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Blickpunkt 2005

Oderblick 8.1.2005

Die Stadt schmeißt das Geld ihrer Bürger zum Fenster ´raus. Das bewies kurz vor dem Jahreswechsel noch einmal das kommunale Ordnungsamt. Erst hatte es aus guten Gründen an der hochfrequentierten Kreuzung zwischen Universitätshauptgebäude, Auditorium Maximum und Dönhof-Bau Sperrgitter für die Fußgänger aufgestellt, um die massive Unfallgefahr einzuschränken. Jetzt wurden sie per Schweißbrenner wieder abgetrennt. Das kostet noch einmal und außerdem:Ohne Risiko kein Spaß. Ordnungsamtsleiter Wessely wusste einer Frankfurter Tageszeitung auch gleich eine Begründung zu nennen:die Bequemlichkeit „mancher„ Fußgänger, die seit der Aufstellung der Schutzgitter einfach auf der Straße gelaufen waren.
Merke: Wer in Frankfurt zum Ziel kommen will, braucht vor allem Ignoranz, Rücksichtslosigkeit und satte Selbstüberschätzung. Das hatten der eine oder die andere, die die Kommunalpolitik der letzten Jahre beobachtet haben, zwar schon vorher vermutet, aber so schön symbolisch wurde es bisher selten durch das Rathauskollektiv demonstriert.
Für den Versuch, den Respekt gegenüber der sinnvollen Absperrung durchzusetzen, war die Stadt offensichtlich zu feige oder zu faul. Sie hätte ja vielleicht einen Steinwurf von ihren Amtsstuben entfernt ab und zu ein paar Politessen aufstellen oder gar die Polizei zu Hilfe bitten müssen. Das Kassieren von Ordnungsgeldern bei den stumpfsinnigen Straßenlatschern hätte sich schnell herumgesprochen. Überdies wäre auf diese Weise sogar das Geld wieder ins Stadtsäckel gekommen, das nun in den Wind geblasen ist.
Dafür wissen wir jetzt wenigstens, was uns 2005 erwartet. Wo falsch geparkt wird, entfernt die Stadt die Park- und Halteverbotsschilder. Wo Fußgängerwege ignoriert werden, lässt sie die Zebrastreifen alphaltfarben überstreichen. Wo zu schnell gefahren wird, montiert sie die Starkästen ab. Schließlich sind unsere Stadtväter konsequente Leute. Oder?Nein, die wunderbar zu melkenden Autofahrer bleiben natürlich auf der städtischen Abzockerliste. Irgendwer muss schließlich auch im neuen Jahr die Schildbürgerstreiche bezahlen, auf die das Rathaus nicht verzichten kann.

Ein gut gepolstertes Gewissen ist das beste...

Natürlich hatte ich den Bundeskanzler vollkommen missverstanden. Aber seit einigen Wochen weiß ich endlich, was er meinte, als er vor der Mitnahme-Mentalität der Deutschen warnte. Mitnahme-Mentalität, das ist, wenn einer, der in den Bundestag oder ein anderes politisches Amt einzieht, sein bisheriges Gehalt, zum Beispiel als leitender Angestellter eines Konzerns, mitnimmt. Vermutlich haben die Chefetagen nicht genug Vertrauen in das Gewissen, dem einzig sich der Volksvertreter - oder muss es jetzt Volkswagenvertreter heißen? - verpflichtet fühlen soll. Also polstern sie es ein wenig aus, damit ein wirkliches Ruhekissen daraus wird. Darunter kann sich der von seinem Konzern Abgeordnete dann ein Taschentuch mit einem extra dicken Knoten legen. Damit er nicht vergisst, wer ihn abgeordnet hat. Mit seiner Unabhängigkeit hat das selbstverständlich nichts zu tun.
In der alten neuen Zeit war es so:Wenn ein Betrieb jemanden delegierte, bezahlte er ihm sein Gehalt weiter. Bei allerlei „sozialistischerHilfe„ war das für den Delegierten oft recht günstig. Er verlor seine betrieblichen Ansprüche nicht und fühlte sich, wie man so schön sagt, verbunden. Schließlich galt die Losung:Keine Leute, keine Leute. Allerdings hatte die Sache einen Haken:Der neue Betrieb zahlte keinen Pfennig. Warum auch? Jeder Mensch kann nur einmal am Tag 24 Stunden lang arbeiten. Und auch das - leider - nicht immerzu.
In der neuen neuen Zeit wird doppelt abkassiert. Das eine Salair wird den Steuerzahlern abgenommen oder den Hartz IV-Opfern, das andere schlägt man den Kunden auf den Preis. So hat jeder ein bisschen was davon. Zwischendurch darf der Bundespräsident, oder wer sonst nichts Besseres zu tun hat, über die Politikverdrossenheit weinen. Wie sagte Kästner?Was immer auch geschieht, nie dürft ihr so weit sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken.

Frankfurt macht Mut - Nicht nur in Weligama

Eigentlich geht der Medienrummel ihnen auf die Nerven. Inzwischen haben die Frankfurter Kameraden der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft schon wieder gepackt und sich erneut auf den Weg gemacht - zu den Opfern der Flut auf Sri Lanka, wo sie gebraucht werden und wo das größte Unglück für sie darin besteht, am Helfen gehindert zu werden durch die Unbill der Umstände, aber auch durch Bürokratie und Uneinsichtigkeit.

Am vergangenen Wochenende stand die Gruppe von Sven Oberländer auf der Bühne des Kleist Forums. Nein, das waren keine Leute, die sich vor der Menge sonnen. Jede Castingcrew für eine drittklassige Daysoup würde sie mit einem verächtlichen Grinsen nach Hause schicken. Und wenn einer anfängt, sie Helden zu nennen, dann ist es an ihnen, sich das Feixen zu verkneifen.
Aber dass ihre Verbandschefs nach anfänglichem Geraune den Rückwärtsgang einlegten, sich hinter die Leute stellten und ihrem Einsatz Genugtuung widerfahren ließen, hat sie schon berührt. Und für mich gehörte es zu den anrührendsten Momenten dieses Abends. Ich habe mehr als eine Hoffnung mit nach Hause genommen.

Nicht nur die, dass jene Verletzten und Verstörten, denen die Frankfurter Lebensretter beistanden, nicht zu den späten Opfern der Katastrophe gehören werden. Nicht nur die, dass „Germany„ an den Desaster-Stränden künftig einen sehr menschlichen Klang haben kann. Die Leute mit den leuchtenden Overalls haben verstanden, was Freiheit wirklich bedeutet:Verantwortung übernehmen, Initiative ergreifen, handeln, damit es anderen Menschen besser geht. Und sie wurden verstanden, dort wo sie herkamen. In Frankfurt.
Es sind gute Vorschläge, mit denen Oberbürgermeister Martin Patzelt an die Öffentlichkeit trat:Ein Waisenhaus bauen, die Fischerboote reparieren. Ein gutes Gefühl, sagen zu können: Frankfurt macht Mut. Henry-Martin Klemt

Zeit der Vertröstung und Vernebelung geht zu Ende

Vor sechs Jahren bezifferte Wolfgang Pohl den Kulturetat inklusive Zuschüsse von Land und Bund auf 32 Milllionen Mark. Kritik am Kulturabbau nannte er„absurd, beleidigend und schädlich für unsere Stadt.„ Sein Nachfolger Martin Patzelt wollte die „Entwicklung der Kultur nicht in alten Strukturen„, versprach die Einnahmen der Stadt durch Wirtschaftsbelebung zu steigern und finanzielle Forderungen gegen das Land notfalls einzuklagen.
Heute sind noch 7,5 Millionen Euro im Kulturhaushalt. Davon soll ein Drittel auf einen Schlag gestrichen werden.
Nicht, dass die Stadt ihren Kurs geändert hätte. Im Gegenteil, sie hat ihn konsequent weiterverfolgt und Frankfurt in die vermutlich größte Finanzkrise seit dem 30-jährigen Krieg und vor dem kommenden Jahr manövriert. CDU-geführte Verwaltung und PDS-dominierte Stadtverordnetenversammlung teilen sich - mit uns natürlich - die Früchte eines Jahrzehntes kontinuierlicher Arbeit. Neu ist lediglich, dass unter diesem Druck auch die Stereotype von Vertröstung und Vernebelung endlich ausgedient haben. Die Verwalter können furchtlos abwickeln, denn auch die Zahl derer, die mit ihrem Engagement als Produzenten und Rezipienten die betroffenen Einrichtungen getragen und verteidigt haben, schrumpft. Die Resignation ist weit genug fortgeschritten, ernsthafter Widerstand nicht mehr zu fürchten.
Frankfurt hat sich einem Wunschbild der eigenen Entwicklung ergeben, seine historisch gewachsenen Potenziale vernachlässigt und missachtet, seine Kräfte in der Wirtschaftsförderung und beim Versuch seiner Profilierung zerstreut. Unsummen wurden effektarm verpulvert, kommunales Vermögen in Größenordnungen verhökert und verbraucht, ohne das strukturelle Defizit zu beseitigen. Die Kultur soll es richten? Seit wann weiß denn die Mehrheit der Stadtverordneten, was das ist? Henry-Martin Klemt

Das Wichtigste ist die Reinheit in Deutschland

Reinheit ist das Allerwichtigste in Deutschland. Die deutsche Hausfrau fängt, wenn man der Werbung glaubt, jede Bakterie einzeln, während sich die Familie arglos mit genfrisiertem Nahrungsmittelersatz frisch aus diversen Labors zuschüttet.
Der deutsche Bietrinker darf nur mit Wasser, Gerste und Malz besoffen gemacht werden, aber um Himmels willen nicht etwa mit Zuckerkulör. Nur den Fiskus stört´s nicht, wenn er Biersteuer erhebt auf etwas, das nicht Bier heißen darf. Klosterbrauer Fritsch aus Neuzelle konnte das in den letzten zehn Jahren sattsam erfahren. Gerade hat der unerschrockene Herr des Hopfens wieder einmal Prügel vor dem Frankfurter Verwaltungsgericht bezogen. Nun darf man sich auf die nächste Instanz und hoffentlich das nächste Buch über die Reinheit der deutschen Bürokratie freuen. Das ist gut fürs Image, denn: Das Ausland lacht mit.
Erst beim Blick in deutsche Landtage vergeht den Fremdstämmigen das Grinsen. In Sachsen machen es sich die Nazis zunutze, dass angesichts der Verbrechen, die im Namen Deutschlands begangen wurden, über fremde Verbrechen der Schleier schamhaften Schweigens gebreitet wird. Mord heißt nicht Mord, Überfall nicht Überfall, Genozid und Terror gab und gibt es bei den Guten nicht. Auch die brandenburgische Landesregierung erweist sich da als gelehrige Schülerin. Sie umschifft im Lehrplan die Klippe, die sich auftut zwischen dem Selbstbild der EU-eifrigen Türkei und den 1,6 Millionen hingemetzelten Armeniern. So macht man - richtig - Klippschüler.
Die es nicht bleiben möchten und zu Höherem streben, müssen sich künftig erst nach dem Kontostand ihrer Eltern erkundigen:Das Bildungsprivileg ist ein Spross des Eigentumsprivilegs. Was haben arme Schlucker auch an deutschen Universitäten zu suchen.
Bleibt nur die Frage:Warum wählen die Leute so komisch? Henry-MartinKlemt

Wenn ich alt und träge bin

Es waren junge Leute, um die vierzehn Jahre herum, aus etlichen Klassen. Und ich fragte die gut zwei Dutzend, wer denn in Frankfurt bleiben möchte. Zugegeben, ich hatte die Frage hinausgezögert. Wollte ich die Antwort wirklich wissen?
Sie hieß: Niemand. Obwohl doch nun eine Straßenbahn gebaut wird nach Slubice. Obwohl wir doch ein schönes, neues Kaufhaus kriegen. Beides haben die Stadtverordneten nach langen Debatten in ihrer jüngsten Versammlung mehrheitlich beschlossen.
Ich war erschrocken. Ja, über die Beschlüsse auch, aber vor allem über die Einhelligkeit, mit der hier nach der Wende geborene Menschen sich auf ihr Weggehen vorbereiten. Und um den Schreck ein wenig zu mindern, unternahm ich einen zweiten, versöhnlichen Versuch. Wer, fragte ich, würde denn hier bleiben wollen, wenn er einen Job fände, der ihm auch noch in ein paar Jahren Spaß macht und bei dem er oder sie gutes Geld verdienen könnte? Nun war es wenigstens die Hälfte, die sich zum Bleiben entschließen würde. Die andere:Weg hier, nach Stuttgart, ins andere Frankfurt oder gleich nach Amerika. Der Job ist eben nicht alles.
Auch die Gegenfrage kam prompt. Warum ich denn hier bleiben will?
Weil ich alt und träge bin. Da lachten die meisten. Aber das war keine wirkliche Antwort. Weil ich hier das Licht ausmachen muss. Da lachten schon nicht mehr so viele. Weil ich hier Freunde habe, meine Frau, meine Kinder. „Glücklich„, murmelte ein Mädchen ganz hinten. Sarkastisch klang das.
Naja, Glück ist vielleicht etwas mehr, als für eine kurze Weile zu vergessen, dass man unglücklich ist, sagte ich. Und deshalb wohl doch eher selten. Frag lieber keinen danach, der nicht gerade verliebt in dich ist.
Dann wollte ich wissen, was sie denn anders machen würden. Dazu fiel ihnen aber nichts ein. Vielleicht war es ihnen zu anstrengend, darüber nachzudenken. Oder sie glaubten einfach nicht, dass jemand das von ihnen wissen will. Henry-Martin Klemt

Ivestoren in Scharen

Frankfurt lockt Investoren an, und das in Scharen. Das Prinzip ist ganz einfach. Man lässt sie von der Autobahn stadteinwärts und dann die Heilbronner Straße entlangfahren. Wenn die Stoßdämpfer sich danach auf Augenhöhe befinden, sagen sich all die tollkühnen Männer in ihren nunmehr fliegenden Kisten:Hier müsste mal was investiert werden.
Übrigens klappt das nicht nur in der Heilbronner Straße, sondern fast überall auf den so genannten Lebensadern des so genannten Oberzentrums. Das Beste daran:Um die Straßen der Stadt in diesen Zustand zu versetzen, brauchen wir nicht einmal einen richtigen Winter. Väterchen Frost muss über die Flickschusterei nur sanft hinüber hauchen, schon bröselt sie von selbst auseinander.
Wenn sich die Erkenntnisintervalle bei den Investoren allerdings zu sehr verkürzen, besteht die Gefahr, dass sie so durchgeschüttelt am Rathaus ankommen, dass sie leider vergessen haben, weshalb sie diese Strapazen eigentlich auf sich nahmen.
Ein zweiter gravierender Nachteil besteht darin, dass es sich leider nicht bei allen Autofahrern tatsächlich um Investoren handelt. Um Ihnen die volle Wahrheit nicht zu verschweigen:Es sind eine ganze Menge ziemlich armer Schlucker darunter, die ihre Fahrtkosten nicht einmal beim Finanzamt von der Steuer absetzen können.
Aber selbst das kann man natürlich positiv betrachten.Wer täglich auf Straßen verkehrt, auf denen zu fahren ebenso sachwertverschlingend wie depressionsfördernd ist, schafft Arbeitsplätze in der Automobilbranche und im Gesundheitswesen. Außerdem spürt er keinen Unterschied mehr zum historischen Straßenpflaster mit den sich solidarisch verflüchtigenden Fugen rund um den Marktplatz und anderswo. Vor allem aber:Noch bevor der Lenz den letzten Spießer in einen heimlichen Anarchisten verwandelt, wird der Lückenbüßer des Asphalts lauter als jeder andere nach der Straßenbahn rufen: Einmal, oh, einmal noch auf glitzernden Schienen... Man gönnt sich ja sonst nichts. Henry-Martin Klemt

