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Blickpunkt 2002

Oderblick 5.1.2002

Manche können es nicht lassen mit den guten Vorsätzen. Zum Beispiel dem, in diesem Jahr weniger Geld auszugeben. Riester zu Liebe oder weshalb auch immer. Zumindest nominal dürfte es damit dank Euro kaum Schwierigkeiten geben. Teilnehmer an der „größten Währungsreform der Geschichte“ zu sein, klingt natürlich nach etwas Besserem als „Versuchskaninchen der Globalisierung“, was für die Millionen überwiegend skeptischen EU-Bürger mindestens ebenso zutreffend wäre. Sogar das Begrüßungsgeld wird diesmal sofort gegen gerechnet und nicht erst durch die Treuhand wieder eingezogen.
Aber der Euro ist etwas Neues. Unser Zeitalter bringt es ja fertig, das für einen Wert an sich zu halten. Nur leider ist jetzt die Werbung zu Ende, die mich westonkellosen Zonendödel daran erinnerte, dass wir uns alles, alles mit der D-Mark geschaffen haben. Der Osten ist nicht gemeint, hieß die unüberhörbare Botschaft dieser Aufklärungskampagne. Er hat, im Licht von Deutschmark-Land betrachtet, eigentlich gar nicht stattgefunden. Allzu viel Gutes lässt solch Geschichtsbild kaum erhoffen, falls wir uns nicht um uns selber kümmern, wie Herr Brecht es bereits im vergangenen Jahrtausend vergeblich vorschlug.
Bei Wolfram Grünkorn, Axel Henschke und Lutz Patitz scheinen dessen Worte auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Sie kümmern sich derzeit darum, dass im Bürgerbüro in der Bischofstraße die jeweils 92 Unterstützer-Unterschriften zusammen kommen, die jeder OB-Einzelkandidat braucht. Wer meint, dass nicht nur Parteien sich am Rennen um den Stadt-Schemel - Thron kann man in Frankfurt wohl kaum dazu sagen - beteiligen sollten, der braucht sich im Bürgeramt nicht einmal anzustellen, sondern kann sich in Zimmer 016 melden. Niemand trifft damit eine andere Entscheidung als jene, die Vielfalt des politischen Spektrums in unserer Stadt zu vergrößern. Wahltag ist erst am 24. Februar. Für wen er Zahltag wird, und ob es danach in Frankfurt mehr Neuigkeiten als den Euro gibt, das liegt in Ihren Händen.

Oderblick 12.1.2002

Das neue Jahr ist erst ein paar Tage alt, aber die Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters laufen sich bereits für die heiße Phase des Wahlkampfes warm. Die ist so etwas wie ein 800-Meter-Lauf: eine gefürchtete Distanz, nicht mit Sprintstärke und nicht mit Ausdauer zu meistern, sondern nur mit einer klugen Synthese aus beidem.
Wahlkampf als Sport? Aber ja. Zum einen, weil er nach dem Bekenntnis aller angetretenen Bewerber eine faire Veranstaltung sein soll. Auch politische Kontrahenten springen bislang nicht den Sensationsmeldungen hinterher, die auswärtige Medien ihnen auf dem Silberbrettchen darreichen, und verzichten auf Schläge unter die Gürtellinie. Zum anderen sind sich die Bewerber in der Sache meist näher, als manchem Wähler lieb ist. Das ist weniger einer persönlichen Profillosigkeit geschuldet, als der Überdeutlichkeit jener Probleme, denen sich jeder an der Spitze der Stadt stellen muss.
Dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft kommt das Verdienst zu, die meisten Frankfurter auf die Beine gebracht zu haben, als er zur Begutachtung der Kandidaten einlud. Von den sechs Bewerbern war nur Bernd Horn verhindert. Er kümmerte sich mit seinem Anwalt Peter Michael Diestel um den dräuenden CDU-Ausschluss. Peter Fritsch, Wolfram Grünkorn, Axel Henschke, Lutz Patitz und Martin Patzelt hingegen standen BB-Chef Henning Hagen wie dem Publikum Rede und Antwort.Vom direkten Vergleich ihrer Aussagen versprechen sich offenbar nicht nur die Unternehmer der Stadt etwas mehr Klarheit. Doch die konkreten Lösungen der Bewerber sind oft schwer vom verwaltungstechnischen Hintergrund der Probleme zu trennen – und der ist für viele alles andere als transparent. So wird wohl auch dieser Wahlkampf nicht zuerst mit Inhalten gewonnen, sondern durch Charisma und Glaubwürdigkeit. Denn darin sind auch die Wähler sich einig: Gebraucht wird jemand, dem sie Integrations- und Durchsetzungsfähigkeit zutrauen, der es packen kann oder wenigstens energisch anpacken wird.

Oderblick 19.1.2002

Die Frankfurter Stadtwerke feiern. Am 18. März bestehen sie zehn Jahre lang. Sie sind ein junges Unternehmen, nicht nur nach Jahren gemessen. Innovativer Geist, geschäftliche Kompetenz und ein klarer Blick auf den Kunden sprechen für sich. Wer an den Lenné Passagen die große Sichtwerbung passiert, wird es zumeist ganz gewöhnlich finden, dass sie sich einreiht unter wohlklingenden Markennamen. Dabei ging gerade dieser kommunale Dienstleister einen steinigen Weg. Die politische Richtungsentscheidung, lebensnotwendige Versorgungsleistungen in Stadt-Regie zu übernehmen, war eine Pioniertat. Durch den Verkauf von Gesellschaftsanteilen, um das Loch im Stadtsäckel zu stopfen, wird diese Leistung weder geschmälert noch nachträglich in Frage gestellt.
Mit der Gründung der Stadtwerke-Tochter Frankfurter Kraft-Wärme GmbH 1993 war der Weg offen zum eigenen Grundlast-Heizkraftwerk, dessen Bau 1994 beschlossen wurde. Es ist eines der modernsten in Europa und macht die Stadt weitgehend unabhängig von den Preisschwankungen auf dem Brennstoffmarkt. Schon vorher erfolgte die Umstellung auf Erdgas, das über die neue Trasse aus Eisenhüttenstadt kommt. 34 000 Geräte mussten dafür umgestellt werden. Wer denkt noch daran? Die Fusion der Gas-, Energie- und Wärmeversorger war ein weiterer Schritt in Richtung Kundennähe und schlanke Verwaltung.
Wenn Frankfurt (Oder) expo-reif wurde, ist das auch den Stadtwerken zu danken. Das Motto Freundliches Frankfurt spiegelt sich in der Unternehmensphilosophie wider. Es soll auch die Festaktion des Jubilars prägen. Deshalb halten die Frankfurter Stadtwerke Ausschau nach den zehn freundlichsten Frankfurterinnen und Frankfurtern. Sie sollen anlässlich des Jubiläums der Stadtwerke gewürdigt werden – stellvertretend für alle, die mit ihrem Fleiß und Engagement, mit ihrer Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit die Stadt voranbringen und für ein Klima in Frankurt (Oder) sorgen, das Menschen anzieht und überzeugt. Der BLICKPUNKT wird gern bei der Suche helfen.

Oderblick 26.1.2002

Wie wäre es denn mit dem 02.02.2002? Wenn es um den Termin beim Standesamt geht, halten viele Brautleute Ausschau nach einem hervorstechenden Datum. Alles, was die Symbolhaftigkeit dieses feierlichen Tages betonen kann, ist willkommen. Alte Traditionen und Bräuche werden in der Familie gepflegt. Schließlich möchte man sich auch zur silbernen oder goldenen Hochzeit noch an den Beginn des gemeinsamen Weges erinnern, und bis dahin soll alles, was den Hochzeitstag verschönt, vor allem eines: Glück bringen.
Dafür darf auch etwas vorausschauender geplant werden. Wichtige Entscheidungen sind bereits zu treffen, wenn es um das Brautkleid und den Hochzeitsanzug geht, um die Accsessoires, die für das besondere Extra sorgen, um die richtige Frisur und das stimmige Make-up, um Blumenstrauß und Fotografen, um stilgerechten Schmuck und passenden Hochzeitswagen, um die Hochzeitstorte und um eine erstklassige Übernachtungsmöglichkeit für die Gästeschar. Für manchen kommt es auch auf die richtige Brille an, und das Auswählen der Eheringe nimmt ebenfalls seine Zeit in Anspruch.
Der perfekt gestaltete Hochzeitstag ist die erste, von den Brautleuten gemeinsam zu lösende Managementaufgabe. Zum Glück sind sie bei dieser aufregenden Angelegenheit nicht allein. Der BLICKPUNKT präsentiert am 2. Februar die 3. Frankfurter Hochzeitsmesse. Im Ramada Treff Hotel werden sich von 11 bis 17 Uhr namhafte regionale Händler und Dienstleister präsentieren. Sie sind nicht nur bekannt für ihre Professionalität und ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis, sondern auch geübt im Zusammenspiel, wenn es darum geht, individuell zu beraten und alle Wünsche ganz nach dem Willen der Brautleute zu erfüllen. Nebenher bemerkt: Auch wer nicht heiraten möchte oder längst den Partner fürs Leben gefunden hat, wird bei der Hochzeitsmesse sein Vergnügen finden. Glanz und Glimmer erinnern schließlich auch an die eigene Jugendzeit – oder daran, dass auch Kinder und Enkel einmal so weit sein werden, Ja zu sagen.

Oderblick 2.2.2002

Der Startschuss der Messe- und Veranstaltungs-Gesellschaft für die neue Saison war wohl kaum zu überhören. Dafür sorgten schon Stefan Gwildis und Christian von Richthofen, die auf der Bühne des Kleist Forums einen Opel Kadett zum Singen brachten. Aber auch auf dem Messegelände, wo die Caravan und Touristik mit dem Auto Motorrad Salon einen neuen Besucherrekord für eine der schönsten brandenburgischen Reisemessen feiern konnte, ging es nicht nur um kommende Urlaubsfreude. Die Furiosa Samba Band sorgte gleich vor Ort für Augenweide und Ohrenschmaus. Und die Vorstellung des neuen Renault-Flaggschiffs Vel Satis, das im Sommer auf den Markt kommen soll, war beinahe eine Deutschlandpremiere. Innovation in Frankfurt – es geht doch!

Erneuerung versprechen auch die Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters, die meisten jedenfalls. Sie werden derzeit munter herumgereicht, und pfiffige Moderatoren setzen sie gleich mitten hinein in ihre Wählerschaft. Nicht immer sind es dann ausschließlich Funken der Sympathie, die in den Augen der Gegenüber blitzen, aber zum Neuanfang gehört auch der Streit, wo es künftig langgehen soll. Aufmerksame Ohren lauschen auch schon mal darauf, ob aus berufenem Mund nicht plötzlich das Gegenteil dessen kommt, was bis gestern noch als richtig galt. Mehr Transparenz und weniger Mauschelei ist die Formel, auf die viele ihre Wünsche bringen.

Wer etwas anderes hören will als kommunalpolitische Erfolgsprognosen, den lädt die Zukunftswerkstatt der Gruppe 2002 am 9. Februar ins Lichtspieltheater der Jugend ein. Dort lesen Mitglieder der Interessengemeinschaft junger Autoren aus ihren Texten. Am Abend vorher gibt es eine neue Premiere mit den Oderhähnen, deren Überleben gerade noch gesichert werden konnte. Flieder und Co. wissen längst, wer an allem schuld ist. Keiner! Es sind die Gene. Deshalb heißt die neue Inszenierung auch „Wir Wundertüten - Genseits von Gut und Böse„. Da hätten sie doch gleich sagen können: Wir Frankfurter in Frankfurt - Oder?

Oderblick 9.2.2002

Mich hat’s in der Badewanne erwischt. Also wenigstens nicht kalt. Aber beim unfreiwillig-plötzlichen Nachtbaden kommen einem auch seltsame Gedanken.

Licht weg, Heizung weg, Handy weg, ISDN tot, Kühlschrank warm, Küchenherd kalt, Dunkelheit in den Straßen ...

Die Kommunikation lag darnieder. Mitarbeiter der Stadtwerke steckten im Stau, Telefonserver brachen zusammen, wehmütige Nostalgie erfasste die Ratlosen beim Erinnern an vergessene Erfindungen wie Betriebsfunk und ihnen verbotene wie blaue Rundumleuchten.
Nur mein Kumpel auf dem Heimweg von der Arbeit überlegte, ob er jetzt nicht mit siebzig am Blitzer vorbeifahren kann. Die Disziplin siegte. Ist ja auch ein gutes Gefühl.

Inzwischen hatten wir Kerzen und Taschenlampen ausgekramt, die Schwiegermutter und mit ihr viele andere alte Leute beruhigt, und uns im Flur niedergelassen. Der Sohn holte die Geige vom Schrank, meine Frau die Flöte aus dem Regal, und in meiner Schublade fand ich eine alte Maultrommel, während sich unsere Tochter für ihre Klanghölzer begeisterte. Hausmusik, damit wurden schon in alten Zeiten böse Geister ausgetrieben.

Kino- und Gaststättenbetreiber, und nicht nur die, hatten vermutlich andere Sorgen. Zumal ein Blackout nach dem 11. September bei manchem andere Gefühle weckt als zuvor. Als die Zeit immer länger wurde, schmolz unser Repertoire zusammen. Der Ärger kroch langsam in uns hoch. Wir wussten nicht, dass zu dieser Zeit schon Ärzte um das Leben eines estnischen Selbstmörders rangen, der seinen fast finalen Mastsprung mit schweren Verletzungen überstand.
Dass einer so nahezu unbehelligt stundenlang auf der wichtigsten Stromversorgungsleitung der Stadt herumturnt, ist nach dem Terrortag im Herbst vermutlich auch nur noch in Frankfurt möglich, wunderten sich einige Leser. Wohl wahr. Dieses Glück aber sei ihm, in all seinem Unglück, vergönnt.

