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Joachim Weidner

Historie aus dem Holz geholt

Hoch-hoch-hoch-Moor

"Doch was da aus Holz war, bog sich und blieb", schreibt Brecht in den Buckower Elegien. Diese Zählebigkeit ist es, die den Schnitzer herausfordert. Diese Dauerhaftigkeit, die nach adäquaten Sujets verlangt. Holz ist eine sehr langsam tickende Uhr, und Achim Weidner bannt Geschichte darin, vorgeblich naiv, schlitzohrig zumeist, aber immer mit scharfem Blick. Mit seinem Relief "Blick aus dem Atelier" hält er ein ganzes Stück Kiez-Geschichte fest, um das sich seinerzeit niemand sonst mehr scherte. Ein Jahr ist über solcher Arbeit schnell vergangen. Im "Bonzenbad" von 1989 erinnert er lustvoll an die alte Erkenntnis vom nackten Kaiser. Was bleibt noch vom greisen Geschwabbel, wenn es die Tribünen verläßt? Auf einer anderen Tafel entfernt sich Hand in Hand ein Liebespärchen aus dem "Hoch-Hoch-Hoch-Moor", wo Leute, die bis zum Hals in sonstwas stehen, chinesische Vasen, Schlittschuhe, Denkmäler und Stiefel lecken, alles halt, was dem Untertan so vor die Zunge gerät. Aber auch der Frankfurter Historie nimmt Weidner sich an, des Herzogs Leopold, der beim Hochwasser vor zweihundert Jahren den Tod fand, als der den Dammvorstädtern zu Hilfe eilen wollte. Oder des Dichters Ringelnatz, der Frankfurt an der Entweder bedichtete und aus einem Caféhaus freundlich auf die Straße blickte, bis die Wende kam und jeder Fensterplatz sich rechnen mußte. Da blieb kein Platz mehr für hölzerne Gesellen, die nichts verzehren. In Fürstenwalde fanden elf Tafeln zu Hans Fallada ihren Platz, bei einem oderstädtischen Steuerberater die wunderbare Basilika, von deren vier Wänden jede eine andere Episode erzählt. Dieser Umgang mit Geschichte, diese leicht ironische Verfremdung ist es, die immer wieder neugierig macht. Weidners Bilder und Reliefs sind Einladungen zu Entdeckungsreisen. Ein Besucher der die jetzt im Kunstkeller Witzleben eröffneten Werkschau zum 60. Geburtstag des Künstlers brachte gar seine Lupe mit. Denn statt Wahrheit en bloc inszeniert Weidner seine Wahrheiten en detail, zur Freude nicht nur der Frankfurter, die diese Ausstellung durchaus auch als Hommage auf sich selbst begreifen dürfen - selbst wenn sie dabei Federn lassen.

Rebellische Lust an der anderen Wahrheit

Achim Weidner im Kunstkeller Witzleben

Die Diskussion, ob die Bilder und Holzreliefs von Achim Weidner nun Kunst seien oder irgendetwas anderes, währt seit Jahrzehnten. DDR-Kulturfunktionäre nutzten sie ehemals gern, wenn ihnen der Blick des gelernten Gebrauchsgrafikers bitter aufstieß. Aber der Schriftsteller Jürgen Barber, der am Wochenende die Werkschau zum 60. Geburtstag seines Freundes im Frankfurter Kunstkeller Witzleben eröffnete, kommt der Sache wohl am nächsten: "Können diese Werke in fünfzig Jahren etwas über das heutige Leben erzählen? Ich meine: Ja."

Geschichte wird bei Weidner zur Anekdote, zum Sinnbild, das er mit zuweilen kauziger Liebenswürdigkeit und detailreich inszeniert. Der Blick aus seinem Atelierfenster auf den Hinterhof beispielsweise vermittelt ein Gefühl von Kiezgemeinschaft, wie es kein soziologischer Report zeichnen könnte. Sein "Hoch-Hoch-Hoch-Moor" mit den schlittschuh-, preußendenkmal- und stieflelleckenden Lemuren, vor denen ein nacktes Liebespärchen flieht, oder sein "Bonzenbad" mit den schwabbligen Tribünenhelden waren immer ein wenig mehr als bloß rebellische Sarkasmen. An manchen dieser Arbeiten saß Weidner ein ganzes Jahr, und er weiß den Menschentrauben, die sich bei der Vernissage bilden, Dutzende Schnurren zu erzählen, die in die Arbeit einflossen. Den Werbemann indes verhehlt auch der Maler und Holzschnitzer nicht: So plazierte er den Dichter Ringelnatz mit seinen Frankfurt-an-der-Entweder-Versen an einem Caféhaustisch in der Großen Scharrnstraße - und zwar so, daß ihn die Flaneure von der Straße aus sehen konnten. Nach der Wende verschwand die Tafel unbeachtet in der Frankfurter Athothek. Das Pendant, die Tafel für den Innenraum, ist vor der jetzigen Exposition überhaupt nie gezeigt worden. Achtlosigkeit und Ignoranz mit ihren Folgen: Mief und Langeweile, also just dem, was Ringelnatz an dieser Stadt schnöde verhöhnte, dauern offensichtlich fort.

