Manabu Ymanaca
Auf der Stufe der Vollkommenheit
Manabu Yamanaka stellt im Potsdamer "Waschhaus" aus
Die weißgetünchten Mauern der Potsdamer Galerie "Waschhaus", der weiße Hintergrund der fast lebensgroßen Porträts - nichts lenkt ab von den Bildnissen der 17 Frauen, die der japanische Fotograf Manabu Yamanaka in seiner Ausstellung "Gyahtei" ("Alter") versammelt hat.
Auf den ersten Blick sind es erschütternde Aufnahmen. Sie lassen dem Blick keine Ausflucht. Keine der auf den Akten dargestellten Tokioterinnen ist jünger als neunzig Jahre. Eine von ihnen starb drei Tage nach der Session. Auch die anderen sind fast alle bereits tot. Ihre Körper, wie der Fotograf sie festhielt, sind von Vergängnis gezeichnet. Ihre Gesichter offenbaren eine Erfahrung, die jenseits dessen liegt, was Bilder heute zur Massen-Ware macht, jenseits einer Gesellschaft, in der die "dynamic players" und ihre Schönheitschirurgen regieren, als ob es ein Altern nicht gebe. Jenseits aber auch der Angst vor sich selbst und vor dem was kommt, wenn der Weg gegangen ist und mit ihm auch der lebensspende Faden aller Selbsttäuschungen abgespult.
Wer diese Bilder aushält, wird Schönheit entdecken. Denn sie sind, wie Manabu Yamanaka im Gespräch mit dem Neuen Deutschland sagte "das Ergebnis gegenseitiger Liebe". Mehrere Jahre lang hat der 40jährige, der heute zu den bekanntesten zeitgenössischen Fotografen seines Landes gehört, als Pfleger für seine Modelle gesorgt, hat sie gebadet und gefüttert, angekleidet und gestützt. "Sicher gibt es keine alte Dame auf der Welt, die begeistert wäre, wenn ihr jemand vorschlägt, Aktfotos mit ihr zu machen", erlärt Yamanaka. "Sie haben zugestimmt, weil es eine Beziehung des Vertrauens zwischen uns gab."
So entstanden Fotografien von mehreren Dutzend Männern und Frauen. Daß Yamanaka sich schließlich für 17 Frauen entschied, hat einen simplen Grund: "Es waren diejenigen, die nach dem buddhistischen Glauben an der Schwelle zum Nirwana stehen, die keine Reinkarnation mehr durchlaufen müssen, um Erleuchtung zu finden, sondern die Stufe der Vollkommenheit erreicht haben. Das ist nur wenigen beschieden." Reinheit in diesem Verständnis ist das Ergebnis von Läuterung, nicht das Geschenk der Unversehrtheit, sie liegt nicht vor, sondern hinter dem Leiden und vereint alles in sich, was sie empfangen hat.
Während im Internet (http://www.ask.ne.jp/-yamanaka) diese und andere Expositionen Yamanakas vollständig betrachtet werden können, wurden in Japan erst zwei der Bilder öffentlich gezeigt. "Auch in meiner Heimat vermeidet man es, über das Alter zu sprechen. Aber jeder Mensch wird alt, jeder Mensch muß sterben und jeder Mensch hat Angst davor. Ich wollte zeigen, daß ein Mensch auch dann schön sein kann." Ohne Kamera, gesteht der Künstler, könnte er das nicht. "Ich habe keine Worte, das zu beschreiben. Nur meine Bilder."
Obwohl sich Yamanaka in seinen Bildern vollkommen auf den Menschen konzentriert und seine künstlerischen Dokumente fernab jedes moralischen Appells inszeniert, weiß er diese Portraits doch auch im Kontext einer Gesellschaft, "die gerade erst aufgewacht ist. Bald werden ein Viertel aller Japaner älter als 65 Jahre sein. Dadurch beginnt jetzt endlich eine Diskussion über Rentenversicherung und organisierte Pflegemöglichkeiten, über den Mangel an Altersheimen und Betreuungspersonal." Gerade in den Städten sei es schwierig geworden zu leben. "Die Kosten sind hoch, der Wohnraum begrenzt. Früher lebten drei Generationen zusammen und der älteste Sohn stand in der Pflicht, sich um die Ältesten zu kümmern. Heute werden viele Alte einfach weggeworfen." Sie ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken in ihrer Würde und in ihrer Kreatürlichkeit, ist eine Hoffnung für Yamanaka, "wenn die Menschen mit diesen Bildern kommunizieren."







