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Rezensionen Kabarett Die Oderhähne

Einladung zum Vorsprechen

Frankfurter Kabarett „Die Oderhähne“ wurde 25 Jahre jung





Im Jahr der Biermannausweisung, 1976, beschloss der ökonomische Direktor des Kleist-Theaters, Alfons Linhofer, auch in Frankfurt müsse es ein politisch-satirisches Theater geben, und gründete die „Feierabendbrigade lach mit“. Der Titel war wörtlich gemeint. Die Akteure durften sich bei einer öffentlichen SED-Parteiversammlung erstmals dem Publikum zeigen und war fortan Streitgespräch bei den Frankfurtern und jenen, die wußten, was gut für „unsere Menschen“ ist. Bald fanden die Vorstellungen im Theatercafé statt. „Auf eine Karte mußte man ungefähr so lange warten, wie auf einen Trabbi“, frotzelt der heutige Kabarett-Chef Wolfgang Flieder. „Aber nur ein Programm war zeitweise verboten.“ Gespielt wurden zunächst Nummern bekannter Kabaretts wie Distel, Pfeffermühle und Herkuleskeule. Zuweilen hatte die neue Sparte des Theaters mehr Besucher als das Schauspiel, da waren neidvolle Intrigen nicht fern. Die heutige Spielstätte im Kabarettkeller Forststraße konnte 1981 bezogen werden. Als 1988 die Auflösung der „Oderhähne“ drohte, trennten sie sich vom Kleist-Theater. Ihr Programm „Ungeplante Möglichkeiten“ fiel in die Zeit des Mauerfalls, der 26 Fernsehsender und der Grablegung politischer Zensur. „Das Kabarett wurde dauernd von der Wirklichkeit überholt. Aber was blieb uns übrig: Wir mußten spielen, spielen, spielen.“ 50 Programme kamen in dem Vierteljahrhundert auf die Bühne. 40 Schauspieler, 14 Regisseure und 27 Autoren wirkten daran mit. Mit einer Auslastung von über 90 Prozent ist das Brettl die erfolgreichste Kultureinrichtung der Stadt. Der In den wirtschaftlich schwierigsten Jahren meldeten sich die Kabarettisten in der Saisonpause arbeitslos, um ihren Verein nicht in den Konkurs zu steuern. Das Potsdamer Kulutrministerium sah es mit Freude – und stellte die Förderung dieses Jahr ein.

Die „Oderhähne“ werden auch das überkrähen. Aus dem ganzen Land kamen Gratulanten und Mitstreiter, von Inge Ristock bis Klaus Lettke, von Dieter Lietz bis Gunter Reinecker. Elf der Gäste erhielten den „Goldenen Misthaufen“ – die kabaretteigene Ehrung für „langjährige Mittäterschaft“. Johannes Greiner plauderte mit seinen Mitspielern darüber, was jeden von ihnen an die Oder verschlug. Wer wußte schon, dass Ingrid Krusche nicht nur Ballerina, sondern auch Rot-Kreuz-Beauftragte war, dass Margit Meller nur mal kurz einspringen wollte und inzwischen alle Zugschaffner auf der Strecke Berlin-Frankurt kennt, dass Dagmar Gelbke gerade ihre „Brutzelfibel“ mit Rezepten unter anderem von Guido Westerwelle und Sarah Wagenknecht herausgebracht hat und dass Dieter Lietz einst den Weltsong von Frank Schöbel, „Wie ein Stern in einer Sommernacht“ schrieb? Glückwünsche der Stadt überbrachte Kulturdezernent Martin Patzelt. Dem CDU-Kandidat für das Oberbürgermeisteramt überreichte Flieder standesgemäß einen schwarzen Koffer im Streichholzschachtelformat. „Ich habe gelesen, die Stadt kann nicht einmal eine seit Wochen kaputte Ampel reparieren, weil sie keine müde Mark mehr hat. Das konnten wir nicht mit ansehen: Die müde Mark ist da drin.“ Schließlich hat die Stadt ihre „Oderhähne“ immer reichlich gesponsert. Vor allem mit Themen, wie Patzelt betonte, bevor er seinen Geburtstagsvers deklamierte. „Prima“, befand Flieder. „Wenn´s im Rathaus nicht mehr klappt, komm´se mal vorsprechen.“


2001

Die Ache Nowak - 1997

Einladung zur großen Verarchung
Frankfurter Kabarett plant Weltuntergang

Beim letzten Weltuntergang plagte sich der 600jährige Spätrentner Noah auf Geheiß seines Herrn noch mit dem Einsammeln allerlei reiner und unreiner Tiere, um den ökologischen Kreislauf im Zeichen eines neuen Menschengeschlechts in Gang zu halten. Diesmal wird das alles ganz anders. Zwar will auch Klaus Günter Nowak der unmittelbar bevorstehenden Sintflut mit einer Arche begegnen. Doch statt des überflüssigen Viehzeugs soll an Bord des garantiert ausländerfreien Schiffchens ausschließlich die zahlungskräftige Elite der deutschen Nation den Untergang überstehen. Um sie zur großen Verarchung einzuladen, bedient sich der Erfinder des Trockenwassers und des Ganzkörperhaarwuchsmittels eines kleinen Tricks. In seinen als Kabarettvorstellungen getarnten konspirativen Informationsveranstaltungen macht er das geschätzte Publikum mit der einzigen Überlebenschance vertraut. Den Frankfurter Kabarettkeller hat er sich als dafür am besten geeignetenn Ort ausgewählt.
So werden ab 16. Mai die überraschten Gäste nicht nur erfahren, wie der liebe Gott sich diesmal austricksen läßt, sondern auch, warum und wie der ohnehin unvermeidliche Menschheits-GAU möglichst beschleunigt werden kann - beispielsweise durch das regelmäßige Wählen der richtigen Partei oder durch das Abkippen größerer Mengen Klärschlamms in den heimischen Wäldern.
Wie schon in vergangenen Programmen der "Oderhähne" hat auch diesmal Hausautor Dieter Lietz das Buch für den Abend geschrieben, zu dem sich Wolfgang Flieder in die Uniform des dreisten Cleverlings und Hobbydiktators Nowak werfen wird, assistiert von Ingrid Krusche, Johannes Greiner und Hans Joachim Schulze am Schifferklavier. Wer seinen Platz auf dem Oberdeck oder wenigstens bei den Galeerensklaven behaupten und nicht an den aus Haifischen bestehenden Geleitzug verfüttert werden möchte, ist gut beraten, bei Gesang und Quiz fleißig mitzutun, denn das Gedränge ist riesig: Claudia Nolte und Claudia Schiffers, Helmut Kohl und Theo Waigel, Henry Maske und Alexander Schalck-Golodkowski - sie alle beanspruchen, bei der mehrjährigen Kreuzfahrt zur Erneuerung der Menschheit beteiligt zu sein.
Premiere am 16. Mai 1997 um 19.30 Uhr im Kabarett "Die Oderhähne" in der Frankfurter Forststraße. Kartenbestellungen unter der Rufnummer 0335 23 7 23

Frankfurter Oderhähne präsentieren Made in GDR

ND-Autor am Vorabend des 48. Jahrestages der DDR ausgezeichnet

Endlich hat es geklappt! Ich bin Aktivist! 48 Jahre habe ich darauf warten müssen. Schon glaubte ich, meine Chance wäre endgültig dahin. Doch nun habe ich es rot und schwarz auf weiß: Für vorbildliche sozialistische Arbeit sowie für aktive gesellschaftliche Tätigkeit wird mir der Ehrentitel Aktivist der sozialistischen Arbeit verliehen! Wie blubberte mein Herz, als ich die Auszeichnung vor großem Publikum entgegen nehmen durfte!

