Vita Schriftsteller Journalist Freunde Orte Lektüre Downloads Impressum
Startseite Journalist Verstreutes 3000 Flüsse und Seen

Journalist


Kommentare Portraits und Gespräche Portraits und Gespräche 2 Rezensionen Bildende Kunst Rezensionen Biographien und Autobiographien Rezensionen Filme Rezensionen Fotografie Rezensionen Kabarett Rezensionen Lyrik Rezensionen Prosa Rezensionen Sachbücher Rezensionen Theater Verstreutes

Countdown Ein Engel über Guernica Ein Maulbeerbaum an der Oder Geiger von Auschwitz Gelöbnis Helmut bringt den Ausbau Oft Literaturlandschaft Österreich - 1993 Max Hannemann Strasse - 2000 Michael, Klaus und die Splitter im Kopf Predigt ohne Worte - 2002 Quijote Reichel Schnittpunkt der Biografien Schön dass wir mal drüber geredet haben 3000 Flüsse und Seen



3000 Flüsse und Seen

Sonne lockt an die Ufer

Für viele Menschen, die in Brandenburg – dem Land der 3000 Flüsse und Seen – leben, macht die Verbundenheit mit dem Wasser einen wichtigen Bestanteil ihrer Lebensqualität aus. Aber natürlich wissen auch viele Besucher das beeindruckende Reservoir an Naturlandschaften zu schätzen, den Artenreichtum, die Möglichkeiten zu Sport, Naturgenuss und Entspannung. Von 33 000 Kilometern Fließgewässer lassen sich 6 5000 Kilometer mit dem Paddelboot erkunden, rund 1000 Kilometer sind für Motorboote schiffbar. Das Land Brandenburg schätzt ein, dass die Bedeutung des Wassersports für den Tourismus und für die ländliche Entwicklung zugenommen hat und würdigt dabei vor allem örtliche und regionale Initiativen. Insgesamt 145 Wasserwanderplätze an sieben Hauptrouten soll es in der Zukunft geben. Mehr als 16 Millionen Euro wurden vom Land bereits in den Wassertourismus investiert. „Wir setzen auch in Zeiten knapper Kassen Prioritäten in der Umsetzung des Wassersportentwicklungsplans. Dies liegt im Interesse sowohl der aktiven Wassersportler als auch der Erholung suchenden Touristen, und kommt somit dem Land wieder zugute. Wassersport und Wassertourismus sind als wichtige Wirtschaftsfaktoren des Landes Brandenburg anerkannt“, erklärte Staatssekretär Martin Gorhold vergangenes Jahr. „Nur ein verbessertes Leistungsangebot der regionalen Tourismuswirtschaft kann das Land wettbewerbsfähig machen und über eine erhöhte Nachfrage Arbeitsplätze im Bereich des Wassertourismus und der damit verbundenen Branchen schaffen und sichern“, zeigte sich Brandenburgs Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns überzeugt.

Die Gegend um Erkner und Grünheide, der Berliner Seenkette vorgelagert, gehört zweifellos zu den beliebtesten Ausflugszielen und ist seit vielen Jahren ein Anziehungspunkt für alle, die sich entschlossen haben, nach JWD – „janz weit draußen“ – zu ziehen. Glücklich kann sich schätzen, wer hier ein Grundstück sein eigen nennen darf. Sobald die ersten Sonnenstrahlen das Eis geschmolzen haben, bricht tausendfältig das Grün hervor. Die Campingplätze beleben sich. Dauercamper verlassen ihr Winterquartier jetzt für den ganzen Rest der warmen Jahreszeit. Andere wagen sich zum ersten Spaziergang an den Strand und halten vorsichtig einen Zehn ins kühle Nass. Radfahrer erkunden die zugänglichen Uferzonen.





Bei Ruderern ist die Löcknitz besonders beliebt. Der kurvenreiche Kanal bietet manch beobachtenswertes Schauspiel. Der Fischreiher im Garten gehört für die Anlieger beinahe dazu. Wenn es in diesen Wochen lärmt und hämmert, dient auch dies einem guten Zweck. Die Ufer werden im großen Stil saniert und professionell befestigt. Manche Bootshäuser, wie etwa das „Bootshaus am Werlsee“, bieten mittlerweile eine hervorragende Infrastruktur auch für Gastlieger und schaffen überdies mit hohem unternehmerischen Engagement und Langzeitinvestitionen neue Arbeitsplätze. Für viele Besitzer ist das eigene Schiffchen ebenso zu einem umfassenden Hobby geworden, wie für andere der Kleingarten. Für manche sind die Yachten auch Wertanlagen, die einem Einfamilienhaus kaum nachstehen.

