkeit zusammen - niemandem erklärbar im elften Jahr der deutschen Einheit. Als hätten Negativ-Imagekampagnen wie Eschede und fragwürdige Tarifsteigerungen nicht ausgereicht, die Bahn in Mißkredit zu bringen, legt sie mit dem Baustop am Bahnhof noch einmal kräftig nach.
Die Stadt, so belegt dieses Beispiel, ist mehr denn je auf sich selber verwiesen, wenn es um Innovation und Ausstrahlung geht. Daß sie dabei zuweilen auch einen sehr glücklichen Griff hat, konnte sie am vergangenen Wochenende beweisen. 22 000 Besucher strömten zur Young Life 2000 am Westkreuz. Jeder vierte Gast kam aus dem Nachbarland. Der Mut zu einer Eventmesse mit deutlich profilierten Segmenten, der bewundernswerte Kraftakt, das zwar nicht im Überfluß, aber doch hinreichend vorhandene Potential bis zum letzten auszuschöpfen, haben sich gelohnt. Hier war vier Tage lang etwas vom künftigen Europa zu spüren. Nicht im Mief des Stadtverodnetensaales behauptet sich der Messestandort Frankfurt (Oder), sondern in den Hallen und auf den Wiesen, wohin sich - vom üblichen Rundgang einmal abgesehen - kaum ein Stadtoberer hinverirrt. Wer als Politiker Bedarfsforschung ernst nimmt, hätte hier jede Gelegenheit gehabt, sich einen sinnlichen Eindruck zu verschaffen, was junge Menschen der Internet-Generation heiß macht. Young Life 2000 – das war Lust auf Power, Spaß am Selbermachen und nicht zuletzt ein deutliches Signal: Frankfurt versteht nicht bloß Bahnhof. Frankfurt hat Zukunft.
Oderblick
1. Juli 2000
Was an der alten Möbelfabrik in diesen Monaten geschieht, mit Workshops und alltäglicher Kleinarbeit, mit dem Ringen um neue Projekte und der Ansiedlung von Dienstleistungen, das ist für diese Stadt unverzichtbar. Gerade sind dort die Frankfurter Kinder- und Jugendtheater-Tage über die Bühne gegangen, hat sich das Theater im Schuppen zum ständigen Gastgeber zwischen März und Juni für die Schülertheater der Stadt gemacht. So bringt jede Idee immer auch ein bißchen neue Verantwortung mit sich. Das müßte nicht, aber das soll so sein.
Denn sich in Abhängigkeit zu begeben von den gewünschten Inhalten und den selbstgesteckten Zielen, statt von den Institutionen mit ihren sogenannten Sachzwängen – das ist eine seltene Tugend geworden. So gut wie gar nicht anzutreffen ist sie in der öffentlichen Verwaltung, die das Beispiel kaum aufgreifen kann – bei Strafe ihrer Entbürokratisierung. Lieber lobhudelt sie von Frische und Autenthizität, zumeist, ohne sich davon selbst in die Pflicht genommen zu fühlen. Das ist hier wie anderswo und nicht ungefährlich für jene, die da mit Ungestüm auf ihrer Freiheit bestehen. Allzuleicht werden sie ausgespielt gegen die Gebundenen, Abhängigen, die doch nicht minder Unterstützung und Beistand verdienten. Sollen also jene, die mit wenig Geld und lustvoller Selbstausbeutung bestehen, besser kein Lob mehr erfahren? Immerhin haben sie eine Insel geschaffen, eine Stadtinsel mit eigenwilliger Urbanität: Theater des Lachens, Kulturfabrik, Schuppen-Kinder... Und diese Leute mit dauernd so Kalk an den Händen haben es mit Unterstützung von Maria Lukas getan – einer Frau, die sich den Luxus erlaubt, nicht 24 Stunden am Tag nur Immobilienbesitzerin zu sein. Da gibt es Gemeinsamkeiten: Das Gefühl, daß eine Patina von Geschichte und Staub spannender sein kann, als nobler Glanz. Die Erfahrung, daß keine Fassade zu leben beginnt, hinter der nicht jeden Tag Leben passiert. Kein Grund, da nicht des Lobes voll zu sein.
