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Moderne Armeen brauchen etwa zwei bis vier Wochen, um sich auf einen Krieg vorzubereiten. Dazu gehört die Entkonservierung von Kampftechnik, die Einberufung von Reservisten, die Neuausrichtung der gesellschaftlichen Logistik von zivilen auf militärische Prioritäten, die Bewegung von Truppenverbänden auf land- und seegestützte Basen, die Präzisierung der Angriffsziele für strategische Bomber- und Raketenkräfte im konventionellen und nuklearen Bereich - vor allem auf den vorgelagerten NATO-Stützpunkten, die Bestimmung der Kriegsziele und Kriegsmittel im Rahmen unterschiedlicher Szenarien. Erst wenn diese Vorbereitungen abgeschlossen sind, ist der Angriff militärlogistisch sinnvoll. Ob in diesem Falle zusätzlich noch ein Kriegsanlass geschaffen wird à la Sender Gleiwitz oder Golf von Tonking, weiß ich nicht. Wahrscheinlich wird man sich die Mühe sparen.

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Zeitgleich läuft die Vorbereitung der Zivilgesellschaft auf den Krieg. Dazu gehört die Gleichschaltung der Medien, die Aktivierung der militär- und geheimdienstgebundenen Stichwortwerfer in der Presse, im Funk und im Fernsehen, das Einschießen auf DEN Bösen, das Stiften von Verwirrung unter den Kriegsgegnern und das Aufsplittern der potentiellen Kriegsgegner. Dafür benötigt man etwa genauso viel Zeit. Der Widerstand muss sich erst einmal abarbeiten, im Verschleiß der Medien müde werden, damit die Propagandamaschine rund laufen kann.

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Sollte Bushs Bemerkung von einem "Kreuzzug" ernst gemeint sein, und davon ist meiner Ansicht nach auszugehen, kommt dazu noch die Vorbereitung auf verschärfte Restriktionen gegen alle Formen der Kriegsgegnerschaft, das heißt die Verketzerung als "Sympathisanten", "Gutmenschen", "Antidemokraten" und so fort bis hin zu Formen der geistigen und/oder physischen Isolation dieser Kräfte. Entsprechende Szenarien sind vermutlich in allen modernen Staaten vorhanden und griffen bereits im zweiten Weltkrieg.

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Dem gegenüber steht eine Friedensbewegung mit denkbar schlechten Ausgangspositionen. Die Wahl von Afghanistan als Hauptfeind kommt nicht von ungefähr. Politisch Verbündete hat die Taliban praktisch nicht. Ihr Regime ist mit allem überworfen, womit es sich überwerfen läßt: die Zerstörung von Weltkulturerbe, die Verletzung der Menschenrechte, insbesondere von Frauen, der militante Antichristianismus führen dazu, dass sie im Grunde alle gegen sich haben. Zweitens sind sie ein ausgezeichneter Schauplatz nicht nur für den Nord-Süd-Krieg, sondern auch für den Stellvertreterkrieg Ost-West. Pakistan ist amerikanisch gebunden, aber religiös mit der Taliban verflochten. Indien lebt im Konflikt mit Pakistan (Kaschmir-Konflikt) und wird traditionell von Rußland unterstützt. Beide verfügen über taktische Kernwaffen außerhalb der Kontrolle durch NATO oder Russische Föderation und über einen hinreichenden Irrationalismus, sie gegebenenfalls auch einzusetzen. Sie könnten folglich den Stellvertreter-Kriegsparteien die unangenehme Aufgabe des Ersteinsatzes von Atomwaffen abnehmen. Amerikaner und Russen, wenn sie daraufhin in ihre Arsenale griffen, wären "sauber". Drittens ist Afghanistan nicht besetzbar. Das ist ein Vorzug, weil Kreuzzügler keinen Blitzkrieg gebrauchen können. Sie wollen Zeit haben, ihr Drecksgeschäft zu betreiben. Die Berge Afghanistans versprechen den Kriegführenden reichlich davon - eine Erfahrung, die schon die Sowjetunion machte. Deren Nachfolger haben - viertens - eine Rechnung zu begleichen, was sie vorderhand ebenfalls an den Westen bindet (obwohl sie mittel- und langfristig natürlich diejenigen sind, denen bei dieser Gelegenheit auch gezeigt werden soll, wo der Hammer hängt). Sie wollen mit Afghanistan / Tadshikistan weder den Fundamentalismus mit einem Fuß in ihrer Hintertür haben (auch wenn das praktisch längst so ist), noch mit Afghanistan allein die Weltmacht USA davor. Sowohl Rußland als auch China sind bereit, sich in politischer, vielleicht auch militärischer Weise in dem Konflikt prowestlich zu engagieren, weil sie berechtigter Weise fürchten, dass sie weltpolitisch in der Versenkung verschwinden, wenn sie dem Westen die Hegemonie bei diesem Kreuzzug überlassen. Den Gegenpart können sie nicht stellen, aus oben beschriebenen Gründen und aus Gründen wirtschaftlicher, politischer und militärischer Schwäche. Sie können sich auch nicht, das hat die NATO bereits mit ihrem Jugoslawienkrieg klargestellt, auf den UN-Sicherheitsrat und sein Veto-Recht verlassen, weil der von der NATO ignoriert wird. Also müssen sie mitgehen, ob es ihnen paßt oder nicht. Natürlich ist das keine Allianz auf Dauer. Ihre Sollbruchstelle könnte die Konstellation Indien / Pakistan abgeben.

