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Roland Rother

Medaille als dramatischer Griff in den Raum

Wo hört die Medaille auf und wo beginnt die Plastik? Seit fast zehn Jahren ist das ein Streitthema unter Experten, und einer, der es dazu gemacht hat, ist Roland Rother. Wer die aktuelle Ausstellung des bei Frankfurt (Oder) in Madlitz-Wilmersdorf lebenden Bildhauers in der Frankfurter Sparkasse besucht, wird unschwer erkennen, warum. Rother begreift die Medaille mit ihren legendären zwei Seiten als eine dramatische Kunstform, eine Herausforderung zur überraschenden Wendung oder zur schlüssigen Vollendung des Unvollendeten jenseits der Barriere unseres Sehens. Auch als Verführung, aus dem Relief aus- und in den Raum aufzubrechen.

Der 59-jährige Künstler stellt Welten und Gegenwelten her, zum Betrachten, Berühren, Drehen. Die Wahl seiner Sujets entspricht dieser Vorgehensweise: Die Flut als Bedrohung und gemeinsames Widerstehen, die Landung der Alliierten in der Normandie als gewaltsamer Keil, der die Ahnung einer Friedenstaube in sich trägt, die deutsche Vereinigung als Herstellung einer Normalität mit Realitätsgewinn und Illusionsverlust, als organischer Prozess und als brachialer Paradigmenwechsel. Bei einigen Arbeiten greift Rother die klassische Kunstmedaille auf und schickt nur ein Detail – den Notenschlüssel etwa bei seiner Medaille zum Bachfest 2003 – dominierend in die dritte Dimension. Bei anderen, wie „Öffnung 1989“ ist die aufgelöste Fläche nur mehr ein Ausgangspunkt; andere Strukturen setzen sich durch.

„Intime Plastiken für die Hand, die Fingerspitzen“ oder auch Miniatur-Monumente nennt Rother diese Arbeiten, mit denen er zum Teil erfolgreich an internationalen Ausstellungen teilnahm, so bereits bei der FIDEM-Biennale 1990 in Helsinki. Von einer Faszination des Lapidaren“ und der „Kraft der Sinnbilder“ zeigt sich Wolfgang Steguweit im Katalog der Ausstellung „Rückblick und Ausblick – Die Medaille zwischen Konvention und Veränderung“ im Jahr 2000 im Münzkabinett Berlin beeindruckt. Eigentlich sind es asketische Symbole seiner Ästhetik, zugleich aber so etwas wie Lesezeichen für das eigene Gedächtnis. Es ist die Spannung zwischen Innen und Außen, Diesseits und Jenseits, die jede Kunst treibt und hier selbst ihren Ausdruck findet.

Philosophie mit dem Meißel

Über die Landschaft ging der Frieden hinweg. Nur Häuser wie das des Bildhauers Roland Rother in Wilmersdorf bei Frankfurt(Oder) stellen der Harmonie von Werden und Vergehen das Gewaltsame gegenüber: bröselnder Ziegelstaub und Einschüsse, uralte Balken und dazwischen Plastiken, unbehauene Steine, Möbel und Gartengerät. „Manchmal denke ich, wie viele Familien in den letzten zweihundert Jahren hier gelebt haben, wie viele Kinder hier groß geworden sind“, sagt der 51jährige.

Kunst als Teil des "stirb und werde"

Rother mit seinem Phönix Foto: Klemt

Die Kunst ist für ihn nicht zu trennen vom großen Stirb und Werde. Wachstum und Erosion, nach Innen Zurückgenommenes und nach außen Gekehrtes, Strukturen, die zu Daseinsmetaphern werden, finden sich in vielen seiner im letzten viertel Jahrhundert entstandenen Werke. Da sind die sich kreuzenden Körper zweier Liebender, ein bronzenes Symbol von Annäherung, inniger Berührung und Auseinanderstreben. Da ist die prallbrüstige Muse vor dem Frankfurter Haus der Künste, sie sich mütterlich und verspielt über ihre Kinder beugt. Da ist die totemähnliche Germanische Säule, die an Ursprünge und Kreisläufe gemahnt, die weit über ein Menschenalter hinausreichen.
Für seine am Dienstag eröffnete Jubiläumsausstellung im Müncheberger Rathaus hat Rother Arbeiten aus jedem der vergangenen 25 Jahre versammelt, Plastiken, Zeichnungen und Fotografien. Vieles davon ist für die Kommunen Eisenhüttenstadt und Frankfurt(Oder) entstanden. „Ich kann die Verteufelung von Auftragskunst nicht nachvollziehen“, meint der Künstler zu den aktuellen Debatten. Für ihn gab es bei der Gestaltung öffentlicher Räume eine Partnerschaft zwischen Bauherrn, Architekten und Künstlern, bei der jeder ein Mitspracherecht hatte. „Es ist nicht einzusehen, warum dabei nicht Kunst herauskommen sollte.“

