Schön dass wir mal drüber geredet haben
ZDF klärt Frankfurter über Profi-Journalismus auf
Die verschobene Krise des Kapitals bedarf einer Erklärung. Zehn Jahre nach der Einleitung des Transformationsprozesses in der gescheiterten DDR hat sie sie gefunden: Die Ostler sind schuld. 1,2 Billarden Mark hat ihr maroder Trümmerhaufen verschlungen. Und der Dank? Sie wählen PDS, sie jagen Ausländer durch ihre versyphten Straßen, die Stasi ist nicht nur in die Volkswirtschaft gegangen, sondern hat, weil man sie an der Maschine nicht wollte, gleich den Chefsessel requiriert. Herrschaftswissen und SED-Kumpanei lassen die Aufbauwilligen bluten. - Das Klischee bedarf keiner Sprachregelung mehr. Längst ist Schluß mit lustig. An der Heimatfront stehen die wackersten Agitatoren, um im zweiten Anlauf die Neudetermination von Geschichte und Zeitgeist durchzusetzen, mit dem sich vor allem die Neudeutschen noch immer so verbiestert schwer tun. Das Ergebnis: Elf Prozent im Osten wollen die Mauer zurückhaben. Im Westen wollen sie 13 Prozent von ihrer Seite aufbauen – damit sie länger hält. So jedenfalls zitierte Brandenburgs Bildungsminister Steffen Reiche am Montagabend in der Frankfurter Konzerthalle eine Studie.
Die ehemalige Klosterkirche war mehr als überfüllt. Der Auflauf erinnerte an die erste Dialog-Veranstaltung 1989 im Kulturhaus Völkerfreundschaft. 900 Frankfurter empörten sich über eine „frontal“-Sendung des ZDF, in dem die Ruinenstadt „tief im Osten“ noch immer begeistert die alte Hymne singt und „DDR spielt“. Nicht die Bilder an sich waren es, die den Unmut schürten, sondern die Art und Weise, wie sie verschnitten wurden. „Unrat immer, Fortschritt nimmer“ hieß die Devise. „Die Schnitzlers und Löwenthals sind immernoch tätig“, befand Kabarettchef Wolfgang Flieder, bei dessen Publikum ZDF-Redakteur Udo Frank nach Aufbauhelfern für die Mauer gesucht und zu seinem großen Ärger nicht gefunden hatte. Beim Chor der Volkssolidarität hatte er mehr Glück. Mit Engelszungen überredete die Damen, wenigstens die DDR-Nationalhymne zu intonieren. Der Frankfurter Ortsteil Rosnegarten, in dem drei von 135 Familien aus dem Westen kommen, wurde als „Wagenburg“ der Zugereisten vorgestellt, wo hinter Zäunen und Mauern die Welt noch in Ordnung sei. In einem neuen Bowlingcenter zeigte er eine „Glatze“ im Großformat, die sich im Nachhinein als Frankfurter Fußballer entpuppte. Frank hatte kein Wort mit ihm gewechselt.
Doch auch beim Podiumsgespräch in der Konzerthalle versuchte Frank seine Methoden noch als „ganz normalen professionellen Journalismus“ zu verkaufen. Vielleicht hat er sogar recht damit. Zumindest Chefredakteur Klaus Bresser hielt daran fest, das Drehteam habe schließlich „lediglich Tatsachen aufgegriffen“ und die Frankfurter selbst seien es, die sich „mit der Kritik auseinanderzusetzen“ hätten. „Gibt es nicht ein gewisses Fremdeln gegenüber Westdeutschen, die hier arbeiten, rechte Tendenzen, Genossenfilz und Stasiverstrickungen?“ Dabei focht es die Vertreter der Anstalt auch nicht an, daß einer ihrer schärfsten Kritiker, Franz Kadell, von einem „Zusammentragen von Frustrationsmaterial“ sprach, das einen „noch nie erlebten Protestschrei“ der Leserschaft ausgelöst habe. „Das kennen die Leute aus der DDR und dagegen wehren sie sich“, so Kadell. Allerdings mußte der Chef der Märkischen Oderzeitung sich von einem amerikanischen Kollegen den Vorwurf gefallen lassen, daß er selbst sich in seinem Blatt schließlich genau der gleichen Mittel bediene wie das ZDF.
Die Vertreter der Landespolitik Steffen Reiche und Jörg Schönbohm nutzten das Podium vor allem zur Eigenprofilierung. Schönbohm fühlte sich angesichts frankscher Selbstgerechtigkeit an „Sudel-Ede“ erinnert. Mit Blick auf Gabriela Mendlings Buch „NeuLand“, deren „ganz einfache Geschichten“ sich als trächtig für jedwede Art von Talkshow erwiesen haben, erinnerte sich der CDU-Chef an seine eigenen Umzüge. „Was ich da las, hätte ich alles auch in Westdeutschland erleben können.“ Reiche nannte den „frontal“-Beitrag eine „zehnminütige Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht“. Oberbürgermeister Wolfgang Pohl zeigte sich enttäuscht über das „undifferenzierte Bild“, mit dem die Stadt dargestellt wurde. Der Ausländerbeauftragte der Europa-Universität, Professor Dieter Martini, diagnostizierte eine „Hochschulphobie“, denn während suggeriert worden sei, daß Frankfurter im Interesse ihrer Kinder auf auswärtige Schulen ausweichen müßten, war die Viadrina mit keinem Wort erwähnt worden. Dr. Klaus Freyer berichtete über den Umgang mit ehemaligen IMs am Frankfurter Klinikum. „1100 Fragebogen wurden ausgewertet. Wer keine Verpflichtungserklärung unterschrieben und keine denunzierenden Berichte an die Stasi geliefert hatte, konnte bleiben.“ Frank hatte sich nicht danach erkundigt, sondern auf seine privaten Stasiakten pochend vier Chefärzte als Stasi-Connection benannt, von denen „einer weder Chefarzt noch Doktor ist“, wie Freyer berichtigte. Die Chefin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Dagmar Uhlmann, sah „die Einheit in den Dreck getreten“ und der PDS-Landtagsabgeordnete Frank Hammer verzeichnete, „daß sich der Hochmut der Sendung in der heutigen Diskussion fortsetzt“. Galeristin Brigitte Rieger-Jähner wollte wissen, wie denn der ZDF-Autor „in vierzig Jahren dazu stehen will, wenn seine Enkel ihn danach fragen“. Sozialdezernent Martin Patzelt meinte:“Jetzt ist es wieder schwer geworden zu sagen: So sind die Wessis aber nicht.“ Professor Abbas Ourmazd, Direktor des Instituts für Halbleiterphysik und ungesendeter Interviewpartner des ZDF, brachte die Gefühle vieler Zuschauer auf den Punkt. „In Amerika sagt man: Wenn es läuft wie eine Ente, aussieht wie eine Ente, riecht wie eine Ente und schmeckt wie eine Ente, nun, dann handelt es sich um eine Ente – und bei ihnen handelt es sich einfach um schlechten Journalismus.“
Einen Unterschied zu 1989 gab es dann aber doch. Selbst die mitgebrachten Transparente („Zweifelhaftes Deutsches Fernsehen“) blieben in der Ecke stehen. Die Frankfurter demonstrierten demokratische Kultur ohne Buhrufe und sonstige Aufgeregtheiten. Nach den mehr als zwei Stunden fühlte mancher Zuhörer sich freilich an einen alten Sozialarbeiterwitz erinnert: „Wissen Sie, wo es hier zum Bahnhof geht?“ – „Nein, aber schön, daß wir mal drüber geredet haben.“