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Im übrigen geht weder um den fundamentalistischen Islam, noch um bin Laden. Sie sind die nützlichen Verbrecher, die den Anlass liefern, in die Offensive zu kommen bei einer Auseinandersetzung, die weltpolitisch ansteht. Da der Norden nicht im Entferntesten daran denkt, seine Herrschaftsprivilegien aufzugeben - zu denen der Verbrauch von 80 Prozent der Weltressourcen durch 20 Prozent der Erdbevölkerung und die Konzentration von mehr als neun Zehnteln des Reichtums bei fünf Prozent der Bevölkerung gehören - steht für den Süden die Frage, wie dem Aushungern ganzer Völker zu begegnen ist. Gegen die anschwellenden Migrationsströme haben alle Industrienationen bürokratische, juristische, polizeiliche und militärische Waffen geschmiedet (Schengener Abkommen usw.). In offenen militärischen Auseinandersetzungen sind sie unüberwindbar (Golfkrieg). Es bleiben also Kriegsformen unterhalb der staatlichen Ebene, wie die Intifada in Palästina oder wie eben Terroranschlge wie in den USA. Schlicht gesagt: Das mittelalterliche Kampfmesser ist dem Computer überlegen, wenn es ihn trifft. In der Hochtechnisierung der Industrienationen, ihren inneren Systemen, die aus ungezählten wechselseitigen Bedingtheiten bestehen, sind diese Staaten hochgradig verwundbar. Bis zum 11. September hatte sich niemand getraut, das auszuprobieren. Jetzt ist diese Schwelle überschritten. Die sie überschritten haben, gingen davon aus, dass sie so wie so keine Chance hatten.

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So wie so keine Chance zu haben, ist ein Zustand, in dem der Mensch aufhört, ein Mensch zu sein. Erstes Ziel jeder Politik ist es, diesen Zustand zu verhindern. Falken neigen dazu, ihn eher herbeizuführen: Wütende, verzweifelte Menschen lassen sich leichter unterwerfen, meinen sie. Aber wütende und verzweifelte Menschen sind auch nicht mehr zu demütigen, zu domestizieren. Man kann sie nur noch umbringen. Deshalb ist diese Logik im Innersten mörderisch. Steinzeit noch immer.

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Die Austragung des Nord-Süd-Konfliktes ist ein Bestandteil der "historischen Mission" des Kapitalismus. Dass er fähig wäre, diesen Konflikt politisch und ökonomisch zu lösen, gehört zu den Illusionen des Öko-Liberalismus, der sich in Ermangelung anderer nennenswerter politischer Kräfte gerne und gewollt mit Sozialismus verwechseln läßt. Dass der Kapitalismus gezwungen wäre, diesen Konflikt militärisch zu lösen, gehört zum Fatalismus der geschwächten sozialen Bewegungen vor allem in Europa. Entweder-Oder ist eine Kategorie der bipolaren, nicht der pluralen Weltunordnung. Tatsächlich sind Globalisierung, das heißt die Durchsetzung der ökonomischen und politischen Verhältnisse des modernen Kapitalismus weltweit, auf der einen Seite und Internationalisierung, das heißt Bündelung und Solidarisierung der sozialen Bewegungen ebenfalls weltweit, die Herausforderung dieses und vielleicht auch des nächsten Jahrhunderts. Ein erfolgreicher "Kreuzzug" des ungezügelten Kapitalismus verkürzt diesen Prozeß nicht, sondern verlängert ihn um den Preis wachsenden Elends und unzähliger Toter (das Epithetum "unschuldig" wäre tautologisch). Vielen Verantwortungsträgern der "westlichen Wertegemeinschaft" ist das bewußt. Sie sind deshalb potentielle Verbündete der Kriegsgegner. Sie sind sich aber auch bewußt, dass die kapitalistische Wirtschaft sich im Zugzwang fühlt.

