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Quijote

Rock gegen Windmühlen

Ludwig Streng und Wolfram Hennig



Drei Jahrzehnte politisches Lied aus Chemnitz


Das „garstig Lied“ hat es wieder einmal schwer in Michels wohlfeilem Einheitsstaat. Was zu DDR-Zeiten als Singe-„Bewegung“ aufgeplustert und später mühevoll gedeckelt wurde, hat sich scheinbar in alle Winde verlaufen. Über die Wende gerettete und mühsam am Leben erhaltene Liedmagazine wie das Frankfurter „Kea“-Heft sind schließlich doch eingegangen. Übrig blieben schon in der Vergangenheit professionalisierte Bands und Künstler wie Gerhard Gundermann oder das Duo Wenzel/Mensching. Aber selbst eine Barbara Thalheim räumt inzwischen die Bühne - zum Leidwesen jener, bei denen das reichliche halbe Dutzend LPs noch und wieder auf dem Plattenteller oder im CD-Player kreist. Ab und zu darf sich der unverwüstliche Singe-Freak über eine neue Silberscheibe bei Mini-Labels wie „Nebelhorn“ oder „Buschfunk“ freuen. Funk und Fernsehen halten sich indessen sorglich bedeckt.

Mit Hootenanny fing es an

Sabine Kühnrich

Umso erstaunlicher, wenn plötzlich ein dreißigjähriges Jubiläum gefeiert wird und überdies von einem Quartett, das politisches Lied in seiner Freizeit auf die Bühne bringt, wie die Chemnitzer Gruppe „Quijote“, die bis vor kurzem noch „Liederhaken“ hieß. Im bürgerlichen Alltag verdient sich Komponist und Bandleader Ludwig Streng sein Geld als Kabarett-Musiker, ist Sängerin Sabine Kühnrich Studentin, Bassmann Gunter Seifried Servicetechniker und Saxophonist Wolfram Hennig Betriebsrat. Obwohl sie alle die Erfahrung gemacht haben, daß „die Gesellschaft nachgibt wie labbriger Pudding, um sich im Rücken des Reiters schmatzend zu schließen“, besteigen sie ihre Rosinante und lenken sie gegen die sellten gewordenen Windmühlen im Land. Dabei fühlen sie sich als rechtmäßige Erben jener bunten Vereinigung, die sich 1966 als Hootenanny-Klub gründete, um „das werktätige Volk zu erheitern“. Rund einhundert Sangeswütige umfaßt die Ahnenliste und ein Gutteil davon pilgerte kürzlich nach Chemnitz zum Jubiläumskonzert. Man erkannte einander an Reliquien wie dem Schlüsselanhänger der griechischen Kommunisten - Gastgeschenk einer Reise in den 70er Jahren - oder an den fest im Gedächtnis sitzenden Heine-Versen aus dem ersten abendfüllenden Programm. Erzählt wurde auch die Geschichte vom kurz vor dem Auftritt gebrochenen Gitarristendaumen. Um trotzdem beim Festival des politischen Liedes dabeisein zu können, wurde der kaputte Knochen kurzerhand mit einem Mokkalöffel gestützt, der prompt zwischen die Saiten geriet und wundersame Klänge hervorzauberte. Doch das war wohl nicht der Grund, weshalb Liederhaken nach einmaligem Gastspiel in Berlin fehlte. Vielmwehr befanden „verantwortungs-bewußte“ Funktionäre, daß die sächsischen Barden für eine „überregionale Öffentlichkeit nicht geeignet“ seien. Das Vorwende-Prograsmm „ReifeZeit“ (1988) schien den Gralshütern sozialistischer Stabilität recht zu geben.

Für die, die zu wenige sind

„Alsbald blieb nichts wie es nie war...da waren´s nur noch vier“, heißt es im Jubiläumstext der Gruppe. Dem „Liedprojekt Fragezeichen“ folgte 1993 mit „Struggle for life“ wieder ein aabendfüllendes Programm. Die Chemnitzer hatten sich eines Wanderers von West nach Ost angenommen, des 1990 gestorbenen Dichters Jens Gerlach, in dessen Nachlaß sie auf Gedichte stießen, deren sarkastische Schärfe aber auch Trauersie faszinierte. Nun legen sie mit einem Mammutprogramm von zwei Stunden Länge unter dem Titel „Heimwärts“ nach. Die Bandbreite der Lieder ist größer geworden, sie reicht vom rockigen „Ready for take off“ über den Musette-Walzer mit schluchzendem Akkordeon („Paris-Lied“) bis zum Kanon („Ich weiß, daß ich nichts weiß“). Neben neuen Texten des Frankfurter Autors Henry-Martin Klemt beweisen sie, daß auch ein Griff in die Vorzeit-Kiste lohnt. So fördern sie Werner Karmas „Kasernierte Herzen“ ebenso zutage, wie die „Mackie Messer“-Parodie von Klaus-Peter Schwarz oder dessen Tanzlied „Dolores“. Heinrich Heine steht neben Hoffmann von Fallersleben und auch Kästners „Märchen vom Glück“ hat nichts von seinem Charme eingebüßt. „Quijote“ ermutigt, provoziert, irritiert sein Publikum zwischen 15 und 55 Jahren und besteht auf seinem Credo: „Wir spielen auf für die zurückkehren. Die zu wenige sind, als daß man sie unbeachtet lassen könnte.“

Quijote singt Theodorakis

„Die Kugel, sie war britisch, durch die der Junge fiel, der Junge mit dem Lächeln...“, sang die ostdeutsche Chansonette Gisela May, so lange es die DDR gab, und stellte damit die Wahrheit auf den Kopf. Denn der Ire Brendan Bahan hatte etwas ganz anderes geschrieben: über einen Jungen, der den eigenen Genossen zum Opfer fiel. „Verräter hieß das Urteil, das dich getroffen hat, doch dass ihr ihn erschossen, erst das war der Verrat“, heißt es in der Nachdichtung von Klaus-Peter Schwarz.

