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Blickpunkt 2007

Hut ab!

Als der Oderspeicher vor drei Jahren nach einer vorausgegangenen Pleitenserie wieder einen Mutigen angelockt hatte, wie Dornröschen weiland die Prinzen, sagte ich etwas in der Art:Entweder bist du ein Genie oder du liebst Harakiri. Aber Genies sind verdammt selten... Der Kneiper drehte sich eine Zigarette, zuckte die Schultern und lachte:Mal sehn. Womit das komplette Frankfurter Überlebenskonzept beschrieben wäre. Zusammen mit dem Verein Depot 2004 hielt der Mann den schwankenden Kahn auf Kurs, machte ihn sogar zum herausragenden Ort der regionalen und überregionalen Musikszene, sorgte für ein Stück zu Hause, das die so genannte mittlere Generation in Frankfurt meist schmerzlich vermisst, und versuchte, über seine Sorgen hinweg zu lachen, bis sie ihn endgültig eingeholt hatten. Hut ab!
Dass er in dem Moment in die Knie geht, da die Stadt endlich die Möglichkeit bekommt, sich aufzurappeln, ist böse. Aber dass er so lange durchgehalten hat, macht es für andere erst möglich, jene Chancen zu nutzen, die er selbst nicht hatte. Das ist Teil Zwei der Überlebenskunst einer ganzen Stadt. Und noch einmal:Hut ab. Ich wünsche dem Mann, dass er wieder auf die Beine kommt, dem Oderspeicher, dass er offen bleibt und der Stadt, dass sie nicht auf einen Prinzen wartet, der sie wachküsst.

Henry-Martin Klemt

Ausgleich

Manchmal spielt der Zufall einem doch eigentlich recht freundlich mit. Die seit Jahren kletternden Heizkosten dürften in diesem Jahr etwas niedriger ausfallen, wenn nicht noch arktische Kälte über uns hereinbricht. Aber was ein richtiger Warmduscher ist, der friert natürlich doch. Trotz der Sprüche, dass es keine falsche Witterung gibt, sondern nur falsche Kleidung. Es ist zu nass. Es ist zu diesig. Und was wird aus all den Leuten, mit denen ich so gern mal wieder Schlittenfahren wollte?Wie soll das gehen, wenn der Winter ausfällt? Ohne Schnee fängt das Jahr irgendwie gar nicht richtig an.
Freilich:Mancher wird wenig Verständnis für das Lamento haben. Das Baugewerbe brummt. In der City kann man es sehen und anderswo auch. Der den Naturgewalten angedichtete Zuwachs der Arbeitslosigkeit macht sich weniger bemerkbar. Fahrräder haben Hochkonjunktur und manches Kind wirft begehrliche Blicke auf seine Rollerskates. Mein Hausmeister ist sicher froh, dass er nicht bei Frost und Finsternis mit Schneeschieber und Sandschaufel herumrennen muss. Doch womöglich geht es uns mit den Jahreszeiten eines Tages, wie mit den Früchten der Erde: Wenn es alles überall und zugleich gibt, dann wird´s erst richtig schön. Ja, denkste.
Henry-Martin Klemt

Haushalt

Die Verwaltungen der Stadt Frankfurt und des Landes Brandenburg haben ein Problem. Sie müssen feststellen, ob das Land Brandenburg den Haushalt der Stadt Frankfurt für das Jahr 2006 genehmigen kann. Nein, das ist kein Fehler. Es geht um das vergangene Jahr, in dem Geld eingenommen und noch mehr Geld ausgegeben wurde, und nachdem das passiert ist, müssen wir unsere Verwaltungen nun dafür bezahlen, dass sie herausbekommen, ob der nachträglich aufgestellte Plan so sein darf, wie er ist. Denn der allmähliche Ruin der Stadt muss den strengen Anforderungen des Gesetzes genügen. Die Verfassung brechen darf nur die Bundesregierung mit ihrem Haushalt. Sogar das Land Brandenburg, das mehr Schulden aufgehäuft hat, als es der DDR in 40 Jahren gelang, muss bei der Neuverschuldung tapfer so tun, als ob die Löcher in Wirklichkeit Berge künftigen Reichtums wären. Da hat die Stadt das Nachsehen. Denn so lange ihr Haushalt nicht bestätigt ist, gilt die vorläufige Haushaltsführung. Da kann man das Geld nicht einfach so mit vollen Händen zum Fenster rausschmeißen. Nur mit halbvollen. Und verbunden mit dem kollektiven Abgesang der deutschen Verwaltungshymne, zwo, drei, vier:Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn...
Henry-Martin Klemt

Auschwitz

Neben der -– mit Abstand beliebtesten – Möglichkeit, gar nichts aus der Geschichte zu lernen, gibt es noch ein paar andere. Jede und jeder können sich entscheiden. Denn es sind nicht Völker, Nationen, Kontinente, die für ihre eigene Existenz Schlüsse aus dem Vergangenen ziehen, sondern Menschen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb vermeintlich aus der Geschichte Gelerntes kaum jemals länger als ein, zwei Generationen vorhält. Sind die Erfahrungen verblasst, wanken auch die Folgerungen. Auf neue Erfahrungen müssen neue Schlüsse sich gründen, sonst wiederholen die alten Erfahrungen sich bloß in neuem Gewand. Opfer von gestern werden zu Tätern von heute. Beißreflexe, die die Richtung gewechselt haben, sind dennoch Beißreflexe geblieben. Grundwerte, die nur auf eigenem Grund etwas gelten, werden andern zum Abgrund. Und über alles hin schleimt das Schweigen der Redseligen sich. Das Ende von Auschwitz war nicht das Ende der Gedichte, wie der erschrockene Philosoph Adorno mutmaßte. Es gab noch Literatur danach. Zum Glück der Lesenden. Und es gab Spaßkultur. Und Leitkultur. Und Friedfenserzwingung. Und es gibt, wie immer schon, Verantwortung. Die ist so schwer, wie jeder tragen kann.
Henry-Martin Klemt

Fenster

Microsoft winkt mit Windows Vista, und jeder weiß:Eine neue Runde der Hardware-Aufrüstung, Treiberjagd, Software-Verzweiflung ist eingeleitet. Auf Dauer wird niemand sich ihr entziehen können. Wer einen neuen Rechner ersteht, bekommt das Betriebs-System mit und wird sich überlegen, ob er die Errungenschaft erstmal platt macht und mit einem alten System ausstattet. Bei Firmen, die ihre Netzwerke erneuern, sieht es nicht viel besser aus. Dabei wissen viele auch:Das meiste, was da aus dem Hause Gates kommt, ist die pure Kosmetik. Ein bisschen 3D-Optik, ein paar Rafinessen in der Systemarchitektur, wahrscheinlich auch wieder eine gehörige Portion ungehöriger Neugier, allemal verbunden mit ausufernder Spekulation und dem unguten Gefühl, irgendwie ans Gängelband genommen zu werden, ohne es recht zu merken. Es ist die Stunde der Open Source-Feteschisten, die hämisch über jene herziehen, die sich dem Quasi-Monopolisten ausgeliefert haben. Manche, die am Computer nicht zuerst das Entertainment schätzen, sehnen sich nach Zauberformeln wie „Windos 3.0„ zurück. Was für Zeiten mit was für romantischen Systemabstürzen. Und dann?Dann stürzen sie sich auf das neue System.

Henry-Martin Klemt

Wörtliches

Wäre es nicht praktisch, den Stadtumbau lieber Stadtreform zu nennen? Dann wüssten die Leute gleich, dass es um Abriss geht. So wie bei den Sozialleistungen oder im Gesundheitswesen. Auf die Dauer ist es einfach viel zu anstrengend, andauernd neue Wörter zu lernen, die einen Sachverhalt mehr oder weniger ungeschickt verschleiern. Ein stetiger Wechsel der Begriffe vermittelt allerdings das schöne Gefühl, dass in der Welt und in ihrem Mittelpunkt Deutschland so etwas wie eine Entwicklung stattfindet. Neue Wörter vermitteln den Eindruck, sie beschrieben auch neue Inhalte. Wer die partout nicht entdeckt, ist zum Selbstzweifel angehalten. Vielleicht hat er ja etwas verpasst? – Hat er nicht. Ein Cottbuser Bekannter, der einige Jahre in Hamburg lebte, beschrieb mir seinen ersten Kneipenabend in der alten Heimat. „Es waren exakt die gleichen Gespräche. Als wäre ich bloß mal vor der Tür gewesen, ging es genau dort weiter, wo wir das letzte Mal aufgehört hatten. Alles drehte sich im Kreis.„ Kreislauf nennt man das. Tatsächliche Veränderungen dagegen hätten unweigerlich Kreislaufbeschwerden zur Folge. Die sich ganz schlecht mit der Gesundheitsreform vertragen. Deshalb sollte man sie unbedingt vermeiden. Quod erat demonstrandum.
Henry-Martin Klemt

