Gabriele Mucchi
Figurinen der Geschichte
Bilder von Gabriele Mucchi zu Texten Brechts im Brecht-Weigel-Haus in Buckow
Geschichte ist ein weißes Blatt. Aus ihm treten Gabriele Mucchis Figuren hervor. So wie die „Gezeichneten Geschlechter“, die der italienische Kommunist 1983 nach einem Text Bert Brechts aufs Papier bannte. Es ist eine von rund 30 Arbeiten, die im Brecht-Weigel-Haus in Buckow zu sehen sind. Dort faulen die Äpfel im Garten, klammert die eiserne Zwinge die auseinander strebenden Äste des mächtigsten Baumes zusammen. Der Maler aber, der „Marie Farrar“ mit zwei Pinselstrichen den Ausdruck vollkommener Unschuld gab, der Jahre brauchte, um sich für jene Perspektive zu entscheiden, aus der er die mageren Knöchel der Kindsmörderin malte, hält Einzug ins Kabinett.
Mucchi war im Sommer 1955 bei Brecht zu Gast. Verbündeter gegen den stalinistischen Gestaltungskanon, Gastprofessor in der DDR, Architekt, Möbeldesigner, gewiss kein „Ingenieur der Seele“. Seine ersten Zeichnungen zu Texten von Brecht datieren aus den Jahren vor der Begegnung. Der letzte Zyklus entstand 1984. In ihm verwob Mucchi Brechts „Der Gedanke in den Werken der Klassiker“ mit einer realen Naturkatastrophe in Norditalien. Dem Maler steht ein Bild vor Augen. Eine Frau presst ihr Kind an sich und geht auf den Betrachter zu. Das Sujet ist alt wie die Not. Unablässig befragt der Maler es, wechselt die Mittel: Kugelschreiber, Tusche und Stift, Radierung und Lithographie, als verfolgte ihn mit mehr als 80 Lebensjahren noch immer die Frage, was das ist: Realismus. Die Frage, was er dem Kämpfenden – nicht dem Zyniker – abverlangt. Einen „Weltbürger mit kommunistischer Weltsicht“, nennt Professor Ernst Schumacher den Künstler, vergleicht ihn, wie Brecht, einem Sysiphos, der den Stein der Geschichte nach oben zu wälzen trachtet. Leichter lässt sich vorstellen, wie noch der Hundertjährige an der Geburtstagstafel in Mailand Liebes- und Partisanenlieder singt. Galeristin Eva Poll erinnert sich daran, und Mucchis Frau Susanne berichtet, wie ihr Sohn sich den väterlichen Lateinlektionen entzog. Da übersetzte der Alte dann eben Catull, und der Sprössling holte seine Abitur etwas später nach.
Auch Brechts „Lesendem Arbeiter zusammen“ malte Mucchi 1983: In sokratischer Nachdenklichhkeit pinkelt der hinein in den Strom, in dem die anderen schwimmen und dem sie – wie immer zu spät – zu entrinnen versuchen. Trotzdem ist das Bild keine Karikatur. Muccis Werke bleiben Sinn-Bilder. Sie sind dramatisch. Sie erfassen sparsam und genau die Figurinen der Historie in ihrem Zwiespalt zwischen Vermeintlichkeit und Realität.
Erst 1986 erschienen Mucchis Brecht-Nachdichtungen in einem Sammelband bei Garzanti unter dem Titiel „poesie inedite sull'amore - poesie politiche e varie“. Mucchi war nicht der erste Brecht-Übersetzer in Italien. Professionell, routiniert und bedrängt von Ablieferungsfristen hätten die anderen geschrieben. Zuwenig Liebe, mutmaßte Mucchi, der in seinen Nachdichtungen als erster auch am Reim festhielt. Sein Sprachkolorit, seine Transparenz und Plastizität lobte die Kritik. „Aber in ihrem eigentlichen Wesen sind meine Übersetzungen nichts anderes als die Fortsetzung unserer Berliner Gespräche“ schreibt Mucchi in seiner Autobiographie „Verpasste Gelegenheiten“. Für die Bilder gilt dies wohl nicht minder, und so ist die Exposition eine Möglichkeit, anzuknüpfen an den nicht beendeten Dialog.