Oderblick
8. Juli 2000
Es klingt wirklich schön: 500 Mark will die Stadt jenen Eltern zahlen, die für ihre Sprößlinge während der eigenen Vollzeitbeschäftigung selbst eine Betreuung arrangieren. Ein Zuckerbrot, damit sie auf Kindertagesstätten, aber auch auf – noch gar nicht vorhandene – Tagesmütter verzichten. Denn kommunale Einrichtungen kosten pro Platz und Monat fast 1300, freie Träger knapp 1000 Mark. Aus deren Topf soll das Geld für zunächst 35, später 70 Kinder nun genommen werden.
Die Idee der privaten Nachwuchsaufbewahrung ist natürlich nicht neu. Omas und Kommilitonen, Freunde und Verwandte können oft nicht nur das Salair gebrauchen, sondern geben sicher ihr Bestes. Nur stehen sie selten als Dauerpersonal zur Verfügung und bieten mit ihrer Zuwendung auch nicht für alles Ersatz. Für die Kinder bedeutet das Tante-Emma-Prinzip zumeist den Verzicht auf gleichaltrige Partner, soziale Grunderfahrungen und qualifizierte Förderung. Das nimmt die Kommune nicht in Kauf. Das ist ihr erklärtes Ziel: „Für Eltern oder Alleinerziehende mit Rechtsanspruch auf Betreuung ihrer Null- bis Dreijährigen müßten alternativ Tagespflegeplätze, die einen erhöhten Verwaltungs- und Fortbildungsaufwand nach sich ziehen würden, oder teurere Krippenplätze bereitgestellt werden„, heißt es in der Beschlußvorlage. Mangelnde soziale Kompetenz der Heranwachsenden zu bedauern und gleichzeitig pädagogisches Personal zu verdrängen, ist scheinheilig. Öffentliche Verwaltungsaufgaben auf den privaten Schreibtisch abzuwälzen, ist nicht sparsam, sondern billig. Die Alternative für die Eltern wäre ein praktisches Schwarzarbeitsverhältnis mit ungeklärter Versicherung für Betreuer und Kind. Dafür steht dann natürlich nicht die Stadt in der Verantwortung, sondern derjenige, der sich auf den Deal einläßt. Wenn es noch eines Indizes bedurfte, daß die Novellierung des KiTa-Gesetzes in ihren Folgen eltern- und kinderfeindlich ist: Mit ihrer vermeintlich noblen Geste hat die Stadt es nachgereicht.
Oderblick
15. Juli
Warum nicht aus einem Wochenende einen ganzen Sommer machen, fragten sich jüngst Unternehmer Bernd Horn, Messechef Andreas Bitter, Cornelia Scheplitz vom Jugendamt und andere, die bei der Young Life 2000 waren. Sie setzten sich an einen Tisch und der „Young Life – hot summer„ vom 29. Juli bis zum 12. August war geboren. Den materiellen Grundstock hatte Horn bereits gelegt, als er kurzerhand die mobile Skaterbahn kaufte. Jede Menge Musik ist angesagt. Es gibt Platz für allerlei Kunst, Workshops zur Medienproduktion und mehr. Dabei wollen die Veranstalter nur Anstöße geben. Macher sind die Jugendlichen selbst, die vielleicht nicht so viel Geld in der Tasche haben, aber einen Haufen Ideen. In Slubice wurde kurzerhand ein Koordinationspunkt für die polnischen Interessenten eingerichtet.
Angesichts der Vorbereitungszeit müßte den Verwaltungsangestellten der Schweiß auf der Stirn stehen. Doch nichts davon in der fröhlichen Runde. Nur Bitter wunderte sich, daß der Zustimmung nicht das große Aber folgte. Im Gegenteil. Was sich jetzt auf die Schnelle zusammenbrauen läßt, könnte künftig an Profil gewinnen. Denn wenn fünf Jugendliche sich entschließen, in Frankfurt zu bleiben, einer zieht her und einer kommt nach der Ausbildung zurück – da wäre das alles doch nicht zu teuer, sagt Horn und ist sich mit den anderen einig. Diese Haltung ist noch nicht sehr verbreitet. Die Art, wie sie von einigen Verantwortlichen dieser Stadt vorgelebt wird, ist ein Stück weit verrückt. Aber sie ist deshalb nicht unpragmatisch. Der Blick über den eigenen Tellerrand bekommt jedem der Beteiligten. Plötzlich ist eine Frische zu spüren, die sogar die Akteure selbst überrascht. Aber es ist noch immer so: Frankfurt hat alles was es braucht. Wo Kreativität nicht an der Bürokette liegt, wo Jugend das Tempo bestimmt und erfahrenes Management, durch Einwände unbeeidruckt, die logistischen Klippen umschifft, dort entsteht auch etwas, das Frankfurt gut zu Gesicht stehen wird.
