Blickpunkt 2000
7. Oktober 2000
Mit dieser Zeitung halten Sie ein neues Produkt in den Händen. Nehmen Sie es getrost als ein Geschenk zum 10. Jahrestag der deutschen Einheit. Schließlich signalisiert das Erscheinen des Neulings wirtschaftliches und publizistisches Engagement vor Ort – mit sicherem Gespür für den Osten und zugleich mit klarem Blick über den eigenen Tellerrand hinaus.
Doch auch wenn der BLICKPUNKT für Frankfurt (Oder) eine Innovation darstellt: Im Land Brandenburg hat dieses Blatt schon seit langem einen guten Namen. So gut, dass dieser Name noch vor Erscheinen der ersten Nummer Begehrlichkeiten weckte. Wir können das verstehen. Schließlich bietet der BLICKPUNKT durch flächendeckende Verbreitung, hohe Auflage und vielfältige Verbundmöglichkeiten eine hervorragende Werbeplattform für die Wirtschaft. Viele Kunden haben das sofort verstanden und die Chance beim Schopf gepackt – ein Vertrauensbonus, dessen sich der BLICKPUNKT würdig erweisen wird.
Diese Voraussage fällt um so leichter, als dem BLICKPUNKT in Frankfurt (Oder) ein mit den Jahren gewachsener Erfahrungspool zur Verfügung steht. Im Impressum stoßen Sie auf ein Team, dessen Verläßlichkeit erprobt, dessen Kompetenz erwiesen ist. „Kopf und Herz für Kunden und Leser„ ist unser Motto von der ersten Ausgabe an. So wird der BLICKPUNKT sich in Frankfurt (Oder) als die Zeitung für das ganze Wochenende profilieren: mit Werbung, Infotainment, gutem Rat und selbstverständlich mit journalistischer Zuverlässigkeit – offen, kritisch, überparteilich und zugleich Partei ergreifend: für ein freundliches Frankfurt (Oder), für eine gedeihliche Wirtschaftsentwicklung, für einen starken Mittelstand, für eine hohe Lebensqualität auf einer gesunden Grundlage. Der BLICKPUNKT erscheint in einer Zeit, in der Lust am Zupacken und Realismus für die richtigen Ziele gefragt sind – als Partner für Gegenwart und Zukunft. In diesem Sinne: Herzlich willkommen und viel Vergnügen mit unserer ersten Frankfurter Ausgabe.
14. Oktober 2000
Es ist etwas anders geworden in diesem Jahr. Etwas, das der Stadt gut tut, weil es Selbstvertrauen offenbart und Realismus. An vielen Orten war das zu spüren: Im Mantz & Gerstenberger Zentrum, wo eine „Stadtinsel„ Gewerbe und freie Kunst zusammenführt, auf dem Messegelände, wo nicht nur eine Halle neueröffnet wurde, sondern allenthalben innovativer Geist Einzug hielt, in der City, wo sich Streetsoccer und Kintoppfans ein Stelldichein gaben, wiederum am Westkreuz, wo das Hotsummer-Freizeitcamp Besucher in Scharen anzog, im City Park Hotel, das gerade seinen ersten Kunst-Ball veranstaltet hat.
Es ist etwas anders geworden im Umgang miteinander. Natürlich brodeln noch immer Gerüchte, werden Intrigen gesponnen, alte Unliebsamkeiten gepflegt. Aber es gibt auch ein Zusammenrücken Frankfurter Unternehmer, das übers Geschäftliche hinausgeht, wo sich in Freundschaften Gemeinsinn manifestiert und ein Netzwerk der Engagierteren und Zuverlässigeren entsteht. Spötter meinen, das alles passiere dank der Stadtführung. Dank ihrer Kränklichkeit und Visionslosigkeit nämlich, die gar keine andere Möglichkeit offen lasse. Dank auch des Stadtparlaments, von dem ein gewichtiger Teil den Oberbürgermeister lieber heute als morgen los wäre: Nachfolger für Fritz Krause gesucht; das andre war alles bloß Übung...! Gerecht ist das nicht. Das Kulturbüro wäre zu nennen, das mit unscheinbaren Geldmitteln den zweiten Kultursommer auf die Beine gestellt hat, weil es Mitstreiter sucht und findet. Das Investorcenter – und mit ihm das Wirtschaftsamt –durch das eine beträchtliche Anzahl von Arbeitsplätzen geschaffen wurde, und andere mehr. Es gibt nichts über einen Kamm zu scheren, wenn gute Leute nicht in den Strudel des defizitären Haushalts geraten, nicht Sündenböcke gesucht und abgestraft werden sollen. Aber es gibt auch keine Alternative dazu, das, was sich geändert hat, ins Rathaus zu tragen, die versprochene Reform der Verwaltung voranzutreiben ohne Verzug.
