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Blickpunkt 2004

Oderblick 10.1.2004

Mit dem Jahreswechsel geziemt es sich, die Vergangenheit endlich ruhen zu lassen und nach vorn zu schauen. Wo immer das auch sein mag. An der Stadtbrücke zum Beispiel gerät schnell die Apotheke am anderen Ufer in den Blick. Gar manches Mittelchen ist dort noch zu halbwegs erschwinglichen Preisen zu bekommen. Gesundheit kennt schließlich keine Grenzen. Hiesige Vertreter der heilenden Zunft brauchen sich daran nicht zu stören: Nach der Freigabe der Preise für nicht verschreibungspflichtige Rezepturen steht ihrem Wettbewerb nach Marktgesetzen nichts mehr im Wege, und erklärtes, wenn auch selten geglaubtes Ziel des Gesetzgebers ist schließlich ein Sinken der Kosten für den verschnupften Kunden.
Den Gang zum Arzt wird mancher sich indessen dreimal überlegen. So spart er sich den Eintritt für den Schmidtschen Gesundheitszirkus vielleicht erfolgreich bis zum vierten Quartal auf. Wer von chronischem Leiden betroffen ist, hat dabei allerdings wenig Chancen. Doppelt und dreifach gestraft sind auch diesmal jene, die immer noch trendwidrig Kinder in die Welt setzen. Bei den unauffälligen Zuzahlungs- und Fristenkorrekturen kriegen diese Uneinsichtigen Schröders Sozialstaat noch einmal so richtig um die Ohren gehauen.
Für die Stadt ist das natürlich gut. Wenn ein grippaler Infekt zum Existenzrisiko wird, traut sich trotz explodierender Strom-, Wasser- und Wärmepreise keiner mehr, das Ventil an der Heizung runterzudrehen. Wer vernünftig ist, wird sich auch hüten darüber nachzudenken, wieso die Kommune ein Defizit, für das sie früher ein ganzes (nachwendisches) Jahrzehnt brauchte, heute in zwei Jahren übertrumpft. Von solcher Grübelei kriegt man vielleicht Parkinson, Telekom-Aktien, BSE und Schlimmeres! Ein sehr großer Teil der Bevölkerung wird sich im Herbst auch nicht dem Wagnis aussetzen, an der Wahlurne mit anderen Bedenken- und Bazillenträgern zusammenzustoßen, sondern - leere Versprechungen hin, leere Kassen her - mit seiner verkratzten Stimme zu Hause bleiben.

Was ich mir und Ihnen, liebe Leser, angesichts solcher Aussichten wünsche? - Ein gesundes neues Jahr, was denn sonst?

Oderblick 17.1.2004

Es mag ein wenig Ironie mitschwingen, dass ausgerechnet an der Brauerei die Rettung des Wirtschaftsstandortes Frankfurt (Oder) vorgeführt wird. Etwa in der Preislage: Spätestens beim Bier hört das Stillhalten in Germanien auf. Tatsächlich steht das Beispiel Brauerei für etwas ganz anderes, aber nicht minder Erfreuliches: Das Management des Unternehmens zeigt junge Gesichter und widerspiegelt zumindest in Teilen nicht nur ökonomische, sondern auch biografische Verbundenheit mit der Stadt. Es zeigt, dass gründliche Marktanalyse vor – nicht nach - dem Schreiben des Konzepts ein deutlicher Vorteil für das Bestehen im Wettbewerb ist. Schließlich belegt es, dass ein Umsteuern möglich ist und die Verantwortung für wichtige Industriearbeitsplätze sich auch im Abbau von Personal in sozial verträglicher Weise widerspiegeln kann. Erst recht, wenn sich damit Wege eröffnen, mittelfristig neue Arbeits- und Ausbildungsplätze zu schaffen. Fit, flexibel und ehrgeizig nehmen sich die neuen Hausherren der Probleme an, die sie mitgekauft haben. Das ist eine Ermutigung weit über den Betriebszaun hinweg.

Schließlich gibt noch nicht so viele Frankfurter Produkte, deren Hersteller es sich zugute halten dürfen, dass sie die viel beschworene regionale Identität fördern und Konsumenten zu lokalpatriotischen Gesten ermuntern. Oft genug war zu erleben, wie Mannesmut stolz eine weithin bekannte Marke im Angebot überging und auf Frankfurter Bier bestand - nicht ohne zu betonen, dass es dabei nicht nur um Geschmacksfragen geht, sondern um ein ausdrückliches Bekenntnis. Wenn Gäste der Stadt solches miterlebten, wollten sie es zumeist auch gleich mal genauer wissen und halfen den Umsatz der hiesigen Brauerei steigern. Das ist ein Bonus für den Neubeginn, ein Ansporn, das kühle Blonde aus Frankfurt auch anderswo erfolgreich am Markt zu platzieren. Das Frankfurter Brauhaus hat sich dieses Ziel auf die Fahnen geschrieben. Doch am 24. Januar wird es sich erst einmal bedanken: Bei allen, die dem Betrieb beigestanden haben, als Helfer, Berater oder einfach so - Schluck um Schluck. Also dann: Prost, Frankfurt.

Oderblick 24.1.2004

Es gibt Traditionen, die ihr Fortleben keineswegs dem gesunden Menschenverstand verdanken, sondern lediglich der Agonie der Betroffenen. Dazu gehört auch die brandenburgische Kulturpolitik. Die vom damaligen Kulturminister Steffen Reiche eingeleitete Zerschlagung der Kulturlandschaft wurde von den Parteisoldaten vor Ort nicht nur krummkreuzig mitgetragen, sondern in vorauseilendem Gehorsam forciert. Jedem Versprechen zum Erhalt der verbliebenen Substanz dank unumgänglicher Sparmaßnahmen folgte bald die Zertrümmerung eines weiteren Stücks vom traurigen Rest, verbunden mit neuen Beteuerungen. So verschwanden Ballett, Chor, Schauspiel und Musiktheater. Übrig blieb ein Kulturkoben, dem Andreas Bitter mit seiner Mannschaft verzweifelt Leben einzuhauchen versucht. Unter anderem dazu wurde ein Theater- und Orchesterverbund geschaffen, der jedem Beteiligten ein Trostpflästerchen überließ und ansonsten dafür sorgt, dass ein wesentlicher Teil der knappen Kulturmittel sich auf märkischen Autobahnen in Abgas verwandelt. Im Übrigen war die Tinte unter dem Papier noch nicht trocken, als ein ausgedehntes Intrigenspiel im Land begann, für das der Verbund lediglich die löchrige Kulisse abgab. Die Frankfurter Sozialdemokraten, aber auch die anderen Kulturabwickler der Stadt, hören das nicht so gern. Denn Johanna Wanka knüpft nahtlos an den Reiche-Kurs an. Charmant versucht sie zu beweisen, dass die ohnedies saure Frucht sich noch weiter ausquetschen lässt und nicht nur ihr Vorgänger ein Meister leerer Versprechungen ist. Aber irgendwie hat sie sich doch verrechnet, denn es ist Wahlkampf im Land. Außerdem wollen die Frankfurter sich nicht auch noch die harmloseste aller Musen aus der Stadt prügeln lassen. Oder glaubt etwa jemand, bei dem B-Orchester, dem C-Orchester, der märkischen Kurkapelle wäre die Sparerei zu Ende? Vermutlich werden nicht einmal die Christdemokraten umhinkönnen, wenigstens halbherzig gen Potsdam zu maulen. Es lässt sich ausrechnen, dass dieser konzertierte - oder konzertante? -Widerstand hält. Bis zur Wahl jedenfalls. Mal lauschen, wie’s hinterher klingt.

Oderblick 31.1.2004

Es war einmal eine Stadt, die meinte, ihr stünde die Landesgartenschau zu. Als sie die nicht bekam, erfand sie flugs die Europa-Gartenschau, fest überzeugt, zum 750. Geburtstag könnte das Land ihr nicht Herz und Portemonee verschließen. Was ein Irrtum war. Deshalb wurde das Projekt geschrumpft, Stück für Stück, bis gerade einmal die Sanierung innerstädtischer Wohlfühlflächen übrig blieb. So etwas freut die Bürgerschaft, bringt aber kein Geld. Dazu braucht es schon ein bisschen Zirkus und der braucht ein Zelt. Mit Kasse. Hatte die Stadt zwar nicht, aber sie hatte eine Insel. Hübsch aufpoliert, war die gerade recht als Arena. Allerdings war das Budget für die Artisten zu schmal bemessen, um Europa als Zahlgast in den Europagarten zu holen. Die Stadtbewohner allein hatten viel zu wenig Taschengeld. Manche boykottierten die Insel auch, des schnöden Zaunes wegen.

Nun gab es genügend Bürger, sogar im kommunalen Parlament, die lange vorher ein Desaster heraufziehen sahen. Von unkalkulierbaren finanziellen Risiken tönten sie, von einer Katastrophe, in die ihre Stadt sehenden Auges marschiere. Mit Pauken und Trompeten sozusagen. Die anderen Abgeordnetenkollegen aber hatten so viele Tränen der Rührung über den schönen Europagarten in den Augen, dass sie dergleichen beim besten Willen nicht erkennen mochten. Ganz demokratisch stimmten sie die Mahner in Grund und Boden. Der Oberbürgermeister sah dabei zu. Er wollte sich wohl nicht einmischen, kaum dass die Mehrheit einmal gute Laune hatte. Zumal auch der Zirkusdirektor, der unbedingt Zirkusdirektor hatte werden wollen, nur ganz leise murrend den vertrackten Pakt unterschrieb, der ihn für alles verantwortlich machte, was fortan als Europagarten verkauft werden sollte.

Es war ein schönes Fest. Jeder gab sich Mühe. Alle waren vergnügt. Da fragt man nicht dauernd lauernd: Hey, Zirkusdirektor, wie viel Geld klimpert im Sack? Erst im bitterkalten Winter danach, die Augen tränten diesmal aus anderen Gründen, zeigte sich: Es fehlen genau 1 483 040 Euro. Die werden wir nun bezahlen.

Oderblick 7.2.2004

Frankfurt braucht dringend eine Eliteuniversität. Dann können wir alle 50 Meter einen Studenten aufstellen, der mit seinem Genie die Dunkelheit erleuchtet. Eine Studentin wäre natürlich noch besser, aber das könnte zu Missverständnissen führen. Unmissverständlich allerdings wissen wir inzwischen, was mit Stadtumbau tatsächlich gemeint ist: Erst schafft man sich 25 verschiedene Arten edler Lüster an und dann geht man sich Kerzen borgen. Falls einem noch jemand etwas leiht. Erst legt man historisches Pflaster aus und dann verteuert man die Gipsverbände. Arbeitsplätze sichert man am besten mit dem Abbau der Infrastruktur. Die Kreditfähigkeit erhöht man am effizientesten, indem man sich von jedem Vermögensballast befreit. Und der Kämmerer heißt Kämmerer, weil er seine Schafe so lange kämmt, bis sie keine Wolle mehr haben. Dann holt man die berühmten zwei Schneider mit ihrer auf halbem Weg stagnierenden Westkarriere, die einem munter zurufen: Das sind die schönsten Schafe, die es in Deutschland jemals gab. Europablaue Glatt-Haut-Lämmchen sozusagen. Vor dem berühmten Knaben mit seinem jeder Political Correctness entbehrenden Ausruf aber braucht sich niemand mehr zu fürchten. Wer so kluge Kinder sein Eigen nennt, hat längst das Weite gesucht.

Wie es scheint, ist es an der Zeit, den Frankfurtern ein paar rumänische Erfahrungen mitzuteilen, die der oberste Wirtschaftsdezernent in Bukarest schon zu Beginn der 80er Jahre sammelte. Die Stadtbeleuchtung nämlich lässt sich völlig unproblematisch auch auf zwanzig Prozent reduzieren, wobei man sich des Beifalls der Verliebten und der Kriminellen sicher sein darf. Anschließend wird die Raumtemperatur in öffentlichen Gebäuden auf 16 Grad reduziert, was dem Einzelhandel zusätzliche Umsätze im Textilbereich verschafft. Wahlweise als nationales Fitnessprogramm oder als patriotische Pflicht wird die Benutzung von Personenaufzügen grundsätzlich unterbunden. So konsolidieren wir nicht nur den Stadthaushalt, sondern tun auch etwas für unsere Liebes- und Lebensqualität. Ach ja, und der Letzte macht das Licht aus. Falls noch eins brennt.

Oderblick 14.2.2004

Das Augenreiben über die deutsche Managerkaste ist noch nicht zu Ende, der Schluckauf über die zugreifende Mentalität brandenburgischer Justizbeamter hält noch an, da hat auch schon Frankfurt seine nächste Schlagzeile. Dabei kann die Stadt diesmal wirklich nichts dafür. Im Gegenteil: Die Kommune und ein paar ihrer Tochterunternehmen haben in Communicant investiert, wie andere in Pyramidenspiele oder Millionen Von-zu-Haus-verdien-Konzepte. Nun muss sie zusehen, wo sie einen Buhmann für Bürgers vergeigte Moneten findet.

Ausgerechnet die aber, bei denen unstrittig die Hauptverantwortung für das Desaster liegt, stopfen sich, so meint der RBB, noch einmal kräftig die Taschen voll. Sie pfeifen auf die Auszubildenden. Sie pfeifen auf die Angestellten. Sie pfeifen erst recht auf alle, denen sie eine Zukunft vorgegaukelt haben. Auf dem letzten Loch aber pfeifen sie nicht, sondern lachen sich eins, getreu dem Motto: Unsern tapfren Aufsichtsräten bleibt der Rest von den Peseten.

Das tut man nicht, rufen alle streng, zu deren Berufskompetenz es gehört, zu wissen, was die Öffentlichkeit auf keinen Fall wissen darf. Warum denn nicht, werden die Aufsichtsräte vermutlich antworten: Wozu habt ihr uns denn sonst all die schönen Gesetze gemacht, auf die wir uns jetzt höchstwahrscheinlich werden berufen können? Vielleicht wird der eine oder andere auch knieweich. Vielleicht fliegt manchem der eines Schlechten belehrten Lehrlinge doch noch ein Brosamen zu. Am Prinzip ändert das nichts.

Abbas Ourmazd hatte eine Geldmachmaschine erfunden, ein finanzpolitisches Perpetuum Mobile. Aus ein paar Mark sollten flinke Dollarmilliarden werden. Alle wollten das tolle Maschinchen haben. Auf den Funktionstest hat niemand bestanden. Sonst hätte sich viel schneller gezeigt: So ein Perpetuum Mobile funktoniert meistens nur ein bisschen, nur ein Weilchen, gerade mal, dass es für den Erfinder und seine Getreuen reicht. Das ist so. In der Physik. In der Wirtschaft. Eine Pleite aber, die sich für ihre Verursacher nicht lohnte, die wäre wirklich imageschädigend.

Oderblick 21.2.2004

Wie weiter? Die Frage bewegt die Gemüter. Der Bundesverband mittelständische Wirtschaft war mutig genug, sie öffentlich zu stellen und gab Oberbürgermeister Martin Patzelt, dem SPD-Bundestagsabgeordneten Jörg Vogelsänger und dem einer saftigen Polemik allzeit zugeneigten Professor Hermann Ribhegge von der Europa Universität die Gelegenheit zu möglichen Antworten. Aber was sollten sie sagen? Im Topf ist nichts, was die leeren Teller füllen könnte. Da half also nur, wie gewohnt mit der Kelle zu klappern. Patzelt und Vogelsänger wechselten sich ab. Der eine gestand, nicht besser im Bilde zu sein als die meisten im Saal, aber trotzdem optimistisch, der andere war optimistisch, aber auch nicht besser im Bilde.