Mensch ärgere dich nicht

Die Märker sind doch die härtesten. So dachte ich vergangene Woche, während der Scheibenwischer vor meinen Augen hin und her pendelte. Lustig sahen die Rückleuchten aus, die im Wettstreit mit den Bremslichtern blinkten. Vor mir die Lossower Kurven, ein Dutzend Autos und ganz vorn der Mutige:ein Fahrschulwagen, der mit fünfzehn Stundenkilometern bergan kroch. Dann, auf gerader Strecke, fuhr er stramme fünfundzwanzig Sachen. Ich sah in den Rückspiegel, wie groß meine Chancen für einen kleinen Auffahrunfall wären. Als sie deutlich zu wachsen schienen, entschloss ich mich zum Überholen. Nicht so einfach, wenn der Vordermann versucht, seinen Wagen exakt in Straßenmitte zu halten. Vom Winterdienst keine Spur.
Na schön, dachte ich, wenn es jetzt ein bisschen scheppert, brauche ich weder zu meinem Termin, noch an meinen Computer. Bei dem hatte es schon geknallt. Nach dem Einschalten ging nichts mehr. Ein Softwarecrash vom Allerfeinsten. Seit Windows XP bedeutet das:Hausarrest für längere Zeit. Ich ließ mir das Wort Service-Pack auf der Zunge zergehen. Und war doch mitten in der schönen Natur. Sollte ich mich ärgern? Nein, es gab keinem Blechschaden. Während der Fahrschüler hinter mir im Finstern verschwand und vor mir die nächste Kolonne auftauchte, dachte ich an Brechts Gedicht vom Radwechsel. Nicht hinwollen, wo man hin muss, und nicht, wo man herkommt, aber trotzdem ungeduldig sein. So sind wir. Ein paar waren vielleicht ein bisschen zu ungeduldig. Vom Straßenrand grüßte Blaulicht. Doch alle Insassen schienen, mächtig bibbernd zwar, unversehrt zu sein. Polizisten drehten Papiere in den Händen. Und ich kam beinahe pünktlich zu meinem Termin.
Auf dem Rückweg fand ich die Straße gesprüht. Spät zwar, doch immerhin, der Winterdienst war ausgefahren. Ich konnte mich zurücklehnen und beinahe gelassen an schöne Dinge denken. Eine Tasse heißen Kaffees. Einen funktionierenden Computer. Für das eine sorgte meine Frau, damit ich für das andere sorgen konnte. Henry-Martin Klemt

Ringelnatz ist zurück

Selten, ganz, ganz selten geschieht es, dass die Wirklichkeit die Satire nicht überholt, sondern überflüssig macht. In diesen Tagen ist es passiert:Ein letztinstanzliches Gericht hat für Recht erklärt, dass Bier als Bier bezeichnet werden darf, soll und kann. Um das herauszufinden, muss man in Deutschland Jurisprudenz studieren und darf auf gar keinen Fall in brandenburgischen Ministerien arbeiten.
Pech für Fritsch senior und Fritsch junior. Ihre preiswerteste Werbekampagne für die Köstlichkeiten aus der Klosterbrauerei in Neuzelle ist damit zu Ende. Jetzt werden sie für ihre Reklame richtig Geld ausgeben müssen.

Apropos:Ob die Landesregierung den Bürgern irgendwann einmal verraten wird, wieviel tausend Euro Steuergeld für diesen Rechtsstreit um das höchste deutsche Rechtsgut - das Reinheitsgebot nämlich - in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten in den Maischbottich geschüttet wurden?
Pech auch für das Kabarett „Die Oderhähne„. Das hatte eine so schöne Bierkriegsnummer in seinem neuen Programm „Jetzt geht der Spaß erst richtig los„. Die mussten es streichen und das wirbelte gleich die ganze Dramaturgie durcheinander. Der blinddarmbefreite Regisseur Wolfgang Flieder allerdings tröstet sich mit den Erfahrungen, die er jüngst imKrankenhaus machte:Alles viel zu lang, das Überflüssige muss sowieso raus.

Den Spruch hatten andere vor ihm auch schon drauf. Zum Beispiel, als nach der Wende jeder Kneipenplatz unentbehrlich schien. Heute lachen darüber nicht einmal mehr die Oderhähne und die Kneiper heulen bloß noch, aber damals musste Joachim Ringelnatz, auf einem Holzrelief caféhaussitzend von Wolfgang Weidner verewigt, in der Großen Scharrnstraße weichen. Und verschwand. Lange, lange. Jetzt ist er wieder da.
Die Oderhähne, ohnehin Freunde von allen beiden - Weidner und Ringelnatz - haben dem Bedichter von „Frankfurt an der Entweder„ in ihrem Unterhaus Asyl gegeben. Nun dichtet er im Kabarettfoyer. Willkommen! Henry-Martin Klemt

Dankbare Arbeitsposition

Keine Leute, keine Leute, hieß es weiland, was das Politbüro nicht abhielt, Kombinate still zu legen, um ausreichend Fähnchenschwenker an den Straßenrand zu trommeln.
Das passiert heute nicht mehr. Jetzt nimmt man ein paar Tausend Polizisten dazu, und die haben auch keine Fähnchen, sondern Wasserwerfer, Panzerwagen, Helikopter. Das zeigt, dass sich die Vorliebe der heute bejubelten Staatenlenker nicht auf fröhliche Volksmassen, sondern auf freiheitlich-demokratische Kampftechnik konzentriert.
Weil er davon am meisten hat - und einsetzt - hofieren vorgeblich seriöse Medien den Schorsch aus Amerika gern als mächtigsten Mann der Welt. Und Polizisten im nahezu zivilistenfreien Mainz reißen den Demonstranten Plakate aus der Hand, die Schosch einen Kriegsverbrecher nennen. Man beleidigt keine Staatsgäste.
Ein vorwitziger Rechtsanwalt hat deshalb an den Polizeipräsidenten der Stadt geschrieben und ihn auf zwar seltsame, aber doch festgeschriebene Regeln aufmerksam gemacht. Nämlich:Der Wahrheitsbeweis für die Bezeichnung ließe sich ja möglicherweise erbringen. Dann wäre es gar keine Beleidigung mehr, sondern eine Feststellung. Und zweitens:Strafbar ist der Unmut nur, wenn auch im Herkunftsland des Gastes nicht beleidigt werden darf. Das Außenministerium habe jedoch erklärt, dass sich amerikanische Gerichte gar nicht darum scheren, als was Bundeskanzler Schröder unter Umständen bezeichnet würde. Und drittens:Selbst wenn Bush sich als Weltterrorist Nr. 1, Mörder und Verbrecher dargestellt sieht, müsste seine Regierung doch erst einmal um die Strafverfolgung nachsuchen und die Bundesregierung ihr entsprechen, meint der Anwalt. Ansonsten dreht das Recht sich um:Aus der Amtshandlung wird Nötigung, aus dem Eingreifen Verfolgung Unschuldiger.Wie das juristische Scharmützel in Mainz ausgeht, ist offen. Dass der Besuch nicht in Frankfurt stattfand, dafür können dieser und jener Kommunalpolitiker dankbar sein. Sie müssen keine Meinung dazu haben. Henry-Martin Klemt

Meine Welt ist Integration

Ein Künstler hängt zur Eröffnung der Biennale Meine Welt seine Bilder ab und verteilt Flugblätter. Ein demonstrativer Akt. Für viele Besucher der Vernissage ein Zwischenfall, eine Störung. So war es gemeint:Da wollte einer die Menschen aufstören, mit seinem künstlerischen Gewicht zwischen die Folge von Normalitäten fallen, mit denen er nicht einverstanden ist, und Platz für andere, seine Auffassungen schaffen. Das ist gelungen.
Aber es schmälert den Wert dieses Ausstellungsprojektes nicht. Es unterstreicht vielmehr die gewachsene Bedeutung der Biennale Meine Welt. Erstmals wurde sie bundesweit ausgeschrieben. Sie stellt sich dem Anderssein, auch dem anders behandelt werden, aus der Sicht derer, die es betrifft, und mit einem enormen künstlerischen Anspruch. Da kann es auf Dauer nicht ausbleiben, dass die ästhetische Sphäre die politische berührt. Meine Welt ist nach einem Jahrzehnt Engagement und Arbeit angekommen in der Wirklichkeit, die weit hinausgeht über geschützte Räume der Kontemplation, die sich voller Verletzungen zeigt, voller Widersprüche, voller Sinnhaftig- und Sinnlosigkeiten, die den Einzelnen von innen heraus zersprengen können, wenn er nicht Wege findet, das zu entäußern, was er erfährt. Kunst ist ein Weg.
Die Aktion des sich unverstanden fühlenden Künstlers ist ein Signal dafür, dass Meine Welt gerade nicht Ausgrenzung bedeutet, sondern Integration. Sowohl künstlerisch, wie die Vernissage am wichtigsten Ausstellungsort Frankfurts zeigt, als auch gesellschaftlich. Der Künstler nahm die Biennale ja sehr wohl als ein Podium für sich wahr, auf dem mehr verhandelt wird, als die Qualität von Bildern und Objekten.
Genau das aber setzt künstlerische Qualität und ihre Anerkennung voraus. Kurator Armin Hauer hat gemeinsam mit dem Wichernheim und Renate Witzleben eine Schau kreiert, die konzeptionell und inhaltlich neue Maßstäbe setzt. Vielleicht lässt die Lücke, die nun in der Exposition klafft, sich als ein Zeichen lesen. Aber nicht als Menetekel.Henry-Martin Klemt

Eisberge in Europa

Wenn die Menschen genug Kohldampf geschoben hatten, saßen sie am Ende des Fastens vor einem Eierberg. Dort hat, wie jüngst zu lesen war, der gar nicht so heidnische Brauch des Eierverschenkens seine Wurzeln.
Heute ist das besinnliche Fest zudem eine Gelegenheit, nachzuschauen, welche Eier der Durchschnittsbürger in der jüngsten Vergangenheit ins Nest gelegt bekommen hat. Die wundersame Wirkung des Naturgesetzes, dem folgend sich das Erdöl heimtückisch und just zu den Festtagen viel teurer macht - was wir dann an der Zapfsäule merken und Hans Eichel in seinem Sparschwein - ist eines der am leichtesten auffindbaren Ostereier. Nirgends wird so abgezockt wie an Tankstellen und in Tabakläden.
Ein anderes Ei mag den vergesslichen Gemütern entgehen. Als gegen den Willen der Mehrheit deutscher Wähler der Euro als neue Währung durchgeprügelt wurde, versprachen die Zaunkönige der Großkonzerne von ihren Parlamentsstuben aus eine hammerharte Währung, die es mit der plötzlich verschmähten Deutschen Mark allemal würde aufnehmen können. Ein Windei, wie sich jetzt - nicht unerwartet - zeigt. Der Stabilitätspakt wird begraben, und den größten Spaten dafür hat Deutschland spendiert.
Allerdings wird es dafür nur leise gescholten, denn die Bundesrepublik ist der größte Nettozahler in der Europäischen Union. Sie kommt mit den Steuergroschen ihrer Bürger gern und für alles auf. Für die Brüsseler Bürokratie, für unsinnige Gesetze, für durch keinen Volksentscheid legitimierte Verfassungen, für Parlamente, die nicht richtig was zu sagen haben, und Kommissare, die zwar etwas sagen dürfen, denen aber die Legitimation durch die letztlich Betroffenen fehlt. Und natürlich auch für deutsch-polnische Straßenbahn- und ähnlich unentbehrliche Projekte. Der Osterhase merkt von alledem nichts. Außer:DieEier sind teurer geworden, die Schulden höher, und die Fastenzeit ist auch noch gar nicht zu Ende, die fängt jetzt erst mal richtig an. Henry-Martin Klemt

Beim bärtigen Albert

Mittendrin im Einstein-Jahr sind wir nunmehr, und wer auf sich hält und ausreichend Penunse oder sonst irgendwie was zu sagen hat, lässt auch schon mal ein treffliches Spruchband ausrollen. So wie unser aller Kanzler. Wer große Geister zitiert, kann sich eine Weile dem Verdacht entziehen, selbst nicht dazuzugehören.
Freilich scheidet sich die Spreu vom Weizen wie das Geschwätz von den Taten. Spätestens, wenn ein bisschen weiter zitiert wird:„Der Mensch erfand die Atombombe, doch keine Maus der Welt würde eine Mausefalle konstruieren.„ Das hatten die, zugegeben wenigen, Ostermarschierer am Karfreitag wohl besser verstanden als der Kanzler und sein Kabinett, für die Atomwaffen auf deutschem Boden auch anderthalb Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Ostblocks noch etwas ganz Natürliches zu sein scheinen.
Wie für den Bundestag und andere Politikerrunden gemacht scheint der freundlich-fatale Satz:„Wenn die Menschen nur über das sprächen, was sie begreifen, dann würde es sehr still auf der Welt sein.„ Aber dagegen haben wir ja zum Glück das Privatfernsehen gemacht, dem das öffentlich-rechtliche in der Programmqualität mittlerweile so sehr nacheifert, dass eigentlich die Zuschauer die Gebühren bekommen müssten - als Schmerzensgeld. Doch wer von sich sagt: „Mein politisches Ideal ist das demokratische„, der muss auch bereit sein, den Preis dafür zu zahlen, denn „der gesunde Menschenverstand - das sind all die Vorurteile, die sich bis zum 18. Lebensjahr im Bewusstsein ausgebildet haben.„
Deshalb hätte sogar Gregor Gysi nach seinen letzten Talg-Schauen noch ein prächtiges Sätzchen für sein Stammbuch beim bärtigen Albert finden können: „Es gibt nichts Göttliches an der Moral; sie ist eine rein menschliche Angelegenheit.„ Allerdings gab es auch für Einstein durchaus eine religiöse Zweckmäßigkeit, denn er kannte die belebende Kraft der Konkurrenz: „Wissenschaft ohne Religion ist lahm. Religion ohne Wissenschaft ist blind.„ Henry-Martin Klemt

