Hans Joachim Nauschütz - Leben in Walldorf
Sommer der Spuren im Wachs
Hans Joachim Nauschütz, "Leben in Walldorf"
Wissenschaftler meinen, daß die Menschheit nur existiert, weil ihre Entstehung in eine klimatische Periode fiel, die weniger als andere reich an Extremen war. Schlicht formuliert: Wir hatten Glück mit dem Wetter. Angesichts solcher Evolutions-Plattitüde relativiert sich vieles. Vielleicht reagieren Menschen, die sich als Teil der Natur verstehen, deshalb gelassener auf Klimaschwankungen - vor allem gesellschaftliche. Vielleicht wirkt die Erzählung "Leben in Walldorf", mit der Hans Joachim Nauschütz auf sein Jahr 1989 zurückblickt, deshalb anfangs befremdlich. Wo ist der Eifer, der sich allenthalben über diese Monate stäubt? Wo das Stakkato der Ungeheuerlichkeiten? Wie kann das Wort so leise sein?
Die politische Wirklichkeit ist ein Subtext, den Nauschütz wie selbstverständlich voraussetzt. In seiner Erzählung liefert er höchstens Anklänge davon. So entsteht, genährt durch die Authentizität der Niederschrift, der Verdacht enormer Verdrängungskraft. Als wäre "Leben in Walldorf" zugleich Leben hinter einer zweiten Mauer gewesen, die die andere im hegelschen Sinne aufzuheben vermöchte.
Das stimmt und stimmt nicht. Sicher rückte "Walldorf" die Dimension der Hiesigkeit zurecht, die stärker begrenzt war durch die enge Frist des eigenen Lebens als durch den bedrückenden Mangel an Freizügigkeit: schon weil dem uneingelösten kosmopolitischen Anspruch der Mikrokosmos gegenübertritt, in dem sich alle Sehnsüchte und alle Gefährdungen des Menschen spiegeln. Ebenso sicher sucht der Erzähler die Vergewisserung weniger in der räumlichen Nähe von Macht und Ohnmacht als in der Unmittelbarkeit des stetigen Wandels. Die Geschichte der Heerstraße etwa, die bei Lebus einst über die Oder führte und nurmehr ein von Militärgeländen und Reihenhäusern bedrängter Waldweg ist, zeigt, wie Historie zuwächst, wie Urbanisierung Spuren verwischt, wie das sich unmerklich Vollziehende die nachhaltigsten Veränderungen bewirkt. Nicht der Augenblick, in dem Geschichte jedem kenntlich kulminiert, bildet den Maßstab des Betrachters, sondern das Davor, das immer ein Danach ist, und das Danach, das immer ein Davor sein wird.
Wie die verborgenen Wege geraten Schicksale in den Blick. Immer häufiger, drängender. Die alten Griechen stellten sich das Gedächtnis als eine Art Wachsplättchen vor, das die Abdrücke der Wirklichkeit aufnimmt. Was Nauschütz erinnert, sind die Momente des Auftreffens bloßer Finger, scharfer Instrumente oder gar Waffen, sind die Augenblicke des Spurenbrechens, der Deformation. Ob ein Freund unter der Gasmaske Gräben zieht während einer Mobilmachungsübung, ob eine Parteiintrige Hoffungen zu Fall bringt oder ob der Tod mit am Grillfeuer sitzt, unerwartet und feindselig. Bis schließlich die Art unserer Hiesigkeit selbst in Frage steht und der Erzähler die Eingriffe in die Natur, auch in die Natur des Menschen, "Lästerungen" nennt. Als gäbe das alttestamentarische Wort dem Mangel an Konsequenz, dem Versagen vor dem Gewissen, dem Scheitern am Beinahemöglichen noch einmal jene Dimension zurück, um deretwillen so vieles auf eine Karte gesetzt wurde, was nicht auf eine Karte gehörte.
Erst auf den letzten Seiten wird die Gegenwart überdeutlich. Sie überspringt den Gartenzaun, weint am Telefonhörer, verbarrikadiert sich in der Bonzenvilla, wuchert als Trabbi-Halde unweit der bundesdeutschen Botschaft in Prag und legt schließlich den Aufruf des NEUEN FORUMS auf den Gartentisch...
"Mein Sommer wird vergehen, wie dieser vergeht", schrieb Nauschütz 1989 vorausahnend. Das kann ein Geständnis sein. Auch eine irre Hoffnung. Meistens sind wir solcher Sätze nur fähig, wenn der Sommer grad erst beginnt.
Hans Joachim Nauschütz, "Leben in Walldorf", 96 Seiten, Verlag Die Furt, 2000, 16,80 DM
Den Spuren der Großväter und Strubbelköppe gefolgt
„Ich war der einzige, der in den Himmel blickte. Alle anderen schauten ins Grab.“ So endet eine Geschichte von Hans Joachim Nauschütz im Sammelband „Der kleine Prinz lebt“, die Maik Altenburg vergangene Woche in der Kulturkneipe „Gleis 1“ vorstellte. Die Großväter und die Kinder waren die liebsten Gestalten des Erzählers, Essayisten und Publizisten Hans Joachim Nauschütz. Das zeigte sich auch, als Frankfurter Texte von und über ihn lasen, um an den kürzlich verstorbenen Freund und Kollegen zu erinnern.