In der dahingeschiedenen Deutschen Demokratischen Republik war ich schließlich über zwei Orden nicht hinausgekommen. Die Arthur-Becker-Medaille in Bronze überlebte es nicht einmal, als ich sie nach russischer Art in einem Glas 40prozentigen Wodkas taufte. Mit der Jung-Aktivisten-Medaille habe ich dergleichen gar nicht erst versucht. Und dann war die DDR ausgelaufen.

Das heißt selbstverständlich nicht, daß damit auch die sozialistische Arbeit zu Ende gewesen wäre. In dem Festsaal, in dem auch ich meine Auszeichnung erhielt, sind in den letzten zwei Jahren schon etliche Aktivisten geehrt worden. So erschien vor gar nicht allzu langer Zeit die komplette FDJ-Gruppe der Deutschen Bank, um bei der Würdigung ihres Besten zugegen zu sein. Vermutlich, weil ihre eigenen Blauhemden von der im Westen besonders mühsamen sozialistischen Arbeit und aktiven gesellschaftlichen Tätigkeit bereits stark ausgeblichen waren, hatten sie sich die Verbandskleidung bei der Bekanntschaft ausgeliehen. Der ganze Kabarett-Keller in der Frankfurter Forst-Straße schien von diesem Blau überstrahlt. Nur die am Eingang durch den Unteroffizier vom Dienst verteilten roten Winkelemente behaupteten sich bei der Begrüßung der Genossen von Partei- und Staatsführung. Das Bild hat sich mir ein geprägt, wie die Fackelzüge auf dem Marx-Engels-Platz in Berlin, wie das massenverbundene Zittern von Erich Honeckers hoch erhobener Faust.

Und nun ich! Die Glückwünsche von Betriebs-, Betriebs-Partei- und Betriebs-Gewerkschafts-Leitung schlugen über mir zusammen wie der donnernde Applaus der die Höhen der Kultur erstürmenden Frankfurter Arbeiterklasse und der mit ihnen unverbrüchlich zusammengeschmiedeten werktätigen Klassen und Schichten der Bundesrepublik Deutschland. Hier, im Zentralkeller der revolutionären Bewegung, wo wir einander in Augenschein nehmen, um gemeinsam in donnerndes Gelächter auszubrechen, ist der Titel "Made in GDR" noch immer ein Markenzeichen, daß die Massen in seinen Bann zu ziehen vermag - und das Abend für Abend. Die kabarettistische Vorwendekost, verfüttert zu Ehren des 13. (oder 14.?) Parteitages der SED und für 30 Vorstellungen geplant, hat längst die magische Grenze von 100 Vorstellungen überschritten.

Nur eines machte mich an meinem Ehrentag traurig. Auf die Prämie, die früher stets im Kollektiv versoffen wurde, falls nicht gerade die Anschaffung eines Luxusgutes wie Farbfernseher, Kühlschrank, Waschmaschine oder Trabant anstand, mußte ich verzichten. Als politisch gebildeter Bürger hatte ich freilich ein Einsehen in die komplizierte Devisenlage meines Staates. Wenn er zu den vielen Orden nun auch noch so viele Ostmark beschaffen, Intershops einrichten und mit den Weltniveau-Produkten der Deutschen Demokratischen Konsumgüter-Industrie ausstatten sollte, würde die Kraft kaum mehr reichen, um diesen würdigen Festakt zu gestalten. So aber konnte das Frankfurter Kabarett sogar eine Hotline schalten, um den verdienten Helfern im Nationalen Aufbauwerk Gerechtigkeit widerfahren zulassen. Wenn auch Sie einen Aktivisten in Warteschleife kennen oder einfach nur mal dabei sein möchten, rufen Sie an: 0335 23723.

Europäische Visionäre

Schier endlos dehnt sich der Klagegesang über die verlorene Deutsch-Mark. Herzeleid bei der Trennung von der knallharten Geliebten mischt sich mit den finstersten Vorausahnungen - auch für den Bundeskanzler: "Und wenn der Euro in den Keller fiel, dann geht er ins chilenische Exil." Aber wohin gehen Müller, Meier, Schulze? Zunächst einmal in den Kabarettkeller in der Frankfurter Forststraße, wo am Freitag das neue Programm der "Oderhähne" seine Premiere erlebt.

Ein halbes Dutzend Hausautoren haben gemeinsam mit dem Ensemble für einen Abend voller "(D)Euro-Visionen" gesorgt und sich zum Vorbild nichts Geringeres als den Olymp auserkoren. Dort mümmelt Zeus noch immer bei seiner Hera am konservativen Weltgeist, während Hermes bereits ins Europarlament entsandt wird und der Götternachwuchs die Olympic Soul Service AG aus der Taufe hebt. Nicht weniger turbulent geht es derweil auf Erden zu, wo Straßburger Hinterbänkler ihre Diäten in der Kantine verjuckeln und bei der Gelegenheit gleich noch die Boulevardpresse füttern, die vereinten Kulturobwalter des Staatenbundes an einer neuen Hymne basteln und die Eurobürokraten den genormten Krümmungswinkel der Eurogurke errechnen. Da kann auch der deutsche Michel nicht anders. Er muß mit nach Europa: als Politiker der BSE - Bewegung der Sozialnationalisten Europas -, als Börsenbroker oder als Somo-Boxerin. Und eh man sich´s versieht, kauft Ludmilla ihren Ramsch auf dem Deutschenmarkt zusammen und nimmt sich eine Billig-Putze aus Frankfurt (Oder). Da hilft nur noch der Grand Prix de Teutovision mit den Blödelstadl Jodeldödels, um zum germanischen Selbstbewußtsein zurückzufinden, und die Mahnung im Finale: Fürchtet Euch nicht!

Dem ersten Programm dieses Jahres unter dem Titel "Die Arche Nowak oder Überleben ohne aufzugeben" folgte im Vierwochenabstand das Jahrhunderthochwasser. Ob den "(D)Euro-Visonen" ebenso schnell die Union a la "Oderhähne" folgt, wagte keiner der sechs Akteure zu prophezeihen.

Fusion mit Lothar von Versen - 1998

Fusionen

mit Lothar von Versen und Wolfgang Flieder

Irgendwann gibt es nur noch eine Bank, die uns das Geld aus der Tasche zieht, und nur noch eine Firma, für die wir alle malochen. Vor allem aber: nur noch ein Kabarett. Die Oderhähne. Denn längst sind Moulin Rouge, Pfeffermühle und Stachelschweine, Siegfried und Roy samt Las Vergas geschluckt. Fusion heißt das Zauberwort. Oder Konfusion? Der Berliner Autor Lothar von Versen hat den "Oderhähnen" das neue Programm "Fusionen - Konfusionen" geschrieben und steht selbst mit auf der Bühne. Seit langem zum ersten Mal wieder mit einem Partner. "Wolfgang Flieder ist ein bißchen dominant, aber das darf er als Regisseur ruhig sein", meint von Versen, der nach eigenem Credo am liebsten "Quasimodo-Typen" spielt. "Auf der Bühne den Charmeur zu mimen, finde ich peinlich. Ich mag mehr die vom Leben gebeutelten Leute, bei denen nichts klappt."
Schon von Jugend an wollte der im Wedding aufgewachsene Autor, Chansonier und Kabarettist Lieder und Satiren schreiben. Am französischen Gymnasium fand er seine Liebe zur französischen Sprache und zum Land der Becaud und Brassens. In Deutschland faszinierten ihn Wolfgang Neuß und Hans Dieter Hüsch. Doch bevor er sich selbst auf die Bühne wagte, studierte von Versen - der sich diesen Namen übrigens nicht selbst zugelegt hat - Romanistik und Geschichte, arbeitete als Journalist, Dolmetscher und Lehrer. In den 70ern zog es ihn mit Macht zum Kabarett. Das nächste Jahrzehnt gehörte dafür wieder verstärkt dem Chanson. Daneben erschienen Bücher wie "Berliner Weiße" (1985) und "Nichts aus der Lindenstraße" (1995), aber auch CDs, die er gemeinsam mit führenden Leuten der Berliner Jazz-Szene produzierte ("Oviana", 1997). Im ORB-Klatschcafé lernte von Versen den Frankfurter Kabarett-Chef kennen. "Wolfgang ist ein sehr intuitiver Bauchmensch und lieferte die eigentliche Idee. Ich habe dann das Buch daraus gemacht - das heißt, ich schreibe immernoch", meint von Versen mit einem langen Seitenblick auf seinen gestrengen Regisseur. "Es ist eine Besonderheit, daß im Frankfurter Kabarett sehr viel Feinschliff geleistet wird. Die Szenen werden theatermäßig erarbeitet und choreographiert. Das war für mich neu." Mehr als die ganz große Politik interessiert von Versen, wie die Leute im Alltag darauf reagieren. "Ich träume von einem satirischen Boulevardtheater, das ganz private Geschichten erzählt, die einen gesellschaftlichen Hintergrund haben. Wer anfängt, über sich selbst zu lachen, kann sich auch über die Gesellschaft amüsieren", ist von Versen überzeugt. "Trotzdem bin ich kein Freund der Spaßgesellschaft, in der dauernd alle fröhlich sein müssen." Die Gastrolle bei den Oderhähnen hat für ein Weilchen die Arbeit an einem Roman unterbrochen. "Aber das war mir ganz lieb", räumt von Versen ein. Außerdem plant er einen deutsch-französischen Chanson-Abend, mit dem er im kommenden Jahr durch Frankreich und die Benelux-Staaten touren will. "Aber erst einmal gibt es am 12. November unsere Premiere."

