Wolfram Zebe
Land-Gang auf hoher See
Mit den Seeleut` hat Wolfram Zebe es gerade so lange, wie die Schiffspassage nach Helsinki und zurück dauert. Doch ist ihm das - zumal die Fahrt mit einem Rostocker Frachter stattfindet - lange genug, um in der Crew die eigenen Leute wiederzuerkennen, bei ihnen auf ähnliche Fragen zu stoßen, wie sie ihm selbst durch den Kopf gehen, und aus der Art, wie die Männer samt Stewardess Rosi ihre Arbeit tun, Hoffnung zu schöpfen. Zumal fast jeder aus der Mannschaft den Passagier mit der obligaten Frage begrüßt: "Wollen Sie einen Kaffee?"
Meistens ist das zugleich eine Einladung zum lütten Klönsnack, und dazu ist der Urlauber allemal aufgelegt. In seinem Kopf aber gehen die Gespräche weiter, und die Gedanken drehen sich um eine viel größere Reise, die er mit seiner Grete und den Bauern aus der Uckermark hinter sich gebracht hat: Vom Anfang bis zum Ende der DDR. Das war kein Weltuntergang, weiß Zebe inzwischen. Nicht einmal ein Untergang der eigenen Träume, denn die findet er just bei einer bunten Truppe von Trampern aus dem Westen Deutschlands wieder, als er sie zwecks Abkürzung und Kostenersparnis für einen Tag auf "seinen" Dampfer lotst.
Deshalb erzählt Zebe nicht wie einer, der sich rechtfertigen müßte. Auch nicht wie einer, der es schon immer gewußt hat. Aber wie einer doch, der dabei war, der nicht feige sein wollte, wenn es um die Verantwortung ging. Das hatte ihm den Posten eines LPG-Vorsitzenden eingebracht und später eine Anklage wegen "Wirtschaftsverbrechen", Freunde und Feinde. Doch wem die Erinnerung nur noch zur Abrechnung gerät, den hat das Gedächtnis schon verlassen. Zebe gehört nicht dazu. Der Film, den er bis zur Bildung der Kooperativen abspult, ignoriert die Klischees und die Phrasen neuester Geschichtsschreibung, als gingen sie ihn wirklich nichts an. "Schon wieder eine Seele vom Ackerland befreit", sangen seine Bauern in der Kneipe - nachdem sie unterschrieben hatten. "Leute, war das eine Nacht!" Und Zebe warnt sich selbst: "Paß auf, alter Knabe, daß du nicht in Nostalgie verfällst."
Zweihundert Seiten später weiß der Leser, daß der Balanceakt gelungen ist. Über 16 Kapitel hält Zebe die Neugier des Lesers wach. Eher mit seiner offenkundigen Lust am Leben auch dort, wo es etwas derber zugeht, und mit einem alle Episoden durchziehenden Augenzwinkern, als mit besonderer Dramatik oder psychologischer Tiefe. Dabei gibt es Momente, die atemlos machen. Etwa, wenn Grete angesichts der am Rostocker Kai zur Verschiffung bereitstehenden NVA-Panzer nur noch fragt: "Auf wen wohl?" Oder wenn Bauer Wilhelm am Oderufer steht und über den Fluß schaut, hinüber zu "seinem" Hof. "Lange ist Wilhelm da gestanden, wir haben ihn allein gelassen mit seiner Not und seiner Sehnsucht. Wir haben geschwiegen und ihn nicht gestört. Doch stets drehte er sich abrupt um, steckte sich einen Zigarrenstumpen ins Gesicht, stapfte mit dem Krückstock auf und sprach immer die gleichen Worte: Verspielt! Ich habe damals auch mit ´Heil` geschrien. Und dann schwieg er über die ganze Heimfahrt."
Als Kummerower kennt Zebe seinen Welm wie seinen Strittmatter und bekennt sich auch schreibend zu dieser Bekanntschaft. Das schließt nicht nur eine erzählerische Vorliebe ein, sondern auch eine Haltung des Erzählers zu dem, was er berichtet. Grund genug, sich auf den zweiten Teil dieser Reise zu freuen.
Wolfram Zebe, "Die Grete, die Seeleut, die Bauern und ich - Geschichten von einer kurzen und einer langen Reise, 1. Teil", Verlag Die Furt, 248 Seiten)
