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Blickpunkt 2009



Interessen
Weihnachten, Neujahr, Krisen und Katastrophen sind beliebte Anlässe für den moralischen Appell. Fällt mehreres davon zusammen (nein, nicht Weihnachten mit Neujahr), gibt´s Pathos satt. Unverzichtbar bei solchen Gelegenheiten ist der Hinweis, die Moralbetropften mögen doch nicht immer nur ihre eigenen Interessen im Sinn haben. Nun wären aber die Redenhalter nicht die Redenhalter, hätten sie ihre Interessen jemals aus dem Auge verloren oder gar hintan gestellt. Sie wären immer noch Leute wie du und ich und könnten höchsten Tochter und Sohn, Katze und Hund die Welt erklären. Falls die sich das gefallen lassen.
Irgendwas stimmt also nicht, wenn es heißt, wir sollen und von den Füßen auf den Kopf stellen. Vielleicht sollen uns ja bloß die letzten Cents aus den Taschen fallen.

Nicht umsonst heißt es, Interessen werden wahrgenommen. Sie sind also wirklich da. Sie begründen die Beziehungen, die wir zu Menschen eingehen, die natürlich auf Gegenseitigkeit beruhen und in der Konsequenz immer weiter reichen, als unser direktes Handeln und unmittelbares Verstehen. Eigene, gemeinsame und fremde Interessen zu erkennen, ist die vernünftige Grundlage jeder mündigen Existenz. Ich wünsche Ihnen ein interessantes Jahr.

Eiszeit


Arktische Temperaturen sind es noch nicht, aber „sibirische„ – was zuträfe – zu sagen, scheint politisch nicht korrekt zu sein. Jedenfalls herrscht Eiszeit in Frankfurt. Eine tolle Gelegenheit, die alten W50 zu bewundern, die immer noch den Schnee wegräumen. Früher oder später jedenfalls, hier und da. Trotz des Frostes gab es bisher eher wenige Pannen. Im Tunnel Müllroser Straße kann ja sowieso nichts passieren. Verspätung gehört eben zur Bahn wie das Harte zur Weiche, und wenn irgendwo ein Zug mal pünktlich kommen will, liegt ein Zocker auf dem Gleis. Wer gehofft hatte, wenigstens beim Neujahrsempfang der Linken würde es kuschelig warm, fand sich getäuscht. Die Sozialisten hatten zwar zu Fettbroten und Boulettchen eingeladen. Doch aus den Reden verbannten sie jegliches Schmalz, denn den Hackepeter wollen sie nicht geben in der neuen Zählgemeinschaftsversammlung. Nachdem die Linke sich in Potsdam bereit erkärt hat, bei entsprechendem Wahlergebnis den Sessel des Ministerpräsidenten zu übernehmen, wollten die Frankfurter nicht zurückstehen und boten Oberbürgermeister Martin Patzelt das Gleiche auch für seinen Stuhl an. Solchem Klima nach zu urteilen, wird Frankfurt sich in der nächsten Zeit warm anziehen müssen.

Krieg, Mann!


Zu Beginn des vergangenen Jahres berichtete Johannes Klemt in einer BlickPunkt-Serie über Israel. Es waren dramatische Geschichten, denn der Autor unterstützte in Azur das Projekt „Save a childs heart„. Von enormen Anstrengungen einer internationalen Medizinergemeinschaft, die das Leben vieler Kinder durch kostenlose Herz-operationen rettet, war zu lesen, von Erfahrungen zwischen Meer und Gazastreifen bis zu den Treffen mit Soldaten Isreaels und palästinensischen NGO-Aktivisten. Aber der BlickPunkt-Korrepondent lieferte nicht nur Berichte und nahm Bilder auf, die er in einer Ausstellung im Frankfurter Rathaus zeigte. In einem Lied, das er in Israel schrieb, erzählte er auch von einem Kind, für das im Wolfssohn Medical Center in Tel Aviv ein neues Leben begann. „Hala heißt sie, und ich frag mich:Wie lebt das Mädchen morgen?„ Halas zweites Leben war kurz. Am 31. Dezember rief ihr Vater an. Sie war gerade bei einer Nachuntersuchung, als das Ärztehaus im Gazastreifen bombardiert wurde. Hala wurde der Bauch zerfetzt und ein Arm abgerissen. „Das is´n Krieg, Mann, ´n gottverdammter Krieg, Mann„, hieß es in dem Lied. Am Sonnabend wird das Frankurter Friedensnetz eine Mahnwache abhalten.