21. Oktober 2000
Der Herbst wirbelt die Blätter durcheinander. Die Buchmesse in Frankfurt am Main tut das ihre dazu. Doch das kleinere Frankfurt muss da nicht zurückstehen. Fröhlich dreingepustet hat am vergangenen Wochenende schon das Kleist-Museum mit seiner Wiedereröffnung. Seit gut drei Jahrzehnten prägt die Forschungs- und Gedenkstätte das kulturelle Leben der Stadt mit. Nicht nur für Kleist-Kenner verbindet sich dieses Engagement mit Namen wie Rudolf Loch, Wolfgang Bartel oder Hans-Jochen Marquardt. Auch an „Laub„ fehlt es nicht: Frankfurter Buntbücher, Beiträge zur Kleistforschung und vieles andere stehen dafür.
Viadrina und deutsch-polnisches Literaturbüro Oderregion, beide auch schon mit rund einem Jahrzehnt eigener Tradition, starten passend zum Messethema im großen Frankfurt und zur Grenzregion mit einem deutsch-polnischen Literatur-Programm in den Herbst. Vor allem die Studenten konnten einen beachtlichen Tross von Unterstützern und Helfern hinter sich bringen. Mit ihrem Marketing haben sie Maßstäbe für andere freie Kulturprojekte gesetzt. Dass auch diese Initiative nicht bei Null beginnt, ist Übersetzern – oder sollte es heißen Literatur-Attachés? – wie Karin Wolff zu danken, aber auch Herausgebern wie Hans Joachim Nauschütz und Steffen Peltsch sowie jungen Dichtern und Theaterleuten beider Länder, die mit gemeinsamen Aufführungen, Lesungen und Workshops das Feld bereitet haben für wechselseitige Aufmerksamkeit. Klangvolle Namen stehen auf der Liste der Gäste, die bis zum 27. Oktober in Frankfurt (Oder) und Slubice erwartet werden. Vom Aphorismus bis zum Roman, vom Rock-Folk-Jazz bis zum surrealen Film reicht die Palette.So erweist sich die Kleist-Stadt ihres Namens würdig. Nicht, weil Bürdenträger das Etikett von den Theatertrümmern gerissen und der Kommune aufgepappt haben, sondern weil Bürger ihren Lebensort als Stätte lebendiger Literatur und Kunst, Grenzen überschreitender Kommunikation und Neuland wagender Initiative gestalten. Hut ab.
28. Oktober 2000
Keine Woche ohne Paukenschläge. Der fröhlichste in den vergangenen Tagen war auf dem Messegelände zu hören. Das Team um Andreaas Bitter zeigte einmal mehr, dass die richtige Mischung aus Tradition und Innovation vom Publikum belohnt wird. Damit geht eine Saison zu Ende, in der sich die Frankfurter Messe weiter stabilisieren konnte. Nun ist es an Land und Kommune, sich zu Deutschlands östlichstem Messestandort bekennen – in Mark und Pfennig.