Dabei wäre es wohl geblieben, hätte Ribhegge dem Stadtoberhaupte nicht üble Traumtänzerei, mangelnden Realismus und das sträfliche Fehlen eines Konzepts für den Fall der Fälle vorgeworfen. Ein halbes Dutzend versäumter Möglichkeiten herzuzählen, fiel dem Professor wahrlich nicht schwer. Der Blick seines Kontrahenten schweifte dennoch immer wieder ab zu den Trugbildern der so oft verheißenen Investoren - und damit weg von denen, die sitzen und warten, sehr lange, sehr geduldig, dass jemand sich ihrer entsönne.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, heißt das wohl - und dass alle verbliebenen Standortvorteile und Potenziale, die ungenutzt verkümmern, vorher dran glauben sollen. Dass die unternehmungslustigen Einzelkämpfer im Gedrängel der wenig Hilfreichen erst aufstecken müssen, bevor auch der letzte Verantwortungsträge(r) begreift, dass man nur dort etwas holen kann, wo man auch etwas wachsen lässt.

Es blieb Heidrun Förster vom IHP vorbehalten, daran zu erinnern, dass unter dem zur Diksussion stehenden Abriss der Investruine am härtesten jene leiden, die eine ganz andere Hoffnung hegten. Die meinten, wenigstens mit Patenten von Weltrang müsste Frankfurt doch auf die Beine zu helfen sein, wenigstens mit globaler Einmaligkeit müsste sich doch ein bisschen Arbeit hier schaffen lassen. Denen, nur denen, ist wirklich bitteres Unrecht widerfahren.

Oderblick 28.2.2004

Dafür kann ich nun auch wieder nichts, dass mir jedes Jahr zur Zeit des Karnevals ausgerechnet Heinrich Heine durch den Kopf gehen muss. „Der Knecht singt gern ein Freiheitslied des Abends in der Schänke„, ekelte der mit seinen Zeitgenossen ´rum. Und musste prompt emigrieren. Nicht wie die Rheinländer, die vor dem Karneval nach Holland ausreißen, wie es in einigen Jahren vielleicht auf gleiche Weise die faschingsmuffligen Märker in die Kaschubei ziehen wird. Heine musste richtig weg. Er hatte das Pech, dass seine Obrigkeit die Freiheitslieder noch nicht selber schreiben ließ und den Sehnsuchtsrummel noch nicht persönlich hallen- , sender- und kassenfüllend organisierte. Denn beim Dampfablassen wird nur der garantiert nicht verbrüht, der selber das Ventil aufsperrt.

Die DDR-Öberen habendas auch nie begriffen. Vor fast einem halben Jahrhundert fand in Frankfurt der erste und für lange Zeit einzige Karneval nach dem Krieg statt. Aschermittwoch hieß für einige Parteiverfahren. Hatten sie doch den noch nicht arbeitsfreien Samstag für ihr närrisches Treiben missbraucht. Das galt nicht als gesellschaftliche Arbeit, sondern war Schädlingstum im sozialistischen Wettbewerb, eine Unterstützung geradezu der Kriegsbrandstifter und Bonner Ultras. Dabei hatte das Parteiblatt „NeuerTag„ sogar die Karnevalszeitung gedruckt, in der sich ein junger Schauspieler namens Rolf Herricht seinen Vers auf das nie fertig werdende Lichtspieltheater der Jugend machte. Erzkomiker Herricht ist als Berühmtheit gestorben, das alte Kino ist fertig. Fix und fertig und leer.

Was ahnten davon Enrico I. und sein Gefolge, die die frohe Botschaft verkündeten:„Als wir den Schritt wagten, mit dem Frankfurter Karneval dem Frohsinn in unserer Heimatstadt, der Geselligeit und der Gemeinsamkeit in allen Dingen eine Bresche zu schlagen, taten wir das im festen Vertrauen auf das neue Frankfurt. Dieses neue Frankurt lebt in seinen Werken, in neuen Wohn-, Sport- und Kulturstätten.„ Erika Marquardt-Klatt übrigens hat es damals Spaß gemacht. Sie saß im Weiber-Elferrat und hat die Zeitung, an der sie mitschrieb, aufbewahrt.

Oderblick 6.3.2004

Das Kabarett ist schon mehrfach zum liebenswürdigen Propheten geworden. Monate vor der Oderflut beispielsweise scherzte das Programm „Arche Noah„über das große Absaufen. Das aktuelle Thema ist ähnlich - nur geht es diesmal darum, wann wir ins Finanzloch rutschen oder vom Schuldenberg fallen. Die das von Amts wegen und steuerbezahlt eigentlich verhindern sollten, legen Haushaltsentwürfe vor, die zu zerreißen sich sogar Volker Herolds Hund weigern würde - und der hat im „Land der Löcher„ immerhin Schröders Reformpaket unter, dass die Fetzen nur so fliegen.
Böses ahnend, steckte sich ein stadtbekannter Architekt und Kulturgut-Bewahrer am Premierenabend ein selbstgefertigtes Schild ans Jackett. Es war einem Arbeitsschutzsymbol entlehnt und trug die Aufschrift:„Hände weg vom Unterhaus„. Schützt die Arbeit des Kabaretts, hieß das. Schreibt dem Herrn der Löcher Markus Derling, dem Oberlocher Martin Patzelt oder euren Lochkartenverordneten einfach mal, was ihr von ihrer Stadtstreicherei haltet, während eine Berliner Agentur für Potsdamer Regenten die fette Fete am schönen Oderufer vorbereitet.
Und wenn dann gefeiert wird, bis der Doktor kommt, dann ladet die Gäste der großen Vereinigungszeremonie zu einer Stadtrundfahrt um die schicke Investruine Chipfabrik ein, damit sie wissen, wo uns das Wasser diesmal steht! Lasst sie getrost einmal über Wolfgang Pohls Römertreppe balancieren, damit sie den schwankenden Grund kennen lernen, auf dem wir täglich stehen, während allen Warnungen zum Trotz weiter das Geld in den Fluss geschippt wird. Und dann?Dann geht mit den Leuten zu unseren wunderbaren Hoteliers, die aus ihren Lehrlingen top Fachleute für die große weite Welt machen, geht zum Auto-Service, der mit Superdienstleistungen daran erinnert, dass es Frankfurt zweimal in Deutschland gibt, oder geht ins Museum Junge Kunst, das sich nach der Wende nicht hinreißen ließ, Gold zu Stroh zu spinnen, und heute selbstbewusst seine Schätze präsentiert! Geht ins Spatzenhaus, ins Gauß-Gymnasium, in die sportbetonte Gesamtschule! Sagt nicht Pisa, sagt nicht Iglu, sondern sagt:Frankfurt (Oder). Das sind nämlich wir.

Oderblick 13.3.2004

Bundespräsidenten sind so Leute, die zu Deutschland sagen:„Gib dir doch mal’n Ruck!„ Und die ihr Händezittern für die eruptiven Vorboten einer moralischen Bewegung halten. So hoch scheint das höchste Amt angesiedelt zu sein, dass von dort oben nur Sprechblasen an der Macht vorbei auf das Volk herniederschweben, um auf seiner Nasenspitze mit einem finalen „blopp„ zu zerplatzen.
Vom Gebrauchswert her gleicht der Bundespräsident einer Oscar-Statue. Wenn sie glänzt, ist der Ruhm noch frisch. Anderenfalls ist es Zeit, im Land mal wieder Staub zu wischen.
Nun werden Oscars allerdings ziemlich häufig auch an Frauen verliehen. Beim Bundespräsidentenamt ist das anders. Erst wenn die Männerwelt sich über dessen gänzliche Überflüssigkeit einig geworden ist, wird diesen Job eine Frau machen dürfen. Vermutlich, um ihn abzuschaffen. Doch so weit ist es noch nicht.
Gemeinsam haben Oscar und Bundespräsident dagegen, dass bereits die Nominierung zählt. Sie ist eine Kreditkarte, deren Deckung niemand überprüft, solange es bei der Kandidatur bleibt. So betrachtet, hat Viadrina-Präsidentin Gesine Schwan bereits jetzt haushoch gewonnen. Überdies hat sie ihrem politischen Umfeld klar gemacht, dass sie in den letzten Jahren keineswegs nur über trinationale Stiftungsmodelle nachgedacht, sondern auch ihren sozialdemokratischen Acker fleißig weiter bestellt hat. Ein bisschen Genugtuung dürfte es ihr schon bereiten, dass die gewendete Partei ihre rechtsdrehende Ausreißerin inzwischen wieder eingekriegt hat und der Hol-mir-mal-’ne-Flasche-Bier ihr persönlich seinen Eben-noch-Vorsitzenden-Arm um ihre lastgewohnte Schulter legt.Wozu die 60-Jährige das alles braucht?Charmant ist sie auch so. Die Lebensfreude hat ihr bisher nichts austreiben können. Mit vigilanter Selbstsicherheit beherrscht sie jedes Parkett. Aber zu irgendetwas muss dieser Bonus ja gut sein. Wenn Gesine Schwan es geschickt anstellt - und das wird sie gewiss - dann stärkt er das Amt, das sie tatsächlich ausgefüllt hat, dann hilft er einer modernen Hochschulpolitik auf die schwächelnden Beine, dann bringt er die Stadt weiter. Hoffentlich wird die Frau nicht aus Versehen gewählt.

Oderblick 20.3.2004

Das alte Kaufhaus am Platz der Republik ist ein Schandmal. Es gehört abgerissen. Lange träumte die Verwaltung von Hotels und schicken Wohnanlagen an diesem Ort. Verträumt. Vertrieft. Die Stadt blutet aus. Wie Tourismus geschrieben wird, weiß sie bis heute nicht.
Eine Grünfläche wäre schön. Nur hat die Stadt davon inzwischen mehr, als sie pflegen kann. Die von Oasen etwas verstehen, wurden zumeist in die Wüste geschickt. Die Kassen sind leer. Schlecht kaschierter Gammel nimmt überall zu.
Stellflächen für PKW wären nützlich. Die Messe- und Veranstaltungsgesellschaft hätte ein - lange entbehrtes - Vermarktungsargument mehr für ihre umfangreichen Raumressourcen. Ob das allein allerdings ausreicht, würde sich heute vermutlich noch niemand zu sagen trauen.
Bleibt die Idee, ein neues Kaufhaus für das alte hinzustellen. Sie ist nicht nur der Gipfel der Einfallslosigkeit, sondern unter allen Visionen auch die teuerste. Nicht für die Verwaltung. Nur für die Verwalteten.
Wahrscheinlich können die Frankfurter Einzelhändler bald eine Eintragung ins Guinnessbuch der Rekorde beantragen. An welchem Ort der Welt ziehen sie sonst derart oft um?Meistens hinterlassen sie auf lange, lange Zeit gähnend leere Schaufenster. Ab und zu dekorieren Vermieter im Verbund mit Vereinen und Initiativn die eine oder andere Fläche noch zum potemkinschen Dorf, aber selbst das täuscht über die Lücken nicht mehr hinweg.
Pro Kopf gerechnet, war das Flächenmaß des Vertretbaren im Einzelhandel schon Mitte der neunziger Jahre voll. Nur durch ersatzlosen Abriss hätte sich das Gleichgewicht wiederherstellen lassen. Statt dessen hieß es mit jeder Geschäftseröffnung:„Einer geht noch, einer geht noch rein.„ Wer nur die Wahl zwischen Abwanderung und Ich-AG hatte, glaubte das natürlich gern. Wer trotz viel zu geringer Kundenklientel spezielle Angebote in der Stadt etablieren wollte, auch. Doch die Kundschaft strömte in die wuchernden Discounter. In der City, im Kiez dagegen pfeifen die Spatzen von den Dächern:„Einer geht noch, einer geht noch ein...„ Das Kaufhaus wäre das Letzte, was wir brauchen.

Oderblick 27.3.2004

„Lechts und rinks kann man nicht velwechsern - werch ein Illtum„, schrieb der Dichter Ernst Jandl seinen Lesern ins Stammbuch. Und wie ist es mit Plus und Minus?
Während die Stadtverordneten samt Kämmerer und Oberbürgermeister grübeln, nach welchem Geheimnis der höheren Mathematik der Frankfurter Etat noch auszugleichen wäre, und ob sich nicht doch noch irgendwie irgendwas vom Kommunalvermögen verscheuern ließe, bricht die Messe- und Veranstaltungs GmbH bereits unter der Last der Grundrechenarten zusammen. Das katastrophale Wirtschaftsergebnis der Gesellschaft jenseits des Europagartens, dass die MuV an den Rand des Ruins und die Stadt an den Rand der Verzweiflung getrieben hat, ist nichts weiter als eine Verwechslung. Soll ist Haben und umgekehrt.
Das ist die gute Nachricht, denn wenn die Messe- und Veranstaltungsgesellschaft, wenn auch geschwächt, ihren Zahlungspflichten nachkommt, wird von der Stadt ein erheblicher Druck genommen.
Die schlechte Nachricht ist:Entweder, wir glauben das alles erst gar nicht. Dann müssten wir annehmen, dass wir nach Strich und Faden, Lust und Laune betrogen werden. Kein sehr schönes Gefühl, allerdings auch kein ganz so Neues, wenn wir zum Beispiel an die Wahlversprechen der Bundesregierung denken.
Oder wir halten die Erklärung für plausibel unter Frankfurter Verhältnissen. Dann müssen wir uns gefallen lassen, dass wir mit solchen Rechenkünstlern verdientermaßen zum Trottel der Nation avancieren.
Allerdings hat es unbestreitbare Vorteile, für doof gehalten zu werden. Mit Dusseln gibt man sich weniger Mühe, wenn man sie über den Tisch ziehen will. Genau das ist die Chance. Das einzige Problem: Man darf nicht wirklich blöd sein. Wenn man tatsächlich blöd ist, dann schlachtet man jede noch so kleine Kuh, bevor sie überhaupt groß genug geworden ist, dass sie sich melken ließe. Danach legt man fest, dass Milch ungesund ist und dass sich Rindfleisch auch nur sehr kurze Zeit zur menschlichen Ernährung eignet. Und dann wartet man einfach auf die nächste Wahl. Wird schon irgendwie schiefgehen.

Oderblick 3.4.2004

Von Jahr zu Jahr, scheint mir, warte ich länger und stärker auf den Frühling, bin ich des Winters früher und heftiger überdrüssig. Dabei wissen wir doch, dass die Blütezeit einen langen Anlauf nimmt. Wenn Neujahr grad vergangen ist, Frost und Schnee noch ihre unumschränkte Herrschaft genießen, beginnen die Knospen zu treiben, unsichtbar und ohne zu verraten, woher sie die Kraft dafür nehmen, das ewige Programm abzuspulen:den Neuanfang.
Dann kommt der Februar. Seine Milde ist trügerisch, erinnert eher an die finsteren Prognosen der Klimaforscher, die Erderwärmung, das Ansteigen der Meere, die Aussicht, dass auch Europa künftig etwas mehr mit Unbilden zu tun haben wird, die zumindest auch der fortschreitenden Industrialisierung in den letzten hundert und der Vernichtung des Flächenwaldes in den letzten 300 Jahren zu verdanken sind. Indessen packe ich zum ersten Mal meine Angelfutterale aus. Untrügliches Zeichen, dass ich es nicht mehr lange ohne Fischwasser aushalten werde.
Dann kommt der März, ein Rückfalltäter und unzuverlässiger Patron. Da gibt es vielleicht noch einmal dünnes Eis auf den Seen, auch Schneegestöber von jetzt auf nachher und heulenden Sturm. Da richte ich mich aufs Älterwerden ein, und wenn der Wind scharf geht, kommen mir Freunde und Wahlverwandte in den Sinn, denen eine kürzere Strecke vergönnt war als mir. Ich bin traurig, dass sie diesen Frühling nicht erleben, diesen einen, der in sich alle Lenze vereint, die schon waren und die noch kommen werden. Die Forsythien streuen ihr Gelb wie Sonnenreflexe über die Gärten aus. Bald blühen die Adonisröschen im Lebuser Land. Der April spielt mit dem scheidenden Winter wie die Katze mit der Maus. Es gibt Menschen, denen ist dieses Aufblühen unerträglich, weil sie sich ausgeschlossen davon fühlen, weil es sie wie eine übermächtige Lüge erdrückt. Ohne Hoffnung, in ihrem Elend wahrgenommen zu werden angesichts von so viel hoffnungsvoller Erwartung um sie herum. Wenn der Mai kommt, ist ihre Zeit zu gehen. Die Suizidstatisiken belegen das. Jedes Jahr ist es dasselbe. Ich aber schicke mich selbst in den April und sage:Ich angle mir ein besseres Jahr.

