Ein Engel über Guernica
Der Engel der Geschichte zieht ein weißes Wägelchen hinter sich her. Nein, kein Wägelchen, ein Sarg holpert über die Schienen des alten Straßenbahndepots in Frankfurt (Oder). Und der Engel, nicht sturmgepeitscht wie bei Benjamin oder Müller, könnte einst ein trauriger Clown gewesen sein. Die Unbeholfenheit ist ihm geblieben, mit der er die spanische Heimaterde hinschüttet vor die Kämpfer der Internationalen Brigaden, mit der er zündelt und nach dem blutigen 26. April 1937 unbeholfen das Kreuz aufstellt für die Toten von Guernica, jene kleine baskische Stadt, die der jüngsten Performance des Teatro Nucleo, des Teatro Communale di Ferrara und des Kleist-Theaters Frankfurt (Oder) ihren Namen gab.
Unglücklich ist dieser Engel - angesichts des Schlachtens, aber auch, wenn er den Streit verfolgt zwischen den Freiheitskämpfern. Wie war das 1938 mit den Anarchisten in Barcelona? Am Ende kündigt er gar den Dienst, streift die blauen Flügelstumpen ab. Was für ein Engel ist er denn, wenn er nicht erlösen darf? Und es doch will: Mütterlich gießt er dem Geschundenen Wasser und Blütenblätter über Arme, Beine, Gesicht, bis der sich erhebt von der Folterbank, aus den Fesseln Francos. Der weiße Sarg aber, auf dem sie beide sitzen, birgt keinen Leichnam, sondern ein Waffenarsenal. Wir wissen, daß es nicht zum Siegen taugt. Nur zum Töten. Am Rand der Szene brennt die nackte Glühbirne, die an Picassos berühmtes Gemälde erinnert. Von dorther kommen auch die mediterranen Gesänge, doch wer tanzt schon in eine Schlacht? Die Schauspieler des freien Theaters agieren mit meterhohen Blechtonnen dabei, wie Revuekavaliere mit ihrem Stöckchen...
Es ist ein Abend der Bilder und der Lieder, den das Teatro Nucleo 60 Jahre nach der Niederlage der spanischen Republik präsentiert, einer Niederlage, die in Guernica begann. Zum ersten Mal probten Franco, Mussolini und Hitler dort die seither immer wieder erfolgreich angewandte Strategie der kollateralen Schäden unter der Zivilbevölkerung. Indem sie die baskischen Industriezentren an sich rissen, durchtrennten sie die Lebensader der Republik. "Zynismus und technische Barberei" waren die Helfershelfer bei dem, was Franco als "humanitäre Aktion" apostrophierte. Noch während der Proben überfielen die NATO-Truppen Jugoslawien und bombardierten Belgrad. "...auch in der Fabrikhalle, in der wir arbeiteten, spürten wir die Einschläge", erinnern die Theatermacher sich. "Die intelligenten Bomben explodierten auch in unseren Köpfen...Wenn wir in die Werkhalle eintraten, waren wir voll von den Bildern dieses anderen Krieges, die wir nicht beiseite schieben konnten, Flammen und Zerstörung in wehrlosen Städten, alle Facetten des Schreckens in den Gesichtern der Flüchtlinge. Wir erinnern uns an den Satz von Shakespeare aus Macbeth: Das Leben ist eine Geschichte, erzählt von einem Idioten, voll von Lärm und Wut."
Wie kann man über dieses Leben erzählen? Cora Herrendorf und Horacio Czertok, die "Guernica!" inszenierten, riefen die Dichter zu Hilfe: Rafael Alberti, Miguel Hernandez, Leon Filipe, Miguel de Unamuno, Pablo Neruda. Für beide Mitbegründer des Teatro Nucleo ist die Utopie, die auch im Kampf um die spanische Demokratie Gestalt gewann, "nichts anderes als Ausdruck der Anteilnahme für den leidtragenden und ausgegrenzten Teil der Menschheit, der dennoch das Träumen nicht aufgegeben hat...". Cora Herrendorf, am Jiddischen Theater in Buenos Aires ausgebildet, lernte Horacio Czertok in der argentinischen Hauptstadt kennen. Sie lebten dort in der Comuna Nucleo, die sich als Kunstwerkstatt, Forschungsstätte und Therapiezentrum verstand, eine eigene Theaterzeitschrift herausgab und das Theater auf die Straße zurückholte. Nach dem Militärputsch 1976 wurde Czertok entführt und gefoltert. Die Bühne fand eine neue Heimat im italienische Ferrara. Die Arbeit in "spezifischen Situationen wie Gefängnissen, psychiatrischen Anstalten, heruntergekommenen Wohnvierteln, sozialen Krisenbereichen" wurde zur permanenten Selbstherausforderung. Gastspiele in der ganzen Welt, so auch bei der EXPO 1992 in Sevilla, internationale Theatertreffen und die Zusammenarbeit mit anderen Bühnen und Gruppen prägten das Profil des Teatro Nucleo mit. Manche Inzenierungen, wie "Quijote!", erlebten mehr als 200 Aufführungen.