Biergarten mit Schorsch aus Raitzenhain - 1999

Wolfgang Flieder, Bernd Storch und Klaus Lettke Fo

Hektik bei den "Oderhähnen": Wieder einmal haben sie sich aus dem Keller ans Licht gewagt; nun hoffen sie, daß Petrus ihnen keinen Strich durch die Rechnung macht. Der Hof in der Frankfurter Forststraße hat sich in einen Biergarten verwandelt. Hinter dem Zaun spielen ein paar Jungs Fußball - von den Eltern beauftragt, dies möglichst laut zu tun. So verteidigt der deutsche Spießer seine Friedhofsruhe. Dabei trifft das Kabarett mit seinem Sommerprojekt "Hasch mich und vernasch mich" sichtlich den Nerv des Publikums. Die Berliner Hausautoren Dieter Lietz und Klaus Lettke operieren mit Charme und Leichtigkeit beidseits der Gürtellinie, ohne in dumpfe Entertainerblödelei zu verfallen. Lettke zumal steht - noch etwas steif - selbst auf der Bühne und brilliert mit wohlgereimten Monologen. Sein "Schorsch aus Raitzenhain" hat die Weltpolitik fest im Griff. Wenn man ihn nur ließe, würde man schon erleben, wie er den "Milosovic ins Wasser titscht", nachdem er mit einer alten AN 2 in Belgrad gelandet ist. Auch Schorschis Bekenntnis zur "Umweltsau", damit Rot-Grün nicht auf die Früchte der sogenannten Öko-Steuer verzichten muß, läßt Lach-Tränen fließen. Zwischendrein wird kräftig gekalauert, wenn Bernd Storch etwa feststellt, daß "Spinnen am Abend" auch nicht "erfrischend und labend" schmecken, sondern genauso fade wie morgens. Margit Meller gibt eine praktische Vorführung in ostdeutscher Handelsgeschichte, wenn sie als Bäckersfrau ihrem Kunde zuliebe noch einmal statt mit "Guten Tag" mit "Ham wa nich, verpiß dich" grüßt. Als Seemannschor und Charlestonballett, als Parteigänger der Blauen (kein Mitglied unter 1,8 Promille) arbeiten sich die vier Brettlespieler bis zur Alkoholschadens-Arie durch, auf die sich schließlich trefflich anstoßen läßt. Alles in allem erwarten den Gast zwei Stunden Jux und Komik: Genau das richtige für einen milden Sommerabend. Zumals auch Petrus und die Jungs mit dem Fußball schließlich ein Einsehen hatten.

Capri-Fischrn - 2000

Dagmar Gelbke

ist die Capri-Fischern

Sommer-Kabarett als Open Air Show

Es ist wie in jeder ganz normalen Ehe: Sie will und er will nicht. Auf gar keinen Fall. Also muß er. Nach Capri. Denn seine Marie, von Nachbarn und Freunden seit jeher nur "die Capri-Fischer´n" geheißen, hat es sich in den Kopf gesetzt, den Traum ihres Lebens zu erfüllen. Seit über vierzig Jahren singt sie tagtäglich Rudi Schurickes unsterbliche Schnulze. Aber seit das Bestattungshaus "Heim ins Erdreich" mit einer Promotion-Tour "Neapel sehen und sterben" lockt, singt sie stündlich, und nichts vermag sie mehr zu halten. So nimmt das Drama seinen Lauf, das Hausautor Dieter Lietz gemeinsam mit einigen Kollegen für das diesjährige Sommer-Kabarett der Frankfurter Oderhähne geschrieben hat. Regie führt in bewährter Weise Wolfgang Flieder, der mit Dagmar Gelbke, Bernd Storch, Margit Meller und Wolfgang Grunow auch auf der Bühne stehen wird. Gespielt wird, wie schon im vergangenen Jahr, nicht im Kabarettkeller in der Forststraße, sondern auf dem Hof.

Doch noch bevor am 1. Juni die Premiere stattfinden soll, hat in der Oderstadt bereits eine weitere Kabarett-Nummer begonnen. Sie könnte den Titel "Don Quichote und die Lärmbelästigung" tragen. Denn nicht alle sind dem Gelächter vor der eigenen Haustüre hold - selbst wenn die Vorstellungen nur bis 21.30 Uhr dauern werden. Vor allem Ex-Oberbürgermeister Wolfgang Denda scheut keinen Brief und keinen Weg - außer den zum Kabarett - um das Entsetzliche zu verhindern. Während er in der Frankfurter Konzerthalle eine Talkreihe "Nachdenken über Frankfurt" in Szene gesetzt hat, bei der die kommunalen Honorationen ihre Visionen über die Kleist-Stadt auf das Publikum niederprasseln lassen, marschierte Denda in Sachen Sommer-Kabarett flugs zum Gericht mit dem Ziel, eine einstweilige Verfügung gegen die Spielerlaubnis zu erwirken. Auch Dezibel-Messungen der städtischen WohnungsWirtschaft, die durchaus bürgerfreundlich ausfielen, konnten ihn nicht stoppen. Ein juristischer Erfolg würde das Brettl an den Ruin treiben; so müßte zumindest über die "Oderhähne" nirgendwo mehr nachgedacht werden.

Doch vorerst lassen die sich in ihrem Probeneifer ebenfalls nicht bremsen. Also erstarrt Dagmar Gelbke als Capri-Fischer´n weiter in Verzückung angesichts der italienischen Metropolen, mault und meckert Bernd Storch als Manfred Fischer sich weiter durchs fremde Land und steht schließlich mit einer Schnäppchen-Urne an der rot beschienen See, aus dem seine Marie einfach nicht wieder auftauchen will. Doch zum Glück ist die Geschichte dort noch nicht ganz zu Ende...

Gärtner in die Tonne, Zwerge an die Front - 2002

Von „Warmduscher“ bis „Pollacke“ und „Judenlümmel“ sind es immer nur Nuancen in der deutschen Volksseele, die sich mit dem Gartenzwerg ihr standhaftes Ebenbild geschaffen hat. Doch in diesen Nuancen spielt sich das Leben von Heidi und Herbert ab. Der Macht der Gewohnheit haben sie allenfalls das heimliche Glas und die heimliche Zigarette entgegenzusetzen - und den gemeinsamen Feind. Der heißt Prtschischlawski und störte einst die eheliche Harmonie, weil er in seiner weiblichen Erscheinung Herbert zu lange die Hemden bügelte und in seiner männlichen Heidi unzweideutig in den Hintern zwickte. Seitdem herrscht Krieg am Gartenzaun, aber in den Kampfpausen finden Heidi und Herbert Gelegenheit, übereinander, das Leben und die Politik zu räsonieren.