Oderblick 10.4.2004

Die Experten können keinen wissenschaftlichen Grund für das entdecken, was wir Frühlingsgefühle nennen. Keine Sintflut der Botenstoffe, keine vulkanischen Hormonausbrüche. Aber irgend etwas muss doch in der Luft liegen, dass so viele Leute plötzlich von der Rolle sind.
Altberesinchens Urzuwanderer Wolfgang Melchert bestätigt sich als Sterbehelfer für seinen Kiez. Ein paar Genossen ringen um die Schaffung von Arbeitsplätzen, die mehr als doppelt so viele Arbeitsplätze vernichten werden, und die Stadtverwaltung formiert sich zur Existenzbedrohung für hiesige Gewerbetreibende. Nichts anderes ist der Beschluss der Stadtverordneten für die große Bebauungsvariante an Stelle der Kaufhausruine gegenüber der Kinoruine neben der Galerieruine unweit der Kießlingruine.
Der Osten vergreist, verblödet und verarmt, so war die schlichte Botschaft noch schlichterer Gemüter in der vergangenen Woche zu vernehmen. Irgendwie hatte ich das schon einmal gehört. Vor zwei Jahrzehnten. Und heute fällt es mir schon wieder schwer, zu widersprechen. War nicht eine Lehre der alten, gar nicht so guten Zeit, dass eben nicht das Angebot die Nachfrage regelt, sondern umgekehrt die Nachfrage das Angebot?
Der neue Konsumkasten bringt keinen Euro zusätzlich, zumal Touristenbusse nicht zum Brunnenplatz gewiesen werden, sondern zum Holzmarkt und zur Musikschule rollen. Der Neubau reißt das Geld aus den Kassen der Einzelhändler heraus.Er saugt auch die Steuergroschen aus dem von Oberbürgermeister Martin Patzelt kürzlich noch wie eine löchrige Unterhose am Rathaus gehissten Stadtsäckel. Denn die Mieter des Kaufbunkers werden ihren Firmensitz überwiegend nicht in Frankfurt haben. Falls aber doch, werden es wohl die gleichen sein, für die schon die leeren Geschäfte am sanierten Markt errichtet wurden und davor die leeren Läden in der Scharrnstraße und davor die leeren Verkaufseinrichtungen in der Karl-Marx-Straße. In den Nahversorgungszentren. In Altberesinchen.Vielleicht entdecken die Wissenschaftler die Ursache für den Zusammenbruch des gesunden Menschenverstandes im Lenz ja doch noch. Vermutlich werden sie österlich rufen:Ach, du dickes Ei!

Oderblick 17.4.2004

Ganz von selbst spielen die Füße auf der Klaviatur von Bremse, Gas und Kupplung. Sie haben sich daran gewöhnt. Müssten wir jedesmal aufs Neue nachdenken, würde es nur noch krachen auf den Straßen.
Wir gewöhnen uns an alles. Daran, dass es im Sommer regnet, im Winter schneit und dass die Grundstückspreise steigen. Gewöhnung hat nichts mit Logik zu tun. Oder Vernunft. Die müssen wir jedesmal selber dazutun. Ziemlich oft kommen Vernunft und Gewöhnng sich dabei in die Quere.
Manchmal sagen wir dann:Das ist gewöhnungsbedürftig. Zu Deutsch:Es ist zwar großer Mist, aber mir fehlt die Zeit, die Kraft, die Lust, mich deshalb zu streiten. Und sei es auch bloß mit mir selber. Zumal ich es dadurch nicht verändere. Also:Arbeitslosigkeit ist eben gewöhnungsbedürftig.
Richtig gut in der Anpassung sind wir allerdings noch lange nicht. Die Fische zum Beispiel wechseln je nach Großwetterlage ihre Temperatur. Wir behaupten bloß, dass etwas uns kalt ließe oder heiß mache. Der kalte Krieg machte uns heiß, weil er uns - unter anderem - den Auslauf versperrte. Der heiße Krieg lässt uns kalt, es sei denn, er verdirbt uns das Abendessen. Da ist es schon gut, dass die Medien im Unterschied zu Vietnam immer öfter zur Selbstzensur greifen. Umherfliegende Leichenteile sind nur etwas für Computerspiele und Kinofilme. Wir wollen doch nicht, dass unsere Kinder sittlich verrohen. Oder müssen wir uns nur an die neuen Sitten gewöhnen? Schließlich war noch keine deutsche Armee in so vielen Ländern präsent wie die Bundeswehr. Die Begründungen, weshalb andere Völker mit Bomben vor sich selbst beschützt werden müssen, sind mal dümmer und mal schlauer, je nachdem, welche Werbefuzzis sie sich wo einfallen ließen. Deutschlands Freiheit wird am Hindukusch verteidigt? Vielleicht hat sie sich ja dorthin zurückgezogen vor Lauschangriff, Flugdatenaustausch, Naziaufmarsch und plötzlichem Asylbewerbertod . 20 000 Leute gingen am Wochenende beim Ostermarsch gegen Kriegspolitik und Sozialabbau auf die Straße. In Frankfurt störten 150 den Verkehr mit bunten Fahnen und bedenklichen Gesichtern. Aber daran haben wir uns auch schon gewöhnt.

Oderblick 24.4.2004

Kaum Aufregung. Wenig Gerede. Ein paar Konfenzen, Empfänge, ein Fest. Die Erweiterung der Europäischen Union ist eine Sensation von Sektperlengröße.Leise rutschen wir in den gewaltigen Ost-West-Spagat. Geostrategische Profis mit Globalvision. Also Lächeln. Keinen Schmerz zeigen.
Die Eleganz im Scheinwerferlicht rührt her aus Timing und Disziplin. Sage keiner, das wäre nicht natürlich. Disziplin ist unsere Natur. Noch mehr lächeln. Man muss die Dehnbarkeit trainieren, den Kompromiss zwischen Muskel und Sehne. Alles wird gut. Die Agrarwirtschaft in Polen. Der Binnenmarkt. Die Arbeitskräftemigration. Alles zu seiner Zeit. Wenn es gelingt, geht es überall einen Schritt weiter.
Die Weltbühne gehört dem, der beweist, dass das Undenkbare möglich ist, das Unvorstellbare Alltag. Auch wenn es ein halbes Jahrhundert gedauert hat und noch mal ein halbes dauern wird. Die Dezennien rasen davon. Vor anderthalb Jahrzehnten haben wir selbst nach den Sternen gegriffen. Den zwölf buttergelben. Gerade eben erst die D-Mark weggeschmissen. Heimlich rechnen wir noch damit. Wegen der gefühlten Preise. Und hoffen, dass der Nachbar uns weiter Tank und Tisch zum kleinsten Obolus füllt.
Lächeln. Jeder ist mal dran. Jetzt die andern. Herzlich willkommen in der Freizügigkeit. Die Grenzen nicht mehr spüren. Die Unterschiede nicht erleiden, sondern genießen. Den uneingeschränkten Transfer von Produkten, Dienstleistungen, Kapital. Das vor allem. Europa wird eine Macht. Sie bündelt ihre Kräfte und meldet eigene Ansprüche an. Auf dem Weltmarkt. In den Rohstoffverteilungskriegen, die gerade erst beginnen, dem neuen Jahrhundert ihren Blutstempel aufzudrücken.
Lächeln. Wir wissen, dass wir auch dafür bewundert werden. Bewundert werden tut gut. Manchmal auch weh. Wir haben es kommen sehen und wollten es so. Uns den einen Fuß in der Ägäis wärmen und den anderen kühlen im Bug. Das ist schon verrückt. Absurder ist nur noch die Welt, so wie sie vorher war. Wir haben sie anders gemacht. Gewählt wie immer zwischen Skylla und Charybdis. Da ist nichts Besonderes dran.

Oderblick 1.5.2004

Vor Jahren belehrte uns ein abgehalfterter hanseatischer Bürgermeister in seinem „Brief an die Deutschen Demokratischen Revolutionäre„ salbungsvoll, „dass nur die Einheit der Deutschen in Zukunft eine Solidargemeinschaft von BRDund DDRherstellen kann, in der die Bewohner der DDR einen Verfassungsanspruch auf gleiche Lebensverhältnisse, wie sie in der BRDgelten, haben„. Dann fabulierte er, „dass für mindestens ein Jahrzehnt die Vollbeschäftigung in der DDRals gesichert angesehen werden kann„, bis nämlich westlicher Lebensstandard auch im Osten erreicht sei. „Arbeitszeitverkürzung„, wie von den Gewerkschaften gefordert, galt dem Klaus als „unentbehrliches Instrument„. Im Übrigen aber warnte er unablässig vor Utopien, Illusionen, Selbstbetrug und idelogischer Verblendung. „Sie haben ... Anspruch auf unseren Rat„, dienerte er sich schwülstig den Nachbardeutschen an. Der mit all dem Gebabel endlich erbettelte „Vorschuss an Vertrauen„ wurde bekanntlich - wenn auch weniger dem Klaus als vielmehr seinen Kollegen - gewährt.
Mittlerweile ist der Kredit aufgebraucht und derselbe Klaus von Dohnanyi zieht jetzt ganz andere Kaninchen aus dem Zylinder: 40 bis 42 Stunden Wochenarbeitszeit wären durchaus zumutbar für den Ostler. Wenn´s nur dem Wettbewerb nützt.
Was muss den Greis auch sein Geschwätz von damals scheren? Die neue Verfassung hat es nie gegeben. Den verbrieften Gleichheitsanspruch erst recht nicht. In Deutschland gelten zweierlei Recht, zweierlei Rente und zweierlei Lohn. Deshalb ist jeden Ersten Wandertag. Vorzugsweise von Ost nach West. Wie´s Tradition hat beinah 60 Jahre schon.
Einmal im Jahr allerdings, so eine ebenfalls althergebrachte Gewohnheit, findet der Wandertag mit Fahnen, Transparenten, Fanfarenzug und Megaphon statt. Will nicht weg von dem , was elend ist, sondern zu seinen Wurzeln hin, um ein wenig daran zu zupfen. Wenn nun Europa ist am ersten Mai, was wäre da mehr zu wünschen, als dass auch dieser Wandertag sich kräftig europäisierte? Nur begrenzt, bitte schön, dem Redakteur die Wochenarbeit nicht auf 42 Stunden. Ich langweilte mich in der restlichen Zeit sonst zu Tode.

Oderblick 8.5.2004

Ein wenig allein gelassen nahm er sich schon aus, der Frankfurter Künstler Michael Kurzwelly. Kein Andrang herrschte vor der „Slubfurter„ Touristinformation im Europa-Trubel . Dabei offerierten Kurzwelly und seine Schar von Enthusiasten nicht nur Ideen, die an Traditionen der beiden Städte anküpfen, wie der „Slubfurter„ Wein: Einen ganzen Stadtführer gab es - samt Postkarten und DVD.
So konkret traut sich sonst kaum jemand, eine Positiv-Utopie zu gestalten. Dahinter steckt ein Integrationsgedanke, der weit über Euroland, Billigzigaretten und Billiglohnarbeiter hinausgreift. Manches mag versponnen erscheinen, doch gerade das macht dieses Märchen subversiv: Die Erzähler verweigern sich dem schnöden Zwang der Dinge. Ihnen sind nicht nur Rassismus, nationaler Dünkel und Absturzsangst Rudimente der Vergangenheit. Ihre Phantasie erlaubt schon wieder, dass leere Häuser sich in riesige Ateliers oder gewaltige Biotope verwandeln, dass eine Stadtmauer zur Endlos-Sitzbank wird und die „Slubfurter„ gemeinsam tanzen - an Wladimir Uljanow und allen anderen vorbei, die diese Fortbwegungsart doch nie begriffen haben:Drei Schritte vorwärts, zwei zur Seite und einen zurück. Auf die zur Seite nämlich kommt es immer an.
Wo aber waren jene, die Kurzwelly gern zum Tanz oder wenigstens zu einem Rundgang durch sein „Slubfurt„ geführt hätte?Die meisten vermutlich längst in Polen. Denn dort steppte schon der Bär, als am deutschen Ufer noch Zuschauen und Abwarten dominierten. Bei den ´zig Tausenden Besuchern auf der Ostseite des Flusses herrschte nicht nur wirkliche Freude über den Beitritt zur Europäischen Union, es herrschten auch menschenfreundlichere Bier- und Schaschlykpreise. Daran hatten die Veranstalter wahrscheinlich genauso wenig gedacht, wie an all die Menschen, die nicht vor der Glotze hingen. Die kriegten von dem Mitternachtsheroismus außer Beethoven und Schiller gar nichts mit. So laut die Sperrung der Brücke mehrfach verkündet worden war, so stumm blieben die Moderatoren bei der ministerial-historischen Redenhalte- und Händedrückerei. Obwohl:So richtig hat`s eigentlich keinen gestört. Und dann war die Brücke ja frei.

Oderblick 15.5.2004

Vor zehn Jahren zog die Westgruppe der Truppen ab. Die postsowjetischen Soldaten verließen die Post-DDR. Bis dahin hatten sie das Bild der Stadt mit geprägt:die gruppenweise ausgeführten Soldaten, manchmal, beim Komsomolzentreffen, beinah zum Anfassen. Die Offiziere und ihre Frauen, denen man beim Anstehen im „Russenmagazin„begegnte. Sie hatten ihre eigene Art von Fassadengelb. In der Nähe ihrer Häuser roch es wie in der Moskauer Arbatskaja. Auch ihre Fahrzeuge erkannte man am Geruch des Treibstoffs.
Sie waren die Russen, Russkis, Freunde. Befreier. Besatzer. Man konnte sie als Privilegierte unter ihresgleichen sehen oder sich seinen Teil denken, wenn Jagd auf einen Deserteur gemacht wurde. Von Selbstmorden drang wenig über die Kasernenmauern. Viele assoziierten mit den Truppen das Eingreifen am 17. Juni und erinnerten Verängstigung oder Erleichterung, je nach eigener Position. Vor allem aber war diesen Russen und ihren Verbündeten etwas gelungen, wozu die Deutschen aus eigener Kraft nicht fähig, vielleicht auch nicht willens gewesen waren. Wer hat das gern allzeit vor Augen?
Dass der Abzug 49 Jahre später ein Gebot der Geschichte war, bezweifelte kaum jemand. „Wir wollten, dass das human geschieht„, erinnerte sich Ex-Bürgermeister Ewert einmal. Er verabschiedete viele der Abrückenden mit Handschlag. Wer politische oder militärische Verantwortung in Frankfurt trug, schätzte in der Kommandantur rational und gewissenhaft handelnde Partner. Das Zeremoniell, das dem Rückzug den Anstrich von Ehre geben sollte, war für viele Beteiligte mehr als nur eine menschliche Geste. Jeder wusste:Die Militärangehörigen gehen in eine Heimat, in der sie nicht mehr willkommen sind. Sie hatten einen Krieg verloren, den „Kalten„. Alles, was Deutschland als Verpflichtung blieb, war die Pflege der Gefallenengräber. Die Bundesrepublik stellt dafür Mittel bereit. Aber warum müssen dann Mitglieder der Brandenburgischen Freundschaftsgesellchaft und der Kriegsgräberfürsorge das Ehrenmal am Anger erst von Unrat befreien, bevor heutzutage eine würdevolle Kranzniederlegung stattfinden kann? Vergessliche Deutsche.