Schnitt

Dabei sind wir so gerne Weltmeister. Im Handball haben wir es gerade geschafft, und die Nation seufzte erleichtert. Im Fußball hat´s nicht geklappt, aber zum Fähnchenschwenken reichte das Ergebnis allemal. Beim Export – klar, da verteidigen wir eisern unseren Titel. Wir haben immer gern exportiert. Maschinen, Autos, Waffen, Kriege, Diktaturen... Auch Patente, für die wir zu dämlich waren – was wir aber nicht wissen konnten, denn PISA gab es damals noch nicht und der Schiefe Turm des deutschen Bildungswesens blieb uns folglich allzu lange verborgen (der Osten güldet nicht, das weiß jeder, der mal einen Neuzeitkommentar über die Sportgeschichte gehört hat).
Manchmal haben wir aber ein Problem mit dem Weltmeistern. Weil:Eigentlich streben wir ja alle zur Mitte. Kein Land hat eine politische Mitte, in der solch ein Gedränge herrscht, wie bei uns. Die Kanzlerin ist die Inkarnation unserer heimlichen Sehnsucht nach Durchschnitt. Aber wie wird man das Allergrößte, wie schafft man die Quadratur des Kreises, zerschlägt den Gordischen Knoten und baut das Perpetuum Mobile zugleich, also: Wie wird man Weltmeister im Durchschnitt? Genau. Man fängt mit den Kindern an. Merke(l):Wir sind auf dem besten Weg.
Henry-Martin Klemt

Wurzeln

Es ist eine schöne Vorstellung:Aus dem Holz des Baumes, der Ekkehard Berhold nun in seine Wurzeln nimmt, könnte eine Gitarre werden. Aber solche Instrumente werden kaum aus Eichenbrettern gemacht, und Menschen sind sterblich, wo Menschen vergesslich sind.
Ich war gern mit dem Musiker und Conferencier zusammen. Seine Nähe strahlte Wärme aus, auch als die Krankheit ihn längst gepackt und gezeichnet hatte. Einmal hat er sie besiegt und Jahre gewonnen. Carpe Diem. Nutze den Tag. Das brauchte ihm niemand zu sagen. Musik und Kinder waren das, wofür er lebte. Behinderten, Benachteiligten, Schwachen öffnete er sein Herz. Er war der Musikantenvater auf der Bühne der Konzerthalle, er moderierte unzählige Veranstaltungen. Wenn er sich über die Klampfe beugte, begannen Lieder zu leben. Und immer war in seinen leuchtenden Augen, die den Blickkontakt suchten, hinter der Heiterkeit ein großer Ernst zu spüren.Wenn er redete, vernahm ich hinter dem Ernst eine tiefe Heiterkeit. Das hab ich an ihm geliebt. Er wusste, dass Würde nichts ist, was man geschenkt bekommt, und Glück mehr, als der Zufall des schönen Augenblicks. Er hat beides gesucht, gefunden und bewahrt. Jetzt fehlt er mir.

Henry-Martin Klemt

Anflug

Als ich das Garagentor öffnete, flog sie mir aus dem Scheinwerferlicht entgegen. Mit schön gestrecktem, sehr, sehr langem Leib und nur wenige Zentimeter an meiner Nase vorbei. Da passt was rein, dachte ich respektvoll. Und dann stellte ich sie mir im Dutzend vor. Im Schock. Die saufen was weg, und Blut, wie wir seit Goethe wissen, ist ein ganz besonderer Saft. Vom sachte geschwungenen Hang grinste ein Fuchs herüber. Die Rotschwänze werden wohl in einigen Generationen zu den Haustieren gehören. Wenn die Lehrer den Kindern unseren heimischen Mischwald definieren:„Laubbäume, Nadelbäume, Palmen und Kakteen...„. Prima Klima, dachte ich, und schloss das quietschende Garagentor. Wer in den Vorgärten immer neue Arten entdeckt, die zu erblicken er früher nach China, Japan oder Südamerika hätte reisen müssen oder doch zumindest Dr. Dates Tropenhaus im Berliner Tierpark besuchen oder wenigstens im Frankfurter Wintergarten – lang ist´s her – tanzen gehen, wer all dies bewundert als neuen, etwas unheimlichen Reichtum, vergisst eine Weile, wie viele Arten zur gleichen Zeit weltweit aussterben. Was die Alternative zu Anpassung und Auswanderung ist. In der Natur. Dachte ich. Da stach sie zu.

Henry-Martin Klemt

Erneuert

Auch Inkompetenz muss man immer wieder neu unter Beweis stellen, sonst wird sie einem irgendwann nicht mehr geglaubt. Aber keine keine Sorge:Die Verantwortungsträger der Stadt Frankfurt (Oder) haben das lange begriffen. Gerade werden sie ein weiteres Mal vorgeführt und das nicht nur verbal, sondern handfest in Eisen und Beton und mitten im Zentrum. Sie haben dafür alles getan, was sie konnten. Schon in den Vorplanungen errechneten sie eine zusätzliche Verkehrsbelastung, damit unzulässige Grenzwertüberschreitungen bei der Schadstoffemission erhalten bleiben. Schwarz auf weiß nahmen sie das Kaputtgehen anderer Einzelhandelseinrichtungen durch den Neubau in Kauf. Um diesen politischen Willen nachhaltig zu unterstreichen, wurde in Verhandlungen mit dem Investor die geplante Fläche des neuen Kaufhauses noch einmal kräftig aufgestockt.
Zur Erinnerung:Mit dem Verkaufsflächenbestand von 1997 standen den Frankfurtern pro Kopf 1,4 Quadratmeter Verkaufsfläche zur Verfügung. Das entsprach exakt dem heutigen Bundesdurchschnitt. Nach heutigem Bevölkerungsindex waren es schon damals 1,8 Quadratmeter – doppelt so viel, wie in Frankreich. Aber natürlich reichte das nicht. Siehe oben.
Henry-Martin Klemt

Präventiv

Was denn nun?Sommerräder oder Schneeketten?Rollkragenpullover oder T-Shirt? Fahrrad oder Schlitten? Nichts Genaues weiß man nicht. Die Entscheidung fällt schwer.
Da ist die deutsche Justiz allem Anschein nach etwas besser dran. Ab der sechsten Null in der Schadenssumme, die ein Krimineller verursacht hat, gibt es Bewährung. Ab der achten obligatorischen Freispruch, schlage ich vor – die Praxis hat sich, weil nicht allzu häufig, leider noch nicht durchgesetzt. Und für jedes Mal, wenn ein Politiker einen U-Bahnfahrschein bezahlt hat, wird ein Jahr Strafandrohung abgezogen. Nein, selber fahren muss er deshalb nicht. So hart will kein deutscher Richter sein. Schon die Geste guten Willens sollte das Gericht als Verdienst um Stadt, Land und Bund hoch anrechnen. Dann brauchte der arme, in seiner Ehre gekränkte Klaus Landowsky jetzt nicht zu drohen, in die Revision zu gehen.
Der Umgang mit denen, die sich der Untreue schuldig machen, ist eine Einladung zu weiterem Missbrauch. Den Präventionsgedanken hat die Justiz im Falle Lan-dowsky, wie vorher schon bei Ackermann und Konsorten, zu den Akten gelegt. Vielleicht hat sie sich gesagt:Politiker kann man nicht abschrecken. Sie sind durch nichts zu erschüttern.
Henry-Martin Klemt

Gefragt

Als wir im vergangenen Jahr im Frankfurter Theater zusammensaßen, Vertreter mehrerer Generationen aus Initiativen und Vereinen, Dramatiker, Dichter, Historiker und Organisatoren, dachten wir nach über jüdisches Leben in Frankfurt und was das mit uns zu tun hat, mit jedem von uns. Wo lebten die 800 Mitglieder der jüdischen Gemeinde, bevor sie verschwanden aus der Stadt, aus dem Leben? Wer waren sie und was geht es uns an?
Als ich vor fast einem viertel Jahrhundert in die Stadt kam, kannte ich Sachsenhausen und Buchenwald, die Bücher von Peter Edel und die Filme von Heynowski und Scheumann. Warum fragen nach dem, was ich doch wusste?
Weil das Fragen nicht aufhören darf, wenn die Wahrheit nicht zuwachsen soll. Weil das, was Ältere den Jüngeren geben können, eher die Fragen sind, als die Antworten. Inzwischen ist ein Projekt entstanden, das Theaterstück und Buch, Ausstellung und Internetseite umfasst. Wie sehr die Jüngeren angeht, was Auschwitz war und weshalb Geschichte auch in uns lebt, wenn wir uns dumpfen Schuldgefühlen für fremde Taten verweigern, habe ich vergangene Woche auf der Bühne gesehen. Aber ohne Batsheva Dagan, die Überlebende von Auschwitz, hätte ich nicht noch einmal gefragt.
Henry-Martin Klemt

