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Paul D. Bartsch

Physik für Nichtschwimmer

Paul D. Bartsch „Das Wasser am Hals“

Der schöne Lohn einer kleinen, fein komponierten Erzählung besteht darin, dass sie weiter wächst, wenn das Büchlein bereits zugeschlagen ist. Paul D. Bartsch hat sich von der Wende vorgenommen, was am interessantesten an ihr ist: die Zeit davor. „Das Wasser am Hals oder 20 Sätze über die Trägheit“ beschreibt, weshalb nicht nur der Lektor Karl-Georg Ammer den Ereignissen so überrascht wie hilflos gegenüberstand, an denen er keinen oder einen ganz anderen Anteil zu haben glaubte.

In den Auenwiesen zur Zeit des Hochwassers kommt alles zusammen: die Flut, die Ehekrise, das Zerbröseln des Status Quo. Als ein den Leser behutsam an die Hand nehmender und sich, dieserart legitimiert, zum Pluralis Majestatis aufschwingender Erzähler, flicht Bartsch unterschiedliche Schauplätze zu einem hübschen Zopf, aus dem sein Erzählfaden allenthalben hervorblitzt.

Ammer sitzt in seinem Haus, das sich allmählich zur Insel verwandelt, seine Frau wartet bei ihren Eltern auf eine Psychotherapie, seine Mutter flirtet mit einem Gast ihres Urlaubsheims und am Deich kämpfen Männer gegen den Fluss. Vor Ammer liegt ein vermeintlich unbekanntes Manuskript, das er zu verreißen trachtet, weil ihm der innere Zensor bedeutet, dass dies wohl der an ihn gerichteten Erwartung entspräche, aber auch, weil seine Männerseele sich sträubt. Da unterscheidet er sich wenig von Artgenossen, deren Grundbedürfnisse sich auf viel Ruhe und regelmäßigen Geschlechtsverkehr beschränken.

Nur dass der ins Intime und Gesellschaftliche durchdringende Text von seiner eigenen Frau stammen könnte, wird ihm erst nach dem Ende der Erzählung aufgehen. So wie das Wasser erst später über seine Schwelle laufen wird und sein Land erst hinterher den Bach ´runtergehen. Bartsch immerhin gibt seinem Protagonisten die Chance, vorher noch schwimmen zu lernen. Wenigstens so viel, dass es ans nächste Ufer, wo das auch liegen mag, reicht.

Die Trägheit, die Ammer bislang daran gehindert hat, ist kein Phänomen, das Egomanen und Realitätsverweigerern vorbehalten wäre. Deshalb bestraft Bartsch seinen Helden auch nicht mit Liebesentzug. Wo Ironie aufleuchtet, ist sie fein dosiert, und wer eine ostdeutsche Sozialisation durchlebt hat, wird Vergnügen daran finden, wie detailreich Bartsch Bücherregale, Plattenschränke und sonstige Lebensutensilien beschreibt, wie er dem Biedersinn ein Ambiente gibt und die Kulissenhaftigkeit alles sicher Geglaubten in Szene setzt. Und in einem Land, in dem es für viele aus der Nischengesellschaft geradewegs in die Alkovensozität ging, braucht Bartsch auch um die Aktualität seiner Geschichte nicht bange zu sein.

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