Oderblick 22.5.2004

Nach der Wende verwandelte sich die Oder. Die Deindustrialisierung des Ostens war ein Grund dafür, der Niedergang der Landwirtschaft ein zweiter, der wichtigste aber die nicht nur strengere, sondern vor allem auch durchsetzbare Umweltgesetzgebung der Bundesrepublik. Nicht zu vergessen die Anstrengungen der Naturschützer, wertvolle Biotope zu bewahren. Die tarngrün gekleideten Kalaschnikowträger der letzten DDR-Tage wurden abgelöst durch ähnlich Gekleidete, die jedoch keine Knarre im Futteral mitschleppten, sondern Angelruten. Ja, der Wels. Ja, der Zander. Sie waren, wo sie hingehörten, wenn man Glück hatte, am Haken.
Eines war der Fluss immer noch:Grenze. Durchlässig zwar für Tourist und Ameisenschmuggler, Regierungsbote, Student, Liebhaber und Straßenräuber, Utopist, Realpolitiker und Demonstrant, aber Grenze doch. Langsam vollzog sich die Normalisierung. Zu der gehört auch die Einsicht, dass man das eine nicht ohne das andere haben kann:Wirtschaftsaufschwung nicht ohne Gefällekriminalität, Freundschaft nicht ganz ohne Spitzbüberei, Zukunft nicht ohne das, was Vergangenheit hinterlässt. Frankfurt und Slubice wussten, was sie wollten, besser manchmal als Deutschland und Polen. So begann nach der chemischen die ideologische Entgiftung des Flusses, wie der Dichter Richard Pietraß sie nennt. Auch sie kann sich auf Traditionen stützen:von den kollegialen Beziehungen der deutschen und polnischen Hableiterwerker in Vorwendezeiten bis zu Poetenschiffen, die in der DDR ganz unscheinbar ihre Fahrten begannen, im vereinigten Deutschland zum Prestigeobjekt des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) wuchsen und dieser Tage nicht nur auf der Oder, sondern auch auf dem Rhein demonstrieren, dass es europäische Ströme sind. Literaturen und Autoren dreier Länder hat das Schiff an Bord, das vorige Woche in Frankfurt festmachte. Zuvor, bei der Einreisekontrolle, wurde der Vergessliche, dessen Reisepass bereits vorausgefahren war, nicht mehr von Bord geschickt, wie noch bei der letzten Schriftstellertour. So fein sind die Nuancen zwischen gestern und morgen mitunter. Aber sie sind ein Signal.

Oderblick 29.5.2004

Auch wenn das Wetter noch so gar nicht danach aussieht:Die Urlaubszeit rückt unweigerlich näher. Wer es nicht längst getan hat, für den wird es allmählich Zeit, sich über sein Reiseziel Gedanken zu machen. Nach Balkonien?Tief ins Innre des eigenen Ichs?Oder doch lieber ganz woanders hin?
Rein Statistisch betrachtet, gehören die Deutschen noch immer zu jener Spezies, die gern in die Ferne schweift, mag das Gute auch noch so nahe liegen. Umgekehrt warten Hoteliers, Gastronomen, Bademeister und Bootsverleiher, Museumsdirektoren und Kulturveranstalter auf den großen, kassenfüllenden oder wenigstens einrichtungsrettenden Besucheransturm. In Brandenburg beziehen 90 000 Menschen ganz oder teilweise ihr Einkommen aus dem Tourismus, ein Drittel mehr als noch im Jahr 2000. An Ideen und Engagement fehlt es allem Anschein nach nicht. Das Tourismusbarometer der Ostdeutschen Sparkassenstiftung bestätigt den Produkten hiesiger Anbieter der Branche eine Qualität, die sich mit in Jahrzehnten entwickelten westlichen Standards durchaus vergleichen kann. Trotzdem stagnieren die Besucher- und Bettenauslastungszahlen, gehen die Umsätze empfindlich zurück. Warum?
Alle schwatzen seit Jahren von Netzwerken, aber nur ganz wenige knüpfen wirklich die nötigen Knoten. Das Misstrauen ist wenigstens so groß wie der Missmut, und bis sich zwei Tourismusverbände einmal zu einem zusammentun oder ähnlich einschneidende Schritte wagen, muss schon so etwas wie Armageddon in Sicht sein. Das gilt im Land und gilt erst recht über die Grenze hinweg, die jetzt eine innereuropäische sein soll. Nun hat sich ein halbes Hundert Akteure vorgetraut. Vergangene Woche veranstalteten sie einen Internationalen Tourismus-Workshop Brandenburg - Lubuskie. Sie sahen - das haben sie mit den vorwitzigen Existenzgründern gemein - zuerst die unausgeschöpften Potenziale und nicht die unerschöpflichen Schwierigkeiten. Die sind an einem Tag kaum aus der Welt zu schaffen. Doch wenn solche Werkstätten zu eigener Kontinuität fänden, könnten sie etwas bewegen. Vorausgesetzt, dass die Ostförderung bis dahin nicht von der Bundesregierung geschlachtet ist.

Oderblick 5.6.2004

Auch wenn das Wetter noch so gar nicht danach aussieht:Die Urlaubszeit rückt unweigerlich näher. Wer es nicht längst getan hat, für den wird es allmählich Zeit, sich über sein Reiseziel Gedanken zu machen. Nach Balkonien?Tief ins Innre des eigenen Ichs?Oder doch lieber ganz woanders hin?
Rein statistisch betrachtet, gehören die Deutschen noch immer zu jener Spezies, die gern in die Ferne schweift, mag das Gute auch noch so nahe liegen. Umgekehrt warten Hoteliers, Gastronomen, Bademeister und Bootsverleiher, Museumsdirektoren und Kulturveranstalter auf den großen, kassenfüllenden oder wenigstens einrichtungsrettenden Besucheransturm. In Brandenburg beziehen 90 000 Menschen ganz oder teilweise ihr Einkommen aus dem Tourismus, ein Drittel mehr als noch im Jahr 2000. An Ideen und Engagement fehlt es allem Anschein nach nicht. Das Tourismusbarometer der Ostdeutschen Sparkassenstiftung bestätigt den Produkten hiesiger Anbieter der Branche eine Qualität, die sich mit in Jahrzehnten entwickelten westlichen Standards durchaus vergleichen kann. Trotzdem stagnieren die Besucher- und Bettenauslastungszahlen, gehen die Umsätze empfindlich zurück. Warum?
Alle schwatzen seit Jahren von Netzwerken, aber nur ganz wenige knüpfen wirklich die nötigen Knoten. Das Misstrauen ist wenigstens so groß wie der Missmut, und bis sich zwei Tourismusverbände einmal zu einem zusammentun oder ähnlich einschneidende Schritte wagen, muss schon so etwas wie Armageddon in Sicht sein. Das gilt im Land und gilt erst recht über die Grenze hinweg, die jetzt eine innereuropäische sein soll. Nun hat sich ein halbes Hundert Akteure vorgetraut. Vergangene Woche veranstalteten sie einen Internationalen Tourismus-Workshop Brandenburg - Lubuskie. Sie sahen - das haben sie mit den vorwitzigen Existenzgründern gemein - zuerst die unausgeschöpften Potenziale und nicht die unerschöpflichen Schwierigkeiten. Die sind an einem Tag kaum aus der Welt zu schaffen. Doch wenn solche Werkstätten zu eigener Kontinuität fänden, könnten sie etwas bewegen. Vorausgesetzt, dass die Ostförderung bis dahin nicht von der Bundesregierung geschlachtet ist.

Oderblick 12.6.2004

Der Osten verarmt, verblödet, vergreist. Der Stachel, mit dem das formuliert und verbreitet wurde, sollte stechen. Das machte er auch. Allerdings weniger bei Politikern, die dafür gesorgt haben, dass es so kam, als bei den Leuten hier. Die wieder die Abgänge zählen um sich herum, wie in den 80er Jahren, nur mit der Aussicht diesmal, dass Zug und Fliegersie zu den Kindern bringen, den Enkeln, oder dass sie hinterherziehen können, auch schon, bevor sie sich mit Eichel ihre Rentenreste teilen dürfen.
Ja, es tut weh, doch statistisch ist der Sache nicht beizukommen. Die Bevölkerungsdichte nimmt ab, und es gehört schon ein robustes Gemüt dazu, stolz darauf sein zu dürfen, dass in Brandenburg immerhin noch ein paar Menschen mehr ihren Lebensunterhalt selber verdienen als ihn sich verdienen lassen zu müssen.
Vergangene Woche aber, auf der deutsch-polnischen Jugendmesse, ging mir ein Gedanke durch den Sinn, der auch schon aus der Zeit des großen Abhauns stammt. Vielleicht gehen ja gar nicht bloß die ganz Schlauen. Vielleicht bleiben gar nicht nur die Blöden (Wer wird sich auch schon gern zu denen zählen?).Vielleicht sind jene, die starrsinnig darauf beharren, sich genau hier eine Perspektive zu schaffen, ja gerade von der Art, die der Konsum noch nicht ganz korrumpieren konnte. Die ihr Glück noch immer nicht in Euro ausrechnen wollen. Vielleicht ist ja doch noch ein bisschen Lust am Improvisieren übrig geblieben - nicht nur beim Möbel -, sondern auch beim Seelezusammenschrauben. Wenn das nicht Hoffnung wäre - ja, was denn dann?Der Kulturpessimismus ist so alt und so billig wie das Abschieben der eigenen Verantwortung auf die nächste Generation. Die meiste Unzufriedenheit mit der Jugend von heute rührt daher, dass wir gestern unseren Job schlecht erledigt haben. DerFrust darüber lässt sich schon bei den Römern nachlesen. Auf wundersame Weise haben wir uns seitdem nicht nur vermehrt , sondern auch immer das Gleiche erzählt. Nein, wir müssen uns die Jugend weder schön gucken, noch schlecht reden lassen. Unsere Kinder sind vor allem eines:Sie sind jung. Und weise genug, an diesem Tag verschwenderisch mit sich zu sein.

Oderblick 19.6.2004

Die Wahlen zum Parlament der Europäischen Union - in fröhlicher Selbstüberhebung Europa-Wahlen genannt - sind Geschichte. Die Siegerreden sind gehalten, die Betroffenheitsrituale abgearbeitet. Doch selbst bei denen, die für durchschnittlich knapp 10 000 Euro im Monat den Abgeordnetensessel drücken, herrscht Katerstimmung vor. Waren schon in der Vergangenheit kaum die Hälfte der Wähler an die Urne zu locken, so sind es in einigen Beitrittsländern der Europäischen Union - und Brandenburg auch - nur rund ein Viertel, die genug Zutrauen irgendeiner Partei gegenüber haben, um ihr eine wirksame Interessenvertretung in der Europäischen Union zuzumuten. Von Legitimation sprechen angesichts dessen fast nur noch Leute, die ihre Politik mit Treppenwitzen machen.
In Deutschland war der Wahl-Sonntag vor allem Watschen-Rummel. Die SPD wurde um mehr als neun Prozent in den Keller geschickt, die CDU büßte knapp drei Prozent ein, während FDP, PDS, REP, NPD und andere zulegten. Noch markanter fiel das Frankfurter Ergebnis aus. Die PDS vereinte mit 38,9 Prozent mehr Stimmen auf sich als die SPD mit 18,9und die CDU mit 19,7 Prozentzusammen. Die Wahlbeteiligung allerdings lag noch um 0,3 Prozent unter dem Landesdurchschnitt von 27 Prozent.
Jetzt müsste der Kommentator das unvermeidliche Synonym „Denkzettel„ benutzen. Aber wie das so ist:Denkzettel landen in der Denkzettelkiste und die wird vierzehntägig geleert. Fragen Sie mich nicht, wo. Viel Denken - oder gar Handeln - können sie jedenfalls nicht ausgelöst haben, sonst fiele die Beteiligung an den EU-Parlamentswahlen nicht seit Anbeginn kontinuierlich weiter. Vielleicht wäre es an der Zeit, Strukturen zu verändern, statt untereinander die Schlagwörter zu tauschen, vielleicht ließen sich ein paar Ideen unter die Leute bringen, statt sie mit dem Sprüchebeutel zu pudern, vielleicht wäre es hilfreich, die Ursachen von Unzufriedenheit und Sorgen aufzuspüren, statt sie wahlterminpünktlich mit einem Wort- und Bilderschwall vergessen machen zu wollen. Bis dahin bleibt Parlamentspolitik ein Minderheitenbedürfnis. Tendenz sinkend.

Oderblick 26.6.2004

Wer am Freitagabend mit dem Auto aus der Hauptstadt herauswill, hat gute Chancen, im Stau stecken zu bleiben. Wer am Sonntagabend hineinwill, desgleichen. Berlin zieht´s ins Jriene, nach Jotwede - janz weit draußen. Und janz weit draußen, das ist Brandenburg jenseits des Speckgürtels, der wohlstandsglänzenden Schwarte, die man doch lieber mal mit richtja Natur tauschen möchte.
Und Brandenburg?Brandenburg düst zum A10-Center, auf die polnischen Basare, in die Großdiskotheken am Rand Berlins, an seine dreitausend Flüsse und Seen oder, mangels Masse, nach Balkonien.
Der Tausch ist - fast - perfekt. Warum also noch zwei Länder? Weil der vorwitzige Vorschlag, die Enklave könnte dem Land doch schlicht und einfach beitreten, kaum genug Zuspruch finden wird? Könnte sein. Weil Berlin, wie brandenburgische Freunde mich warnen, einen Haufen Schulden mitbringt?Daran mangelt es Brandenburg dank des Duos Platzeck-Schönbohm auch nicht mehr. Weil, wie Berliner Freunde mich warnen, der Hauptstadtfilz sich dann noch schneller ausbreiten wird?Der war schon da, kaum dass wir uns gewendet hatten. Frankfurt kann ein Lied davon singen. Immer deutlicher hingegen wird:Die Doppelbürokratie gefährdet den Bestand der noch vorhandenen wirtschaftlichen Substanz. Sie kostet viel mehr, als sie bringt. „Brandenburg darf nicht ausbluten und Berlin nicht zu einer Metropole der Hoffnungslosigkeit werden„, warnte kürzlich der Landesgeschäftsführer des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft Berlin-Brandenburg, Dieter Kapell. Was ein Automobilclub und mit ihm dutzende Vereine, Verbände und Institutionen seit Jahr und Tag praktizieren, muss sich auch auf Landesebene verwirklichen lassen. Freilich nicht so, wie Manfred Mautilus Stolpe es sich im ersten Anlauf vorgestellt hat, und gewiss nicht so, wie es eine große öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt zum Schaden hiesiger Gebührenzahler praktiziert. Aber wenn Brandenburg sich als gleichwertiger Partner einbringen, Standortbedingunen nachhaltig verbessern will, ist nicht nur europäische Einigung angesagt, sondern märkische auch.

Oderblick 3.7.2004

Frankfurt feiert wieder. Quetscht sich das Pleitetränchen aus dem Knopfloch und lässt die rosa Kuh fliegen. Am besten ist das der Stadt immer dann gelungen, wenn sie ihre Feste selbst in die Hand genommen hat. Wenn sie nicht nur ein Verdrängungskunststück sind, sondern einen richtigen Anlass haben - am liebsten einen, der noch nachhaltiger wirkt als die Fete selbst.
Das zweite Frankfurter Brauhausfest ist ein klassisches Beispiel dafür. Das junge Unternehmer-Trio Ziaja-Gärtner-Uhlmann knüpft gleichermaßen an eine gute Tradition an und setzt innovative Signale. Praktisch hieß das am Wochenende für rund 6000 Besucher:Sie konnten sich das kühle Blonde schmecken lassen, pur oder in den zauberhaft leckeren Cocktailkreationen des Frankfurter Kneiperunikums „Bechi„. Sie konnten aber auch die nagelneue PET-Anlage besichtigen, die das Brauhaus international wettbewerbsfähig machen soll, und einen Rohling der lange Zeit zu Unrecht geschmähten Kunststoffflasche wie eine Trophäe mit nach Hause tragen - oder sogar die 1000 Flaschen Frankfurter Bier, die es bei der Tombola zu gewinnen gab. Auf dem Ziegenwerder wird sich bald Ähnliches tun. Auch hier hat eine Frankfurterin sich mit ihren Ideen durchgesetzt und baut auf die Lust der Frankfurter am Eigenen. Nachdem aus Oberbürgermeister Martin Patzelts Kopfgeburt, einem Verein die Insel anzuhängen, erst einmal nichts wurde, weil niemand den Hannemann machen wollte, legte Marika Jahn ein Konzept auf den Tisch, dessen Formel so einach wie überzeugend ist:Der Sommer ist zum Tanzen da. Das gilt für die Jüngeren, aber auch für die über Dreißigjährigen, für die es in der Stadt noch immer viel zu wenige Angebote gibt. Und weil das mecklenburgische Herz der sympathischen Unternehmerin lange schon für Frankfurt schlägt, kommen auch die meisten Künstler aus der Stadt:Von Joel Heilmann und der Rockdaddycrew bis zu Wahkonda und dem DJ-Nachwuchs der Region. Ich kenne Leute, die kein Konzert der Rockdaddys auslassen, und ich kenne Leute, die für Wahkonda 800 Kilomater weit anreisen. Ist es ein Wunder, dass ich zappelig bin, wenn ich an die Sommerwochenenden denke?