Umzug

Es ist dem Untertanen untersagt, den Maßstab seiner beschränkten Einsicht an die Handlungen der Obrigkeit anzulegen. Das ist keine Dienstanweisung von Ex-Innenminister Otto Schilly, sondern eine von Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Und sie ist nie außer Kraft gesetzt geworden. Deshalb gibt es in Frankfurt seit der Wiedererrichtung des Landes Brandenburg keine Maidemonstration mehr, sondern nur noch einen Spaziergang. Das soll jetzt aber anders werden. Aufrührerisch, wie Linkspartei und Gewerkschaften – rein vererbungsmäßig – nun einmal veranlagt sind, wollen sie jetzt einen Umzug daraus machen. Das ist natürlich auch keine Demonstration, selbst wenn es ihr zum Verwechseln ähnlich sieht, falls mit den Mainelken nicht noch ein paar Lampions verteilt werden.
Nicht, dass es nichts zu demonstrieren gäbe. Sozial-Kahlschlag, Kriegs-Abenteuer, Grundrechte-Abbau: Da ließe sich schon das eine oder andere finden. Aber finden sich auch genügend Demonstranten?Vielleicht ist die Streitkultur gar keine Straßenkultur mehr, wie die politische Kultur auch keine Parteienkultur mehr ist. Darüber ließe sich trefflich debattieren beim Brückenfest. Man könnte ja gemeinsam dort hinspazieren. Demonstrativ.
Henry-Martin Klemt

Tradition

In Brandenburg vollziehen sich gegenläufige Prozesse. Die Abwanderung hält, ungeachtet konjunktureller Hoffnungszeichen, an. Mit diesem Widerspruch leben alle Bundesländer im Osten. Forscher meinen, die Wegzugsbereitschaft habe sich in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten zur Tradition verstetigt, die vom Wirtschaftszyklus abgekoppelt ist.
Ein weiterer Widerspruch:Nach wie vor gibt es Massenarbeitslosigkeit, aber zugleich können Ingenieurs- und Facharbeiterstellen nicht mehr besetzt werden. Die Wunschbewerber werden knapp. Man kann das der tendenziellen Vergreisung und Verblödung des Ostens aufgrund des Wegzugs der Jüngeren und besser Qualifizierten zuschreiben, der Geburten-Wende und Brandenburgs Bildungssystemlosigkeit. Aber es fehlt nicht nur an Perspektiven. Es fehlt oft auch an Vorstellungen von Perspektiven, an Verwurzelung und Verbundenheit. In Laufbahnen mit Pensionsanspruch drängen Unzählige. Vielen Unternehmen hingegen fehlt der Nachwuchs – auch der Führungskräfte. Der Tag des offenen Unternehmens ist, was eine Kampagne in dieser Situation leisten kann. Kaum mehr als ein Anfang, aber durch 450 beteiligte Unternehmen ist es wenigstens das.

Henry-Martin Klemt

Befreiung

Auf jeder der Tafeln lese ich zwei, drei, vier Namen, während ich meine Nelken niederlege. Zufällige, auf die mein Blick gerade fällt. Zufällig haben sie hier ihre letzte Ruhestatt gefunden, und waren oft keine dreißig Jahre alt.
Aber was sie ihren Familien entriss, war ebenso wenig ein Zufall, wie der Umstand, dass ich heute noch ihre kyrillischen Namen entziffern kann. Beides hat miteinander zu tun. Der Raubkrieg der Faschisten, von der absoluten Mehrheit des deutschen Volkes geduldet, mitgetragen oder unterstützt. Und der Zwang, die Sprache jener zu erlernen, die vollbrachten, wozu das deutsche Volk mehrheitlich Willen, Kraft und Mut fehlten.
Dies im Gedächtnis, und vielleicht noch, wie begnadigungsfreudig die bundesdeutsche Justiz Dutzenden Kriegsverbrechern den Weg in die Freiheit bahnte, wäre Anlass genug, Erinnerung zu pflegen, statt das Ehrenmal am Anger verkommen zu lassen. Erst als Bürger sich wehrten und der BlickPunkt berichtete, wurde die Kriegsgräberstätte in einen erträglichen Zustand versetzt. Bürgermeisterin Katja Wolle hat sich dort entschuldigt, dass die Verwaltung ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden ist. Sie hat das am richtigen Ort zur richtigen Stunde getan.

Henry-Martin Klemt

Reform

Ob es den Leuten, zum Beispiel in den Stadtabriss-Häusern, überhaupt auffiele, wenn Frankfurt (Oder) nicht mehr kreisfreie Stadt wäre?Wirklich sicher bin ich mir da keineswegs. Wieviel Milch gibt diese Heilige Kuh denn eigentlich? Die Probleme im Sinne einer permanenten Reform, der Verwaltung nämlich, wegzaubern zu wollen, scheint allerdings eher ein frommer Wunsch als ein aussichtsreiches Unterfangen zu sein. So wünschenswert schlanke Verwaltungen sind, und die Verschlankung gegen Null wäre ja schwerlich zu überbieten, so teuer sind unüberschaubare Strukturen. Die Sozialkosten zudem werden kaum geringer, die Aufgaben eines Oberzentrums blieben auch an einer Kleistkreisstadt Frankfurt hängen.
Als Argument wird gern ins Feld geführt, dass die kreisfreien Städte in ihren Schulden versinken. Zugegeben:Daran haben Oberbürgermeister Martin Patzelt, Kämmerer Markus Derling, Verwaltung und Stadtverordnete in den letzten Jahren hart gearbeitet und jede Rekordmarke gebrochen. Aber haben die mehr oder weniger ausgeglichenen Haushalte der Landkreise vielleicht mit der mehr oder weniger unausgeglichenen Finanzierungs-Lobby im Landtag zu tun?Der größte Reformbedarf liegt derzeit in Potsdam.

Henry-Martin Klemt

Gipfel

Frei ist, wer seine Tür nicht abschließen muss, las ich neulich. Wer sich von Menschen umgeben fühlt, die ihm nichts Böses wollen, die nicht nach seinem Eigentum gieren, und wer überdies nicht so sehr an den Dingen hängt, dass er sie nicht entbehren könnte. So betrachtet, hält sich meine Freiheit in Grenzen. So gesehen, empfängt Deutschland in Heiligendamm die größten Feiglinge der Welt. Bei einigen von ihnen bin ich geneigt zu denken:Jaja, ganz richtig, dass man sie einsperrt, wenigstens so lange sie hier sind. So viel Blut klebt an ihren Händen, so viel Schuld haben die Gewissenlosen 8 auf sich geladen. Und ich?Ich war dabei. Ich habe gatan, was Zaungucker tun:Ich habe geguckt. Und meine Wohnung abgeschlossen. Und habe still gezählt, die um mich sind, mir Gutes wollen und Gutes tun, und denen ich die Schlüssel in die Hand gebe für Wohnung, Garage, Herz. Es waren einige. Sie denken an KZund Gelbes Elend, wenn sie Vorbeugehaft hören, obwohl das politisch unkorrekt ist, ihre Stirnadern schwellen, wenn für deutsche Diensthunde Geruchsproben kassiert werden, und wenn der Rechtsstaat in Paranoia ersäuft, seufzen sie:Wenn sie doch schwimmen könnte, die Demokratie, und nicht nur baden gehn.

Henry-Martin Klemt

Regen

Regen, Regen stört uns nicht, tropft er uns auch ins Gesicht... Mag ja sein. Aber wenn er in den Keller tropft, in den Fußraum des Autos, selbstverständlich auf die Elektroleitung der Stadtwerke, die just zu meinem Computer führt, dann stört das irgendwie schon. Am Carthausplatz hat man sich eine gründliche Gehwegsanierung schon nach dem letzten Unwetter verkniffen. Dafür haben wir jetzt eine kostenfreie Panzersperre. Wer weiß, wozu wir die noch mal brauchen. In der Ulrich-von-Hutten-Schule hat man den Abfluss in Bodennähe bei der Sanierung vorsorglich gegen ungezügelte Regenflut abgeschirmt. O ja, Regen verwirrt, sogar schon, bevor er überhaupt da ist. Hanns Eisler schrieb gleich von neun Arten, einen Regen zu beschreiben, Händel komponierte eine Wassermusik und die Frankfurter Wasserwerker schufen ein Konzert für Gullydeckel und Niederflurbahn. Allerdings:Eine Uraufführung war das nicht. Es wurden auch nicht zum ersten Mal Maßnahmen ergriffen. Regen und Maßnahmen sind nicht kompatibel in Frankfurt. Vielleicht, weil die Stadt zu den sonnenreichsten Deutschlands gehört. Oder weil man den Pfützen ja doch nicht böse sein kann, wenn das Grün emporschießt und die Lungenflügel sich breiten.