Oderblick
22. Juli 2000
Ferienzeit. Raus aus der Stadt, heißt die Devise. Leider auch für eine Reihe von Lehrern. Allen Erpressungen des Landes gaben sie nach im Interesse der Kinder. Gehaltsverzicht. Stundenkürzungen. Nun sollen sie im Speckgürtel von Berlin, im Barnim oder sonstwo unterrichten. Kraft- und motivationsfressende Wege sind nur das eine. Hinzu kommt die Überalterung des pädagogischen Personals in Frankfurt. Der Vorgang war schon einmal zu erleben: beim „goldenen Tritt„ in den Kindertagesstätten. Langjährige Berufserfahrung kann Spontanität und Ideenfülle nicht immer ersetzen. Doch es hilft kein Lamentieren. Die Schülerzahlen sind mit dem größten demographischen Einbruch in Ostdeutschland, der selbst die Hungerjahre nach dem Krieg übertraf, rapide gesunken.
Der Sachzwang mutiert zum Teufelskreis. Seit Jahren verliert Frankfurt Tausende seiner jüngeren, qualifizierteren Einwohner. Viele wollen ländliche Wohnqualität und städtisches Angebot verbinden. Viele fahren Ausbildung und Arbeit hinterher. Vom Studium kehrt kaum jemand zurück. So bröckelt die Frankfurter Kulturlobby zur Nichtigkeit. Die kommunalpolitische Einmischungsbereitschaft und Kompetenz sind erbärmlich, und alles zusammen schlägt zurück auf das, was die Stadt kann oder nicht. Nun also die Lehrer. Ein paar Dutzend Leute nur, die zum Teil sogar der Stadt verbunden bleiben. Gewiß. Auch haben sich klaffende Lücken allzeit als Magnet neuer Initiative erwiesen. Sonst hätten wir keinen Kultursommer, kein Freizeitcamp auf der Messe, auch keine Kleist-Festtage mehr. Doch auf die Dauer kann nichts der Stadt Identität verleihen, worüber nicht am Abendbrottisch geredet wird, von Akademikern und Ingenieuren ebenso wie von Arbeitern und Schülern. Identität für eine Stadt ist nur das, was über die sozialen und kulturellen Grenzen von Interessengruppen hinaus wirkt und vereint. Deshalb wird auch in diesem Herbst wieder darüber nachzudenken sein. Doch ersteinmal heißt es: Schöne Ferien.
Oderblick
29. Juli 2000
Frankfurt ist nicht die Heimstadt der Griesgrame. Frankfurt ist nicht der Hort der Herzlichkeit. Eine Stadt, die sich von anderen kaum unterscheidet. Aber ein Ruhekissen ist das nicht. Vor allem dann nicht, wenn es immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen auf ausländische wie deutsche Mitbürger kommt. Dann sind Signale gefragt - zuerst von jenen, die an der Spitze des Gemeinwesens stehen: Politiker, Wirtschaftsakteure, Vereine und Verbände. Vor allem solche, die sich nicht in inhaltsloser Symbolik erschöpfen.
Die vor einem Jahr gestartete Aktion Noteingang, mit der bedrängten Menschen ein Ausweg gewiesen werden soll, hatte es bislang schwer. Dem privaten Bekenntnis das öffentliche zur Seite zu stellen, das könnte den Unterschied machen zwischen einer unversehrten und einer zertrümmerten Schaufensterscheibe, so fürchtete mancher. Und wer ist schon gern der erste, wenn er nicht weiß, ob er der einzige bleibt?So prangten die gelbschwarzen Aufkleber bislang vor allem an öffentliche Gebäuden, die ihre Pforten schließen, wenn die gefährliche Zeit erst beginnt. Damit das anders wird, haben sich zahlreiche Unternehmen jetzt hinter die Aktion gestellt: Sparkasse und Handwerkskammer, Wohnungswirtschaft und Deutsche Bank, Stadtwerke und BIC. Sie begnügen sich nicht mit einem Aufkleber, sondern suchen das Gespräch mit den Beschäftigten. Anregen zum Nachdenken, das Thema in die Familien tragen – nur so kann sich das Klima verbessern. Doch die Bereitschaft, bedrängten Menschen zu helfen, darf sich darauf nicht beschränken. Stadtverordnetenvorsteher Frank Ploß und nahezu alle Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung haben deshalb an die Verantwortlichen appelliert, die Freitag geplante Abschiebung von Gülcan Turgan auszusetzen, weil der 16jährigen Kurdin in der Türkei Verhaftung, Folter und Vergewaltigung drohen. Auch das gehört zu einem freundlichen Frankfurt. Auch das ist ein Signal, daß wir es ernst meinen mit unerer Gastfreundschaft.