Oderblick 10.7.2004

Vor einhundert Jahren wurde Pablo Neruda geboren, chilenischer Volksdichter und Nobelpreisträger für Literatur, Unterstützer der gewählten Regierung Dr. Salvador Allende. 1973 starb er, kurz nachdem sich mit Hilfe der USAein Mord- und Foltergeneral an die Macht geputscht und den Dichter unter Hausarrest gestellt hatte.
Seit damals glaube ich, dass ein Land, mit dessen Unterstützung die dreckigsten Figuren zur Herrschaft gelangen, gehöriges Misstrauen verdient, wenn es zu exportieren beginnt, was es für Demokratie ausgibt. Die Ähnlichkeit der Bilder aus dem Stadion von Santiago de Chile und aus den Gefängnissen der Besatzer im Irak wunderte mich deshalb nicht, war aber auch nicht weniger bitter.
Neruda dagegen war Medizin. Gegen die Erstarrung, gegen das abstrakte Geschwafel der Politik, die Humorlosigkeit und den Mangel an Sinnlichkeit, gegen die monströse Konsumsucht, die es - wenn auch dauerhaft unbefriedigt - schon im Staatssozialismus gab.
Gegen all das halfen die „Elementaren Oden„ des Chilenen. Sie ließen sich nachlesen oder unter Freunden vortragen, sie besangen die Seeaalsuppe und die Tomate, die Zwiebel auch und die Küchen, in denen Früchte des Landes und des Meeres regierten, und die Menschen, arme zumeist, die sie aßen. Das Wasser lief einem im Munde zusammen und im Kopf der Gedanke an so etwas, wie natürliche Gerechtigkeit und unteilbare Ansprüche:Würde, Unversehrtheit, Menschentum.
Das Wunderbare an diesen Versen und dem, was sie sagten, war die Einfachheit, die nicht auf dem Mangel gründet, die nicht aus der Not geboren ist. Eine Einfachheit, die neue Fülle erzeugt, einen Überfluss sichtbar macht, der immer schon da war, verborgen nur, vermüllt von Krempel und Geplapper. So wie der wütend bestirnte Himmel, den der Dichter in sommerlichen Liebesnächten schaute. Man muss nicht in den Süden reisen, um ihn zu sehen. Obwohl er einem auf der anderen Hälfte der Erdkugel geradezu in den Schoß zu fallen scheint. Manchmal, auf meinem Boot, sehe ich ihn auch. Nichts als klares Wetter braucht es dazu und ein wenig Zeit. Wir sollten sie uns nicht stehlen lassen.

Oderblick 17.7.2004

Oderblick 24.7.2004

Preisfrage:Wie viele attraktive Arbeitsplätze entstehen durch das Hartz IV-Gesetz in Frankfurt (Oder)? Sollten es - zufällig - genau so viele sein, wie in der Chipfabrik, dann wäre die Gemeinsamkeit unübersehbar:Beide Male geht es, erfolglos zwar, doch dafür nachdrücklich, den Leuten ans Geld. Nur dass für die Investruine an der Autobahn noch alle zur Kasse gebeten wurden. Bei Hartz IV geht es bloß den Ärmsten ans Leder.
Das ist natürlich kein Versehen, sondern Prinzip, Bürokratiefalle und Schnüffelpaxis inklusive. Denn wen man unumschränkt willfährig machen will, dem muss man alles wegnehmen, was ihm eine Art Restwürde und Widerständigkeit erhält. Erst wer nackt ist, nimmt jederzeit jede Arbeit an jedem Ort und zu jeder Bedingung an. Freie Berufswahl - eine Schimäre. Nur, wer alles andere erträglicher findet, als die Frage, ob sein Lebenspartner etwa noch einen röhrenden Hirsch von der Großmutter im Keller hat, lässt sich ins totale Abseits vermitteln. Allein, wer seine in all den Arbeitsjahren - unter eifrigem Zureden des Staates - aufgebaute Altersvorsorge für das tägliche Brot verbrauchen durfte, tritt zu jeder Kondition ins Joch.
Die Polizeigewerkschaft argwöhnt deshalb mittlerweile mit handgreiflichem Protest. Das müsste sich mal irgend eine Partei zu sagen trauen:Sofort würde ihr vorgeworfen, Gewalt und sozialen Unfrieden herbei zu reden. Die Schelte müssen sich nun ausgerechnet die treuesten Staatsdiener gefallen lassen. Aber der Kanzler hat Recht. Die Faust bleibt selbstverständlich in der Tasche, und sollte einer mal so sehr die Stimme heben, dass die Verwaltungsangestellte ihren wohlverdienten Frühstückskaffee verkippt, dann wird ihn der lange Arm des Gesetzes erwischen - Leistungskürzung eingeschlossen. Denn Verwalter können nie und für gar nix was.Eine Hoffnung ist mit dem rot-grünen Enteignungsgesetz allerdings verbunden. Der Dienst für die Allgemeinheit wird wieder bezahlar. Nicht, weil im öffentlichen und sozialen Sektor strukturell umgesteuert würde, sondern weil die Kulis künftig aus der Platte kommen, für jeden Bettelcent. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Wenn das kein sozialdemokratischer Fortschritt ist...

Oderblick 31.7.2004

Totgesagte leben länger. Das gilt auch für den Sommer-Schluss-Verkauf, dessen Begräbnis im vergangenen Jahr mit großem Geläute zelebriert wurde. Dabei war die Schnäppchenjagd nicht Opfer von Repressionen des Gesetzgebers gegen den Einzelhandel, sondern vielmehr Ausdruck einer Liberalisierung, die mit dem Fall des Rabattgesetzes zur Wirkung gelangte. Zur Schnäppchenjagd darf nun das ganze Jahr über geblasen werden, und wer sich die Chance zu solchen, die Nation vereinenden Gelegenheiten entgehen lässt, ist selber Schuld. Ebenso wie der derjenige, der die in der Käuferschaft verwurzelten Traditionen einfach aufgibt. Sommer-Schluss-Verkauf ist eine Marke, in einem Sommer wie diesem erst recht. Denn die Lager sind voll, die Portmonees sind leer. Riester macht düster und Hartz IV wirft so lange Schatten, dass noch gar keiner richtig weiß, wo die eigentlich anfangen und wo sie aufhören.
Schönredner und Neusprecher erfinden für die Politiker auf ihren Schleudersitzen Idiotismen wie „Konsumverzicht„ oder gar „Konsumverweigerung„. Wer nicht kauft, soll sich wenigstens schämen, heißt das, und:Wir haben zwar keine Idee, um bessere Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Wirtschaft und die Erhöhung der Kaufkraft, also für die Steigerung der Binnen-Nachfrage zu schaffen. Aber dafür können wir jede Menge Moralin verteilen und die Menschheit mit späten Geständnissen über unsere Sexualpraxis in Atem halten. Nützt bloß keinem was.Die IGIS denkt praktischer. Sie hat zum Frankfurter Sommer-Schluss-Verkauf in der Innenstadt gerufen. Dem voraus gingen zahlreiche Gespräche mit den Handelspartnern des Vereins. So bieten alle Branchen bis zum siebenten August ihre Sommerware zu Sommerpreisen an - von der Karl-Marx-Straße bis zum Marktplatz. Vielleicht gehen Sie ja demnächst, solch einem Werberatschlag folgend, den man sich in Gold rahmen lassen darf, „bewusst konsumieren„. Das müssten Sie doch aus früheren Zeiten noch kennen:Mit dem richtigen Bewusstsein schmeckt alles gleich nochmal so gut. Und bewusst ausgegebenes Geld haben Sie zwar auch nicht mehr in der Tasche, aber wenigstens noch im Kopf.

Oderblick 7.8.2004

Verglichen mit heute waren die Angriffe der katholischen Kirche auf Freiheit und Leben zur Zeit der Kreuzzüge harmlos. Kritiker machen den Vatikan allein schon wegen des Verdiktes gegen die Verhütung mitverantwortlich für drei Millionen AIDS-Tote im Jahr. Vermutlich wären es mehr, ignorierten nicht bis zu drei Viertel der Gläubigen in Lateinamerika die Lehre der alten Männer aus Rom. Einer Sommerloch-Epistel von dort darf deshalb getrost mit Skepsis begegnet werden.
Tatsächlich wird im aktuellen Sendschreiben die alte Trickkiste weit geöffnet. Weil Frauen sich gegen Benachteiligung und Unterdrückung wehren, wird ihnen von den Kirchenmächtigen ein „Streben nach Macht„ als Stiftung von Unfrieden zum Vorwurf gemacht. Weil sie sich nicht mehr widerstandslos an Küche, Kinder, Kirche fesseln lassen, werden sie an ihre Mutterschaftsfunktion samt „Fähigkeit für den anderen„ erinnert. Dass Männer diese Quelle menschlicher Identität unter den Verkarstungen des Patriarchats auch bei sich selbst entdecken und dass der Kampf der Geschlechter Frau und Mann vielfach gemeinsame Emanzipation beschert, bleibt den alten Männern verborgen. Sie nageln die Frau weiterhin auf eine Rolle fest, die es leichter machen soll, gegen Schwangerschaftsverhütung und Abtreibung, Homoehe und Verzicht auf Kinder zu wettern. Die freie Entscheidung von Männern und Frauen gilt ihnen als Bedrohung. Ihre eigene Lebensferne sorgt dafür, dass Millionen Glaubensgenossen sich in - hierzulande noch gut nachvollziehbarer - Schizophrenie zwischen Papst-Ideologie und Leben einrichten müssen oder der Kirche lieber gleich davonlaufen. Konkrete Antworten weiß Rom nicht. Es ist eben keine Frage der Mentalität, wenn Kinder ein Armutsrisiko darstellen, das in Deutschland mit dem Hartz IV-Gesetz verschärft und zementiert wird. Dass für Frauen der Zugriff auf die Schaltstellen der Gesellschaft nach wie vor wesentlich schwerer ist als für Männer, ist kein Fortschritt abendländischer Kultur. Und dass manches Priesterseminar im Umgang mit Knaben der altrömischen Tradition weit näher steht als der neuzeitlichen Rechtsordnung, hat sich gerade wieder gezeigt.

Oderblick 14.8.2004

Alle Skater-Anlagen entstanden bislang in einem einzigen Stadtteil - Neuberesinchen. Aber nicht das ist das Problem, das sich zum Ärgernis auswächst, wenn öffentliche Einrichtungen andernorts in Mitleidenschaft gezogen werden. Der Zerstörungswut ist auch kaum mit Vereinsgesprächen und offenen Briefen beizukommen, mögen sie noch so gut gemeint sein. Vandalismus wohnt nicht im Verein.
Das zeigt sich drastisch am Bahnhofstunnel, den Jugendliche mit enormem Aufwand und bemerkenswerter Kreativität gestaltet haben. Ein Teil des Gesamtkunstwerkes ist inzwischen zerstört. Es genügt, dass jemand beginnt, damit sich wellenartig eine Destruktiv-Energie entlädt, vor der erschrockene Bürger am liebsten die Augen verschließen, denn sie macht Angst.
Wer sich internationale Meisterschaften der Skater und Biker ansieht, erkennt in den artistischen Übungen der Könner ein Spiegelbild der Gesellschaft. Es geht nicht darum, an der Peripherie seine Runde zu drehen, sondern aus jedem beliebigen, wo auch immer auftauchenden Hindernis Dynamik für das eigene Vorwärtskommen zu saugen, begrenzt nur durch eigene Kraft und Beherrschung, nicht durch Regeln und Bahnen. Das wird ebenso öffentlich zelebriert, wie die Hausmüllentsorgung im städtischen Papierkorb oder der Blumenklau aus der Rabatte, die Fahrradraserei auf dem Fußweg oder das Abhacken von Alleebäumen, damit PS-stark beschleunigtes Weichholz nicht auf Hartholz kracht. Keine Jugend-Privilegien, „wertbildend„ aber ja wohl doch.Was immer im Weg ist:Es ist Teil des Weges, mehr nicht. Öffentliche Rücksicht gibt es nicht, wo der Einzelne sich nur noch insofern als Bestandteil dieser Öffentlichkeit begreift, wie sie ihm eine Darstellungsfläche bietet, zu seinem Publikum wird. Ist uns das fremd?Kommen uns da nicht schlicht die Tugenden einer generationenweit gepredigten Multiflexibilität auf Rollen entgegen? Was können Bürger dagegen tun? Nichts, solange sie sich nicht als Regulativ ihres Sozialwesens begreifen, sondern sich selbst zumeist widerstandslos zum Objekt machen lassen. Da wird es sehr schwer, die Adressaten ihrer Vorwürfe glaubhaft zu erreichen.

Oderblick 21.8.2004

Alle sind vor mir da. Auf dem rostigen „Diamant„ radelt der Niemalszeit-Rentner über die Brücke. Am Geländer sitzt der Harmonikaspieler neben dem aufgeklappten, mit rotem Samt ausgeschlagenen Kasten. Die schnatternde Kiez-Connection schiebt sich an ihm vorbei. Die Apotheke hat bereits geöffnet und wirbt für Aspirin. Nur Minka ist noch etwas verschlafen. Mager, aber mit glänzendem Fell, lagert sie vor dem Verkaufstresen und freut sich der deutschen Gesundheitsreform. Der Stomatologe desinfiziert sein Arztbesteck. Die beiden hübschen Eisverkäuferinnen kehren noch einmal mit dem Reisigbesen um ihren Stand herum und rauchen eine im Stehen. Die Tabakkonkurrenz, natürlich, ist immer wach. 24 Stunden am Tag. Je toller der Laden, um so gelangweilter die Blicke der Kunstblondinen. Nicht nur die kleine Fußgängerzone, verdichtet durch die Pavillons der Biergärten, bietet sich freundlich und einladend dar. In den kleinen Parks rücken Arbeiter im Trio oder Qartett dem Müll zu Leibe. Zwischen den Wohnblöcken ist der Rasen breitgetreten, aber die Spielgeräte grüßen mit benahe frischen Farben.
Minka, streicheldurstig, mit glänzendem Fell, ist schon am kleinen Basar. Die Gemüsehändlerinnen bringen den Markt zum Leuchten. Pilzzeit, Obstzeit, Beerenzeit. Nur ein Kilo, bitte, danke. Eine Kundin im Designerlook tippt Summen in ihren Taschenrechner. Den hat sie wohl vom Schreibtisch ihres Chefs geborgt:zwei Handteller groß, signalisiert er deutsche Gründlichkeit. Ein Schnäppchen macht man nicht einfach so, und freuen darf man sich erst, wenn man genau weiß, über wie viel. Dann kommen ein paar, die wirklich rechnen müssen. Sie haben die Euro vorher in Zloty getauscht. Das spart tatsächlich Prozente und verschafft auch in staatlichen Geschäften Kaufkraft. „Hammanich„ heißt dort ganz schlicht „Nie ma„. Lästerliche Erinnerung an den Schlangensozialismus wird wach, aber Minka ist schon wieder zur Stadtbrücke getigert, wo die Taxifahrer lauern, dass drüben die Touristenbusse ausgekippt werden. Mager, aber mit glänzendem Fell, blinzelt Minka zu den Anglern am Ufer hin. So ein fetter Fisch, der wäre jetzt nicht schlecht.