Henry-Martin Klemt

Wunder

Manchmal könnte ich schon ein kleines Wunder gebrauchen. Ein unbescheidenes:Alle meine friedlichen Freunde, die es dieser Tage in den Norden zieht, mögen gesund nach Hause kommen, und auch die finster Vermummten, grün oder schwarz, mögen ihre Knüppel und Gasflaschen lassen, wo sie sind. Es macht mich nicht froh, wenn die Flugbahn der Pflastersteine die Flugbahn der Tornados unsichtbar macht, die Wolke der Helme und Kapuzen das Ozonloch verdeckt und die zum Revoluzzern gehörende Klopperei zwischen Scheinheiligendamm und Heiligendarm das Hungerwinseln, längst nicht mehr nur auf anderen Kontinenten, derb überschallt. Doch wenn die „Kleinen„ so viel besser wären als die „Großen„ – wir lebten schon längst in einer reicheren, bescheideneren Welt.
Also wenigstens ein bescheidenes Wunder. Dass die Arbeit zu Ende ist, wenn der Urlaub anfängt. Oder Acht-Tage-Woche, testweise, und der überzählige Sonnmorgen, so heißt er nämlich, gehört meiner Liebsten und mir. Und natürlich hat der Sonnmorgen 35 Stunden. Ohne Geschirrspüler ausräumen und Hemden bügeln. Ohne Glotze. Mit Vorlesen und Frühmiabendbrot im Bett. Vorm Fenster spotten die Vögel. Kein Wunder, Mensch.
Henry-Martin Klemt

Kabarett

Wie es sich gehört bei der Premiere eines Kabaretts, das zu Frankfurt passt, wie die Henne zum Hahn, versammelte sich in der vergangenen Woche in die Lindenstraße, was noch zu lachen hat in dieser Stadt und auf sich hält:von Bürgermeisterin Katja Wolle bis zum Neptun ingognito. Mariechen Fischer zieht es nach Amerika in diesem Sommer und alle ziehen mit. Im Hof des Hauses der Künste ist eine Ort entstanden, eine Spielstätte zwischen Gartenspartenver-einslokal und römischer Taverne. Wer will, darf sich über der Folie gegen den deutschen Gewitterschauer – der übrigens ausblieb – einen mediterranen Himmel vorstellen. Beeindruckend aber war noch etwas anderes:Unmerklich und fruchtbar gehen Entwicklungen in der Stadt vor sich. Wie lange braucht es, bis ein Ensemble so aus einem Guss agiert, wie die „Oderhähne„, die direkt von der Proben- auf die Premierenbühne sprangen? Wie viel Energie, Widerhall, Zuspruch braucht einer, um wie Bob Lehmann zu einem Show-Künstler zu werden, der provinzielle Grenzen sprengt? Und wie schön ist es, dass einem beim Blick auf die Akteure des Abends ein gutes Dutzend anderer Namen einfällt, die aus dem Kaff eine Stadt machen? Ins Kabarett zu gehen, lohnt sich.
Henry-Martin Klemt

Sabotage

Nein, Sabotage war es nicht, wie FDP-Kreischef Wolfram Grünkorn öffentlich-brieflich mutmaßte. Sabotage setzt Planmäßigkeit voraus. Das kommunale Vergeigen des Festkonzertes zur Wiedereinweihung der Gläsernen Bibel in der Marienkirche war Blödheit oder Routine. An Blödheit denkt, wer einen Blick auf die Schrumpfliste der Ehrengäste wirft, die dem Ereignis beiwohnen sollten. Routine vermutet, wer sich der Masche erinnert, mit der die städtische Begrünung auf die Bevölkerung abgewälzt wurde. Die Grenze zwischen bürgerschaftlichem Engagement und lausiger Erpesserei ist in Frankfurt fließend. Verwechslungen liegen da nahe. Als die lindgrünen Kleiststadt-Schilder an den Ortsrändern auftauchten, lachten nicht nur etliche Frankfurter, sondern auch die Hühner von Booßen bis Lossow. Martin Patzelt hielt das für Beifall. Deshalb zog er in den Widerstand gegen die Ministerialbürokratie, dem Ultimatum trotzend. Bis er selber abzuschrauben begann. Inkarnation des oppositionellen Drehmoments. Am besten behält er das Werkzeug. Vieleicht kann er es noch einmal gebrauchen. Sabotage jedenfalls wäre etwas ganz anderes. Zum Beispiel, wenn man das Kleistjahr 2011 in die Hände dieser Verwaltung fallen ließe.

Henry-Martin Klemt

Kulle

Namen werden irgendwann zu einer Marke. Kulle zum Beispiel. Bis zur Wende unbekannt in hiesigen Gefilden. Dann plötzlich sehr präsent. Kaum einer lehnte vehement wie er den Theaterneubau ab, weil die Hülle das Ensemble frisst. Da galt er als Kulturfeind, nutzten ihm weder Gewerkschaftserfahrung noch großes Latinum. Seltsam nur, dass ich ihn traf, wo man vor anderen Stadtverwaltern ziemlich sicher war:im Kabarett, bei „Frankfurt in Mode„ oder wenn die Rockdaddys aufspielten. Nicht dass er wild drauflos getanzt hätte. Solange es noch ein gutes Glas Rotwein, einen Staatsanwalt und einen Linksabgeordneten in der Nähe gab, wich Kulle nicht von seinem Tisch. Als weiland die Bundeswehr im Jubelkarré vor dem Rathaus gelöbig wurde, fragte er jeden seiner dorthin eilenden Genossen:Bist du nun Sozialdemokrat oder bloß SPD-Mitglied? Irgendwann hat der Kriegsgegner sich die Frage selber gestellt. Die Antwort führte ihn zur WASGund in die Linksfraktion. Als das Rathaus ihm zu graubunt wurde, begann er seine Karriere als Kneipenzeitungs-Kolumnist. Zu seinen Erfolgen zählte, dass das Blatt bei den Stadtöberen flugs Hausverbot kriegte. Das hat ihn sehr amüsiert. In dieser Woche wird Volker Kulle 60. Glaubt man nicht, ist aber so. Herzlichen Glückwunsch.
Henry-Martin Klemt

Zeugnisse

Zeugnisse bezeugen nicht nur die Leistungen junger Menschen, sondern auch, ob und wie ein ziemlich verkorkstes Bildungssystem in der letzten Zeit mit ihnen zurecht gekommen ist. Sich daran zu erinnern, lohnt vor allem, wenn in der kommenden Woche nicht genau das auf dem Papier steht, worauf Kinder und Eltern vielleicht gehofft haben. Nicht als Trost und schon gar nicht als Rechtfertigung einer pubertären Nullbock-Laune, aber doch als Einsicht, dass Kinder nicht allein verantwortlich sind für das, was sie schon können oder noch nicht.
Manchmal denke ich, dass wir in jungen Jahren zuweilen kräftig herumgestoßen wurden. Oft, bis wir sittsam dort verharrten, wo andere meinten, dass unser Platz, zumindest unser Startplatz wäre. Mein Jahrgang ging sehr unterschiedlich mit dieser Erfahrung um, eifrig die einen, unmutig die anderen. Weggeschubst aber, ungebraucht, überflüssig von Anfang an fühlte sich keiner. Wir kannten das Gefühl, ungerecht behandelt zu sein, kannten Enttäuschung und Wut. Raus aus der Schule rein in die Angst? Das kannten wir nicht.
Heute noch freue ich mich über ein gutes Zeugnis. Aber ich habe auch sagen gelernt: Ach ja, ein Zeugnis bloß. Das Leben geht weiter.
Henry-Martin Klemt

Erholung

Es wird Zeit, mich zu erholen. Als erstes natürlich vom Ferienwetter. Das spielt genauso verrückt, wie der deutsche Innenminister mit dem Killerinstinkt. Manchmal wünsche ich mir, es ginge mir mit der Arbeit so, wie mit den Akten in Sachsen oder bei der Bundeswehr. Man wacht morgens auf und schwups:Alles weg. Und dann kommt der Boss und sagt:Das macht nichts. Was da fehlt, braucht sowieso keiner. Mein lieber Peter! Ein erholsamer Job wäre das. Auch von den Spritpreisen würde ich mich gern erholen. Bis heute habe ich das Naturgesetz nicht verstanden, nach dem der Ölpreis just zu Ferien und Feiertagen Freudensprünge ins Portemonnaie der Verbraucher macht. Längst stehen auf den Tanksäulen Euro-Preise, die weit über dem liegen, was schon als D-Mark-Summe kaum erträglich war. Aber inzwischen muss ja nicht nur Rentenkasse nachgefüllt werden. Kriege sind teuer. Und wer Tornados gegen Andersdenkende nicht nur in Afghanistan, sondern auch in Mecklenburg-Vorpommern ausschickt, muss zusehen, wie sein Spritgeld –eine Flugstunde kostet schlappe 40.000 Euro – irgendwie wieder reinkommt. Deshalb würde ich mich sehr gern auch einmal von den abgepressten Kriegssteuern erholen. Aber wo?