Oderblick 16.2.2002

„Küstriner Erklärung„ heißt ein Papier, mit dem Handwerks-, Industrie- und Handelskammer, der Landkreis Märkisch Oderland sowie das Frankfurter Institut für umweltorientierte Logistik an die Öffentlichkeit getreten sind. Verlangt wird die umgehende Öffnung des Grenzübergangs Küstrin für LKW bis zu siebeneinhalb Tonnen Gesamtgewicht im Interesse eines effizienten regionalen Gütertransports innerhalb der Euroregion Pro Europa Viadrina.
Entsprechende Bestrebungen gibt es seit Jahren. Die Verantwortung für ihr Scheitern schob jeder dem anderen zu. Es war das Verdienst der Internationalen Ostbrandenburger Verkehrsgespräche, Wirtschaftsfachleute, politische Verantwortungsträger, Gebietskörperschaften und Bürgerinitiativen an einen Tisch zu holen. Damit wurde ein Verständigungsprozess befördert, der Europäern gut zu Gesicht steht und den Boden für eine engere Zusammenarbeit bereitet.
Höchste Zeit! Denn jene bedeutende Rolle zu spielen, die sich aus der Tradition als westöstlicher Verkehrsknoten ableiten ließe, ist der Stadt bislang kaum gelungen. Das ETTC ist keine Erfolgsstory geworden. Die Deutsche Bahn hinkt mit der Entwicklung ihrer Trassen den polnischen Partnern hinterdrein. Für die Binnenschifffahrt verbessern sich die technischen Voraussetzungen schneller, als der Bedarf sich entwickelt. Kostenverwerfungen zwischen den Verkehrsträgern, Branchenegoismus, aber auch mangelnde Kompatibilität der nationalen Verkehrs- und Rechtssysteme sind nur einige Gründe dafür. Erst wenn sie überwunden sind, können die Visionen Wirklichkeit werden. Wenn Frankfurt sich in dieser Situation anschickt, zum Podium der internationalen Verkehrswirtschaft zu werden, ist das nicht hoch genug zu bewerten. Auch die Frankfurter Verkehrsgespräche und die 2002 zum dritten Mal stattfindende Fachveranstaltung Logtrans stehen dafür. In diesem Kontext ist auch die „Küstriner Erklärung„ mehr als eine aufgewärmte Forderung. Sie ist ein Signal der Gemeinsamkeit für den dringend gebotenen nächsten Schritt.

Oderblick 23.2.2002

In den vergangenen Tagen liefen die sechs Kandidaten für das Amt des Frankfurter Oberbürgermeisters noch einmal zur Hochform auf. Präsenz war angesagt. Stolz wurden der große, starke Bruder und die Powerschwester vorgeführt, die man holen kann, wenn´s dicke kommt und keiner mehr mitspielen will.

Neben solch rituellen Übungen, die uns seit Kindertagen begleiten, bestand die Kunst der Kandidaten darin, für die Wähler unterscheidbar zu werden, ohne die Mitbewerber zu sehr anzurempeln. Gar nicht so einfach! Selbst erfahrene Medienmacher hatten es im Kleist Forum schwer, die Herrenriege aus der Reserve zu locken. Nur wenn jemandem ein bisschen selbst zertöppertes politisches Porzellan vom Publikum vor die Füße geworfen wurde, beschleunigte das etwas den Puls. Von Polterabend aber keine Rede. Sogar das Testwahl-Ergebnis bestätigte lediglich die Meinungstendenz im Tross der Unentwegten. Die sind immer alle da, wo immer alle sind.
Nur: Die Wahlen entscheiden nicht sie, sondern die Unentschiedenen. Das wissen auch die Kandidaten. Vielleicht deshalb setzten sie mehr auf einen eifrigen als einen harten Wahlkampf. Den Frankfurtern bescherte das manche Überraschung. Stoßseufzer begleiteten Hinrich Enderleins Erscheinen. Das geöffnete Lichtspieltheater fanden nicht nur die Jüngsten krass. Fraktionelle Laienspieltruppen könnten ihre Talente getrost über den Karneval hinweg weiter pflegen. Und wenn das Brücken-Café für ein paar Stunden die verstaubten Planen verlor, ist einem gewöhnlichen Wirt nur der gleiche Erfolg zu wünschen wie dem Amtsanwärter, der zum Tresen lockte.Wer will und kann, steht morgen vor dem Kasten und damit vor der Frage: Was braucht Frankfurt jetzt für seine Entwicklung: Den Bescheidwisser oder den Moderator? Den Durchsetzer oder den Vermittler von Interessen? Und wer ist was? Und was will ich? Die Entscheidung, liebe Leserinnen und Leser, liegt bei Ihnen. Sicher ist letztlich nur eins: Sonntagabend werden sechs Männer in Frankfurt (Oder) klüger sein. Wir auch.

Oderblick 2.3.2002

Peter Fritsch und die SPD haben sich in den letzten Tagen keinen Gefallen getan. Eine Seriosität vortäuschende Zufallsumfrage, die Instrumentalisierung parteipolitisch neutraler Vereine und die Diskriminierung von Mitbewerbern als Sammler „verschenkter Stimmen„ weckten Zweifel an der Lauterkeit, die Fritsch bislang für sich reklamiert hatte. Nicht nur ein hoffnungslos abgeschlagener Kandidat, sondern auch eine beschädigte Führungsmannschaft bleiben nach dem Wahltag zurück.

Das Rennen machten Axel Henschke für die Gruppe 2002 mit mehr als 39 Prozent und Martin Patzelt für die CDU mit fast 26 Prozent. Ihre Konzepte unterscheiden sich so deutlich wie ihre politischen Biografien. Für die Wähler, die am 17. März erneut an die Wahlurnen treten werden, ist das ein Vorteil, für die beiden Kandidaten eine Chance. Doch ganz gleich, wer letztlich Oberbürgermeister wird: Er wird sich einem Problem gegenübersehen, das sich auch in anderen Städten und Gemeinden immer deutlicher zeigt.
Es ist nur noch eine Minderheit, die überhaupt bereit ist, die Politik mit ihrem Votum zu legitimieren. Es ist ein Bruchteil der Bürgerschaft, der die Politik aktiv trägt. Wählerschelte wäre fehl am Platze. Demokratie bedeutet auch das Recht, in Ruhe gelassen zu werden, und nichts ist dümmer als die Behauptung, wer nicht wählen gehe, verwirke sein Einspruchsrecht. Wahlbeteiligung ist ein Vertrauensbeweis. Den muss sich erst einmal verdienen, wer später im Namen anderer sprechen und entscheiden will. Und daran hapert´s offenbar.Neben all den Chefsachen, die schon in den Parteiprogrammen der Kandidaten stehen, wird eine den künftigen Oberbürgermeister acht Jahre hindurch begleiten: nachzuweisen, dass es zwischen Wählern und Gewähltem noch andere Verbindungen als den Stimmzettel gibt und dass die Halbwertzeit von Versprechen größer als ein Wahlabend ist. Das Stadtoberhaupt sollte sagen können: Ich bin der Diener aller, die mich gewählt, die mich nicht gewählt und die gar nicht gewählt haben.

Oderblick 9.3.2002

Es war ein guter Tag für Frankfurt und die Chipfabrik. Darüber waren sich Land, Unternehmen und Kommunalpolitik einig. Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß trug die gute Nachricht vom Potsdamer Kabinettsbeschluss, der den Weg zu Bankverhandlungen über die Landesbeteiligung am Milliardenprojekt Communicant öffnet, höchst selbst ins voll besetzte Frankfurter Kleist Forum. Noch einmal erläuterte er den bisherigen Verlauf, wohl wissend, dass das Land mit seiner Zusage mindestens ein viertel, wenn nicht ein halbes Jahr in Verzug ist. Ein später guter Tag also.
Groß ist die Ungeduld aller Beteiligten. Erst, wenn die Verhandlungen mit der ILB erfolgreich abgeschlossen sind, wenn die Bund-Land-Bürgschaft für das Fremdkapital in trockenen Tüchern ist und wenn die EU-Wettbewerbskommission ihr Placet zur Notifizierung gegeben hat, steht das Finanzierungskonzept des Unternehmens nachhaltig auf festen Füßen. Erst dann wirkt das Signal, mit dem weitere Investoren angezogen werden, mit dem der weltweite Markt sich auf die erste Foundry dieser Art außerhalb Asiens einstellen wird. Bis zum Sommer soll all dies geschehen sein, doch warten kann niemand bis dahin. Frankfurt erntete viel Lob. Schon der Besuch von Wolfgang Fürniß wurde zu Recht als Zeichen der Anerkennung verstanden. Schließlich war es die Stadt, die immer wieder Druck auf das Land ausübte und in einem umfassenden Bündnis handelte. Mit einem hohen Risiko wurde der Grundstücksverkauf an Communicant abgewickelt. Der Erlös wurde genutzt, um den kommunalen Eigenanteil für die äußeren Erschließungsarbeiten des Fabrikgeländes aufzubringen. Wasser- und Abwassernetz wurden vorbereitet, die Stromversorgung gesichert. Die Arbeiten stehen kurz vor dem Abschluss. Möglich war das, weil Communicant kein Parteienprojekt ist, weil die Chipfabrik vor Ort nie zur Manövriermasse politischer Partikularinteressen gemacht wurde. Wer sich da unbedingt abheben möchte, kann dem Minister einen Blumenstrauß kaufen. Das war´s dann aber auch schon.

Oderblick 16.3.2002

Frankfurt bekam in der vergangenen Woche sein Sportereignis der Königsklasse. Der Boxabend, dessen Krönung Danilo Häußlers erfolgreiche, wenn auch knappe Verteidigung des EM-Titels gegen Herausforderer Glenn Catley (England) war, verschaffte der Stadt Genugtuung. Die Brandenburghalle war bestens gefüllt. Die sportliche und lokalpolitische Prominenz ließ nicht auf sich warten. Die ARD übertrug live. Henry Maske kehrte bei dieser Gelegenheit an den Ursprungsort seiner Erfolge zurück. Manfred Wolke, dessen Biografie soeben im Buchhandel erschien, wurde vom Publikum als Meistermacher bejubelt. Die Boxstadt zeigte sich von ihrer besten Seite.

Um den Anforderungen an solch ein mediales Spektakel zu genügen, war ein erheblicher technischer Aufwand nötig. Die Atmosphäre, die das Ereignis dann prägte, überzeugte freilich auch Wilfried Sauerland. Wenn schon kein WM-Kampf in Frankfurt (Oder) möglich ist - „Es sei denn, Danilo verzichtet auf seine Börse„ - so sollten doch andere hochkarätige Events auch in Zukunft immer wieder einmal nicht nur an der Spree, sondern auch an der Oder stattfinden, so der Profivater auf der Pressekonferenz.

Diese Zusage haben sich die Frankfurter und ihre Gäste verdient - mit Einsatzbereitschaft, guter Organisation und mit der eigenen Begeisterung. Insofern war dieser Boxabend ein Kontrastprogramm zur Vor-Ort-Sendung des ORB, bei der vor allem für einen Sportklub geworben werden sollte, dessen Spielerinnen sich lieber den wohlverdienten Feierabend gönnten, statt Solidarität mit ihrem wirtschaftlich angeknackten Arbeitgeber zu demonstrieren. Der FHC kann sich über Ungerechtigkeit nicht beklagen - gerade in einer Sportstadt, die Spitzenkräfte hervorgebracht hat und weiter hervorbringt, weil sie den Breitensport nicht preisgegeben hat und mit massivem ehrenamtlichen Engagement einspringt, wo Milch und Honig nicht von selber fließen. Der Wettlauf um Sponsorengelder aber verlangt vor allem eines: die eigene Präsenz der Sportler und ihrer Lobby vor Ort.

Oderblick 23.3.2002

Frankfurt hat gewählt. CDU-Kandidat Martin Patzelt konnte sich mit 53 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen deutlich von Axel Henschke (Gruppe 2002) absetzen. Beide legten an Stimmen noch einmal deutlich zu: um über tausend Henschke, um mehr als viertausend Patzelt. Die Beteiligung an der Stichwahl war mit über 38 Prozent fast genauso hoch wie bei der Hauptwahl.
Der erste Vorteil für Frankfurt (Oder): Wenn der neue Oberbürgermeister sein Versprechen hält, hat die Stadt mindestens einen Bürger mehr. Den zweiten Vorteil fasste der Wahlverlierer in einem Satz zusammen:
Der neue Oberbürgermeister wird sich auf unsere kritische Unterstützung verlassen können. Das war für die Gruppe 2002 gesagt, die sich vergangene Woche traf, um über die eigene Zukunft zu sprechen.
Wenn der Wahlkampf in den letzten Wochen auf die Frage: Stasi oder nicht verkürzt wurde, um medienmundige Häppchen abliefern zu können, so bleibt doch, dass der von sechs Amtsanwärtern ausgetragene Wettbewerb für die Stadt Impulse geliefert hat, auf die sich der Sieger getrost wird stützen können. Eine Vielzahl von Problemen, die seit langem schwelen, kam auf den Tisch und wurde in der Öffentlichkeit diskutiert. Der Erneuerungsbedarf in der Kommunalpolitik ist nicht zu übersehen. Patzelt wird nun zeigen können, ob seine Fähigkeit zur Integration ebenso ausgeprägt ist, wie sein Willen zur Polarisation.
Seine eigenen Mitstreiter Ulrich Schröder, Ludwig von Klitzing und Renate Bauer haben es, an die Adresse von Henschke gerichtet, auch ihm ins Stammbuch geschrieben: Die Mehrheit, mit der Patzelt regiert, ist in Wirklichkeit gar keine. Die elftausend Kreuze sind der Rest von Vertrauen, den die vergangenen zwölf Jahre übrig gelassen haben. Mehr als 60 Prozent des Wahlvolkes sind der Stadtpolitik derart überdrüssig, dass ihnen der Gang zum Wahllokal nichtsnutzig erschien.

Wenn es Oberbürgermeister Martin Patzelt in seiner Amtszeit gelingt, diesen Prozess umzukehren, dann hat er wirklich etwas für Frankfurt geleistet.

Oderblick 30.3.2002

Erst einmal ist es natürlich eine zünftige Geburtstagsfeier nach Art des Hauses, die am Sonnabend stattfindet. Ein Jahr Kleist Forum Frankfurt, das ist zwar kein Jubiläum, aber ein Freudentag eben doch. Gemeinsam mit dem Publikum soll er angemessen begangen werden. Deshalb findet sich beim „Maulhelden„-Festival alles, was auch das Kleist Forum ausmacht.