Oderblick
5. August 2000
Kein geringerer als Roman Herzog war es, der die sogenannte Rechtschreibreform „überflüssig wie einen Kropf„ nannte. Sie kam ungerufen, war ein Ausbund an Ineffizienz und Häßlichkeit und nutzte keinem. Wirklich keinem? Die einschlägigen Verlage für Wörterbücher und Schulliteratur machten ein rechtes Schnäppchen dabei. Außerdem konnten sie sich herrlich profilieren: Jeder fand andere Regeln und Schreibweisen. Und Sie? Wie oft haben sich Ihnen die Nackenhaare gesträubt, wenn das Neuschreib aus Ihrer Tageszeitung laberte? Wenn Sie bei der Morgenlektüre statt des netten, kleinen Druckfehlerteufelchens eine rasselnde Legion alter und neuer Fehler begrüßte und Sie sich bange fragten: Wadde hadde dudde da?
Wir haben damals gesagt: Nein! Wir machen bei diesem Kobolz nicht mit. Das sind wir unseren Lesern schuldig. Auch wenn wir im Blätterwald gegen den Wind des Zeitgeistes rauschen. Doch schon bald zeigte sich: Viele neue Regeln waren von vorvorgestern. Unberührt von sprachlicher Logik. Befreit von ethymologischen Wurzeln. Eine hektische Kopfgeburt. Der Berg hatte gekreißt und eine Maus mit drei Schwänzen geboren. Viele Verleger schüttelten halb belustigt, halb angewidert das Haupt und ließen ihre Autoren gewähren. Die meisten schrieben weiter wie bisher: Deutsch. Zeitungsredakteure stürzten sich beim Redigieren vornehmlich auf das „daß„ mit ss und kämpften ansonsten wie immer tapfer gegen den Genitiv. Arme Schulkinder. Das Pony „Misty„ kommt dahergetrabt wie einst. „Harry Potter„ versucht´s, richtig neuschreib zu machen, „Timm, Peggy und die Fahrradbande„ haben andere Sorgen als ihre Deutschlehrer. Drei Beispiele von vielen.Die Frankfurter Allgemeine Zeitung setzt dem ganzen nun die Krone auf. Ausgerechnet eine der wichtigsten Publikationen Deutschlands bekennt: Wir haben sorgsam geprüft und für schlecht befunden. Wir kehren um. Da sind wir ja schon zwei, freut sich der Oder-Anzeiger – ziemlich sicher, daß es dabei nicht bleiben wird.
Oderblick
12. August 2000
Zugegeben: Ich habe gar keinen Hund. Schlimmer noch: Ich wurde sogar schon einmal von einem Hund gebissen. Objektivität ist also nicht von mir zu erwarten. Die Wunde allerdings, die ich am Handgelenk davontrug, ließ sich mit einem wodkagetränkten Taschentuch behandeln, und der kleinen Bestie habe ich hernach einen Limmerick gereimt. Was vom Wodka noch übrig war, hat ihr Herrchen mit mir auf unser aller Wohl hintergekippt. Damit war die Sache vergessen.
Ist mir nun wohler, wenn ich weiß, daß die Vierbeiner fortan mit Leine und zum Teil mit Maulkorb gehen müssen? Fakt ist, daß wir Regeln brauchen, wie wir uns den öffentlichen Raum teilen. Wenn Kinder auf dem Spielplatz mit Hundi um ihren Ball kämpfen müssen, geht es nicht um den Hund, sondern um Vernunft oder Unvernunft seines Besitzers. Wenn eine Kotlawine die Parklandschaften zu verseuchen droht, geht es nicht um den Stoffwechsel der Vierbeiner, sondern um die Bequemlichkeit ihrer Halter, die Hinterlassenschaften zu beseitigen. Wenn das Ordnungsamt aufstöhnt, die neuen Regelungen nicht durchsetzen zu können mangels Geld und Leuten, geht es um faule Ausreden. Schließlich liegt die Erhebung einer kostendeckenden Hundesteuer in den Händen der Kommune und Politessen gibt es ja wohl genug. Warum sollen die, neben der Verteilung von Knöllchen, nicht auch zur Durchsetzung der Hunderhalterverordnung herangezogen werden?Auf einem anderen Blatt steht freilich, ob die Verordnung der Weisheit letzter Schluß sein kann. Ein Schnellschuß ist sie allemal. Da sie Freiheiten einschränkt, wird sie von vielen Tierfreunden als diskriminierend empfunden. Aber keine Tierliebe wiegt auf, wenn ein Mensch für sein ganzes Leben gezeichnet ist, weil er zum Opfer eines lebendigen Fleischwolfes wurde. Wo Vernunft nicht waltet, müssen Gesetze Ordnung schaffen. Auch dann, wenn sie in die Rechte der vielen Verantwortungsvollen eingreifen, damit eine Minderheit der Verantwortungslosen weniger Unheil anrichten kann.