Henry-Martin Klemt

Oderflut

Wenn ich mich frage, wann mir der Allerwerteste richtig auf Grundeis ging, dann weiß ich:Vor zehn Jahren war das. Da ließen sich manche Polizeisperren nur noch umfahren, wenn man direkt den Weg über den Deich nutzte. Und dort, zwischen Frankfurt und Aurith, sah ich aus dem Fenster meines Autos zur linken die sehr hohe Oder und zur rechten, was man Qualmwasser nannte. So finster hat noch keine Brühe gesprudelt, und Augen zu ging ja nicht, wegen des schmalen Fahrstreifens. Der Deich hielt. Aber ich fuhr ins Elend hinein, von dem die Öffentlichkeit zu erfahren begehrte, und zu den Männern und Frauen, die neben dem Mut auch noch diese gute Dosis anarchistischen Trotzes mitbrachten, ohne die sich manches nicht bewältigen lässt. Soldaten der Bundeswehr waren das, Dorfbewohner, Gastwirte, Urlauber. Sandschipper, Schlauchbootlenker, Hubschrauberpiloten. Säcke gab es en masse. Manche davon waren zum Gucken gekommen. Manche zum Gesehen werden. O, schönes Schulterzucken der einfachen Leute. Es gibt keine Stille, hab ich gesehen, die nicht trügerisch wäre. Es gibt keine Sintflut, aus der kein Ölbaum auftauchte. Und Eintracht, sah ich, hält nur, so lange man teilt. Gelegenheit dafür schafft nicht nur die Flut.
Henry-Martin Klemt

Alter

Ob Frankfurt eine Stadt zum Jungsein ist, weiß ich nicht. Ehrlich gesagt, ich hege da Zweifel. Aber eine Stadt zum Älterwerden ist es. Geworden, langsam und doch so, dass es sich wahrnehmen lässt. Sicher, das liegt an der Abwanderung, am Geburteneinbruch und am steigenden Durchschnittsalter. Aber hinter dem statistischen Gesäure steckt noch etwas anderes, sehr Menschliches. Anspruch auf der einen Seite – teilzuhaben, den Herbst des Lebens zu genießen, so gut es eben geht, den Kreis auszuschreiten, so weit es noch möglich ist. Und auf der anderen Seite:Akzeptanz, die nicht untätig bleibt –ehrenamtliche Helfer, Vereine, ein vielgestaltiges Bemühen, den Alten das Aktivbleiben zu erleichtern, Mutmacher aller Generationen. Und gar nicht so selten sind es die einfachen Dinge, die Lebensqualität schenken. Das kann der Stuhl zum Ausruhn sein im Geschäft oder der Wasserspender am Ausgang, die Bereitschaft, lieber ein paar Schritte zu laufen, als den Behindertenparkplatz oder die Fußwegabsenkung zu blockieren. Auch heute noch darf man Alten Platz in der Straßenbahn machen, und wenn sie nicht mehr aus Angst ihr Täschchen an sich pressen müssten, könnte man es ihnen tragen. Aber das ist schon ein Zukunftstraum.
Henry-Martin Klemt

Rauchen

In den vergangenen Monaten schien es zuweilen, das Geplänkel um den Nichtraucherschutz arte in einen Glaubenskrieg aus. Dabei lässt sich das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden und Einrichtungen durchaus als Herausforderung zu mehr Innovation und Flexibilität verstehen. Das Einfachste ist – da der Gesetzgeber jetzt schon zugegeben hat, dass er das Rauchverbot genauso wenig durchsetzen kann wie das Radfahrverbot auf Fußwegen – natürlich die Einrichtung eines Denunziantentelefons nach dem Vorbild der Bundespolizei. Allerdings sollte der Bundesinnenminister dabei draußen gelassen werden, wegen seiner Neigung zur lebensverkürzenden Prävention. Dann kann der Eckkneiper sein Lokal zuschließen und es als Privatklub mit Klubkarte wieder eröffnen. Als nichtöffentliches Gebäude. Und wem das zu anstrengend ist, der lässt, wie in Amerika, eine Stretchlimousine vor dem Eingang parken, in der die Raucherparty erst so richtig abgeht. Gegen einen Obolus, versteht sich. Ich richte indessen das Neufridericianische Tabacs Collegium ein. Das befindet sich in meinem Arbeitszimmer, dem einzigen Ort der Wohnung, wo geraucht werden darf. Weil Nichtraucherschutz schon immer mehr mit Vernunft zu tun hatte, als mit Gesetzen.
Henry-Martin Klemt

Urlaub

Manche verbringen den schönsten Urlaub auf Balkonien, zählen gemeinsam Sternschnuppen und scheinen das Glück gepachtet zu haben, während andere ans Ende der Welt jetten, um sich dort die Köppe einzuhauen, mindestens symbolisch und routiniert, wie bei einem lang eingeübten Ritual. Warum das so ist, darüber streitet die Wissenschaft. Am Himmel kann es nicht liegen. Der ist überall gleich, auch wenn der Mond im Süden andersrum hängt. Zu hoher Erwartungsdruck, meinen die Schlauen. Man kann eben nicht gleichzeitig Extremsport treiben, Ehekrisen bewältigen, sich die Kante geben und das Fernsehprogramm komplett inhalieren. Manche werden auch erst einmal richtig krank. Der Körper kapituliert vor der Multitask-Vergewaltigung mit absehbar tragischem Ausgang. Urlaub nämlich ist nur Urlaub, wenn wir im Urlaub sind. Also nicht mehr und noch nicht wieder beim Arbeiten. Und wenn es uns gelänge, beim Frühstück nicht schon am Computer zu sitzen und vor dem Computer nicht schon beim Meeting und beim Meeting nicht schon beim Menschärgeredichnicht mit den Kindern und... –dann wären wir bei uns. Im Urlaub von der Idiotie, die uns zerfrisst. Und das, wenn wir wollten, das ganze Jahr.
Henry-Martin Klemt

Erziehung

Wann werden Kinder eigentlich erzogen?In Hollywood kurz vor dem Abspann:Ich liebe dich! Ich dich auch, Daddy! – Wären die Filmhelden früher drauf gekommen, hätten sie sich eine Menge Quatsch ersparen können. Anderswo ist man pragmatischer. Da sagt man zwar nicht:Ich liebe Dich! Dafür aber:Sitz grade, mach den Mund zu beim Essen, wie du wieder aussiehst! Das ist die selige Frühstücksrunde bei Familie Keinezeit. Bubikopf senkt sich über den Teller, Mamakopf senkt sich mit. Papakopf schnarrt:Verdammt, ich muss los! – Wiederholung bei der Tagesschau am Abend, aber nur bis zum Wetterbericht. Dann beendet Papa jeglichen Disput:Kann man denn nicht mal in Ruhe... Kann man nicht. Weil Mama jetzt laut wird. Papa stürmt in den Keller oder in die Kneipe. – Fortsetzung am Wochenende. Da sieht Papa zufällig Töchtings Schulbücher auf dem Tisch und staunt: Das habt ihr schon alles? Naja, es sind die Schwarten vom vorigen Jahr und die Antibabypille lässt das Nesthäkchen schnell in der Jeanstasche verschwinden. Sie hat sie gestern leider einzunehmen vergessen, und das wird schwer wiegende Folgen haben. – Fortsetzung im Sommerurlaub... Wann erzieht man eigentlich seine Kinder?Am besten gar nicht. Sie werden ja doch, wie wir.
Henry-Martin Klemt