Nicht an ein loses Mundwerk ist dabei zuerst gedacht, obwohl das zuweilen ganz praktisch sein kann. Vor allem ist es das Neue, Vertraut-Ungewöhnliche, das auf die Bühnen kommt. Kabarett und Comedy gibt es als Pfund- und Dutzendware. Aber die „Maulhelden„ sind anders, Wortkünstler eben, auch aus dem Nachbarland Polen. Womit der zweite Aspekt benannt wäre: Partnerschaften über die eigenen Grenzen hinaus. Mittlerweile sind es nicht weniger als 40, die das Kleist Forum pflegt. Vom Teatr Wielki über das Künstlerhaus Budapest bis zur Neuen Oper Wien. So entsteht ein Spielplan, der breit gefächerte Bedürfnisse abdeckt. Qualität und Quote, das dritte wichtige Moment für die Arbeit des Kleist Forums, schließen einander nicht aus. Unterhaltung und kulturpolitischer Auftrag, Klassik und Förderung zeitgenössischer Kunst greifen ineinander. Natürlich gibt es kaum etwas, das kommunikationsstiftender wäre, als intelligenter Humor.

Das Kleist Forum will ein Ort der Begegnung, Kommunikation und Identifikation sein. Dazu gehören neben Theater- und Musikveranstaltungen auch Ausstellungen, Workshops, gesellschaftliche und private Ereignisse, das Tagungs- und Konferenzleben. Wenn ein Haus so vielfältig genutzt wird, verbindet es unterschiedliche Publikumsschichten und gewinnt ein Image, das im Wechselspiel der Nutzer und Besucher sein Profil erhält. Diesen Prozess nicht sich selbst zu überlassen, sondern ihn zum Nutzen des Hauses - auch im geschäftlichen Sinne - zu steuern, ist eine Kunst für sich. Das Kleist Forum mit seinen 30 Mitarbeitern hat sich aufgemacht, sie zu üben. Nach einem Jahr lässt sich sagen: Mit beträchtlichem Erfolg.

Oderblick 6.4.2002

Sie ist einfach dazwischen gegangen. Zwei Dutzend tobende Naziglatzen auf der einen Seite, ein zusammengeschlagener, in Berlin lebender Portugiese auf der anderen.
Sie kannte den Mann nicht. Sie sah nur, was die verrückt gewordenen Milchbärte am Helenesee mit ihm machten. Dann war sie selber dran. Die Zähne wurden ihr ausgeschlagen. Aber den anderen, der schon am Boden lag, hat Anja Groth vielleicht vor dem Schlimmsten bewahrt. Obwohl die Studentin der Malerei in der Kunst zu Hause ist und nicht in der Arena. Fast zwei Jahre nach diesem schrecklichen Tag wurde Anja Groth im Frankfurter Polizeipräsidium ausgezeichnet. Mit einem Scheck über 1000 Euro, den Polizeipräsident Hartmut Lietsch übergab.

Die Täter wurden Ende 1999 verurteilt. Ein Teil von ihnen war schon im Sommer 2000 wieder mit dabei. Bambule an der Helene, das ist inzwischen Mode geworden. Auf richterliche Zeigefinger folgen nicht immer Einsicht und Umkehr, sondern ziemlich oft Banditenstolz und schenkelklopfender Hohn. Außerdem: Wer kümmert sich schon um die Opfer, wenn gerade keine Toleranzkampagne läuft?

Anja kann wieder lächeln. Die junge Frau ist unsicher, plötzlich von so vielen Presseleuten und Beamten umgeben. Der Großvater ist mit ihr gekommen. Damals hat sie ihn zu den Feiertagen besucht. Jetzt macht er sich Sorgen. Wenn seine Enkelin so in die Öffentlichkeit gerät, als Tapfere, ob sich da nicht Idioten finden, die ihre Tapferkeit noch einmal auf die Probe stellen wollen? Der Mann hat Angst. Auch das ist eine Folge des Terrors, der von der Einschüchterung lebt und sich suhlt in der Furcht seiner Opfer.

Anja Groth hat diesen Teufelskreis durchbrochen, ohne zu zögern und ohne Abwägung der Konsequenzen, die für sie selbst daraus erwuchsen. Jemand anders war nicht in der Nähe, den sie hätte fragen können, der ihr hätte beistehen wollen. Die Frankfurter Polizei und der Innenminister des Landes haben ein Zeichen gesetzt, indem sie das mutige Handeln würdigten. Vielleicht macht das auch anderen Mut.

Oderblick 13.4.2002

850 Frankfurterinnen und Frankfurter erhalten in diesem Jahr die Jugendweihe. Ein heiliger Moment? Da höre ich junges Gekicher, halb Unverständnis, halb Verlegenheit. Trotzdem hat die Feier Bestand, hat den Zeitgeist umarmt, statt sich von Demagogie erwürgen zu lassen.

Was ist die Jugendweihe, verglichen mit Initialisierungsritualen der Vergangenheit? Keine Selbstkasteiung und Proben an den Grenzen der Physis. Kein Gestammel der reinen Lehre, die jedes Menschenalter eine andre ist. Aufgeklärter Geist lebt vom Gedächtnis der Gesellschaft und verjüngt sich aus ihm. Ausflüge in die Geschichte. In eine mögliche Zukunft. Lebens Erwartung. Dazu gehören Freunde und Familie, Geschenke auch und eine Feier, bei der die Jungen im Mittelpunkt stehen. Es wird genug Momente geben, wo sie weder erwachsen sein möchten, noch im Rampenlicht stehn.

Jugendweihe ist eine gute Gelegenheit, das Ja und das Nein zu üben. Wenn es um die Vorbereitung geht, die Klamotten, die Party und ihre Gäste, um den Redner und die Musik. Vierzehnjährige verfallen bei anderen Klängen in Andacht als ihre Eltern. Damit fängt’s an. Damit hört’s nicht auf. Das ahnten wir schon.

Jetzt kommen, die wir so weit gebracht, in ein Alter, wo sie uns öfter ertappen, die Sprüche an den Taten messen, die Schulweisheiten an der Wirklichkeit. Auf Nachsicht sollten wir vorerst nicht rechnen. Diese Generation wird es uns geben - so, wie wir es ausgeteilt haben. Belehrung zu suchen, bei Ratenden und bei Ratlosen auch, Älteren und Jüngeren gar, lernt sich nur mählich. Haben wir schon gelernt, uns von unseren Kindern raten zu lassen? Unter ihren Augen unsre Vorurteile zu radieren?

Kulturpessimisten sehen seit dreitausend Jahren die Sitten verrohen. Da haben die Jungen gut Lachen. Sie fühlen sich nicht als Rohlinge, die man ins Fräsfutter spannt. Sie sind an diesem Tag ausnahmsweis’ etwas stiller. Versuchen vielleicht, unsere Sprache zu sprechen. So viel ist ihnen das Verständnis wert. Wir sollten’s ihnen danken mit Geduld.

Oderblick 20.4.2002

Kaum ist die Privatisierung des Frankfurter Klinikums mit der Rhön AG in trockenen Tüchern, flattert die Krankenhaus-Planung des Landes Brandenburg auf den Tisch. Das Lutherstift, in dem jeder dritte Frankfurter das Licht der Welt erblickte, ist darin nicht mehr vorgesehen. Ein Teil der Bettenkapazität soll Rhön zugeschlagen, ein Teil gestrichen werden. Erschrocken reiben sich viele Fraktionschefs des Stadtparlaments die Augen. So hatten sie sich das eigentlich und wieder einmal gar nicht vorgestellt. Sie wollten doch bloß die Stadtkasse sanieren und keinen Gesundheitskonzern mit Monopolmacht etablieren.

Unterdessen hat das Lutherstift die Initiative ergriffen – im Interesse der Patienten, denen es die hohe Akzeptanz und Auslastung verdankt sowie die erfolgreiche Entwicklung in den letzten Jahren. Nachdem ambulante und stationäre Betreuung enger verzahnt wurden, soll ein Verbund mit den diakonischen Krankenhäusern in Rüdersdorf und Woltersdorf, zu denen weitere hinzukommen könnten, künftig zu einer höheren Wirtschaftlichkeit und einer strukturell verbesserten medizinischen Versorgung beitragen. Die Anstellung von Oberärztin Dr. Roth im Juni 2002 in Rüdersdorf und ihr Einsatz in der Gynäkologie des Lutherstifts ist bereits ein erstes Zeichen dafür. Personal wird ausgetauscht und qualifiziert. Diese Art, dem wachsenden Fachärzte-Notstand in Brandenburg zu begegnen, ist auch ein Signal an das Land.

Potsdam muss seine Politik überdenken, die die gesetzlich verbriefte Trägervielfalt gefährdet. Die Frankfurter aber wären gut beraten, wenn sie sich vernehmlich zu Wort meldeten. Vor Jahresfrist hatten sie das bereits getan. Tausende Unterschriften sammelte der Unternehmer Bernd Horn damals gegen den Klinikumsverkauf. Die Stadtverordneten hörten nicht auf ihn. Jetzt müssen sie die gleichen Leute, deren Protest sie in den Wind schlugen, zu Hilfe rufen, um Schaden von der Stadt abzuwenden. Diese Peinlichkeit haben sie mit sich selber auszumachen. Nicht einmal Rhön kann etwas dafür.

Oderblick 27.4.2002

Wenn sich 600 Frankfurter versammeln, liegt etwas in der Luft. Diesmal war es die geplante Schließung des evangelischen Krankenhauses. Das Makabre: Wolfgang Pohl versicherte nach einem Gespräch mit Gesundheitsminister Alwin Ziel, der Parteifreund habe gar nicht gewusst, dass die 110-jährige Tradition der Krankenbetreuung gekappt werden soll. Ja, ist vielleicht der Landtagspförtner neuerdings für die Krankenhausplanung in Brandenburg zuständig?
Was das Lutherstift zu einem Stück Frankfurter Identität macht, sind nicht nur der Standortvorteil, der relativ günstige Kostensatz als Haus der Grundversorgung und der spürbare Wille, durch angemessene Investitionen moderne Standards ohne Verlust an individueller Zuwendung durchzusetzen. Vor allem ist es die Erfahrung zig Tausender Patienten, dass hier ein Wertekanon und ein Menschenbild die Atmosphäre prägen, die getragen sind vom christlichen Selbstverständnis der Nächstenliebe, vom Dienst am Menschen zur Ehre Gottes. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob der Bedürftige diese Weltanschauung teilt. Niemand verlangt und erwartet das. Aber das Krankenhaus zu schließen, wäre so - wie Generalsuperintendent Rolf Wischnath sagte - als „wenn man dem barmherzigen Samariter den Esel klaut und die Herberge verbarrikadiert, wo der Geschundene Linderung findet„. Frankfurt (Oder) merkt jetzt, wie verwöhnt das Land mit einer Sozialministerin wie Regine Hildebrandt war. Vor Intrigen und Schlampereien in ihrem politischen und ministeriellen Umfeld war die viel zu früh Verstorbene auch nicht gefeit. Aber sie wusste, was los ist im Land, und wenn sie es nicht wusste, warf sie sich in den Wagen und machte sich auf den Weg, es herauszufinden. Alwin Ziel war im Lutherstift vergangene Woche nicht zu sehen. Die Rhön AG, auf die manch Redner als Kooperationspartner pochte, auch nicht. Beschwörungsformeln aber werden nicht helfen, das Krankenhaus zu erhalten. Da braucht es mehr. 14000 Unterschriften gegen die Schließung, immerhin, sind ein Anfang.

Oderblick 4.5.2002

Zusammenrücken hieß es am 1. Mai zum Brückenfest zwischen Konzerthalle, Oderufer und Friedenskirche. Die neue Ordnung in der „guten Stube„ der Stadt, die die Frankfurter und Jubiläumsgäste nächstes Jahr erfreuen soll, sorgte ausgerechnet im Jubiläumsjahr des Brückenfestes erst einmal für etwas Chaos. Doch im Chaos kommt man einander bekanntlich näher. Unter anderem, weil es zu den guten Traditionen der Maifeier in Frankfurt gehört, sich an diesem Tag mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Politik- und Informationsangeboten vertraut zu machen. Oder auch, weil der neue Oberbürgermeister Martin Patzelt nicht bloß pro forma in der Menge auftauchte, sondern die Gelegenheit zum dialogreichen Aufenthalt nutzte. Genauso wie jener Vorgänger, dessen Ruf sich der neue erste Mann im Rathaus erst wird erwerben müssen: Fritze Krause am Stand, Fritze Krause auf Achse - immer umgeben von denen, die ihn kennen und schätzen. So sehr, dass sie mit ihren Sorgen und Fragen noch heute zu ihm gehen. Zusammengerückt sind auch die Themen dieser Tage. Der Arbeitskampf der Metaller und der Massenmord eines 19jährigen in Erfurt beschäftigten die Gemüter. „Kein Krieg. Nirgends„ fantasierte ein PDS-Plakat. Die Gruppe 2002, nicht ins Rathaus eingezogen, reagierte in schwejkscher Manier: Sie brachte ihr eigenes Rathaus mit. Als Briefkasten für Bürgerwünsche. Wünsche werden nicht alt, solange sie unerfüllt sind. Der Wunsch nach Frieden. Der Wunsch nach einem Gemeinwesen, aus dem sich junge Menschen nicht mit Feuerwaffen und mörderischer Wut verabschieden. Der Wunsch, der vor zwölf Jahren stattgehabten Währungs- und Wirtschaftsunion möge angelegentlich dieses und jenes Regierungswechsels vielleicht auch einmal die Sozialunion folgen. Der Wunsch nach einem „robusten Mandat„ für Menschlichkeit in unserem Land... Ein Wunsch allerdings ging am 1. Mai in Erfüllung: Pünktlich zum Brückenfest kam der Frühling in Frankfurt an. Vielleicht ist das unter allen Botschaften noch immer die verheißungsvollste.

Oderblick 11.5.2002

Oberbürgermeister haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Wer sich Respekt erworben hat, zu dem kommt die nächste Arbeit von selbst. Wer ehrenamtliches Engagement bewies, von dem wird es auch künftig erwartet. Um Wolfgang Pohl braucht keinem bange zu sein, der das Rathaus vergangene Woche als Bahnhof mit großem Bahnhof erlebte: ein Ort des Kommens und Gehens. In der Bewegung, die da zu spüren war, zeigt sich die Tiefenwirkung der Wahl.