Potsdam tut sich schwer damit. Als er Bundesverband mittelständische Wirtschaft einen Staatssekretär einlud, über die Haushaltskrise der Kommunen zu diskutieren, schickte das Innenministerium einen Abteilungsleiter. Der berief sich auf ein Gutachten, das dem Land eine „auskömmliche Finanzierung„ der Städte bescheinigt. Was an dem Gutachten nicht schmeckte – der Dirigismus bei den Zuwendungen, die Beschränkung kommunaler Handlungsfähigkeit - wurde unter den Teppich gekehrt. Und als einer der Anwesenden es dort vorholte, wurde der Ministerialdirigent ruppig. Was Wunder, wenn Unternehmer da von einem Defizit an Vertrauen sprechen. Dabei ist eines klar: die Konsolidierung des Frankfurter Haushalts entscheidet sich nicht in der Kämmerei, sondern allenfalls im Investorcenter und im Wirtschaftsamt. Ein Paukenschlag ganz anderer Art war die Nachricht von der zweiten Kindstötung innerhalb von anderthalb Jahren in unserer Stadt. Die Zeitung ist nicht der Ort, über Schuld und Schuldfähigkeit bei solcher Ungeheuerlichkeit zu rechten. Doch wo der Leichnam eines Neugeborenen zwischen Exkrementen aus dem Abwasserrohr hervorgezerrt wird, macht sich Erschütterung breit. Wer so etwas tut, muss verrückt sein, sind entsetzte Stimmen zu vernehmen. Wahrscheinlich. Aber wer so etwas tut, muss auch unendlich einsam und verzweifelt sein – mitten unter uns. Der gereckte Zeigefinger befreit niemanden von der Frage, was er in seinem ganz persönlichen Umfeld dagegen tut. Auch Menschlichkeit braucht eine Lobby.
4. November 2000
Tag für Tag 15 686 274 Mark Verlust. Und am Ende der Dank der Nation. Verkehrte Welt, meinen Sie? EXPO-Chefin Birgit Breuel hat es geschafft. Mit 2,4 Milliarden Mark Defizit verabschiedet sie sich hochzufrieden in den Ruhestand. Blümchenzüchten ist angesagt. Nach ein paar Jährchen mit dreifachem Kanzlergehalt eine durchaus sorgenfreie Beschäftigung. Um die Nassen mögen sich nun Bund und Land, kurzum: die Steuerzahler scheren. Zumal das Manko nur einen Bruchteil dessen beträgt, was beim Institut für Deindustrialisierung und Staatsverschuldung, auch bekannt unter dem Namen Treuhandanstalt, zu Buche schlug. Und dafür gab es das Bundesverdienstkreuz. Immerhin.
Nun versuchen Sie bloß nicht auszuprobieren, ob das bei Ihnen genauso schön funktioniert, wie unterm blauen EXPO-Segel. Im Normalfall, so lehrt die Erfahrung, können schon wesentlich kleinere Defizite die Existenz gefährden. Die spannende Frage lautet: Wonach bemißt sich Verdienst? Nach der geleisteten Arbeit? Wer immer behaupten wollte, täglich das Zigfache dessen fertigzubringen, was dem gewöhnlichen Malocher das Kreuz krummbiegt, der sollte seine Wahrnehmungsfähigkeit prüfen. Nach der Produktivität? Dann müßte die EXPO wenigstens auf Umwegen für ausgleichende Mehreinnahmen gesorgt haben, um – zum Beispiel – mit dem Schuster aus dem Kiez mithalten zu können. Nach der Verantwortung? Damit hat Birgit Breuel zu erklären versucht, weshalb sie mit dem Irrealismus der geplanten 40 Millionen Besucher so lange hinterm Berg gehalten hat. Wenn ein Existenzgründer das mit seinem Betriebskonzept bei der Hausbank versucht, fliegt er achtkantig raus. Also Fehlanzeige. Aber wonach geht es dann? Nach der virtuellen Realität der Informationsgesellschaft und ihrem medial organisierten Größenwahn?Sagen Sie nicht: Verkehrte Welt. Sagen Sie einfach: Der Deal bestimmt den Stil. Wenn das Segel nichts taugt, ist der Wind daran schuld. Wenn Sie wirklich pleite sind, war Ihre Pleite einfach zu klein.