Auszählung
Wer im Osten eine Stadt regiert, sollte wissen, dass zumindest jene Hälfte der Bürgerschaft, die noch an Wahlen glaubt, bei diesem Thema empfindlich ist. Spätestens, wenn Unregelmäßigkeiten sichtbar werden. Da muss kein böser Wille im Spiel sein. Es reicht, und von mehr ist ja auch nicht die Rede, gewöhnliche Schlamperei. Deshalb ist es gut und richtig, die Stimmen der Kommunalwahl nochmal auszuzählen.
Nun würde es allerdings fast ans Wunderbare grenzen, wenn es bei dieser neuerlichen Prüfung keine Abweichungen gäbe. Geradezu in der Luft liegt also die Frage:Was stimmt denn nun? Und so könnte es bald noch einmal ans Zählen oder Wählen gehen.
Aber warum sollten wir eigentlich vor dem Ablauf der Legislaturperiode eine legitimierte Stadtverordnetenversammlung haben?Einen kommunalen Haushalt haben wir ja auch immer erst, wenn das Jahr, für das er gelten soll, schon vorbei ist. Und dann ist er auch noch ein Rechtsbruch in sich.

Aber ob das Prozedere an der Politik etwas ändert, steht ja gar nicht zur Debatte, sondern ob die Spielregeln der Demokratie auch in Frankfurt gelten oder nicht. Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser. Vor allem dort, wo Politiker unverbesserlich sind.

Zwangsarbeit
Namenlos, mit einer Nummer auf einem Holzschild um den Hals, bei der sie gerufen wurden, mit Holzpantinen, die laut auf das Pflaster klackten, wenn sie zur Arbeit durch die Hindenburgstraße getrieben wurden:Rund 300 Mädchen und junge Frauen, Zwangsarbeiterinnen, die in der Konservenfabrik schufteten. Das war in Keiner-hat´s-gewusst. Das war in Frankfurt. Wer krank war von den Zwangsarbeitern, kam ins Sammellager nach Keiner-hat´s-gesehn. Nach Gülendorf. Wer nicht verreckte, hatte einfach nur Glück. Wer aber aufsässig war oder zu fliehen versuchte, kam nach Keiner-hat´s-gehört. Nach Schwetig, ins Gestapolager. Wer nicht gehenkt wurde oder erschossen oder verbrannt, hatte einfach nur Glück.

Es gibt die Orte der Erinnerung. Sie sind verkommen. Im Gedächtnis der Öffentlichkeit existieren sie nicht. Viel weniger jedenfalls, als das sowjetische Ehrenmal am Anger oder das Mahnmal der Kriegsheimkehrer in Nuhnen. Junge Leute haben jetzt zu forschen begonnen. Nach den Biographien der Verschleppten, die in Frankfurt lebten. Sie wollen in Erinnerung rufen, bewahren, vielleicht auch eine Schuld abtragen, die gar nicht die ihre ist. Dazu brauchen sie die Hilfe derer, die sich erinnern wollen – und andere.

St. Valentin
Wann hatten Sie eigentlich das letzte Mal Schmetterlinge im Bauch?Oder waren es Saatkrähen?Wer das nicht mehr so genau weiß, für den ist der Valentinstag vielleicht ein willkommener Anlass, sich zu erinnern. Längst ist dieser Tag viel mehr, als eine umsatzfördernde Aktion des Blumenhandels und der Süßwarenindustrie. Es gibt erfreulich viele Aktion an erfreulich vielen Orten im Land. Da lässt es sich trefflich schlemmen, erholen, Konzerten lauschen und Literatur genießen.
Dabei ist Valentin eigentlich so etwas, wie ein klassischer Wendefall. Der Überlieferung nach wurde er am 14. Februar 269 hingerichtet, weil er als christlicher Priester Paare getraut hatte. Damit wäre er eine Art Oppositioneller, der gegen die immer wütenderen Verdikte seines römischen Kaisers verstieß. Kein halbes Jahrhundert später war das Christentum Staatsreligion.

Vielleicht aber hat sich die Kirche auch nur – wie so oft – bei den Heiden bedient, um in den neugetauften Christen die Heiden zu bedienen. Denn die feierten am 14. Feburar Juno, die Gattin ihres höchsten Gottes Jupiter, als Beschützerin der Ehe. So wurde vereinnahmt, was sich nicht austreiben ließ. Auch daran hat sich bis heute nicht viel geändert.