Oderblick 28.8.2004

Der Deutsche, um wieder einmal die nationalen Vorurteile aufzustacheln, der Deutsche an sich findet seine Identität noch immer am ehesten im Superlativ. Deshalb erscheint ihm ja auch Amerika so kuschelig.Dort ist es beinahe genauso. Der Deutsche braucht das Meiste, Seltenste, Schönste, Älteste, Neueste, Teuerste, Billigste, Liebste wie die Luft zum Atmen. Und natürlich atmet er öffentlich, sonst macht das Ganze ja gar keinen Spass. Wenn man ihm aber nicht gibt, was er braucht, dann grölt er nach dem sechsten Bier „über alles in der Welt„ oder lässt sich gar zu Büchsenschützens Reichsparteitags-Gassenhauer vom verstiegenen Roten Adler hinreißen. Das ist dann auch nicht mehr so edel, hilfreich und gut.
Dann schon lieber ein zivilisiertes Podium. Nicht nur für den Superstar und andere Eintagsfliegen. Gerade die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die so genannten seriösen Medien und Institutionen kaprizieren sich mit Vorliebe auf Dinge, die sich jeder Absolutheit ihrem Wesen nach entziehen, weil sie ohne Kontext schlichtweg bedeutungslos werden. Das Unwort zum Beispiel. Oder der liebreizendste Begriff der Muttersprache. Oder die ultimative Literaturübersetzung. Und nun auch noch das Lieblingsbuch.
Nach dem sucht das Kleist-Musuem in diesen Wochen, um im Dezember eine Weihnachtsausstellung der anderen Art vorstellen zu können. Nichts gegen die Idee. Es gibt ja wahrhaftig genug Zeitgenossen, die können sich ganz gut zwischen dem einen und dem anderen entscheiden und nehmen dann wahrscheinlich lieber das dicke gelbe statt das dünne blauweiße. Aber was mach ich? Ich starre verzweifelt auf meine Bibliothek, und die einzige Erkenntnis, die mir dabei dämmert, besteht darin, dass auf den meisten Buchrücken zu viel Staub liegt, weil ich das Werk weder oft genug in die Hand genommen noch geputzt habe. Zudem weisen mich die gilben Einbände als Frevler an der eigenen Gesundheit aus. Solche Lektüre gehört in den Tabakladen, nicht ins Regal. Aber von welchem einzigen Band würde ich mich denn nun gar nicht trennen wollen? Schon bin ich Neese. Was wäre mir Bibel ohne Manifest und umgekehrt?Was Strittmatter ohne Grass?Ich glaube, ich seh erstmal fern.

Oderblick 4.9.2004

Die Bundesregierung, die sich mit Hartz IVselbst an den Rand gedrängt hat, und Kanzler Gerhard Schröder verklären die DDR-Geschichte. In ihrem Sinne. Das machen Herrschende gern, aber es sollte ihnen nicht nachgetragen werden. Auch, wer nur sich selber beherrscht, ist nicht frei davon. Die Erinnerung ist ein schnöde Gauklerin. Aber ihr kann aufgeholfen werden.
„Faulpelze und Maulhelden sollen aus ihren Druckposten vertrieben werden„, hieß es im Gründungsaufruf des Neuen Forums, „aber wir wollen dabei keine Nachteile für sozial Schwache und Wehrlose„. Das Bündnis „Demokratie Jetzt„ erklärte in seinem Gründungsaufruf: „Der Sozialismus muss nun seine eigentliche, demokratische Gestalt finden„. Dazu beitragen sollte der Weg „von der Verstaatlichung zur Vergesellschaftung der Produktionsmittel„. Der „Demokratische Aufbruch„ wollte „für eine sozialistische Gesellschaftsordnung auf demokratischer Basis„ eintreten. „Es geht nicht um Reformen, die den Sozialismus abschaffen„, meldeten sich Rockmusiker, Liedermacher und Unterhaltungskünstler. Die SDP bekannte sich zu einer „ökologisch orientierten sozialen und demokratischen Entwicklung der DDR„. Die „Initiative Frieden und Menschenrechte„ erklärte: „Die Menschenrechte sind unteilbar. Mit dem Hinweis auf vorhandene soziale Rechte dürfen nicht die politischen Rechte gering geschätzt werden - und umgekehrt.„ Allesamt verlangten sie, dass das Volk entscheide, was mit dem Volk geschieht.
Waren das nun alles Heucheleien und die Ex-Bürgerrechtler also Heuchler? Das würden sie, völlig zu Recht, ungern auf sich sitzen lassen. Wenn aber nicht, weshalb sehen und hören sie ihrer heutigen Vereinnahmung mehrheitlich schweigsam zu? Das müssen sie mit sich selber ausmachen. In einem haben die Regierungspolitiker mit ihrem plötzlichen Mangel an Contenance angesichts der neuen Montagsdemonstrationen trotzdem Recht. Sie sind denen in der untergehenden DDR nicht vergleichbar. Sie wollen keine Wende vom Kapitalismus zum Sozialismus. Sie wollen Geld. Ein bisschen mehr für die, die es am nötigsten haben. Dafür zu streiten, kann ihnen niemand verwehren.

Oderblick 11.9.2004

Die Verteidiger der staatlich verordneten so genannten Rechtschreibreform kauen derzeit alle Argumente wieder, die ihnen von den Gegenern des regierungsamtlichen Eingriffs in den Volksmund ursprünglich einmal entgegengehalten wurden:drohendes Rechtschreibchaos, massive Kosten und mehr. Trotzdem schreibt die Nation mit gespaltener Feder.
Just die Bild-Zeitung gefällt sich darin, der Politik die Hose herunterzuziehen. Im Verbund mit allen Springer-Publikationen, dem Spiegel und anderen deutschen Medien kündigt sie die Rückkehr zur bewährten Schreibung an. Vielleicht ist es auch ein bisschen Rache für die immer unverschämteren Angriffe der Regierung auf die Pressefreiheit und das Zeugnisverweigerungsrecht. Doch angesichts der inzwischen allenthalben sichtbaren Verwurstung der deutschen Sprache dürfen Medien sich getrost einmal als das offenbaren, als was sie in der Demokratie so gern bezeichnet werden: als vierte Gewalt. Der Deutsche Journalisten Verband sähe zwar gern eine Einigung im Interesse aller, doch rechnet auch DJV-Chef Michael Konken bereits mit der „Rückkehr zur alten Rechtschreibung„.

Da sich die demokratischen Vertreter des Volkes vehement gegen Volksabstimmungen zum Thema wehren, könnte vielleicht eine Stellvertreterlösung zum gewünschten Ergebnis führen. Die Kultus- und Kulturminister der Länder sollten sich zu einem fröhlichen Abituraufsatzschreiben an den Regierungstisch von Gerhard Schröder setzen, der natürlich auch gleich mitmachen darf. Helga Rudow - das ist unsere charmante Blickpunkt-Korrektorin, die in der „neuen„ wie in der „alten„Rechtschreibung fit ist, obwohl sie dazu nicht mehr ein, sondern ein halbes Dutzend Nachschlagewerke braucht - wird unparteiisch die Aufsicht führen. Wenn die selbst ernannten Hüter der Sprache ihr Pamphlet ohne die bezahlten Redenschreiber allesamt fehlerfrei zu Papier bringen: Dann sollen sie doch die Ämterstubenhocker und Schülerseelen weiter quälen. Wenn aber nicht:Dann müssen sie wegen arglistig vorgegetäuschter Kompetenz und Blenderei zurücktreten und zu Hause üben, üben, üben. Egal ob nach der alten oder der neuen Rechtschreibung.

Oderblick 18.9.2004

Ich geb´s ja zu, jedes Mal zu den Wahlen in Stadt, Land und Republik fällt mir Tucholskys „älterer, leicht besoffener Herr„ wieder ein. Sein Stolpern durch die Wahlkaschemmen ist länger aktuell als ein Menschenalter. Natürlich könnte er sich heute auch vor dem Computerbildschirm und selbst finanziert einen hinter die Binde hauen, während er durch die unendlichen Weiten der Verheißungen surft. Oder er stellt sich den individuellen Wahl-Programmsalat bei einem Gang durch die größeren Straßen der seit den letzten Wahlen noch kleiner gewordenen Stadt zusammen.
Das heißt, um Programme geht es bei diesem Wahlkampf ja eigentlich weniger. Jede Döner-Werbung ist inhaltsreicher und konkreter, als die Parteiparolen mit Lachgesicht. Sicherste Stütze der Stellvertreterdemokratie bleibt allemal die Vergesslichkeit. Wenn die CDU in Anlehnung an „Freiheit statt Sozialismus„, nun plakatieren lässt „Arbeit statt PDS„ , muss sie einfach auf Gedächtnisschwund setzen, denn 1998 gab es in Brandenburg immerhin 70 000 Beschäftigungsverhältnisse mehr als heute. Die PDS dagegen lächelt in eine lichte Zukunft des Mit- oder Selberregierens - von der die über Wahlperioden Hinausblickenden freilich ahnen, dass letzteres zum Supergau für die Demokratischen Sozialisten werden könnte. Die SPDleistet sich eine altertümliche Landesvaterkampagne, nur dass Wilhelm Pieck, unser Präsident, diesmal Matti Platzeck heißen soll. Und der verspricht nicht einmal mehr, dass er pünktlich Volksalimente zahlt, aber er entschuldigt sich mit einem solchen Liebreiz dafür, dass die Menschinnen und Menschen vielleicht doch vergessen, welche Großprojekte er in treuer Thronfolge in den märkischen Sand setzte. Natürlich lächelt es auch grün und gelb von den Plakaten und die DVUrüpelt mit vermeintlichem Volkszorn vom Laternenpfahl. Doch dann grüßt mich plötzlich das traute Gesicht von Bernd Horn. „Auch du„, will ich ihn fragen, aber da lese ich:„Es gibt nichts zu wählen.„ Also:Wählt zuerst mich nicht. Und dann wählt die anderen nicht. Vermutlich werden ihm rund die Hälfte der Wahlbürger folgen. Sonntagabend wissen wir mehr.

Oderblick 25.9.2004

Herbstanfang hatten wir vergangene Woche, und damit ich ihn nicht wieder vergesse, schmiss der fleiß´ge Waldarbeiter, statt schon mal die Blätter anzumalen, erst einmal meinen Wäscheständer quer über den Balkon. Unverschämt zischte er um die Giebelecke:T-Shirts und Pullover stehen dir sowieso besser als Hemden und Jacketts - und bügeln musst de jetzt auch nicht mehr.
Nee, heute nicht. Aber noch mal waschen, fauchte ich wütend zurück.
Über gute Sitten und Anzugsordnung zu streiten, schien mir der kleine Herbststurm nicht der rechte Partner. Er war auch schon weiter gezogen und klapperte an den Presspappen mit den Verlierern und Gewinnern der Landtagswahlen herum. Die stärkste politische Kraft, die Nichtwähler, hing nicht an den Masten.
Was allerdings keine Schande sein muss, räusperte sich der Wind, und tanzte singend um die Wetterfahne auf dem Rathaus herum: Ah, ca ira, ca ira, ca ira, le aristocrates à la laterne...
Das hörten die Montagsdemonstranten zum Glück aber nicht, die unten vorbei zogen. Arbeitslos viele, auf Stütze, wie sie seit der letzten Wende zu sagen gelernt hatten. Noch bis vor kurzem hatten Gewerkschaften und auch einige der Parteien vergeblich gehofft, die Sozialopfer möchten doch mal selber ihre Interessen anmelden und nicht immer nur lustlos und mürrisch im Lenné-Park herumsitzen. Nun waren sie da und das gefiel auch wieder nicht allen.
Wenn du immer Lenné-Park sagst, versteht kein Mensch dich hier, maulte der Wind. Lenne heißt das, Betonung auf dem ersten „e„ und danach so drei bis vier Konsonanten, bitte sehr.
Konsonanten versteht auch keiner, höhnte ich zurück. Oder kennst du die OECD-Studie nicht?
Der Wind schmollte und blähte sich und begann mit ein paar Dachziegeln zu jonglieren. Untersteh dich, drohte ich. Vom Ivan haben wir hier genug, und ein Hurrican wird aus dir doch sowieso nicht mehr.
Da lachte mein kleiner Sturm, knallte einen geöffneten Fensterflügel an den Rahmen, dass es klirrte, und die Arbeitslosen starrten erschrocken zu ihm herauf. Der Herbst war gekommen. Pünktlich fast auf den Tag. Aber berechenbar ist er deshalb noch nicht.

Oderblick 2.10.2004

Alle Politiker finden die Straßenbahn toll. Sie soll die Schwesterstädte Frankfurt und Slubice enger verbinden. Aber ist die Straßenbahn auch gut für alle Frankfurter?
Die Frage zu beantworten, müssten erst einmal viele andere geklärt sein. Zum Beispiel, woher die mehr als drei Millionen Euro kommen werden, die sich in Gleise verwandeln sollen. Zahlt die Europäische Union? Legen die Städte schwesterlich zusammen? Die nächste Frage wäre:Wie werden die Bertiebskosten geteilt und wer kommt für das Defizit auf, das der öffentliche Personen-Nahverkehr einzufahren pflegt? Und wenn die Nassen nicht mehr in die Kassen passen - was passiert dann?Einen Bus fährt man in die Garage zurück. Ein Straßenbahnnetz lässt sich nicht so einfach einsammeln. Die wesentlich flexiblere Busverbindung wird nicht mehr diskutiert. Von ihr fühlten sich die Slubicer Taxifahrer bedroht. Händler fürchten, dass damit noch mehr Kaufkraft aus Frankfurt herausgezogen würde. Also plant man die Straßenbahntrasse gleich fernab des Basars. Aber wem nützt sie dann?
Derzeit kann die Stadt nicht einmal 4000 Euro aufbringen, um in der Konzerthalle die kaputtsanierte Ringanlage für Hörgeschädigte instand setzen zu lassen. Sie ist unfähig, die kommunalen Kinderspielplätze so zu pflegen, dass sie nicht zu Verletzungs- und Erkrankungsfallen werden. Gar nicht zu reden von maroden Schulen, Schlaglochpisten, unkrautdurchwucherten Parkanlagen. Auch die Absenkung von Bürgersteigen für einen barrierefreien Behindertenverkehr in der Stadt ist Frankfurt bis heute nur mehr als halbherzig gelungen.
Mag ja sein, dass die Stadtverkehrsgesellschaft nach dem jahrelangen Ausdünnen ihres Angebots mehr rollendes Material in den Depots herumzustehen hat, als sie durch die Gegend schickt. Aber auch das scheint kein hinreichender Grund für die Ehrenrunde im Nachbarland zu sein. So wenig wie die Studiosi, die es vom Collegium Polonicum und den Wohnheimen in Slubice zur Viadrina zieht. Allein für einen neuerlichen, millionenschweren Politsymbolismus jedoch ist der Frankfurter Stadtsäckel in diesen Zeiten wohl ein klein wenig zu leer.