Schultüte

Die Frankfurter müssen jetzt Tüten kleben. Naja, nicht alle. Sie können natürlich auch in den Laden gehen und eine kaufen. Aber kleben ist schöner. Neulich, beim großen Aufräumen, ist mir auf dem Kleiderschrank meines Sohnes unsere selbstgeklebte Tüte in die Hand gefallen. In angestaubtem Orange flog ich durch die Jahre zurück und sah den jungen Mann einen knappen Meter kürzer vor mir, strahlend und erwartungsvoll.
So wie in diesem Jahr rund 500 Elternpaare voller Hoffnungen auf ihre Kinder schauen werden, für die die Schulzeit beginnt. Werden sie ihren Platz in der Welt finden?Wird etwas Anständiges aus ihnen werden? Aber wo etwas beginnt, geht auch etwas zu Ende. Die Altvorderen wussten das gut. Die Leckereien sollten den Abschied von der Kindheit versüßen. Und die selbst gebastelte Tüte sollte es leichter machen, sich später einmal zu erinnern. Vor allem immer dann, wenn das Leben droht, in der Pflicht zu ersticken. Wo von der Kindheit so gar nichts mehr übrig ist, von der Lust am Spiel und der Entdeckerfreude jenseits von Nutzen und Zweck, da führt Langeweile das Zepter.
Eine Menge Staub hatte sich in den Jahren auf die Schultüte meines Sohnes gelegt. Er hat ihn herunter gepustet und seltsam gelächelt dabei.
Henry-Martin Klemt

Gedächtnis

Der Weltfriedenstag wird begangen, weil Krieg in der Welt herrscht. Bei einigen Aggressionen war Deutschland mit Waffengewalt beteiligt, bei anderen übernimmt es die schäbige Rolle des Schmierestehens. Unter der rot-grünen Bundesregierung kletterten die Rüstungsexporte in gespenstische Höhen. Unter Schwarz-rot wird weiter an der Spirale gedreht.. Der so genannte Kampf gegen den Terror rechtfertigt den Mord an Tausenden Zivilisten, Folter, Totenschändung und die Etablierung des neuen Schnüffelstaates.
Der Weltfriedenstag wird begangen, weil eine kriegserfahrene Generation glaubte, nun muss und wird Schluss sein mit dem Menschenschlachten, weil das Gadächtnis an verschuldetes und erduldetes Leid die Menschen nicht verlässt. Die Illusion hielt kein Jahrzehnt.
Im Eurocamp der Pewobe wird sich am Weltfriedenstag ein junges Paar das Ja-Wort geben. In Müllrose wird die Promenadensaison mit Militärmärschen abgeblasen. In der Frankfurter Konzerthalle werden Schriftsteller und Liedermacher, Politikwissenschaftler und Historiker zu einem gemeinsamen Abend einladen. Und in Potsdam gründet sich der Landesverband des Bundes der Antifaschisten. Die meisten werden bei der Blasmusik sein.

Henry-Martin Klemt

Lektion

Bürgermeisterin Katja Wolle hat wieder einmal eine Lektion erhalten. Das Büroskandälchen im Rathaus dreht sich um ein lautes Nachdenken, ob sich der Frankfurt-Pass für sozial Schwächere nicht attraktiver machen ließe, etwa durch die Gewährung von Vergünstigungen beim öffentlichen Personennahverkehr. Eine Steilvolage für Markus Derling. Der Dezernent für Schulden konnte am Beispiel von Wolles haushaltspolitisch dilletantischem Vorstoß eigene Sachkompetenz demonstrieren, indem er die Hand über den defizitären Nahverkehr legte. Für Katja Wolle könnte das ein Signal sein:Niederlagen – etwa beim versuchten Rausschmiss einer Bürgermeisterin – werden in dieser Verwaltung nicht vergessen. Und von der sich selbst gern so nennenden „Rathausführung„ sollte sie sich vielleicht nicht ausgerechnet die Alleingänge der Führenden abschauen, sondern zusehen, ob sie noch als unentbehrlich durchgeht und welche Verbündeten sie in der Politik gewonnen oder verloren hat. Im übrigen gilt auch in Frankfurt:Volkstümlich – also populistisch – ist ein Schimpfwort. Die Frage nach dem Frankfurt-Pass ist damit nicht beantwortet. Dass er so wenig genutzt wird, hat vielleicht nicht nur etwas mit Bedürftigkeit zu tun. Manchem fällt nehmen nur schwerer als geben.
Henry-Martin Klemt

Beistand

Warum der?Mir hilft doch auch keiner... Solche Sätze habe ich desöfteren gehört, wenn es um Hilfsaktionen ging, wenn Menschen sich zusammen fanden, um anderen Menschen, die sie persönlich kannten, beizustehen. Ein Glück im Unglück, solche Freunde zu haben. Natürlich kann es jeden treffen, und es ist wahr:Viel zu viele Schicksale enden tragisch, weil keiner hinschauen will, niemand da ist, sich eine zusätzliche Last aufzubürden. Die Gesellschaft versagt gegenüber ihren schwächsten Mitgliedern – nicht, weil sie aus schlechten Menschen bestünde, sondern weil sie orientiert ist auf Erfolg, Macht und Expansion. Darüber lässt sich klagen, auch mit dem wohlfeilen philosophischen Ansatz, dass jeder Akt der Barmherzigkeit den gesellschaftlichen Zustand der Unbarmherzigkeit nur befestigen hilft. Aber was nützt das einem Kind, das zwischen verschimmelten Wänden auf einem Bett ohne Matratze dahinvegetiert?Was nutzt das einem Schwerstbehinderten, dessen Kassenanspruch nicht ausreicht, im Kreis seiner Familie bleiben zu können? Schließt das Erträumen des Hoffenswerten das Tun des Nötigen aus? Axel Schulz und viele seiner Sportkameraden beweisen das Gegenteil. Beistand hat immer einen Namen.
Henry-Martin Klemt

Entartet

Als Dichter bin ich entartet und als Mensch pervers. Zumindest wenn es um das Geistesgranulat eines verknöcherten Kirchenkardinals geht, der gern in die Jauchegrube der Lingua Tertii Imperii greift, wo der „völkische„ Kulturkampf der Nazis seinem „geistlichen„ näher ist, als die Moderne. Dass die Bischofskonferenz dazu schweigt, mag hingehen. Kirchen sind bekanntlich Sekten, die es geschafft haben:Da sägt man nicht gern am eigenen Ast. Aber Meißners Scheuerleistenphilosophie bildet eben auch die geistige Aura, in der sich christliches Werteverständnis auf ganz merkwürdige Weise manifestiert:Der christliche Innenminister kann gar nicht tief genug in die Privatsphäre vermeintlicher Gefährder eindringen. Der christliche Kriegsminister will nicht nur die Armee im eigenen Land – gegen wen eigentlich? – einsetzen, sondern auch darüber entscheiden, ob die Geiseln in einem von Terroristen gekaperten Flugzeug oder andere Leute zu krepieren haben. Mit Getöse lenkt er ab davon, dass nurmehr heimgekrochen kommt, was Deutschland selber in die Welt zu tragen half: der Krieg. Die Mitte meines Weltverständnisses bildet der Mensch, der zur Freiheit fähig wird. Meißner, Schäuble und Jung stehen da eher am Rand – auch des Grundgesetzes.
Henry-Martin Klemt

Kleist

Der Mann sperrt sich. Nie hat er es sich gemütlich einrichten können auf dem Olymp deutscher Dichtung. Statt das klatschende Geräusch des Beifalls bleibt in der Erinnerung das klatschende Geräusch zweier Schüsse. Zwischen Gewissen und Pflicht, Würde und Gehorsam hob er aus den eigenen Abgründen eine Sprache, die ihresgleichen sucht, formte er dramataische Stoffe, die das Verhältnis von Individuum, Obrigkeit und Masse sezieren. Das tut der Obrigkeit nicht ohne Weiteres gut, erscheint der Masse zu recht schwer verdaulich und wirft den Einzelnen auf sich zurück. Kleist-Festtage?Die Schwierigkeiten, eine Festwoche um und über den Dichter zu veranstalten, liegen auf der Hand. Frankfurt ist mit diesem Versuch im zurückliegenden Jahrzehnt gründlich Achterbahn gefahren. Die Verfestung Kleists überzeugte das Publikum eher mäßig, für die artifizielle Annäherung war der – durchaus vorhandenen – Klientel der Weg nach Frankfurt zu weit. Die Wissenschaftlergemeinde aus aller Welt traf sich mit höchstem Anspruch und blieb weitgehend unter sich. Wer das Programm der diesjährigen Festtage liest, erkennt die Chance, ,eine neue Mitte zu finden. Der Gedanke an das Kleistjahr 2011 liegt nahe und ein Neuanfang lohnt sich immer.
Henry-Martin Klemt