Frankfurter Hahn scheint vergessen

An dem sechs Meter hohen Stadtzeichen für Frankfurt(Oder) hat er ein halbes Jahrzehnt gearbeitet. Es sollte im Zentrum der Stadt aufgestellt werden, aber nach der Wende war dafür kein Geld mehr vorhanden und, wie Rother meint, auch kein besonderes Interesse. Allmählich scheint die Arbeit in Vergessenheit zu geraten. „Aber es ist nicht mein Hahn“, meint Rother sarkastisch. „Und ich habe die Erfahrung gemacht, daß es wenig Sinn hat, jemandem mit Kunst hinterherzulaufen.“
Doch der Rückzug des öffentlichen Auftraggebers bedeutet nicht das Ende der Arbeit, auch wenn Rother sich inzwischen fragen muß, ob er einen Entwurf realisieren kann. Seine Ideen hält er in Modellen fest, mit denen er sich an Wettbewerben beteiligt. Für das Oderbruchdorf Neutrebbin hat er das von Ulbrichts Bilderstürmern gestürzte Denkmal des Preußenkönigs Friedrich II. neugeschaffen. Für das parkartige „Germanische Objekt“ in Eisenhüttenstadt entstanden neue Elemente. Aus rotem Stein will er jetzt eine Phönixfigur schaffen. „Eine meiner ersten Arbeiten nennt sich Vogelkücken. Inzwischen ist es gewachsen und erneuert sich.“
Immer ist Rothers Arbeit auch ein wenig Philosophie mit dem Meißel. Warum nehmen wir das eine wahr und das andere nicht? Was empfinden wir als Signal für unser eigenes Dasein? Wie kann man einer Gesellschaft, die nicht nur Konsumartikel, sondern auch ethische Werte verbraucht und wegwirft, ein eigenes Kontinuum entgegensetzen? „In der Gesamtheit meiner Arbeiten begegne ich mir selbst wieder. Als Teil der Natur und als jemand, der dem Leben zugetan ist.“

Dimension des öffentlichen Raumes

Roland und Rita Rother stellen in Frankfurt aus

Wer im Garten der Lessingstraße 20 den in glitzernden Carrara-Marmor gehauenen Frauenakt mit dem Titel "Die Oder" sieht, wird die Handschrift des Bildhauers Roland Rother vielleicht wiedererkennen. Der 52jährige hat seine Spuren in der Geburtsstadt Frankfurt - aber auch in Eisenhüttenstadt, Berlin, Fürstenwalde und Lauterbach - hinterlassen. Kunst bedeutet für ihn Denken in den Dimensionen des öffentlichen Raumes. Ob die Figurengruppe im Arboretum zwischen Betonwohnblöcken, ob die mütterliche und zugleich verspielte Muse vor dem Haus der Künste: die Plastiken definieren ihre Umgebung auf neue Weise, aber immer im Dialog mit deren Funktion. Daß dies gerade angesichts der Sanierung alter wie neuerer Wohngebiete notwendig ist, davon ist Rother überzeugt. Auch dann, wenn sein Brunnen am Thomas-Müntzer-Hof über den Haufen gefahren und danach schamhaft abgeräumt wird, wenn das Stadtzeichen für Frankfurt, ein sechs Meter hoher Hahn, an dem er fast ein Jahrzehnt lang arbeitete, von der Stadt zwar in Auftrag gegeben, aber bis heute nicht gegossen wurde. Der Künstler, daheim am Rand des Oderbruchs in einem von kriegerischer Historie gezeichneten Haus, lebt aus der Natur, ihren Rhythmen und Strukturen heraus und trägt seine Reflektionen als Werke zurück in die Stadt. Und er kann nicht aufhören zu arbeiten. Angesichts der Erfahrung, daß sich der öffentliche Auftraggeber zurückzieht und es vielen privaten Bauherren recht und billig erscheint, aufzustellen, was sich anbietet, sucht er neue Wege. Wie lassen sich sich künstlerische Module schaffen, relativ preiswert zu fertigen, variabel und durch den Blick des Künstlers, der sie zum Leben erweckt, dennoch einmalig? Ein solches Projekt bereitet er gegenwärtig in Gronenfelde vor, wo vor dem neuen Sozial- und Werkstattkomplex eine Säulengruppe entstehen soll. Das Besondere daran: Die eigentlichen Künstler werden jene geistig Behinderten sein, die dort leben und arbeiten. Rother will sie betreuen, bis das Vorhaben realisiert ist. Seit einigen Jahren arbeitet er auch mit einer Gesellschaft zusammen, die parallel zur Sanierung von Plattenbauten Konzepte zur Gestaltung der äußeren Wohnräume entwirft, bringt er sich ein in die Planungen der Frankfurter Stadtsanierungsgesellschaft. Darüber hinaus entstehen spannungsvolle Figurenensemble wie sein "Urteil des Paris", die aus der Reibung von äußerer und innerer Form leben. In der Lessingstraße, im Kunstkeller Karl Witzleben eröffnet Rother heute (Freitag) abend gemeinsam mit seiner Frau Rita eine Ausstellung, die Malerei und Grafik der Autodidaktin gemeinsam mit Zeichnungen -darunter ein Zyklus erstmals gezeigter Akte - Plastik und Kleinplastik Rothers vorstellt. Von besonderem Reiz sind sicher einige Arbeiten, die vorerst nur als Gipsabgüsse vorhanden sind und darauf warten, daß sich Sponsoren oder Bauherren für die bereits vorliegenden Kostenvoranschläge zum Bronzeguß finden.

