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Heidrun Jänchen

Nach Norden!

Fantasy gegen Rassismus

Wer das Genre des fantasy-Romans mit Horrorgestalten im ultimativen Kampf des Guten gegen das Böse verbindet, der hat wahrscheinlich nie Stanislaw Lem gelesen und andere Autoren, die unter dem Signum Science Fiction oder Utopische Literatur philosophischen Fragen nachspürten oder gesellschaftlichen Funktionsweisen spielerisch auf den Grund zu gehen versuchten – ähnlich übrigens, wie manche Autoren vorgeblich historischer Literatur zu Zeiten realsozialistischer Kulturpolitik. Das phantastische Spiel befreite vom kaum ausdenkbaren, aber sehr wirklichen Disput um das Typische, das Wahre und das Schöne in der Literatur. Es befreite von der Langeweile künstlicher Grenzen und versetzte, wenn schon nicht Berge, so doch wenigstens Gedanken in die Welt des Womöglichen.
Heidrun Jänchen bewegt sich in dieser Tradition mit ungestümer Erzählfreude und schlafwandlerischer Sicherheit. Mit ihrem Roman „Nach Norden!“ macht sie ihre Leser zu Begleitern der „Wandlerin“ Elra, die nach den letzten ihres Volkes sucht, und des Elfs Frett, der ebenso sarkastisch wie geduldig dafür sorgt, dass seine Begleiterin am Leben bleibt – jedenfalls so lange, bis die erschöpfte Elra stark genug ist, ihrerseits beiden das Fell zu retten. „Nach Norden!“ ist aber nicht nur das Buch einer Reise durch eine mittelalterlich-nordische Landschaft, in der um den Bissen Brot gerungen, in der geraubt und vergewaltigt wird. Es ist auch ein Buch über die Ausgrenzung von Schwachen, über Misstrauen, das aus Versagens- und Verlustängsten herrührt, aus dem Mangel an Phantasie und dem Mangel an Erfahrung mit dem Fremden. „Nach Norden!“ ist Fantasy über Rassismus. Zugleich ist es ein Buch darüber, wie Lebenslügen und Lebenshoffnungen zerbrechen und den Blick freigeben auf das, was zur eigenen Identität werden könnte. Es ist ein Buch über Männer und Frauen und ihre Kunst des Missverständnisses – haarscharf an der Katastrophe vorbei.
Jänchen träumt vernehmlich. Manchmal, wie eine frisch Verliebte, die sich ausmalt, wie Weiber und Kerle miteinander umgingen, wenn sie nur könnten und wollten. Manchmal wie eine Frau im Würgegriff, nein, nicht der Verhältnisse, sondern eines wirklichen Gegners, also so, wie jemand träumt, der gerade keine Luft mehr kriegt und keine Zeit mehr hat für den – vielleicht – nächsten Gedanken. Die Autorin balanciert mit den Erzähltempi wie eine Seiltänzerin in der Arena, sie lässt sich Zeit, den wechselnden Landschaften Gestalt zu geben, und sie nimmt das Unwahrscheinliche als das Gegebene hin, wie es sich für ein Märchen gehört, das sich letztendlich selber erklärt.
Am Ende des Buches, das ist so gewollt, ist die Geschichte nicht vorbei. Zwei, die zusammen gehören, sind getrennt und längst nicht angekommen, nicht am Ziel ihrer Reise und nicht bei sich selbst. Aber sie sind einander näher, und der Leser ahnt, wie sich die Bilder gleichen von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort. Er hat ein paar Fieslinge kennengelernt, jede Menge Durchschnittsopportunisten und wenige seltsame Gestalten, die ihm getrost sympathisch sein können. Die Magie dieses unterhaltsamen Buches geht nicht von Zauberkräften aus. Von denen machen manche, die ihrer fähig sind, erstaunlich wenig Gebrauch. Aber selbst im Schroffen – der Landschaft und jener, die sie bevölkern – ist die Erzählung von einer Anmut getragen, die nichts mit Kitsch zu tun hat, sondern mit der handfesten Erfahrung, dass Leben das einzige ist, um das es zu kämpfen sich lohnt.
Bleibt nachzutragen, dass der Wurdack Verlag sich auch sonst etwas absolut Utopisches leistet: Das Manuskript wurde vor der Drucklegung ganz offensichtlich Korrektur gelesen und ist nahezu makellos. Chapeau!
Heidrun Jänchen, „Nach Norden!“, Wurdack Verlag, ISBN 3-938065-09-5, Paperback, 220 Seiten

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