„Ein Idealist, ein Streiter für Gerechtigkeit und eine Altlast“ nannte ihn Dagmar Uhlmann, die von Nauschütz mit einfühlsamer Kritik zum Schreiben ermutigt wurde. Carmen Winter, die ihre ersten literarischen Schritte im „Zirkel schreibender Schüler“ unternahm, leitet inzwischen selbst einen solchen Kreis. Sie brachte mit Sascha Macht und seiner „Fährmann“-Geschichte eines der jüngsten literarischen Talente zur Lesung mit. „Vielleicht schließt sich so ein Kreis“, meinte die Germanistin und stellte die Weihnachtsgeschichte vom König und der Maus vor, die Nauschütz einst zum Jahreswechsel an Freunde schickte. Den Hintergrund solcher Märchen bildeten oft auf andere Art unwirklich anmutende Schicksale. Sie reichten bis in die eigene Familie und machten Nauschütz zu einem Spurensucher unter dem Schutt der heißen und kalten Kriege.
Für Wiebke Kliems war Nauschütz der jüngste Student der Matrikel 1956 an der Berliner Bibliothekars-Schule. Fast selbst noch einer der „Strubbelköppe“, auf deren unverfälschten Blick Nauschütz die größten seiner Hoffnungen setzte. „Ich habe an Achim geschätzt, dass er ein Frager war. Menschen haben im Gespräch mit ihm gelernt, dass wichtig ist, was sie zu erzählen hatten“, berichtete Ingrid Kopielski. Aus Nauschütz´ letztem Buch „Wie wahr ist das Wahre“ las Henry-Martin Klemt. Es stellt Lebensberichte von Deutschen „nördlich und östlich von Elbe, Oder und Bug“ vor. Frank Hammer wurde einst vom Literaturredakteur der Jugendzeitung „Junge Welt“ an Nauschütz verwiesen und stieß dadurch auf eine „Wahlverwandtschaft“, aus der eine geistige Vater-Sohn-Beziehung erwuchs. Im „Gleis 1“ griff Hammer zum „Leben in Walldorf“, einer Geschichte mit autobiografischen Zügen. Steffen „Paule“ Janisch, seit Jahren musikalischer Begleiter literarischer Veranstaltungen, offenbarte auf seine Weise Einfühlung in das vielgestaltige Werk von Hans Joachim Nauschütz. Manchmal genügt ein Bass, um eine Lebenslinie aufzugreifen.
2003
Geschichtenband von Joachim Nauschütz erschienen
Die Helden von Achim Nauschütz sind die Leisen. Die Phantasiebegabten. Die er kennt und liebt und nach denen er Sehnsucht hat. An die er seine Hoffnungen hängt und mit denen er sich verbündet als Erzähler von “Strubbelkopp und noch ganz andere(n) Geschichten”. Überdies ist das im Verlag die Furt edierte Bändchen auch eine Liebeserklärung an die Heimat des Schriftstellers im Norden Deutschlands mit ihrer spröden Landschaft, ihren spröden Leuten. Schon in der ersten Geschichte wird das deutlich, wenn Strubbelkopp irgendwo in Frankfurt (Oder) erwacht und sich den Dar ins Gedächtnis ruft, den Horizont an der See, den bernsteinglitzernden November. Nauschütz lät seinen Titelhelden am Bodden durch die Geschichte wandern, lät ihn das Geheimnis der englischen Porzellanhunde in den Fenstern der Gästehäuser entdecken und weckt mit dem Lied der Weidenholzflöte die Likedeeler aus der Störtebecker-Legende. Dabei ist es weniger eine äuere Dramatik, die an diesen Geschichten fasziniert, als vielmehr das genaue Hinsehen aus der unverstellten Perspektive der Kinder, die traumwandlerische Sicherheit, mit der Nauschütz sich auf ihre Empfindungen einlät und ohne Künstelei den verschlungenen Pfaden ihrer Phantasie zu folgen vermag. Der kleine Kulle kann plötzlich lesen, aber das ist eher so eine Art Krankheit, weil sein Vater keine Zeit für ihn hat. Willy hadert mit seinem kaiserlichen Vornamen. Von Tolik aus dem Asylantenheim wird erzählt, der sich nach Kiew zurücksehnt und dort wie hier der JUDE ist, auf den ein rotes Pappschild an der Tür verweist. Oder Pawel, der jetzt Paul heien soll nach dem Willen des Vaters. Wie kommt so jemand an, aus Ruland in Deutschland, aus der Vergangenheit in der Gegenwart? Nauschütz gibt keine Antwort und im Erzählten stecken hundert Möglichkeiten. Aber jene, die der junge Leser sich wünscht, könnte zur Wahrheit werden. Auch die Illustrationen von Wolfgang Würfel sind von dieser Art. Mit leichter Hand, ironisch, sind sie – wie das ganze Buch – eine freundliche Einladung zum Neugierigsein.