Oderblick
19. August 2000
Es hat wieder einmal geklappt. Die Redaktion „Monitor„ brauchte nicht lange zu suchen, um ihr Exempel zu finden: Vergeblich begehren Andersfarbige Einlaß in Frankfurter Diskotheken. Die Gründe liegen zumindest in einem Fall auf der Hand. Die Lebensgefährtin des Betreibers erzählte offenherzig, was sie ihren Stammgästen meint schuldig zu sein. Ein ausländerfreies Lokal. Das klingt vertraut. Rühmte sich nicht ein Städtchen einst ganz in der Nähe, erste judenfreie Stadt Deutschlands zu sein? Und liegt nicht unweit der anderen Disco ein schwarzer Stein, wo einst eine Synagoge stand? Die „befreiten Zonen„, mit denen Jungnazis gern protzen – beginnen sie auf dem Tanzboden? Weil deutsche Männer mit deutschem Geld für deutsches Bier bezahlen und ihre deutschen Mädel allein abschleppen wollen?
Es ist einfach, dem Kneiper jetzt die Lizenz wegzunehmen und zu glauben, damit sei das Problem gelöst. Doch die unrühmliche Begründung für die Zutrittsverweigerung darf getrost zu weiterem Nachdenken anregen. Sie ist ernst zu nehmen. Mama will ja auch nicht, daß der Sohn von den bösen Ausländern Drogen kriegt. Und Papa hat zu seiner Tochter gesagt: Komm bloß nicht mit einem schwarzen Balg nach Hause! Deshalb sind Mama und Papa, die das Taschengeld bezahlen, ja vielleicht auch sehr einverstanden, wenn die Disco juden... – Verzeihung – ausländerfrei ist. Vorurteile, Angst und Haß tragen nicht unbedingt eine Glatze.Der Widerstand, der sich auf den Stammtisch berufen kann, wird nur durch eine andere Normalität zu überwinden sein. Allen sozialutopischen Sprüchen zum Trotz ist das ein Weg voller Alltagskonflikte, Mißverständisse und Beunruhigungen. Die Forderung des Ausländerbeirates, die Asylbewerber aus Seefichten in die Stadt zu holen, den Fremden also buchstäblich zum Nächsten zu machen, könnte ein Schritt dahin sein. Raus aus dem Ghetto, rein in das Leben. Alles andere führt nicht nur die Hergezogenen in die Isolation, sondern auch uns selbst.