Das Buch, das Inge Ristock und Peter Ensikat für die Berliner Distel schrieben und dessen märkische Adaption nun mit Angelika Perdelwitz und Johannes Greiner auf die Bühne kommt, lebt von der heimtückischen Pointe, vom anschwellenden Gegrummel im Biedermeieridyll, von der unverbesserlichen Schulmeisterei des bekennenden Machos Herbert und dem Fintenreichtum seiner Angetrauten. Die steht als Gast erstmals auf den Brettern des Frankfurter Kabarettkellers und erobert die Herzen des Publikums mit der lebenstüchtigen Schlichtheit einer Zukurzgekommenen, für die das Rehlein neben dem Zwerg die Erfüllung zur Silberhochzeit wäre. Oder das rechtzeitige Dahinscheiden ihres Gatten. Oder der Totalausfall von Schwiegermutter samt Bruder, der sich als Generalvertreter für Backpflaumenentkerner durch den Familiengarten schnorrt.

Die Höhepunkte dieser Existenz sind aus Prinzip abgesägte Nachbaräste, die über den Zaun wuchsen, femegemordete Kater, eingeschlagene Gewächshausscheiben und endlich die ultimative Vergeltungswaffe aus 200 polnischen Neujahrsböllern. Die Abschussrampe geht nach hinten los. Heidi und Herbert hauchen ihr Leben in der Mülltonne aus und überlassen das Feld Rudolf und Gudrun, ihren unsterblichen Zipfelseelen. Hier könnte eine neue Geschichte beginnen: Es wäre die gleiche.

Das „Gartenfest oder: Krieg der Zwerge“ hat seine Strudel und Seichtheiten. Auch ein bisschen mehr Lokalkolorit, für das die Oderhähne berühmt sind, hätte der Bearbeitung nicht geschadet. Doch Greiner und Perdelwitz beherrschen die Szene perfekt und entschädigen das Publikum spätestens, wenn sie die Couplets aus Ensikats Feder abspulen. Bei der Premiere ernteten sie damit jedes Mal Szenenapplaus. Auch die von ihnen vorgeführte friedlose Koexistenz der Geschlechter als Geschichte von Missverständnissen ist kaum zu überbieten. Sie allein wäre Grund genug, das neue Programm der „Oderhähne“ nicht zu versäumen.

Hammertime

Hammertime

mit Bernd Storch, Margit Meller, Johannes Greiner

Wenn bei einer Auktion Ulbrichts Sockenhalter versteigert werden, wenn es den ABC-Schützen peinlich ist, ihre Hausaufgaben vergessen zu haben, und sie deshalb lieber gleich ihren Lehrer erschießen, wenn ein russisches Kinderbuch umgeschrieben wird in "Osttimor und sein Trupp" - dann geriert die Welt sich wahrlich behämmert. Und so erhielt denn auch das jüngste Programm des Frankfurter Kabaretts "Die Oderhähne" den Titel "Hammertime oder Bekloppte Zeiten".

Was sich mit dem schlichten Werkzeug und Türöffner des kleinen Mannes verbindet, offenbart sich als schier unerschöpflicher Fundus. Ob Johannes Greiner (a.G.) seinen "nagelneuen Haitatsu" im täglichen Stau präsentiert, ob Bernd Storch sich aus der Streifenuniform strippt, um als Biker-Cop hypercool die jugendliche Drogenszene aufzumischen, oder ob die beiden gemeinsam mit Margit Meller und Wolfgang Grunow die Olsenbande auferstehen lassen: Behämmertsein ist allemal in. Da es jedoch zumeist mehr Bekloppte als Beklopper gibt, haben auch Herren mit schwarzen Koffern ihr Auskommen, kann sich die weiblich verstärkte Kultureinheit der Bundeswehr out of area bis nach Tschetschenien ausbreiten, bekommen zwei populäre ZDF-Redakteure erneut die Möglichkeit zu einem Film über die Oderstadt. Zwerchfellerschütternd auch das Gespräch von Eltern und Nachwuchs über die spannende Frage, weshalb deutsche Flaggen immer so große Löcher in der Mitte haben. Als besonderer Leckerbissen erweisen sich allenthalben die Coupets des Berliners Klaus Lettke, der mit dem Charme eines Simplicissimus feststellt: "Beklopptsein ist in unserm Land bekanntlich der Normalzustand, wodurch Normale dann nicht selten natürlich als behämmert gelten." Genau davon leben die "Oderhähne" - sehr zur Freude ihres Publikums, das die Premiere mit reichem Beifall bedachte. Dafür soll es auch seine Chance bekommen: Allabendlich nämlich wird im Kabarettkeller in der Fortstraße ein Ehrenhammer für die behämmertste Reaktion verliehen.

Schmierige Zeiten

Wer sich bei den letzten Programmen der „Oderhähne“ etwas mehr Lokalkolorit wünschte, der dürfte bei „Schmierige Zeiten“, das am Donnerstag in der Forststraße seine Premiere erlebte, genau am richtigen Platz sein. Fast scheint es, als hätte die begründete Sorge um die eigene Fortexistenz die Hähne angriffslustiger gemacht. Während im Rathaus noch über den Haushalt gestritten wurde, mußten sich die Stadtoberen im Kabarettkeller schonmal mit ihren Amtsbrüdern am Main vergleichen lassen, wurde das imaginäre Hotel „Oderglück“ zum Treffpunkt für Prominentenmütter, Krankenkassen-vertreter, beichtsüchtige Landespolitiker und ausgeflippte Teenager. Auch ein Licht-Bild der oderstädtischen Zukunft wurde dem Publikum geboten: Über den Wasserspiegel des gefluteten Frankfurter Schürfbeckens ragt die Spitze der Marienkirche und auf der Insel Lossow betreibt ein bekannter Unternehmer seinen U-Boot-Verleih...
Susanne Sens als Hotelchefin, Märchentante und Telefonanimateurin läuft in den „Schmierigen Zeiten“ zu ungeahnter Hochform auf. Achim Schulze gibt nicht nur den Bar-Pianeur, sondern mischt auch als Pflegfall mit. Wolfgang Flieder präsentiert sich gewohntermaßen als kabarettistisches Urgestein und auch die Berlinerin Margit Meller kann ihrer ungezügelten Spiellust freien Lauf lassen. Ihre Tändelei um den bankrotten Baulöwen gerät ebenso zum zwerchfellerschütternden Glanzstück wie das Finale, in dem endlich der dringend benötigte starke Mann für das gebeutelte Deutschland gefunden wird - natürlich in Frankfurt. Nach den Reaktionen des Premierenpublikums dürften die „Oderhähne“ in ihren schmierigen Zeiten gute Tage erleben.