Lasst Moder den Erlösten

„Laßt euch nicht verführen! Es gibt keine Wiederkehr„, schrieb der junge Bert Brecht in seiner Hauspostille. Wer nur die Welt hat, hat nichts zu verschenken, außer die Welt. „Laßt Moder den Erlösten! Das Leben ist am größten„, mahnte der Dichter, fröhlich antiklerikale Ohrfeigen austeilend. So war es seine Art. Wer gerührt ist, bitteschön, sollte sagen können, wovon. Und „besser als gerührt sein, ist sich rühren„, schrieb er einer Jugend ins Stammbuch, die Bomben und Hunger überlebt hatte. Sie sollte nach den Steinen greifen, um „etwas Neues hinzubaun„, statt sie auf andere Völker, anders Aussehende, anders Denkende zu schmeißen. „Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht, noch Verstand, dass ein gutes Deutschland blühe, wie ein andres gutes Land.„ Das wäre fast eine Nationalhymne geworden. Vielleicht, würde der Kleine hinter seiner Zigarre durch die runden Brillengläser zwinkern, vielleicht ganz gut, dass sie es nicht geworden ist. Manches hält sich länger, wenn es nicht totgesungen wird.
Auch die Jugendweihe hat sich gehalten. Als weltlicher Schritt ins Erwachsensein. Befreit vom Stigma sanften oder unsanften Drucks, nicht mehr als Kontrastprogramm zu anderen Initiationsritualen, sondern als freie Alternative. Auch in Frankfurt beginnen mit dem Frühjahr die Feiern, auf die sich zu freuen es viele Gründe gibt. Die Familie freut sich, wieder einmal zueinander zu kommen. Die Heranwachsenden freuen sich auf Geschenke und hoffen, dass die Erwachsenen ihnen mit Achtung und Respekt begegnen. In der letzten Reihe der Feierstunde sitzt ein kleiner Dichter und murmelt:Schon, schon, aber dann müsst ihr auch sagen können, wofür.
Naja, dafür, dass wir euch immer wieder zu glauben versuchen. Dafür, dass wir anders leben wollen als ihr und uns Gedanken darüber machen, wie dieses anders aussehen könnte. Dafür, dass wir dieser Stadt eine Hoffnung geben, zumindest, so lange wir noch hier sind. Und dass wir deine Mahnung ernst nehmen, Dichter. Vertrösten lassen wir uns nicht. Henry-Martin Klemt

Das ganz große Zocken

Wieder ein Wolkenkuckucksheim weniger. Mitte der neunziger Jahre wurden hochfliegende Pläne ausgesponnen, nach denen das alte Gasometer sich in ein Casino verwandeln sollte. Die werden nun ad acta gelegt.
Schon damals war absehbar, dass das große Zocken in Deutschland immer weniger Liebhaber findet und die Umsätze der Anbieter zurückgehen. Aber wie das bei wenig bemittelten Leuten so ist, die mit Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung überfordert sind, hoffte und hofft man an der Oder immer noch auf das große Los:die vom Himmel beziehungsweise aus den fetten Geldkatzen der Zocker fallenden Euros für die Kommune. Und jede Geschichte, die der Normalverbraucher lächelnd dem Recycling zuführt, wird unter solchen Umständen bereitwillig aufgesogen.
So glaubte die Verwaltung damals fest an Georg Waldburg zu Zeil. Mit ihm und anderen Investoren sollten 42 Millionen Euro für die rouletterunde Ruine mobilisiert werden. Wurden aber nicht. Zumal es bis heute keine Konzession für den Spielbankbetrieb in Frankfurt gibt.
Dafür gibt es weiter Casino-Pläne. Nunmehr im Lichtspieltheater der Jugend. Das sollte schon Ersatzdiskothek für die abgefackelte, als Ruine verdämmernde Stadthalle werden, was aber die Fledermäuse im Hintergrund hätte stören können. Dann nutzten ein paar aufmüpfige Politikinteressierte das Kino als Vorwahl-Treff. Später demonstrierten Jugendliche für eine Nutzung des Hauses als Freizeitzentrum. Aber auch diese Ruine blieb, was sie war. Sie könnte ja einmal das ganz große Geld ausspucken. Dann müssten ein paar Leute nicht mehr selber die Ärmel hochkrempeln, wie der Sandstein-Arbeiter vor dem Portal.
Waldburg zu Zeil hat sich inzwischen übrigens auf Friedwald-Projekte verlegt. Sie sind eine Alternative zu traditionellen Friedhöfen, bei denen dem Verstorbenen nicht ein Kreuz oder Grabmal, sondern ein Baum gewidmet ist. Vielleicht sollten die Zocker von Frankfurt diesem Beispiel folgen. Bäume haben wir noch genug.Henry-Martin Klemt

Schmerzhafte Normalität

Für Extravaganzen ist er schnell zu gewinnen, aber das Normale dauert immer etwas länger bei Frankfurts Oberbürgermeister Martin Patzelt. Deshalb bläst ihm in der Stadtverordnetenversammlung nicht zum ersten Mal der Wind ins Gesicht.
Normal ist, dass in einer Stadt, aus der systematisch die Einwohner vertrieben werden, auch die Verwaltung systematisch verkleinert werden muss. Normal ist, dass damit verbundene Einspareffekte sich nicht nach dem Gießkannenprinzip realisieren lassen, sondern nur in striktem Bezug auf die zu erfüllenden Aufgaben.
Mit dem auslaufenden Haustarifvertrag war die Hoffnung verbunden, dass es der Stadt in absehbarer Zeit wieder besser gehen würde, dass drohende Arbeitsplatzverluste sich würden vermeiden lassen. Deshalb schluckten die Bediensteten die Kröte eines teilweisen Gehaltsverzichtes im Tausch gegen sichere Arbeitsplätze für die Laufzeit des Haustarifs.
Diese Hoffnungen haben sich jedoch nicht erfüllt. Die schönen großen Wunder á la Chipfabrik sind ausgeblieben. Die Ansiedlung wertschöpfender Unternehmen wird die Ausnahme bleiben. Die Sozialausgaben steigen in dem Maße, wie die Verwerfungen in der sozialen und Altersstruktur der Stadt wachsen. Signale von Land und Bund, dass es in absehbarer Zeit eine gerechte Ausfinanzierung des Oberzentrums geben könnte, sind nicht zu erkennen. Kein gutes Omen für Soll und Haben in der Stadtkasse. Um Konsequenzen kann sich angesichts dessen niemand mehr herumdrücken.Für jeden Betroffenen bedeutet das einen tiefen und schmerzhaften Einschnitt. Zur Fairness gehört aber, dass dieser Einschnitt nicht tiefer und nicht schmerzhafter ist als bei jedem verhartzten Langzeitarbeitslosen, bei jedem Ein-Euro-Jobber und bei jedem Jugendlichen, der sich vergeblich um eine Lehrstelle bemüht hat. Wenn wirtschaftliche Maßstäbe an das Handeln der Arbeitgeber gelegt werden, gibt es keinen Grund, weshalb die Verwaltung eine Ausnahme bilden soll. Henry-Martin Klemt

Hotel Mama geschlossen

Die Jahres- und Gedenktage purzeln kräftig übereinander in diesem Jahr. Der Tag der Befreiung und der Muttertag, Himmelfahrt und Marxens Geburtstag. Der Kalender ist ein Schelm:Das habt ihr davon, wenn ihr für alles und jeden ein Datum braucht.
Brauchen wir wirklich?Meine Frau hat mich schon gewarnt:Ich bin nicht deine Mutter!Weiß ich doch, dachte ich, und legte - wir waren mitten im Wocheneinkauf - einen kleinen Rosenstrauß in den Korb. Ohne jeden Anlass.
Oder? Wenn ich nur gründlich genug in meinen Tagebüchern schmökerte, würde sich schon irgendetwas finden. Irgendein Tag, der ein ganz besonderer war, und der es verdient, erinnert zu werden. Mir scheint, wenn ich nur gründlich genug suchte, hätte ich irgendwann 365 Tage beisammen.
Aber das Gedächtnis ist geizig, vor allem das männliche. Es ist so geizig, dass es sogar Hochzeits- und Geburtstage für sich behält, und ich habe den Verdacht, ohne die passenden Schokopüppchen in den Verkaufsregalen kämen auch Ostern und Weihnachten bald unter die Räder.
Da ist es vielleicht doch ganz gut, von Zeit zu Zeit erinnert zu werden. Also, Männer, eine Woche habt ihr noch Zeit. Der nächste Blumenladen ist nicht so weit weg. Vielleicht fällt euch auch noch etwas anderes ein:Frauen lieben kreative Männer. Jedenfalls die meisten.
Hotel Mama hat nächsten Sonntag geschlossen, liebe Söhne. Klaut euch das Make-up diesmal bei eurer Schwester, liebe Töchter, oder borgt´s euch bei der Freundin aus. Muttertag heißt auch:Ärgern verboten.
Und wenn ihr längst in eigenen Hausständen lebt, macht euch auf die Socken, spitzt den Kugelschreiber, rennt eurem Blumenversand die Türen ein. Für das, was wir gut zu machen haben, reicht ein Tag gar nicht aus. Und weil wir es eigentlich nicht ausstehen können, über das, was wir wissen, auch noch reden zu müssen - und es uns schon gar nicht gern sagen lassen - nehmen wir den Tag ganz so, als ob uns das alles selber eingefallen wäre. Danke, Mutter. Henry-Martin Klemt

Als die Glocken läuteten

Ich liebe diese Frühlingstage. Gerade nach einem eisigen Winter. Es soll ein schöner Frühling gewesen sein 1945. So hat es mir meine Mutter erzählt. Und wie die Glocken zu läuten begannen. Alle, die es noch gab in der Gegend. Es ist Frieden, Mädchen. Damals konnte sie das noch hören. Die Folgen eines Angriffs auf Berlin bekam sie erst später zu spüren. Im Lauf der Jahre verlor sie, was von ihrem Gehör übrig war.
Ist es ein Verbrechen, Bomben auf Dörfer und Städte zu werfen? Natürlich. Immer und an jedem Ort ist das ein Verbrechen. „Man nannte diese Stadt Florenz des Nordens, und Pöppelmann und Semper bauten hier. Was weiß ein Militär von solchen Leuten?Was ist ein Kunstwerk auf dem Stabspapier?Sind Striche und sind Linien auf der Karte. Wie viele Menschen sind ein Planquadrat? Der Flieger sah von einer höh´ren Warte nur zu, ob er genau getroffen hat„, schrieb der Dichter Bernd Rump über die Zerstörung Dresdens. Die Sieger sind mit ihren Siegen allein, und dass ich Sieger nicht mag, hat auch mit Berlin und Dresden zu tun. Aber mit denen, die mit Getöteten ihre Rechenspiele spielen, um zu beweisen, dass zwischen dem deutschen Mordsgesindel und denen, die es niederwarfen, so gar kein Unterschied bestehe, mit denen habe ich überhaupt nichts am Hut. Für die sind Tote nur Kalkül. Ihre Ehre ist abwaschbar mit Blut. Ihr geistiger Horizont eine ballistische Kurve.
Kurz bevor mein Vater starb, Frontsoldat wider Willen im Osten, gefangen bis 1949, sagte er mir:Wenn ich auf etwas stolz bin, dann darauf, dass ich niemanden umgebracht habe. Und heute denke ich:Das war sein Stolz, ein Deutscher zu sein. Auch noch in der Wehrmachts-Uniform. Mit dem Naziadler auf, aber nicht in der Brust.
So bleibt der 8. Mai für mich ein Tag der Befreiung. Die Bombe hätte, statt im Nachbarhaus, auch im eigenen einschlagen, der gefürchtete Schuss an der Front hätte abgefeuert werden können, wenn all das auch nur eine Woche, einen Tag länger gedauert hätte. Ich habe allen Grund, dankbar zu sein.Henry-Martin Klemt

Platz im Picknick-Korb

Pfingsten ist das erste verlängerte Wochenende im Jahr, das Glück mit dem Wetter verspricht, falls es Ostern noch zu kalt war oder geregnet hat. Also sitzen die Sonnensucher auf gepackten Picknick-Körben, träumen von Waldwiese, Schrebergarten oder Dampferfahrt und blinzeln in den Mai- oder Junihimmel:Wie sieht´s wohl aus?
Ein kräftiges Frühlingsgewitter mit Sturm ist ebenso drin, wie ein Vorsommertag mitten in der großen Blütezeit. Sicher ist nur:Pfingsten fällt auf den fünzigsten Tag nach Ostern, und etwas anderes heißt es auch nicht:„Pentekosté“ sagen die Griechen, der Fünfzigste.
Pünktlich zu diesem Termin wurde, so will es die christliche Saga, der Heilige Geist ausgesandt, der gemeinsam mit Vater und Sohn die göttliche Dreieinigkeit bildet. Damit erfüllte sich eine Verheißung des Jesus von Nazareth bei seinem Abschied:„...ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit„ (Johnnes 14,16). So betrachtet, ist Pfingsten der Geburtstag der Amtskirche, denn erleuchtet vom Heiligen Geist begannen die Jünger ihre Mission. Dabei gingen sowohl Ostern wie Pfingsten aus jüdischen Festen hervor, die Anfang und Ende der Getreideernte markierten. Im Mittelalter fanden zu Pfingsten Turniere und Ritterspiele, Hoffeste und Fürstenhochzeiten unter freiem Himmel statt. An König Artus Hof wurde nicht nur gefeiert. Auch die Bittsteller hatten Pfingsten Gelegenheit, ihr Begehr zu erklären. Von Barbarossa ist überliefert, dass er 1184 rund 70.000 Fürsten und Ritter zum Pfingstfest nach Mainz einlud. Schützengilden und Reitervereine veranstalten auch heute ihre Pfingst-Turniere. Die katholische Kirche nutzt das Fest seit 1993, um für das kirchliche Hilfswerk Renovabis zu sammeln, das sich dem Wiederaufbau der Kirchen in osteuropäischen Ländern widmet.
Vielleicht ist im Picknick-Korb ja noch Platz für einen Leckerbissen mehr. So schafft man sich Gäste nach Laune und Lust - und das Pfingstfest wird etwas Besonderes sein. Henry-Martin Klemt

Die Mitte setzt sich durch

Die Kontinente bewegen sich. Das haben wir alle im Erdkunde-Unterricht gelernt. Und auch innerhalb der großen Festlandsplatten tut sich so manches. Europa wächst zusammen. Das lesen wir jeden Tag in der Zeitung. Keine Frage, dass auch Frankfurt (Oder) von solchen gravierenden Veränderungen nicht unberührt bleiben kann. Deshalb wurde es schließlich absolut unvermeidlich, die Autobahnabfahrt Frankfurt (Oder)-Süd, die früher einmal schlicht Frankfurt (Oder) hieß, nun endlich in Frankfurt (Oder)-Mitte umzutaufen. Ortsfremde haben sonst wahrscheinlich auch kaum eine Chance, sich bis zum Zentrum der Metropole durchzufinden. Vielleicht hat ein Ministerialbeamter in Berlin es bei seiner letzten Passage auch schlicht übersehen und deshalb auf der Umbenennung bestanden. Damit man weiß:Das Frankfurter Zentrum ist da, ganz bestimmt, irgendwo hier muss es irgendwie sein...
Möglich aber auch, dass jetzt endlich die seit langem vollmundig angekündigten Fördermaßnahmen greifen, die mit dem Sozialabrissprogramm der rotgrünen Bundesregierung einhergehen sollen. Schließlich schafft eine solche Umbenennung jede Menge Arbeit. Es sind ja beileibe nicht nur die blauen Schilder an den Autobahnen, die geändert wurden. Nun sind die Autokarten dran und alle Navigationssysteme, die Frankfurt (Oder)-Mitte noch nicht kennen. Auch bei den Mautgeräten, wo Fahrtziele manuell eingegeben werden, muss der Süden der Mitte weichen. Ein echter IT-Job! Unternehmen, die über diese Route erreicht werden - so viele sind es freilich nicht mehr dank der klugen Wirtschaftspolitik in Berlin, Potsdam und Frankfurt - müssen die Wegbeschreibung für ihre Kunden und Lieferanten ändern. Sie sollten dabei aber nicht allzu voreilig sein. Vielleicht heißt Frankfurt (Oder)-Mitte ja demnächst Frankfurt (Oder)-Ost. Weil das besser zu Frankfurt (Oder)-West passt. In diesem Falle gäbe es nur eine, dauerhaft Gültigkeit versprechende Lösung: Letzte Ausfahrt vor der Bundesgrenze. Das stimmt immer. Henry-Martin Klemt