Stiftung

Frankfurt bekommt, so der Willen des Viadrina-Senats, demnächst eine Stiftungs-Universität. Sie könnte ihr Geld dann selbständiger verwalten und zusätzliche Drittmittel einwerben. Vielleicht auch nicht ganz so freiwillig gespendete – bei ihren Studenten. Die Idee ist schon ein paar Jahre im Schwange, aber eigentlich wurde sie nur geboren, um eine andere praktikabel zu machen, nämlich die von einer gemeinsamen deutsch-polnisch-französischen Universität. An der sollten sich die drei Länder beteiligen. Die Stiftung sollte das Instrument sein, das Ganze juristisch einwandfrei zu gestalten. Das Instrument ist jetzt da – und wo ist die Ursprungsidee? Sie hat sich, zumindest in den vergangenen Jahren, als kaum umsetzbar erwiesen. Nicht, dass die Viadrina, die Stadt, dieser oder jener Altrektor und Neupolitiker nicht dafür gekämpft hätten. Doch in der gleichen Zeit ist aus dem Besonderen der Frankfurter Brücken-Universität im gewachsenen Europa das Normale geworden. Der Kampf um Studenten wird an allen deutschen Universitäten geführt. Der um das Geld auch. Bleibt also die Stiftung. Der Spatz, oder der Käfig: Falls es doch einmal einer Taube gefällt, vom Dach der großen Politik herunterzuflattern in die Niederungen der akademischen Praxis.
Henry-Martin Klemt

Sprache

Ja, es gibt sie noch, die Kindergärtnerin die „mit die Quaden bei die Tante get„. Und sich herausredet, dass die Kinder bei so viel Liebe ein bischen verschwurbelte Grammatik „abkönnen„. Was ja insofern stimmt, als das schönste Deutsch keine Zuwendung ersetzt. Ja, es gibt sie noch, die miserablen Stundenpläne, die Lehrern keinen Vertiefungsunterricht in Orthografie und Grammatik gestatten und sie mit dem Finger auf den Computer zeigen lassen, der lesefaul macht. Was ja stimmt, aber nicht erklärt, warum Abiturienten an einfachen Briefen scheitern.
Sprachstörungen sind zugleich Ursache und Quelle sozialer Störungen. Sie sind eben nicht nur das Ergebnis der Überlagerung einer alten Kulturtechnik durch eine neue, sondern auch das Resultat der Unfähigkeit, mit dieser Entwicklung umzugehen. Sprachstörungen widerspiegeln, wo sie nicht medizinisch begründet sind, oft Defizite sozialer und geistiger Entwicklung. Sie verweisen auf eine gestörte Kommunikation zwischen den Generationen. Sie sind deshalb auch nicht nur eine pädagogische Herausforderung, sondern vor allem eine gesellschaftliche. Das vertuscht die Statistik eher, als sie es offenlegt. Lehrer an den Computer setzten und Kinder ans Buch - wenn das so einfach wäre...
Henry-Martin Klemt

Todespiste

Die Meldungen gleichen sich:Auffahrunfälle am Stauende, Sekundenschläfrige, die in die Leitplanken donnern, verhinderte Rennfahrer in ihren Bonzenschleudern, die kurz vor der Grenze noch einmal die Sau raus lassen, Elefantenrennen im Überholverbot, das eine oder andere gepaart mit Alkoholdelikten. Längst nicht nur, wer die Verkehrsregeln verletzt, sondern beinahe mehr noch, wer sie einhält, begibt sich zwischen Fürstenwalde und Frankfurt (Oder) in Lebensgefahr. Und immer wieder füllen sich die Polizeimeldungen mitSchwerverletzten, mit Toten auf der BAB12. Die Politik verschließt beide Augen. Vielleicht wird mit Schengen 2008 alles schöner, besser, einfacher. Kein sechsspuriger Ausbau, stattdessen eine elektronische Geschwindigkeitsregelung. Keine erweiterten LKW-Überholverbote, statt dessen ein zumindest zeitweise erhöhter Verfolgungsdruck gegen Raser und Drängler. Passivität in den ministeriellen Chef-etagen, flickschusternder Aktionismus, der mehr oder weniger das Schlimmste zu verhindern sucht, vor Ort – dass sich aber das Eine bewerkstelligen ließe, ohne das Andere deshalb zu unterlassen, könnte Menschenleben retten. Oder ist es nicht so dramatisch, weil ja vielleicht nur bis 2008 weiter gestorben wird?
Henry-Martin Klemt

Sparen

Vor ein paar Tagen haben wir einen gewichtigen pädagogischen Erfolg heimgeschleppt. Der wog an die zehn Kilogramm. Und ein glückliches Kind. Das wog noch schwerer. Denn was sich unsere Tochter da ausgesucht hatte, war auch selbst bezahlt, zu einem Gutteil wenigstens, vom gesparten Taschengeld. Die Tugend der Sparsamkeit steht immer noch hoch im Kurs. Das freut die Sparkasse und andere Geldinstitute. Das ärgert zuweilen den Handel, denn in wirtschaftlich eher flachen Gegenden ist Sparsamkeit ohne Geiz-ist-geil kaum zu haben. Wofür manche Leute einen Tag lang ihrer Beschäftigung nachgehen, dafür müssen andere schließlich ein Jahr und länger arbeiten. Wenn sie denn Arbeit haben. Aber selbst in den flauesten Zeiten habe ich mein Sparbuch nicht aufgelöst. Haste mal ´ne Mark, Alter?Klar, uff´m Sparbuch. Und weil die Hose sicherer hält, wenn sie außer dem Gürtel noch ein paar Hosenträger zieren, steht tief im Versteck immer noch ein Sparschwein. Das frisst Wechselgeld, und sollte zufällig einmal ein Urlaub vorbeikommen, dann greife ich ihm ganz tief ins Maul, dem Schwein. Das Schönste daran ist:Ich weiß vorher nicht, was ich zu fassen kriege – und freue mich in jedem Fall. Am Dienstag ist Weltspartag.
Henry-Martin Klemt

Musen

Wenn Künstler wie Michael Kurzwelly von der Doppelstadt Slubfurt sprechen und mit teilweise skurrilen „Interventionen„ im Stadt-raum auf die besondere Lage der Schwesterorte aufmerksam machen, ernten sie zuweilen noch Skepsis und Spott. Das ist der Preis für das allzu offenherzige und gleichzeitig ernstgemeinte Vorzeigen einer Utopie, die schon Vision geworden ist und nun Realität werden möchte.
Bei genauerem Hinsehen, unverblendet von den tagespolitischen Einfalls- und Phantasielosigkeiten der Stadtverwalter hüben und drüben oder gar der Regierungen in Warschau und Berlin, tut sich längst Einzigartiges und wohltuend Normales an der Oder, und die Musen spielen dabei eine herausragende Rolle. Das Festival transvocale steht dafür, wie die Musikfesttage an der Oder und – viel kleiner und unauffälliger – die Nacht der Poesie, die zum grenzübergreifenden Projekt reift, oder der Herbstsalon der polnischen Literatur, um den sich Übersetzerin Karin Wolf verdient gemacht hat. Überhaupt sind es zumeist Einzelne, allenfalls Vereine, die sich nicht gleich vom taubstummen Sachzwang lähmen lassen. Wenn das gelingt, geschieht auch das Wunder:Die Stadt steht hinter den Musen, ganz wie es sich geziemt.

Henry-Martin Klemt

Tunnel

Wer zu wissen begehrt, wie es um die Zuverlässigkeit der Bahn bestellt ist, der muss sich nicht erst lange bei Mehdorns Trutztruppe aufhalten, die sich in diesen Tagen vor Gerichtssälen und unter Haltesignalen novemberkalte Füße holen. Nein, es genügt, die Große Müllroser Straße entlangzuwandern und sich an das segensreiche Tun der Bahn in Frankfurt zu erinnern. Die hatte ja nicht nur auf dem Bahnhof immer pünktlich ihre Verspätung, sondern auch mit dem Bahnhof – und das gleich einige Jährchen. Als sie dann endlich drauflos sanierte, war von der kommunal gewünschten Tunnelanbindung zum Dresdener Platz keine Rede mehr und vom Bahnhofstunnel zu sprechen, dem Schandtor der Stadt, galt geradezu als unfein. Immerhin verdankt Frankfurt dem Dreckloch und dem Wunsch, wenigstens ein interessantes Dreckloch daraus zu machen, eine der interessantesten Galerien, die sie hat. Allerdings stellen Wetter und Randale zunehmend den vorkünstlerischen Zustand wieder her.
Wie lange also der Tunnel in der Müllroser Straße gesperrt bleiben wird?Am besten ist es, diese Verkehrsader erst einmal aus dem Gedächtnis zu streichen. Als Autofahrer. Der Bahn muss man das nicht sagen. Sie hat es wahrscheinlich schon getan.
Henry-Martin Klemt