Oderblick 9.10.2004

In den Jahren zwischen dem Kriegsende 1945 und dem Bau der Berliner Mauer 1961 verließen mehr als zwei Millionen Menschen die DDR. Über die Rolle des Kalten Krieges bei diesem Exodus wird bis heute, je nach politischer Fasson, heftig gestritten. Dass die Massenflucht ein politischer Supergau war und die DDR an den Rand ihrer wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit brachte, gilt hingegen als allgemein anerkannt.
Auch 1989 hieß es:Kommt die Westmark nicht nach hier, gehen wir zu ihr. Harte Währung, Reisepass und Meinungsfreiheit waren für viele der Motivkern deutscher Wiedervereinigung. Dass mit den Alu-Chips auch die Industrie ging, dass mehr als neun Zehntel des Produktivvermögens stillgelegt oder an Investoren aus den alten Bundesländern und dem Ausland verscherbelt wurden, fiel den meisten erst später auf. Als spürbar wurde, dass die neuen Bundesländer zwar als Markt benötigt wurden, aber für Überproduktion auch der Westen ausreicht. Die Folge:Im Schnitt 20 Prozent Arbeitslosigkeit. Ein Entsorgungsunternehmer brachte es kürzlich auf den Punkt: Eigentlich wollte ich nach der Startphase Industrieabfälle entsorgen, aber inzwischen habe ich den Schwerpunkt auf Abbruch verlegt. Damit liegt er im Trend.
Nun hat das Wandern wieder angefangen. Von 1989 bis 2004 haben zwei Millionen Menschen die neuen Bundesländer verlassen. Das ist just die gleiche Zahl im gleichen Zeitraum wie unmittelbar nach der Teilung Deutschlands. Die Bundesregierung, das unterscheidet sie immerhin von Ulbricht, wird deshalb keine Mauer bauen. Sie unternimmt bislang aber auch wenig anderes, um dieser Bankrotterklärung der deutschen Vereinigung zu begegnen. Dabei liegen Vorschläge auf dem Tisch. Eine gesonderte Steuergesetzgebung für die neuen Bundesländer zum Beispiel. Damit sich ein Stadtparlament nicht mehr mit einer Minderung des Gewerbesteuerhebesatzes von 400 auf 380 Prozent der Lächerlichkeit preisgeben muss. Damit nicht, wie zum Beispiel in Frankfurt, jeder Neugeborene mit einer kommunalen Pro-Kopf-Verschuldung von 500 Euro auf die Welt kommt. Damit die Abstimmung mit den Füßen aufhört. Endlich.

Oderblick 16.10.2004

Es hat wohl seine Bewandnis, dass die großen Buchmessen im Frühling und im Herbst stattfinden. Im Frühling brannten die Bücher im Richterhenkerland. Im Herbst will das Dichterdenkervolk nicht so grob daran erinnert werden, sondern lieber ein bisschen melancholisch sein. Warum auch nicht. Jetzt beginnt die Zeit des Vergleichens und Resümierens. Die Gärten schweigen. Die Blätter fallen. Meine liebste Lesezeit.
Früher hat man sich an diesen langen, noch nicht allzu kalten Abenden etwas erzählt. Licht war teuer. Kienspan und blakende Funzeln verdarben die Augen. Heute besorgt der Fernseher das. Nein, er verblödet nicht, jedenfalls nicht mehr als Lesen. Schließlich gibt es genauso viele schwachsinnige Bücher wie Fernsehsendungen. Was davon man sich antut, entscheidet man selbst.
Mich verleitet ein Himmel, der aus allen Wolken fällt, vielleicht noch eine nette Herbsterkältung dazu, unter die Decke zu kriechen. Nicht mit den neuesten Schlagern der deutschen Plapperatur. Auch nicht mit der Belletristik des arabischen Raumes, der diesmal tonangebend in Frankfurt am Main war. Sondern ganz bescheiden mit dem, was ich eigentlich das ganze Jahr schon lesen wollte. Die meisten Bände sind neu, aber nicht alle. Manchmal schlage ich einen auf und es fällt mir ein Lesezeichen entgegen. Aus welchem Herbst stammt das? Es ist das Laub eines längst vergangenen Jahres, ein Blatt davon, gezackt, geflammt.
Als Kind habe ich wie viele ein Herbarium angelegt. Aber diese Blätter sind jüngeren Datums, verrät die Lektüre. Aufgelesen irgendwann in der Zeit zwischen Staunen und Gewöhnung. Geben Bücher mir, und sei es auf diesem Umweg, das Staunen zurück, die verlorene Zeit?Wenn ich mit meiner Tochter über den Anger gehe oder durch den Gertraudenpark, bückt sie sich nach Blättern, die sie nach geheimnisvollen Kriterien auswählt und mir herüberreicht zur Betrachtung. Sie denkt nicht darüber nach, dass von all diesen Blättern, die jetzt in ihren Büchern landen, eines, vielleicht auch ein zweites, seine lange Reise antreten wird, um schließlich wieder bei ihr anzukommen. Unverhofft, irgendwann, wenn ein Jahr sich neigt.

Oderblick 223.10.2004

Die Stadt hat einen ihrer engagiertesten Mitbürger verloren. Wochenlang kämpfte Hans Joachim Klatt um sein Leben. Am Ende war das Herz nicht mehr stark genug. Der Urfrankfurter starb wenige Tage vor seinem 71. Geburtstag. Er gehörte nicht zu denen, die Aufhebens um sich machten. Er strahlte Ruhe aus und Freundlichkeit, war gerne fröhlich und konnte erzählen. Von den Reisen in nördliche Länder, die es ihm angetan hatten, ebenso wie von den Kindern Weißrusslands, späte Opfer der Tschernobyl-Katastrophe, denen er helfen wollte.
Ihnen vor allem galt in den zurückliegenden Jahren seine Zuwendung. Im Rahmen der Brandenburgischen Freundschaftsgesellschaft und der Kranich-Initiative sorgte Hans Joachim Klatt mit dafür, dass die Kinder des Frankfurter Partnergebietes Witebsk gesundheitliche Kurbetreuung erhielten, dass sie beim Austausch mit Kindern aus Brandenburg schöne Ferienerlebnisse hatten. Als die Initiative aufgrund komplizierter Kooperationsbeziehungen nach Weißrussland zeitweise in Schwierigkeiten kam, wagte Klatt mit seinen Mitstreitern einen Neuanfang. Als er auf die Lebensverhältnisse von Kindern in Rumänien aufmerksam wurde, widmete er auch ihnen seine Kraft. Die Angehörigen der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt (Oder), in der es viele Spätaussiedler aus der früheren UdSSRgibt, kannten ihn als Freund und verständnisvollen Partner.
Ich habe den gelernten Herrenschneider in den achtziger Jahren als Mitarbeiter im Bezirkskabinett für Kulturarbeit kennen gelernt, wo er sich nach seinem Studium für die Volkskunstkollektive einsetzte. Ich habe ihn in den letzten fünfzehn Jahren als leidenschaftlichen Antifaschisten erlebt, dem das Grauen des Krieges, das er als Kind durchlitten hatte, eindringliche und nie zu vergessende Mahnung war. Die Sorge, der Neofaschismus in Deutschland könnte stärker werden, die bitteren Lehren der Geschichte könnten in Vergessenheit geraten angesichts neuen Herrenwahns und Großmachtsanspruchs, teilten wir. Aber auch die Hoffnung, dass die Solidarität einfacher Menschen den Boden bereitet für eine gerechtere Gesellschaft. Ich verneige mich vor Hans Joachim Klatt.

Oderblick 30.10.2004

Frankfurt bleibt eine Stadt der Rekorde. Nicht nur im Sport. Der Stadtkreis bringt es in Deutschland unter die ersten fünf, wenn es um Firmenpleiten geht, so die Deutsche Presse Agentur. Mit weniger als 70 000 Einwohnern gab es nach Angaben des Bremer Inkasso-Unternehmens Seghorn hochgerechnet 199 Insolvenzen pro 100 000 Einwohner. Die Statistik berücksichtige alle am 30. September anhängigen Insolvenzverfahren bei Verbrauchern, Selbstständigen, Firmengesellschaftern und Nachlässen. Im Landesdurchschnitt liege die Quote bei 82, im Bundesdurchschnitt bei 73 Insolvenzverfahren pro 100 000 Einwohner. Im Kreis Elbe-Elster sind es nur 40, im Spree-Neiße-Kreis 43 und in der Uckermark 55. Die östliche Lage ist also nicht schuld.
Bleibt die Frage, wer eigentlich noch da ist - und sei es auch nur, um wenigstens Pleite machen zu können. Denn auch bei der Bevölkerungsflucht ist Frankfurt Spitze und landet für den Zeitraum 1996 bis 2001 auf Platz Vier. Nicht nur deutschlandweit, sondern sogar im europäischen Maßstab, wie eine Studie der Europäischen Union belegt.
Was waren das doch für glorreiche Zeiten für Frankfurt, als sich bloß ab und zu ein Dichter erschießen ging, der seiner Geburtsstadt wenigstens den späten Ruhm und seinen Namen hinterließ. Mit dem sie allerdings auch nicht viel anfangen kann.
Die Stadt, die es immer wieder versteht, sich im Transrapid-Tempo neu zu verschulden, will jetzt mit einem strategischen Wirtschaftskonzept Abhilfe schaffen. Das will sie alle paar Jahre einmal. Dabei hat sie noch jedesmal vom Großinvestor geträumt, der auf märkischem Sand bauen käme, hat ihm, wenn schon nicht rote Teppiche, so doch Starkstromkabel und Druckwasserrohre ausgerollt und dann das große Wundern gekriegt. Da lagen die Kabel und die Rohre, nur stand am anderen Ende niemand und nichts als ein sehr roher Bau. Die kleinen und mittleren Unternehmen waren den Strategen meistens zu popelig, um gehegt zu werden. Man wollte schließlich mit den Global Players spielen. Und sei es Russisch Roulette. Jetzt träumen die Stadtväter vom Großen Spiel im heimischen Casino. Wahrscheinlich, bis es wieder mal heißt:Nichts geht mehr.

Oderblick 6.11.2004

Es gibt eine Szene in Nikos Kazantzakis berühmtem Werk „Alexis Sorbas„, in der der Held im Angesicht des Todes zu tanzen beginnt. Unverstanden von vielen, wagt er, die einzige ihm mögliche Art des Abschiednehmens zu leben. Er muss niemandem seine Trauer zeigen, er muss sie zulassen in sich selbst. Das ist nicht das Gleiche und einfacher ist es schon gar nicht. Sorbas’ Seele sprengt die Rituale. Der Haltsuchende erscheint den anderen haltlos. Und worauf kann er sich denn schon verlassen, wenn nicht auf sich, auf die eigenen Füße, die den Zyrtaki kennen und den Sand des Strandes und die weißen Steine und die Wasser des Meeres. Seine Füße zollen dem Endgültigen ihren Respekt, indem sie sich zu ihrer eigenen Unhaltbarkeit bekennen. Vergänglich wie ein Tanz ist dieser Sorbas - und jeder von uns - wie ein trotziger, wütender, immer schneller werdender Tanz, dem die Erschöpfung ein Ende setzt.
Als die Verfilmung des Buches durch die Kinos lief, begannen jüngere Menschen zu tanzen, nachts, auf der Straße. Solche, die einander kannten und solche, die einander fremd waren. Aber nicht mehr sein wollten. Ungeübt, tapsig huldigten sie weniger der genialen Musik von Mikis Theodorakis als dieser Befreiung einer Seele, die sie gerade auf der Leinwand miterlebt hatten.
Doch was uns an anderen fasziniert, verweist allenfalls auf ein tief empfundenes, oft verdrängtes Defizit. Deshalb muss es uns selbst noch lange nicht Trost verschaffen, geschweige Erlösung. Erst recht nicht dann, wenn auch der Konflikt, die Tragödie nur geliehen sind. Und der Schmerz. „Was haben wir uns geschunden /nur nicht traurig auszusehn / und die nie gehabten Wunden /taten weh und waren schön„ schrieb der Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel einmal. Bevor wir erfuhren, wollten wir erfahren sein. Bevor wir litten, wollten wir gelitten haben. Wir wussten, dass ein Geheimnis dahinter steckt. Wir wollten es kosten. Inzwischen wissen wir, was es kostet. Der ganze November schmeckt danach. Gerade der deutsche. Vielleicht ist es deshalb der Monat, in dem es uns auf die Friedhöfe zieht. Da liegen schon ein paar, die mit uns Zyrtaki tanzten. Und ich kann die Schritte immer noch nicht.

Oderblick 13.11.2004

Alleine, rufen die Knirpse und reißen sich von der Hand der Mutter los, um die Welt zu erforschen. Alleine, riefen auch die Gesellschafter der Helenesee AG, um die märkische Perle blank zu polieren. Hinter den Kindern stehen wachsame Eltern, die schnell zupacken, wenn die Welteroberung Schrammen und Beulen mit sich bringt. Hinter den Helenesee-Betreibern steht fast niemand. Die Verheißungen haben sich in Luft aufgelöst. Dabei gab es einmal eine durchaus überzeugende Helene-Utopie:„Die Aktiengesellschaft versteht sich als örtliche Wirtschaftsinitiative. Sie wird vom Motiv getragen, gewachsene unternehmerische Kräfte und Kompetenzen der Stadt zu bündeln, um sie für eine wesentliche Komponente der Stadtentwicklung von Frankfurt (Oder) - die nachhaltige Verbesserung des Freizeit- und Touristikangebotes am Helenesee - einzubringen„. So stand es in der Bewerbung um das Filetstück im Februar 2000. Mehr als drei Millionen Euro sollten bis 2005 in förderfähige Projekte der Infrastruktur des Freizeitparks investiert werden. Ab 2003 wurde mit schwarzen Zahlen gerechnet. Aber statt Ganzheitlichkeit entstand Flickwerk und selbst das hält immer schlechter. Aus der Perle ist eine Glasmurmel geworden.
Besucher merken so etwas. Sehr schnell jene, die in der Nähe leben, nach und nach auch die aus der Ferne, wenn sie Marketinganspruch und Realität vergleichen. Wer aber erst einmal nach Ausweichlösungen für das eigene Sommervergnügen gesucht hat, ist angesichts des sich allgemein verbessernden Angebots in der Region als Kunde so gut wie verloren. Ein faktisch ausgefallener Sommer, Sanierungsarbeiten und Nacharbeiten an den Stränden, kaum nachvollziehbare Preissteigerungen und ein jahrelanges Gezerre mit den Dauercampern und Bungalowbewohnern besorgten ein Übriges. Fazit:Aus 150 000 Tagesgästen, die die Presse noch 2003 meldete, sind in diesem Jahr 48 000 geworden. Auch die Zahl der Übernachtungen ist geschrumpft. Da geht es nicht mehr darum, ob ein Duschraum renoviert wird, ob ein Spielplatz repariert werden kann. Es geht auch darum, ob ein Trio die Partitur eines Orchesters zu spielen vermag.

Oderblick 20.11.2004

Eine alte Herrscherweisheit lehrt, nur solche Gesetze zu erlassen, deren Einhaltung die Obrigkeit tatsächlich erzwingen kann und will. Alles andere bedeutet lediglich, den Rechtsbruch zur Normalität zu machen und die eigene Autorität empfindlich zu schmälern. Je unflexibler und enger die Gesellschaft an Regeln gebunden wird, statt an Situationen, um so einschneidender die Folgen der Regelverletzung.
Das gilt durchaus nicht nur für die so genannten höheren Interessen, die Politik, das Finanz- und Steuerwesen. Gerade im sozialen Alltag festigen sich die Sitten - oder sie verfallen. Im hiesigen Stadt- und Straßenverkehr ist das Verkommen offensichtlich auf dem Vormarsch. Das gilt für alle Generationen und alle Bevölkerungsgruppen. Von ihrem Intellekt geplagte Akademiker in spé latschen zwischen Bauzaun und Autos auf der Straße entlang, vorzugsweise außerhalb von Absperrungen, die eigentlich ihrem überlasteten Gedächtnis dienen sollen. Radfahrer pfeifen darauf, ob eine Einbahnstraße in Gegenrichtung für sie frei gegeben ist, falls sie nicht sowieso klingelnd über den Fußweg rasen. Hunde genießen die Freiheit von Leine und Korb und sch... die Stadt allmählich zu. Für immer mehr Fußgänger und auch Autofahrer ist das Ampelrot nur noch ein ganz besonderes Grün. Natürlich gibt es - unter anderem - eine Stadtordnung, die dergleichen verbietet. Aber mit der ist Oberbürgermeister Martin Patzelt erst bei der Hand, wenn ihn ein unordentliches Wahlplakat in die Nase sticht. Ansonsten achten seine Politessen vorzugsweise penibel darauf, ob ein Auto mit einem halben Reifen auf dem Bordstein oder sonst irgendwie kassierungswürdig steht. Meistens warten die Einzelkämpferinnen in ihrer Deckung den ungefährlichsten Moment ab, in dem sich der Delinquent entfernt, um schnell ihr Knöllchen anzubringen. Über andere Lässlichkeiten, die zudem oft lautstark und drohungsbewehrt als Gewohnheits(un)recht verteidigt werden, schaut man hinweg. Die Polizei macht´s ja genauso. Nur wenn gerade ein totgefahrener Mensch auf der Straße liegt, wird garantiert nach einer Fußgängerbrücke geschrien. Wir könnten zwanzig Brücken bauen: Am eigentlichen Problem ändern sie nichts.