Ein Feiertag für die Stadt

Für Frankfurt ist dieser Sonnabend ein Feiertag. Er ist der Stadt nicht in den Schoß gefallen. Viele Menschen haben ein Verdienst daran. Der Einweihung des ersten der drei Chorfenster in der Marienkirche ging eine lange Geschichte voraus.
Sie begann, das soll nicht vergessen sein, mit Verbrechen und Schuld und angstvoller Erwartung der Sühne. Ohne den von Deutschland entfesselten Krieg hätte die gläserne Bibel nicht verpackt und versteckt werden müssen, hätte sie ihre lange, heimliche Reise nach Russland niemals angetreten. Dort tauchte der Kunstschatz Anfang der 90er Jahre wieder auf, und die ihre Hand über ihn hielten, taten das auch in Erinnerung an Millionen ermordeter Menschen, an Tausende niedergebrannter Kirchen, in denen die deutschen Brandschatzer nicht selten zuvor die gesamte Gemeinde eingesperrt hatten. Die Kunst - eine Geisel des Gedächtnisses?Es sind Menschen über die Schatten der Vergangenheit und die des eigenen Schmerzes gesprungen, damit das nicht so bleibt. Ihnen zuerst gilt der Dank. Zumal ihre Verhandlungspartner zur Zeit der Regierung Kohl nicht selten das Fingerspitzengefühl eines Holzfällers bewiesen. Frankfurter waren es damals, die den leisen Tönen wieder Dominanz verschafften, Kirchen- und Stadtvertreter, die sich als Partner erboten und nicht als Inkasso-Diplomaten.
Als die wertvolle Fracht dann endlich hier war, brauchte es sehr viel Geld - und es wird noch sehr viel Geld brauchen, bis alle Fenster in ursprünglicher Pracht wieder erstrahlen. Die Deutsche Umweltstiftung, die Sparkasse, Land und Bund griffen tief in die Geldbörse, um die Spezialwerkstatt und die hoch engagierten Restauratorinnen zu bezahlen. Aber auch Tausende Frankfurter und Besucher der Stadt trugen Euro für Euro zusammen. So wurden die Kirchenfenster zu einem Gemeingut, weit über die Christenheit der Region hinaus. Dank gebührt aber auch denen, die die Kirche gerettet haben, nicht vor dem Krieg, sondern vor der Dummheit. Das sind oft die schwersten Siege. Den Siegern sei Dank. Henry-Martin Klemt

Gar nicht erst fragen

Die Franzosen haben es. Die Niederländer auch. Und sie machen Gebrauch davon. So ungeniert, dass es ihren Regierungen den Schweiß auf die Stirn treibt und den Sessel unter ihrem, nun ja, nicht gerade Denkorgan wegreißt. Das Referendum zum Verfassungsvertrag der Europäischen Union in Frankreich hat es gerade gezeigt. Nur auf Treu und Glauben lassen sich die Souveräne, wenn sie denn schon einmal gefragt werden, das dickleibige Konvolut nicht überstülpen, das die Militarisierung der Europäer festschreibt und wirklich Reformbedürftiges eher zementiert, als in Bewegung bringt. Natürlich haben Menschen die Gelegenheit auch beim Schopf gepackt, um ihren Regierenden einen Zettel zu verpassen. Sie haben sich etwas dabei gedacht, und das wird sich vielleicht schlecht ins Hochdeutsche übersetzen lassen - wohl aber in ein Wählerkreuzchen.
In Deutschland macht sich erst gar keiner die Mühe. Zu gefährlich scheint es, den Rat des Volkes einzuholen in solch existenziellen Fragen. Bei uns kippen Kanzler und Minister schon aus geringfügigeren Ursachen aus den Sesseln, da muss man nicht noch nachhelfen. Außerdem hat es sich bewährt, Grundgesetze ohne Basis zu erlassen. Zu verändern. Aufzuweichen. Von den unfeinen Unterschieden zwischen Verfassungstext und Verfassungswirklichkeit ganz abgesehen. Gilt in der Theorie das Zölibat, sind wir in der Praxis ein bisschen schwanger. Gilt im Gesetz der Frieden, machen wir in Wirklichkeit ein wenig Krieg. Gilt die Verteidigung Deutschlands im Paragraphen, wird tatsächlich weltweit vorneverteidigt.
Wer so handelt, darf sich des Misstrauens zumindest kleinerer Gruppen des Gemeinwesens allerdings gewiss sein. Schlussfolgerung der Stellvertreter-Demokraten:Gar nicht erst fragen. Man sieht doch, wohin das führt.
Frankreich hat ein Zeichen gesetzt. Und auch, wenn es ein Zeichen der Ablehnung für einen europäischen Verfassungsvertrag war, so war es doch gleichsam ein Zeichen für Europa. Mich jedenfalls hat es ermutigt. Henry-Martin Klemt

Skandal der Schlucker

Es ist schon ein ziemlich dubioser Haufen, der uns da allmonatlich und von Jahr zu Jahr tiefer in die Taschen greift. Vollkommen unabhängig übrigens davon, ob wir seine mehr oder weniger glaubwürdigen Angebote in Anspruch nehmen. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen samt seiner Gebühreneinzugszentrale: ein Artefakt sozialistischer Kommandowirtschaft mit Blähungstendenz.
Gerade wird die ARDvon einem Skandal eingeholt, an dem sie immerhin ein Jahrzehnt vollkommen ungestört arbeiten konnte. In einer Seifenoper des Sendersauriers tummelten sich diverse Unternehmen mit ihren Produkten. „Placement„ nennt man so etwas. Es sieht aus wie die Wirklichkeit, in der auf dem Cola-Etikett ja auch nicht „Braune Limonade„ steht, und überzeugt gerade durch seine scheinbare Zufälligkeit. Die Marketingabteilungen der Konzerne wissen das. Die Produktionsfirma Bavaria wusste es auch. Entsprechend hoch waren die Summen, die über den Tisch gingen. Keiner hat´s gemerkt, keiner hat´s gewusst, aber gegen den Journalisten, der es aufdeckte, wurde sofort die deutsche Rechtspflege in Marsch gesetzt.
Natürlich sind die Extra-Einnahmen nur ein Tropfen auf die heiße Röhre. Das Meiste zahlt weiterhin jeder Besitzer einer Möglichkeit, die die Möglichkeit bietet, diese Programme möglicherweise zu mögen. Denn obwohl die Öffentlich-Rechtlichen Slogans a la „Zote bringt Quote„ längst verinnerlicht haben, fürchten sie den viel gepriesenen Wettbewerb, wie man nur etwas fürchtet, das leicht die eigene Existenz kosten kann.
Die Antworten freilich, warum die Rundfunkkonsumenten die nimmersatten Gebührenschlucker angeblich so dringend benötigen, fallen immer dürftiger aus. Wie auch sonst in der Marktwirtschaft zeigt sich:Vieles können die Privaten besser, kundenfreundlicher, effizienter. Wer jetzt TV-muffelig dazwischenruft:„Klar, die Verblödung auch„ - dem sei gar nicht widersprochen. Doch die verlangen dafür wenigstens nicht immer noch mehr Geld. Das find´ ich ehrlicher.Henry-Martin Klemt

Pazifisten gibt es wirklich

Es war mehr als eine freundliche Geste, dass die BigBand der Bundeswehr in Frankfurt ein Platzkonzert für gemeinnützige Zwecke gab. Auch dass es mit dem 50. Gründungstag der Bundeswehr zusammen fiel, war sicher kein Zufall. Martin Patzelt, der in der Nationalen Volksarmee keine Waffe anfassen mochte, muss dieser Sound das Gedächtnis getrübt haben. Wenigstens erklärte er einem lokalen Sender, dass die Bundeswehr fünfzig Jahre lang in keinen Krieg verwickelt gewesen sei und kein fremdes Land überfallen habe, sondern lediglich im Auftrag der UNO Friedensdienst leiste.
Das einzige Gremium der UNO, das jemanden zu einem Waffengang ermächtigen kann, ist der Sicherheitsrat. So steht es in der Charta der Vereinten Nationen. Die NATOscherte sich nicht darum, als sie am 24. März 1999 die Bundesrepublik Jugoslawien überfiel. Nach Angaben des Internationalen Europäischen (inoffiziellen) Tribunals über den NATO-Krieg gegen Jugoslawien, zu dem namhafte Völkerrechtler gehörten, wurden 37.465 Angriffe auf das Territorium der Bundesrepublik Jugoslawien geführt, in deren Verlauf etwa 20.000 Tonnen Bomben und Raketen eingesetzt wurden. Dabei wurden zwischen 500 und 2000 Zivilpersonen ermordet. Eine Reihe solcher Friedenstaten sind dokumentiert. Eine davon, der Beschuss der Brücke von Varvarin, ist vor einem deutschen Gericht in der Berufungsinstanz anhängig. Die Bilder dieses Raketen-Doppelanschlags an einem Sonntag auf ein wehrloses Dorf gingen um die Welt.

Verschiedene Bilder also:die Bundeswehr, die bei der Flutkatastrophe mit ihren Soldaten Übermenschliches, und die Bundeswehr, die mit ihren Soldaten Unmenschliches leistet, auch wenn sie mit AWACS und Aufklärern nur „Schmiere stand„. In Frankfurt wurde dagegen demonstriert, gab es Friedensgebete, wandten sich Grüne, Sozialisten, Sozialdemokraten und Stadtmütter gegen die NATO-Aggression. Auch im Rathaus. Martin Patzelt müsste es eigentlich wissen. Henry-Martin Klemt

Vampire in der Kultur

Zu den wenigen verlässlichen Traditionen, die Frankfurt nach der Wende aufgebaut hat, gehört der kulturpolitische Vampirismus. Einrichtungen und Ensembles werden die Schlagadern aufgerissen und zugleich wird verkündet, dass sie auch blutleer wunderbar existieren können. Jedenfalls, bis sie tot sind. Dann wird am Grab eine Rede gehalten, dass dies nun aber der letzte Fall gewesen sei, der von Herzen schwer fiel, aber alle anderen retten soll. Die Prophezeihung, dass dies, kaum ausgesprochen, ein Irrtum, so nicht eine Lüge war, fiel allemal leicht und ist in Ihrer Wochenzeitung über die Jahre hin nachzulesen.
Zu Zeiten des ersten Nachwende-Oberbürgermeisters lancierte der damalige Kulturdezernent eine Kultur-Streichliste in die Öffentlichkeit, die das Stadtoberhaupt in Bedrängnis brachte. Es dauerte nicht lange und der Dezernent musste das Handtuch werfen. Der Oberbürgermeister allerdings auch.
Inzwischen ist mit den kommunalen Schulden auch die Unverfrorenheit gewachsen. Kaum liegen die Schreckens-Szenarios samt der Warnung vor ihrer Umsetzung auf dem Tisch, nimmt der Oberbürgermeister seiner Bürgermeisterin die Verantwortung für den Kulturbereich aus der Hand. Abgesehen von der skandalösen Einmaligkeit des Vorganges und dem Umstand, dass Martin Patzelt seine Fachfrau nicht einmal eines Gespräches würdigte, steckt in diesem Angstsprung auch eine gehörige Missachtung der Kultur überhaupt:Denn natürlich weiß Patzelt, dass er mit diesem Paket an Aufgaben überfordert ist - das war er schon, als er nur für Soziales und Kultur und nicht für die gesamte Stadt zuständig war. Aber zum Aufstieg gehört die Verdrängung.
Das Streichpaket, das er nun in die Debatte eingebracht hat, ist alles andere als mutig. Patzelt hofft, indem er fast alle zum Aderlass verurteilt, die Verantwortung für das Sterben der nächsten Einrichtung auf die Akteure selbst abschieben zu können. Zur gleichen Zeit packen wieder tausend Frankfurter die Koffer. Die Gründe liefert die Stadtspitze ihnen frei Haus. Henry-Martin Klemt

Der Kuchen ist trocken

Das Freizeitzentrum Helenesee ist heruntergekommen. Dem Wetter lässt sich das schrumpfende Interesse am verschlissenen Seeufer nicht mehr in die Schuhe schieben - dazu genügt ein Blick nach Müllrose oder an andere Orte, wohin die Sonnensucher mit den Jahren abgewandert sind. Die Helene-Betreiber haben sich augenscheinlich übernommen.
In welchem Maße der immer schnellere Niedergang auch dem Vertrag mit der Stadt als Eigentümerin zuzuschreiben ist, wird sich noch zeigen. Dass mit den Penz-Nachfolgern der nächste Fehler begangen wurde, war allerdings schon vor drei Jahren klar. „Wir hatten gehofft, mit Unternehmern aus Frankfurt (Oder) würde das Prinzip Okkupation und Entfremdung aufhören. Tatsächlich setzen die neuen Betreiber das, was Penz begonnen hat, mit noch größerer Brutalität fort", zitierte Ihre Wochenzeitung um die Jahreswende 2002 / 2003 Frank Hammer.
Der PDS-Mann warf der Kommune vor, nie couragiert Stellung zu den Entwicklungen genommen, geschweige denn auf die Erfüllung der geschlossenen Verträge gepocht zu haben. Aber auch die PDS ließ das Thema nach der Oberbürgermeisterwahl wieder fallen. Der wirtschaftliche Berater des Unternehmens sitzt schließlich in der eigenen Fraktion. Die frühere „Perle" verfiel weiter.
Dabei stand seinerzeit hinter dem Zuschlag für die einheimischen Unternehmer auch eine Idee, die bei der europaweiten Ausschreibung zugunsten der Hiesigen ausschlug. Es war die schöne Vorstellung, dass Lokalpatriotismus zum Wirtschaftsfaktor werden könnte, dergestalt nämlich, dass unter dem Dach der AG wirtschaftliche Kräfte der Region für die Region gebündelt würden. Ob die AG das jemals versucht hat, lässt sich kaum beantworten. Ein breiteres Bündnis unternehmerischer Kraft jedenfalls kam niemals zustande. Stattdessen bröckelt die AG scheinbar selber. Die Stadt ist auch finanzell nicht zur Abhilfe fähig. Der Kuchen ist trocken geworden, die Perle stumpf. Die Zeit zum Neustart ist reif.Henry-Martin Klemt

Durch dick und dünn

In Markendorf machen sich zwei frisch gebackene Unternehmer mit einer tollen Idee selbtständig und stimmen ein Loblied auf den Lotsendienst der Industrie- und Handelskammer an. Deutsche-Bank-Direktor Mario Werner kommt persönlich und gratuliert dem Duo von AutoKult.
In Altberesinchen wird unterdessen ein Firmenjubiläum gefeiert. Das zugewanderte Urgestein - doch, so etwas gibt es bei uns - Wolfgang Melchert und seine Frau Doris sind anderthalb Jahrzehnte durch dick und dünn mit ihrem Kiez und ihrem Einrichtungshaus gegangen. In den letzten Jahren mehr durch dünn, aber entmutigen lassen haben sie sich davon noch lange nicht.
In Boomzeiten gehen solche Ereignisse vermutlich unter im lauthalsenSchlachtgetümmel des Wettbewerbs. Doch die Zeiten boomen nicht und die Pflege der ansässigen Unternehmen wird immer mehr zu einer Existenzfrage für die Stadt. Wenn Frankfurt im vergangenen Jahr nur noch fünf Millionen Euro Gewerbesteuer kassieren konnte, dann ist etwas ganz gewaltig schief gelaufen. Nicht nur im großen Ganzen, auf das sich die Stadtführung so gern beruft, wenn sie keine eigenen Leistungen vorweisen kann, sondern auch im stückweisen Kleinen. Bestandspflege darf gerade in solchen Zeiten nicht hinter den meist überflüssigen Versuchen zurückstehen, Investoren nach Frankfurt zu holen. Schaut man genauer hin, sind es vor allem diese kleinen, bodenständigen und verwurzelten Familienbetriebe und Kleinunternehmen, durch die es in Frankfurt noch Arbeits-, Ausbildungs- und Praktikumsplätze gibt.

