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Harald Schulze

Aueinandertreffen der Geschlechter und Charaktere

Harald Schulze stellt in Frankfurt(Oder) aus

Die Gestaltung menschlicher Seelen in oft bizarren und zugleich sinnlich-erotischen Bildern, verfremdet, um sie wieder kenntlich zu machen - das ist zweifellos das Faszinierendste an den Werken von Harald Schulze. Der Frankfurter Kunstkeller Karl Witzleben zeigt derzeit einen Ausschnitt aus dem Oevre des zurückgezogen auf einem Gehöft im Oderbruch lebenden Malers. "Er ist der Großstadt bedinguingslos verfallen", erklärte bei der Vernissage der Kunstwissenschaftler Herbert Schirmer. "Und er bannt auf der Leinwand die im Rausch der Stadt müde gewordenen und an den Rand gedrängten Figuren". Immer wieder wird in Schulzes Bildern der Konflikt zwischen einer freiwillig eingenommenen oder oktroyierten Rolle und dem lebendigen Anspruch an Liebe, Wärme und Harmonie beschworen. Schulzes Gestalten werden bis in die Erstarrung einer Pose getrieben, ihr vorgeblicher Exhibitionismus ist auf die Spitze getriebene Maskierung. Im animalischen Aufeinandertreffen der Geschlechter und Charaktere wird zwischen Eros und Tod die mitunter verzweifelte Suche nach dem wirklichen Selbst deutlich. Die dargestellten Typen seien "exemplarisch für die allseitig gestörten Beziehungen in der Gesellschaft" so Schirmer. Schulzes Werk werde damit auch zu einer sozialen Zustandsbeschreibung.

Wunden des Glücks

"Am liebsten wäre es mir, wenn Dr. Jeykill vor den Bildern stehenbleiben und den Mr. Hyde in sich akzeptieren würde", sagte Harald Schulze bei der Vernissage zu seiner Ausstellung "Wunden des Glücks" in der Frankfurter Galerie Gallus. Nach der umfänglichen Personalausstellung, die der in Letschin lebende Künstler kürzlich auf der Burg Beeskow vorstellte, hat er sich bei seiner Schau in der kleinen Privatgalerie von Monika Tschirner auf eine Auswahl beschr„nkt, in der Frauenbilder dominieren. Die zwischen 1992 und 1994 entstandenen Werke dokumentieren eine „sthetische Kontinuität, die der Zeitgeist scheinbar nicht anficht, obwohl er das eigentliche Sujet Schulzes darstellt. Der zitierfreudige, im Detail schwelgende "Neon-Realismus" bleibt für den 42j„hrigen Maler die "ästhetische Prothese", durch die Kommunikation ermöglicht wird. In seinen Menschenbildern entblößt sich "eine Welt der Oberflächlichkeit, die in Künstlichkeit erstarrt ist", wie Galeristin Tschirner in ihrer Eröffnungsrede sagte. Auf den ersten Blick mögen die Bilder an Provokanz verloren haben; die verschlungenen Leiber, die Zurschaustellung einer unüberwindlichen Distanz, das Geschrei unter Masken, die Verletzlichkeit und lautlose Deformation - zu DDR-Zeiten durchaus als unerwünschte Gegenwirklichkeit und Kassandrismus begriffen und befehdet - konkurrieren inzwischen mit einer Realität, die in ihrer Selbstgefälligkeit und ihrem Verstümmelungswillen durch kaum einen expressionistischen Aufschrei zu übertönen ist. Augen ohne Naivität, lüstern, angriffssüchtig nach außen gekehrt, sprechen von der Leinwand die Sprache der Einsamkeit. Wir sind vereint in der nördlichen Hemisphäre der Panzerechsen, und es hilft noch am ehesten der Mut zum Sarkasmus, zum Spott, zur ungezügelten Ironie allem, jedem und sich selbst gegenüber, nicht im Zeitstrom unterzugehn. Schulze wirft all dies mit Gelassenheit auf die Waage, schert sich nicht sehr um Mode und Markt, verweigert sich aber zugleich einer Kunst, die moralische Anstalt zu sein vorgibt. "Wer ist man denn?" fragt er da, und die ziselierten Gliedmaßen seiner Figuren sind eben nicht nur Referenz an die Malerei der Renaissance, sondern könnten auch als Zeichen einer nurmehr symbolischen Handlungsfähigkeit gedeutet werden. Was Kunst im besten Sinne auszurichten vermag, leisten Schulzes Bilder: Sie sind Wahr-Nehmungen, unangestrengt, freizügig im Umgang mit dem Vorgefundenen und doch einer Realität treu, der sich zu stellen mehr bedeutet als einen Blick in den freundlichen Spiegel zu werfen.