Eine Mannschaft tritt fast komplett von den Spitzenpositionen ab, zu denen sie weiland über Nacht gekommen war. Nicht für jeden ist dies, wie für Edmund Rost, das Ende eines langen Arbeitslebens und der Beginn eines Ruhestands, der den Namen wohl so ganz nicht verdient. Wenn Detlef-Heino Ewert seinen Schreibtisch räumt, ist das vielleicht der erste Fehler, den der frisch gekürte Oberbürgermeister Martin Patzelt in seiner Amtszeit begeht. Mancher mag mit Häme bemerken, dass Ewert das Pferd, auf das er setzte, unter dem Sattel davon galoppierte. Doch schmälert das nicht die Verdienste eines besonnenen Mannes, der seinen Kopf auch dort hinhielt, wo gar nicht sein Kopf hingehörte. Wer Ewert im Amte folgt, ist offen und von der Kompetenz der Anwärter so abhängig wie vom Parteienkalkül, ohne das eine solche Entscheidung nicht fällt. Das gilt auch für die anderen vakanten Posten, und so dürfte die erste Klugheit des neuen Oberbürgermeisters darin bestanden haben, dieses Tauziehen am festlichen Tag außen vor zu lassen.Mit dem Richtungswechsel geht auch die Nachwendezeit in Frankfurt zu Ende. Die Anfangsfehler sind wie die Anfangserfolge nur noch Schnee von gestern. Der Bonus für die Polit-Anfänger ist aufgebraucht. Der Charme des Ruckelns und Ratterns einer mal wohltuend, mal schmerzhaft unperfekten Verwaltung ist verblichen. Das, besonders an solchen Tagen, schöngeredete Jahrzwölft - vorbei. Entsprechend hoch sind die Erwartungen, dass Patzelt seine Prioritäten setzt und durchsetzt. Es gibt nichts, was Frankfurt dringlicher braucht.

Oderblick 18.5.2002

Die Verblödungsmaschine Fernsehen mit ihren Fünf-Minuten-Idolen, ihren 30-Sekunden-Statements und ihrem Endlos-Schleifen-Geseire scheint längst von allen guten Geistern verlassen. Die Zwangsabgabe für den Staatskanal und die masochistische Werbeglotzerei im Free-TV, das alles könnte man sich schenken, wenn da nicht noch ein Lichtblick wäre. So ein kleiner Konservativer, der gütig seinen Platz behauptet, der, immer aktuell, den Anschein von Zeitlosigkeit weckt. Eine Institution, das Kerlchen, verbindlicher als Lottozahlen und glaubwürdiger als Tagesschau. Ein Kult, der darüber bestimmt, wann Kinder ins Bett gehören. Ein Relikt kollektivistischer Pädagogik, da gibt’s gar nichts zu beschönigen. Aber fehlt er auf der Mattscheibe, ist etwas aus der Ordnung. Eine aufregende Abwesenheit.

Niemand streut uns den Sand so arglos in die tagmüden Augen wie er. Niemand lebt so sehr im Zeitgeist und bleibt doch jeder Hektik bar. Kennt jeden Weg und jedes Mittel, ihn zu bewältigen. Hat am Ende der Reise noch die Geschichte im Gepäck, um deretwillen er aufbrach. Erscheint als Gestalt gewordene Gewissheit: Forever young. Ich komme wieder.

Ganz so reibungslos, wie manche es heute suggerieren, war Sandmanns Überleben freilich nicht. Aber seine Lobby war noch stärker als die des grünen Abbiegepfeils und der emulgatorfreien Samstagsschrippe. Generationsübergreifend hagelte es Protest gegen die Pensionierung des knopfäugigen Zipfelmützlers, der 1956 erstmals zu hören, ab 1959 auch zu sehen war. Am Sonnabend wird im Museum Viadrina eine Familienausstellung eröffnet, die zu einer Reise durch Sandmanns Lebensgeschichte einlädt. Pfingsten ist eine gute Gelegenheit, sich zu erinnern - um so mehr, als auch Sandmanns jüngerer Bruder aus dem Westen in der Schau zu erleben ist. Beider Wettlauf auf die Fernsehschirme war seinerzeit schließlich fast eine Miniausgabe vom großen Rennen der Kalten Krieger zum Mond. Chefsache sozusagen. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte...

Oderblick 25.5.2002

Das Paradies ist verriegelt. Wir haben’s gemerkt, nun ist es Thema der Kleist-Festtage vom 28. Juni bis 7. Juli. Doch der Text in Kleists „Marionettentheater“ geht ja weiter. „Das Paradies ist verriegelt und der Cherub hinter uns her. Wir müssen die Reise um die Welt machen, und sehen, ob es vielleicht von hinten irgendwo wieder offen ist.“ Die Denkungsart klingt vertraut. Die Reise haben wir angetreten. Paradieses Hintereingang ist noch nicht gefunden. Ob wir schon herum sind um die Welt, das steht in den Sternen. Doch die schönen Künste saugen aus solchen Fragen ihre Lebenskraft. Überall. Das macht Kleist international und die Festtage günstigstenfalls zum Ereignis. Getüftelt wird daran seit Jahren. Die Festtage wurden in den Sommer verlegt und gekürzt, das Programm gerafft, und das große Feuilleton spottet vielleicht nicht gar so heftig, wenn die Macher sich Verstärkung beim Berliner Hebbeltheater und einem erfahrenen Manager holen. Denn der Spagat hört nicht auf.

Einerseits die löbliche Absicht, die Festtage wirklich zur Sache der Frankfurter zu machen. Dabei kommen skurrile Projekte, wie die Verwandlung der Straße zwischen Oderturm und Lenné Passagen in eine paradiesseits gelegene Grünfläche zustande. Viel Spektakel, Phantasie und Performance - Heinrich hält her. Anderereits ist Kleist nicht im Flachschwimmerbecken zu halten, wie das Théatre National du Strasbourg schon zur Eröffnung zeigen wird. Das nur in französischer Sprache und also nicht für viele, schon gar nicht für jedermann.
Doch sind das ja nur die Pole des Programms. Dazwischen wartet eine opulente Folge von Veranstaltungen, Lesungen, Ausstellungen und Disputen. Sie machen die Festtage zu einer Begegnung der Generationen und Genres. Der beste Indikator aber scheint der jährlich ausgeschriebene Kleistpreis zu sein. 141 junge Dramatiker haben sich darum beworben, etliche Bühnen sind, ohne das Siegerstück zu kennen, zur Uraufführung bereit. Ein selbstbewusstes Frankfurt wüsste sich damit zu rühmen.

Oderblick 1.6.2002

„Das nächste Mal musst du eine Vollbremsung machen, dann sind die Finger gebrochen.„ Die Finger gebrochen wären in diesem Falle einer jungen Frau, die es gewagt hatte, in den Staub der Scheibe des vor ihr rollenden Einsatzfahrzeuges ein Antikriegssymbol zu malen. Die lauthalse Empfehlung kam von einem Polizeibeamten. Keiner seiner Kollegen meldete dazu Widerspruch an. Dem Vorwurf begegnete ein Grinsen. Nach dem Kölner Polizeiskandal wächst einem angesichts solcher Denkungsart eine Gänsehaut.
Beschützt von den Polizisten marschierte der „nationale Widerstand„, eine angemeldete Demonstration von 60 Vertretern eines gegen die Globalisierung gerichteten völkischen Nationalstaatskonzepts. Ungehindert wurden Danzig und andere Orte in Polen als „deutsche Städte„ reklamiert. Aber die Ewiggestrigen kamen in Frankfurt nur langsam voran. Immer wieder musste die Polizei Straßenblockaden von Gegendemonstranten auflösen. Sie tat das zum Teil begleitet von den Sprechchören der Nationalisten: „Räumt den roten Dreck von der Straße weg.„Nun war die sadistische Gewaltphantasie des jungen Mannes in Uniform, auch das muss gesagt sein, gewiss die Ausnahme. Hier waren nicht Bambule und Demotourismus angesagt, sondern ein klares Bekenntnis zur Demokratie und zur freundschaftlichen Nachbarschaft mit Polen. Bevor sich der unselige „Karnevalsverein„ formierte, hatten rund 200 Frankfurter auf ihre Art vom Bahnhofsvorplatz Besitz ergriffen: Sie packten, auf die Gefahr hin, dass ihnen der Kaffee später wieder hochkäme, ihr Frühstück aus, musizierten, spielten und diskutierten, während Kinder ihre Zukunftsträume mit Kreide auf das Pflaster malten. So taten sie das Selbstverständliche kund: Frankfurt ist ein Ort der Toleranz, der Lebensfreude, der Weltoffenheit. Wir brauchen keine herangetrommelten Nationalisten, um unsere Probleme zu lösen. Egal, wo sie ihre Losungen stehlen: Sie sind geduldet, sie können geduckt hinter 200 Polizeiuniformen frei ihre Meinung äußern. Willkommen sind sie hier nicht.

Oderblick 8.6.2002

Bis zum Eingang des Rathauses wird der Marktplatz derzeit umgegraben. Böse Zungen behaupten, Martin Patzelt ließe dort nach Dezernenten buddeln. Bei aller äußeren Hektik kommt die Formierung der neuen Rathausmannschaft kaum voran, und wenn der Oberbürgermeister beim Wahlgang am Montag auch knapp an einem Desaster vorbeiglitschte, so kann das Ergebnis für den Führungstorso doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verunsicherung über Kurs und Mannschaft bis in die eigenen Reihen hinein in den letzten Wochen kaum geringer geworden ist. Das städtische Flaggschiff dümpelt durchs Flachwasser und hofft, nicht auf der nächsten Untiefe hängen zu bleiben. Indessen gibt es in der Frankfurter Flotte auch einige Boote, die voll unter Dampf stehen. Gleich drei Mal ist Frankfurt (Oder) in diesen Tagen von seiner besten Seite zu erleben. Den Anfang machen die Studenten der Viadrina-Universität mit ihrem EUVenalia-Spektakel, das an einen bis ins 14. Jahrhundert zurückreichenden Brauch polnischer Jungakademiker anknüpft, bei dem die Stadt symbolisch in Besitz genommen wird. Nebenher: Im Internet ist das längst passiert und nicht nur symbolisch. Die Kreuzfahrt zwischen Slubice und Frankfurt, zu der verschiedene Portale einladen, hat den kommunalen Behelfsangeboten den Schneid abgekauft. Topaktuell, mal scharfzüngig, mal poetisch, aber immer informativ, übernehmen junge Leute Marketingaufgaben, die eigentlich anderswo erfüllt werden müssten. Parallel zu EUVenalia gibt es den Tag der offenen Tür an der Viadrina und das fidele Sommerfest, das schon letztes Jahr Tausende anzog. Dann geht es nahtlos weiter mit der YOUNG LIFE 2002, dem wohl größten Jugendereignis in Ostbrandenburg und Westpolen. Alle drei Veranstaltungen haben grenzübergreifenden Charakter und verfolgen den Anspruch, das Netzwerk regionaler Angebote enger zu knüpfen. Agiert wird aus den Bedürfnissen der Inspiratoren und Zielgruppen heraus. So finden Macher zu Möglichkeiten - und müssen dafür keinen Markt umgraben.

Oderblick 15.6.2002

Das Ereignis der Woche hieß Logtrans 2002. Erstmals fand die internationale Fachmesse, verbunden mit den Frankfurter Verkehrstagen, im Kleist Forum Frankfurt statt. Hochrangige Vertreter der Fachministerien in Warschau und Berlin, der Wojewodschaft Lebuser Land und des Landes Brandenburg gaben sich ein Stelldichein. Wirtschaft, Politik und Wissenschaft rückten enger zusammen. Die ETTC-Entwicklungsgesellschaft mit dem Investor Center Ostbrandenburg konnte die erste weißrussische Ansiedlung auf dem Europe Transport und Trade Center vermelden. Seit Jahren warten zunehmend skeptische Beobachter auf den ersten Hochbau am Frankfurter Tor. Im September könnte er stehen. Ausgangspunkt für das Geschäft war übrigens die Logtrans 2000.Auch für die Partnerstädte Frankfurt und Slubice haben sich die jahrelangen Gespräche über die Einrichtung eines öffentlichen Personen-Nahverkehrs gelohnt. Mit der bei den Frankfurter Verkehrstagen vorgestellten Machbarkeitsstudie bekommen die Stadtverordneten ein Material in die Hand, das ihnen die Entscheidung erleichtern könnte. Die Dresdener Consulter schlagen die Verlängerung der Straßenbahn-Linie 6 bis zum Collegium Polonicum vor. Gleichzeitig warnen sie davor, es dabei zu belassen. Das wäre wahrhaftig fatal. Wer will schon drei Millionen Euro für dreihundert Meter Schiene bezahlen, nur um einer deutsch-polnischen Grenzabfertigungs-Wartegemeinschaft teilhaftig zu werden? Dafür würde kein Einkaufstourist seinen Wagen, kein Student sein Fahrrad stehen lassen. Das politisch willkommene Symbol wäre nichts außer teuer und würde beide Städte zum Gespött machen. Zu Recht fragte deshalb Ulrich Junghanns, welche Wegebeziehungen zwischen beiden Städten untersucht worden sind, damit ein Optimum betriebswirtschaftlicher Effizienz und Bedarfsgerechtigkeit hergestellt wird. Erst wenn das gelingt, könnten Frankfurt und Slubice in neuer europäischer Einheit an eine alte Tradition anknüpfen. Das allerdings wäre mehr als ein nur symbolisches Zeichen.