Verdacht


Geheime Wahlen sind dazu da, so zu wählen, dass es dem Vorgesetzten ein Wohlgefallen ist. Das gilt auch für Gremien, in die jemand Kraft seines Amtes entsandt wurde. Auf gar keinen Fall darf man einfach so vor sich hin wählen. Es ist nämlich nicht demokratisch, wenn man das Ergebnis nicht zählgemeinschaftsintern vorausberechnen kann. Schon bei der bloßen Vermutung, man könnte ein Kreuzchen falsch gesetzt haben, wird man geschasst, auch wenn eigens dafür die Satzung eines Aufsichtsrates umgeschrieben werden muss. So ist es Bürgermeisterin Katja Wollepassiert, als sie in den – freilich ungeheuerlichen – Verdacht geriet, dem Linken Frank Hammer ihre Stimme in einem Aufsichtsrat gegeben zu haben. Ob sie hat oder nicht, spielt keine Rolle. Als unschuldig gilt der Delinquent nur so lange, wie er nicht im Verdacht steht, schuldig zu sein. Man mag sich ja streiten, wer welche Kompetenz in die jeweiligen Aufsichtsräte einbringt. Aber für die Bereitschaft des Oberbürgermeisters, keine Peinlichkeit auszulassen, ist der Vorgang ein schönes Beispiel. „Demokratisch muss es aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben„, sagte weiland ein deutscher Politiker. Patzelt und seine Zählgemeinschaft haben die Lektion gelernt.

Schnee


Was Stadtverwaltung, Oberbürgermeister und Stadtparlament seit 19 Jahren nicht vergönnt war, das hat der Winter innerhalb einer Woche geschafft. Die Zahl der Einwohner von Frankfurt stieg sprunghaft an. Die meisten Zugezogenen sind weiß, mohrrübennasig und übergewichtig:Schneemänner, so weit das Auge reicht. Das Durchschnittsalter nähert sich dadurch wieder den Vorwendezeiten an und niemand beklagt sich über fehlende Arbeitsplätze. Keiner der weißen Gesellen ist je gesehen worden, wie er:„Hartz IVist Scheiße„ an einen Abfallcontainer schrieb. Auch die demographische Zusammensetzung spricht, im Unterschied zur sonstigen „Erfolgsstory deutsche Einheit in Frankfurt„, für eine gesunde Entwicklung. Da gibt es Singlemänner und -frauen, Familien mit drei und mehr Kindern, und nicht einer reiht sich in die Schar der Auspendler ein. Leider gibt es auch keine Einpendler bei dieser Spezies. Das Klima bei der Deutschen Bahn scheint ihnen nicht zu behagen. Womit wir beim Hauptproblem wären. Denn wenn die Obwalter der Stadtgeschäfte hoffen, aus dieser Klientel Wählerstimmen im Superwahljahr 2009 zu ziehen, werden sie wenig Glück damit haben. Morgen ist das alles Schnee von gestern.

Glühbirne
Wer im Lande nichts mehrwird, vermutet der Volksmund, der geht nach „Europa„. So sehen die Gesetze auch aus. Besonders gut versteht man sich dort aufs Verbieten. Die Glühbirne hat das total aus der Fassung gebracht. 2012 soll sie verschwinden. Nicht, weil keiner sie haben will, sondern weil keiner sie mehr haben wollen darf. Das ist weder freie noch soziale, aber dafür europäische Marktwirtschaft.

Vielleicht passt die Birne wirklich nicht mehr in dieZeit, so wie weiland das Röhrenradio. Mehr als dem technischen Wunderwerk, wurde den Holzgehäusen mit ihrer Akustik nachgetrauert. Doch ein Mehr an Komfort und Funktionen bei einem Weniger an Volumen und Gewicht war dem Publikum willkommen. Bei der Energiesparlampe ist das anders. Sie spart erst, nachdem sie ein Vielfaches der gewöhnlichen Glühbirne gekostet hat. Ihr Licht verströmt ungefähr die Gemütlichkeit eines benachbarten Atomreaktors. Vor allem aber meinen Mediziner, dass solch ein spektral unterentwickeltes Lichtquellenmonopol das hormonelle Durcheinander in unseren gestressten Neuzeitkörern weiter vergößern könnte. Es gibt noch keinen Namen für diese Symptome, aber wir können ja einfach sagen:Wir fühlen uns ungeheuer europäisch.