Oderblick
26. August 2000
Es gab einst ein wüstes Land, das war nicht reich an Brot und noch ärmer an Spielen. Richtig gelohnt hat sich eigentlich nur eines. Alle paar Jahre hieß es dort: „Wer ist deine liebste Regierung?„ Wer sich clever dabei anstellte, kriegte eine neue Wohnung oder sogar ein Visum ins benachbarte Schlaraffia. Wer sich verweigerte, wurde mit Liebesentzug bestraft, und wer gar herummaulte, den schien es als Person gar nicht mehr zu geben. Hier und heute ist das anders. Da genügt es, in den Hörer zu säuseln: „Ich höre blabla-Radio – die ganze Nacht„ - schon hat der Bekenner ein Extra-Taschengeld an der Backe. Oder er schreibt: „Der Heidnische Mittwoch ist mein Lieblings-Anzeigenblatt.„ Peng, Haushaltsloch gestopft. Wichtig ist nicht, ob die Ansage stimmt, sondern ob sie dem Fragenden frommt. Merke: Opportunismus ist die erste Tugend des braven Mannes. Oder können sie sich vorstellen, daß der Anrufer sagt: „Ich finde ihren Seniorensender absolut einschläfernd, die Werbung grottenschlecht, aber die Nachrichten gefallen mir ganz gut.„ Und der Moderator antwortet: „Voll gut, Mann, hier ist dein Tausi!„
Natürlich gibt es noch echte Alternativen. Vor allem im Sommer, wenn das ganze Land feiert. Am vergangenen Wochenende war beispielsweise zu wählen zwischen Parkfest in Wulkow und Hansefest in Frankfurt. Am zweiten September gibt es den Brandenburgtag in Frankfurt und das Friedensfest in Strausberg. Die Krönung daran ist: Man kann sogar beides besuchen, und wer lieber angeln geht oder in die Pilze, dem steht auch dieses frei. Auch das unterscheidet uns von jenem wüsten Land, das seine Fähnchenträger und Flaggenhisser sorgsam abzählte, ob auch ja keiner fehle.Vielleicht machen die Feste deshalb heute mehr Spaß. Sie sind mit keiner Pflichtübung verbunden. Und unter den Sendern, den Zeitungen gefallen mir noch immer jene am besten, die nicht erwarten, daß ich mich anbiedern soll. Ich bin nun mal kein tugendhafter Mensch.
Oderblick
2. September 2000
Autofahrer rasen sich zu Tode? Dann müssen eben die Alleebäume gefällt werden! Hundehalter sind mit ihren Tieren überfordert? Dann müssen eben die Vierbeiner eingeschläfert werden. Kinder laufen achtlos auf die Straße? Dann müssen eben... Nein, diesen Satz denkt keiner so zu Ende, wie die anderen vorher. Obwohl die Logik doch die gleiche wäre. Aber wenn es um uns selber geht, entwickeln wir plötzlich ungeahnte Pietät.
Was allerdings manchen Autofahrer nicht daran hindert, mitten in der Stadt Geschwindigkeitsrekorde aufzustellen. Entgegen aller Logik, denn die eingesparten Sekunden sind meistens an der nächsten Ampel futsch.
Im Spätsommer und im Schleuder-Herbst ist diese nicht selten vollkommen unbegründete Eile noch viel gefährlicher als sonst. In der kommenden Woche machen sich hunderte Schulanfänger zum ersten Mal auf den Weg, um einen neue Lebensetappe zu beginnen. Was schwirrt ihnen da nicht alles im Kopf herum! Neue Namen und Gesichter, frohe Erwartung, bald schreiben und lesen zu können. Wie die Großen. Dabei ist die ganze Welt doch eigentlich ein Riesenspielplatz. Der Fußgängerüberweg zum Beispiel mit seinen hellen und dunklen Streifen: wie ein Hopsefeld. Die Absperrketten: wie ein aufgespanntes Springseil. Da helfen auch Ermahnungen nicht immer. Jaja, ich paß schon auf, versprechen die Kinder. Doch die Gedankenblitze schießen durch den Kopf: Frühstück eingepackt? Neue Patrone im Füller? Auch Nachmittags: Das und das und das muß ich Mutti gleich erzählen, wenn ich nach Hause komme. Nur nichts vergessen... Dann quietschen plötzlich Bremsen. Dann flucht der Autofahrer: Verdammte Gören. Aber was hat denn sein Tacho gezeigt? Es ist die Zeit, in der mehr Blitzer in der Nähe von Schulen stehen, mehr Polizisten auf der Straße mit dem Verkehr beschäftigt sind. Mit Schikane hat das nichts zu tun. Eher schon mit einer großen Hoffnung. In diesem Jahr ist auf Frankfurts Straßen noch kein Kind ums Leben gekommen. Das soll so bleiben.
Oderblick
9. September 2000
Nach dem heißen Sommer, nicht nur auf dem Messegelände, wird der Herbst sichtlich kühler. Die jüngsten Pläne der Kulturverwaltung sorgen wieder einmal für Aufruhr. Wenn selbst Konzerthallendirektor Wolfgang Johst plötzlich die Stimme hebt, ist das ein sicheres Zeichen, daß der Unmut nun auch den letzten Winkel erreicht hat.
