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Titze

Vergangenheit ist ein entfernter Gallenstein

Marion Titze stellte auf Burg Beeskow ihr Prosadebüt vor
Das Angenehmste an diesem Mittwochabend auf der Burg Beeskow war vielleicht, daß die Fernsehjournalistin, in DDR-Zeiten geschaßte Chefredakteurin der "Blätter fr junge Literatur - Temperamente", Essayistin und nun auch Prosa-Debütantin Marion Titze immer noch ein ansteckendes Lachen mit in den Saal trug, den sie nach einer kleinen Auto-Odysse ein wenig verspätet betrat. Daß sie, noch ein bißchen verunsichert, nicht in Konventionen floh. Und daß sie nach einem kleinen Vorspiel mit Anna Achmatowas "Poem ohne Held" einen Text präsentierte, mit dem sie sich in die literarische Landschaft eingeschrieben hat.

DIE VERGANGENHEIT IST
EIN ENTFERNTER GALLENSTEIN

"Unbekannter Verlust" ist die Geschichte einer Freundschaft, die in den Konflikten der Vorwendezeit wuchs und denen der Nachwendezeit nicht standzuhalten vermochte. Sie ist so erfunden, wie ein sentenzenreiches, lustvoll melancholisches und zuweilen heiteres Nachdenken über eine deutsche Biografie sein kann. Und sie ist so authentisch, wie die Begleiter über ein halbes Leben. Wie der Bundesfilmpreisträger, der Novalis' Kranksein an der Gesellschaft zeigen wollte und nicht nur das Projekt "in den Sand setzte", wie er rückblickend meint, sondern auch die Hoffnung eines vertrauten Menschen.

Fast ist es schade, daß solche Figur wie der "aus dem Erziehungslager Ost" entkommene Daniel sich so leicht wiedererkennen und auf das zuweilen grobere Raster der Wirklichkeit festlegen läßt. Denn mit ihm verläßt auch die Ich-Erzählerin den literarischen und mithin größeren Raum, in dem sie gefragt wird: "Haben sie auch einen Namen?" Und ihrer Wahrheit treu erwidern kann: "Im Moment nicht."

Die Vergangenheit, erzählt sie, ist wie ein Gallenstein, der als Souvenir mit nach Hause gegeben wird und doch eben noch Macht gehabt hatte über jeden Atemzug. Aber "alles wird immer schneller lange her."

Wo der Aphorismus nicht genügt, dem Vergessen das Fell zu ritzen, leistet sich Titze auch schon einmal einen essayistischen Schlenker über Angst und Furcht, eine Anekdote über die wutgeladene Kaufhallenschlange, die die Schwäche anderer riecht. Für den verlorenen Freund hat die Souveränität nicht immer ausgereicht. Die Leichtigkeit der Geschichte ist zuweilen mit bitteren Untertönen erkauft. Doch gerade darin mochten sich die Zuhörer wiederfinden. Und schließlich schreibt Titze selbst: "Es ist nicht gut, in der Kränkung zu gehen. Man nimmt den Irrtum mit, den die Kränkung anbietet."

SPRECHVERBOT BEIM
DOKFILM-FESTIVAL

So spricht sie auch über ihre eigenen Erfahrungen als Dokumentaristin beim DDR-Fernsehen, wo sie als Strafe für ihren Eigensinn Sprechverbot beim Neubrandenburger Filmfestival erhielt. "Das war wie Armee, weil wir direkt der Agitation unterstanden. Aber dort wo Klarheit war, kam es auch zu wirklichen Brüchen, während es sich im Kulturbereich von Illusion zu Illusion hinschleppte.

Burgschreiber Martin Stade hatte nach diesem Abend nicht übel Lust, den Hut vor seiner Kollegin zu ziehen. In Ermangelung der Kopfbe- deckung meinte er nur: "Gut, daß Sie damals rausgeschmissen wurden, so sind Sie zumm richtigen Schreiben gekommen." Doch als nächstes, gestand die Autorin, soll ein neuer Dokumentarfilm entstehen.

"Unbekannter Verlust", Rowohlt Verlag 1994, 122 Seiten, 26.80 DM


1997