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Schnittpunkt der Biografien

Noch einmal die Heimat entdecken

Den Zufall, der sie vielleicht ein halbes Jahrhundert früher hätte zusammenführen können, gab es nicht. So lernten Ursula Fischer und Ernst-Christian Gädtke sich erst nach der Wende in der Gedenkstätte Seelow kennen. Auf unterschiedliche Weise hatten sie 1945 die letzten Kriegswochen erlebt. Ihre Wege danach: zwei deutsche Biografien. Die Uraufführung des Dokumentarfilm "Schlachtfeld vor Berlin" rief Erinnerungen in ihnen wach.
"Ich weiß gar nicht, wem ich zu verdanken habe, daß ich nicht dort liege", meint der ehemalige Leiter der Brecht-Schule in Berlin Spandau. Der 1928 geborene hatte sich freiwillig zur SS gemeldet und den Krieg seit 1944 als Schütze auf einem Sturmgeschütz erlebt. Heute ist er erschüttert von den schrecklich keifenden Stimmen von Goebbels und Hitler. "Sie gehörten zu unserer Zeit. Ich sage ,unserer', denn ich war ja keiner von den Befreiern. Ich bin aufgewachsen damit." Seine Kinder verstünden bis heute nicht, wie ihr Vater sich davon habe gefangennehmen lassen können. "Aber es hat funktioniert." Bis zum Schluß habe kaum jemand mit dem Gedanken gespielt, in russische Gefangenschaft zu gehen. "Wir haben bis zur Besinnungslosigkeit um uns herumgeschossen."

Das Ende erlebte der Kriegsgefangene Ernst-Christian Gädtke als ein "riesiges schwarzes Loch, in dem ich mich geistig wiederfand". Reflektiert habe er die Ereignisse erst später in England. Diese drei Jahre wurden für ihn zum Wendepunkt. "Ich wurde nicht entlassen, aber die Briten machten einen Unterschied zwischen Jugendlichen und Erwachsenen. Sie behandelten uns als Mißgeleitete, die wir ja auch waren."

Ursula Fischer lag mit Scharlach zu Haus in Sydowswiese, als die Rote Armee am 31. Januar 1945 über die Oder setzte und in Kienitz ihren ersten Brückenkopf errichtete. "Mein Vater kam früher vom Holzholen zurück und rief: Die Russen sind da!" Seine Tochter durchfuhr der Schreck. Als Kriegsdienstverpflichtete hatte sie in der Sonnenburger Munitionasfabrik selbst erlebt, wie mit Gefangenen und Zwangsarbeiterinnen umgegangen worden war. "Beim nichtigsten Anlaß wurden die ukrainischen Frauen von den Wachleuten zusammengeschlagen und getreten, bis sie sich nicht mehr rührten." Die 20jährige fürchtete Rache. Mit einem vollgepackten Kinderschlitten ergriff die Familie die Flucht bis nach Söllentin in der Prignitz. "Dort holten uns die Russen ein. Streicheleinheiten hatte ich nicht erwartet. Aber es ist mir auch kein Leid angetan worden. Gott sei dank."

"Man kann vieles vergleichen, was Diktatoren mit ihren Leuten gemacht haben", meint Gädtke. "Aber wenn man die Befehle liest, die in der Heeresgruppe Nord 1941 für die Besetzung von Leningrad erwogen wurden, nämlich zweieinhalb Millionen Menschen mit elektrischem Stacheldraht zu umgeben und verhungern zu lassen, und vergleicht sie mit denen des Berliner Stadtkommandanten Bersarin, der das Leben in der Stadt wieder in Gang zu bringen suchte, dann zeigen sich Unterschiede zwischen der sowjetischen Auffassung und dem kalten, mörderischen Kalkül der Deutschen."

Schon bevor er 1948 nach Berlin kam, hatte Gädtke sich entschlossen, "irgendetwas zu tun, damit den nächsten Generationen nicht das Gleiche widerfährt." Deshalb wollte er Lehrer werden. Der Stadtschulrat wies ihm die Tür: "Wenn Sie am 2. Mai 45 ein Nazi waren, sind Sie es auch heute noch." Bekannte rieten ihm daraufhin, über seine Vergangenheit zu schweigen. Nach dem Studium an der Pädagogischen Hochschule Berlin wurde er Geschichtslehrer. "Weil mich das nicht losgelassen hat. Ich habe versucht, den jungen Leuten eine andere Sicht auf deutsche und europäische Geschichte zu vermitteln. Mit einigem Erfolg, glaube ich."

Am 9. Mai 1945 war Ursula Fischer wieder zu Hause. "Zuerst mußten wir die herumliegenden Leichen eingraben. Das passierte an Ort und Stelle. Die meisten lagen ja schon seit Wochen dort und ließen sich nicht mehr transportieren." Trotzdem kam mit dem Hunger auch der Typhus. Dann muáte der von Laufgräben durchzogene Oderdamm befestigt und von Minen beräumt werden. "In den nächsten Jahren dachte ich: Du mußt versuchen, diesen Staat, die DDR, mit aufzubauen. Ich hatte drei Kinder und die wollte ich so erziehen, daß sie sich für den Frieden einsetzen." Im Abendstudium bildete die gelernte Verkäuferin sich zur Kulturwissenschaftlerin weiter. 15 Jahre lang war sie Ratsmitglied für Kultur im damaligen Kreis Seelow. Ihre Staatsnähe findet sie inzwischen allmonatlich auf dem Rentenbescheid bestätigt.

Daß die Schule in Spandau 1979 den Namen Bertolt Brechts erhielt, sei nicht ganz einfach gewesen, erinnert sich Gädtke. Als es gelungen war, suchten die Lehrer Kontakt zu ihren Kollegen in der ostberliner Auguststraße. "Bis zur Schulleitung kamen sie gar nicht. Der Hausmeister hat sie rauskomplimentiert." So war die DDR etwas zunehmend Fremdes für ihn. "Wir konnten nach Nepal reisen, aber nicht zum Prenzlauer Berg, wo meine Verwandten lebten. Die versteinerte Greisenriege wollte es nicht." Buchstäblich mit Scheuklappen sei er über die Transitstraáen gefahren. "Erst in Helmstedt fing der Urlaub an." Die Absurdität sei ihm erst nach der Wende klar geworden. "Für uns begann eine Neuentdeckung der Heimat. Wir möchten gar nicht mehr anderswohin."

Ursula Fischers Mann durfte nach dem Mauerbau nicht mehr zu seiner Mutter. Erst als sie 92 Jahre alt war und auf dem Totenbett lag, wurde der Besuch gestattet. "Das war schlimm, auch wenn wir hier zuhause waren". Jede Postkarte bedeutete in den Anfangsjahren eine Überschreitung des "Kontaktverbots" für Mitarbeiter im Staatsapparat. "Wir haben das nicht verstanden. Aber unsere Arbeit aufgeben wollten wir auch nicht. Zumal auch Studium und Beruf der Kinder an solch ei- ner Entscheidung hingen." Inzwischen m”chte sie die Freunde und Bekannten in ganz Deutschland nicht mehr missen. Das Gefühl der Enklave, von dem viele Westberliner beherrscht waren, hat sie erst nach dem Mauerfall begriffen.

Im Winter 1989 nahmen die Brecht-Schulen in Spandau und Seelow Kontakt zueinander auf. Ihre Schüler suchten das Gespräch mit Zeitzeu- gen, gestalteten eine Fotoausstellung und drehten einen 100-Minuten-Dokumentarfilm. Beides soll am 8. Mai in der Gedenkstätte vorgestellt werden.


1995