Nicht die Träume vom reichen Global Player, der seine Millionen ausgerechnet in den märkischen Sand setzen möchte, sind die Hoffnung der Stadt, sondern Leute von hier, die mit findigen Konzepten auf das eingehen, was Leute von hier brauchen. Und die auch ein Gespür dafür entwickelt haben, was sie ganz gewiss nicht brauchen. Deshalb täten die Stadtmütter und -väter vielleicht ganz gut daran, öfter mal auf ihren Rat zu hören. Henry-Martin Klemt

Solidarität - mit wem?

Großbritannien wurde in der vergangenen Woche daran erinnert, dass es sich im Krieg befindet. In einem Krieg, den das Land an der Seite der USA selbst vom Zaum gebrochen hat. Einem Krieg, in dem auf beiden Seiten unschuldige Menschen sterben. Es ist nicht auszumachen, warum hinterhältige Bomben in den Hauptverkehrsadern Londons grausamer sein sollten als von Kriegsschiffen abgefeuerte Marschflugkörper, die in die Wohnviertel von Bagdad einschlugen. Der Krieg ruft die Fanatiker auf den Plan, die Endsiegstrategen. Ihr Vokabular ist der gleichen Sprache entlehnt, wie das Wort, das sich wie ein Glassplitter auf die Stimmbänder legt. Vom „Ausmerzen„ ist da die Rede, denn wir alle seien getroffen, die ganze zivilisierte Welt.
Na, hoppla. Erstens benimmt die zivilisierte Welt sich nicht so, als ob sie es wäre, wie Guantanamo und Abu Gharib zeigen. Zweitens ist die Vereinnahmungstechnik der Agitatoren allemal Grund, misstrauisch zu gucken, was sie mit ihren Fingern machen, während sie solche Sprüche klopfen. Sperren sie vielleicht gerade eine unbequeme Journalistin ein? Dreschen sie ein bisschen Stroh am Tisch der selbst ernannten G8?
Was war doch Wandlitz für ein argloses Bürokratenkaff, gemessen an dem Aufwand, mit dem sich die Regierungschefs dieser Staaten vor ihrer Zivilisation verstecken. Und - siehe George Dabbeljuh - vor der ihrer Freunde. Wurde da nicht eine ganze Region stillgelegt, mitten in Deutschland, wo sich die Helden von Bagdad doch ganz unbehelligt von ihren friedensstiftenden Maßnahmen erholen können und der Luftraum allzeit offen für die Friedenskrieger ist ?
Daran hat seltsamerweise kaum jemand erinnert in der vergangenen Woche. Schal schmeckte das Wort Solidarität auf den Lippen der Regenten. Wer immer sich mit den Kriegführenden verbrüdert, verbrüdert sich gegen die Opfer des Krieges. Wer sich mit den Opfern des Terrors - des islamistischen, des nordamerikanischen - verbündet, verbündet sich gegen die Kriegführenden. Beides zugleich ist nicht möglich. Henry-Martin Klemt

Vorsicht, Urlaub

Ist es eigentlich wirklich so spannend, wenn die Partei der Arbeitslosigkeitsverdoppler gegen die der Sozialleistungshalbierer in den Ring steigt? Selbst wo sie gemeinsam die Regierungsbank drücken, haben sie nichts gekonnt. Die Arbeitslosenquote in Brandenburg steigt immer weiter. Waren es 2002 noch durchschnittlich 19,1 Prozent, so wurde 2003 die 20-Prozent-Hürde genommen. 2004 hat sich nichts daran geändert, dass eine viertel Million Jobsuchende keine bezahlte Beschäftigung findet. Frankfurt hatte dabei immer einen überdurchschnittlichen Platz:Im Jahresmittel 2001 waren es 20,8 Prozent Arbeitslose, ein Jahr später 21,8 und im vergangenen Jahr 22,3 Prozent - ungeachtet der anhaltenden Bevölkerungsflucht, die die Zahl der Frankfurter von 86.131 am 3. Oktober 1990 auf 67.014 am 31. Dezember 2003 dezimierte.
Der Merk(el)satz, dass sozial sei, was Arbeit schaffe, mag ja stimmen, nur:Will sich die Bundeskanzlerin in spé denn etwa von vornherein selbst und einschließlich ihrer politischen Konkurrenz als asozial denunzieren? Das wäre allerdings eine verblüffende Art neuer Ehrlichkeit in der deutschenPolitik, die Wähler und Nichtwähler erst einmal zu verdauen hätten.
Für diesen Vorgang wurde vermutlich die Sommerpause erfunden. Falls man die Ferienzeit nicht braucht, um parlamentarische Erdstöße zu vertuschen. Das aktuelle Regional-Magazin berichtet unter der Überschrift „Ausgeliefert - Volksvertreter verraten ihr Volk„ über die stillschweigende Streichung eines in Artikel 16 des Grundgesetzes fixierten Rechtes:„Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden„. Seit dem vergangenen Sommer sollen nach Angaben des Magazins aber rund 300 Deutsche an das Ausland ausgeliefert worden sein. Nach Litauen wegen unbezahlter Alimente, nach Österreich wegen vermeintlichen Betruges und so fort. Das Zauberwort heißt:Europäischer Haftbefehl. Welches Grundrecht wird wohl verschwunden sein, wenn ich dieses Jahr aus dem Urlaub komme? Henry-Martin Klemt

Is ja nich so wichtich

Die deutsche Rechtschreibung ist - spätestens nach dem 1. August, wenn sie regierungsamtlich in Kraft tritt - der deutschen Politik zum Verwechseln ähnlich geworden:Keiner versteht sie, jeder hat eine andere Vorstellung davon, die meisten machen ihre eigene und an den intellektuellen Gaben jener, die sie sich ausgedacht haben, regt sich ein allgemeiner Zweifel. Der auch ein Zweifel an der Demokratie ist.
Nicht zu Unrecht, möchte man meinen, wenn man vernimmt, was sich einer der Vorkämpfer der Reform, Roman Looser, auf die Fahnen und in die Doktorarbeit geschrieben hat:„Mehr Aussicht auf Erfolg hätte nur ein Vorgehen, in dem die zuständigen Politiker weniger Rücksicht auf die Sprachgemeinschaft nähmen.„ Das ist zwar Schweizer Feder entsprungen, aber trotzdem sehr deutsch.
Nun wäre es allerdings müßig, all jene grammatischen und etymologischen Schlampereien zu wiederholen, die sich die Ratgeber teuer bezahlen ließen. Ihre Beratungsresistenz wächst bekanntlich proportional zu ihren Pensionsansprüchen. Doch dass das Maß der Ignoranten nun auch das Maß der Zeugnisnoten wird, dürfte zumindest in der Elternschaft noch für einigen Unmut sorgen. Während die Kinder, deren Stundentafel den Deutsch-Unterricht ohnehin längst auf Klippschulniveau heruntergeschraubt hat, wenigstens hier und da noch etwas von den pendelartigen Bewegungen in der Schreibung des letzten Dezenniums bemerkten, haben sich bei den Älteren Ratlosigkeit und Trotz ausgebreitet. Beides verschmilzt nach einer gewissen Zeit gewöhnlich zu alltagspädagogischen Formeln wie:„Is ja nich so wichtich.„ Denn nur sie entheben die Erzeuger des Zwanges, es besser wissen zu müssen.
Wer das für die vollkommene Resignation gegenüber den Pflegedienern - also Kultusministern - hält, irrt allerdings. Bei einem ernsten Volk wie den Deutschen ist der Satz:„Is ja nich so wichtig„ überhaupt erst die Lizenz zum Experiment jenseits der Vorschrift. Das Ergebnis wird ein ungeheures sein. Henry-Martin Klemt

Ödeme in der Bildung

Natürlich gibt es die Überflieger immer noch. Die wissen mit fünf, dass sie mit fünfundzwanzig Einstein sein wollen, und meistens sind sie es dann sogar noch ein bisschen früher - je nachdem, wie schnell sie dem brandenburgischen Bildungssystem entkommen konnten in die innere oder äußere Emigration.
Bei der neuen PISA-Studie hat sich das Land jedenfalls mit den anderen Trübwasseroblaten einen fairen Kampf um die Rote Laterne geliefert. Die brandenburgischen Schüler landen bei Mathematik auf dem zwölften von 16 Plätzen, bei der Lesekompetenz auf Rang 13 und im naturwissenschaftlichen Bereich auf Platz 15. Die Ergebnisse der Studie beruhen auf Tests, die im Jahr 2003 mit Schülern im Alter von damals15 Jahren gemacht wurden und bestätigen die bereits 2000 erzielten Ergebnisse.
Nun ist natürlich das große Wettrennen bei den Ursachenforschern ausgebrochen. Jede öffentliche Institution und allen voran die Politik schickt ihre Kaffeesatzleser - zu den jeweils anderen. Potsdam gibt sich überzeugt, dass die Bildungsreform, die sich im Testergebnis nur noch nicht niedergeschlagen habe, alles richten wird. Die Handwerkskammer pflegt ihr eher schlicht strukturiertes Gemüt:Die Schüler sind demnach selber Schuld. Die Lehrer nehmen die Eltern ins Visier und die Eltern die Lehrer. Und die Schüler?Die grinsen: Geschieht meiner Mutter ganz recht, wenn mir die Finger frieren, warum kauft sie mir keine Handschuhe...?
Die eine alles erklärende Ursache gibt es sicherlich nicht. Aber vielleicht haben die Ergebnisse der neuen PISA-Studie ja auch damit zu tun, welche anderen, außer Konsumansprüche, eine Gesellschaft zu formulieren vermag. Ob sie plausible Argumente hat, wozu die verlangten guten Noten gut sein sollen. Und ob sie Bedingungen schafft, die es wenigstens der Mehrheit der Schüler auch erlauben, solche Noten zu erreichen. Bildungshunger schafft auch Ödeme. Man sieht sie bloß immer erst eine halbe Generation später. Guten Start ins neue Schuljahr. Henry-Martin Klemt

Potsdamer Rohrkrepierer

Ein wenig pikant ist es schon, wenn ausgerechnet das prolligste unter den brandenburgischen Regierungsmitgliedern eine erzwungene Proletarisierung in der DDR als Ursache für Gewaltbereitschaft und Verwahrlosung ausmacht und damit nahelegt, die neun Kindstötungen, die in den vergangenen Tagen durch die Medien gingen, seien der SED-Herrschaft anzulasten. Nun sollte man von Brandenburgs Innenminister keine besonderen Höhenflüge verlangen - es sei denn, ballistische. Denn der einzige Beruf, den der Mann drauf hat, ist Kanonier. Und dem bleibt er augenscheinlich treu. Nach dem Abhandenkommen des Feindbildes durch die Beendigung des Kalten Krieges - zumindest von einer Seite - kommen ihm immer öfter Spatzen vors Rohr. Und Schönbohm macht eben, was er gelernt hat, er feuert, dass die Federn fliegen.
Interessanter ist da schon, wenn Brandenburgs CDU-Generalsekretär Sven Petke nach der letzten Breitseite des ausrangierten Generals von seinem Landesverband Geschlossenheit fordert. Da muss man schon mal fragen dürfen:Für Schönbohm oder gegen Schönbohm? Und wie schlägt sich die Geschlossenheit in den Taten der Landes-CDU nieder, so kurz vor den Bundestags-Wahlen?Oder ist Petke nur ein Sprücheklopfer der anderen Art?
Auch Ministerpräsident Matthias Platzeck befindet sich in einer peinlichen Situation. Sein dominanter Koalitionspartner passt so gar nicht zur Charme-Offensive des mit seiner Politik alles andere als erfolgreichen SPD-Teams in Potsdam. Trotzdem wagt der Deichgraf im Ruhestand es nicht, ein klares Wort zu sprechen, sondern entkonserviert erst einmal den Kultur- und Bildungs-Abbauminister Steffen Reiche als sozialdemokratischen Spitzenkandidaten.
Derweilen haben Gysi, Bisky und Co. gut lachen. Oder, wie Schönbohm vielleicht formulieren würde:freies Schussfeld. Manch anderem mag indessen ein alter Satz von Kurt Tucholsky durch den Sinn gehen, der da hieß:Schlimm, wenn Literaten Literaten Literaten nennen. Henry-Martin Klemt

Rathaus in die Kleist-Schule

Zum Sportunterricht durch die halbe Stadt traben. Kurz vor Schulbeginn noch nicht wissen, ob überhaupt ein Platz in der Schule ist. Wegen Schimmel gesperrte und - angeblich nicht gesundheitsgefährdende - muffige Klassenzimmer. Unterrichtsräume, in denen der Befehl „Blick frei gradeaus„ gilt, weil nur eine einzige Wand gemalert wurde. Nein, Frankfurt braucht keine Pisa-Studie. Dass die Bedingungen für viele Schüler - und Lehrer! - der Stadt der blanke Hohn sind, ist für jeden offensichtlich. Dafür haben wir jetzt ein Rauchverbot an den Schulen. Fein, nun belagern die Nikotiner den Bürgersteig, so dass für andere mancherorts kaum mehr ein Durchkommen ist.
Die Beispiele dürfen durchaus als Ausweis von Verwaltungshandeln in Land und Stadt gelten. Selten wird es so gut sichtbar wie in diesem Bereich. Das Verschleudern von Steuergeldern durch vermeintliches Sparen. Das selbstgefällige Ignorieren fachmännischer Kompetenz in Sanierungsfragen. Das eigenmächtige Hantieren mit Budgets. Und hinterher natürlich allzeit die passende Ausrede bei der Hand.
Nicht vergessen sollte aber sein, dass die Verwaltung ein ausführendes Organ ist. Sie setzt politischen Willen um. Allerdings nur, das liegt in der Natur bürokratischer Apparate, so gut, wie er von der Legislative artikuliert und seine Umsetzung kontrolliert wird. Wo die Stadtverordneten selber keine Ahnung, keine Autorität und keine Courage haben, tanzen die Mäuse auf dem Tisch, sieht´s aus wie bei Hempels unterm Sofa oder bei Frankfurtern in der Schule. Schließlich kann man gar nicht früh genug anfangen, die Jugend aus der Stadt zu vergraulen. Außerdem lässt sich auf diese Weise der größte Teil jeder störenden Initiative abtöten. Hier und da soll es allerdings trotzdem noch Lehrer geben, die den Verfall um sich herum mit einem Lächeln überstrahlen, und Eltern, die sogar bereit sind, in ihrer freien Zeit den Pinsel zu schwingen. Sie haben auch andere gute Ideen:Das Rathaus zieht in die Kleistschule und die Schule ins Rathaus. Wie wäre denn das? Henry-Martin Klemt