Oderblick 22.6.2002

War es zuerst bei einer Veranstaltung von Literaria, bei der eine der wichtigsten deutsch-polnischen Übersetzerinnen, Karin Wolf aus Frankfurt, vorgestellt wurde?
Oder war es in der alternativen Festschrift zum zehnjährigen Bestehen der Europa-Universität, in der vor bloßen politischen Ritualen gewarnt und für ein wirkliches Miteinander gestritten wurde?
Oder aber war es bei einem Bier im Café Fidada in Slubice, als ich Felix Ackermann zum ersten Mal begegnete? Der Name eilte dem Gesicht wohl voraus. Immer stand er im Zusammenhang mit einer überaus lustvollen deutsch-polnischen Grenzgängerei. Diese Lust springt aus jeder Zeile und sie ist es wohl auch, die den jungen Mann umtreibt zwischen Internetportalen, wirklichen und erträumten Brücken. Jüngstes Kind dieses raum- und zeitgreifenden Geistes ist ein eMail-Service für Interessenten, ein feuilletonistischer Newsletter.
Schlicht gestaltet, unprofitabel, wie so vieles, was bürgerschaftliches Verdienst ausmacht. Zu wenig wäre es, die Beiträge nur informativ zu nennen. Ackermann präsentiert seine Entdeckungen, Anekdoten, kleine Reportagen, gibt einen eigenen Ton zu erkennen und eine eigene Haltung.
Es ist die Kunst, jeden Tag aufs neue die eigene Alltagsblindheit zu überwinden, die hier gepflegt und zu der ermuntert wird. Natürlich ist das auch eine Übung der persönlichen Handschrift. Da liegt der Gedanke nahe, solch einen Fundus später in ein Büchlein einfließen zu lassen, wenn sich ein Verlag dafür findet oder jemand, der noch Fördergelder übrig hat. Aber das ist nicht das Wichtigste.
Die Augen zu öffnen, zu allererst die eigenen, aus einem inneren Bedürfnis heraus die in Bewegung geratenen Dinge auch in der Bewegung zu zeichnen, das ist ein wichtiger Beitrag zum gegenseitigen Verständnis. Ihn nicht für sich zu behalten, ist eine Art von Freundlichkeit, die wir gut gebrauchen können. Nicht nur in Frankfurt und Slubice, aber hier vielleicht ganz besonders. Das lohnt auch eine Mail zurück: felix@slubice.org

Oderblick 29.6.2002

Die Fenster der Marienkirche künden vom Streit des Guten gegen das Böse, der christlichen Barmherzigkeit gegen das Unmenschliche. Das Alte Testament, dem diese „Predigt ohne Worte„ zu danken ist, weiß von solchen Kämpfen seit Anbeginn unserer Zeit, und auch die Odyssee der Glasmalereien selbst ist ihnen geschuldet. Gut, dass Oberbürgermeister Martin Patzelt das in St. Petersburg deutlich gemacht hat, indem er sich zu dem unsagbaren Leid bekannte, das Deutsche über das russische Volk gebracht haben. Gut aber auch, dass er zugleich zu erklären versuchte, warum uns so sehr an diesem Kulturschatz gelegen ist. Er verkörpert ein Stück unserer eigenen Geschichte, mahnt und erinnert.
Damit hat Patzelt ein Zeichen gesetzt - gegen die Schärfe, mit der die einen von Kunstdieben reden, als hätte die Rote Armee nicht Räuber und Mordbrenner vor sich her getrieben, die hier ihre Order erhielten. Patzelt hat aber auch der tiefen Bitternis widerstanden, mit der auf der anderen Seite mancher auf dem fremden Eigentum beharrt, als wäre es der letzte Rest eines verlorengegangenen Sieges. Dieses Kunstwerk, wenn es erst wieder seine volle Schönheit entfalten kann, wird allen Menschen gehören. Alle sind eingeladen, sich daran zu erfreuen. Es ist ein Stück Wiedergutmachung nicht an, sondern in Deutschland.
Die Welt, heil war sie nie, lässt sich nicht kitten, die Geschichte nicht ungeschehn machen. Aber einen Scherben können wir einsetzen in das alte Mauerwerk, damit das Licht durch ihn hindurchfällt auf uns. Damit wir ein wenig von der Ehrfurcht und Demut spüren, mit der solche Kunst geschaffen wurde. Wir können es brauchen, hier, wo alles nach Cent und Euro bemessen wird. Obwohl auch daran zu denken ist: Eine Million für die Restauration fällt uns nicht in den Schoß. Doch wenn die Sicherheitscontainer am Samstag im Märtyrerchor eintreffen, können wir getrost einen Moment in unserem Alltag verharren. Nicht sehen werden wir, aber ahnen vielleicht, wie der Frieden aussehen könnte.

Oderblick 6.7.2002

In dieser Woche gab es Zeugnisse. Jetzt sind Ferien. Lehrer und Schüler haben Ruhe voreinander. Pisa ist ganz weit weg, wenn es nicht gerade zu den Urlaubszielen der Familie gehört. Für Bildungsminister Steffen Reiche sowieso: Brandenburg schickt drei Teilnehmer zur Internationalen Physikolympiade. Das sind sechzig Prozent der deutschen Mannschaft. Alles bestens also... Dabei nahm sich brandenburgische Bildungspolitik in den letzten Jahren aus wie das Herumpickern eines verhinderten Landschaftsarchitekten in seinem Schrebergarten. Das war bei Angelika Peters nicht anders als bei ihrem Nachfolger. Rauf und runter ging es mit deutsch-polnischen Bildungsprojekten - man denke nur an das Gymnasium Neuzelle. Hin und her mit LER und den Schnelläuferklassen, den Zensuren, Kopfnoten, Beurteilungen, Abschlussprüfungen. Dabei blieben zum Beispiel in zehn Jahren so viele Unterrichtsstunden für Deutsche Sprache übrig, wie früher zwischen Klasse 1 und 4 gelehrt wurden. Noch Fragen? Als Errungenschaft wird heute wieder hergestellt, was man getrost zwölf Jahre früher schon hätte haben können - wäre es nicht opportun gewesen, die Pädagogik der Vergangenheit in Bausch und Bogen zu verdammen. Die Brandenburger Schüler baden es aus.

Das heißt: Jetzt baden sie erst einmal, im Mittelmeer oder im Atlantik, in Weißrussland oder auch zu Hause. Ermöglicht wird das vielfach durch die Initiative von Vereinen und Organisationen, von der Pewobe bis zur Brandenburgischen Freundschaftsgesellschaft. Der Verein Utopia und der Kontaktladen organisieren eine Bildungsfahrt für Jugendliche und Jungerwachsene nach Auschwitz, verbunden mit einem Besuch in Krakow und einer Werkstatt, die sich der Entwicklung beider deutscher Staaten zuwendet. Nicht minder agil zeigen sich die Unternehmer Schaack und Leuther, wenn sie gemeinsam mit Stadt und Polizei für die Zeit der Ferienwochen zum gemeinsamen Sport und Gespräch einladen. Junge Menschen wollen fit sein - fit für das Leben. Langeweile ist nicht angesagt.

Oderblick 13.7.2002

Die Monate bis zum Beitritt Polens in die Europäische Union lassen sich zählen. Etwaige Übergangsfristen können getrost vernachlässigt werden, zumindest von jenen, für die der Gang auf den internationalen Markt fester Bestandteil der Unternehmensstrategie ist. Frühaufsteher nicht nur unter den Großen haben das Marktpotenzial des Nachbarlandes längst erkannt. Die EWE agiert als Minderheitsgesellschafter bei der Media Odra Warta und hat die Hand im Spiel, wenn es um flächendeckende Gasversorgung geht. Als in Frankfurt noch Brötchenkriege ausgefochten wurden, machten andere sich auf die Socken. Die Deutsch-polnische Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft DePoWi hat den Aufbruch manches Unternehmens im zurückliegenden Jahrzehnt erfolgreich begleitet. Sie hat auch das Scheitern an verschwommenen oder falschen Vorstellungen erlebt. Das bleibt nicht aus, wo die Verhältnisse und Strukturen sich erheblich unterscheiden. Geschäftsführer Reinhard Petzold empfiehlt ohne Häme, die Gründe für das, was nicht klappte, ebenso wie die Gründe des Erfolgs erst einmal bei sich selbst zu suchen, und bietet die Erfahrungen seiner auf kommerzieller Basis arbeitenden Gesellschaft an. So auch in der Industrie- und Handelskammer Frankfurt (Oder). Angesichts der schon verstrichenen Zeit und des anhaltenden Konjunktur-Tiefs in Ostbrandenburg sollte man glauben, die Interessenten stünden Schlange, um an dem Wissen zu partizipieren und sich begleitender Fach- und Sachkunde zu versichern. Doch die Skepsis scheint noch immer zu überwiegen. Ein tapferes Dutzend verzichtete darauf, sich anderenorts von der Sonne durchbraten zu lassen und nutzte die Offerten von Petzold und von Botschaftsrat Tomasz Kalinowski, der von der polnischen Botschaft in Berlin angereist war. Kein Wunder, dass die beiden sich zuweilen wie Wanderprediger vorkommen. Kein Wunder aber auch, dass Frankreich und die USA der Bundesrepublik bei Investitionen im Nachbarland davoneilen und Italien sich anschickt, das Gleiche zu tun.

Oderblick 20.7.2002

Wahrscheinlich finden derzeit in jeder Redaktionsstube ähnliche Gespräche statt. Welchen Beitrag leisten wir zum Jubiläum unserer Stadt? Wie werden wir der 750jährigen Geschichte von Frankfurt nach unseren Möglichkeiten am besten gerecht? Die erste und einfachste Antwort lautet wohl: indem wir sie festhalten. Indem wir das identitätsstiftende Moment des Gemeinwesens unter die Lupe nehmen und uns des geschichtsbildenden Elements der individuellen Biographie versichern. Gerade in Zeiten eifriger Geschichts-Umschreibung ist das besonders wichtig und besonders schwer.
Aber es gibt Vorbilder, unscheinbare. Sie verdienen mehr Aufmerksamkeit als sie bislang genießen. Dazu gehören auch die Frankfurter Senioren, die seit Jahr und Tag unter dem Motto „Zeitzeugen erzählen„ ihre Erlebnisse gesammelt und aufgeschrieben haben. Zur letzten Seniorenwoche ist ein neuer Band von ihnen erschienen. Herausgegeben hat ihn der Seniorenbeirat der Stadt. „Geschichte Geschichten„ versammelt auf 144 Seiten die Erfahrungen eines Dutzends Autorinnen und Autoren der Jahrgänge 1921 bis 1944.
Erzählt wird ein Stück Alltagsgeschichte an der Oder. Nicht der literarische Anspruch steht im Vordergrund, nicht um Definitionshoheit für historische Ereignisse geht es, sondern um Land und Leute. Ohne Getöse sind solche Lebensberichte beiläufig auch noch ein Korrektiv zur Meinung der Herrschenden als herrschender Meinung. Das macht dieses Büchlein wertvoll. Kriegsende und Wiederaufbau rücken noch einmal ins Bild, das Zusammenleben und -arbeiten im Halbleiterwerk, die Landschaft, die Stadt, Herkünfte dies- und jenseits der Oder. Von welchen Menschen wurden Lebenswege geprägt? Was taugen ihre Wahrheiten über den Wechsel von Systemen hinweg? Was bindet Menschen aneinander, was treibt sie immerfort, selbst noch nach langem Arbeitsleben aktiv zu bleiben? Wer nicht auf Heldentaten und Staats-Tätärä aus ist, der wird in diesem Büchlein sehr persönliche Antworten finden und seine Stadt dabei wieder erkennen.

Oderblick 27.7.2002

Vom Hochwasser blieben wir verschont. Ein Erdbeben gab es auch nicht in der Region. Aber auf Sonne satt folgte Regen wie aus Eimern. Wer gerade anhebt, vom heißen Sommer zu reden, dem gießt es auf die vorschnelle Zunge. Trotzdem geht er nun wieder los: der heiße Sommer. Vor zwei Jahren aus der Taufe gehoben, hat er sich in der Stadt genauso etabliert, wie die Jugendmesse oder das Euro Camp der pewobe am Helenesee - um nur drei der großen Anziehungspunkte zu nennen, um die Hierbleiber, noch nicht Verreiste und schon wieder Gekommene werben.
War der erste Hot Summer noch ein großes Experimentierfeld auf der grünen Wiese, so sind die Offerten inzwischen vielschichtiger und qualifizierter geworden. Vom 5. bis zum 16. August werden mit einem reichen Programm Neugier und Lust an der eigenen Kreativität geweckt. Zu danken ist das vor allem der Mitwirkung zahlreicher Vereine. Das beginnt mit dem traditionsreichen Jugendfilmclub „Olga Benario„ und dem Kindertreff „Hoppla„ am Alten Wasserturm, setzt sich fort mit Kindervereinigung, Mikado und Kinderbibliothek und hört bei ragbag, Caritas und Jugendzentrum Nordstern noch lange nicht auf.
Die Fahrradtour ins Oderbruch hat ebenso ihren Platz, wie das Strandfest mitten in der Stadt. Schwarzes Theater gibt es und den Blick in den sommerlichen Sternenhimmel. Wer da noch immer vor der Glotze lungert, ist selber schuld. Zumal Eintrittspreise und Unkostenbeiträge ausgesprochen kinderfreundlich gestaltet sind. Die Elterngeneration kann angesichts solcher Möglichkeiten nur neidisch werden. Nicht dass es in ihrer Kindheit an Abenteuern gefehlt hätte, doch heute bleibt ihnen trotz dieses und jenes Spektakels kaum mehr als Kino und Kneipe oder der begehrliche Blick auf die Wegzugsprämie, von der auch Brandenburg nicht lassen will. Doch dass Politik identitätsstiftende Bemühungen nur allzu oft konterkariert, wundert ja längst keinen mehr. Auch dort gibt es eine neue Ferienbeschäftigung: das lustige Ministerkegeln von Potsdam bis Berlin.

Oderblick 3.8.2002

Zehn Jahre sind seit dem Umweltgipfel in Rio vergangen. Damals unterzeichneten mehr als 170 Staaten die Agenda 21, den „Fahrplan ins 21. Jahrhundert„. Ausgehend von der ökologischen, ökonomischen und sozialen Misere als globalem Problem, wurden Maßnahmen beschlossen. Aber der Zug hat Verspätung. Der Ausstoß an Stickoxiden ist gestiegen. Mehr Menschen denn je leiden Mangel an sauberem Trinkwasser. Industrienationen, die 20 Prozent der Weltbevölkerung stellen, verbrauchen 80 Prozent der Weltressourcen und drücken sich um die Entwicklungshilfe. Die soziale Schere klafft weiter auf. Das Artensterben setzt sich fort. Krieg folgt auf Krieg. Als wär’s in der bleiernen Zeit.

Doch es bewegt sich ja nie etwas, das nicht von Menschen bewegt würde. Und nur, was sich bewegt, zieht die Blicke auf sich. Das sagten sich auch die Initiatoren von bike+10, einer europaweit organisierten Sternfahrt nach Göttingen, wo sich rund 500 Umweltaktivisten treffen wollen, um über Rio und die Folgen zu reden. Die Ost-Route startete vergangene Woche in Frankfurt (Oder). Von Wulkow ging es dann schon mit den Teilnehmern aus Polen weiter. Denn inzwischen steht ein neuer Umweltgipfel auf der Tagesordnung: im südafrikanischen Johannesburg.