11. November 2000
Die öffentliche Anhörung zum Kulturetat stand unter dem Motto: „Den Mangel gestalten„. Doch von Gestaltung kann nicht mehr die Rede sein. Die Haushaltskonsolidierung frisst das strategische Denken, den Spielraum und die Souveränität der Akteure. Die Frankfurter Kultur wird zum Schlachthof geführt - verschämt von den einen, unverschämt von den anderen. Eine Million Mark zusätzlicher Kürzungen bringen die Einrichtungen an den Rand ihrer Existenzfähigkeit. Die Bibliothek wird mit ihren Zweigstellen Leser verlieren. Der Volkshochschule gehen ebenso viele Einnahmen verloren, wie sie mit d
er Streichung eines Drittels ihrer Offerten einspart. In Bälde könnte, was niemand zugeben will, auch das Staatsorchester aus dem Stall gezerrt werden. Unter den geplanten Fusionen verspricht einzig die von Konzerthalle, Kleist Forum und Messe wirklichen Fortschritt.
Dabei schafft das Kastrationsopus nur für einen Augenblick Luft. Bis 2005 fehlen erneut 800 000 Mark. Für Kulturreferent Michael Reiter Anlass, den eigenen Job mit zur Disposition zu stellen. Den Austausch des pädagogischen Personals der Musikschule gegen Honorarkräfte nennt er zu Recht ein „soziales Verbrechen„. Den nochmaligen Entzug der eingesparten 260 000 Mark des Kultureigenbetriebes durch den Kämmerer deutet er als Anfang vom Ende dessen, was als Alternative zur Kulturverwaltung gedacht war und den Einrichtungen wirtschaftliche Handlungsfähigkeit versprach. Doch Verabredungen sind in Frankfurt nichts wert. Reiters Resümee: Eine „Mischung von Dreistigkeit und fachlicher Inkompetenz„ statt Kulturpolitik. Ist also Endstation erst, wenn die 14 Millionen Mark für Kultur auf Null gefahren sind? Welche Einsparungssumme wird künftig erwartet? Welchen prozentualen Anteil soll die Kultur am Stadthaushalt haben? Die Leute, die Kultur in dieser Stadt machen, hatten sich zum Krötenlutschen versammelt. Als Legitimation für ein kulturfeindliches Frankfurt sollte das nicht missverstanden werden.
18. November 2000
Die närrische Zeit hat begonnen und macht es dem Menschen nicht leicht. Wer soll im Faschingstrubel noch unterscheiden zwischen fröhlich-dreistem Schellengeklirr und unfreiwilliger Realsatire? Für die Angestellten in den pleite gegangenen Betrieben des Frankfurter Handwerkskammerpräsidenten dürfte Weihnachten alles andere als neckisch aussehen. Trotzdem entbehrt es nicht einer gewissen Komik, wenn es die Vortänzer der Konjunktur als erste vom Parkett wedelt. Und es entbehrt zugleich nicht eines gewissen Schmerzes, wenn es einen ebenso umstrittenen wie sympathieträchtigen Mann erwischt, dessen urbayerisches Naturell eben noch unverwüstlich schien.
Ein anderes Beispiel: Ist es Ernst oder Satire, wenn die Stadt sich ihres Grüns besinnt zu einem Zeitpunkt, da die Plattenquartiere in die Krise geraten, da der Überhang an Handelsflächen unbarmherzig zurückschlägt und die Stadt ihre desolate wirtschaftliche Lage nur noch durch den Verkauf des Tafelsilbers retten zu können meint? Angesichts einiger Luftbilder meinte eine Leserin kürzlich: Na ja, so betrachtet sieht Frankfurt eigentlich sehr schön aus... Der Satz sollte zu denken geben. Nicht nur die reizvolle Umgebung, sondern auch die Stadtlandschaft ist ein Pfund, mit dem Frankfurt gar nicht genug wuchern kann. Klar ist aber auch, dass ohne bürgerschaftliches Engagement im wahrsten Sinne des Wortes kaum ein Blumentopf zu gewinnen ist. Allein die Europäische Union wird es auch nicht richten.Immerhin soll deren Fördergeld als nächstes eingesetzt werden, um das Schandmal Haus vier an der Musikschule zu verschönern. Die Ankündigung von Martin Patzelt wäre nun wirklich eine Büttenrede wert. Nachdem erfolgreich der Kunstbereich zerschlagen wurde und die Musikpädagogen sozialverträglich in die Wüste geschickt werden sollen, rafft sich die Stadt auf zu dem, was vor einem halben Jahrzehnt auf der Tagesordnung stand. Aber so ist das Leben – selten ganz ernst, und im Scherz tut´s immer etwas weh.