Phoenix ist auferstanden

Alle 500 Jahre, so der antike Mythos, muss Phönix sich selbst auf dem Scheiterhaufen verbrennen, um verjüngt wieder aufzuerstehen. Als Lehrer Achilles und dessen Begleiter in den trojanischen Krieg, kennt die griechische Sage ihn. Immer wieder ist er zum Motiv von Kunstwerken geworden - so auch in einer Plastik von Roland Rother, die vor der Landeszentralbank aufgestellt wurde. Das Geldinstitut erwarb die Arbeit und schenkte sie der Stadt Frankfurt (Oder). Nun steht der Phönix am Ziegenwerder, den Blick nach Süden gerichtet, voller neugieriger Kraft - ein schutzbedürftiger Behüter und argloser Angreifer in einem. Wie in fast allen Arbeiten Rothers schwingt neben der Lust am Sinnlichen, am Fabulieren und am Einfangen des Widersprüchlichen auch eine Spur von Ironie mit: das ewigkeitsumspannende Symbols wird lächelnd in eine menschliche Dimension zurückgelockt.

"Der Phoenix hat mich seit mehreren Jahren interessiert", erzählt Rother. "Die Möglichkeit des Erneuerns, der Veränderung, und die Notwendigkeit, sich dazu erst einmal selbst zu zerstören. Während er sich noch entfaltet, trägt der Phönix schon das Element des Vergehens in sich."

Ursprünglich hatte Rother sich mit dem Werk an einem Wettbewerb für die Foyer-Gestaltung der Bank beteiligt und dafür einen dritten Preis erhalten. Den Zuschlag erhielt ein anderer Kollege. "Eigentlich bin ich froh darüber, denn hier draußen kommt die Arbeit erst richtig zur Geltung", meint Rother mit Verweis auf das städtische Kulturbüro, das für die Standortauswahl mit verantwortlich zeichnet. Die Pappeln im Hintergrund scheinen dem Metall Leben einzuhauchen.

Rother in Müncheberg

„Alles, was ich mache, hat mit der Natur zu tun“, sagt Roland Rother nach einem viertel Jahrhundert bildhauerischer Arbeit über sein Werk. Wachstum und Erosion, stirb und werde, Inneres und Äußeres sind die Pole, zwischen denen er sich bewegt. Sein Geschichtsobjekt. In Eisenhüttenstadt, wo in einer Mauer historische von der Ur- bis zur Neuzeit ironisch an die Entwicklung der Zivilisation erinnern, steht dafür. Aber auch die Brunnenanlage, ursprünglich für den Hof eines Frankfurter Gebäudes geplant, wo sich dekorativ Insekten und Lurche, Vögel und Kleinsäugetiere tummeln. Erst bei näherem Hinschauen offenbart sich, daß sich hinter der Harmonie der Lebenskampf der Arten verbirgt, das Fressen und Gefressenwerden. Im Müncheberger Rathaus ist seit Dienstag eine Personalausstellung des Künstlers zu sehen, die aus jedem der 25 Jahre eine Arbeit versammelt. Zeichnungen und Fotos ergänzen die Plastiken. „Auch für mich ist das eine interessante Rückschau.“ Begonnen hatte Rother mit Plastiken für Kulturhäuser und Wohngebiete, kleinen Trinkbrunnen, Medaillons. Später kamen umfangreiche Konzeption für die Gestaltung öffentlicher Räume hinzu. In den 80er Jahren schuf Rother für die Stadt Frankfurt einen Hahn, der seinen Platz in der City finden sollte. Das sechs Meter hohe Zeichen beschäftigte den Künstler mehr als ein halbes Jahrzehnt. Daß es bis heute nicht gegossen und aufgestellt wurde, führt Rother nicht nur auf das Loch im Stadtsäckel zurück, sondern auch auf mangelndes Engagement der Kommunalpolitiker. Doch der Rückzug des öffentlichen Auftraggebers bedeutet für den Bildhauer nicht das Ende der Kunst. „Aufhören kann ich nicht, auch wenn ich manchmal nachdenken muß, ob ich das Material für einen Gipsabdruck bezahlen kann.“ Nachdenklich fährt Rother über die ausgebrochenen Ziegel seines Hauses. Roter Staub bröselt zur Erde. Überall sind noch Einschüsse aus dem zweiten Weltkrieg zu sehen. „Im Garten stand ein Panzer“, weiß Rother. Was ihn beschäftigt, zu neuen Arbeiten drängt, ist auch hier allgegenwärtig.