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Wieland Förster

Wieland Förster, Porträt von Walter Jens

Summe des Lebens

Porträts von Wieland Förster in der Marienkirche Frankfurt (Oder)



Das Haupt von Peter Huchel ruht auf Schultern, die in einen mittelalterlichen Reliquienschrein überzugehen scheinen. Die Andacht, zu der sich der Bildhauer Wieland Förster durchaus bekennt, wird solcherart leise ironisiert. Das ist selten in dieser Ausstellung, die in der Frankfurter Marienkirche bis zum 22. Oktober Kopfbilder, Büsten und Stelen des 70jährigen Künstlers vorstellt.

Der stets bewahrte Anspruch, nicht nur das Bildnis eines Menschen zu schaffen, sondern im Porträt die Summe eines Lebens zu versammeln, eine Persönlichkeit in ihrer Kraft und Dynamik zu bannen, gibt den Werken ein Höchstmaß an Konzentration und oftmals einen kontemplativ-elegischen Ernst. Förster hat nie einen Hehl daraus gemacht, daß Liebe und Verehrung die wichtigsten Impulsgeber für seine Porträts waren. Ein künstlerischer wie moralischer Anspruch spiegeln sich in der Reihe der Porträtierten ebenso wie in jedem einzelnen - ob Felsenstein oder Neruda, Minetti oder Böll, Arendt oder Kodály. Jeder wird zum Zentrum einer Welt-Kommunikation; die Freiheit des Gedankens richtet ihn auf und die Last dieser Freiheit prägt seine Züge.

Nichts daran ist laut, spektakulär, so wie Förster selbst nicht zu den lärmenden Kündern einer Epoche gehören wollte. Was er zu seinen "Opfern" schrieb, steht für das Ganze: Sie "sollten nicht länger Versager, Kränkliche und Leidende sein. Sie sollten die Welt der Mächtigen durch ihre physische Präsenz herausfordern können und im Gebrochen-, Gepeinigt- und Zerstörtwerden letztlich Sieger bleiben durch die Unbezwingbarkeit ihrer Substanz, der Form. Wir sind - das sollte keiner vergessen, der das Menschenbild als Aufgabe der Kunst verneint - noch mitten drin im circulus vitiosus des politischen Mordes." Rückblickend stellt Förster, seinem Altelier mehr verwachsen als dem Alltag und den wechselnden Moden, fest: "Ich warf den Anker mit Vehemenz in die euuropäische Frühe und gelangte in unsere Zeit."

Die in der historischen Marienkirche auf schlichten Holzsockeln ausgestellten Arbeiten markieren See- und Sehzeichen für diesen europäischen Aufbruch. Sie waren nicht nur Sujet für den Bildhauer und Schriftsteller, sondern Wegmarkierungen, an denen er sich orientierte, auch wenn sie noch längst nicht im Zenit ihrer Berühmtheit und - manchmal zugleich - Verfemung standen. Der - damals noch - bullige Franz Fühmann beispielsweise, in dessen Augenschluchten sich bereits ballt, was später in seinem Trakl-Essay "Vor Feuerschlünden" und in anderen Büchern mit Wucht zum Ausbruch kommen würde. Ein gutes Drittel der ausgestellten Werke entstand allerding posthum. So wird der Gang durch die Exposition zu einer Wanderung durch europäische Kunst- und Zeitgeschichte.

Wer will, kann diese Wanderung durch die - mit wenigen Ausnahmen - Männerwelt der försterschen Wahlverwandtschaften außerhalb des historischen Gemäuers fortsetzen. Am Giebel der Marienkirche findet sich die Stele zu Kleist, vor dem Kleist-Museum stehen drei Plastiken zu dessen "Penthesilea". Eine weitere ist im Hof der früheren Garnisonschule aufgestellt. Den Opfern des Faschismus ist eine Plastik an der Konzerthalle "Carl Philipp Emanuel Bach" gewidmet. Kleisthaus-Direktor Hans Jochen Marquardt erinnert auch an die Nähe zwischen Förster und Frankfurts großem Dichtersohn. Auf einer Grafik Försters finden sich der Künstler und der Dramatiker, getrennt durch die Pistole, die Kleist gegen sich selbst richtete, und verbunden durch das Wissen um die Gefährdung des Menschen, der sich dem Gegenlicht seiner Zeit ausgesetzt hat.

Großes Martyrium eingeweiht

Zum 50. Jahrestag der Besetzung von Frankfurt(Oder) durch die Rote Armee wurde am Sonntag in Frankfurt (Oder) die Plastik „Großes Martyrium - den Opfern des Faschismus gewidmet“ in der Oderstadt eingeweiht. Das bereits 1976-79 entstandene Werk war zuvor auf zahlreichen Ausstellungen zu sehen. Seinen endgültigen Standort findet es nun zwischen der Franziskaner-Kloster-Kirche und der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt in unmittelbarer Nähe zur deutsch-polnischen Grenze. Auf diese Weise, so Bürgermeister Heino Ewert vor rund einhundert Gästen, mache Försters Werk nicht nur in aufrüttelnder Weise auf die geschundenen Opfer der Nazidikatur aufmerksam, sondern erinnere auch an die Leiden unter der folgenden Gewaltherrschaft.
Förster selbst, der in der DDR als umstrittener Künstler galt, hatte seine Weigerung, das Land zu verlassen, damit begründet, daß er dort leben müsse, wo er selbst gelitten habe. Sein „Großes Martyrium“, an dessen Aufstellung er selbst schon nicht mehr geglaubt habe, sei ein Aufruf zur Menschenwürde und zu einer „Demokratie des Herzens“.
Mit der Einweihung dieses Werkes, so Stadtvorsteher Jürgen Barber, bekenne Frankfurt sich zu einer „unplanierten Geschichte“. Die Befreiung habe den Überlebenden die Möglichkeit eines friedlichen Neubeginns gegeben, zu dem die schamvolle Einsicht in das Martyrium gehöre, das andere Völker durch Deutsche erlitten. „Einsicht ist die Voraussetzung für das Gefühl der Befreiung gestern und heute“, sagte Barber.
Zudem gehe die Stadt auch gegenüber dem Künstler eine Verpflichtung ein. Förster schuf bereits ein Kleistdenkmal an der Marienkirche und eine Plastikgruppe zu Heinrich von Kleists „Penthesilea“, die vor der Kleist-Gedenk- und -Forschungsstätte ihren Platz gefunden hat.