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Helmut bringt den Ausbau Oft

1500 Staatsschützer, Polizisten und Frankfurter...

...empfingen Kohl in Frankfurt Oder

Regen satt empfing Bundeskanzler Helmut Kohl und Verteidigungsminister Volker Rühe am Freitagabend in Frankfurt (Oder). Zum Tschingtrara war extra eine Musikgruppe aus der benachbarten Metropole Müllrose eingeflogen worden; vermutlich fand sich unter den Oderstädtern kein vertrauenswürdiges Ensemble, das ausreichend Getöse zustande gebracht hätte.

Das aber war zweifelsfrei nötig: Noch nie hatte der Kanzler so viele Schwerhörige in seinem, nach Polizeischätzung knapp fünfzehnhundertköpfigen Publikum, wie auf dem hermetisch abgeriegelten Frankfurter Markt. Erstaunlich viele junge Leute waren augenscheinlich unter den Betroffenen, die nicht mehr ohne Knopf im Ohr auskamen und die sich immer wieder in spontanen Selbsthilfegrüppchen zusammenfanden - vermutlich um sich darüber auszutauschen, ob sie auch alles richtig verstanden haben.

Zum Beispiel, wenn Kohl enthusiasmiert den "Ausbau Oft" beschwor. Eigentlich eine so treffende Vokabel, daß man sich wundert, weshalb sie nicht viel früher ins Kampfvokabular der Christdemokraten aufgenommen wurde: Wie oft ist im Osten nicht schon alles mögliche ausgebaut worden, vom dringend in der Nachkriegssowjetunion benötigten Eisenbahngleis bis zur kompletten Volkswirtschaft, die von der Treuhandanstalt ausgebaut wurde, damit endlich Platz für die blühenden Landschaften entstand, wie sie der Kanzler offenbar im bunten, wogenden Meer der Regenschirme erkannte.

Die Rede Kohls stand auch sonst ganz im Zeichen von Kontinuität und Erneuerung. So hatte er die Passagen über die Gefahr des Radikalismus nahezu wörtlich aus seiner Ansprache beim vorigen Besuch übernommen, sie aber vorsorglich durch ein allgemeines Herumtrampeln im Bonner Farbkreis (gelb ausgenommen) bereichert. Seinem Wahlkontrahenten Schröder gegenüber mutmaßte er Lüge und Betrug - gerade so, als wäre das irgendetwas Besonderes in der Politik. Oder war es ein klammheimliches Bekenntnis, daß das schwarze Original mit all seinen leeren Wendeversprechungen die rosa Kopie nun doch als ebenbürtig anzuerkennen bereit ist?

Etwas weiter im Hinterland, vom oggersheimer Regenmacher durch Absperrgitter und dichten Polizeikordon getrennt, schien man über solche Feinheiten nicht nachdenken zu wollen. Ungebührlich pfeifend und lärmend hatten sich dort einige hundert Zaungäste gefunden, die ihre Absichten sehr transparent zum Ausdruck brachten. Etwa mit Aufschriften wie: "Wir gönnen dir den Wolfgangsee, doch laß uns Oder, Rhein und Spree", "Frankfurt (Oder) atmet auf: Helmut Kohl im Schlußverkauf" oder "Roter Lack beschützt den Osten, lieber Helmut, vorm Verrosten."

Etwas weiter rechts wurde die Treppe zum Rathausfestsaal von dreißig Kämpen der Nationaldemokratischen Partei belagert, die schwarzweißrot gegen den "Volksverrat" demonstrierten und "Hoch die nationale Solidarität" skandierten. Auch den schönen Spruch "Wir sind das Volk" requirierten die Braunen für sich. Das war vielleicht ein bißchen voreilig, aber besser hätten sie gewiß nicht ausdrücken können, wohin "Weltklasse für Deutschland" Deutschland vielleicht führen kann.