Frauentag


Dass der Internationale Frauentag keine Erfindung der staatssozialistischen Obrigkeit gewesen sein kann, liegt auf der Hand. Nie wäre die auf die Idee verfallen, diesen Tag in die erste Märzdekade zu legen. Oder erinnern Sie sich etwa nicht mehr an das Herumgerenne nach ein paar halbwegs ansehnlichen Blumen? Die mancherorts obligatorischen Malimo-Handtücher sind inzwischen weitgehend rehabilitiert. In Haltbarkeit und Qualität haben sie sich vielem, was danach kam, als haushoch überlegen erwiesen. Wahrscheinlich gibt es sie deshalb auch nicht mehr. Ebenso unvergesslich sind die Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln, wenn das Ende der Spätschicht just mit dem Ende der Frauentagsfeiern zusammenfiel. Der Blick auf die unsterblichen Reste mancher Damenrunde konnte den Glauben an das vorgeblich schöne Geschlecht zuweilen ernsthaft erschüttern. Das Problem mit den Blumen ist inzwischen gelöst. Die holde Weiblichkeit hat es eingetauscht gegen Paragraph 218, Unterbezahlung, das Armutsrisiko der Alleinerziehenden, die Allgegenwart von sexistischer Werbung und Pornografie. Zurück tauschen ist nicht. Aber dass Frau – und Mann – nur noch feiern dürften, hat auch keiner gesagt.

Goldbreuler


Wissen Sie eigentlich, was ein Goldbreuler ist? Nein nicht dieser Fressvogel in Alufolie. Ein richtiger Goldbreuler ist jemand, der – wie seine Erfinderin Birgit Breuel -– unermüdlich nach dem Treuhandprinzip lebt und scheffelt. Dieses Prinzip setzt sich oberhalb einer Einkommensgrenze von einer Million Euro per anno inzwischen bundesweit durch und genießt, vor allem in Übersee, auch international größte Reputation. Es besagt: Die höchsten Einkünfte und staatlichen Auszeichnungen sind strikt gekoppelt an eine konsequente Verlustmaximierung bei einer gleichzeitig brutalstmöglichen Selbstentschädigung zu Lasten der Steuerzahler. Natürlich sind solche ehrenwerten Mitbürger von seelisch-geistigen und kulturellen Dürrekatastrophen der deutschen Provinz unbetroffen. Sie jetten eher zur Opern-Gala nach New Nork als mit dem R1 zum Kleist Forum zu zockeln. Allein die sachkundige Verwaltung ihres Geldes kostet vermutlich weitaus mehr, als der ganze Kulturetat dieser Stadt. Die inzwischen wieder steigenden Arbeitslosenzahlen in der Region können in diesem Zusammenhang eigentlich nur eine Ermutigung sein. Denn auch das hat sich herumgesprochen: Wer arbeitet, hat keine Zeit zum Geldverdienen.

Frühling
Wie schön, wenn jemand kommt und reißt einfach mal die Balkontüren auf, die vergessenen in der Stadtbücherei. Lässt ein bisschen Frischluft herein. Lässt die Blicke ein wenig hinaus. Die Terrasse:terra incognita. Sie wird erobert von denen, die den Lenz schon riechen können. In irgendeinem der großen Regale schmollt Heiner Müller noch:Hoffnung ist Mangel an Information… Aber es ist gar nicht wichtig, ob er recht damit hat. Jetzt ist wichtig, ob es Frühling wird draußen und drinnen. Was haben wir in dieser Eiszeit nicht alles gelernt? Die Politik geht nicht über Leichen. Sie fährt Ski. Kondome schaden nur der Aids-Bekämpfung. Aus dem Koma der vielen wird der Amok des Einzelnen. Und der muss, um barbarischer Raserei zu verfallen, nicht einmal etwas Gutes wollen. Die Lieder des kleinen Prinzen baumeln an der Zellendecke. Wann werden sie sich befreit haben von ihrem steifen Dichter? O ja, es gibt Winter, die sind einfach zu lang. Immer die gleichen Lektionen. Immer die gleichen Reflexe. Verzeihung, wo geht es hier zur Amnesie? Keine Ahnung, hab ich vergessen… Aber einer hat die Türen geöffnet, pünktlich zum Frühlingsbeginn. Dazu sind Bibliotheken ja da, dass man Luft holen kann und das Gras wachsen hört.





