Michael, Klaus und die Splitter im Kopf
Schlöndorff und Braun bei den Kleist-Festtagen
"Der rechtschaffenste zugleich und entsetzlichste Mensch", als den Heinrich von Kleist seinen Michael Kohlhaas beschreibt, könnte, so vermutet Volker Schlöndorff, vielleicht die Definition für den Deutschen überhaupt abgeben, auch wenn der Dichter nicht habe ahnen können, was da noch alles geschieht. Seit drei Jahrzehnten treibt dieser rebellische Pferdehändler den mit seinen Literaturverfilmungen berühmt gewordenen Oscar-Preisträger um. "Ich lese das immer wieder." Am Anfang dieser Wegstrecke, meint Schlöndorff heute, sei er mit dem Stoff gescheitert - eine Sicht, die nicht alle polnischen und deutschen Studenten im Audimax der Europa-Universität Frankfurt (Oder) teilten, wo "Michael Kohlhaas, der Rebell" dank des Kleisthauses noch einmal gezeigt wurde.
Steinewerfende Studenten, knüppelnde Polizisten, das Wasserlassen der Staatsmacht auf die Unbotmäßigen... Mit den Bildern des Aufbruchs 1968 beginnt der damals im frühlingsfröhlichen Bratislava gedrehte Film. Später mußte dieser Vorspann weichen, doch es blieben die "vulgärmarxistischen" Attitüden, die Anklänge an die Flower-Power- und Make- love-not-war-Generation. Viel Action, dem Kino-Markt zuliebe und doch vergeblich, denn kassenmäßig war "Kohlhaas" ein Flop. Da nützte auch kein Keith Richards von den Rolling Stones als Komparse, keine Romantik half, wenn im Schatten des aufs Rad geflochtenen Kohlhaas seine "dickgefütterten" Pferde in die Freiheit galoppieren und seine Kinder ein Zuhause finden, an den Busen des Klerus gepreßt.
Tapfer saß Schlöndorff noch einmal seinen Mißerfolg aus, im edlen Interesse der "Diagnose am schillernden Kadaver". Nur: So tot war der gar nicht. Das fand nicht nur der Münchener Literaturwissenschaftler Klaus Kanzog, der 40 Bücher und 70 Aufsätze vor allem zu Kleist vorgelegt hat. Mag sein, "die Lokomotive des Films rumpelt kräftig neben den Gleisen her", wie Schlöndorff über Schlöndorff richtet, aber Sätze wie: "Mit Kohlhaas beginnt das goldene Zeitalter. Die Revolution ist gut fürs Geschäft", verlangten 1968 nach ihrer Deutung und 1978 wieder und 1989 auch. Die Frage, was die Gewalt aus den Gewalttätigen macht und aus ihren Zielen, ist zwischen Ulrike Meinhof und Tupac Amaru nicht hinfällig geworden. Gerade die Skepsis Schlöndorffs, die während der Arbeit am "Kohlhaas" noch wuchs, gerade die Abneigung gegen "diese fundamentalistisch-fanatische Prinzipienreiterei", gerade die Etablierung eines "Helden, an dem das wirkliche Leben vorbeigeht, dessen Haltung lebensverneinend ist" (Schlöndorff), gewährt dem Streifen trotz aller Brüche und Inkonsequenzen Dauer. Da wirkt die Selbstkritik gegen den Willen des Regisseurs kokett und das Lob Kanzogs für den "Seismographen Schlöndorff" ist weniger als eine Provokation.
Doch ein Jedes trägt sein Gegenteil in sich, meinte schon Goethe. Auch der von Schlöndorff vermutete Archetyp des Kohlhaas-Deutschen. Es ist eine Frage der Lage. Bei Volker Braun nimmt er diese Gegengestalt an: "An den Ufern der Havel lebte, am Ende des 20. Jahrhunderts, ein Landschlosser, namens Klaus Wildführ, Umsiedlerkind, einer der selbstgerechtesten zugleich und harmlosesten Menschen seiner Zeit..." Auch Braun beansprucht für seinen Helden aus Kohlhasenbrück, daß er ein Grund-Stück neuzeitlicher Gesellschaft ist: "Sonst würden diese elementaren Veränderungen so nicht geschehen, würde man sich nicht so vieles aus der Hand nehmen lassen." Denn wo Braun in seinem Textzyklus "Der Staub von Brandenburg" und in seinen Gedichten fragt: "Wer ... hält´s im Kopf aus, in der Abrißbrine" und feststellt: "Jetzt sitzt die Zukunft im Kopf wie ein Splitter", wiederholt Wildführ stoisch: "Da mach was." Ob ihm sein geliebter Landrover geklaut wird, ob Polizei und Versicherung ihm mißtrauen, ob er Arbeit, Wohnung und Frau verliert, eine Zelle gar in Moabit belegt: "Da mach was." Und macht natürlich nichts.
Die Texte, die Braun im Frankfurter Kleisthaus vorstellte, schwingen allenthalben zwischen Szene, Gedicht und Traktat, verlangen nach der Bühne, halten sich - und den Zuhörer - auf im Unaufhaltsamen. Nicht zum geringen ist das den Anlässen geschuldet, die - schon ob ihrer Fülle - in den Zeitungen leicht überblättert werden: Der Abriß einer Fabrik im Namen des "Fortschrotts", die Notlüge einer nicht versicherten Arbeitslosen nach einem Fahrradunfall, Skins hätten sie aus der Straßenbahn gestoßen, die Arbeit des modernen Charons, der die Wasserleichen zurück in den Grenzfluß stößt, damit sie der Gemeinde nicht zu "teuren Toten" werden, oder der Arbeiter, der sich in seinen Alpträumen "Feuer schlucken" sieht und verbrennt, "denn überall sind Fremde, die wir fürchten / Im eignen Land, die Deutschen hier in Deutschland / deutsch sind sie, weil sie draußen sind, und drin / sind die Ausländer, Feinde in der Firma / und selber ich arbeitend bin ein Feind / Für alle Deutschen draußen ohne Arbeit...Im Staub mit allen Feinden Brandenburgs".
Philosoph und Chronist in einem, mutet Braun seinem Publikum zu, daß es lacht, wenn es von der Moskauer Synode hört und der Debatte, "ob die Apokalypse auch in einem Land" möglich sei, wenn der Skinhead mit verbundenem Kopf von seinesgleichen als Inder niedergemacht wird: "Immer aufs Schlimme. Er ist fast hin. / Nach Hinterindien steht sein Sinn." Und Braun läßt ahnen, woher diese Lachen wüsten Gelächters: "Meine Sanftmut ist hart erarbeitet / in der Zement-Fabrik". Das sind, sagt der Dichter, die wirklichen Späße der Geschichte, die so grausam sind. Der Humor, der nötig ist, um sie auszuhalten, um "so hart und mit dieser Kälte zu arbeiten", hat seine Zeit zu wachsen gebraucht . Aber "das Aushalten dieser Widersprüche ist die eigentliche Kräftigung", sagt Braun, dem die Geschichte offen bleibt und die Härte gewiß nichts, was des Lobes bedarf. In Cottbus soll die Collage im nächsten Frühjahr auf die Bühne kommen.
Und Michael? Und Klaus? Von denen wird noch zu reden sein, wenn es beim Frankfurter Forum der Kleist-Gedenk- und -Forschungsstätte am Sonntag um "Kleist Kultur Kommerz - Die Erlebnisgesellschaft an der Jahrtausendwende" geht.