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Geiger von Auschwitz

Gott ist nicht verantwortlich

Der "Geiger von Auschwitz" Jaques Stroumza in Frankfurt (Oder)

Wenn Jaques Stroumza um die Welt reist, hat er eine Mission. Der 85jährige berichtet der Urenkel-Generation von seinem Lebensweg, der ihn durch die Vernichtungslager Birkenau und Auschwitz bis nach Mauthausen führte. Als "Geiger von Auschwitz" ist er bekannt geworden. Sein Instrument begleitet ihn. Doch bevor er für seine Zuhörer spielt, erzählt er - von dem SS-Mann, der ihm für sein Mozart-Concertino eine Zigarette zusteckte. "Ich gab sie an einen Arzt weiter. Der sah die deutsche Aufschrift und fragte: Hast du einen umgebracht? Eine Zigarette war sehr viel wert..." Mit der gleichen Ruhe berichtet er von der Ankunft in Birkenau am 8. Mai 1943. "Meine Frau war im achten Monat schwanger. Sie mußte mit meinem Vater und meiner Mutter nach links gehen. Ich ging nach rechts." Was das bedeutete, erfuhr er beim Eintätowieren der Gefangenennummer. "Jetzt leben sie schon nicht mehr", sagte sein Mitgefangener dem Jungverheirateten. "Ich dachte, der ist verrückt." Aber dann sah es selbst: "Die Kreamtorien waren Tag und Nacht in Betrieb."

In der Frankfurter Gertraudkirche, wo Stroumza von seinem Schicksal berichtete, herrschte atemlose Stille. Von der Geschichte der griechischen Juden erfährt das Publikum, von den patriarchalischen Familienverhältnissen, von dem Drang nach Bildung. Mit 17 sprach Stroumza bereits fünf Sprachen. In Frankreich studierte er Elektrotechnik und Telegrafie, nahm Geigenunterricht. "Mein Vater hatte gesagt: Komm zurück, aber nur mit Diplom und ohne Frau." Der Sohn folgte. Als er von Beethoven, Mozart und Schubert schwärmte, befahl der Vater: "Du sprichst kein Wort in der Sprache dieser großen Komponisten. Du mußt deutsch lernen." Als Italien und später Deutschland seine Heimat angriffen, wurde Stroumza Soldat. "Wir hatten Angst. Ich lief 650 Kilometer, um nach meiner Familie zu sehen. Aber es war alles in Ordnung." Der Krieg schien vorübergezogen, als die SS erschien. Über Nacht begannen die Deportationen. Der Ingenieur hatte Glück im Unglück. 30 Tage lang spielte er im Lagerorchester, dann wurde er in einer Fabrik gebraucht. "Mein Chef war ein kleiner Schindler. Er holte viele andere Gefangene nach." Für manchen bedeutete das Überleben, denn die Fabrik war geheizt, während draußen 20 Minusgrade herrschten. Sogar eine zweite Suppenration gab es manchmal. Die schmuggelte Stroumza tiefgefroren ins Lager. "Natürlich war das verboten."

Nach dem Krieg verschlug es Stroumza nach Frankreich. Später wanderte er mit seiner Frau und seinen drei Kindern nach Jerusalem aus. "Du mußt sprechen", riet eine französische Freundin. Der "Geiger von Auschwitz" schrieb seine Erlebnisse auf, von denen viele nichts mehr wissen wollten. Von seinem Transport Nr. 16, zu dem 2500 Menschen gehörten, wurden 1685 sofort ermordet. Nur 815 bekamen überhaupt eine Nummer. Von 146 000 nach Auschwitz deportierten überlebten 2000.

Daß es Widerstand und Bekenntnisse zur Menschlichkeit auch auf deutscher Seite gab, dokumentiert eine Ausstellung "Zerstörung und Erlösung - Kriegsdienstverweigerung im dritten Reich". Sie beschreibt die Schicksale deutscher Soldaten - zumeist Christen - die sich dem Mord verweigerten und dafür mit dem Leben bezahlten. "Wir haben die Exposition bereits vor einigen Wochen eröffnet", so Reinhard Schülzke. "Allerdings hat die Tagespresse erst am Tag nach dem öffentlichen Gelöbnis der Bundeswehr in Frankfurt (Oder) darauf hingewiesen." Stroumza verharrt lange vor diesen Bildern. In Porträts und Kurzbiografien wird an die Verweigerer erinnert, die selten so bekannt wurden, wie Heinrich Böll, und deren Ehre bis heute in Frage gestellt wird. Die Schau zeigt aber auch, wogegen diese Menschen sich wehrten: Massenerschießungen, Exekutionen, verbrannte Erde...

Stroumzas Blockältester hatte ihm damals gesagt: "Du spielst sehr gut Geige. Ich glaube, du willst nicht sterben." Diese Worte habe er immer im Kopf behalten, erzählt der Überlebende. "Wenn Du nicht glaubst, daß du am Ende freikommst, bist du schon tot." Doch an einen Gott zu glauben, einen lieben Gott, der für all das, was geschehen ist, die Verantwortung trägt: "Das fällt sehr schwer. Ich denke, Gott uns das Leben und die Erde gegeben. Jetzt sind die Menschen verantwortlich. Wollen sie in Liebe leben? Bittesehr. Wollen sie es nicht? Ihre Sache. Gott ist nicht verantwortlich, aber das ist sehr schwer zu verstehen."

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