Uhrzeiten


Am Wochenende werden die Uhren vorgestellt. Zwar weiß jeder, dass das vollkommen überflüssig ist – Schätzungen pendeln zwischen einer Energieeinsparung von 0,3 Prozent und einem Mehrverbrauch von 0,45 Prozent – und überdies den Menschen wie das liebe Vieh belastet. Aber auf die Einigung wurde international soviel Kraft verwendet, dass keine übrig blieb, mit dem Unsinn wieder aufzuhören. Komisch. Genauso funktionieren auch Kriege, von Jugoslawien bis Irak, so funktioniert die Bankenrettung von Amerika bis Deutschland. Und jeder Plan, der nur seine Vorzüge kennt, aber die Gegenrechnung vergisst. Uhrzeit herrscht nicht über Zeit. Sie ist nichts, was Wahrheit beanspruchen könnte. Sie ist bloß Vereinbarung. Wer freilich den aufgezwungenen Konsens negiert, wird unzeitgemäß. Er kommt zu spät. Das Leben bestraft ihn. Sein Zug ist abgefahren. Er kommt nicht mehr an. Eine Erkenntnis, die ich in Jubel-Jubiläumsjahren wie diesem nicht ohne Heiterkeit quittieren mag. Der Trick besteht darin, Zeit vorzutäuschen, wo Uhr drin ist, Wahrheit zu behaupten, wo Deutung sich breitmacht. Bei der Sommerzeit ist die Absicht bekannt und auch, wie vergeblich sie war. Das andre braucht noch seine Zeit.

Phoenix


Wenn er sein Nest gefunden hat, die Suche kann Jahrhunderte dauern, dann hört er auf und ein Neues beginnt. Dazwischen schwingt er sich auf und fliegt. Was für ein schöner, flüchtiger Gedanke meines Sohnes, dass Phoenix - es können kalte Zeiten kommen - sich nicht nur aus den Flammen erhebt, sondern auch aus Eis und Schnee. Schöner, beharrlicher Gedanke, dass Herrschen - über sich selbst vor allem: bis ins Feuer, bis ins Eis - auch nach Hüten ruft. Immer wieder komme ich an der Plastik von Roland Rother vorbei, die an der Brücke zum Ziegenwerder steht. Jedes Jahr verstehe ich sie besser. Es ist eines von vielen Kunstwerken, die der aus Frankfurt vertriebene Bildhauer der Stadt hinterließ. Manches, das nie aufgestellt wurde, denke ich mir in die Landschaft hinein. Den Frankfurter Hahn oder die Brunnenanlage, die ich aus Rothers Atelier im Gedächtnis habe. Die Außenform wölbt sich über das Fehlende und macht es sichtbar: eines von Rothers Geheimnissen. In der sanften Verklärtheit von Fauna und Flora verraten die Blicke der Tiere, dass wir hier die nackte Fresskette sehn: eine von Rothers Ironien. Am vergangenen Sonntag wurde der Künstler 65 Jahre alt. Herzlichen Glückwunsch!

Aussichten


Das kann ja heiter werden. Der Frühling, der endlich entschlossen scheint, über Land und Leute zu kommen, hält gleich zwei lange Wochenenden bereit. Zeit, den Winterstaub aus der Lunge zu blasen. Zeit für die Familie, für den Kaffee auf der Wiese oder auf dem Balkon. Zeit, ins Grüne zu fahren. Eier suchen oder eine neue neue Liebe, den Hasen zu machen oder den Hirsch. Letzterer lässt sich jetzt auch öfters sehen, besonders gern auf den märkischen Landstraßen. Also lieber runter vom Gas und weg von der Pulle. Sonst geht es einem noch, wie den polnischen Schubschiffern, die so besoffen waren, dass sie zwar ihren Kahn auf die Kaimauer setzen, aber nicht mehr richtig ins Röhrchen pusten konnten. Dafür rauscht ein Aeroboat jetzt unter polnischer Flagge über den Strom. Merke: Eine Bürokratie lässt sich nur mit einer anderen ausbooten. Das macht die Grenznähe so schön praktisch, nicht nur beim Tanken und Zigarettenkaufen. Frei von solchen Alltagssorgen blühen an den Lebuser Hängen inzwischen wieder die Adonisröschen. Von dort betrachtet, sieht Frankfurt noch immer am beschaulichsten aus, ganz so, als hätte der Fluss dort sein Ziel. Einladender Ort. Es ist eben alles eine Frage der Perspektive.