Ich denk, ich träume

Hey, Mick, ich hab jetzt so Albträume immer, und du bist schuld. Ich stehe in unserer Schulaula und plötzlich geht das Licht aus. Die fünf Relais von unserer selbst gebauten Lichtorgel knattern gottserbärmlich, und vor mir steht Angela im Blauhemd und ich muss ganz eng mit ihr tanzen. „Ohne Liebe in unseren Seelen und ohne Geld in unseren Taschen kannst du doch nicht sagen, dass wir zufrieden wären.„ Und sie zieht mich immer weiter an sich ran und in sich rein. „Aber Angie, Angie, du kannst nicht sagen, wir hätten´s nicht versucht.„ Versteh mal, ich bin dreizehn und Thälmannpionier, und Angela, die Klassenbeste, hat schon ihr Abi in der Tasche. Wer hat die überhaupt hier reingelassen? Naja, wer sich so einen ursten Studienplatz aussuchen darf, obwohl er von Kirchens kommt, für den ist auch die Aula kein Hindernis. „Alle Träume, die wir festhielten, lösen sich auf in Rauch. Lass mich dir ins Ohr flüstern:Angie, Angie, wohin wird uns das von hier führen?„ Als das Knattern der Relais verstummt und das Licht angeht, hab ich eine knallrote Omme. Und sitze in meinem Bett. Du bist schuld, Mick. „Ich hasse die Traurigkeit in deinen Augen.„ Aber gehörten die nicht zu Kerstin?Sonja?Elfi? Kerstin trug immer enge Pullis, die sie aus ihren Westpaketen hatte. Sonja hatte ein Kleid an, so was Leichtes, das nach Sommer duftete. Elfi liebte Glockenröcke und weite Blusen. So viel ich auch grüble, eine Angela war nicht dabei. Ein Blauhemd auch nicht. „Komm, Baby, trockne deine Augen. Ist es nicht schön, am Leben zu sein?Sie können nicht sagen, wir hätten es nicht versucht.„ Nein, Mick, ich find´s auch „not amused.„ Die Ideenlosen rauben sich die Ideen. Die Rotzprüden klauen sich die Erotik. Die mit der berufsbedingten Amnesie stehlen sich fremde Erinnerungen. Fällt dir dazu noch was ein? Ach ja, Mick, alter Adelsklumpen, ich weiß schon: „Wenn ich durch die Welt geritten bin, und hab das gemacht und jenes unterschrieben und hab ein paar Mädchen angebaggert... Ich kann keine Befriedigung finden, nein, ich kann keine Befriedigung finden.„

Verfallsfrist abgelaufen

Irgendwie waren sie alle in der Opposition. Wenigstens entsteht dieser Eindruck, wenn die Wahlkämpfer der Parteien, die für den Bundestag kandidieren, jetzt ihre Runden drehen. Plötzlich entdecken Leute Probleme, die zu lösen sie jahrelang Zeit - und den Auftrag der Wählerhatten. Sie verirren sich an Tankstellen der gebeutelten Pächter in der ostbrandenburgischen Grenzregion. Sie jonglieren Steuerberechnungen, denen kein gewöhnlicher Sterblicher folgen kann. Sie wollen ganz doll viele Arbeitsplätze schaffen, obwohl sie bisher nur ALGII-Empfänger hingekriegt haben. Sie bemerken auch, dass Gesetze eine Verfallsfrist haben sollten und es ihrer überhaupt zu viele sind. Aber mit wie viel Tonnen Paragraphen haben sie bis eben noch ihre eigene Abgeordnetenexistenz zu rechtfertigen versucht?
Parteiaktionismus hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Ungefähr so, wie eine Polizei, die bei der ganz gewöhnlichen Streifenfahrt vor aller Autofahrer Augen über die Sperrlinie wendet und an der Stadtbrücke untätig zuschaut, wie Radler und Fußgänger bei Rot über die Ampelkreuzung düsen.
Oder ungefähr so, wie eine Justiz, die feststellt, dass ein Staatssekretär, der sich zwei Millionen Bimbes in die Tasche steckte, nicht etwa korrupt ist, sondern ein arger Steuersünder, denn er hätte wenigstens den Fiskus am Erfolg seiner Rüstungsdeals beteiligen müssen. Macht aber nichts, denn weniger als vier Wochen nach der Verurteilung schließen sich die Gefängnistore hinter dem Lotterbuben und er kann wieder die Luft des freien Marktes atmen.
Oder so wie der kantige Ex-Innenminister, der nicht müde wurde, gegen Geldwäscher, Scheinasylanten und Kleinkriminelle zu kämpfen, während er Parteimillionen in der Schweiz versteckte, um mit der einzig wirksamen Waffe - dem Kapital - der drohenden Weltrevolution die Stirn bieten zu können.So viele bunte Gesichter auf den Plakaten. So viele schwarzweiße Sprüche in den Gazetten. So viel Fernsehen ohne Aussicht. Es wird wieder Herbst. Henry-Martin Klemt

...ein Haus in New Orleans

Für die Betroffenen ist es bitter:Das Land, das sich eitel das reichste der Welt nennen lässt, wird daran erinnert, dass man Geld nicht essen kann. Und der US-Präsident, den seine Hofnarren rund um den Globus als den mächtigsten Mann der Welt halluzinieren, erweist sich als hilfloses Hascherl, dem nichts Besseres einfällt, als angesichts der meteorologischen und moralischen Katastrophe in seinen südlichen Gefilden zum Kriegsrecht zu greifen.

Hätte die amerikanische Administration in der Vergangenheit für den Katastrophenschutz auch nur einen Bruchteil jener Kraft aufgebracht, die sie vorzugsweise für den Überfall auf andere Völker und die hurrikanartige Vernichtung fremder Infrastrukturen einzusetzen wusste, wären heute weniger Menschen in ihrem eigenen Land der Verzweiflung anheim gegeben. Das schlechte Beispiel, steht zu hoffen, ist lehrreich für die Vasallen.
Denn so weit weg, wie sie scheinen, sind die Katastrophen nicht. Was der Sturm jenseits der Ozeane anrichtet, sind die Feuersbrünste an den Küsten Europas. Nicht wenige Wissenschaftler sehen darin die Folgen klimatischer Veränderungen in den letzten Jahrzehnten. Allenfalls streiten sie noch darüber, welchen Anteil der Mensch daran hat.
Doch selbst, wenn die Desaster in Deutschland von Brandenburg bis Bayern sich vorerst harmlos ausnehmen gegenüber dem Wüten der Naturgewalten an anderen Plätzen der Erde, so haben die Folgen doch alle gemeinsam zu tragen. Kyoto und Rio hätten zu leuchtenden Zeichen des Zusammengehens im Widerstand gegen globale Bedrohungen werden können. Stattdessen wurden sie zu Symbolen der Halbherzigkeit und der erpresserischen Unterwerfung der wirtschaftlich Schwächeren unter die profitablen Gesetze der Unvernunft.
Ein Weilchen mag es ja genügen, den kollektiven Aufschrei gegen die Preise an den Tanksäulen zu richten und individuell nach dem Kleingedruckten der eigenen Versicherungspolice zu äugeln. Aber wie lange noch? Henry-Martin Klemt

Die Wahl genießen

Kaum scheint die Sonne:Zu heiß! Kaum regnet es:Zu nass! Kaum regt ein Lüftchen sich:Zu windig! Kaum, dass man die Hemdsärmel herunterkrempeln muss:Zu kalt!So kann man sich das Leben auch schwer machen. Dabei lässt doch alles, was nicht im Übermaß erscheint, sich genießen. Die Lust ist immer eins mit dem Jetzt, sie trauert dem Früher nicht nach und wartet nicht auf das Später. Sie nimmt an, was geschieht. Deshalb kann sie uns ganz und gar ausfüllen. Die Sonne, der Regen, der Wind werden schön und die Kühle scheint erfrischend angenehm.
Aber dieser Einklang ist selten. Ich zum Beispiel warte, dass es endlich brummig kalt wird, dass das Leben sich in die warmen Stuben zurückzieht. Dann darf ich auch. Vergangenes Jahr um die Weihnachtszeit hat meine Frau einen wunderbaren Roman in drei Wochen gelesen. An einigen Abenden las sie auch mir daraus vor. Also gierte ich nach der Lektüre und im Juni, schien es, hatte ich endlich die Muße dafür. Jetzt ist es September. Ich bin auf Seite 213. Meine Frau hatte Recht. Es ist ein ausgezeichnetes Buch. Aber im Urlaub redete ich lieber mit Freunden und danach waren die Tage so lang, dass mir die Augen zufielen, wenn ich nur zum Nachtschrank hinlangte, wo die Geschichte meiner harrte. Selbst, wenn ich einmal mehr als eine viertel Stunde auf die Seiten schauen kann, ohne dass die Augen brennen, fallen mir all die anderen Sünden ein:Ungeschriebene Rezensionen, nicht redigierte Buchmanuskripte, das Hinhalten der Freunde, die auf Post oder E-Mails warten. Meine Arbeit macht mir Spaß, sage ich mir immer wieder trotzig, aber dieser Sommer ist einfach zu lang oder die Nächte sind einfach zu kurz, und wie ich es auch drehe:Vom großen Einklang keine Spur.
Also warte ich auf kältere Tage. So gut hab ich gelernt, mich selbst zu betrügen. Als wüsste ich nicht, es liegt weder an Frühling, Sommer, Herbst noch Winter. Es liegt an mir. Erst wenn aus „keine Zeit„ wieder „meine Zeit„ wird, bin ich frei zu entscheiden. Die Wahl zu haben, könnte ich genießen. Henry-Martin Klemt

Supergau der Etablieerten

Frankfurt ist seiner Zeit voraus. Die Bundestagswahlen haben es bestätigt. Das Berliner Chaos - für uns ist es eine längst bekannte Übung.
Ein Stadtoberhaupt, dem der (Partei)Körper abhanden gekommen ist, der ihn doch eigentlich tragen sollte, ein ehemaliger Vorsänger der Sozialdemokraten, der seiner Partei nach Jahrzehnten mit Grausen den Rücken zuwendet, ein Stadtparlament ohne sichere Mehrheiten, in dem man sich, ganz auf die Sache verwiesen, über Parteigrenzen hinweg näher kommt, als Landes- und Bundeszentralen lieb ist:Leute, es geht! möchte man zur Hauptstadt hin rufen. Es geht miserabel bis lächerlich, aber es geht!,Trägheit macht´s möglich! Und Trägheit ist eine verlässliche Größe in Deutschland! Aber freilich hat auch sie ihre Grenzen.
Aus diesem Grund ist das angeblich komplizierte Wahlergebnis im tatsächlich gespaltenen Land durchaus nicht das Schlechteste, was den Wählern passieren konnte. Die neue Regierung lässt sich nicht mit den alten Parteiparolen zusammenlöten. Die Haltbarkeitsdauer des Kabinetts reduziert sich nicht auf die Druckkraft des Kanzlergesäßes. Turbulenzen sind vorhersehbar. Der Super-Gau der Etablierten,Unruhe nämlich, wird zum politischen Alltag der Republik gehören. Wer sich zurücklehnt, könnte leicht ins Leere fallen.
Opposition, die möglicherweise aus mehreren Richtungen kommt und mit verschiedenen Politikansätzen in die politischen Entscheidungsprozesse eingreift, sorgt für eine andere Dynmaik als das gewohnte Rollenspiel, nach dessen Regeln der Regierung immer das vorgeworfen wird, was man - wäre man gerade selbst am Ruder - tunlichst unterließe. Unbequeme Fragen in hohen Häusern sorgen für mehr Transparenz im flachen Land, und die großen Lügen des Wahlkampftheaters lassen sich nicht so einfach durch die kleinen Lügen des Parlamentsalltags ersetzen.Deutschland bekommt einen Bundestag, der nachdenken muss, bevor er so weiter macht wie bisher. Naja, so betrachtet, ist Frankfurt seiner Zeit vielleicht doch nicht voraus. Henry-Martin Klemt

Nicht an Scherben messen

Nicht alle Kinder und Jugendlichen bringen sich ihre Bier-, Wein- und Schnapsflaschen mit auf die geile Meile. Viele warteten ganz geduldig auf den Freibier-Fassanstich, mit dem Oberbürgermeister Martin Patzelt das 17. Altstadtfest eröffnete. Wenn er nicht zu beschäftigt mit dem Zapfen war und einmal die verschatteten Orte rund um Leipziger und Dresdener Platz abgelaufen ist, dann müsste er die Früchte auch seiner eigenen Arbeit gesehen haben - in Gestalt einer von Jahr zu Jahr größer und immer jünger werdenden Schar von Heranwachsenden, die man „Problemkinder„ nennt.
Schönes Wort, denn sie sind ja wirklich die Kinder unserer Probleme damit, das Leben so einzurichten, dass man sich darüber und darauf noch anders freuen kann als im Vollrausch. Oder als dort, wo niemand so genau hinsieht, der seinen Platz im V.I.P.-Zelt hat.
Problemkinder hinterlassen Spuren. Im Kiez waren es Scherben. Im Leben sind es auch oft welche. Das kaputte Glas, über das sich viele Festbesucher und etliche Eltern beim Lampionumzug ärgerten -im Grunde ein Sinnbild für das, was uns ins Haus steht, wo wir das Haus nicht in Ordnung zu halten verstehen.
Die haben doch nicht alle Tassen im Schrank, sagen manche. Stimmt:Sie schmeißen sie uns vor die Füße. Die Gläser und Flaschen gleich dazu.
Und das sollen wir feiern?Nein. Das nicht. Aber dass in diesem an Traditionen reichen Kiez und angesichts einer immer bedrückenderen sozialen Situation Werte wie Nachbarschaftsgeist, uneigennütziges Engagement oder auch einfach nur die Lust, anderen eine Freude zu machen, seit anderthalb Jahrzehnten hochgehalten werden. Und dass das Abreißen von Förderketten und eine über weite Strecken kontraproduktive Stadtentwicklungspolitik den Initiativgeist der hier ansässigen Händler und Gewerbetreibenden nicht zu brechen, sondern anzustacheln scheint, ist ein weiterer sehr guter Grund. Dass sich der Kiez einen guten Namen gemacht hat, ist ein dritter. Und deshalb mag ich dieses Fest auch nicht nur an den Scherben messen. Henry-Martin Klemt

Brauchen wwir uns noch?

