Volker Braun
Um vorhanden zu sein in der Geschichte
Volker Braun stellte „Wendehals“ vor
„Wie viele Possen muß ich reißen für einen Moment des Erschreckens“, endet Volker Brauns Gedicht „Schreiben im Schredder“ über das Elend der Literatur dort, wo aus Bücherdepots Deponien wurden, Bulldozer und Mäuse sich die Beute mit einem Pfarrer teilen, der aus Bergen Papiers Brot für die Welt zu machen sucht. Die Verse korrespondieren mit einem der beiden Motti von Brauns jüngstem Buch: „Liebe Frau“, erwiderte Sancho, „wenn Gott es wollte, so wäre ich froh, nicht so heiter zu sein, wie du mich siehst“ (Cervantes, „Don Quixote“).
Der 1939 geborene Sinnsucher und Aufklärer begibt sich mit dem „Wendehals oder Trotzdestonichts“ (Suhrkamp Verlag 1995, 125 Seiten, 34 Mark) in einen Dialog zwischen dem „arbeitslosen Weltanschauer und Veränderer“ und dem wendefreudigen Schaber, hinter dessen philosophischen Pirouetten der einstige Bezirkschef der Berliner SED aufscheint. Dem Diderotschen Disput näher als dem Schelmenroman, doch aus beiden Quellen gespeist, wandeln die beiden Figuren durch das nachwendische Berlin, das sich nur als Theaterbühne denken läßt. Auf Händen laufend, beäugt Braun die einst staatstragenden geistigen Essenzen; mit verdrehtem Kopf versucht er die Vernunft am Schopf zu packen und dreht ihr Toupet in den Händen.
Dem Publikum im überfüllten Frankfurter Haus der Künste war es ein Vergnügen, so weit es sich wiederentdeckte. Anderen mochte der Text stellen-weise befremdlich erscheinen. Denn der brechtsche V-Effekt führt nur über einen gemeinsamen Code zur Kenntlichkeit: „Ich bin. Doch jetzt haben sie mich. Darum werde ich nichts.“ In Braunschweig lacht darüber keiner, bemerkte Braun treffend.
Sich einzumischen in die Realität, war für den Autor von jeher Programm. Die literarischen Mittel wechselten. Vom intellektualisierten Pathos der Gedichte aus den 60er Jahren hat der Dichter sich raschen Schrittes fortbewegt. Zwischen lakonischer Elegie („Jeder Schritt, den ich noch tu´, reißt mich auf“) und poetischer Selbstdisziplinierung („Doch wo ein Mann fällt, fehlt ein Mann“) stieß er auf das noch nicht manipulierte Material Geschichte. Das nicht in Anspruch genommene utopische Potential war sei poetischer Stoff. Damit wandelten sich die Formen. Anekdote, Tagebuch, Essay und Fragment dominierten in den 70er Jahren das Werk, während sich mit dem Erzählungsband „Das ungezwungene Leben Kasts“ eine weitere Linie ankündigt, die sich in den Stücken („Lenins Tod“, „Die Übergangsgesellschaft“) ebenso fortsetzte, wie im „Hinze und Kunze“-Roman oder nun im „Wendehals“. Dieter Schlenstedts Feststellung, Brauns Optimismus sei durchzogen „von tragischer Erkenntnis“ hat dergestalt ihre Gültigkeit behalten: Wenn Schaber in vermeintlicher Umkehrung abgehalfterter Verhältnisse konstatiert: „Es macht keinen Sinn. Aber Spaß“, so sucht der verletzte Narr um ein weiteres nach der Aufhebung dieses Satzes, indem er die Komik der neuen Gesellschaft zu ergründen sucht.
„Es ist ja keine Katastrophe, wovon wir reden“, meint Braun selbst über sein „viel zu teures“ und deshalb im Osten kaum verkäufliches Buch. „Deshalb ist vielleicht solch ein Ton möglich. Die Katastrophe war vorher.“ Dennoch habe sich das „Training des aufrechten Gangs“ - so der Titel eines Gedichtbandes aus den 80er Jahren - gelohnt. „Wir haben einen Staat abtreten lassen. Der Versuch, zu solcher Gangart zu finden, hat zu einem paradoxen Ergebnis geführt. Aber so läuft Geschichte eben.“ Literatur sei für ihn eine Instanz, die mit größerem Ernst und größerer Unabhängigkeit als die Institutionen der Demokratie menschlichen Bedürfnissen aber auch der Natur eine Stimme gebe. Die daran erinnere, daß die Menschen in der DDR eine Gesellschaft abstreiften, „weil sie endlich vorhanden sein wollten in der Geschichte“.
Das Unterste nach oben
Zu den herausragenden Ereignissen der diesjährigen Kleist-Festtage gehörte die Lesung von Volker Braun im Kleist-Haus. Der berliner Autor, der zuletzt mit “Halbe Stadt” einen der wichtigsten Texte zum “Frankfurter Abend Nr. 1” am Kleist-Theater beigesteuert hatte, stellte seinen Zyklus “Der Staub von Brandenburg” vor. Dramatik und Dichtung, Chronik und philosophische Betrachtung fließen dabei ineinander, und Braun erweist sich als bekennender Verwandte Kleists, wenn er die anekdotische Mitteilung zum Mittel wählt, das Ungeheuerliche des Alltäglichen ebenso kenntlich zu machen wie das Banale des vorgeblich Historischen.
Der Paradigmenwechsel in der Gesellschaft kehrt auch für Braun das Unterste nach oben, nämlich: die Zeitungsnotiz über zwei oderländische Bauern beispielsweise, die zwei angeschwemmte Flüchtlingsleichen zurück in den Fluß stoßen (“Ich weiß nicht, was ich machte, wenn sie leben...Ich glaub, ich schlüg sie tot”). “Im Staub mit allen Feinden Brandenburgs” findet Braun den Malocher, der noch Arbeit hat und an ihr mehr hängt als an Liebe und Leben (“und selber ich arbeitend bin ein Feind / für alle Deutschen draußen ohne Arbeit”). Mit der Arbeitslosen, die durch ihre Lüge vom Skinhead-Überfall zur Heldin stilisiert wird, beschreibt er Ängste und Drücke der Jetztzeit und fragt im “Lear in der Lausitz” endlich: “Wer denkt dran / und hälts im Kopf aus, in der Abrißbrine, / wenn er beschäftigt wird ein halbes Jahr noch / mit einem ganzen Leben, das er wegreit”.
Zugespitzt, kühl, ästhetisch ausgereift kommen diese Stücke einher. Der grausame Witz der Geschichte, weiß der Dichter, braucht einen Humor, der ihrem Scherz gewachsen ist, und nur der schwärzeste ist hell genug, die Verhältnisse zu durchleuchten. Der Rest ist eine Frage des Blickwinkels. Von oben herab: Zynismus. Von unten, wie bei Braun: Subversion, die für Beunruhigung sorgt.