Bücher


Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen, lässt Heinrich Heine in „Almansor„ Hassan zum Titelhelden der Tragödie sagen. 112 Jahre später brannten in Deutschland die Bücher, sechs Jahre später die Welt, und noch einmal sechs Jahre weiter fanden sich die Deutschen geschlagen in ihrer Geschichte zwischen Goethe und Gaskammer. Weil Heines Werke zu den verbrannten gehörten, schien es comod, ihn fortan zu zitieren. Aber von welchem Verbrenner redete er? Ximenes de Cisneros hatte den Auftrag, die Werte des Abendlandes zu bewahren und die der spanischen Krone. Also mussten die Mauren in Granada zu spanischen Katholiken gemacht werden. Das Ankommen in der neuen Zeit, dachte sich der aufgestiegene Franziskanermönch 1499, gelingt Schlechtgläubigen besser, wenn ihr Koran den Scheiterhaufen ziert. Wer nicht glauben will, muss fühlen oder fliehn. So haben Menschen – bis heute – das Schicksal ihrer Bücher oft geteilt. Nach der Wende wurden von den Herrschenden keine Bücher verbrannt. Sie wurden auf Mülldeponien gekarrt. Und es gab Geistliche, die Bücherretter wurden. Geschichte ändert sich also? Langsam. Der 10. Mai ist Tag des freien Buches.

Teppich


Kürzlich prägte ein Freund mit Blick auf das Zentrum das Bonmot: Die größte Ladenkette in Frankfurt heißt offensichtlich „Zu vermieten„. Das Lachen darüber dürfte nicht nur den Großvermietern im Halse stecken bleiben. Der Freund hat es, wie viele andere, inzwischen vorgezogen, ein Häuschen im Umland zu beziehen. Handelsdeutsch heißt das: Kaufkraftverlust. Und so haben die Einzelhändler es schwer. Je kleiner sie sind und je spezieller ihr Angebot, um so härter ihr Alltag. Wer eine subkulturelle Szene bedient oder eine ganz spezielle Zielgruppe im Blick hat, muss mit seinem Angebot weit ins Umland ausstrahlen, wenn er im Wettbewerb bestehen will. Auf der anderen Seite lassen Kaufleute aus Leidenschaft sich durch diese Bedingungen nicht entmutigen. Sie kennen ihre Kunden genau und sie wissen, das Erfolgsgeheimnis heißt Service. Deshalb ist es eine tolle Idee, dass die Händler der Karl-Marx-Straße am 23. Mai den Roten Teppich für ihre Kunden ausrollen werden. Sie wollen an diesem ersten Servicetag zeigen, dass ihre Leistungen den Vergleich nicht zu scheuen brauchen. Gemeinsam statt gegeneinander präsentieren sie sich. So wächst das Selbstbewusstsein, das wir nötig haben.

Nachfolger


Es ist schön, dass der Oberbürgermeister einen Nachfolger sucht. Manche meinen ja, das hätte er schon sehr viel früher tun sollen. Aber Martin Patzelt ist keineswegs seines Amtes müde. Auch das sind wiederum andere. Sich selber voller Tatendrang zu sehen, macht sich besonders gut, wenn es um schläfrig oder wach in Bälde nicht mehr gehen wird. Irgendein Landtagsbänkchen oder dergleichen wird sich schon finden. Besonders schön ist die Idee, den brandenburgischen Wirtschaftsminister und Parteifreund Ulrich Junghanns zur Amtsübernahme einzuladen. Nicht, weil der Wählerwille schon mal freundlich vorausgesetzt wird, sondern weil Junghanns Frankfurter ist und Kompetenz in seinem Fach besitzt. Damit ist er, soweit die Zählgemeinschaftsaugen blicken, eine Ausahmeerscheinung. Aber sogar solche Exoten sollte man nach ihrer Meinung fragen, wenn man so schöne Ideen hat. Dass Patzelt sich diese lästige Mühe ersparte, demonstriert einen vertrauten Zug seiner schönen Amtsführung. Es ist nicht zu befürchten, dass ihm das aufgefallen wäre, denn in jüngster Zeit wird Patzelt zunehmend philosophisch. Das ist so bei Politikern, wenn ihnen nichts mehr einfällt. Danach treten sie ab. Ist doch schön.

