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Käthe Reichel

Eröffnung einer Lesung von Käthe Reichel

...aus Texten von Robert Havemann

Sie kann richtig böse werden, diese zierliche, kleine Person. Da gibt es einen Liedermacher, dem war sie freund, der druckte seine Gesänge in einem Sammelbüchlein - zum Verwechseln ähnlich jenem des gemeinsamen Lehrers Bert Brecht -, und dieser Liedermacher wußte auch viel Klügliches zu sagen und gerade so, als hätte er es immer schon gewußt.

Ihr aber kam es irgendwie vor, als spuckte der Barde einem anderen ins Grab hinterher, dem sie beide, der Liedermacher und die Schauspielerin, Vertraute waren, als er lehrte und verfolgt und geschaßt und geächtet wurde.

Es klang sehr weltweise und von der alten neuen Zeit durchgeistigt, dieses Gespucke. Doch die Reichel schrieb: "Jetzt mußt du den Robert anspringen, Wolf!" So wütend war sie, daß sie sogar jenes Hemd des Lehrers zurückverlangte, das sie dem Liedermacher einst geschenkt hatte. Weil sie es waschen wollte, reinwaschen wollte von Anbiederei und mißbrauchter Freundschaft. Weil die Verantwortung für den anderen nicht aufhört, nur weil er tot ist. Weil man sich nicht nur mit jenen Seiten eines Freundes schmücken darf, die einem selbst und den neuen, preiseverleihenden Freunden in den Kram passen. Weil man sich nicht mit dem Antistalinisten Robert Havemann brüsten darf und dabei verschweigen, daß er immer ein Antifaschist gewesen ist, ein Kommunist geblieben, Zeit seines Lebens.

Den abgedruckten Brief habe ich nicht mehr gefunden. Nur die Schärfe - auch im Denken, auch im Poetischen - blieb mir im Gedächtnis. Einen anderen, an den gleichen Liedermacher geschrieben, konnte ich in der taz vom 20. Februar 1991 nachlesen. Da ging es um den Kuß einer Frau im herzelnden Talkshow-Ambiente und um die toten Kinder von Bagdad, die sich nicht aufrechnen lassen gegen die toten Kinder Israels, weil eben, wer Greueltaten einteilen will in gute und nützliche auf der einen, in böse und schädliche auf der anderen Seite, sich unversehens zu den Schlächtern alldessen gesellt, was uns menschlich macht.

Und wieder erinnerte die Reichel an Robert Havemann, mahnte: "Ich sage nicht, daß die Juden bessere Menschen sein wollten, als der Rest der Welt; ich sage: wenn sie mit Atombomben, auch solchen, die aus dem Denken kommen, auch solchen, die aus Worten auf uns fallen, wie in dieser Talkshow, wenn sie der Sprache Saddam Husseins gleich sein wollen, dann werden sie das Mitleid aus der Welt jagen, das wir alle zum Überleben brauchen."

So wütend war sie, daß sie ein leises, sehr trauriges und sehr wehrloses Gedicht an das Ende dieses Briefes setzte:

Am Morgen nach dem Tod der Kinder im Bunker von Bagdad

Käme doch zu mir

etwas Schönes

mit gewaltigen Flügeln

und trüge fort das Senkbeil

das Lot am Morgen

das mißt

wie tief es noch

bis zum Grund ist

wo das Dunkle

das Schöne ruht

das Leichte

das keine Flügel braucht.


Es heißt zuweilen, eine gute Schauspielerin sei auf der Bühne zuhaus. Manche meinen gar, das ganze Leben gerate solchen Leuten zur Bühne. Mir kommt es vor, als hörte ich den alten Meister widersprechen. Im Leben muß zu Hause sein, wer auf die Rampe tritt. Die Bühne muß ihm das ganze Leben sein. Wenn sie das nicht vermag, muß er - und erst recht in widrigen Zeiten - auch manchmal die Bühne verlassen.

Weil die Blicke sich auf ihn richten. Weil die Blicke ihm dorthin folgen werden, wohin er sich wendet. Auf die Straße, wenn er es will, auf das gern Vergessene, gern Übesehene, auf das, wovon Bühnen und Zeitungsblätter und Kinos und Rundfunksender abzulenken versuchen. So gerät eine kleine Frau ins Gedränge.

Auf dem Infomarkt gegen Rassismus und Fremdenhaß ist sie zu finden, bei der Demonstration gegen die Abwicklung ostdeutscher Medienkultur, beim Erinnern an die Brandfackel-Zeit des Faschismus, beim Ostermarsch auch, selbst wenn im Osten "der Mut für die Straße eben nicht so da" sei, wie die Reichel weiß.

Nur konsequent war es da, auch bei der Gründung der Komitees für Gerechtigkeit mit dabei zu sein und bei anderen Initiativen, die sich gegen eine schier bodenlos anmutende Periode der ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Restauration nicht nur in Deutschland zur Wehr setzen wollen. Die den Versuch unternehmen, unter dieser fettfleischigen Schale den Kern einer Chance freizuschälen, den Samen, der Neues erst wieder möglich macht. Weil erst in diesem Neuen der Staatssozialismus seine - im hegelschen Sinne - Aufhebung erfahren kann. Als Alternative zur Barbarei.