25. November 2000
Manchmal hat die Narretei denjenigen, der sich über sie mokiert, schneller beim Wickel, als gedacht. Nein - Handwerkskammerpräsident Detlef Karney ist keineswegs pleite. Der Autor hat, und es tut ihm leid, die Handwerkskammer mit ihrer Schwester, der Industrie- und Handelskammer, verwechselt.
An eine Verwechslung mag auch glauben, wer in dieser Woche erfuhr, dass sich der Vorstand des Trägervereins Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte e.V. und Kleist-Museums-Direktor Hans-Jochen Marquardt trennen. Einvernehmlich. Hoppla - war das nicht der, unter dessen Leitung das Haus aus dem Dornröschenschlaf erwachte? Der an die Verdienste von Rudolf Loch anknüpfte im Interesse des kleistschen Erbes? Worin bestehen denn die „unterschiedlichen Auffassungen in Bezug auf die Führung und Entwicklung des Hauses„ zwischen Vorstand und Germanist? Der hatte dieses Haus doch zu einem Hort international anerkannter Symposien der Literaturwissenschaft gemacht. Unter dessen Federführung war endlich die Sanierung des Gebäudes und die Einrichtung einer neuen Dauerausstellung gelungen. Ist statt Kleist nun wieder Schiller angesagt: „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Der Mohr kann gehn„? Marquardt ist Querdenker und Workaholic. Aus beidem hat er keinen Hehl gemacht. Welche Eigenschaften sind denn nun wieder, lieber Vereinsvorstand, gefragt? Bei der Neubesetzung der Stelle werden wir es sehen.
Wie Marquardt hat auch Bernd Horn es verstanden, fremde Fußsohlen zu kitzeln. Vielleicht war das der Grund, weshalb ihn manche lieber vor dem Kadi gesehen hätten. Inzwischen blasen die tapferen Ritter zum Rückzug, verflüchtigt sich die Tafelrunde der vierzehn Aufrechten ins Virtuelle. Der Braten mit den Zutaten aus der Gerüchteküche schmeckt seinen eigenen Köchen nicht mehr. Die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt und den Fall, der keiner war, zu den Akten gelegt. Was für die Stadt dabei herausgekommen ist? Ein Vorgeschmack auf Aschermittwoch.
3. Dezember 2000
Die gute Nachricht lautet: Endlich ist klar, was die Filetstücke sein sollen, von denen die Stadt sich in Teilen oder in Gänze trennen will. Klinikum, Stadtwerke und FAKS stehen auf der Investoren-Speisekarte. Das Gesamtmenü soll 200 Millionen Mark bringen und damit für Ordnung in der defizitären Haushaltskasse sorgen.
Für den Verkauf spricht, dass er schneller Geld bringt, als der Aufbau oder die Ansiedlung neuer Betriebe. Damit läßt sich die klaffende Lücke schließen. Das Problem der strukturellen Mankos ist damit nicht aus der Welt. Es wird auch nicht durch noch so schöne Sparhaushalte – die meist nicht das Papier wert sind, auf dem sie stehen – behoben. Die Kostensenkung, das ist in den vergangenen Jahren immer deutlicher geworden, kann nur die Rückseite der Medaille sein. Die Vorderseite ist eine Erhöhung der Einnahmen durch Entwicklung der Wirtschaft in der strukturschwachen Region. Eine entsprechende Förderpolitik zeitigt inzwischen die ersten Erfolge, aber die Kuh ist noch längst nicht vom Eis.