Beförderung


Ob sie sich deshalb auf Jagd nach radfahrenden Verkehrssündern hinter Lieferwagen und in Toreingängen verstecken? Oder nachts um halb drei den Laser auf das einzige Auto der nächtlichen Straße richten? Man weiß es nicht. Man weiß nur: Die Sozialdemokraten in der Polizei des Landes Brandenburg fordern Innenminister Jörg Schönbohm auf, mehr Beamte als geplant zu befördern. Dabei ist gerade Schönbohm doch ein herausragender Beförderer. Er hat die Polizei aus Frankfurt nach Erkner befördert, aus Erkner nach Fürstenwalde, vom Fußweg aufs Fahrrad und wer weiß, wo noch überall hin. Aber das wollen die Sozialdemokraten nicht gelten lassen. Das Lauern auf die Sternchen sei für die Beamten frustrierend und demotivierend. Womit auch der Bürger nun weiß, wo der Frust herkommt und warum die Aufklärungsquoten sinken. Was die Sozialdemokraten natürlich wieder ganz anders sehen. Im Vergleich mit anderen Bundesländern könnten sich die Arbeitsergebnisse in der Kriminalitäts- und Verkehrsunfallbekämpfung trotz sinkender Motivation immer noch sehen lassen, verkünden sie. Das ist natürlich ein unwiderlegbares Argument.Schließlich gilt ja auch sonst überall im Lande die Losung: Sie haben keine Lust – befördert sie!

Prima Klima


Der Sommer war im April. Der Frühling ist die Zeit der Tornados in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Das Klima ist völlig normal. Die Schafe merken von der Schafskälte nichts. Jedenfalls, so lange sie nicht geschoren sind. Und das passiert immer erst nach der Wahl. Kein Grund also, sich Sorgen zu machen. Vielmehr lohnt es sich, in Fauna und Flora auf Neuentdeckung zu gehen. Wie man hört, wird die Ostsee zunehmend von Mittelmeerfischen bewohnt, während sich Alteingesessene, wie der Kabeljau, weiter nach Norden verdrücken. Aber auch Freunde von Spinnen und Insekten können sich an wachsendem Artenreichtum erfreuen. Der Evolutionsleiter folgend, werden bald auch Lurche, Echsen und schließlich Säuger hier zu Hause sein, denen das noch vor kurzem niemand zugetraut hätte. In der Pflanzenwelt spielt sich der gleiche Prozess ab. Wen schon der biedere Knöterich ärgerte, der sich, einmal angesiedelt, aus kaum einem Garten vertreiben lässt, der muss künftig vor dessen asiatischen Verwandten kapitulieren. Unsere Enkel werden unter Palmen liegen, ohne nach Mallorca oder noch weiter weg fliegen zu müssen. Und der Sommer wird dann wohl schon im Februar sein.

Wahlpflicht


Es gibt nur eine Kaffeesatzleserei, die alle Prognosen vor einer Wahl überbietet. Das ist die Interpretation des Ergebnisses mit dem unumstößlichen Willen, es als Sieg der eigenen Partei zu erkennen. Diese Volksbelustigung wird um so größer, je mehr Volk seine Politiker im Unklaren lässt über Mißmut, Gleichgültigkeit oder Resignation. Diese Schlawiner gehen einfach nicht hin zur Urne. Statt ihre Stimme abzugeben und ein paar Jahre den Mund zu halten, maulen sie die ganze Zeit rum. Deshalb hat sich ein sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter ausgedacht, jeden Nichtwähler 50 Euro Strafe zahlen zu lassen. Die Idee passt zu den anderen Scherzen seiner Partei vom letzten Wählerbetrug bis zur moralischen Empörung darüber, dass Wahlversprechen neuerdings gehalten werden sollten. Immerhin: Viele Arbeitslose könnten dann ihr Einkommen als Berufs-wähler aufbessern. Man gibt zehn Euro, schickt sie irgendwas wählen und spart noch dabei. Einleuchtender allerdings finde ich die Idee, nur so viele Abgeordnetenplätze anteilig zu besetzen, wie Wählerstimmen abgegeben wurden. Leerer als heute wären die meisten Parlamentssitzungen auch nicht. Aber alle käme das ein bisschen billiger.