Was ein Gemeinwesen taugt, ob es sich im Niedergang befindet oder im Aufschwung, lässt sich nicht nur am Bruttosozialprodukt ermessen, das es erwirtschaftet, und nicht nur an der Methode seiner Verteilung. Ein Indikator ist auch die Art und Weise, wie die Gemeinschaft mit denen verfährt, die an ihren Rändern leben, und mit denen, die ihre Rechte überhaupt nicht mehr einklagen können.
Wer sich nicht mehr bemüßigt und in der Lage fühlt, seine Toten in Würde unter die Erde zu bringen, der hat seine Würde verloren. Ohne die gibt es aber auch keine kulturelle Entwicklung mehr.
Tote sind seltsame Wesen. Sie durchkreuzen die Pläne der Lebenden. Nicht nur, weil sie mitunter sehr unangenehme Wahrheiten bezeugen, weil sie als Mahnung und Menetekel stehen, sondern manchmal durch ihre bloße Existenz. Ihr Auftauchen stört aufwändige Gestaltungspläne. Ihre Umbettung verursacht Mühe und Kosten. Der Versuch, ihrem bislang vielleicht unbekannt gebliebenen Schicksal auf die Spur zu kommen, ist zeitraubend und rührt unter Umständen an alten Wunden. Dafür aufkommen muss die Gemeinschaft und sie bekommt dafür nichts. Kein Profit lässt sich aus den alten Knochen ziehen. Keine Sensation lässt sich vermarkten. Nichts hat die Gesellschaft davon, dass sie den Verscharrten ein Grab gibt. Niemanden der Toten kann sie retten. Nur die Würde, die eigene, und für die kann sich keiner was kaufen.
Ist sie nicht eine sehr schwammige Sache, diese Würde, deren Preis sich nicht beziffern lässt?Wofür steht sie?Warum ist sie wichtig?
Wir sind, zumindest ist das Gegenteil nicht bewiesen, das einzige Lebewesen, das um seine Vergängnis weiß, das sich mit seiner Existenz in einen Zeit-Raum stellt, der weit über die eigene Erdenfrist hinausreicht, in die Vergangenheit ebenso wie in die Zukunft. Dass wir den Toten Ehre erweisen, ist die Bestätigung, dass wir um die Vergangenheit wissen und auf die Zukunft hoffen dürfen. Wenn wir meinen, dass wir das nicht mehr brauchen, brauchen wir uns nicht mehr. Henry-Martin Klemt

Lustiges Raten raten

Nehmen wir einmal an, Jemand least sich ein Auto, schickes Ding, zumindest von außen, zieht die Blicke auf sich, toll. Jemand fährt los damit, obwohl er weiß, der Motor ist nicht der beste, die Bremse auch nicht, und die Kupplung, naja. Fährt trotzdem und knallt das Ding an einen Alleebaum. Nicht mehr so schick, die Blicke werden mitleidig. Und dann geht Jemand zu seinem Leasinggeber und sagt:Nun guck dir das verbeulte Ding bloß mal an, die Leute haben ja Mitleid mit mir, wenn sie mich damit herumfahren sehen. Kurz und gut:Wenn diese Karre überhaupt verdient, dass man dafür Leasingraten bezahlt, dann jedenfalls auf keinen Fall so hohe und am besten später und am liebsten gar nicht. Was würde der Leasinggeber dem Autofahrer sagen?Welchen Arzt würde er rufen?
Und die Helene? Märkische Perle?Waren nicht wackere Musketiere angetreten, sie zu putzen, dass es die Camperherzen freut, die Sonnensucher, Badelustigen, die Segler, Taucher, Angler?
Ein schickes Rezeptionsgebäude, dann war die Luft raus. Und nun heißt es - wenn man den Presseverlautbarungen glauben darf - eigentlich ist sie ja so viel gar nicht wert. Eigentlich möchte Jemand erst mal gar keine Pacht mehr bezahlen. Und die Stadt, wird sie wieder mal mit sich machen lassen?
Zu fürchten ist:Sie wird. Strunkhausen, wo ein Schlaglochcampus daran erinnert, dass der Herbst eine kummervolle Zeit ist, hat es noch immer geschafft, seine Schulden zu behalten und eifrig zu mehren. Wenn es sein musste, indem andere mit ihren Schulden aushelfen durften.
Warum sollten künftige Unternehmen anders ausgehen, als Spaßbad-Spielbank-Chipfabrik? Die Marktführer der Baubranche sind pleite. Kleine Gewerbetreibende ziehen hin und her oder suchen ihr Heil in der Flucht. Der Oberbürgermeister greift in Ermangelung von Autorität immer öfter zu autokratischen Entscheidungen, und die Birken in der Oderstraße verdorren, als wollten sie zeigen, was eine Stadt auf solchem Weg erwartet.Henry-Martin Klemt

Komponieren wie Erhaard

Es kommt alles wieder. Früher schepperte es:Wo ein Genosse ist, da ist die Partei! Heute blökt das Propagandaplakat:Du bist Deutschland!Das eine wie das andere ist polierter Schwachsinn, ausgedacht für Leute, von denen man weiß, dass sie nichts zu sagen haben, die sich aber so fühlen sollen, als ob. Weil sie dann entschieden pflegeleichter sind.
Wenn ich allerdings Deutschland wäre, würde ich mich zum Beispiel sofort an Österreich anschließen. Nicht wegen „Heim ins Reich„, sondern weil es mir allein viel zu langweilig hier wäre und es überhaupt keine Befriedigung bringt, andauernd nur mit sich selber rumzumachen.
Vielleicht würde ich mich aber auch erst einmal richtig vereinigen. Zum Beispiel, indem ich die Hochwasser von Rhein, Elbe und Oder brüderlich und schwesterlich zusammen führte. Schließlich bin Deutschland ich selber, und was immer ich mit mir anstelle, ist meine Angelegenheit. Auch wenn ich mich danach in Deutschsee umbenennen müsste.
Das hätte sogar noch einen ganz praktischen Vorteil. In den atlantischen Graben fällt schließlich auch nur deshalb niemand hinein, weil ein paar Tausend Meter Wasser drüber sind. Eine neue Nationalhymne gäbe es dann selbstverständlich auch:Händels Wassermusik.
Wenn allerdings der mümpfelnde Patriotismus nahelegen soll, dass Deutschland sich dort befindet, wo eines Landsers Stiefelspitze im heißen Wüstensand bohrt, dann wäre endlich auch klar, weshalb Deutschlands Freiheit am Hindukusch verteidigt werden muss.
Deutschland ist ein geografisches Gebilde, in dessen ziemlich willkürlich gefransten Grenzen ich meinen Aufenthalt habe. Wer mir etwas anderes erzählt, der nährt in mir den Verdacht, er führe etwas im Schilde und möchte zu dumm sein oder zu schlau, es mir offen zu sagen.
Und ich?Ich bin ein Deutscher. Ich kann komponieren wie Ludwig Erhard und Zigarren rauchen wie Ludwig van Beethoven. Meine Liebste aber kann ich küssen wie niemand anders als Henry-Martin Klemt

Keine Traumtänzerei

Beeindruckend ist es schon, wenn das brummende Kraftpaket mit seinen 600 Pferdestärken die Stahlblechbündel aus dem Waggon pflückt, um sie sanft auf einem Schwerlaster abzulegen. Der hat es nicht weit. Vom Kombinierten Verkehrsterminal des Europe Transport and Trade Centers geht es um die Ecke in die Georg-Richter-Straße. Dort hat die Feuerverzinkerei Voigt und Müller ihren Sitz. Mit 50 Beschäftigten und einer Ausbildungsquote von mehr als zehn Prozent. Aber auch sonst kann manch „Großer„ dem Mittelstandsunternehmen kaum das Wasser reichen. Wenn es für seine Auftraggeber im Jahr 20 000 Tonnen vorgefertigte Elemente für Verkehrsleitsysteme verzinkt, glänzt es vor allem durch Qualität. Die beste Verzinkerei, die wir in Deutschland beliefern, lobt Hans-Jürgen Hartmann von der GF Volkmann und Rossbach. Da wird Firmenchef Dr. Gunter Müller die Brust schon mal ein bisschen breiter. So ein Lob gibt es nicht oft auf dem freien Markt. So einen Tag auch nicht. Denn die Ankunft der Halbprodukte auf der Schiene ist neu. Mehr als ein halbes Dutzend Unternehmen, die meisten aus der Region, profitieren davon. Die Bewegung auf dem Terminal freut nicht nur den Betreiber BTS, sondern lenkt auch Blicke auf die Stadt, aus der sich vielleicht auch Exporte nach Osteuropa effizienter abwickeln lassen. Schließlich sieht auch die Verwaltung sich bestätigt. Zehn Jahre Arbeit stecken in dem ehrgeizigen ETTC-Projekt. Visionen mussten aufgegeben, das Gesamtvorhaben abgespeckt werden. Der wirtschaftliche Aufwand und die damit geschaffenen Arbeitsplätze stehen bis heute in keinem Verhältnis zueinander. Langsam könnte sich das jetzt zu ändern beginnen.
Vor allem aber ist dieser kleine logistische Schritt ein Signal:Es lohnt sich, intensiv Bestandspflege zu betreiben. Die Unternehmen in Frankfurt zu stärken, bedeutet, die Anziehungskraft der Stadt zu vergrößern. Auf diese Weise kommen vielleichtg eher Investionen nach Frankfurt, als durch manche traumtänzerische Wanderpredigt in der Vergangenheit. Henry-Martin Klemt

Wähler sind Fehler

Ab und zu, wenn in Deutschland Demokratie ausbricht, kommt das Land - oder wer auch immer sich gerade an zivilisatorischen Errungenschaften erprobt - in die Krise. Das Wahlvolk strömt an die Urne:Schon verrät es sich als höchst heterogenes Gebilde, das irgendwie nicht richtig funktioniert. Der Bundestag widerstrebt bockig dem jahrzehntelang eingeübten Ritual und macht aus der Akklamation für den Vizepräsidenten wirklich eine Wahl: Schon sind der abgewatschte Linksparteier und seine Genossen düpiert. Die SPD-Mündel wollen dem SPD-Müntel nicht folgen und leisten sich eine Entscheidung: Schon zittert die ganze Sozialdemokratie in den Knien wie Wackelpudding.
Wie sagte schon Walter Ulbricht?Wir müssen alles in der Hand haben, aber demokratisch muss es aussehen. Wenn das mal nicht klappt, ist das Fußvolk schuld. Sollte man es nicht, dem von Bert Brecht unterbreiteten Vorschlag folgend, gelegentlich neu wählen? So wie der Fischer regelmäßig sin Fru?
Vermuten lässt sich:Es wird nichts nutzen. Da nicht und dort nicht. Vermuten lässt sich auch:Eine Menge Volksbefragungen wird in der nächsten Zeit ganz bestimmt nicht stattfinden. Bei der - wollte man Vernunftgründen folgen - längst fälligen Fusion von Brandenburg und Berlin hat Ministerpräsident Platzeck schon bekannt, dass er lieber „unterhalb von Volksbefragungen„ Tatsachen schaffen möchte, bis die Leute selber auf den Geschmack gekommen sind. Auch bei der Entscheidung, wo die Bundeswehr, die sich gerade mit orwellschem Neusprech und großem Zapfenstreich feierte, künftig deutsche Sicherheit hinkriegen wird, bleibt das Volk garantiert außen vor. Auf die Frage, was das Sonderkommando eigentlich die ganze Zeit in Afghanistan anstellt, kriegt ja nicht einmal die Volksvertreterei eine Antwort. So geheim kann der Frieden sein.
Nein, da sind Wahlen wirklich das kleinere Übel. Wenn auf die Leute kein Verlass ist, wählt man eben nochmal. Irgendwann wird das Ergebnis schon stimmen. Henry-Martin Klemt

Wann fängt das Ende an?

Wann fängt das Ende des Jahres eigentlich an? Wenn nach solch endlos flammendem Herbst, wie dieser es war, die nächtlichen Temperaturen dem Gefrierpunkt entgegensinken? Wenn, unwillkürlich fast, das Zusammenrechnen von Sinn und Unsinn beginnt, die mehr oder weniger erfreuliche Rückschau auf das, was war, und das, was wieder einmal und immer noch ungetan blieb?
Ein Punkt könnte der Tag sein, der inzwischen wie selbstverständlich zu meiner Jahresuhr gehört und auf den ich mich immer wieder freue. Ich halte den neuen Kalender von Winfried Mausolf in der Hand und beginne eine Wanderung, die ich in den kommenden Monaten fortsetzen werde. Immer wieder einmal ein Stück zurück schauend und ein Stück voraus. Der Kalender riecht gut, wenigstens für jemanden, der einmal Drucker war. Er ist liebevoll gestaltet, sorgsam hergestellt. Natürlich sind die Bilder von fotografischer Exzellenz. Aber das ist es nicht allein. Seit zwanzig Jahren lebe ich in Frankfurt und in den Landschaften, die meine Stadt umgeben. Aber immer mal wieder höre ich die Frage meiner Mutter, wann ich mich denn endlich zu Hause blicken lasse. Natürlich, wo eine Mutter sitzt und wartet, ist immer Zuhause. Wie soll ich erklären, dass Frankfurt mein Zuhause ist und Berlin die Stadt, die ich nur besuche. Wie soll ich sagen, dass dieses Gefühl nicht nur der Tatsache entspringt, dass ich hier meine eigene Familie habe, in der Träume gelebt werden oder sterben, in der Kinder wachsen und all das passiert, was Zuhause ausmacht? Dass dieses Gefühl auch mit Land und Leuten zu tun hat. Ihrer vertrauten Sprödheit. Mit dem Rhythmus in den Dingen, dem ich mich anverwandle, allmählich, jahrein, jahraus. Wolken ziehen, Nebel wallen, Störche füttern ihre Jungen, das Gelb der Sonne gießt sich über die Rapsfelder aus und die Möwen steigen in Scharen. Der wilde Mohn lodert. Die Ufer des Flusses gleißen im späten Licht. Der Kalender kann manches erklären, was sich schwer in Worte fassen lässt, aber verstanden wird. Wo immer Zuhause auch sei. Henry-Martin Klemt

Leuchtende Beispiele

Frankfurts Beispiel leuchtet weit über den Horizont. Oder ist es etwa nicht eine europäische Pioniertat, wenn Mittel für die Sanierung maroder Schulen zugunsten des grenzüberschreitenden Katastrophenschutzes umgeleitet werden? Was für verschwendete Energie wäre es schließlich, die Schimmelschulen der Stadt aufmotzen zu wollen, wenn Brandenburg sowie die Rote Laterne im deutschen Bildungswesen trägt.
Auch sonst gebührt unserer Stadt der Ruhm, die kreativsten Köpfe deutscher Beamtenschaft zu nähren. Im Zeichen der unverbrüchlichen Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika wurde der Name Louis, der in den USAauf Platz 85.571 des Namenrankings bei Mädchen steht, für einen Briesener Jungen nicht ohne Zusatz genehmigt. Auch wenn der Name Louis zum Beispiel in Chemnitz im vergangenen Jahr auf Rang 9 der Beliebtheitsskala bei Jungen stand. Leider hat ein Gerichtsbeschluss den revolutionären Drang im Frankfurter Standesamt brutal zurückgeworfen und der zuständigen Mitarbeiterin eine bittere Demütigung bereitet. Deshalb zögerte sie die Ausstellung der Geburtsurkunde - Voraussetzung für Kinder- und Erziehungsgeldanträge, Kinderausweis und alles, was sonst noch notwendig ist - so lange wie irgend möglich hinaus. Ein echtes Partisanenstück: Dem übermächtigen Gegner wird die Stirn geboten bis zum Schluss. So etwas braucht Frankfurt. Mit Absonderlichkeiten wie Bevölkerungszuwachs oder Wirtschaftsaufschwung können wir ja leider nicht aufwarten.
Ein gesetzwidriger, weil nicht ausgeglichener Kommunalhaushalt ist den Medien kein müdes Lächeln mehr wert. Auch, dass die Stadt im gleichen Atemzug, in dem das Strukturdefizit weit über 20 Millionen Euro steigt, eine viertel Million Euro an die Herunterwirtschafter des Freizeitzentrums Helenesee verschenkt, indem sie auf Pachtzahlungen und Vertragsstrafen verzichtet, gilt für Frankfurt als normal. Da muss man sich schon mehr einfallen lassen. Aber keine Sorge:Die nächste Schlagzeile kommt. Henry-Martin Klemt

