Predigt ohne Worte kehrt zurück
2002
Mehr als zehn Jahre nach ihrer Wiederentdeckung in der St. Petersburger Eremitage kehren die Chorfenster von St. Marien nach Frankfurt (Oder) zurück. Wie Oberbürgermeister Wolfgang Pohl mitteilte, sollen Experten und Politiker im Mai in St. Petersburg und Berlin die Details der Rückführung abstimmen. Die drei um 1468 entstandenen, jeweils elf Meter hohen Chorfenster bestanden aus 119 Glasfeldern, von denen noch 111 vorhanden sind. „Einige besonders schöne und kostbare Felder fehlen leider,“ meint Dr. Erhard Drachenberg, der gemeinsam mit Professor Peter van Treeck an den deutsch-russischen Gesprächen beteiligt ist. Doch über Kopien anhand vorhandener Aufnahmen nachzudenken, steht am Ende des aufwendigen Restaurationsprojektes, das in diesem Sommer beginnt.
Derzeit werden 15 bereits von russischen Fachleuten restaurierte Glasfelder in er Eremitage gezeigt. Nach Schließung der Ausstellung am 22. Juni soll die Verpackung erfolgen. Ob der Kunstschatz auf dem See- oder Landweg nach Deutschland gelangt, wird derzeit geprüft. „Wir rechnen mit der Ankunft in den ersten Juliwochen“, erklärt Wolfgang Pohl. Der Oberbürgermeister hat inzwischen eine Arbeitsgruppe einberufen, die dieses „Ereignis von nationaler Bedeutung“ vorbereiten soll. Dazu gehört die Einlagerung und Sicherung der Scheiben in städtischen Magazinräumen sowie die Versicherung des Kunstschatzes, bei der Pohl auf eine Mithaftung des Landes Brandenburg hofft. „Der Wert dieser Glasmalerei ist heute nicht mehr zu beziffern“, ist Dr. Drachenberg überzeugt.
In der Marienkirche soll für die Dauer der Restauration eine spezielle Werkstat eingerichtet werden. Dazu könnte der Märtyrerchor dienen, der über entsprechende Lichtverhältnisse und eine Fußbodenheizung verfügt. Zwei erfahrene Restauratoren und eine versierte Hilfskraft will die Stadt mit der Instandsetzung betrauen. Sie wird nach Pohls Angaben etwa zwei Jahre in Anspruch nehmen und voraussichtlich eine Million Euro kosten. Pohl plant deshalb die Gründung eines Fördervereins, der bundesweit nach Sponsoren für das Projekt suchen soll. „Außerdem rechnen wir auf die Unterstützung des Landes Brandenburg und des Bundes.“
Die Frankfurter ebenso wie Besucher der Stadt könnten den Prozess der Wiederherstellung vor Ort verfolgen. Gedacht ist auch an einen Erfahrungsaustausch mit russischen Restauratoren. Nach Abschluss der Arbeiten, so Dr. Drachenberg, soll die Werkstatt der Eremitage in St. Petersburg geschenkt werden. „Natürlich hoffen wir, zur 750-Jahr-Feier im Sommer des nächsten Jahres schon das erste Chorfenster wieder zeigen zu können“, gesteht Pohl. „Das ist eine ehrgeiziges, aber erreichbares Ziel.“ Einen ersten Eindruck können Kunstfreunde bereits im Sommer gewinnen, wenn die 15 in Russland restaurierten Felder gemeinsam mit anderen, unterschiedlich gut erhaltenen, in der Marienkirche ausgestellt werden.
Die Odyssee der Kirchenfenster währte mehr als 60 Jahre. Wie anhand von Dokumenten festgestellt wurde, erfolgte die Ausglasung der Fenster nicht erst, wie bisher angenommen, 1943, sondern bereits zwei Jahre früher. Grundlage war ein Erlass über den Luftschutz für Kulturgüter vom November 1940. Wolfgang Töppen, Pfarrer i.R. der St. Getraudkirche, in der sich auch Altar, Leuchter und Taufbecken der Marienkirche befinden, stieß bei seinen Recherchen auf Kostenvoranschläge und Rechnungen, die den Vorgang belegen.
Demnach berechnete Malermeister Herrmann Loehde aus der Wollenweberstraße 14 im August 1941 drei Mal 1,90 mal zehn Meter, die ausgeglast, nummeriert und durch 4/4 Bauglas zweiter Sorte ersetzt werden müssten. Verpackung und Kisten inklusive kam er am 3.April 1941 auf Kosten von 594 Reichsmark, zahlbar durch das Preußische Staatshochbauamt. So erging auch der Auftrag am 3. August und die Abrechnung am 19. September des gleichen Jahres. Die Scheiben wurden im Grabgewölbe unter dem Nordturm eingelagert, wie es im Kirchenbericht an das Konsistorium am 13. Oktober 1941 hieß, und später mit einer zusätzlichen Sandaufschüttung gesichert.
Die Vorausschau der Nationalsozialisten auf die kommende Katastrophe ist erstaunlich: Zu dieser Zeit siegte das Nazireich noch im Westen und Göring wollte Meyer heißen, wenn auf Deutschland jemals eine Bombe fiele... Die ersten Luftangriffe auf deutsche Städte begannen erst im Sommer 1942 mit der Bombardierung Lübecks durch die Royal Air Force Großbritanniens. So schien die Datierung auf 1943 plausibel. „Der Glaskunstexperte Joachim Seeger ist einem Irrtum erlegen, als er nach dem Krieg in einem Aufsatz dieses Datum aus der Erinnerung fixierte“, erklärt Pfarrer Töppen. Inzwischen arbeiten die Freunde der Marienkirche an einer Publikation, die auch Legenden und Irrtümer ausräumen soll.
Mit der Rückkehr der Kirchenfenster tritt auch die Gestaltung von St. Marien in eine neue Phase. „Wir müssen über die Gestaltung der übrigen Fenster sprechen, über den Zugang durch das Westportal, die Lichtverhältnisse im Innern der Kirche“, so Pohl. Ein Fachgremium, in dem Landesregierung, Denkmalschützer, Kunstexperten, Kirche und Stadt mitwirken, soll die Arbeiten begleiten. Außerdem soll eine filmische Chronik Zeugnis vom Fortgang der Arbeiten geben.
Einer der Frankfurter, die sich besonders darüber freuen, ist der frühere Oberbürgermeister Fritz Krause. „Als ich 1965 Oberbürgermeister werden sollte, trat ein Genosse mit mir vor die Tür des damaligen Rates des Bezirkes: Jetzt, Fritze, werde ich dir mal zeigen, wie ich meine Stadt haben will, meinte er. Das da – und dabei zeigte er auf die Marienkirche – kommt zuerst weg... Ich stand da, Hände an der Hosennaht, und sagte: Wenn das da weg soll, kann ich aber nicht Oberbürgermeister werden.“ Krause wurde es trotzdem und übernahm die Kirche 1974 als Kulturforum für 99 Jahre in Obhut der Stadt. Danach flossen acht Millionen DDR-Mark in die Sanierung. Weitere acht Millionen D-Mark folgte unter der Ägide seiner Nachfolger in den 90er Jahren. Eine der schönsten Kirchen der norddeutschen Backsteingotik blieb den Nachfahren dadurch erhalten.