Genseits von Gut und Böse

WIR WUNDERTÜTEN

Eigentlich wurde die NPD vom Verfassungsschutz als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme gegründet, ist Otto Schily nur die
Reinkarnation von Erich Mielke, und an allem Elend sind letztlichsowieso die Gene schuld. Mit solchen und anderen Bissigkeiten warten die Frankfurter „Oderhähne“ in ihrem neuen Programm „Genseits von Gut und Böse – Wir Wundertüten“ auf. Margit Meller und Bernd Storch haben sich zur Verstärkung wieder einmal Volker Herold als Gast aus Berlin geholt und bilden ein Trio Infernale, das sein Publikum zu Lachtränen rührt. Wenn Herold als Wahrsagerin Larissa für einen entsprechenden Obolus die Seelen Verstorbener in ihren Klienten wieder entdeckt, als Krawattenkalle im Hotel Knastoria seinem Mitbewohner an den Schlips geht oder sich stahlbehelmt zur ultimativen Flughafen-Kontrolle anschickt, balanciert er derart zwischen Komödiantentum und Klamauk, dass kein Auge trocken bleibt. Meller als GENoveva GENsicke und Bernd Storch als Schorsch aus Reitzenhain, der sich seine Gedanken über die Vermehrung der Deutschen macht, stehen Herold dabei in nichts nach.
Fröhlich werden Otto Reuter, Lincke und Lehár von Hausautor Dieter Lietz beerbt. Genforschung und Designerbabies bestimmen die Lage der Nation, bei der auch Klaus Lettke, Rainer Otto, Inge Ristock und Arnulf Rating noch ein Wörtchen mitzureden haben. Regisssuer Wolfgang Flieder hält die DNS-Stränge der „neuen Rittersleut“ fest zusammen. Achim Schulze sorgt am Piano für den richtigen Ton zwischen Schuhplattler und der unausweichlichen Frage: „Wer hat uns versaut, ei, sprich, wer war´s?“

Oderhähne drehen durch

Wolfgang Flieder

Fleischige Premiere im Kabarettkeller

Die Fleischeslust hat das Frankfurter Kabarett "Die Oderhähne" übermannt. Nach dem Sündflut-Spektakel "Arche Nowak" und den "D-Eurovisonen" wartet das Brettl nun mit einem neuen Programm unter dem Titel "Wir drehen durch oder: Den Fleischwölfen ist alles wurscht" von den Berliner Hausautoren Klaus Lettke und Dieter Lietz auf. Die nach jüngsten Statistiken mit Abstand meistbesuchte oderstädtische Kultureinrichtung weiß, was sie ihrem Publikum schuldig ist: im Wahljahr, an der Schengener Außengrenze und inmitten der täglich erlebten Stagnation Ost. Vor allem gegen letzteres scheint nur Ärmel aufkrempeln und Hackebeilchen scharf machen zu helfen, und so mühen sich Frau Fleischer (Margit Meller) und ihr Ehegesponst (Volker Herold a.G.) redlich, den angeschlagenen Betrieb ins Laufen zu bringen. Bernd Storch leistet dabei unerbetene Schützenhilfe. Mal engagiert er das Schlächterpärchen für eine Softpornonummer in der Sendung: "Mal sehen, wie´s der Nachbar macht", mal erscheint er als Hacke-Peter mit scharlachroter Maske, um sich beim Zerlegen von Ochsenschwänzen und Schweinehaxen auf seine Karriere als Scharfrichter vorzubereiten, denn: "Die Todesstrafe kommt bestimmt". Als Ausstatter von Wahlkampfpartys lädt das Fleischerpaar ein, sich zu wurstigen Unterstützern aller möglicherweise siegreichen Parteien zu machen. Als Versicherungsvertreter bietet er Verträge gegen Nierendiebstahl und vorzeitigen Leberverschleiß an. Die schönsten Nummern des Abends aber sind wohl doch die Dialoge zweier Hennen in Güntis Legebatterie ("Piep, piep, piep, Günti hat euch lieb...") oder der geklonten Kühe Dolly und Dolly, die über Fortpflanung, Rinderwahnsinn und Staatspolitik palavern. Keller-Pianeur Hans-Joachim Schulze liefert zu all dem den guten Ton, auch wenn er selbst nach einer Schilddrüsenoperation noch nicht wieder recht bei Stimme ist. Das Publikum dankte bei der Premiere mit reichem Beifall.

Männerwirtschaft

Was soll der liebe Gott machen, wenn er endlich seine Rente haben will? Er meldet sich bei der BfA. Aber natürlich nutzt ihm das nichts. Da kann er charmant sein, wie nur Jürgen Mai es ist - an Bernd Storch als Prototyp deutschen Beamtentums beißt er sich die Zähne aus. Was soll einer auch für Ansprüche stellen, dessen Lebensarbeitszeit ganze sechs Tage betrug? Und der dann auch noch unsterblich ist? Gott bleibt nichts übrig, als Storch samt seinem Urlaubs-Flieger nach Mallorca hochzuziehen in den Himmel und den Fight um das verdiente Ruhestandsgeld noch einemal als Heimspiel zu wiederholen.
Bei der Gelegenheit stellt sich heraus, was viele längst ahnten: Gott war der erste Frauenrechtler. Dem Kerl gab er das Dingsda, der Frau blieb es versagt, weil gerade die Teile fehlten. Dafür erhielt sie ein Gehirn und geriet auch sonst zum Meisterstück göttlicher Improvisationskunst. Mit dem Mann hingegen, noch dazu dem Beamten, hat der Allerhöchste seine liebe Not. Zwar schuf er ihn nach seinem Bilde, "aber das war eben das Bild, das ich von mir hatte". Und als er ihn endlich herumgekriegt hat, sich auf der Erde um Gottes Altersversorgung zu kümmern, läßt BfA-Storch sich vor dem Flughafen von der eigenen Chefin über den Haufen fahren und kehrt als Dampfwölkchen zurück. Nun bleibt nur noch die Reinkarnation, doch wer möchte schon in den Körper eines Polizisten oder Politikers schlüpfen? Von oben sieht man allzu scharf, daß das eine wenig erstrebenswerte Auferstehung wäre...
Die Frankfurter haben ihr neuestes Schelmenstück einem ihrer Hausautoren anvertraut: Dieter Riemer aus Berlin. Der hatte sich wochenlang am alten und neuen Testament ergötzt - die schönsten Ideen dazu flossen in die "Männerwirtschaft" ein - dann aber noch einmal ganz von vorn begonnen, um neben Gott auch den Zeitgeist auf seine Kosten kommen zu lassen. Wo das geschieht, ist Riemer einer von vielen, die ihren Spott über Beamtenseelen, Politikerdünkel, Machos und Emanzen ausgießen. Wo er ein Stückchen weitergeht, ist er einzigartig und beweist sich ein weiteres Mal als mit Abstand schwarzhumorigster in der Autorenschar des Frankfurter Brettls.
Riemer legt den beiden Akteuren - Kabarett-Urgestein Storch zur einen, Seitenspringer Mai zur anderen - Aphorismen und Pointen in den Mund, die das Premierenpublikum aufkreischen lassen. Er gibt Mai reichlich Gelegenheit, einen schlitzohrig-naiven Gott ebenso auf die Bretter zu bringen, wie einen Trimm-Dich-Panther, der nach Schwarzenegger-Muckis giert, um die Weiber flach legen zu können. Er läßt Storch in allen Stadien staatsfrommer Verblödung agieren und bringt ihn als dampfendes Seelchen zu der Frage aller Fragen: "Ich bin nicht mehr zu sehen, ich habe keinen Kopf mehr, also die besten Voraussetzungen für eine Beamtenkarriere. Wie komm ich jetzt bloß auf die Erde zurück?"
Auch hinter den Kulissen hat sich einiges getan. Statt profaner Klaviermusik gibt es diesmal jede Menge sphärischer Klänge. Horst Kurschat als Lichttechniker hat einen Tonmann zur Seite bekommen, und ein paar nette kleine Überraschungs-Effekte päppeln den Keller ins Hightech-Zeitalter hinüber. Obwohl die beiden Protagonisten zu tun haben, bei dem mehr als zweistündigen Dauergeplänkel nicht von der Stange zu fallen, bleiben Frische und Spielfreude den ganzen Abend erhalten, genießt das Publikum die neue Farbe, die Jürgen Mai bei den Oderhähnen eingebracht hat.