Stelldichein vor dem Fest

Ganz gleich, ob sich die Geschenke zum Weihnachtsfest bereits in den Schränken stapeln oder auf die Gelegenheit in letzter Minute gewartet wird, ob Punkt für Punkt der Wunschzettel abgearbeitet oder für eine unverhoffte Überraschung bei der Bescherung gesorgt werden soll:Am Weihnachtsmarkt kommt kaum jemand vorbei - erst recht nicht, wenn die kleinen Sprößlinge ihrer Nase nach dem Duft von Zuckerwatte und kandierten Mandeln folgen oder der nicht mehr ganz so kleine Nachwuchs begehrlich auf Scooter und Geisterbahn schaut.
Ob die Menschen sich dort wohl fühlen, hängt davon ab, ob der Weihnachtsmarkt zu ihnen passt und zu ihrer Stadt, ob er ihnen entspricht, ihrem Lebensgefühl, ihren Erwartungen, und das ist beileibe nicht nur eine Frage des Geldbeutels. Wer erinnert sich nicht der endlosen Debatten über die Weihnachtsmärkte in den neunziger Jahren:Zu klein, zu groß, zu eng, zu weit, zu leise, zu laut... zu fremd.
Die Diskussionen sind fast verstummt. Nicht, dass es neben Freude und Entspannung nicht auch einmal Enttäuschung und Stress gäbe. Aber seit die Interessengemeinschaft Innenstadt den Markt im Zentrum organisiert und eine kleine Gruppe unermüdlicher Unternehmerinnen der Marienkirche vorweihnachtlichen Glanz verleiht, ist Frankfurt mit seinem Adventsereignis bei sich selber angekommen. Und mochte es am Anfang noch hier und da schele Blicke von einem zum anderen gegeben haben, so rückt man inzwischen immer weiter zusammen, versteht sich als ein Ganzes mit ganz unterschiedlichen Facetten und Angeboten.
Das spüren auch die Gäste. Selbst unter den Ausstellern und Händlern spricht es sich herum. Aus dem Erzgebirge kommen sie und aus Mecklenburg, aus der Pfefferkuchenstadt des Nahbarlandes, Thorun, und von schräg gegenüber, aus der Bäckerei Baumgärtel. Für viele Frankfurter aber ist dieser Weihnachtsmarkt längst zu einer sicheren Adresse für das Stelldichein vor dem Fest geworden. Für mich auch. Ich freue mich darauf. Henry-Martin Klemt

Wenn der Arzt streikt

Zu meiner Zahnärztin gehe ich seit anderthalb Jahrzehnten. Sie überredete mich zu einer umfassenden Sanierung meiner Hauerchen. Das macht, dass ich auch heute noch richtig zubeißen kann. Immer wieder sah ich, dass sie moderne medizinische Technik anschaffte und sich qualifizierte, in Deutschland, in der Schweiz, dort, wo es das am weitesten entwickelte Know how gab.
Den Arzt, der sie von Anfang an betreute, lieben meine Kinder. Die Medizin konnte noch so bitter sein, Zuspruch und Hilfe, Kompetenz und Einsatzbereitschaft zu jeder Tag und Nachtzeit prägten sich ihrem Gedächtnis ein. Manche durchwachteFiebernacht haben wir mit seinem Rat und Beistand besser überstanden.
Auch auf meine Hausärztin lasse ich nichts kommen. Respekt vor ihrer Geduld, ihrem Engagement. Was sollte ich tun, wenn ihnen einfiele zu sagen:Wir streiken, wir stellen zeitweise unsere Arbeit ein, weil die Bedingungen nicht mehr zumutbar sind für niedergelassene Ärzte, das Steuerrecht eine Katastrophe, das Verhalten der Krankenkassen ein Skandal, das Agieren der Politik eine Schande, was würde ich tun?
Wahrscheinlich würde ich mir Sorgen machen, hoffen, dass mich Zahnschmerzen und alle anderen Zipperlein ein Weilchen verschonen, und dann würde ich sagen:Wenn es nicht anders geht, müsst ihr streiken. Bevor ihr eure Schwestern und Arzthelfer entlassen müsst. Bevor ihr die Praxis schließt, müsst Ihr tun, was die Verantwortlichen zur Vernunft bringt. Nicht gegen uns handelt ihr damit, sondern für die Patienten, die Euch brauchen.
Gesundheit ist ein zu hohes Gut, um sie zur Schacherware zu machen. Schon lange haben wir in Deutschland eine Mehrklassenmedizin. Schon lange stimmt der alte Satz wieder:Arm stirbt früher. Aber gerade die Ärzte, die ich kenne, sind es, die ankämpfen gegen diesen Zustand, die sich ihrem Eid, nicht ihrer Kassenlage verpflichtet fühlen. Doch mit leeren Taschen können auch sie nicht helfen. Deshalb verdienen sie den Beistand ihrer Patienten.
Henry-Martin Klemt

Hauptsache tierlieb

Wir leben in einer Mangelgesellschaft. Nicht nur, weil man leicht geplättet sein kann, wenn man liest, was deutsche Politiker zuweilen unter Fürsorgepflicht für deutsche Staatsbürger verstehen. Da gibt es dann gute Geiseln und die anderen. Um die guten kämpft man, bei den nicht so guten muss man sich würdig erweisen. Des Vertrauens, das der amerikanische Botschafter hat. So wird man Informierter Minister. Da kann man sich eigentlich bloß noch den Kanther geben. Der ließ nur ein bisschen Parteikohle außer Landes schaffen und musste vor den Kadi. Als sicher darf gelten:SPD-Gelder waren in den CIA-Flugzeugen nie. Hoffentlich.
Wir leben in einer Mangelgesellschaft. Mit einem Mangel an Offenheit, Souveränität, Würde. Wer glaubt, weil jemand schwarz ist, müsse er oder sie deshalb auch gut sein, ist genauso ein Rassist, wie jemand, der glaubt, wer schwarz ist, müsse deshalb schlecht sein. Das gilt auf dem Bahnhofsvorplatz wie im Kanzleramt. Und für Weiß, für Ost und West, für alle.
Wir leben in einer Mangelgesellschaft. Es mangelt an Phantasie. Zum Beispiel, sich die Zukunft anders vorzustellen, als eine in den Überdruss verlängerte Gegenwart. Nette Aussichten, wenn die Weltmacht sich als zivilisatorisches Entwicklungsland entpuppt. Sag mir, wer Deine Freunde sind, und ich sag Dir... Wer heute in Berlin oder Washington von Visionen spricht, hat einen Euphemismus für Albträume gefunden. Wir leben in einer Mangelgesellschaft. Barmend über den Wegzug Zehntausender aus unserer Stadt, verweigern wir den Jüngsten die pflichtgemäße medizinische Betreuung. Gerade noch 31 Prozent aller Kinder, die eine öffentliche Betreuungseinrichtung besuchen, kamen im Schuljahr 2004/2005 in Frankfurt in den Genuss einer Reihenuntersuchung. Vor einem halben Jahrzehnt waren es immerhin noch zwei Drittel der Kinder. Wir leben in einer Mangelgesellschaft. In den entsprechenden Behältern fehlen die Tüten für den Hundekot. Das beschäftigt uns jetzt aber. Wir sind tierlieb. Henry-Martin Klemt

Weihnacht im Breifkasten

Die Briefkästen sind voll. Handelsketten und Versandhäuser überbieten einander mit Schnäppchen. Ratlos stöbert mancher durch den Plunder: Eigentlich ist alles angeschafft, was zum Leben nötig ist. Was schenkt man da noch?Nicht zu überflüssig, nicht zu kitschig soll es sein. Zwischendurch ist auch Staunen erlaubt. Eine Küchenmaschine gehobenen Standards verfügt über mehr Rechenleistung als die ersten Raumschiffe in bemannter Mission. Mit dem Farbfernsehdolbystaubsaugeierkocher kann man auch noch Socken bügeln und den Beschnitt von Bonsaipflanzen überwachen. Der Golfschläger misst präzise das spezifische Gewicht des Rasens und die Halmabstände im Verhältnis zur Entfernung des nächsten Loches. Das Handy startet auch die feindosierte Klospülung und entwirft Heiratsannoncen, die sofort per SMSum die Welt gesendet werden, wahlweise auch in japanischer Sprache oder in verschiedenen Dialekten der Aborigines. Wie lange haben wir all diese Errrungenschaften entbehren müssen? Wenn die Pakete an die teuren Angehörigen nicht zwischen Weihnachten und Neujahr bei der nächsten Tauschbörse landen, ist das ein Erfolg. Auch Geheimtipps stehen in diesen Zeiten hoch im Kurs. Schon im Weltladen gewesen?Schon bei den Gronenfelder Werkstätten vorbeigeschaut? Schon mal mit Selber- Basteln versucht? Der Prospektestapel muss sich den Briefkasten allerdings teilen. Weniger auffällig, dafür mit nachdrücklich beigelegter Zahlungsanweisung melden sich Spendenempfänger. Schließlich gibt es auch genug Menschen, denen die Sorgen der Wohlstandswänste eher zynisch erscheinen müssen. Sie bringen sich in Erinnerung:vom SOS-Kinderdorf bis zur Landkommune. Doch selbst im karitativen Bereich haben auch Scharlatane ihre Marktnische entdeckt. Was tun? Der sicherste Weg scheint, sich das Ziel des eigenen Engagements beizeiten zu suchen und dafür das ganze Jahr über etwas zu tun. Das spart Hauruckaktionen und sorgt für ein stressärmeres Fest. Henry-Martin Klemt

Müffelnder Moralmatsch

Wenn es Christkinder hagelt, Kauftempel sich als Krippenspiel tarnen und ich beim Anblick von Weihnachtsengeln nur noch an Geflügelklein denken kann, steht Heiligabend vor der Tür. Je fester das Geld den Leuten in der Tasche klebt, denn es ist ja nicht mehr geworden unter dem rot-grün-schwarzen Neppverein, umso hartnäckiger die Verkäufer käuflicher Seligkeit. Statt:„Wir haben´s doch„, heißt es heute:„Wer weiß, wie lang wir´s noch haben„. Da beschenkt man lieber Verwandtschaft und Bekanntschaft statt Fiskus und Versicherung.
Aber auch Kommentatoren machen sich in diesen Tagen schwer wie eine Aldi-Tüte nach der Schnäppchenjagd.
Selbst hartgesottene Polemiker sind vom pluralis majestatis überschäumt und tragen ihren nach sauren Socken müffelnden Moralmatsch noch bis in den letzten Winkel ökologisch gepflegter Gefühlslandschaften. „Wir hätten, wir sollten, wir müssten...„, ergießt es sich aus allen Kanälen, schwappt es von jeder Druckerpresse. Die ganze Seele saut man sich damit ein. Das kriegt man bis Neujahr kaum wieder raus. Aber es hilft nichts:Entweder man übersteht die Kitsch-Invasion und den Ausbruch deutscher Rührseligkeit, dann kriegt man als Entschädigung vielleicht ein nettes Präsent. Oder man reiht sich ein unter die Weihnachtsmuffel, aber das ist auch längst eine Massenorganisation.
Nein, nicht Kaspar, Melchior, Balthasar, nicht Weihnachtsmann, nicht Engelein bin ich, kann nicht entschweben, bei diesem Sauwetter zumal, knabbere Plätzchen und buche Knecht Ruprecht beizeiten. Der Woge von Wohlanständigkeit begegne ich mit schlechten Vorsätzen:Öfter mal wieder einen trinken, mir die derberen Witze der Freunde besser merken, mich ganz unverschämt lustig machen, und zwar auf meine Kosten. Über all das Gute und Schöne, wenn es nicht gleich auch zum Besseren strebt und wenn es das Hässliche und Gemeine vergisst. Denn das macht aus dem Guten und Schönen den Kitsch, dieses Vergessen inmitten des Erinnerns. Schöne Bescherung. Henry-Martin Klemt

Mag das Nächste kommen

Niemand verläßt das Jahr so, wie er hineingekommen ist. Mancher ist in den vergangenen 12 Monaten gar nicht mehr aus dem Schlittern herausgekommen. Während andere sich nicht abgewöhnen können, von glänzenden Zeiten zu reden, wie Hofschranzen bei der Schneekönigin. Um sich wie auf einer Rutschbahn zu fühlen, muß jemand nicht erst Hartz IV-Empfänger sein. Wer sich in Frankfurt umtut, kann kaum noch übersehen, wie die Stadt schrumpft. Nicht nur, weil Wohnblöcke und andere Häuser verschwinden. Der Mangel, der bisher nur sichtbar war, wird substantiell. Frankfurt verliert und müsste doch gewinnen: eine Idee von sich, eine neue Entschlußkraft, die nicht auf Ausflüchte gründet oder Verweigerung gegenüber der Verantwortung. Wenn wir als Gemeinwesen aus dem Schleudern herauskommen wollen, müssen wir streuen. Das heißt, den Weg abstumpfen, auf dem wir uns, bergab derzeit, bewegen. Statt selber stumpf zu werden.
Ein paar gibt es, die haben im zurückliegenden Jahr Bande gefunden. Dabei bleibt offen, ob das Bild auf Eishockey, Billard oder Parteipolitik zielt. Freude ist, wenn sich die selbstverständlichen unter den Hoffnungen erfüllen. Arbeit. Gesundheit. Ein Zuhause. Innerer und äußerer Frieden. Eigentlich reden wir von verbürgten Menschenrechten. Aber wer weiß schon, daß der Anspruch auf Job und Bildung in der Menschenrechtscharta der UNO steht. Dort steht auch, daß die Mächtigen nicht Krieg gegen die Schwächeren führen dürfen. Papier ist geduldig, der Menschen wegen mit ihrer Mordsgeduld. Aber das Selbstverständliche braucht Ungeduld. Die Ungeduld braucht ein Ziel. Das Ziel braucht Öffentlichkeit.
Der Blickpunkt-Verlag reiht sich im kommenden Jahr in die Scharr jener Unternehmen ein, die ihren 15. Geburtstag feiern. Das bedeutet: 15 Jahre engagiert sein für Transparenz und Publizität. Eine Meinung haben und sie in den gemeinschaftlichen Diskurs einbringen. Veränderungen kritisch begleiten und unparteiisch wiederspiegeln. Das ist eine schöne, oft genug eine schwierige Aufgabe. Das Rathaus, das nach der Wende ein gläsernes werden wollte, hat Milchglasscheiben. Verwaltung und Parlamanet spielen oft genug Schattentheater dahinter. Aber die Pleiten und Pannen, Borniertheiten und bürokratische Auswüchse spielen sich auf der Bühne des Lebens ab. Sie verändern Biografien. Da lohnt es sich, genauer hinzugucken.
Niemand geht aus dem Jahr wie er hineingekommen ist. Jedes macht jeden anders. Macht es andere aus uns? Die Erfahrung scheint dagegenzusprechen. Was jemand tut, was jemanden wiederfährt, stülpt ihn viel seltener um. Aber manches läßt klarer hervortreten, wer wir sind. Legt unsere Schwäche frei und macht unsere Stärke deutlich. Mich selber wahrzunehmen, bedeutet zu erkunden, wer ich bin. Wenn ich es weiß, bin ich weniger ausgeliefert, kann ich mehr für mich und andere tun. Ich möchte mich heimisch fühlen. Zuallererst in mir und meiner Familie. Aber auch in meiner Stadt und in meinem Land. Und wenn ich überall dort etwas finde, worauf ich stolz sein kann, war es ein gutes Jahr. Dann mag das nächste kommen, ganz getrost. Henry-Martin Klemt