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Die durch den Zusammenbruch des Ostblocks kurzzeitig verzögerte Krise des Kapitalismus hat längst einen neuen Höhepunkt erreicht. Auch in Phasen der Konjunktur zeigt sich der moderne Kapitalismus seinen immanenten Problemen - ja, immer noch der alte Grundwiderspruch zwischen dem gesellschaftlichen Charakter der Arbeit und der privaten Aneignung ihrer Ergebnisse - nicht mehr gewachsen. Seine zivilisatorischen Errungenschaften verlieren an Attraktivität, seine Staatlichkeit an Autorität. Sein demokratischer Selbstanspruch wird zur "Sicherheitslücke". Als Alternative wird der Ordnungsstaat gesehen, statt eine wachsende Partizipation der Bürger an den gesellschaftlichen Verteilungsprozessen (denn darauf käme es an).

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Auch das ist keine Überraschung. In den hochentwickelten kapitalistischen Gesellschaften verstärkt sich die Tendenz der Dezentralisierung demokratischer Bewegungen. Problembezogenheit statt Parteienideologie, Vorort-Kompetenz statt Stellvertreter-Zentralismus. Es ist eine pragmatische Tendenz: Lieber Symptome bekämpfen, als gar nichts tun, weil Ursachenbekämpfung nicht stattfindet. In diesem Prozeß bildet sich ein demokratisches Bewußtsein, das permanent an die Grenzen der Verteilungsungerechtigkeit stößt. Das ist für die bestehenden Herrschaftsverhältnisse nicht ungefährlich. Vor allem aber bewegt sich diese Tendenz der dezentralisierten gesellschaftlichen Verantwortung diametral zu der im vergangenen Jahrzehnt massiv beschleunigten Kapitalkonzentration, die selbstverständlich ganz andere Erwartungen gegenüber dem bürgerlichen Staat hegt. Mit diesem sich zuspitzenden Widerspruch wird zumindest Europa noch eine Weile beschäftigt sein, wie es überhaupt sehr gern mit sich selbst beschäftigt ist.

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In den 70er Jahren spielte der Euro-Zentrismus philosophisch und politisch eine erheblich größere Rolle als heute, obwohl er inzwischen in Verträge und Handlungsmuster gegossen ist und weiter gegossen wird. Eine selbstkritische Sicht bleibt weithin unbeachteten "Eliten" vorbehalten. Die okzidentale Kultur sieht vom Orient aus wie die Erde aus der Stratosphäre: ihre Errungenschaften ähneln Krebsgeschwüren. Man muss kein Kulturpessimist sein, um sich den Zusammenstoß einer militant-sexistischen Spaßkultur und eines vorkapitalistisch geprägten Familien- und Clanverbandes als Anachronismus zu vergegenwärtigen. Ist es wirklich so erstaunlich für den gebildeten, also verdrängungs- und selektionsbereiten Europäer, dass es Menschen gibt, die nicht bereit sind, den PREIS des Reichtums zu bezahlen, sondern die darin - nicht nur im religiösen Verständnis - einen Pakt mit dem Teufel sehen? Die Rede geht hier nicht von den verelendeten, im Analphabetentum und Aberglauben vegetierenden Massen, sondern von den feudalabsolutistisch herrschenden Anführern der nicht westlich geprägten Gesellschaften. Dies ist eine Facette, ein Apercu aus einem Komplex von Widerspruchspotentialen. Mehr nicht, nicht weniger. Europa hat seine Funktion als Kulturbringer verloren, ohne sich das einzugestehen. Sein Maßstab ist keiner mehr, weil er nur noch als Fassade eines ANDEREN Elends dient. Die Bereitschaft weltweit, sich dem anzu-VERTRAUEN, nimmt ab.
ZERO
Die Frage, wie sich der Frieden herstellen läßt - "erhalten" läßt sich leider nicht mehr sagen, nicht einmal in Europa - ist nicht lösbar von dieser Konstellation.


(c) Henry-Martin Klemt
Frankfurt (Oder), September 2001

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