Wir können uns gratulieren

Oderhähne präsentieren Jubiläumsprogramm

Zwei Stunden lang ziehen die Oderhähne vom Leder und greifen dabei tief in ihren Fundus. "Wir können uns gratulieren" heißt das Programm, mit dem das zwanzigjährige Bestehen des Brettls gefeiert werden soll. Zwei der Darsteller - Ingrid Krusche und Susanne Sens-Kemnitz - sind von Anfang an mit dabei. Aber genau das machen sie in dem sprudelnden Pointenmarathon vergessen. Die Tanzschritte sitzen noch, die Stimmen zittern kein bißchen, wenn sie sich als "blaukostümierte Bordsteinschwalben" vor dem parksündigenden Publikum aufpflanzen oder als Ost- und Westschwester bei der Beerdigung zunächst eines Ehegesponstes und dann all ihrer Schwesterlichkeit aufeinander losgehen. Auch Achim Schulze, sonst eher ein wenig im Hintergrund, leistet bei der Schow Schwerstarbeit. Denn vor allem sind es die Couplets, mit denen die Oderhähne die Stange abräumen. Ob "Mauerlied", "Tegernsee-Jodler" oder das Lied von der "Tauglichkeitsgruppe Sieben" - der Beifall des Pubklikums war den verwandlungsfreudigen Mimen sicher. Dabei ging es nicht nur um deutsch-deutsche Wandlungen der letzten sechs Jahre. Wer die DDR-Kultur- und bundesdeutsche Sparpolitik so lange überlebt hat, darf sich auch ein bißchen selber feiern. Die Oderhähne tun das mit Selbstironie, ein bißchen Melancholie, fröhlicher Skepsis und nüchternem Optimismus. Da klingen noch einmal die großen Stunden von Bernd Storch an, als der Kabarettist seine Fans noch als Bulettenschmied von der MS "Fichte" in der Serie "Zur See" um sich scharte. Da singt die Krusche schon einmal die 500 Jahre alte Kellerwand an, um zu erfahren, welchen Sinn das Brettl eigentlich macht. Urig schlagen sich Storch und Kabarettdirektor Wolfgang Flieder durch den deutsch-franzöischen Krieg der 90er Jahre, und Flieders Adaption von Kurt Tucholskys "Älterem aber leicht besoffenen Herrn" wird zu einer Glanznmummer des Abends. Sogar Geschäftsführer André Quirmbach steht bei den Oderhähnen auf der Bühne, wenn es dreizehn schlägt. Denn das heißt ja wohl: 5 nach 12 ist lange vorbei....

Made in GDR

Aus Bonn wäre ein Telegramm gekommen, in dem der Beitrag des Generalsekretärs der SED und Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz zur Entwicklung der zwischenstaatlichen Beziehungen gewürdigt worden wäre. Die Alliierten hätten gegen die Truppenparade auf dem Marx-Engels-Platz demonstriert. Bundeskanzler Oskar Lafontaine hätte den Groáen Stern der Völkerfreundschaft erhalten. Festakt im Staatsrat. Fackelzug der FDJ. - 45. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik...
Wenigstens im Keller kann man ihn ja noch feiern, sagte sich das Frankfurter Kabarett "Die Oderhähne", die Erinnerung lohnt allemal. Bei der groáen Gala "Made in GDR", zu der die H„hne am 7. und 8. Oktober in die Frankfurter Forststraáe einladen, werden Szenen aus den Jahren 1976 bis 1989 zu sehen sein. Eine Galerie mit Alltagsgegenständen, das obligate Hausbuch und der Zwangsumtausch für "Westbesucher" sollen für die richtige Einstimmung sorgen. "Wie waren die Verhältnisse, mit denen wir gelebt haben? Worüber haben wir gelacht? Das wollen wir ins Gedächtnis rufen", meint Kabarettchef Wolfgang Flieder. "Es wird natürlich auch ein bißchen Nostalgie dabeisein, das wollen wir gar nicht wegdrücken. Wir haben alle unsere Biografie auf dem Buckel, unsere eigenen Widersprüche. Nicht zuletzt als Kabarettisten, die um ihre Nummern kämpfen mußten." Eine Szene wird erst am "Republikgeburtstag" ihre verspätete Urauffhrung erleben.
"Made in GDR" soll bis Dezember noch etwa 20 Mal gespielt werden. "Allerdings nicht als Gala-Fassung, das würden wir finanziell nicht durchstehen", schr„nkt der Kabarettchef ein. Von Finanzsorgen ist das Ensemble seit seiner Existenz als Verein geplagt. In diesem Jahr mußte es Mittelstreichungen von fünf Prozent bei einem ohnehin schmalen Etat hinnehmen. Einsparungen bei Gastdarstellern und Regisseuren sind die Konsequenz. "Wir müssen unsere Einnahmen erhö”hen, vor allem durch Gastspiele. Mit unserem derzeitigen Programm ,Sind wir noch zu retten' touren wir im Oktober durch Nordrhein-Westfalen", erkl„rt Flieder. Im November soll ein Abend unter dem Titel "Dem Volk aufs Maul" Premiere haben, im Februar 1995 sogar eine Oper, nachdem die Oderhähne bereits im vergangenen Jahr erfolgreich ihr Musical "My fair Lisa" aufführten. Diesmal machen sie es nicht unter Wagner: "Walhallala - Der Ring der Venebelungen" heißt das Projekt, das im Feburar aufgeführt werden soll - mit einer neuen Tonanlage, deren Kosten zu drei Vierteln das Land Brandenburg bernahm. Wenn Flieder davon spricht, gerät er ins Schwärmen. "Die schlägt jede amerikanische Technik aus dem Felde. Eine völlige Neuentwicklung - und im übrigen ein Ostprodukt aus Geithein."

Menschenkind und Neutronenbombe

Wolfgang Flieder und Dagmar Gelbke

Für die „Oderhähne“ ist es ein Glücksfall, die Berlinerin Dagmar Gelbke zu ihren Mitstreitern zählen zu können. Die frühere Bühnenpartnerin von Helga Hahnemann kann nicht nur Kochbücher schreiben und singen, sich in den Spagat-Null fallen lassen und schweißtreibende Stepnummern abliefern – sie bietet auch Authentizität für das neue Programm des Frankfurter Kabaretts „Big Helga – Een kleenet Menschenkind“.

Zum zehnten Todestag der fröhlichen Berliner Pflanze Helga Hahnemann, die von ihrem Publikum angehimmelt wurde und noch heute den Ruf als hervorragende Entertainerin der DDR genießt, schwelgen Gelbke und Flieder in Erinnerungen. Denn „Fuzzi“, der ewige Volontär, den erst die Wende zum Redakteur machte, soll ein Hahnemann-Programm abliefern. Und weil seine Chefin keine Ahnung hat und weil das öffentlich-rechtliche Haus ansonsten gründlich ostbereinigt wurde, bleiben nur noch er und die Putzfrau im Studio, hinter der sich niemand anders als Dagmar Gelbke verbirgt.

So spielt die Gelbke die Gelbke und die Hahnemann und die Rollen der Hahnemann und die Rundfunktussi – ohne ein Zeichen von Ermüdung. Flieder hält kräftig mit, zieht alle Register seiner Kunst, die oft kaum eines Wortes bedarf, um Lachsalven auszulösen. Mit Tempo und Verve geht das zwei Stunden lang über die Bühne: eine Auferstehungsfeier für die „Henne“ und eine durcherzählte Lebensgeschichte obendrein, ohne dass sich das Publikum belehrt fühlen müsste.

Daran hat vor allem der Hausautor der „Oderhähne“, Klaus Lettke, sein Verdienst, der die Ohrwürmer von Angela Gentzmer und Monika Jacobs mit eigenen Bearbeitungen und neuen Texten verquickte, Biografisches einflocht, bis niemand mehr merkt, dass es eigentlich ein Nummernprogramm ist, das hier geboten wird. Die Berlinlieder der Hahnemann reichen Gelbke und Flieder in schönster Sentimentalität herüber. Der vergebliche Anwerbungsversuch der Stasi geht als Tangonummer über die Bühne. Traudel Schulze erleidet noch einmal die Folgen von Hugos Skatabend und der beißt in seine Bemme, als müsse er alle Unbill dieser Erde auf einmal runterkauen – und zwar trocken.