1998

Wie beim Fußball

Eine gehbehinderte Frau, offenbar angetrunken, durchbricht die Absperrung. Ein Staatsschützer jagt ihr nach und entreißt ihr die Krücke. Der Inhalt eines Leinenbeutels, Zigaretten, Kleingeld und eine Colaflasche, ergießt sich auf den Asphalt. Der junge Mann reißt die Flasche an sich. "So schlimm waren ja nichtmal die Russen", schreit die schwankende Frau, und ein Mann mittleren Alters pflichtet ihr bei: "Ich bin auch in Leipzig zur Demo gewesen, 1989, ab so hat uns keiner behandelt." Dem Mann mit dem Funkempfänger im Ohr ist die Sekundenszene plötzlich peinlich. Er bückt sich nach den Habseligkeiten der Frau und schielt zu den Presseleuten herüber, während sein Kanzler weiterspricht.

In den letzten zwei Stunden sind die Einsatzwagen der Polizei in den Seitenstraßen verschwunden. Vor der ungefähr zwei, drei Eierwürfe von der Bühne entfernten Absperrung haben sich die Berichterstatter eingefunden, die Polizisten, die Leute mit dem Schlagstock im Ärmel und natürlich das Wahlvolk der CDU. Hinter dem Zaun, auf dem breiten Brunnen, auch auf den Dächern der Imbißwagen stehen jene, die nicht mit ihm verwechselt werden möchten. Auf ihren Transparenten steht: "Herr Bundeskanzler! Erst kommt EKO, dann die Wahlen!" oder: "Gegrüßet König der Wüste! 25 000 Ausreisende, 50% Geburtenrckgang, x Suizide" oder auch einfach nur "Schnauze".

Der ehemalige Sozialdezernent und parteilose PDS-Landtagskandidat Christian Gehlsen hat seine grüne Schärpe aus dem Schrank geholt. Mit der stand er schon vor der Staatssicherheit, als noch niemand glaubte, daß dort einmal ein Amt 15 Prozent Arbeitslose verwalten würde. "Keine Gewalt" steht auf dem grünen Stoff, aber einer Durchsuchung entgeht der Theologe trotzdem nicht. Formsache, natürlich. Nun steht er in der ersten Reihe und ruft wieder: "Keine Gewalt", ebenso wie Frank Hammer und Axel Henschke, die versuchen, eine Truppe aufgeheizter Halbwüchsiger zu beruhigen. "Jetzt gehts los" schreien sie und rütteln an der Absperrung. Als die erste Lücke klafft, drängt ein Staatsschützer an seinen uniformierten Kollegen vorbei. Er hat den Knüppel schon gezogen und prügelt zu.
Von der Bühne heizt der Grand Provokateur die Stimmung an. Kommunistischen Pöbel nennt er die hinter dem Zaun, zitiert Rosa Luxemburgs Bemerkung von den Andersdenkenden und im gleichen Atemzug Schumachers Satz von den rotlackierten Faschisten. Als Verbrecher beschimpft er die Demonstranten. Kein Erbarmen, droht er. In welcher Kneipe würde sich das einer traun. Aber er ist ja weit weg und hoch oben. Seine Stimme, mit ein paar Tausend Watt verstärkt, erhebt sich gegen die rot-braune Bedrohung, die verräterische Sozialdemokratie, die Grünen. Alle hassen sie die Union, weiß der Kanzler. Die Dame vor der Bühne hat ängstlich ihr Hündchen auf den Arm genommen. Der alte Mann mit den Hochwasserhosen und den gekreuzten Hosenträgern ballt die Fäuste in der Tasche. Hinter ihnen schlendern Yuppies im Karree. Aber die perfide Taktik geht nicht auf. Es gibt keinen großen Durchbruch mit Niedergetrampelten und Schwerverletzten, Festgenommenen und Entwaffneten. Nur der eifrige Schläger vom Staatsschutz bricht plötzlich zusammen, mit ihm ein anderer Polizist. Hinterrücks hat jemand auf sie eingeschlagen. Zwei Opfer. Zwei Opfer zuviel. Das nächste ist ein Fotograf. Eines der Eier trifft seine Stirn. Weitere Wurfgeschosse folgen.