Brecht schreibt:

1

Wir hören: Du willst nicht mehr mit uns arbeiten.

Du bist zu kaputt. Du kannst nicht mehr herumlaufen.

Du bist zu müde. Du kannst nicht mehr lernen.

Du bist erledigt.

Man kann von dir nicht verlangen, daß du noch etwas tust.


So wisse:

Wir verlangen es.


Wenn du müde bist und einschläfst

Wird dich niemand mehr wecken und sagen:

Steh auf, das Essen steht da.

Warum sollte Essen dastehen?

Wenn du nicht mehr herumlaufen kannst

Wirst du liegen bleiben. Niemand

Wird dich suchen und sagen:

Es ist eine Revolution gewesen. Die Fabriken

Warten auf dich.

Warum sollte eine Revolution gewesen sein?

Wenn du tot bist, werden sie dich begraben

Ob du schuld bist an deinem Tod oder nicht.


Du sagst:

Du hast zu lange gekämpft. Du kannst nicht mehr kämpfen.


So höre:

Ob du schuld bist oder nicht:

Wenn du nicht mehr kämpfen kannst, wirst du untergehen.


2

Du sagst: Du hast zu lange gehofft. Du kannnst nicht mehr hoffen.

Was hast du gehofft?

Daß der Kampf leicht sei?


Das ist nicht der Fall.

Unsere Lage ist schlimmer, als du gedacht hast.


Sie ist so:

Wenn wir nicht das Übermenschliche leisten

Sind wir verloren.

Wenn wir nicht tun können, was niemand von uns verlangen kann,

Gehen wir unter.


Unsere Feinde warten darauf

Daß wir müde werden.


Wenn der Kampf am erbittertsten ist

Sind die Kämpfer am müdesten.

Welche Kämpfer zu müde sind, die verliern die Schlacht.


Ich wünsche Ihnen einen hilfreichen Abend mit Käthe Reichel und den Texten Robert Havemanns.



1997

Käthe Reichel und Henry-Martin Klemt

vor der Veranstaltung imHaus der Künste

Havemann-Texte vorgestellt

"Diese Texte hätte ich auch gern im Prozeß gegen die Havemann-Richter vorgelesen", meinte Käthe Reichel am Wochenende im Frankfurter Haus der Künste. "Vor allem seinen nächsten Verwandten." Denn die gingen wohl mit dem Namen Robert Havemanns als einstigem Staatsfeind Nummer Eins hausieren, ließen dabei jedoch allenthalben dezent unter den Tisch fallen, daß die Kritik des Philosophen an der SED-Führung immer von links kam. So tragen denn auch Havemanns Memoiren "Fragen Antworten Fragen" den Untertitel "Aus der Biografie eines deutschen Marxisten". Für ihre Lesung hatte Käthe Reichel Anekdotisches - etwa über die Zusammenstöße Havemanns mit SED-Bezirkschef Paul Verner oder Kulturfürst Kurt Hager - ebenso ausgewählt, wie Selbstzeugnisse des von den Nazis zum Tode Verurteilten, dem es bei seiner Auseinandersetzung mit Stalinismus und Neostalinismus letztlich immer um eine bessere DDR gegangen war und der seine Genossen mahnte:...aber verprügelt mich nicht. Dann werde ich zu einem Held der westlichen Welt und der DDR, aber nicht zum Nutzen, sondern zum Schaden der Partei... Auch der Philosoph, der sich am hegelschen Freiheitsverständnis reibt, kam dabei zu Wort. "Havemann war eine ähnlich tragische Figur, wie in den 30er Jahren Bucharin in Rußland." Der Öffentlichkeit ein authentisches Bild ihres jahrzehntelangen Freundes zu vermitteln, scheut sich Käthe Reichel auch nicht vor dem Konflikt mit dem Liedermacher Wolf Biermann: "Ich fühle mich von Biermann verraten und verkauft. Von wegen: So oder so, die Erde wird rot... Auch den Robert hat er verraten, seinen Vater und seine Mutter, und jetzt kriegt er den Nationalpreis, damit er die Alimente für seine neun Kinder bezahlen kann", polemisierte Käthe Reichel im Theater auf dem Dachboden. Umtriebig ist die Brechtschülerin bis heute geblieben. Als russische Mütter ihre Söhne eigenhändig aus dem schmutzigen Tschetschenienkrieg Jelzins zurückholten, schrieb sie an 900 Theater in der Welt mit dem Erfolg, daß diese Frauen letztes Jahr den Alternativen Friedensnobelpreis erhielten. In Babelsberg dreht sie an einer Verfilmung von Strittmatters "Laden", im Deutschen Theater steht sie im "Zebrochenen Krug" auf der Bühne und zu Hause schreibt sie an einem Buch über Brecht. Die neuen Verhältnisse betrachtet sie trotz allem gelassen: "Die Leute können nicht auf etwas verzichten, bevor sie es gehabt haben. Deshalb wollten sie die Wegwerfgesellschaft und deshalb brauchen sie erst einmal den Kapitalismus pur, den sie jetzt bekommen werden."