Spenden

In den kommenden Wochen werden sich wie jedes Jahr zahlreiche Vereine und Organisationen an die Öffentlichkeit wenden, um für Spenden zu werben. In der Vorweihnachtszeit haben karitative Unternehmungen Hochkonjunktur und hochherzige Helfer die Qual der Wahl. Was ist ein seriöses Projekt und was ist nur Etikettenschwindel? Wie kann ich verhindern, dass mein Geld nicht am Ende doch in die Kriegskassen irgendwelcher Warlords fließt oder Privilegierten hilft, sich weiter über die Armen zu erheben? Soll ich überhaupt spenden?Ist das nicht nur eine Kampagne, mein schlechtes Gewissen freizukaufen aus der Verantwortung des Landes, in dem ich lebe, an den Kriegen in der Welt, der herrschenden Ungerechtigkeit, dem wirtschaftlichen und moralischen Notstand des 21. Jahrhunderts? Ich habe an mir beobachtet, dass meine Zweifel um so geringer waren, je konkreter das Projekt sich darstellte, das ich unterstützte, egal ob es vor der eigenen Haustür lag oder in weit entfernten Regionen des Erdballs. Wer sich aber dennoch nicht von Skrupeln frei machen kann, dem bleibt es unbenommen, sich in der eigenen Nachbarschaft umzusehen, was dort getan werden müsste. Helfen lohnt sich immer. Nicht nur für das eigene Gewissen.
Henry-Martin Klemt

Planung

Bloß gut, dass der Weihnachtsmann nicht aus dem Frankfurter Rathaus kommt. Wir hätten im Februar noch keine Geschenke. Nur ein paar Monate, nachdem der Tunnel in der Großen Müllroser Straße gesperrt wurde, und nur Wochen, nachdem er wieder geöffnet sein sollte, fällt den Verwaltern ein, dass man ja auch die Güldendorfer Straße mit einer Ampel versehen und so dem Gegenverkehr öffnen kann. Herzlichen Glückwunsch! Nur zehn Jahre, nachdem Kundige die marode Turnhalle des Friedrichsgymnasiums erstmals auf eine Sanierungsliste setzten, wird sie möglicherweise vielleicht in Ordnung gebracht. Tusch! Vermutlich haben die Verantwortlichen – Amtswalter hier, Stadtverordnete dort – sich dem gleichen Prinzip verschrieben, wie die Bauherren des neuen Kaufklotzes:Der hat seinen haptischen Unterhaltungswert ja auch nicht durch Architektur, sondern durch die Feinplanung bekommen. Durch ein Schaufenster kann man der Verkäuferin am Spind beim Umkleiden zusehen, hinter einem anderen stehen Gerätschaften, für die es sonst Nebengelasse gibt, und ein Mieter hat sich lieber gleich einen Müllsack vor die Fenster gehängt. Das ist sehr unvorsichtig. Die Stadtväter könnten sich prompt ein Beispiel daran nehmen.
Henry-Martin Klemt

Vorfreude

Jetzt darf ich mich schon langsam auf die Geschenke freuen. Das stimmt die Seele milde und macht sie winterfest. Obwohl es ja eigentlich gar keine Geschenke geben soll. Denn immer, wenn ich in einem Geschäft zu einer akuten Geldverschwendung ausholte, rettete ich mich in die Ausrede: Das ist zu Ostern, Pfingsten, Frauen-, Kinder-, Mutter-, Vater-, Hochzeitstag. Irgendwann waren die Feiertage alle, das Geld sowieso, ich blickte meiner Liebsten tief in die Augen:Das Schenken schenken wir uns. Sie kennen das?Dann wissen Sie ja, was davon zuhalten ist. Aber ein ganz klein wenig ruhiger schlendere ich nun doch durch die Straßen. Ich muss ja nicht. Und sie muss ja auch nicht.
Ein Geschenk allerdings haben wir sicher. Noch bevor der Weihnachtsmann kommt, wird die Brücke einfach nur eine Brücke sein. Mit dem Beitritt Polens zum Geltungsbereich des Schengener Abkommens wird die Grenzpassage als solche kaum mehr wahrzunehmen sein. Ich halte es für möglich, dass die Kriminalität zeitweise wächst. Als die Mauer fiel, sprang sie in die Höhe, manche nannten das hinterher soziale Kariere. Andere nennen es den Preis der Freizügigkeit. Ich freue mich über das Normale, denn ja doch:Es ist noch immer ein Geschenk.
Henry-Martin Klemt

Schreiben

Computer in fast jedem Haus oder wenigstens moderne Kopiertechnik an der Straßenecke machen es möglich:Immer häufiger bekomme ich gegen Ende eines Jahres Rundbriefe von Freunden und Bekannten. Die einfache Variante als eMail dem Verzeichnis des Kontaktmanagers folgend, die exklusive Form:ursprünglich mit Hand zu Papier gebrachte und dann vervielfältigte Briefe. Nein ich gehöre nicht zu denen, die aufstöhnen, wenn sie nicht mehr an unleserlichen Handschriften verzweifeln oder sich nicht als erlesener Empfänger eines Unikats geehrt fühlen dürfen. Ich freue mich über jeden, der Muße für eine Nachricht hat. Denn der Mangel an Zeit ist es ja, der die Kultur des Rundschreibens befördert. Manchmal sind diese Botschaften die einzigen, die jahrüber angekommen sind. Doch immerhin:Wir fallen einander noch ein. Nur einen kleinen Anstoß brauchen wir manchmal, Jubiläum, Feiertag, Schnupfen. Ja, Schnupfen auch. Während ich schniefend über den Weihnachtsmarkt stapfe und fremde Kinder sehe, denke ich zum Beispiel, dass meine eigenen all das nicht lange gesehen hätten ohne ein paar wunderbare Kinderärzte in dieser Stadt. Mit vielen anderen Leuten geht es mir ähnlich. Da habe ich Lust, einfach Danke zu sagen.
Henry-Martin Klemt

Offen

Einfach nur eine Brücke über den Fluss. Der Wechsel von der einen in die andere Stadt. Andere Worte, verwandte Kultur. Etwas mehr Freundlichkeit, ein bisschen mehr fröhliche Anarchie. Ein bisschen mehr Improvisation am östlichen Ufer. Ein wenig mehr Wohlstand am westlichen und ein wenig mehr Wehleidigkeit auch. Manchmal mischt sich das schon. Die gesundheitsbewusste Hartz-IV-Gesellschaft entlässt ihre Schmalhänse in polnische Raucher-Kneipen. Die Reichsten und die Ärmsten zieht es zu deutschen Fachgeschäften und Sperrmüllplätzen. Wenn der Vorgang einmal sein Geschmäckle verliert, weil er auf Gegenseitigkeit beruht, ist Europa eins geworden. Schon jetzt aber, in wenigen Tagen, ist die Grenze am Grenzübergang nicht mehr zu spüren. Es wird eine Weile dauern, bis ich mich wieder daran gewöhnt habe, dass man von der Karl-Marx-Straße rechts abbiegen kann in Richtung Slubice. Und so lange das so ist, werde ich das Normale als das Besondere empfinden. Manchmal wird mir einfallen, dass das nicht immer Grenze war und dass Slubice nicht mehr Dammvorstadt heißt, weil Deutschland Polen überfallen hat. Deshalb ist nicht das Entstehen dieser Grenze das Erstaunliche, sondern ihr Verschwinden – ein Menschenalter später.
Henry-Martin Klemt

Mehr Licht

Mehr LichtMehr Licht, soll Goethe auf dem Sterbebett gesagt haben. Der kannte die heutigen Energiepreise nicht. Die legen eher nahe, den Weihnachtskerzenvorrat bis zum letzten Stummel abzubrennen, bevor auch nur ein Wolframfaden wieder lustvoll in seiner Glühlampe erzittern darf. Falls er nicht längst durch Stromsparlampen ersetzt wurde.
Mehr Licht wünscht sich auch Karl-Heinz Boßan vom Frankfurter Institut für umweltorientierte Logistik und meint den Fahrzeugverkehr am Tage. Dass schon das bloße Einschalten des Fahrlichts am Tage hilft, die Zahl der Unfälle zu senken, ist international umstritten. Die Industrie arbeitet trozdem an speziellen Taglichtlampen, die eine Blendwirkung für Entgegenkommende ausschließen sollen. Für Frankfurter empfiehlt sich das Licht einschalten auf jeden Fall – vor allem für jene, die oft die Grenze nach Polen passieren. Kein Anhalten mehr, bedeutet auch:Keine Denkpause vor der Einfahrt in den Geltungsbereich des polnischen Bußgeldkatalogs. Da kann Fahren ohne Licht schnell ins Geld gehen.
Mehr Licht ist aber auch ein gutes Mittel gegen winterlichen Gram. Wozu sonst all die leuchtenden Bäume und Girlanden. Genießen Sie es – wenns sein muss, bis in den März.
Henry-Martin Klemt