Dem Richter fliegt noch einmal der Hammer vom Stiel, wie es einst wirklich live und ungeprobt der Hahnemann wiederfuhr. Mit wenigen Strichen wird das Leben hinter der Bühne skizziert, in der Garderobe oder beim Versaufen des Nationalpreises in einer einzigen Nacht. Was nicht so einfach war bei 15 000 Mark der DDR. Aber die Krönung ist zweifellos Flieders Auftritt als Kuh. Erna Kunze, die den Oderhähnen seit Jahren die Kostüme schneidert, hat sich dafür selbst übertroffen. Euterbehängt wird „Fuzzi“ zugeritten, bis es mit Cancan ins Finale geht...

Das ist Brettel vom Feinsten und es wird der „Henne“ gerecht. Die „Oderhähne“ wollen mit „Big Helga“ nicht zuletzt zahlreiche Gastspiele bestreiten. Wenigstens, so lange es das Kabarett noch gibt. Denn nachdem das Land seine Fördermittel gestrichen hat, ist die Kleinkunstbühne in Gefahr. Zwar erwirtschaftet sie weit über die Hälfte ihres Jahresbudgets selbst und gehört zu den am besten ausgelasteten Kultureinrichtungen in Frankfurt (Oder), doch die von Potsdam gerissene Lücke können weder das Kabarett selbst, noch die hochverschuldete Kommune schließen. „Das Kulturministerium mit Frau Wanka an der Spitze ist die Neutronenbombe für die brandenburgische Kultur. Die Enembles sterben, die Requisiten bleiben“, stellt Flieder deshalb fest. Und das ist ganz und gar nicht kabarettistisch gemeint.

Wagners Ring als Kabarett-Programm

Oderhähne inszenieren "Walhallala" - 1995



"Am deutschen Theater gibt es zuviel Denkmalspflege. Das hat etwas Restauratives und befriedigt mich nicht", meint der Berliner Autor Michael Bootz. "Es ist mir auch zuwenig direkt." Der 51jährige Musiker, Schriftsteller und Publizist bekennt sich zum Kabarett und arbeitet seit einigen Jahren auch mit den Frankfurter "Oderhähnen" zusammen. Zuletzt hat er dem kleinen Ensemble eine "Oper zur Lage der Nation" auf den Leib geschrieben. Die Idee dazu hatte Kabarettchef Wolfgang Flieder, der eines Tages vorschlug, den Ring des Nibelungen zu inszenieren. "Du bist wahnsinnig, aber es ist keine schlechte Idee", antwortete Bootz. So entstand das Programm "Walhallala oder Der Ring der Vernebelungen", das am 20. August im Atrium der Konzerthalle "Carl Philipp Emanuel Bach" seine Premiere erleben soll.
Bootz läßt den Helden Siegfried (Bernd Storch) nach Lehr- und Wanderjahren durch Amerika an der Seite Winnetous (Wolfgang Flieder) heimkehren. Gemeinsam befreien sie Helden-Mutter Edda (Ingrid Krusche) aus dem Altersheim für geisteskranke Klassenfeinde, gründen mit Heldengattin Brünnhilde (Nadine Burchet) ein Spreewaldgurken-Imperium und müssen sich der Intrigen des senilen Königs Gunter und seines Paladins Hagen von Bonnje samt der manischen Gutrune (Susanne Sens) erwehren. Am Ende wird Edda vom Wahlvolk zur Königin gekürt, während das Pärchen Siegfried und Winnetou vor der neuen Diktatur nach Übersee flieht.
"Ich bin auf der Suche nach einer Gerechtigkeit, die ich verstehe", sagt Bootz über seine Schreibmotive. Deshalb will er sein "Opernderivat" auch nicht nur als Parodie auf Wagnersche Gigantomanie verstanden wissen. "Ich verehre diesen Komponisten. Da ist durchaus künstlerisches Genie." Zudem ließen sich an den Stereotypen der wagnerschen Heldengestalten auch die Leere des Pathos entblößen, die Funktionsweise von Macht, die den Menschen vereinnahmt, der nach ihr greift. "Lachen ist ein gutes Abtreibungsmittel bei Bedeutungsschwangerschaften."

Wir haben uns schon wieder

Dagmar Gebke und Wolfgang Flieder Foto: Henry-Mart

"Endlich kann ich mal wieder sächsisch reden", freut sich Dagmar Gelbke. Die Berlinerin, zu DDR-Zeiten vor allem durch ihre gemeinsamen Fernsehshows mit der Entertainerin Helga Hahnemann bekannt geworden, wird im neuen Programm des Frankfurter Kabaretts "Die Oderhähne" den Part der Frau Domaschke übernehmen. Die robuste Kittelschürzenträgerin sitzt mit dem trinkfreudigen Herrn Gönnert (Wolfgang Flieder) als vorletzte Mieterin in einem abgewrackten Wohnhaus, wo das letzte, was funktioniert, die Hausordnung ist. Bei einem über die Wende geretteten Rondo-Kaffee und echtem volkseigenen Dosenbrot erinnern die beiden Übriggebliebenen sich vergangener Zeiten und schwadronieren über das, was ihnen nunmehr widerfährt. Ob Kaffeefahrt, Versandhauslotterie oder Schnäppchenkauf von 24 Fieberthermometern, ob die Begegnung mit den Zeugen Jagodas oder die Weihnachtsfete im Internet: das Leben hält allemal Überraschungen bereit und verfolgt die beiden bis nach Balkonien und in die Gauckbehörde. Uwe Steinke, Matthias Wedel, Jürgen Hart und andere honorige Texter der östlichen Kabarettszene haben Flieder und Gelbke ein Spektakel auf den Leib geschrieben, das von Olaf Schmalz musikalisch poliert wurde, weil mancher Alptraum - Genosse Kohl als Bezirksparteisekretär - gesungen weniger schrecklich ist.

Mit Big Brother auf dem Gipfel der Talsohle

Was geschieht, wenn die Chefetage ihre Personalentscheidungen künftig nach dem Big Brother-Prinzip trifft? Warum wird das Benzin immer nur teurer, ganz egal, ob mehr oder weniger Öl gefördert, die Lager voll oder leer, die Gewinne der Multis hoch oder niedrig sind? Wie wäre es ausgegangen, wenn nicht die Kerzenhalter in Leipzig, sondernd die Zündkerzenhalter in Hamburg 1989 auf die Straße gegangen wären und nun in den neuen Bezirken den sozialistischen Wettbewerb übten, froh über die Klopapierrolle in der Super-HO und das Pfund Rondo-Kaffee vom Ostverwandten - der allerdings im Gegenzug künftig als rechtmäßiger Hausbesitzer im Grundbuch stehen will?

Die Frankfurter "Oderhähne" haben die Antwort parat. In ihrem neuen Programm "Auf dem Gipfel der Talsohle" fügen sie dem Berufsbild des Spieler-Vermittlers gleich noch das der Hooligan-Agentur hinzu, wägen in der Bundestagslobby sorgsam ab zwischen Flugbenzin- oder Vereinigungssteuer - kurz "Rammelgroschen" - oder schulen vom VEB-Ökonom, der aufwendig das Nichts verwaltete, auf dem Arbeitsberater im Arbeitsamt um, der nämliches tut.