Zum anderen, das ist die schlechte Nachricht, setzt ein privatwirtschaftliches Unternehmen andere Prioritäten. Stadtpolitische Rücksichtnahmen stehen dabei zurück. Erinnert sei an die Ankündigung von Verwaltungsdirektor Andreas Grahlemann aus dem Klinikum Markendorf. Nach der Privatisierung werde es keine schlechtere Krankenhauspolitik geben. Auch keinen drastischen Personalabbau. Wohl aber eine leistungsorientierte Bezahlung der Mitarbeiter. Zu Ende wäre es auch mit dem Kauf teurer Leistungen von der Stadt, so der Fürsprecher einer privatwirtschaftlichen Lösung. Bei den Stadtwerken und der FAKS braucht die Kommune solche Entwicklung nicht zu fürchten. Höhere Kosten und Gebühren bekommt nicht der öffentliche Haushalt zu spüren, sondern der private.Trotzdem ist dieser Schritt vertretbar. Allerdings nur, wenn auch der andere gegangen wird. Wird das strukturelle Defizit nicht abgebaut, fallen alle Erlöse wieder nur in ein bodenloses schwarzes Loch.
9. Dezember 2000
Selbstbeweihräucherung, wenn sie sich nicht als Gesprächsangebot verstehen. Der Versuch, klaffende Risse im gesellschaftlichen Konsens mit Partei- und Demonstrationsverboten zu kitten, kann zwar kurzzeitig ein Podium ungeliebter politischer Gegenspieler zersägen – ändert aber weder etwas an deren Haltung noch an ihrem Organisations- und Handlungswillen. Was tun also, wenn Intoleranz und Frust zum Ersatz werden für Weltsicht und Werte? Wer hat noch Zeit für die aufreibende Tippeltappeltour? Man kann doch nicht zu jedem Einzelnen hinrennen, oder?
Der Bundestags-Fraktionsvorsitzende der FDP, Wolfgang Gerhardt, hat sich zumindest auf den Weg gemacht. Seit geraumer Zeit tourt er durch das Land, durch West und Ost, um mit Schülern über Demokratie, Gewaltlosigkeit und Integration zu sprechen. Was auch Zuhören heißt. Eine seiner Erfahrungen dabei: Es sind die gleichen Probleme, die Heranwachsende überall in Deutschland beschäftigen. Eine weitere Erfahrung, die er vergangene Woche am Karl-Liebknecht-Gymnasium erneuern konnte: Die Verdrossenheit der Heranwachsenden richtet sich nicht gegen die Politik an sich, sondern gegen ihre abgestumpften Riten, gegen Heuchelei, Lebensferne und Mangel an Verbindlichkeit.Wenn Gerhardt als Vertreter der Elterngeneration, statt parteipolitische Sprüche zu klopfen, von früheren konfessionellen Konflikten zwischen Kriegsflüchtlingen und Alteingesessenen in seinem Heimatdorf erzählt, dann wird ein gemeinsamer Erlebnishorizont sichtbar. Verständigung scheint möglich. Das ist ein Anfang. Viele solcher Anfänge braucht es. Im Freundeskreis und in der Familie ebenso wie in der Schule. Dem Wunsch Gerhardts, es mögen sich – gerade unter den Bundes- und Landtagsabgeordneten – möglichst viele Nachahmer seiner Idee finden, kann man sich nur anschließen.
16. Dezember 2000
Es war nicht anders zu erwarten: Die Debatte um die Schöne Helene währte bis zuletzt. Hinter verschlossenen Türen prallten noch einmal die Meinungen aufeinander. Ist der neue Vertrag mit der Helenesee AG wieder nur so ein angebrütetes Ei, von dem niemand weiß, was daraus schlüpft? Sind die Konditionen für die Stadt annehmbar, wenn die Richtwerte für den Pachtzins drastisch unterschritten werden? Einigkeit war darüber nicht zu erlangen. Trotzdem ist der Vertrag jetzt unter Dach und Fach. Was er taugt, muss die Zukunft zeigen.
