Wolfgang Schüler Die Drei Raben
Tango im Panoptikum
Wer der Erklärungen überdrüssig ist, "wie es wirklich war" im Dreibuchstabenland, und wer die Süffisanz nachträglicher Abrechnungen satt hat, mit der Geschichte plangeschrieben wird, der muss lange suchen, um literarisch überzeugende Werke über die DDR zu finden. Eines davon heißt "Die Drei Raben". Wolfgang Schüler, Jahrgang 1952, Rechtsanwalt und Krimiautor,
schickt darin eine Handvoll Studentenkumpels aus, die das ganze Wachsfigurenkabinett noch einmal zum Leben erwecken. Und siehe da:
So blass, wie das Panoptikum uns weismachen will, waren die Leute gar nicht.
Was Schüler Roman nennt, beginnt in der Tradition schönster amerikanischer Shortstory, und es geht auch so weiter. Lose fädeln sich auf 320 Seiten
zehnmal fünf Episoden aneinander. Mit jeder wächst die Personage vom lebensmüden Türsteher der Nachtbar bis zum senilen Vorsitzer des Politbüros.
Immer wieder kreuzen sich die Wege der mehr oder weniger Privilegierten in der geschlossenen Beziehungsgesellschaft. Abstrakte "gesellschaftliche Verhältnisse" gibt es nicht. Statt dessen Tango-Time: Spielerisch tänzelt Schüler durch die doppelt und dreifach gestrickten Biographien seiner Protagonisten, fragt Motiven und Ansichten nach, hangelt sich dabei durch sämtliche sozialen Ebenen und präsentiert en passant das gesamte Tabakwaren- und einen Großteil vom Alkoholsortiment der staatlichen Handelsorganisation. Diese Detailfreude bei Nebensächlichkeiten bereitet Schüler - und dem Rezensenten - offenbar ebensoviel Lust, wie eine sinnlich-deftige Erotik, für die der Autor sich garantiert den Vorwurf des Sex- und anderer Ismen einhandeln wird. Schwamm drüber.
Schüler macht aus dem Studentenhirn und seiner Anhangdrüse keine Mördergrube, und warum sollte literarische Ehrlichkeit auch ausgerechnet dort aufhören. Gerade sie ist es schließlich, die "Die Drei Raben" reizvoll aus der Allerweltslektüre hervorstechen lässt. Schülers Studiosi sind lebenskundige Leute, die erfahren, dass sie nicht ihre Naivität verlieren und ihre Unschuld behalten können. Bevor es ihnen gelingt, die Welt zu verändern, verändert die Welt erst mal sie: per Parteibeschluss oder Skinhead-Schlagring, Wohnungsantrag oder Westgeldjagd. Es ist das vermeintlich ganz Normale, was zum Lachen bringt oder alte Wut hochsteigen lässt, was auch heute vor allem dort Nerven kostet, wo die Schwejkiade nichts verrichten kann. Die Helden sind nun mal keine, und wer sagt, dass sie jedem sympathisch sein müssen? Sie können uns jeden Tag auf der Straße begegnen, ver-wendet, wie Schüler sie aus seinem Buch entließ: als Anwalt oder Immobilienmakler, Leserbriefschreiber und -beantworter, Nazi und Psychiatriebewohner, Konzernmanager und Rentner... Man kennt sich halt, wenn mancher das auch gern vergäße.
Wolfgang Schüler, "Die Drei Raben",
edition reiher im Karl Dietz Verlag Berlin, 320 Seiten