Die Frankfurter Moritaten immmerhin, die vom Untergang des Herzogs Leopold von Braunschweig in den Oderfluten berichten oder von der letzten Hexenverbrennung im Brandenburgischen, hängen heute noch im Ratskeller. Ebenso wie die liebevollen Reliefs zu Hans Falladas "Kleiner Mann, was nun" im Fürstenwalder Museum. Die Post verdankt Weidner ein opulentes Fensterbild in ihrem historischen Gebäude, der Stadt schuf er die bronzene Gedenkplatte für die verschwundene Synagoge. Als ein Hausbesitzer seine Villa gemalt wünschte, versah Weidner das blitzblanke Häuschen mit einem Vorgarten, in dem ein dorrender Baum mit gespleißten Ästen mahnend auf eine andere, weniger behagliche Realität verweist, und der Namenspatron der Straße - Friedrich Hegel - spaziert Seite an Seite mit dem Hausbesitzer und wirft seinen ironischen Blick in die Landschaft.

"Wahrheit neben der Wahrheit", nennt Barber diese Form der Verfremdung, die den Betrachter erst stutzen, dann lächeln und schließlich nachdenklich werden läßt. Noch unfertig zeigt sich auf einer Staffelei Weidners neuestes Bild. Da schlummert ein Riese in einer paradiesischen Landschaft, wandern zwei im Schutz seiner gewaltigen Hand, leuchtet, wie manches Mal in Weidnerschen Träumen, der Regenbogen am Horizont, das Gotteszeichen von Hoffnung, Frieden und Versöhnung. Es ist dies die Art des Künstlers, dem Leben jener nahe zu sein, deren Schwächen, Verschroben- und Verbogenheiten er mit unbestechlichem Blick desavouiert. Und es ist sein Eingeständnis, daß ihm dieses Leben eine unbändige Lust bereitet, an der er sein Publikum teilnehmen läßt.

1998

Nicht auf Reliefs verzichtet

Ein Grund in den Ratskeller essen zu gehen, bestand für viele Frankfurter und ihre Gäste darin, sich die skurrilen, merkwürdigen, kunstvollen und geschichtsträchtigen Holzreliefs von Hans Joachim Weidner mit den ironisch balladesken Texten von Jürgen Barber anzuschauen. Wie war das mit dem Bürgermeister Tschech, der vermeintlich brandbrünstigen Vorstadtwitwe, ihren Ziegen und der Stadtwache, dem adligen Lebensretter, der als einziger in den Fluten der Oder unterging, als er den Leuten der Dammvorstadt zu Hilfe eilte? Diese Geschichten fehlen sehr an den frisch geweißten Wänden. „Wir hätten die Kunstwerke gern übernommen, aber die Stadt wollte sie im Museum haben“, erklärt der neue Haushahn Wolfgang Flieder. Trotzdem ist es nur halb so schlimm für die Oderhähne, denn sie verfügen in ihrem bisherigen Domizil selbst über eine höchst reizvolle Sammlung von Arbeiten aus der Hand des Schnitzers, die mit sehr geistes-gegenwärtigem Witz auf das Frankfurter Leben reagierten. Die Liebenden, wie sie langsam dem Hoch-Hoch-Hoch-Moor der Stiefel und Kufenschlecker entschwinden, das Selbstporträt Weidners mit all den Leutchen aus dem Hinterhof... „Die werden wir natürlich auch hier wieder zeigen“, verspricht Flieder. Schon das könnte dann ein Grund sein, ab und zu die Oderhähne zu besuchen.

2003