Ein schwieriges Exempel war es für alle Beteiligten. Für die Stadt, weil das Denda-Pohlsche Millionengrab ein reines Eigentor war. Helmuth Penz wäre allenfalls moralisch anzukreiden, dass er sich die Chance nicht entgehen ließ. Verboten ist das nicht. Seine Nachfolger hingegen erben einen Trümmerhaufen, um den sich wüste Gerüchte ranken – von kontaminierten Flächen bis zur Undurchsichtigkeit von Drittverträgen ist die Rede. Wer künftig entscheiden will, wo es hingeht mit einem der schönsten Erholungszentren Deutschlands, der muss die Kröte des Halbwissens schlucken. Eine kleine tapfere Truppe Frankfurter Unternehmen traut sich das. Sie weiß, dass der See trotz allem ein Filetstück ist. Doch für den verbeulten, rostigen Teller, auf dem es dargereicht wird, will die Aktiengesellschaft nicht auch noch extra löhnen. Das musste die Stadt akzeptieren.Natürlich ist das eine politische Entscheidung. Stadtpolitik ist das Einbeziehen des breiten Bürgerinteresses in die kommunalen Geschäfte. Die Frankfurter und ihre Gäste sollen auch künftig das kleine Paradies vor der Haustür zu erschwinglichen Preisen nutzen können. Die Bungalowbewohner, die nicht wissen, ob ihnen auch gehört, was sie bezahlt haben, sollen zumindest nicht von der Datsche vertrieben werden. Die moderne Neugestaltung des Freizeitparks soll die natürliche Landschaft nicht zerstören. Solche Prämissen sind mit dem Verzicht aufs allzu schnelle Geld nicht zu teuer bezahlt.
23. Dezember 2000
Vor einigen Tagen bekam ich einen unscheinbaren Zettel geschenkt. Es war der Text eines Zigeunermärchens. Darin erhält eine Frau ein Zeichen von Gott, dass er sie zu besuchen gedenkt. Die Frau bereitet sich darauf vor, wie auf ein Fest. Den Bettler an der Tür aber weist sie immer wieder zurück. Keine Zeit, bedeutet sie ihm, sie warte schließlich auf Gott. Da sie vergeblich harrt, beklagt sie sich, und Gott erwidert: Dreimal bin ich bei dir gewesen. Dreimal hast du mich nicht empfangen...
Das Scheitern an der eigenen Wahrnehmung ist nichts Ungewöhnliches, schon gar nicht in einer mediengemachten Welt. Es vollzieht sich auch unter umgekehrtem Vorzeichen. Was erhaben und unzweifelhaft auf uns kommt, gibt sich aus der Distanz als erbärmlich und eigensüchtig zu erkennen. Im Glitzer versteckt sich der Schund. In der Fülle die Armseligkeit. Das Maß geht verloren im Übermaß.
Vielen jungen Leuten ist Weihnachten deshalb verhasst. Eine öde Feierlichkeit, unter der der Familienzwist knistert. Das Buhlen der Erwachsenen mit teuren Geschenken, als ließe sich vergeudete Zeit, um die sie sich und ihre Kinder brachten, damit zurückkaufen unterm Lichterbaum. Die noch nicht Bestochenen ahnen in der vorgeblichen Selbstlosigkeit die verborgene Korruption. Sie ahnen, dass etwas mit ihnen exerziert wird, das so und noch viel unverhohlener jeden Tag stattfindet. Sie nehmen wahr, dass sie für diese weihnachtliche Befriedung werden bezahlen müssen. Nicht der Stern von Bethlehem - ein Menetekel wirft seinen Schein auf das Fest. Und wer da wirklich ohne Eigennutz schenkt, den schmerzt der Verdacht. Wer sich in Bescheidenheit übt, erleidet den Vorwurf des Geizes. Wer den Bettler einlässt, geht im Ruch der Naivität.Geld stellt Beziehungen zwischen Menschen her, ohne die Fremdheit zwischen ihnen aufzuheben. Wer Weihnachten will als eine Chance gegen die Einsamkeit, der sollte die zweifelnden Jungen fragen. Jetzt ist Gelegenheit dazu. In diesem Sinne: Ein freies Fest und ein glückliches neues Jahr.