Die gemeinsame Radelei ist eine Chance, einander besser kennen zu lernen, der Forderung nach einer verträglichen Entwicklung von Ökologie, Ökonomie und sozialer Sicherheit Stimme zu geben. Die Frage zielt nicht nur auf die große Politik, sondern auf den Lebensstil jedes Einzelnen. Sie ist nicht neu, aber aktuell: „Handle ich so, dass mein Handeln jederzeit die Grundlage einer allgemeinen Gesetzlichkeit abgeben könnte?„ Oder provozierend formuliert, wie es der Liedermacher Gerhard Gundermann tat: „Fernseher aus, Sternschnuppen an. Rein in die Frau und raus aus dem Mann. Rein ins Vergnügen und raus aus dem Krieg. Zurück in die Höhle: Dahinten ist Licht.„ Wenn die jungen Leute auf ihren Rädern nicht endlich Gehör finden, bleibt uns am Ende sowie nichts andere übrig.

Oderblick 10.8.2002

Zwischen den Straßen, die von Lossow zum Helenesee führen, liegt das Eurocamp der Pewobe. Vor Jahren war es GST-Anlage, Müllplatz, Trümmerhaufen. Heute sprechen Jugendliche vieler Länder von ihrem „globalen Dorf„. Dazwischen liegen ein halbes Jahrzehnt Arbeit, mehr als anderthalb Millionen Euro Investitionen und das Engagement vieler Leute rund um Heidemarie und Hartmut Langisch.
Die beiden Frankfurter hatten es immer mit jungen Leuten. Von denen lässt sich lernen, nichts so verbissen zu sehen, wie es in Wirklichkeit ist und sein Ding zu machen, mal hellhörig, mal mit Fingern in den Ohren. Wohn- und Aufenthaltsräume wurden saniert, ein Streichelzoo aufgebaut, seit kurzem stehen Pferde in den Ställen. Wenn Hartmut Langisch alle Maßnahmen aufzählt, dauert das eine Weile. Inzwischen hat sich die internationale Freizeit- und Begegnungsstätte zu einem politischen und wirtschaftlichen Faktor in der Region gemausert. Offen zu sein für die nicht so Betuchten ist hier Programm. Und Stellen des zweiten Arbeitsmarktes sind kein Ersatz für die Erfüllung sozialer Aufgaben.
Sie verschwinden auch nicht spurlos im Helenedreieck, wenn die Förderfrist abgelaufen ist. Zwölf Arbeitsplätze entstanden, und die 16 in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Tätigen haben gute Aussichten, einen festen Job zu kriegen bei der Pewobe oder ihren Partnern. Jetzt munkelt man von hochherrschaftlichem Besuch, der sonst keine so glückliche Hand mit den Arbeitslosen hat. Vielleicht kann er sich was abgucken im Eurocamp. Es gibt ‘ne Menge Leute, die nur darauf warten.

Oderblick 17.8.2002

Die schönsten Ferien gehen einmal zu Ende. Nach alarmierenden Umfrage-Ergebnissen hat sich die SPD kopfüber in den Wahlkampf gestürzt. Die anderen Parteien sind ihr, kantippa, kantappa, hinterdrein gestolpert. Ein paar Spitzenpolitiker sind dabei übel hingefallen und fürs erste liegen geblieben. Sie hatten die Taschen und den Mund zu voll genommen. Die Übriggebliebenen versprechen, während der Republik im übertragenen wie im wörtlichen Sinne das Wasser bis zum Halse steht, erwartungsgemäß das Blaue vom Himmel herunter. Getreu dem Motto: Je mieser das Wetter, um so größer der Wunderglauben. An neuen Ideen fehlt’s im Revier, man nimmt geputzte Menschen dafür. So lächeln sie von den Plakaten und tingeln durch die Lande, Tomaten und härteren Realitäten zum Trotz.

Auch an Brandenburgs Schulen zieht der Alltag wieder ein. Ob Bildungsminister Steffen Reiche das Halali zur polizeilichen Treibjagd auf Schulschwänzer blasen kann, steht noch nicht fest. Der Innenminister ist momentan mit der Frage beschäftigt, wie viel der Verfassungsschutz für Nazimusik ausgeben darf. Als beigelegt gilt hingegen der Streit um LER und Religionsunterricht. Der Kompromiss besteht in der sanften Verwischung der Trennung von Kirche und Staat, wie sie schon bei der Militärseelsorge zu erleben war. Wer erinnert sich noch an Zeiten, als Kirchen in ihren Schaukästen gegen Kriegsspielzeug mobil machten? Eine schöne Idee, dass Abrüstung in der Kinderstube beginnt. Wenn sie dann gar bis in Ministerstuben reichte, vielleicht würden weniger Wähler die Wahlen schwänzen.

Oderblick 24.8.2002

Kann ja sein, dass das Hochwasser dem Kanzler die Wahl gewinnt. Wer ist populärer als der Herr auf dem Deich, der Macht hat, Maßnahmen zu treffen, und Mitgefühl, Trost zu spenden. Aber das ist egal.

Vielleicht wird die neue Regierung die Misere als Universalargument missbrauchen, wenn es nicht vorwärts geht. Die Verführung deutet sich an in den Medien. Sie hilft vergessen zu machen, dass mancher gebrochene Deich der Leichtfertigkeit der Regierenden geschuldet ist. Weil am falschen Ende gespart wurde. Weil Sicherheit keine Dividende abwirft. Aber das ist egal.

Möglich auch, dass im Streit um die Ursachen der wachsenden Zahl von Überschwemmungen jene Recht behalten, die sagen: Das ist erst der Anfang. Die Entwicklung wird weiter gehen, bis die Kosten der Unwetter das Bruttosozialprodukt der entwickelten Länder übersteigen. Darin ließe sich vielleicht der einzige höhere Sinn des Desasters entdecken. Die Arroganz der Macht löste sich im Wasser auf. Mit den eigenen Trümmern beschäftigt, fehlte die Kraft, anderen die Häuser zu zerbomben. Wir wären unser eigener Kollateralschaden. Aber das ist egal.

Im Augenblick zählt nur eines: Dass die Opfer der Katastrophe Beistand finden. Niemand weiß das besser als jene, die 1997 erlebten, wie die Thälmann-Siedlung landunter ging, jene, die auf dem durchweichten Deich bei Hohenwutzen um jede Minute bangten. Der BLICKPUNKT wird sein Möglichstes tun, um zu helfen, und Sie sicher auch. Darauf allein kommt es jetzt an.

Oderblick 31.8.2002

Von einer „Generalprobe„ für das Stadtjubiläum im kommenden Jahr war am vergangenen Wochenende wenig zu spüren. Händler beklagten Umsatzeinbrüche im Vorjahresvergleich von bis zu 60 Prozent. Die Musiker und Künstler mit zum Teil bravourösen Darbietungen waren sich selbst und dem zum Rinnsal versickernden Publikumsstrom überlassen. So viel Mühe für ein Hansefest, das eher der Untergangs- als der Blütezeit dieses wirtschaftlichen und politischen Städteverbundes gewidmet schien.
Die Gründe für das Misslingen liegen auf der Hand. Die Region ist keine, sonst müsste eine bessere terminliche Abstimmung möglich sein. Die Parallelität zum Stadtfest in Eisenhüttenstadt kann auch gestressten Planern nicht verborgen geblieben sein. Meinten sie, kraft Gewohnheit gegen das kostenlose Spektakel anzukommen? Dann sollten sie ihren Hochmut ablegen. Verheerend wirkt sich das Festgefahrensein in den immer gleichen Ritualen aus. Auf dem Hansefest findet sich der Besucher mittlerweile mit verbundenen Augen zurecht. Wer das für einen Vorteil hält, irrt. Die Geschichten zur Geschichte werden nicht fortgeschrieben, sondern wiederholen sich einfach nur. Klirrklirr, bummbumm, das war’s. Im „Paradiesseits„-Projekt der Studenten zu den Kleist-Festtagen steckte mehr innovativer Geist und spielerisches Vermögen als in allen Hansefesten des letzten halben Jahrzehntes zusammen. Wenn die Veranstalter sich überfordert fühlen, sollen sie es einfach bleiben lassen. So wie Frankfurt weiland die Hanse bleiben ließ. Dann hätten sie wenigstens die Ehrlichkeit ihrer Ahnen geerbt.

Oderblick 7.9.2002

Wer eine kompakte Aussage über die Kultur einer Örtlichkeit, einer Stadt, eines Landes sucht, der geht aufs Klo. Wie lange er es dort aushält, das lässt sich ungefähr hochrechnen auf die zu erwartende freiwillige Verweildauer in der Einrichtung, der Kommune, dem Land. Allerdings gibt es Aufenthalte, bei denen Freiwilligkeit nicht zur Debatte steht. Dazu gehören die Schulen. Bildung ist Pflicht. Und entgegen anderslautenden Verdächtigungen: Die meisten Schüler sind neugierig auf die Welt. Sie lernen eigentlich gern. Nur nicht, wenn die Blase drückt. Oder Ärgeres. Noch drei Stunden, noch zwei, noch - nee, geht nicht mehr...
So kommen diverse Schultoiletten zu ihrer Klientel und manche Schüler auf die Idee, dass die Sprüche von der „Zukunft des Landes„ so ernst nicht gemeint sein können. Alte Bücher, alte Becken. Verkeimt, verbraucht. Erwachsene boykottieren so etwas. Wen sollen die Schüler boykottieren? Ihre Lehrer? Denen stinken die Verhältnisse auch, und das ist wörtlich gemeint.Inzwischen kommt es auch manchen Eltern hoch. Elke Siebert und Ingo C. Rosche, die zwei Kinder im schulpflichtigen Alter haben, richteten sogar eine Internetpräsenz ein. Sie wollen sich mit anderen zusammenschließen, die ebenfalls die Nase voll haben. Unter http://www.7of7.de/bildung wurden die Ergebnisse einer besonderen Fotopirsch ins Netz gestellt. Wer will, kann sich - und die Verantwortlichen - mit dem Anblick von Sanitäreinrichtungen für Erwachsene und für unsere Kinder konfrontieren. Am Ende der kleinen Galerie fiel mir nur ein passendes Wort dazu ein...

Oderblik 14.9.2002

Zumindest im Wegreißen sind wir fast die Besten. So mag man angesichts des 2. Preises denken, den Frankfurt im Bundeswettbewerb „Stadtumbau Ost„ erhielt. Das Preisgeld von 25 000 Euro soll für weitergehende Planungen eingesetzt werden. Aber was wurde eigentlich gewürdigt? Die Stadt hat sich damit abgefunden, dass die Bevölkerung in Scharen flieht. Sie hat dem nichts entgegen zu setzen. Die Kosten des Gemeinwesens aber steigen pro Kopf. Die unausgelastete Infrastruktur kränkelt. Die angeblichen Altschulden drücken. Der Leerstand hat bedrohliche Ausmaße angenommen. Angesichts dessen gibt es zu Abriss, Rück- und Umbau keine Alternative. Die Frage ist, was daraus gemacht wird und in welchem Maße Hierbleiber und Herkommer einbezogen sind. Zumal jene, die schmerzliche Veränderungen hinnehmen müssen. Hier aber kann die Stadt an ein Problembewusstsein anknüpfen, das bereits in den neunziger Jahren entwickelt wurde. Als es seinerzeit um die Konversion ehemals militärisch genutzter Liegenschaften ging, war eine breite Kooperation zwischen früheren und künftigen Nutzern, Politik, Finanzwirtschaft und Investoren, Unternehmern und Vermietern gefragt. Die Lösungen erwiesen sich nicht nur als tragfähig, sie hatten zum Teil auch Pilotfunktion für andere, die vor ähnlichen Problemen standen. Manches ging daneben, wie das Stadthaus an der Peripherie. Solche Missgriffe werden auch diesmal nicht ausbleiben. Doch ein auf Zukunft angelegtes Stadtumbaukonzept, das sich auf einen breiten Konsens stützen kann, weil es im Ergebnis öffentlicher Debatte entsteht, verspricht unterm Strich ein Mehr an Lebensqualität für alle.

Oderblick 21.9.2002

Es gibt auch Mobilmachungen, vor denen niemand sich zu fürchten braucht. Eine davon erlebte Frankfurt in der vergangenen Woche mit der Indienststellung von elf erdgasgetriebenen MAN-Bussen. Es ist die erste Hälfte der saubersten Busflotte Deutschlands, über die Frankfurt (Oder) am Jahresende verfügen wird.

Natürlich musste das gefeiert werden. So fand auf dem Brunnenplatz eine Party mit tausenden Gästen statt. Fans von Ute Freudenberg reisten extra aus Berlin an. D.R. Mastermind, die Tanzgruppe Ronex, Les Montana-Akrobatik und das Duo Ophidia mit seiner Schlangen-Scherben-Feuer-Schau begeisterten das Publikum. Die Freunde von „Keimzeit„ ließen sich auch durch Nieselschauer nicht vergraulen. Clara Himmel und Mario Schmidt zeigten sich als Moderatoren auf der großen Bühne. Erdgasbetriebene Personenwagen unterschiedlichen Typs konnten auf dem Platz in Augenschein genommen werden. Red Cocks und Das Magazin, EWE und local energy boten Informationen, und natürlich war auch für das leibliche Wohl gesorgt. Die Party begeisterte auch Oderturm-Manager Bernd Wagner. Tolle Sache, pflichtete er zahlreichen Besuchern bei. Der BLICKPUNKT kann sich dem nur anschließen.

Etwas leiser als auf dem Brunnenplatz ging es bei den 12. Internationalen Ostbrandenburger Verkehrsgesprächen zu, die sich mit der Sport- und Freizeitschifffahrt in Ostbrandenburg und Westpolen befassten. Dieses Podium des Verkehrsgewerbes sucht Problemlösungen, die beidseits der Grenze tragfähig sind, und schärft damit das Bewusstsein für eine tätige Nachbarschaft. Die Mobilmachung geht weiter.

Oderblick 28.9.2002

Am 3. Oktober wird der Tag der Deutschen Einheit gefeiert. Martin Patzelt hat den CDU-Ball am Vorabend des Feiertags diesmal für alle Frankfurter geöffnet, denen fünfzig Euro pro Nase nichts ausmachen.

Dabei täuscht das große Schunkeln kaum darüber hinweg, dass Deutschland von der 1990 verkündeten Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion nach wie vor nur die ersten beiden Optionen verwirklicht hat. Die Arbeitslosenzahlen bleiben dramatisch. Die mehr als hundertjährige Gewerkschaftsforderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit ist unerfüllt. Die soziale Spaltung wird sich noch in den Renten derer niederschlagen, die gerade erst ihr Arbeitsleben beginnen.