"Man sagt, der Gesundheitszustand einer Gesellschaft sei an der Qualität und Verbreitung ihres Theaters erkennbar", schreibt Czertok. "Wenn das so ist, dann gibt es bei uns viel zu tun. Haben die Medien die Theater gezwungen, nurmehr für eine kleine unbeirrbare Minderheit zu arbeiten, so daß möglicherweise das Verschwinden des Theaters aus dem gesellschaftlichen Leben kaum größere Wirkung zeigen dürfte - so darf das nicht bedeuten, daß sich das Theater zurückziehen und nur noch über das eigene triste Schicksal nachsinnen oder sich gar damit abfinden sollte, ein besonderes Museum audio-visueller, immer weniger gefragter Kommunikation zu sein. Es ist eine Tatsache: auch die müden und immer gleichen Angebote tragen dazu bei, daß die Zuschauer weniger werden, die Abonnements schwinden. Doch auch die fortschreitende Barbarisierung der Gesellschaft ist eine Tatsache..."
Frankfurter Kommunalpolitiker, wie Kulturdezernent Martin Patzelt, haben sich beim Beschluß, das städtische Theater zu schleifen, explizit auf eine alternative Ästhetik wie die des Teatro Nucleo berufen. Theater wieder lebendig zu machen, es abzunabeln von den erstarrten Stadt-Theater-Strukturen, könnte tatsächlich eine Aufgabe sein. Allerdings bedarf es auch eines kulturellen wie sozialen Klimas, um solche Experimente zum Erfolg zu führen. Es muß, und so hat sich das Teatro Nucleo selbst definiert, in der eigenen Arbeit geschaffen werden. Für die Kulturpolitik kann es in solchem Falle nicht darum gehen, Theaterkunst nurmehr zu dulden, soweit sie die Stadtkasse hinreichend entlastet, sondern darum, daß "Pädagogik, Theater in der Therapie und das Theater der freien Räume...nicht voneinander getrennt existieren, sondern sich dialektisch verflechten und gegenseitig bereichern". Dieses Modell zu realisieren, erwies sich schon in Ferrara als überaus konfliktreicher Prozeß. Er dürfte in Frankfurt (Oder) kaum harmonischer verlaufen - vorausgesetzt, hinter den entsprechenden Willenbekundungen steht tatsächlich eine Absicht, die über die versteckte Kritik am eigenen Theater und die Rechtfertigung seiner Schleifung hinausgeht.
Einige hundert Zuschauer haben sich während der Kleist-Festtage vom Teatro Nucleo faszinieren lassen, das bereits im vergangenen Jahr mit seinen Produktionen an der Oder gefeiert wurde. Seine Leuchtkraft gewinnt das - bei diesem Projekt - siebenköpfige Ensemble aber nicht nur aus der Intensität der Dramaturgie, sondern auch, weil eine dreißigjährige kulturelle, soziale und politische Erfahrung den Hintergrund der Inszenierungen liefert - und wohl auch, weil die Akteure sich mehr abverlangen, als mancher ihrer Kollegen ohne Stuntman bereit wäre zu leisten. Die Faszination beruht auf einer Leidenschaftlichkeit, die eine totale körperliche Präsenz einschließt, ohne auf die Leichtigkeit zu verzichten, wie sie aus den Traditionen der Commedia dell`Arte entspringt. Nacht und Feuer, Tuch, Stein und Eisen gehören dazu als archetypische Symbole. Der alltägliche Lebensraum, in dem sich Theater vollzieht, durchbricht die Grenze zwischen Vorgeführtem und Erlebtem. So wird eine gemeinsame Erfahrung möglich, die mit dem Applaus des Publikums noch längst nicht abgegolten ist.







