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Max Beckmann

Blick hinter die Spiegel

Pontus

Max Beckmanns Grafik im Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder)

Irgendwo in der Zeichnung lauert der Schrei. Ein Schemen unter der Oberfläche des Bildes. Ein Kontrapunkt zum mythischen Sujet. Die Attacke eines Ausdrucks, einer Geste. Beckmanns Grafiken, das sind Bilder verletzlicher Aggressivität, erbarmungsloser Güte. Vielleicht auch eines Sarkasmus´, der sich gegen den Abgrund des Zynischen stemmt. Selbstironie, wie schmerzhaft auch immer, steht der Sachlichkeit bei gegen Eindimensionalität und parteieisches Fixieren. Das Beharren auf der Rolle eines Zuschauers, der zugleich dieser Rolle mißtraut, spiegelt sich im Werk Max Beckmanns (1884-1950) ebenso wider wie in seinen Tagebüchern und Briefen.

Im Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) sind unter dem Ausstellungsmotto "Desillusionierung der Wirklichkeit" derzeit nahezu 200 Blätter aus dem Sprengelmuseum Hannover zu sehen. Es ist ein gelungener Querschnitt durch das Schaffen des Leipziger Künstlers. Die Zyklen "Die Hölle" (1919), "Der Jahrmarkt" (1921) und "Berliner Reise" (1922) bilden drei Schwerpunkte der Exposition. Entidealisierung geht darin einher mit einem geschärften Blick für die wachsende Entfremdung, die für Beckmann auch Selbstverfremdundung bedeutet, bis Maskerade und Antlitz unterscheidbar werden. Die Erfahrung des Schmelztigels der Nachkriegsgroßstadt erscheint in Beckmanns Arbeiten weniger als produktives Moment eines Jahrhundertsprunges, denn als Auflösung menschlicher Beziehungen und Erosion ihres humanistischen Anspruchs. Vor allem die Berlin-Bilder verweisen auf eine Nähe zu anderen sozialkritischen Künstlern wie George Grosz. Dies umso mehr, als die Schau ohnehin an die vielbeachteteten Ausstellungen der Werke etwa von Otto Dix und Alfred Kubin in Frankfurt (Oder) anknüpft.

Bedauerlich bei alldem ist nur nur, daß angesichts solch ehrgeiziger Projekte noch nicht einmal das Geld für entspiegelte Bilderrahmen beim Museum Junge Kunst vorhanden ist. Einer Galerie mit so reichem grafischen Fundus und einer mit der eigenen hochkarätigen Sammlung eng verzweigten Ausstellungskonzeption wäre zu wünschen, daß sie wenigstens in den Genuß eines dafür unabdingbaren Equipments gelangt.

Ob Beckmann sich biblischer Symbolik zuwendet oder den sozialen Kämpfen seiner Epoche, sich selbst porträtiert oder Szenen des Berliner Nachtlebens bannt: Immer ist der äußere Druck spürbar, dem der Mensch zeit seiner Existenz ausgesetzt, im schlimmsten Falle: ausgeliefert ist. Die Zerstörung seiner Hoffnungen und Bindungen deutet Beckmann als die Zerstörung seiner selbst, die Freiheit als den andauernden Kampf gegen Fesselung und Instrumentalisierung - auch durch den "schönen Schein". So entfaltet das grafische Werk Beckmanns seine Kraft im Kontrast der "Bemühungen um eine allgemeine Menschheit", die ihm in ihrer Summe Gott bedeutet, und "dem schaurigen Schmerzensschrei der armen getäuschten Menschen". In Arbeiten wie "Christus und Pilatus" (1946) wird diese Spannung selbst zum Thema.

"Unabhängig von den Unterscheidungsmerkmalen, wie sie für den Entwicklungsprozeß dieses Künstlers mit seinen Werkphasen charakteristisch sind, beherrscht ein Grundtenor seine Arbeiten. Es ist die Beschäftigung mit Metaphern der Unfreiheit als Reaktion auf das, was inmitten seiner Umwelt auf ihn einstürmt und ihn künstlerisch zur Auseinandersetzung mit dem Erlebten reizt", schreibt Museumsdirektorin Brigitte Rieger-Jähner. "Ob er in seinen Darstellungen auf den Widersinn des Daseins anspielt, durch ein Verstellen des Bildraumes mit Dingen und Menschen das Gewöhnliche und zugleich Hintergründige bloßlegt oder durch Disproportionen auf der Fläche ein Beziehungsnetz zwischen Figuren und ihrer Umgebung knüpft, fast in allen diesen Werken wird seine Weltsicht von Disharmonie bestimmt. Sie prägt sowohl das Verhältnis des Einzelnen zur Masse als auch die Sicht auf sich selbst inmitten des Widersinns."

Der erste Weltkrieg, bis zum Zusammenbruch durchlebt, erschien Beckmann als Ende des lediglich Dekorativen in der Kunst. "Jetzt haben wir vier Jahre dem Entsetzen täglich in die Fratze gesehen", stellte er 1918 fest. "...aus einer falschen und sentimentalen Geschwulstmystik werden wir jetzt hoffentlich zu der transzendenten Sachlichkeit kommen, die aus einer tieferen Liebe zur Natur und den Menschen hervorgehen kann...". Die Dinge und die Menschen um ihrer selbst willen zu lieben, ihrer Wut und Verzweiflung wie ihrer Hoffnung als Gegenstück zur Illusion Ausdruck zu geben, blieb für Beckmann Programm. Folgerichtig wurde er von den Nazis als "entarteter" Künstler verfolgt und emigirerte über Paris und Amsterdam in die USA, wo er halb befriedigt, halb erstaunt die beinahe euphorische Aufwertung seiner künstlerischen Leistungen in den Stand eines Jahrhundertwerks erlebte. Nach dem zweiten Weltkrieg fand er die Verhältnisse "völkischer denn je" und schreibt im Sommer vor seinem Tod: "Manchmal höre ich etwas wie eine Art Widerhall von meinem Leben jenseits des Lebens, doch nie und nimmer ganz das von meinem Ich, dem ich nach wie vor unbekannt gegenüber stehe - oh, viele Spiegel sind notwendig um hinter die Spiegel zu sehen..."

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