Oderblick 27.11.2004

Leitzins. Das versteh ich ja noch halbwegs. Aber Leitkultur? Wo fängt die an? Wo hört die auf?An der Leitplanke vielleicht? Bin ich ein Leit-Kultur-Tragender? Immerhin freue ich mich jeden Morgen, wenn ich das Radio anschalte. Da werden sogar die Nachrichten in beinahe richtigem Deutsch aufgesagt. Und der Wetterbericht. Aber sobald ich mir wünsche, dass auch noch deutsch gesungen wird, gibt’s schon Probleme mit dem abendländischen Wertekonsens.
Wenn es draußen stürmt und schneit, würde ich mir ja manchmal auch gern so ein Pali-Tuch um die Synapsen wickeln. Trau ich mich aber nicht. Weil ich dann entweder für Saddam bin, Arafat gehalten werde oder für einen Nazi. Was Nazis sind?Das sind die seit fünfzehn Jahren um ihr Manöver Schneeflocke Betrogenen, die neuerdings chinesische Ché Guevara-T-Shirts tragen und dazu rufen:Hier marschiert der nationale Widerstand. Ich hab mal einen gefragt, wieviel Ohm der hat, aber das konnte er mir auch nicht so genau sagen. War wohl nicht Bestandteil der deutschen Leitkultur. Und als er dann losgrölte:Deutschland den Deutschen - da bewegten sich Chés hagere Kieferknochen auf seiner schmalen Brust. Sah irgendwie traurig aus.
Leider kann man sich ja kein Kruzifix auf den Kopf setzen. Jedenfalls nicht, bevor die Amerikaner uns das vorgemacht haben. Deswegen fährt mir gleich der erste harte Frost ans Gehirn, und ich frage mich, ob die deutsche Leitkultur vielleicht bei der Rekrutenausbildung mit lustigen kleinen Stromstößen aus umgewidmeten Feldtelefonen kommt. Das würde zumindest erklären, warum manche sie, falls überhaupt, weniger im Schädel haben als vielmehr anderswo.

Ganz ohne Leitkultur bin nach Hause gekommen. Aber ich habe allen ausländischen Deutschen sofort einen offenen Brief geschrieben: Wenn ihr sie irgendwo finden solltet, die deutsche Leitkultur -Ihr dürft sie behalten. Mir hat sie nämlich bisher nicht gefehlt.

Oderblick 4.12.2004

Das tut gut. Brandenburg wird gelobt. Und das auch noch international. Für die Betreuung seiner Kinder, diesesRelikt aus der Zeit der kackenden Kleinkollektive. Diese Betreuung sei fast so gut, wie in den skandinavischen Ländern, befinden europäische Fachleute. Besser allemal als in den westlichen Bundesländern. Nachsichtig lassen die Autoren der aktuellen OECD-Studie beiseite, dass der hohe Versorgungsgrad in Krippen und Kindergärten nicht nur mit dem engmaschigen Netz von Einrichtungen zu tun haben könnte, sondern ein wenig auch mit dem weltgeschichtlich einzigartigen Geburteneinbruch nach der gesellschaftlichen Transformation und der anhaltenden Bevölkerungsflucht von Leuten im heiratsfreudigsten Alter.
Die Studie sagt aber auch noch etwas anderes. In keinem anderen Land sind die eigene Entwicklung und die Bildungschancen der Heranwachsenden so eng mit ihrer eigenen Herkuft und dem sozialen Status ihrer Eltern verknüpft, wie in Deutschland. Also:Das Bildungsprivileg ist durchgesetzt. Der Eliten-Inzest fast perfekt.
Schließlich wird angemerkt:Vielleicht könnte die liebe Tante aus dem Kindergarten demnächst ja statt des Fachschulabschlusses auch einen Fachhochschulabschluss haben. Als Qualifizierung, die ihrer Verantwortung wirklich gleichwertig ist. Das geht nicht gegen die engagierten Frauen - und auch Männer - die in den Kitas tätig sind. Sie tun ihr Bestes. Aber ihr Bestes wäre mehr, wenn ihre eigene Ausbildung besser wäre.
Das war noch nicht ausgesprochen, da kam schon der Aufschrei zurück. Geht nicht. Bildung kostet schließlich Geld. Die Ausbildung einer ganzen Berufsgruppe mit solch einem Abschluss sogar sehr viel Geld. Brandenburg bedurfte solches Aufschreies jedoch gar nicht. Der brandenburgische Finanzminister verkündete auch so, dass die Etats für Bildung, Wissenschaft und Forschung entgegen Wahlversprechen und Koalitionsvereinbarung nun doch in die Sparmaßnahmen zur Haushaltskonsolidierung einbezogen werden sollen. „Wir sind jung, die Welt ist offen„, singen die Märker, die dem Topf entwachsen sind, und machen sich aus dem Staub. Wer wollte es ihnen verdenken bei solchen Landesvätern.

Oderblick 11.12.2004

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, und im Internet tauchen neue Fotos auf, die zeigen, wie die Außendienstmitarbeiter des Politgreises Donald Rumsfeld den Irak demokratisieren. Bei der Bundeswehr wird mit eigenen Kameraden vorlieb genommen.
Advent, Advent, und im Kosovo wird ein mutmaßlicher Kriegsverbrecher mit erdrückender Mehrheit zum Parlamentschef gewählt und darf sich der prompten Gratulation des derzeitigen Vertreters der Vereinten Nationen vor Ort erfreuen.
Advent, und in München prügeln Jugendliche zu siebent einer Schwangeren das Kind aus dem Leib. Jesus kommt tot zur Welt. Wieder einmal.
Advent, Advent, und die Frankfurter Marienkirche rüstet sich, einen der größten Kulturschätze, den die Stadt ihr Eigen nennen darf, wieder in altem Glanz erstrahlen zu lassen. Der Weihnachtsmarkt der Unternehmerfrauen rückt dafür im vorderen Kirchenschiff zusammen. Menschen drängen sich um die lichtgeschmückten Scharren. Von der Bühne erklingen Weihnachtslieder. Kinder bekommen bei der Bürgermeisterin Zuckerwatte, und wenn ihre Eltern etwas dafür spenden, kommt es auch wieder Kindern zugute. Rotary und Lions und Kiwanis backen und brutzeln, was das Zeug hält, für karitative Zwecke. Auf dem Weihnachtsmarkt, der seinen Platz wieder an historischem Ort gefunden hat, lassen die von Vorfreude Beseelten sich auch durch kalten Niesel nicht abschrecken. Im Oderturm werden die Durchgefrorenen von Chormusik und Leuchtgirlanden empfangen.
Advent, und natürlich wird eingekauft, so weit der Geldbeutel reicht. Männer, war jüngst in einer Studie zu erfahren, berappen für ihre Liebsten in Deutschland knapp zweihundert Euro zum Fest.Wie das eine mit dem anderen zusammengeht?Fernseher wegschmeißen?Weihnachtsbaum anzünden? Die Welt sauber in gut und böse zu scheiden, bleibt Privileg der Kitschautoren in Kunst und Politik. Manchmal ist die Idylle genauso schwer auszuhalten wie die Barbarei, vor die sie sich schiebt. Und umgekehrt. Aber beides ist kein Grund, etwas Gutes zu unterlassen. Tun wir’s doch einfach, dankbar, dass wir es können...

Oderblick 18.12.2004

Mehr oder weniger tatenlos schaut Oberbürgermeister Martin Patzelt zu, wie eine Behörde nach der anderen aus Frankfurt verschwindet. Er braucht die Zeit für Wichtigeres. Zum Beispiel, um öffentlich von Industrieansiedlungen zu träumen und die Einrichtung eines Callcenters als wirtschaftspolitischen Erfolg abzufeiern. Fettes Investorenlocken ist überhaupt sehr stark eine Frage des richtigen Bewussts... der richtig guten Stimmung, erklärte Patzelt kürzlich im Hanse Club.
Inzwischen bereitet sich die Bundeswehr schon mal auf großen Zapfenstreich vor. Der Pazifist weint den Uniformen keine Träne nach, aber der Steuerzahler krault das Innenfutter seiner leeren Tasche und grübelt still vor sich hin.
In der Geschichte, die gern beschworen wird, wenn es um die volkswirtschaftlichen - oder globalökonomischen? - Vorzüge einer Straßenbahnlinie nach Slubice geht, in dieser Geschichte hatte Frankfurt manchmal ein richtiges Gesicht. Wenn es sich nicht gerade von der Hanse wegdämmerte. Oder seine Garnisonstradition in einem richtigen Krieg verschlissen und in eine Gefangenenlagertradition umgewandelt wurde. Dann war es Behördenstadt, stolz, an der Spitze eines Regierungsbezirkes zu stehen. Beamte verlieren ihr Einkommen nicht, bevölkern Parks und Kneipen und geben auch mal einen Taler mehr für die Designersocken aus. So dachte man. So tat man. Und ein paar Fabriken gab´s auch, mit kräftigem Osteuropaexport - ganz ohne Europäische Union.
Nun hat sich zwar der LKW-Transit über die BAB12 seit Jahresanfang verdoppelt, aber Frankfurter Exporte waren gewiss nicht der Auslöser dafür. Sie werden es auch künftig nicht sein. Wahrscheinlicher ist, dass der Unternehmensbestand unter der Last steigender Kosten noch schrumpft.Wir werden mit der Straßenbahn nicht punkten. Auch nicht mit einem Transrapid zum Slubicer Busbahnhof. Vielleicht wär´s höchste Eisenbahn, das Land zu überzeugen, dass es hier den Schwerpunkt seiner Verwaltungseinrichtungen, Ämter und Gerichte platziert. Und Frankfurt bei der Gestaltung der weichen Standortfaktoren unterstützt. Das wäre gut für die Stadt - es wäre ihr ein FROHESFEST.

Oderblick 24.12.2004

„Kaufen!„ brüllt der rote Terrorist. Kaufen, kaufen, kaufen, kommt es aus seinem Bart. Die Äuglein blitzen. Über zentnerschweren Schokoladentafeln, durchsichtigen Tangas, Computerballerspielen mit Overkilleffekt und Goethegedichten in zeitgemäßer Hiphopüberarbeitung zittert seine schwere Hand mit der Rute. „Papa, warum verkleiden sich so viele Leute als Weihnachtsmann?„ fragt meine Tochter.
„Von Coca Cola lernen, heißt siegen lernen, mein Kind„, bin ich versucht zu erwidern. Aber dann müsste ich ihr etwas über die Herkunft des Kaufmich(el)s erzählen und über den terrakottafarben gewandeten Kerl aus der Zeit meiner Urgroßeltern, und warum der gegen den Typ mit seinem Designermantel aus Amerika nie eine Chance hatte. Und dann wäre die Lektion fällig, dass die Mächtigen immer nur von noch Mächtigeren abgelöst werden, und die Machtlosen ihnen dabei helfen, weil es ja schon ein tolles Geschenk ist, einmal im Leben der eigenen Ohnmacht zu entkommen.
Das ist viel zu schwer für eine Vorschülerin, die sich für Macht und Ohnmacht noch gar nicht interessiert, weil sie noch gar nicht vergessen hat, dass es Zauberpferde und Einhörner gibt und dass das Gute starke Verbündete hat:Plfanzen und Tiere und Berge und Sterne und die Sonne natürlich und, wenn’s dicke kommt, Pippi Langstrumpf. Aber je weiter der Kopf sich von der Erde entfernt, um so vergesslicher werden die Menschen - und deswegen machen diese Dummköpfe auch immer alles so kompliziert. Die Wahrheit ist doch: Es gibt jede Menge falscher Weihnachtsmänner. Und nur einen echten. Wegen der vielen falschen stehen die Erwachsenen in langen Kassenschlangen an und geben, vorausgesetzt, sie haben noch welches, eine Menge Geld aus. Dabei bringt der richtige, das ist sozusagen sein Alleinstellungsmerkmal, die Geschenke umsonst. Ganz schlaue Kinder erinnern sich sogar noch, dass er die gar nicht immer kaufen muss. Manches kann man nämlich viel besser selber basteln. Aber nur die allerklügsten wissen:Das kostbarste Geschenk ist, wenn Mama und Papa Zeit haben, um zu spielen, um gemeinsam zu singen oder spazieren zu gehen. „Das wünsche ich mir„, sagt meine Tochter. Und ich bin ihr sehr dankbar dafür.

Oderblick 31.12.2004

Das Jahr geht zu Ende. Es hat mich einiges gelehrt. Zuletzt, dass die Folterer bereitstehen und auf Befehle warten. Der Schmerzspezialist, der Arzt, der ihm zuschaut und Nachhilfe gibt in Anatomie. Der Beamte, der die schweigende Mehrheit seiner Vorgesetzten hinter sich meint und erst mal mit der Drohung anfängt. Es kostet ihn ja nix. Das Grundgesetz ist keinen Cent mehr wert. Geschweige denn eine härtere Strafe. In Zukunft, erweist sich also, ist Schweigen nicht mehr Gold, sondern kann sehr wehtun.
In anderen Fällen ist Schweigen zwar auch nicht gerade Gold, aber vielleicht Öl und eine gute Aussicht auf neue Waffengeschäfte. Nicht umsonst hat Rot-Grün die Waffenschmieden in diesem Jahr angefeuert wie noch nie in der deutschen Vorkriegsgeschichte. Aber selber mitmachen kann man vorerst nur in der Wertegemeinschaft mit den Anti-Schurken, die schon angefangen haben. Folglich protestiert auch kein deutscher Außenminister, geschweige Kanzler, gegen Folterer, die sich - vermutlich - auch auf seinem Hoheitsgebiet von den Strapazen des Mordens und Quälens ausruhen, von ihren Mühen, den Bewohnern eines überfallenen Landes nach dem Eigentum auch die Würde zu rauben. Die ist zwar unantastbar, aber wer sagt denn eigentlich, dass sie sich nicht mit Brandmalen veredeln und mit Gnadenschüssen unsterblich machen ließe?
Nun haben vorwitzige Leute einen der Groß-Anti-Schurken in Deutschland angezeigt. Als Verbrecher gegen den Frieden und die Menschlichkeit. Anderswo wurden im ähnlichen Fall die Rechtsgrundlagen ausradiert, auf denen die Anklage möglich wäre. Auch in der Bundesrepublik machen US-Diplomaten klar, dass deutsche Richter nur dem Gesetz verpflichtet sind und den „Freunden„, wie Joseph Fischer sie gern nennt. Das mit den Freunden kenne ich schon. Deshalb kann ich mir auch vorstellen, wie nächstes Jahr ein Bush-Besuch in Frankfurt ablaufen würde. Falls keiner das Goldene Buch vorher klaut.Ende 2005 wird übrigens fast schon jedes sechste Kind in Deutschland zu den Armen gehören. Vielleicht kommen wir dann auf die Verteilerliste von „Weihnachten im Schuhkarton„. Prosit Neujahr.