Die Quittung dafür hat das Wahlvolk dem 15. Deutschen Bundestag gerade mit auf den Weg gegeben. Die Zahl derer, die meinen, ein verkalktes Politbüro mit Mauer wäre die Alternative, hält sich dabei deutlich in Grenzen. Doch liegt die Beteiligung an den Wahlen als Zeichen des Vertrauens in die Stellvertreterdemokratie bei allgemeinem Abwärtstrend im Osten noch deutlich niedriger. Die Nichtwähler bilden die drittstärkste politische Kraft in Deutschland.

Auch die Abwanderung ist nicht gestoppt. Mehr als 2 500 000 Bürger haben seit 1990 von Ost nach West gewechselt, meist jüngere, die auf Arbeit und bessere Lebensbedingungen hofften. Allein im vergangenen Jahr waren es mehr als 100 000. Auch Frankfurt korrigiert zum wer weiß wievielten Male seine Bevölkerungsprognose nach unten. Bei den Gebliebenen schwindet die Hoffnung und die Sorge wächst.

Oderblick 5.10.2002

Wer meinte, nach dem misslungenen Hansefest könnte es nur noch schlimmer kommen, wurde am vergangenen Wochenende fröhlich eines Besseren belehrt. Es galt, sich in ein Gedränge zu stürzen, wie es Frankfurt nicht allzu oft erlebt. Zwischen Leipziger und Dresdener Platz steppte der Bär.
Dabei störte es wenig, dass die Schar der Allerweltshändler mit ihrem textilen Überfluss in diesem Jahr wieder zugenommen hat. Denn ebenso waren die Leute aus dem Kiez auf der Straße - mit Gebratenem und Gegrilltem, frisch duftenden Backwaren und vielem mehr. Freunde der Frankfurter Braukunst kamen ebenso auf ihre Kosten wie Liebhaber handgemachter Rockmusik, für die „Halleffekt„ sorgte. Drehorgel-Rolf, der inzwischen ein Standbein auf Frankfurter Boden gesetzt hat, band sich zur Feier des Tages sogar einen Schlips um. Da der Halsschmuck bei ihm 19 Meter und 19 Zentimeter misst, hat das Hallenser Unikum gute Aussichten, erneut ins Guinnessbuch der Rekorde zu kommen. Wer des Gewimmels überdrüssig war, fand in der Alten Schmiede einen köstlichen Tropfen und eine edle Zigarre. Auch dieses Äuglein im Zentrum des Taifuns braucht solch ein Spektakel. Begeistert waren die Zuschauer vom Feuerwerk am Abend, und am Sonntag rollten traditionell die Seifenkisten um die Wette.
Es war ein Fest für jedermann. Eintritt kostenlos. Spaß garantiert. Damit lässt sich auch Wulkower und sonstige Konkurrenz lächelnd ertragen. Und lernen lässt sich davon allemal, denn das Stimmverhalten der Füße bleibt ein sicherer Indikator. Altberesinchen ist ein Magnet dieser Stadt.

Oderblick 12.10.2002

Den Grundstein für das neue Hörsaal- und Mensagebäude, das zum Beginn des 11. akademischen Jahres feierlich übergeben wird, legten vor einigen Jahren die Studenten. Ganz unfeierlich und als symbolischen Protest gegen den Versuch landespolitischer Drückebergerei beim Aufbau der Europa-Universität. Nun steht das 25 Millionen Euro teure Gebäude endlich. Seine Adresse: Europaplatz 1. Die Provinz muss eben immer ein bisschen dicker auftragen, um wahrgenommen zu werden. Denkt sie.

Dabei spricht das Haus für sich selbst. Unmittelbar am Ufer der Oder errichtet, grüt es herüber zum Collegium Polonicum auf der Slubicer Seite. Beide Ensemble bilden markante Punkte im Stadtbild. Beide erfüllen entscheidende Funktionen für den grenzübergreifenden akademischen Betrieb. Beide stehen für eine Entwicklung, die alte Grenzen aufheben soll. Solche zwischen den Ländern und solche im Denken. Internationalität und Interdisziplinarität, so hoffen die Erbauer, wirken auf das Leben der Nachbarstädte zurück.

Acht Hörsäle, ein Computer-Saal, neun Übungs- und acht Seminarräume mit einer Gesamtkapazität von rund 3000 Plätzen stehen den Studierenden ab dem Wintersemester zur Verfügung. Dazu kommt eine Mensa mit 600 und ein Café mit 80 Plätzen. Eine Zukunftsinvestition, die sich auszahlen wird. Schon heute studieren 4400 junge Leute in Frankfurt. Fast jeder zweite kommt aus dem Ausland. Sie werden das Haus zu einer Selbstverständlichkeit machen und dann – vielleicht – fragen, ob der winzige Studentenkeller den Ansprüchen der Viadrina noch gerecht werden kann. Weil Lebensqualität nicht nur Lernqualität ist. Der Aufbau der Viadrina ist noch nicht abgeschlossen.

Oderblick 19.10.2002

Für manchen ist die Welt schon in Ordnung, solange sich für alle Unbill noch irgendein Schuldiger findet. So weist denn auch die Stadt wieder einmal mit lang ausgestrecktem Zeigefinger auf die Schulen: Wenn die im Unterricht mit Uraltbüchern hantieren, sind sie selber schuld. Schließlich haben sie das Geld für Lehr- und Lernmittel in eigener Regie.
Sie können also mit dem, was sie nicht haben, träumen, wovon sie wollen, und tragen natürlich auch die Verantwortung dafür, dass beispielsweise am Karl-Liebknecht-Gymnasium -Unesco- und deutsch-polnische Vorzeigeschule - der Unterricht in Politischer Bildung mit antiquierten Werken von 1987 erfolgt. Damit nicht genug: In Erdkunde gab es dieses Jahr zum Teil gar kein Buch. Wer kann, überredet seine Eltern zur Selbstbeschaffung - über das Maß hinaus, in dem sie ohnehin herangezogen werden. Bildung ist etwas für Besserverdienende.

Nein. Allzu billig ist der Versuch, den Schulen den schwarzen Peter zuzuschieben. Lehrer, Eltern- und Schülervertretungen rechnen hin und her. Jede Anschaffung muss wohl begründet sein. Trotzdem klaffen die Lücken immer weiter. Wenn die Kommune 545 000 Euro im Jahr für Schülerlektüre bereitstellt, sind das bei einem Anschaffungspreis von durchschnittlich 20 Euro rund 27 000 Exemplare. Rechnet man grob sechs Bücher pro Schüler, so können etwa 4500 Schüler im Jahr ausgestattet werden. Die herrschenden Zustände sind folglich über Jahre hin vorprogrammiert. Sie waren vorhersehbar und wurden hingenommen. Nebenher hat eine idiotische Rechtschreibreform von Kultusministers Gnaden ihren nicht unerheblichen Beitrag dazu geleistet.

Den Schulleitern und Lehrern wäre allenfalls vorzuwerfen, wenn sie gegen solche Missstände nicht einhellig und öffentlich protestieren. Denn auch sie können rechnen. Ihre Duldsamkeit wäre ebenfalls eine Form der politischen Bildung: Halt fein still, damit’s nicht schlimmer kommt. Autorität gewinnen sie damit allerdings nicht.

Oderblick 26.10.2002

In diesem Monat wäre Freiherr von Knigge 250 Jahre alt geworden. Dem in Bredebeck bei Hannover geborenen Autor des Buches „Über den Umgang mit Menschen„ ging es weniger darum, dass man sich beim Dinner nicht mit der Gabel hinter dem Ohr kratzen sollte. Sein Begriff der Sittlichkeit ist komplex und auf den Charakter des Menschen bezogen.

Da ein solcher Kodex überaus anstrengend anmutet und die Grenzen zwischen Höflichkeit und Heuchelei ohnehin fließend sind, wird Knigge heutzutage eher pragmatisch fortgeschrieben. Dutzende Agenturen verdienen sich ihre Brötchen mit der Botschaft, dass die Krawatte des Herrn bis zur Gürtelschnalle reicht, der Wein von rechts eingeschenkt wird und die Füße auch bei höheren Temperaturen in die Socken gehören, wenn ein Empfang im Kalender steht. Das lässt sich merken und relativ leicht realisieren.

Der 1788 erschienene Knigge allerdings setzt nicht das perfekte Spielen einer gesellschaftlichen Rolle voraus, sondern die Ankunft bei und den Einklang mit sich selbst als Bedingung für Toleranz, Verständnisfähigkeit und Stilsicherheit. „Es ist daher nicht zu verzeihen, wenn man sich immer unter andern Menschen umhertreibt, über den Umgang mit Menschen seine eigene Gesellschaft vernachlässigt, gleichsam vor sich selber zu fliehn scheint, sein eigenes Ich nicht kultiviert und sich doch stets um fremde Händel bekümmert. Wer täglich herumrennt, wird fremd in seinem eigenen Hause; wer immer in Zerstreuung lebt, wird fremd in seinem eignen Herzen...Wer nur solche Zirkel sucht, in welchen er geschmeichelt wird, verliert so sehr den Geschmack an der Stimme der Wahrheit, dass er diese Stimme zuletzt nicht einmal mehr aus sich selber hören mag...„ Dagegen wurden das Fernsehen und der Deutsche Comedy-Preis erfunden, aber das konnte Knigge nicht wissen. Ihm war es zu tun um eine Mobilität des Herzens, die sich der Schwerkraft des Herzens verdankt, ein Aufeinander-zu-Gehen, das eigener Behaustheit entspringt - ein Wunsch, der jeden Zeitgeist überlebt.

Oderblick 2.11.2002

Der ehrliche Hase läuft sich fast tot, der krummbeinige Igel mit seiner angetrauten Komplizin macht jedes Rennen. Sie kennen die Geschichte. Ein paar Jahre sah es aus, als sei auch der Staatsanwaltschaft das Schicksal des Hasen beschieden. Der Berg offener Fälle wuchs immer höher. Prozesse fanden nicht selten mit solch einer Verspätung statt, dass jeder Anwalt vor Gericht - günstigenfalls - auf die verstrichene Zeit und günstige Sozialprognose seines Mandanten verweisen konnte. Oft mit Erfolg. Polizeibeamte, die bei den Ermittlungen ihre Köpfe hatten rauchen lassen, kratzten sich denselben und grübelten über denn Sinn ihrer Arbeit. Geschädigte Bürger zweifelten an einer Justiz, die der Untat ein großes, mahnendes „Dudu!„ auf dem Fuße folgen lässt.
Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat die stachlige Herausforderung trotzdem angenommen und hetzt seither getrost durch die Furche. 65 000 neue Fälle kommen im Jahr auf den Tisch, 69 000 werden beschieden - mit Anklage, Einstellung mit und ohne Auflagen, Weitergabe. Ganz langsam wird der Igel eingeholt. Aus dem Schlusslicht mit mehr als 15 000 offenen Sachen ist eine Behörde geworden, die das Ziel schon im Blick hat: den bundesüblichen Durchschnitt von 100 offenen Verfahren pro Staats- oder Amtsanwalt. Wenn die Staatsanwälte nicht mehr gegen mitgeschleppte Quantitäten kämpfen, können sie die Qualität ihrer Arbeit verbessern. Fundiertere Anklagen, hoffen sie, führen auch zu differenzierteren Strafmaßen. Die bei manchem getrost auch über der gesetzlich vorgeschriebenen Mindeststrafe liegen dürften, so meinen die Rechtshüter - und sind sich der Zustimmung vieler Bürger gewiss. Vorerst aber gilt es, auch die kleinen Reserven herauszukitzeln, indem die „Häuptlinge„ auch einmal „Indianerarbeit„ tun, Referendare stärker in Hauptverhandlungen einbezogen, Uraltfälle zügig beschieden werden. Ein Selbstzweck ist das nicht: Wenn die Justiz reibungsloser funktioniert, ermutigt das auch die Polizei und der Bürger fühlt sich sicherer.

Oderblick 9.11.2002

Bäume pflanzen ist immer besser, als Bäume ausreien. Gerade wenn einem der Sinn nach Letzterem steht. Ums Bäume pflanzen ging es in den vergangenen Jahren mehrfach. Schon vor der Wende war das eine symbolträchtige Handlung, zumal wenn dabei die deutsch-polnische Freundschaft beschworen wurde oder junge Eheleute zeigten, dass sie sich angekommen fühlten. In unserer Serie Bild-Geschichten haben wir darüber berichtet.

Auch nach der Wende wurden Bäume gepflanzt – und andere gefällt – um das grüne Frankfurt zu erhalten. Das ging meistens unspektakulär vor sich. Bewiesen werden sollte nichts, auer dass Bäume anwachsen. Den Job besorgten Profis. Manchmal war sogar noch jemand für die Pflege da, aber das werden immer weniger. Kein Geld, stöhnt der Gartenbau. Auch ein Eurogarten macht Arbeit. Doch wer macht die nachher, wer bezahlt sie und was bleibt dafür an anderer Stelle liegen? So leiden die prächtigsten Symbole allzu häufig darunter, dass sie keine Entsprechung der geübten Praxis sind, sondern neben dem Alltag stattfinden und wenig mit ihm zu tun haben.

Manch eine Aktion ist allerdings so überraschend, dass man sich ihrer Ausstrahlung kaum zu entziehen vermag. Da freuten sich 1989 in Japan Leute darüber, dass die Mauer fiel. Das muss noch nicht wundern – das japanische Handelszentrum stand ja direkt daneben. Aber sie wollten dieser Freude Ausdruck verleihen und beschlossen, Kirschbäume zu pflanzen. Denn die Kirschblütenzeit ist ein Fest in Japan, das alle vereint, die sich einander zugehörig fühlen. Geld wurde gespendet, eine Millionensumme in elf Jahren. Mehr als 8000 junge Pflanzen kamen nach Berlin und Potsdam. 750 sind für Frankfurt und Slubice bestimmt. Weil es auch hier darum geht, ob eine Mauer fällt oder wächst. Weil man sich auch auf Europa freuen kann. Vielleicht nicht immer in den japanischen Handelszentren, aber ganz sicher als Bürger dieser einen Welt. So zu denken über Tausende Kilometer hinweg, das rechtfertigt auch eine symbolträchtige Geste.