Die Konzerthalle soll zum 1. Januar 2001 mit der Messegesellschaft fusionieren. Ein Zusammengehen mit dem Staatsorchester lehnte Kulturreferent Michael Reiter ab. Es würde beispielsweise die Frankfurter Musikfesttage – für die die Konzerthalle mit verantwortlich zeichnet – beschädigen. Orchestermanager Peter Wolfshöfer konnte darauf nur mit einem Kopfschütteln reagieren. Schließlich steht der Anteil des Staatsorchesters an Frankfurts größtem Musikereignis seit eh und je unter eigener Regie.
Doch Reiter zielt auf etwas anderes. Wenn er schon 300.000 Mark bei der Konzerthalle einsparen soll, meint er das nur zu können, indem er die technischen Bereiche von Kleist Forum Frankfurt und Konzerthalle zusammenlegt. Die knstlerische Autonomie – ja wo ist sie denn bei solchen Budgets? – will er keinesfalls antasten. Kulturdezernent Martin Patzelt mußte indessen einräumen, daß es kein Theaterkonzept für das Kleist Forum geben wird, bis ein künstlerischer Leiter dafür gefunden sei. Angesichts der Vorlaufzeiten im Theaterbetrieb gibt die Stadt damit bereits jetzt ihre ohnehin geschrumpften Möglichkeiten aus der Hand. Sie wird kriegen, was übrig bleibt. Schon das diesjährige Gastspielprogramm macht der day soap im Fernsehen kaum noch Konkurrenz. Da kann man auch im Latschenkino sitzen bleiben. Das Kulturbüro, das das diesjährige Sommerloch mit fast 60 Veranstaltungen Frankfurter Vereine und Initiativen füllte, ist in diesem kulturellen Tagebau-Restloch beinah so etwas wie ein vorletzter Lichtschimmer. Man darf gespannt sein, wann die Stadt sich auch dieses Instrument der Koordinierung selbst aus der Hand schlagen wird.
Oderblick
16. September 2000
Die Textilkette C&A verläßt Frankfurt. Da es sich um eines der repäsentativsten Geschäfte im Oderturm handelt, wird das von manchem als ein Signal gewertet. Doch die Überraschung sollte sich in Grenzen halten. An Warnungen vor einer massiven Erweiterung der Einzelhandelsflächen hat es in der Vergangenheit nicht gefehlt. An Leerstandstendenzen und wachsenden Vermietungsproblemen ebenfalls nicht.
Wo der Markt gesättigt ist, kommt es darauf an, sich durch Angebotspalette und eigenständiges Profil hervorzuheben. Hier hat Frankfurt Nachholebedarf. Die Diskussion gerät in Schieflage, wenn man einerseits korrekterweise feststellt, daß Händler sich zuerst einmal von den Zahlen unterm Strich leiten lassen, andererseits aber im Zeichen des Patriotismus an den Kunden appelliert wird, genau dies bitteschön nicht zu tun, sondern sein Geld lieber in Frankfurt zu lassen, statt anderswo ein günstigeres Preis-Leistungsverhältnis oder besseren Service in Anspruch zu nehmen.Solche Argumente entspringen einem Denken, das die Gilde der Verkäufer noch immer für eine besonders schützenswerte Spezies hält, wie jüngst ein Fernsehmoderator spottete. Sie dürfen nicht zu lange arbeiten, sie brauchen ihren Sonntag – mehr als jeder Energiearbeiter, Busfahrer oder Krankenpfleger. Sanft und geduldig muß man sie behandeln, wenn sie eine viertel Stunde vor Geschäftsschluß mit dem Staubsauger zwischen den Regalen hantieren. Sie wollen ja nur das Beste für uns: Daß uns die Ladenschlußzeiten nicht verwirren. Daß wir nicht mit dem Einkaufsbeutel durch nächtliche Straßen tappern... Mag ja sein, daß der Job an der Kasse miserabel bezahlt ist. Doch das müssen die Tarifpartner miteinander ausmachen. Der Kunde indessen wird sich immer stärker dorthin orientieren, wo er zu der von ihm gewünschten Zeit das von ihm Gewünschte bekommt. Das kann im A-10-Center sein oder im Internet, im SMC oder in den Lenné Passagen. Je nachdem, wo er wirklich im Mittelpunkt steht.