Wer länger unterwegs ist, erfreut sich der „Gelben Welle“. Sie signalisiert bereits von weitem Serviceangebote für die Sportschiffer und wachsen sukzessive zu einem engmaschigen Netz. Inwieweit es aber tatsächlich den Wassertourismus trägt, steht auf einem anderen Blatt. Zum einen beschränkt sich der Service an vielen Anlegeorten auf gastronomische Leistungen und klammert bootsspezifische Bedürfnisse wie Müllentsorgung oder Möglichkeiten zum Aufladen der Batterie aus. Zum anderen bieten sich ganze Gemeinden mit der Gelben Welle an und versprechen dann einen Rundumservice, ohne zu verraten, dass er mit einer Rundumwanderung durch den Ort verbunden ist. Katastrophal ist die Versorgung mit Kraftstoff am Wasser. So ist Storkow, von Berlin kommend, weit und breit der letzte Punkt, an dem Treibstoff aufgefüllt werden kann. Allerdings auch nur, wenn man sich mit dem Reservekanister auf einen zehnminütigen Fußweg zur Tankstelle begibt. Wer danach in Richtung Scharmützelsee reist, findet muss vorgesorgt haben, denn bis zum Scharmützelsee findet sich auf einer 34 Kilometer weiten Strecke keine Möglichkeit, an Benzin und Diesel zu kommen, und auch in Bad Saarow ist kein Tropfen Sprit zu ergattern. Das einzige Fachgeschäft am See, das Boots-, Camping- und Caravanartikel führt, liegt in Diensdorf. Dort aber gibt es keinen ausgebauten Gastliegeplatz. Wer etwas braucht, muss an einer offenen Badestelle ankern und sich feuchten Fußes auf den Weg begeben.





Überhaupt ist der Scharmützelsee ein besonders drastisches Zeichen dafür, dass herausragende Standortqualitäten noch lange keine Gewähr für wirtschaftlichen Aufschwung sind. Das im Windschatten liegende Westufer des Sees ist traditionell ein Dorado von Wassersportlern aller Art. Bereits an der Seemündung findet sich ein ausgebauter Parkplatz für Wasserwanderer. Private Grundstücksareale, Segelschulen, Marinas reihen sich aneinander. Verschwunden sind die zu DDR-Zeiten sehr beliebten Buchten im nunmehr fast durchgehend geschlossenen Schilfgürtel. Ad der Ostseite mit dem flach abfallenden Ufer finden sich hingegen viele Anker- und „wilde“ Anlegeplätze, doch die Ortschaften scheinendem Verfall preisgegeben. Verlassene Gehöfte und Investruinen aus der Nachwendezeit deuten darauf, dass hier nach einem ersten Anlauf in die Marktwirtschaft nicht mehr viel passiert ist. In den Kneipen sitzen alte Männer und erzählen vom Krieg. Einzelhändler und Supermärkte führen allenfalls etwas Angel- oder Grillzubehör, sind aber auf speziellere Fragen überhaupt nicht eingestellt. Wenn überhaupt auf Tourismus gesetzt wird, dann hat man Radfahrer und Rucksacktouristen im Blick, als läge nicht die Perle der märkischen Seen unmittelbar vor der Haustür. Ein Hamburger ist es, der an der Spitze des Sees einen Hafen mit Bootscharter betreibt. So wird der Scharmützelsee auch zu einem Symbol zerfaserter, prioritätsloser Wirtschafts- und Förderpolitik im Land Brandenburg, deren Defizite jetzt noch mit Hilfe privater Investoren austzugleichen, sich als eine immer schwieriger werdende Aufgabe darstellt.

Fraglos sind die Seen und Kanäle im Dahme-Spree-Gebiet auch ein Dorado für Angler. Wer Mitglied im Deutschen Angler Verband (DAV) ist, profitiert nicht nur von den Verbandsgewässern, sondern auch von einer Reihe Vereinbarungen mit den Fischpächtern, die es erlauben, große Wasserflächen zu nutzen. Die rein privat bewirtschafteten Gewässer allerdings gehen dem Petrijünger schnell ans Portemonnaie. Für eine Wochenangelkarte auf dem malerischen Storkower See sind 20 Euro zu berappen. Eine Nachtangelerlaubnis gibt es nicht. Auf dem Scharmützelsee kostet die Tag- und Nacht-Angelkarte für eine Woche 35 Euro. Ähnliche Preise sind für den Teupitzer See mit angrenzenden Gewässern und ähnlich fischreiche Gegenden zu berappen. Voraussetzug ist in jedem Falle der Fischereischein A, ohne den Erwachsene in Brandenburg bislang nicht angeln dürfen. Derzeit gibt es Überlegungen, dem Beispiel anderer Regionen zu folgen und zumindest Ferntouristen von dieser Pflicht freizustellen. Was die einen als mögliche Erleichterung empfinden, stellt sich für die anderen als grobe Ungerechtigkeit dar, denn neben den Gebühren für den Fischereischein haben heimische Angler, die neu mit ihrem Hobby beginnen, auch Aufwendungen für entsprechende Kurse und Prüfungen, die Voraussetzung der Bescheinigung sind – und die überdies durchaus einen Sinn haben, denn sie sollen gewährleisten, dass sich Angelsportler nicht nur naturverbunden, sondern auch waidgerecht bei ihrem Hobby verhalten.

Wer einige Jahre nicht über die märkischen Gewässer gewandert ist, bemerkt mehrere Tendenzen. Zum einen ist es gelungen, den Charme dieser Naturräume zu erhalten und das Funktionieren der biologischen Systeme zu gewährleisten. Artenreichtum im Wasser, an Land und in der Luft, Wasser von zum Teil herausragend guter Qualität, konsequenter Naturschutz in ausgewählten Gebieten und Uferzonen trägt dazu bei. Zum anderen entstand eine ufernahe Infrastruktur, die – von lobenswerten Ausnahmen abgesehen - allerdings stärker auf die Bedürfnisse des Land- als des Wassertourismus zugeschnitten ist. Eine Reise zu Wasser ist das märkische Land damit allemal wert.