Oderblick 16.11.2002

Frankfurt wird in den kommenden Jahren im Brennpunkt der europäischen Aufmerksamkeit stehen, etliche tausend Einwohner verlieren (aber von 2010 bis 2012 genau 50 Einwohner gewinnen), kommunale Leistungen, Zuwendungen, Förderungen und Angebote einschränken und zu einem prosperierenden Wirtschaftsstand- sowie europäischen Begegnungsort werden. Das scheint Ihnen etwas abstrus? Für Oberbürgermeister Martin Patzelt ist es sonnenklar. Jedenfalls steht es alles in seiner Programmatischen Erklärung, zu der er sich nach knapp halbjähriger Amtszeit aufgerafft hat.
Das Dokument wirkt - vor allem, wenn man es liest - so, als hätte der Kommunal-Chef einen Sack Kommata ausgeschüttet und sie durch viele Diesbezüglichkeiten sinnvoll zu verbinden versucht. Grammatikalisch ist das oft gelungen. Inhaltlich ist es zumeist ein Bekenntnis zur noblen Blässe. Wo es darum geht, wie aus dem Desaster herauszukommen ist, triumphiert redseliges Schweigen. Derweil ersetzen die Stadtverordneten die ersehnte Aufbruchstimmung durch Radau. Noch nie habe sie ein so schlechtes Klima erlebt, wie bei der letzten Stadtverordnetenversammlung, klagt Heidrun Förster von der SPD. Das betrifft nicht nur das Rathaus. Wenn etwa wegen einer mehr oder weniger erpresserischen Haushaltssperre eine Sozialhilfeempfängerin vor ihrem 70. Geburtstag nicht einmal zum Friseur gehen kann, weil sie nicht rechtzeitig ihr Geld bekommen hat, dann wissen auch die kleinen Leut’, was sie von den großen Leut’ zu halten haben.Dass die Opposition Patzelts Erklärung für eine Zumutung hält, überrascht nicht. Aber dürfte Patzelt von den anderen nicht erwarten, dass sie ihm die uneingeschränkte Solidarität des Wahlkampfes auch jetzt zuteil werden lassen? Schließlich haben die meisten genau den Oberbürgermeister bekommen, den sie sich vehement gewünscht haben. Wenn sich nun trotzdem Verdrossenheit breit macht, lässt das Arges befürchten. Er rattert wieder im Stadtparlament, der Zufallsgenerator richtungsweisender Entscheidungen...

Oderblick 23.11.2002

Die ersten Frankfurter Naturheiltage sind Geschichte. Ein Stück Erfolgsgeschichte, wenn man bedenkt, dass sie der Initiative zunächst einiger weniger entsprangen, die sich Verbündete suchten und schließlich einen kaum erwarteten Zuspruch unter den Frankfurtern fanden. So wie sich das Miteinander der hilfreichen Praktiker, Gesundheitsberater und Umweltschützer im City Park Hotel präsentierte, spiegelte es auf konkret erfahrbare Weise die Ambivalenz des Begriffs wider: Wer durch Natur Heilung erhofft, muss helfen, Natur zu heilen. Wir sind abhängig voneinander. Wenn wir warten, bis wir das von Katastrophe zu Katastrophe eingebläut bekommen, ist es vielleicht schon zu spät. Deshalb hatte am vergangenen Wochenende die Lokale Agenda 21 ihren Platz neben der Freien Waldorfschule, bezog Greenpeace Position gegen Genpfusch und Ressourcenraubbau neben dem Eine Welt-Laden von Puerto Allegre, der für eine fairen Welthandel warb. Es gibt keine Nische, in der wir Geist und Seele eben mal fix reparieren lassen. Aber es gibt Räume, wo wir auftanken können, Lebensenergie schöpfen, uns selbst wahrnehmen in einem Kreislauf, dessen Radius mehr umfasst als Glotze und Maloche. Der Verein „Bewußt leben in Frankfurt (Oder)„ sorgt dafür, dass sie bekannter und überschaubarer werden.
Manche mögen abwinken: alles Budenzauber, Scharlatanerie. Das kann ihnen niemand verwehren. Aber wer vermag so sicher die Grenze zu ziehen, jenseits derer der Glaube aufhört und der Aberglaube beginnt? Beim autogenen Training oder bei der Astrologie? Bei der räuchernden Kräutermischung oder beim vitalisierten Trinkwasser? Bei der Kräuterhexe, beim Schamanen? Dass wir den genetischen Code knacken können, bedeutet schließlich noch längst nicht, dass wir die Natur kennen. Nicht einmal unsere eigene. So steckt in jeder Hinwendung zu ihrem Wesen, ihrem Zusammenhalt, auch ein Stück kultureller Sehnsucht und Suche. Darin vereinen sich Befreiung und Genuss. Weil Leben eine Kunst ist, die ein Leben lang zu lernen lohnt.

Oderblick 30.11.2002

Die Opfer der Verblödung werden zu Tätern. Hat diese Mitteilung etwa irgendeinen Neuigkeitswert? Oder gar die Feststellung, dass sich Deutschlands Bildungsbürger nirgendwo anders so wohlfühlt, wie in seiner klüglichen Ignoranz? Mag durch Deutschland reisen, wer will, in Heines viel zu großen Schuhen. Ich sage: Es lebe die Stadt der Einheitsverlierer, der Kittelschürzen und Jogginganzüge, der Polenpuff- und Tank-Touristen, der Melancholiker und Verbitterten mit ihrer Kiosk-Kultur! Es leben die Angler am Fluss, die polnischen und die deutschen! Es leben die Zander, die Welse und Rapfen! Es leben die Frontal-Gewalkten, die Un-Endlichen, die noch immer und schon wieder Verhöhnten! Es leben alle, die der Stadt ihr eignes bisschen Leben einhauchen! Nur deshalb wird sie 750 Jahre alt. So lange macht keiner, der sie schmäht. Oder lobt.

Es leben jene, die in der Plappergesellschaft verstummen! Es leben, die im Angesicht der Übereifrigen erstarren! Die brotlosen Künstler! Die kunstlosen Eigenbrötler! Die vor McDonalds auf ein Leben warten, das nicht kommt! Die Optimisten von Amts wegen mit dem Häuschen im fernen Dorfidyll! Es leben, die auf ein Rathaus hoffen, das ratlos ist, denn guter Rat ist teuer! Es leben jene, die um ihre gefärbten Schläfenhaare keine Schauprozesse führen! Die Haarspalter auch! Die Liebenden auf dem Ziegenwerder! Die Krötenretter vom Buschmühlenweg! Die immer-wieder-von-vorn-Anfänger! Der märkische Sysiphos! Es leben die Fortgegangenen und die Wiedergekommenen! Die keine Luft mehr kriegen in diesem Nest! Die sich Luft machen müssen! Dicke Luft! Es leben die Kleiderspender, denn was nutzt den Armen schon Karl Marx in Bronze? Es leben die Vereinsmeier und Flickschuster eines kranken Sozialwesens! Es leben alle, die glücklich sind, weil sie ihre Jugend erleben! Es leben alle, die traurig sind, weil sie ihre Jugend erleben! Sie wären es auch anderswo, aber sie sind es hier. Es leben die Sensibelchen und Seelchen! Nur nicht die Seelenverkäufer. Die nicht.

Oderblick 7.12.2002

Als erstes öffnen immer die Mandelbuden. Dann sieht es unterm Weihnachtsbaum schon beinahe festlich aus. Die Wagen der Händler schirmen den Platz vor dem flutenden Verkehr. Weiter hinten wird an Karussells geschraubt. Einen Weihnachtsmarkt soll es in diesem Jahr geben und eine Weihnachtskirmes. Das eine ist, wo es so verführerisch duftet, das andere, wo zu Discobeats die Bierbüchsen fliegen. Aber so haben die Kinder wenigstens einen Namen.
Der Weihnachtmarkt ist noch ein Stückchen zusammen gerückt. Kuschelig soll es sein. Dass der Weihnachtsmann eine eigene Hütte bekommt, wird die Kinder freuen. Wie die sieben Meter hohe Pyramide und die Kinderachterbahn, wo es mit Speedy Gonzales durch den Käse geht. Oder die Bungee-Kugel, die 45 Meter katapultiert wird. An den Neuheiten ist zu merken, dass die Organisatoren in einer besseren Situation waren, als ihre Vorgänger in den imagefressenden Jahren zuvor. Sie konnten wählen. Die Stadt hatte ein Einsehen, deshalb kann samstags hinter der Universität kostenfrei geparkt werden. City-Managerin Regina Haring macht es sichtlich Spaß, von Frankfurts Zwei-Wochen-Weihnachtsmarkt mit seinen 40 Teilnehmern zu berichten. Nicht nur, weil ihre Arbeit darin steckt, sondern weil das Ergebnis Aussicht auf mehr Kontinuität verspricht und damit auf Entwicklung.

Wer das große Showerlebnis sucht, wird weiter nach Berlin fahren. Das ist nicht der Maßstab. So wenig wie die vielen kleinen Unternehmungen rings im Land, die sich durch ihre Spezifik auszeichnen. Oder der wundervolle Adventsmarkt in der Marienkirche. Viel interessanter ist, ob die Frankfurter sich mit ihren Bedürfnissen auf ihrem Weihnachtsmarkt wiederfinden. Ob Festlichkeit und Weihnachtsfreude anstecken. Die 140 Einzelhändler der City beispielsweise, die ihre Türen öffnen könnten zu ungewohnter Zeit. Auf den Riesenstollen aus dem Hause Baumgärtel dürfen sich die Frankfurter jetzt schon freuen. Davon kann man sich eine Scheibe abschneiden. Auch wenn man gar kein Bäcker ist.

Oderblick 114.12.2002

Wo ist dein Bruder Abel, du Mensch aus Frankfurt (Oder)? So fragte Generalsuperintendent Rolf Wischnath vergangene Woche in der Marienkirche. Das alttestamentarische Bild des Brudermordes gehört zu jenen Motiven, die in der Ausstellung der historischen Kirchenfenster zu sehen sind. So wie die Geburt des „Antichrist„ und die Manna-Lese. Für Wischnath war das ein Anlass, die Geschichten der „gläsernen Bibel„ zu hinterfragen - als Theologe und als Zeitgenosse. Wo ist Abel? Liegt er erschlagen in einer brandenburgischen Jauchegrube? Wird er als Farbiger schikaniert und beiseite gedrängt? Oder als Armer, als Schwuler, als irgend jemand, der sich abhebt von mainstream und political correctness? Der Erschlagene, so Wischnath, wurde Opfer der gleichen fürchterlichen Ideologie, die schon einmal dazu führte, dass unsere Stadt in Schutt und Asche fiel. Und Abel begegnet uns in jedem Fremden, Benachteiligten, von Gewalt Bedrohten. Aber wie begegnet uns der „Antichrist„? Wischnath erinnerte an Feindbilder der Vergangenheit: Katholiken sahen das Böse bei den Protestanten und umgekehrt. Hitler stand gegen Stalin. Einen Pferdefuß hatte niemand von ihnen. Die frommen Redensarten, so der Generalsuperintendent, die Scheinheiligkeit sind es, die den „Antichrist„ gefährlich machen. Seine Verwechselbarkeit mit dem Heiland in den Armen Marias. Kein Zweifel: Diese Geschichten stellen nicht nur in den Kirchenmauern ihre Fragen. Rund hundert Frankfurter haben sie am Tag der Menschenrechte auf die Straße getragen. Weil Abel auch in Bagdad wohnt, trotz des Diktators Hussein. Weil Kain vielleicht in Washington D.C. einen Schreibtisch hat. Trotz der Erfindung der Demokratie. Weil der „Antichrist„ entsetzlich gerne Waffen segnet und bei der Rüstungslobby sein Auskommen findet. „Nicht in meinem Namen„ sagten die hundert Frankfurter, wie inzwischen Hunderttausende in Europa, den USA und vielen anderen Ländern. Nicht in meinem Namen darf Abel erschlagen werden. Nicht hier. Nicht im Irak. Nirgends.

Oderblick 21.12.2002

„Das ist die Zeit der Obstsalate, Anfang und Ende der Jahreskadenz„, singt mein Freund Frank Viehweg in diesen Tagen. Der Liedermacher fällt mir immer ein, wenn sich meine innere und die äußere Welt ins Gehege kommen. Wenn die Beschaulichkeit in Penetranz ausartet oder der Winter-Blues nicht zum herrlichen Frostmorgen passt. Der Sängerpoet hat seine eigenen Rezepte dafür: Er nimmt einfach ein paar gewohnte Ingredienzien aus der Mixtur heraus, dann bleibt ihm die Kraft ohne Aggression, der Spott ohne Zynismus, und die Liebe einfach nur Liebe, frei von Eifersucht und Berechnung. Wenn ich seine Lieder höre, weiß ich, wo ich hergekommen bin und wo ich hinmöchte. Auch, dass ich beides zu oft vergesse im Stakkato der Tage.
Das wird jetzt unterbrochen von Kerzenschein und O Tannebaum, vom Weihnachtsgeschichte vorlesen und Geschenke auspacken. Alle Versäumnisse klopfen wie Knecht Ruprecht an die Tür. Weil sich aber zwischen Weihnachtsbraten und Neujahrsschmaus nicht nachholen lässt, wofür seit Januar die Muße fehlte, sollten wir uns darauf gar nicht erst einlassen. Zu hohe Erwartungen aneinander machen die Nähe zur Qual, statt zum Genuss. Die Probleme kommen unter dem Teppich hervor auf den Gabentisch gekrochen, und dann fliegen die bunten Teller. Wie jedes Jahr sagen uns die Statistiker die höchste Zahl der Familienkräche und Scheidungsgründe für die Feiertage voraus.
„Du kannst immer in mir wohnen, ohne Miete, ohne Pacht, meine Liebe muss nicht lohnen. Sie ist nur für dich gemacht„, singt Viehweg. Glücklich, wer das in diesen Tagen aus tiefer Seele spürt. Er oder sie hat das Herz nicht an die Statistik verloren.
Die freilich auch ihr Gutes hat, wenn ich meinen Festtagswunsch präzise formulieren will: Möge Ihr Lichterbaum nicht zu jenen 15 000 in Deutschland gehören, die Heiligabend in Flammen aufgehen. Mögen Ihnen Licht und Wärme beschieden sein aus den Blicken und Umarmungen derer, die Ihnen gut sind.
Ein frohes Fest wünscht Ihnen Ihr BLICKPUNKT.