Neon-Realist aus Letschin

Bei der Bundesgartenschau in Cottbus ist Harald Schulze mit einer farbigen Pyramidenkonstruktion vertreten, für die er gemeinsam mit Jürgen Hartmann aus Frankfurt(Oder) einen Preis bei der Ausschreibung erhalten hatte. Doch bekannt ist der Maler vor allem durch seine in grellen Acrylfarben gemalten Bilder, in denen Sexualität und Aggression dominieren. Maskierte, deformierte und zugleich melancholisch sehnsuchtsvolle Gestalten bevölkern die ästhetischen Inszenierungen Schulzes. Seine Porträts sind von einer sich aufdrängenden Sinnlichkeit, lasziv entblößend und überzeichnend zugleich.
Schulze stammt aus der Oberlausitz. Schon als Kind saß er mit dem Zeichenblock auf den Knien im heimischen Garten. Später studierte er bei Womacka und Tessmer Malerei, gründete mit Clemens Gröszer und Rolf Biebl die Gruppe „Neon Real“. Kunst ist für ihn eine Artikulation von Hoffnung. „Die Leinwand bietet mir Sicherheit, wie es sie sonst nirgendwo gibt.“
Die Werke Schulzes finden sich auf internationalen Ausstellungen, in Museen und Kunstsammlungen von Deutschland bis Italien. Auf einem Gehöft am Rand des Oderbruchdorfes Letschin lebt der 1952 geborene Künstler mit Frau und zwei Töchtern.

Der Spiegel kennt keine Scham

Mit Goldbronze gestrichene Bilderrahmen, Strass-Splitter in einem gemalten Armband, Anklänge an die Renaissancemalerei, die Frauen und Männern etwas statuettenhaftes aufzwingt: Harald Schulze operiert auf seinen Bildern mit einem ganzen Spektrum von Verfremdungstechniken. Schein und Sein bloßzulegen, durch Überzeichnung das Unsichtbare körperlich spürbar zu machen, ist seine Kunst.
Der in Letschin lebende Maler läßt sich vom Schmelztiegel der großen Städte inspirieren. Er entblößt eine im Rollenspiel erstarrte Sozität, ohne seinen Figuren Sinnlichkeit und Schönheit zu versagen. Doch indem er sie in animalischen Momenten zwischen Gewalt, Eros und Tod festhält, erspart er dem Betrachter nichts vom Zwiespalt des öffentlichen Körpers und der ebenso geheimen wie geheimnisvollen Seele. Nichts vom Kampf der Geschlechter, nichts vom machtlüsternen Amoklauf durch eine nur noch mit dem Tunnelblick des gejagten Jägers nach dem Glück wahrgenommene Realität.
"Schulze ist der Faszination der Großstadt bedingungslos erlegen", beschrieb Herbert Schirmer das Oevre des Malers bei der Vernisssage im Frankfurter Kunstkeller Karl Witzleben, wo Schulze derzeit vor allem Frauenbildnisse zeigt. "Auf seinem Hof im Oderbruch beschäftigen ihn die im Rausch der Stadt müde gewordenen und an den Rand gedrängten Figuren."
Eigenwillig und sich zugleich seiner Herkünfte - man denkt an Dix, Grosz oder Beckmann - bewußt, entwirft Schulze ein Panorama gestörter Beziehungen. So desillusionierend die Bilder wirken, schlummert in ihnen dennoch Hoffnung auf Wärme und Harmonie. Die Künstlichkeit des äußerlichen Scheins wird seziert, die Maskerade durchlöchert, doch immer setzt Schulze seine Figuren ins Recht, formuliert er ihren Anspruch auf Liebe, ihre Hoffnung auf ein erfülltes Leben mit. Es ist nicht nur der Kampf um den eigenen Platz in einer diffusen, zerstörerischen Wirklichkeit, sondern auch der Wettlauf gegen die Zeit, die Furcht vor den inneren Abgründen, die Schulzes Charaktere prägen. So stört der Künstler die "eitle Selbstvergessenheit der Gesellschaft", wie Schirmer formuliert, und sorgt für Beunruhigung. Der Betrachter sieht sich angesichts der vorgeführten Theatralik, des ausgestellten Sentiments, der vorgeführten pathetischen Geste der gewohnten Möglichkeit eines eigenen Ausweichens ins Theatralische, ins Sentiment, ins irrationale Pathos beraubt. Der Spiegel, in den er schaut, kennt kein Agreement und keine Scham.