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Lachen als verspannte Muskelübung

Hänsel und Gretel markierten ihrem Heimweg mit Brotkrumen. Das war unklug, wie wir heute wissen. Die deutschen Satiriker fressen das Brot und schmeißen dafür ihre Zähne hinter sich. Und dann stehen sie irgendwo im Wald, immerzu mit Aufräumen, Ausmisten und Aufklären über das gerade Aufgeräumte und Ausgemistete besch„äftigt. Kringelt sich ihre Zunge zwischen den blanken Kiefern doch einmal zur Pointe, hat es einen seltsamen Effekt. Wie der Kohlenstaub in die Nase des zornig kellerwärts geflüchteten Ehegatten kriecht und, wiederum den Zorn der Gattin entflammend, noch auf Tage seine Spuren in sorgsam gebügelten Schnupftüchern hinterläßt, so hat auch der literarische Lacher allemal etwas von jenem Drögen, Tumben und Blasphemischen, das ihn ausgelöst hat. Gerade heruntergewürgte Wut dröhnt im Gelächter wie im distinguierten Hüsteln. Esprit wird begriffen als Höflichkeitsform, zu der hiesige intellektuelle Tradition verpflichtet. Lachen als verspannte Muskelübung, nicht als Befreiung, und also: Der Titel der im Eulenspiegel Verlages erschienenen Anthologie "Nie wieder Ismus - Neue deutsche Satire" erweist sich als Schaumschlägerei. Zwischen den Buchdeckeln verbirgt sich etwas ganz anderes, aber auch das ist, bei näherem Hinsehn, zu einem Gutteil der Lektüre wert. Immer dann nämlich, wenn der Einsicht, daß die Realsatire sich derzeit nicht mehr literarisch überhöhen läßt, kein Kunstgebilde übergestülpt wird, sondern weise Ignoranz an ihr vorbei ins Hinterland des Lächerlichen und Beheulenswerten führt. Stephan Heyms kleiner Aufsatz "Je voller der Mund, desto leerer die Sprüche" über die Aktuelle Kamera gehört dazu, auch wenn er in dem Publizistikband "Stalin verläßt den Raum" besser aufgehoben war. Auch das wütende Lamento von Fritz Rudolf Fries, den die feuilletonistischen Beiköche der sogenannten großen Zeitungen zum Überkochen bringen, weil sie deutsche Literatur ostelbischer Herkunft gern komplett in eine rustikale Schlachteplatte verwandeln möchten. Brillant aber ist die Provokation Hans Magnus Enzensbergers mit seinem Beitrag "Die Helden des Rückzugs", der - kaum nötig, es zu erwähnen - mit Satire auch nichts zu tun hat. Die bleibt Karl-Heinz Jakobs ("Der Weg zur Bühne") und Matthias Biskupek ("Sprachrevolution") vorbehalten und noch diesem und jenem, der mehr oder weniger angestrengt zusammengetragen wurde. Immerhin wars nett, noch einmal so viele Namen im Verein zu lesen. Den Herausgebern Christine und Manfred Wolter sei dank.

Christine und Manfred Wolter (hg), "Nie wieder Ismus - Neue deutsche Satire", Eulenspiegel Verlag Berlin 1992, 218 Seiten