All das spielt sich in der Mitte der Absperrung ab. Ein guter Platz für das Blitzlichtgewitter und ein ruhiges Arbeiten für den Kameramann der Polizei. Der Einsatzleiter verzichtet darauf, den Großteil seiner Kräfte einzubeziehen, denn rechts und links ist es ruhig.

"Da", sagt einer der geladenen Gäste, "da sind die alten Seilschaften, der FDJ-Chef Henschke. Die hetzen schon wieder die Jugendlichen auf." Und weiter vorn fragt ein Polizist den gleichen Henschke: "Sag mal, du spielst wohl in unserer eigenen Liga?". "Nee, nee", sagt der PDSler. "Das ja nun nicht."

Inzwischen haben die Hausbesetzer hinter dem Zaun eine Sperrkette gebildet. Das Gedränge gegen die Sperre läßt für eine Weile nach. Die Hochhausbalkone im Hintergrund aber füllen sich mit Leuten. Fernsehen kann bei dem Lärm sowieso keiner mehr. Eine Silvesterrakete steigt auf. Transparente werden entrollt. "Am 16. Oktober: Sockenwechsel." Vereinzelt sind rote Fahnen zu sehen. Auch eine schwarze. Und irgendwer bläst unaufhörlich Trompete. Scheppernd kracht das Messing eines Beckens. "Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn" schreien die hinter dem Zaun. Ein Korrespondent meint: "Fußball. Das ist wie beim Fußball."

Nur Kohl redet und redet. "Ich treffe jeden Tag Rentner in den neuen Ländern", sagt er zu der Menge auf dem Platz, den "12 000", die Brandenburgs CDU-Spitzenkandidat Peter Wagner gesehen haben will. Wahrscheinlich doppelt. Erst nach einer Stunde hört der Kanzler auf, badet im Beifall mit breitem Grinsen. Miesmacher haben keine Zukunft. Das hat er ganz klar zum Ausdruck gebracht. Denn der Aufschwung ist da. Und Ulrich Junghanns, CDU-Kandidat in Frankfurt, bedankt sich, ganz pauschal. Auch für die Entlarvung der "Verbrecher, die unter uns sind", der "kommunistisch-faschistischen Terroristen", das Bonmot mit den roten Fahnen, die man nur noch in Südamerika sehen kann. Und in Frankfurt. Für die wegweisenden Worte eben. Dann fügt Junghanns eine Bitte hinzu: Der Kanzler möge an die Stauprobleme denken, das Verkehrschaos an der Grenze.

Frankfurts Oberbürgermeister Wolfgang Pohl hätte auch gern mit Kohl darüber gesprochen, nachdem er aus der Presse von dem Besuch erfahren hatte. Doch daraus wurde nichts. Der Kanzler schickte seinen Ministerialdirektor Johannes Ludewig vor. Der hatte sich schon am Nachmittag alles angehört, was Pohl auf dem Herzen hatte, und blieb in den Antworten vage.

Auf der Tribüne wird zum Abschluß das Lied der Deutschen gesungen. Unten hört man zu. Die einen stehen dabei, die anderen setzen sich hin. Dann beginnt es zu regnen und jemand dreht dem Frankfurter Kanzler-Dank-Komitee den Strom für die Tonanlage ab, die am Brunnencafe steht. Hier begannen damals die Demonstrationen, im 89er Herbst. Heute wird es keine mehr geben. Lachend fahren die Polizisten vom Platz. Fußball ist schlimmer. Die umliegenden Kneipen freuen sich über den Umsatz. Auf den verregneten Plakaten, jemand hat das Wort "Kanzler" überklebt, steht immer noch: "Der Lügner kommt". Aber das ist nur in der Karl-Marx-Straße so.

1994