Das pfeffermühlen-gestärkte Autorenquartett (Klaus Dannegger, Rainer Otto, Klaus Lettke und Lothar Bölck) zeigt am Ende des gemeinsamen deutsch-deutschen Jahrzehnts mit seinem Pointenreigen zumindest, dass sich Ost und West gleichermaßen ihr Fett verdient haben. Margit Meller präsentiert sich mit viel Verve und Charme als Tippse, Prostituierte und Coupletsängerin in Claires Spuren. Johannes Greiner überzeugt am meisten, wenn er knochentrocken die größten Absurditäten - des Lebens, wohlgemerkt - über den Tresen reicht, während er seine Gläser poliert und der Landschaft mit "Blauem Würger" zur rechten Blüte verhilft. Bernd Storch erlebt seine Glanzstunde, wenn er turbangekrönt als "Schorsch aus Reitzenhain" parliert. Die Kunstfigur aus der Feder Lettkes ist als ein Schwejk der Neuzeit mit unverwüstlichem Lebensmut am Werke - auch wenn Schorsch sich für einen Job in der Computerbranche zum Inder machen muss. Regisseur Wolfgang Flieder schließlich kennt sein bewährtes Bühnentrio und lotet die Temperamente der drei aus - zur Freude des Publikums, das sich schon bei den Voraufführungen begeistert zeigte. Heute Abend ist im Kabarettkeller in der Forststraße Premiere.

Wir verziehn uns

„Wir verziehn uns“, jubeln die Oderhähne. Doch im Unterschied zu den rund 14 000 Frankfurtern, die seit 1990 ihrer Gemeinde den Rücken kehrten, denken die Kabarettisten um Wolfgang Flieder nicht wirklich an Abschied. Im Gegenteil, sie rücken ihrem Rathaus auf die Pelle – und das nicht mehr nur im übertragenen Sinne. Ihr neues Domizil ist der frühere Ratskeller. Probeweise haben sie dort schon einige Male gespielt. Das Ambiente der Baustelle tat der guten Laune von Kabarett und Publikum keinen Abbruch. Am 30. Mai nun wird es ernst mit der heiteren Muse. Ihre Abschiedsvorstellung spielen die Oderhähne noch im Kabarettkeller in der Forststraße. Unmittelbar danach werden sie per pedes quer durch das Stadtzentrum ziehen. „Mit unseren Zuschauern und großem Tätära“, freut sich Flieder.

Eigentlich war das Spektakel bereits vor einem Jahr geplant. Doch das früher als Gaststätte genutzte Gewölbe aus dem 13. Jahrhundert offenbarte seine teuren Geheimnisse erst bei der Rekonstruktion. „Vierzehn Liter Wasser pro Kubikmeter Stein mussten wir aus dem Mauerwerk ziehen“, berichtet Architekt Christian Nülken. Rund eine habe Million Euro aus dem europäischen Förderprogramm „Zukunft im Stadtteil“ wurden in die Sanierung investiert. 75 000 Euro schoss die Europäische Union für die Innenausstattung dazu. Um die Kofinanzierung zu sichern, „verkauften“ die Oderhähne ihre neue Bestuhlung an ihr Stammpublikum, sammelten sie Sponsorengelder und Spenden.

Aus der Mangelgesellschaft ist das Brettl auch mit der Wende nicht herausgekommen. Es gab Jahre, in denen der Verein nur überlebte, weil Schauspieler und Techniker sich in der Saisonpause arbeitslos meldeten. Trotzdem standen jedes Jahr drei bis vier Neuinszenierungen auf dem Spielplan. In den vergangenen Jahren auch ein sommerliches Open Air Spektakel, das die unendliche Geschichte der reisefreudigen Familie Fischer nach Italien, in den entfernten Osten und nach Hawaii erzählte.

Kulturreferent Michael Reiter sähe es gern, wenn die zu 98 Prozent ausgelastete Bühne ihren Eigenbeitrag noch vergrößern könnte. „Die Stadt hat sich mit der neuen Spielstätte und deren mietfreier Nutzung deutlich zum Kabarett bekannt.“ Im Ratskeller stehen acht Stühle mehr als in der Forststraße. Die Zahl von 205 Veranstaltungen im eigenen Haus und 55 Gastspielen im Jahr ließe sich noch geringfügig aufstocken. „Damit wäre aber auch das Ende unserer Fahnenstange erreicht“, meint Kabarett-Geschäftsführer Herman Bunsen. Bevor er jedoch scharf weiter rechnet, wird erst einmal gefeiert. „Willkommen im Unterhaus! Hier ziehen wir nie wieder aus!“ singen die Oderhähne und laden nach der Umzugsparty am 31. Mai und am 1. Juni zu Tagen der offenen Tür ins Kabarett ein.

Bis zur letzten Schwanzfeder

Die Oderhähne feiern ihr vielleicht letztes Programm als Schnäppchenjagd

Schauspieler haben die Angewohnheit, zu übertreiben. Aber was Ober-Oderhahn Wolfgang Flieder im neuen Programm „Schnäppchen-Show“ zu verkünden hat, ist traurige Wahrheit. Alle Schauspieler sind gekündigt, der Kabarettkeller wird geschlossen, wenn die Stadt die Kürzungspläne im Kulturbereich nicht zurücknimmt. Weil Frankfurt dann um eine kulturelle Attraktion ärmer sein wird, konstatieren die Oderhähne das politische Credo der Kommunalsparer sehr treffend: „Komisch sind wir selber.“
Die Stadtpolitik lässt immer weniger Zweifel an dieser These zu. Der dank Beamer-Technik zu bestaunende Auszug aus der Stadtverordnetenversammlung, in der über die nichtöffentliche Herstellung der Nichtöffentlichkeit debattiert wird, zeigt das. Vielleicht ist die Streichpolitik ja auch ein willkommener Anlass, das ungeliebte Geflügel im Keller loszuwerden. Und so verweist Wolfgang Flieder auf die neue Technik, dank derer die Schauspieler noch zu sehen sein könnten, wenn das Kabarett längst nicht mehr da ist.
Aber Lebendigkeit und Spielfreude, mit der die Oderhähne sich durch die politischen Desaster des Landes und der Kommune hacken, sind nicht zu ersetzen. Fernsehauftritte von Merkel und Co. werden von Margit Meller, Dagmar Gelbke und Wolfgang Flieder neu betextet. Eine schöne Idee, die leider überstrapaziert wird. Und Stoiber ist sowieso nur im Original am komischsten. Doch die Austauschbarkeit der politischen Phrasen von links bis bayrisch und schließlich die Austauschbarkeit von Politikern als Figuren im Spiel haben die Oderhähne deutlich in Szene gesetzt. Krönung aber sind die Werbespots für Oderwiesenwurst oder heimischen Sellerie, Stadtumbau und Hausputzfirma in Boxershorts. Die Unterhäusler haben diese Stadt, diesen Landstrich ins Herz geschlossen, sind mit ganzer Seele Oderhähne und wollen nichts anderes sein. Unter der bewährten musikalischen Leitung von Uli Schreiner haben sie manch bekanntem Lied einen neuen Text verpasst, der nicht selten zum trotzigen Credo gerät.
Im zweiten Teil der abendlichen Schnäppchenjagd nehmen die Oderhähne wie immer kein Blatt vor den Schnabel, wenn es um den menschlichen Drang geht, immer mehr für immer weniger Geld zu bekommen. Da denkt einer schon über einen Job bei Gunther von Hagens nach, für den er aber demnächst in leblosem Zustand vorliegen müsste. Und auch im horizontalen Gewerbe sind Rabatte nicht mehr gewöhnungsbedürftig. In einem Feuerwerk aus Witz und Charme hat der Frankfurter Namensstreit ebenso seinen Platz wie der Ratschlag der beiden alten Damen „Nehmse `n Jungen…“.
Meller, Gelbke und Flieder meinen es sehr ernst, wenn sie verkünden, dass ein Oderhahn „bis zur letzten Schwanzfeder“ kämpft. Den allabendlichen Kampf um die Gunst des Publikums gewinnen sie mit der „Schnäppchenjagd“ spielend. Und mit der großen Geste des Liedes „I am what I am“ verkünden sie im Schlussbild „Uns wirft man nicht um, macht man nicht stumm, nur weil wir sind, was wir sind.“ Sie wird zur bittersüßen Hommage an die kleine Bühne im Unterhaus, die die Oderhähne nicht hergeben wollen. An der Garderobe liegen allabendlich Unterschriftenlisten gegen die Kulturkürzungen aus. Sie füllen sich rasch.