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Ein Maulbeerbaum an der Oder

Ein Maulbeerbaum an der Oder

Frankfurt als Ort internationaler Literatur-Kontakte

Ein Mädchen wird ohnemächtig. Im Gymnasium, während der Schriftsteller liest. Sogleich vollzieht sich vor dem geistigen Auge des Belletristen die Metamorphose zum Schneewittchen, das er auf einen Oderkahn bettet und umherfahren läßt, bis es bei einem großen Sturm erwacht und all die Verlogeneheiten und Verdorbenheiten auskotzt, mit denen die Gesellschaft es bis zum Scheintod gefüttert hatte. Indessen haben die anderen ihrer Mitschülerin längst auf die Beine geholfen, und nun lassen sich andere Gründe für den Zusammenbruch mutmaßen, soziale zumal, wie die denkbare Arbeitslosigkeit der Eltern oder die vergebliche Jagd des Mädchens nach einem Ausbildungsplatz. Bis der Schriftsteller endlich erfährt, daß sein fragiles Wesen sich das ganze Wochenende mit Techno-Musik zugeknallt hat und der kollabierende Kreislauf sich lediglich für den mehrtägigen Nonstoptanz rächt...

Was Jürgen Banscherus auf fünf Seiten beschreibt, ist das alltägliche Dilemma des Autors in den abgelaufenen Schuhen der Aufklärung. Während seine Zuhörerin vielleicht die Schneewittchensehnsucht noch mit ihm teilt, würde sie ihm, sobald er der Versuchung linearer Kausalitäten im Interesse didaktischer Ziele und moralischer Zwecke erliegt, seine Weltschau mit all dem anderen Zeugs vor die Füße spucken. Täte sie es nicht, wäre er dennoch nicht vor ihrer Gleichgültigkeit sicher. Bleibt also nur die sperrige Realität, diese ewige Scheherezade der Uneindeutigkeiten. Sie treibt das schreibende Volk umher und zueinander, auch an der Oder.

Vor kurzem erst ging das fünfte Internationale Symposium zur Kinder- und Jugendliteratur des deutsch-polnischen Literaturbüros Oderregion in Frankfurt und im polnischen Lagow zu Ende. Mehr als 50 Autoren verständigten sich unter dem Motto "Berührungen" über grenzüberschreitende Möglichkeiten und Wirkungsweisen von Literatur. Das reichte von der Nachfrage Professor Klaus Doderers, was europäische Exil-Literaten während ihrer Trasit-Erfahrung hervorbrachten - Brecht in Helsinki den "Kinderkreuzzug", St. Exupery in New York den "Kleinen Prinzen" - bis zu einem Befund der Marktsituation für heutige Kinder- und Jugendliteratur, wie sie sich unter anderem im Hamburger Almanach zur polnischen Kinderkultur von 1996 spiegelt. Demnach wurden zwischen 1948 und 1990 rund 200 Titel aus dem polnischen für den deutschen Sprachraum übersetzt. Nach dem Beginn des Transformationsprozesses in Osteuropa, der zunehmend auch eine Transformation in Westeuropa nach sich zieht, waren es noch ganze zehn Kinder- und Jugendbücher, die über Oder und Neiße hinweg auch deutsche Leser erreichten.

Daß dies nicht nur einer ins Wanken geratenen Verlagslandschaft geschuldet ist, analysierte die Schriftstellerin Jutta Richter bereits im vergangenen Jahr, als es in Frankfurt und Lagow um das Thema "Toleranz" ging. Während die Aufbruchstimmung der 70er Jahre auch zu literarischen Experimenten, dramatischen Geschichten, heftiger Reibung an der Wirklichkeit geführt habe, so Richter, wimmelt es nun "von Mäuschen und Schweinchen und Nilpferdchen. In der Politik sprach man von der Wende, in der Kinderliteratur trat sie ein." Und sie mahnt: "Die Welt des Kindes ist die Welt der Menschen. Die Welt wird nicht von liebreizenden Feen und niedlichen Mäusen, sondern sie wird von Dunkel begrenzt."

Das Buch "Der Maulbeerbaum, der Fernweh hatte", dem die oben erwähnte Geschichte entnommen ist, versucht dem Druck der gegenstandslosen Massenware und der Power-Ranger-Pädagogik etwas entgegenzusetzen. Damit ist es das Ergebnis nicht nur des letzten Symposiums, sondern auch der dem seit 1993 vorausgegangenen Treffen von Schriftstellern aus rund zehn europäischen Ländern zum "eigenen Bild im Bild des anderen", zu "Wurzeln, Werten, Wandlungen", zu "Heimat, Heimatverlust und Heimatgewinn". Die 30 Märchen und Geschichten von 25 Autoren aus Polen, Israel und Deutschland sind in deutscher und polnischer Sprache abgedruckt. So findet der von Steffen Peltsch und Hans-Joachim Nauschütz edierte Band seine Adressaten nicht zuletzt bei den Lesungen, die das deutsch-polnische Literaturbüro beidseits der Oder organisiert. Allein beim diesjährigen Symposium waren es mehr als vierzig vor hunderten deutscher und polnischer Schüler und Gymnasiasten.

Verwirklichen ließ sich das Buch-Projekt allerdings nur, weil Selbstausbeutung die Prämisse seiner Entstehung war. Honorarverzicht bei Autoren und Illustrator, feierabendliche Fleißarbeit bei Texterfassern und Übersetzern, freundliche Zugeständnisse anderer Verlage und ein kräftiger Druckkostenzuschuß von der Robert-Bosch-Stiftung. Nicht ersetzbar jedoch, das wissen Kleinverlage seit langem, ist das fehlende Vertriebsnetz. Dadurch werden solche Neuerscheinungen nicht nur zur Rarität, sondern fristen überdies ein unverdientes Nischendasein. Daß dies, wie Symposiumsteilnehmer berichten, durchaus kein deutsches Phänomen ist, läßt ein internationales Netzwerk von Autoren, Wissenschaftlern, Verlegern und Buchgestaltern umso wichtiger erscheinen. So hofft Hans Joachim Nauschütz vom deutsch-polnischen Literaturbüro Oderregion denn auch, im kommenden Jahr Schüler und Studenten mit ihren literarischen Reflektionen und wissenschaftlichen Arbeiten ebenso in das Symposium einbeziehen zu können, wie Buchillustratoren, die letztlich über Wohl und Wehe mancher Kindergeschichte entscheiden. "Ob wir das Vorhaben noch finanzieren können, steht allerdings in den Sternen."
HENRY-MARTIN KLEMT

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