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Karsten Krampitz - Die Aussicht vom Knochenberg

Die Aussicht vom Knochenberg

Selbstironie wird zur Überlebenskunst, wenn sie sich vom Zynismus löst. Das gilt auch für den Helden Tobias Schäbitz in Karsten Krampitz´ neuem Roman "Der Kaiser vom Knochenberg". Der am Heiligabend geborene Student und Taxifahrer Schäbitz, den manche "Napoleon" nennen, weil er seinen durch Krankheit verkrüppelten Arm am liebsten in der Jacke versteckt, findet sich in eine handfeste Beziehungskrise mit seiner schwangeren Lebensgefährtin Esther verstrickt. Allmählich dämmert ihm, dass es dabei nicht nur um ihre Liebe geht, sondern auch um ihre - und vor allem seine - Geschichte. Sie führte ihn von der Siedlung im brandenburgischen Wolzow, dem Knochenberg, durch ein Vorzeige-Internat für Behinderte, in dem er sich zuweilen wie in einem gut bewachten Zoo fühlte, bis ins "Bonntown" Berlin. Diesen Weg muss Schäbitz noch einmal zurückgehen, ohne über Kindheitssentimentalitäten zu stolpern. Zu verklären gibt es ohnehin nichts an dieser Vergangenheit, die sich auf knapp zweihundert Seiten zur Familienhistorie ausweitet.
Da gibt es die Urwunde, den Verrat des Vaters, beschrieben aus der Perspektive des Heranwachsenden. Wie der zugelaufene Hund angeblich zu den Grenztruppen gegeben wird, um die Republik zu schützen, und sich wieder anfindet, an einen Baum im elterlichen Wald genagelt: ein modernes Kreuzigungsmotiv, eine Hinrichtung, gegen die sich die Seele wehrt, bis aus dem Jungen ein Mann geworden ist. Da gibt es den Großvater, der von vielen wie ein Aussätziger behandelt wird. Die Mutter, die in sich selber, im Alkohol und im Dreck versinkt. Und nun ist "Napoleons" Hand wie ein Kainsmal. Die moderne Esther geht bei ihrem Nachwuchs kein RISIKO ein, und Schäbitz bekommt zu spüren, dass er das Risiko ist.
Krampitz erzählt zügig, schnörkellos und auch dann nicht verwaschen, wenn der Ton lässig wird. Dass sein Held zu den Wendekindern gehört, ist ein so realer wie literarischer Zufall. Kein Sujet an sich. Auch wenn der Leser von der Deutschen Demokratischen Republik so viel erfährt, wie sie eben ihre Rolle spielte im Leben eines Heranwachsenden, dem sie als Pionierhemd und FDJ-Bluse "auf den Leib geschneidert" schien. Des absichtsvoll Ideologiekritischen, dem selbst Autoren wie Brussig zuweilen verfallen, bedarf Karsten Krampitz ebenso wenig wie des Moralisierenden, das noch den zweiten Teil seines vorletzten Buches "Affentöter" prägte.
Quicklebendig haut er uns seine Welt als Ahnen-Galerie nüchterner Porträts um die Ohren, in denen wir, wenn wir wollen, auch eigene Gesichtszüge wieder erkennen. Er macht das schamlos wie einer, der das Dauerschämen erst verlernen musste, schelmisch und, wo´s dazu nicht reicht, wenigstens trotzig. Krampitz muss nicht beweisen, dass er seine Nabelschnur ganz allein durchgebissen hat. Er weiß, dass das nicht funktioniert. Aber er weiß auch, dass gerade aus dieser Unmöglichkeit der Stoff erwächst, aus dem er seine Erzählkraft schöpft.

Karsten Krampitz, "Der Kaiser vom Knochenberg", Roman, 191 Seiten, Ullstein, ISBN 3-550-08379-3

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