Aber „friendly fire“ kam in der Geschichte der kommunistischen Parteien zur Zeit des Kalten Krieges im Ostblock nicht vor. Erst recht nicht während der griechischen Militärherrschaft, als in der DDR viele Tausende Unterschriften gesammelt wurden, mit denen Menschen gegen die Einkerkerung des Volkssängers Theodorakis in seiner Heimat demonstrierten. Seine Lieder gewannen schnell an Popularität. Ihre Übertragungen durch namhafte Dichter ins Deutsche wurden in hohen Auflagen gedruckt und auf Schallplatten gepresst. Die tiefe Poesie musste hinter dem wirklichen oder vermeintlichen Kampfwert dieser Gesänge zurückstehen.

Aber es gab noch andere Gründe für die Chemnitzer Gruppe „Quijote“, sich auf die Lieder von Theodorakis zu besinnen. Da ist die Jahrhundertbiografie des Komponisten selbst, dessen Einsichten und Wandlungen zuweilen Freund und Feind irritierten. Da ist die poetische Meisterschaft von Ritsos, Elytis, Seferis, Theodorakis und anderen, die ihren Texten Dauer verleiht. Da ist aber auch die Suche nach historischer Wahrheit, um die sozialen Kämpfe und Kriege zu verstehen, die an vielen Orten der Welt immer gegenwärtig blieben und von denen auch der zusammengebrochene Ostblock nun eingeholt wird.

Agonie und Resignation sind keine Instrumente, um eine menschliche Gesellschaft zu gestalten. Widerstand gegen einen entfesselten Kapitalismus und seine ökonomisch-militärische Globalisierung im Zeichen eines neuen „amerikanischen Jahrhunderts“ ist ein Gebot der Stunde. Theodorakis Lieder sind eine Quelle dieses Widerstands. Weil sie die Achtung vor dem Menschen, den Respekt vor der Natur und die Liebe zum anderen in sich tragen. Und weil sie nicht vergessen lassen, dass der große Komponist von mehr als tausend Liedern ein Mann ist, „der Zigarren liebt, das Meer, Hunde, Schwäne, Jeans und Alberta, das Schiff“.

„Quijote“ ließ sich 1998 von einem Konzert mit Maria Farantouri zu einem eigenen Theodorakis-Projekt in deutscher Sprache inspirieren. Unterstützt von Asteris Koutoulas und einigen deutschen Lyrikern entstand in den kommenden zwei Jahren eine Reihe neuer Nachdichtungen. Daraus wuchs ein zweistündiges Programm, das die Ideen Theodorakis` und seiner großen Dichterfreunde widerspiegelt. Die drei Musiker Sabine Kühnrich, Ludwig Streng und Wolfram Hennig traten damit unter anderem in Distomo auf, wo deutsche Soldaten 1944 eines der schlimmsten Massaker des Zweiten Weltkrieges verübten.

Am 60. Jahrestag dieses Verbrechens waren zum ersten Mal wieder Deutsche dorthin eingeladen. „Schon beim zweiten Lied begann man im Publikum mitzuklatschen und zu singen“, erzählt Quijote-Komponist Ludwig Streng. Als kurzzeitig der Strom ausfällt, singen sie a capella und gemeinsam mit dem Publikum. „Wie viele Hände sich uns entgegenstreckten, wie viele Menschen sich bei uns bedankten...“, erinnert sich Sabine Kühnrich. „Dabei wäre es doch an uns gewesen, uns zu bedanken – für die Ehre, die uns zuteil wurde, als Deutsche an diesem Ort der Mahnung und des Gedenkens spielen zu dürfen.“ Wolfram Hennig ist noch immer beeindruckt von diesen bewegenden Momenten: „Vielen standen die Tränen in den Augen. Ein kleiner Junge kam zu uns, sang einige Takte Ena to Chelidoni und strahlte uns mit großen Augen an...“

Bevor „Quijote“ sich an das Theodorakis-Projekt wagte, legte das Trio eine weite Strecke zurück. Sein reicht in das Jahr 1967 zurück, als es im damaligen Karl-Marx-Stadt den „SingClub 67“ gab. Als Ludwig Streng 1982 die künstlerische Leitung übernahm, wurde daraus die Gruppe „Liederhaken“. 1995 war die Gruppe von mehr als zehn auf vier Mitglieder geschrumpft. Der neuerliche Namenswechsel symbolisierte nicht nur eine Wahlverwandtschaft mit Cervantes´ literarischer Gestalt und ihrem vorprogrammierten Scheitern, sondern vor allem mit ihrem tapferen Trotz und ihrer Widerständigkeit ungeachtet aller Niederlagen. „Lieder gegen Windmühlen“ ist zu einem Programm geworden, das sich jenseits des Mainstreams bewegt. „Quijote“ bekennt sich zu politisch engagierten Texten mit hohem poetischem Anspruch und tritt sowohl in Deutschland als auch in zahlreichen europäischen Ländern auf. Im Dezember erscheint die dritte CD der Gruppe mit dem Titel „Fluß unterm Eis“.

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