Oderblick
23. September 2000
Wer hat das nicht schon erlebt: Eine entgegenkommende Autokolonne und voraus ein Radfahrer. Eine Gewissensfrage jedesmal: Hinterherschleichen oder überholen im Zentimeterabstand? Im zweitschlimmsten Falle habe ich den hinter mir Fahrenden im Kofferraum, im schlimmsten den vor mir auf der Kühlerhaube. Mitschuld trage ich in jedem Fall – denn der Radfahrer gilt juristisch als nicht geschulter Verkehrsteilnehmer und somit Unterlegener. Manche nutzen das schamlos aus, genauso wie einige Autofahrer ihren Frust ablassen angesichts unbeleuchteter Schlängelradler. Aber in Gefahr sind beide. Das Interesse an vernünftigen Radwegen sollte deshalb genauso groß sein, wie das an schlaglocharmen Stadt- und Fernstraßen. An beidem fehlt es.
Aber warum setzt eine Stadt wie Müllrose sich gegenüber dem Land durch und Frankfurt (Oder) nicht? Ein Drittel der Frankfurter Arbeitsplätze liegen im Klinikum, der LVA, dem Institut für Halbleiterphysik, im Technologiepark, in den Markendorfer Gewerbegebieten. Als die Autobahnbrücke wurde, war auch die Fertigstellung des Radweges versprochen. Passiert ist nichts. Die Stadt zeigt auf das Land, dem die Straße gehört. Den Betroffenen ist das zuwenig. Warum ein Auto anschaffen, wenn ich froh bin, nach acht Stunden am Computer auf den Drahtesel zu steigen? Warum die neue Bürgerbewegung stärken – Wir sind der Stau! – wenn es auch anders geht? Der Oder-Anzeiger unterstützt die Forderungen der Radfahrer, weil sie ein allgemeines Interesse treffen, wie der Blick in die Unfallstatistik zeigt. Am Montag starten die Betroffenen deshalb gemeinsam mit dem Oder-Anzeiger eine Unterschriftenaktion, mit der den Forderungen gegenüber der Stadtverordneten und Oberbürgermestern Nachdruck verliehen werden soll. Wir fordern den sofortigen Bau des Radweges Frankfurt (Oder) – Markendorf. Es wird höchste Zeit, denn die Tage werden kürzer und die Unfallgefahr wächst. Oder müssen die Stadtoberen erst nach Markendorf umzuziehen, damit es mit dem Radweg klappt?
Oderblick
30. September 2000
Der Herbst ist da, und mit ihm kommen die kalten Füße. Zum Beispiel jene der drei Handwerkerfrauen, die am Brandenburger Tor in Berlin im Hungerstreik stehen, um gegen „kriminelle Zahlungsmoral„ und „verfehlte Politik„ zu demonstrieren. Die Familienbetriebe ihrer Männer stehen vor dem Aus. Von einer halben Million Mark und mehr Manko pro Firma ist da die Rede, von drohenden Schulden bis ans Lebensende. Die Frauen wollen ein Zeichen setzen, schon zum zweiten Mal in diesem Jahr.
Man mag Häme ausgießen ob der Vertrauensseligkeit, die dem finanziellen Debakel zumeist vorausgeht, oder sich erinnern, daß die krummen Kumpel gar nicht weit weg sind, die sich um berechtigte Forderungen zu drücken versuchen. Man kann sich aber auch mit den Handwerkerfrauen solidarisieren, wie es Jörg Melinat aus Fredersdorf versucht. Der Zentralheizungs- und Lüftungsbaumeister hat für den 5. Oktober zu einer Demonstration in Berlin aufgerufen. Jeder Handwerker, sagt er, sollte sich überlegen, ob er einen Tag für das gemeinsame Interesse investiert oder lieber im stillen Kämmerlein die Zustände bejammert. Die Frankfurter Handwerkskammer hat den Aufruf als Pressemitteilung verbreitet. Logisch, möchte man meinen, schließlich soll sie Handwerkerinteressen vertreten.Doch da sind sie wieder, die kalten Füße. Noch am gleichen Tag folgte der Rückzieher. Die Kammer habe sich schon zur Zahlungsmoral geäußert. Vom Aufruf zur Demonstration distanziere man sich, weil keine Interessenbekundung für diese Form der Meinungsäußerung von der Mehrheit der Mitglieder vorliege. Warum, rätselt der Ahnungslose. Teilen sich die Handwerker vielleicht selbst in solche, die auf Zahlungen warten, und solche, die auf Zahlungen warten lassen? Fürchtet die Institution, mit solcher Aktion nicht am sicheren Ufer zu sein? Oder liegt es einfach am Herbst, der Zeit des „stirb und werde„? Melinat jedenfalls hat noch keine kalten Füße bekommen. Wie viele mit ihm sind, das wird sich zeigen.