Gepäck


Der Mensch, fast wäre Darwin selbst darauf gekommen, ist eine Mischung aus Messie und Maultier, die sich zum Affen macht. Das gilt besonders mit wachsendem Lebensalter, Wohlstand und Sozialstatus. Immer, wenn ich zusammensuche, was ich unbedingt brauche, um ein paar Tage jenseits der Zivilisation ganz frei, ganz Mensch zu sein, ärgere ich mich, dass mein Wagen keine Anhängerkupplung hat. Sonst könnte ich, wie jeder richtige Angler, Grillplatz, Leinwandvilla und Satellitenfernseher mitnehmen und sogar, wie jetzt modern, den individuellen Angelsteg. So aber reise ich, gepeinigt von Verzicht und mit der tiefsitzenden Demütigung des Benachteiligten ins Wochenende. Allerdings gab es eine Zeit, als ich mit dem Leinenbeutel über der Schulter über Land trampte. Der bot Platz für eine Flasche Rotwein, eine Schachtel Karo, drei Schachteln Streichhölzer, Taschenlampe, Messer, Wechselwäsche. Luxus-Tippelbrüder waren solche, die dazu den zur Kugel gerollten US-Parka und einen Schlafsack mitführten. Damals lernte ich: Kein Mensch braucht mehr, als er alleine tragen kann. Ich hätte das längst vergessen. Es war mein Sohn, der mich daran erinnerte, als er mir die Kofferhaube zuquetschen half.

Fensterzank


Restauratoren sind wanderndes Volk. Je größer ihre Fähigkeiten und ihre fachliche Kompetenz, um so bedeutender folglich die Aufträge, die sie erhalten. Der Nachteil: Solche Aufträge gibt es nicht oft. Wenn sie mit einem beginnen, so füllt er eine ganze Lebensphase. Was danach kommt, wissen diese Schatzretter nicht. Über all das redet es sich am Anfang eines Auftrages leichter, als am Ende. Anfang, das ist die Zeit, in der Polit- und Kirchenprominenz sich die Klinke in die Hand gibt, weil jeder hofft, auch auf ihn möge ein wenig vom Glanz der Auferstehung eines einmaligen Kunstwerks fallen. Anfang, das ist die Zeit, da Zugezogene sich allzu gern blenden lassen von den wenigen Berufsoptimisten und vielen Enthusiasmierten. Dann kommt die Arbeit, der Alltag. Leute gewöhnen sich schnell, und besonders schnell an Wunder, die sie nicht selber zu vollbringen brauchen. Deshalb ist es mit dem Happyend so eine Sache. Natürlich soll die Stadt mit den Kirchenfenstern Kasse machen. Aber sie tut es krämerhaft und ohne Noblesse. Und wie jede Provinz, ist sie besonders gut im Übelnehmen und gewollten Missverstehen. Aber wer etwas schafft, hat auch das Recht, über das Geschaffene zu reden. Gerade dann, wenn das nicht jedem passt.

Anregend
Man muss nicht bis zur Zensursula gehen, um festzustellen, dass nicht alle des Internets mächtig sind, die sich des Internets bemächtigen. Das kann man auch vor der Haustür haben. Dort fand sich unter den Logos der Stadt und des Projektes Soziale Stadt in dieser Woche ein neues Portal, das Bürger ermutigen soll, für ihr Quartier Beresinchen aktiv zu werden. Eine Frankfurter Firma, die mit hoher Professionalität und niedrigen Kosten für sich wirbt, hatte die Seite gebaut. Tatsächlich findet sich vieles darauf, was dank Web2 möglich ist: Umfrage und Forum, Galerie und Downloadbereich, vor allem aber: jede Menge Information von Förderrichtlinien bis zur erfolgreichen Arbeit von Vereinen und Einrichtungen. In der Mitteilungsbox, die wohl für Anregungen anderer Art gedacht war, geriet das Portal freilich offener als gewünscht – es bot jede Menge Links zu sehr bildhafter Pornowerbung. Man hatte wohl vergessen, dass sich im weltweiten Netz auch Mailroboter tummeln, denn dass die Betreiber gelangweilten Plattenbewohnern etwas Gutes tun wollten, darf ausgeschlossen werden. Still und leise haben sie die Sexlinks verschwinden lassen. Die Nachfrage des BlickPunktes blieb unbeantwortet.