Otto Dix
Trau deinen Augen
Grafiken von Otto Dix im Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder)
Es war eine Wiederbegegnung. Zum ersten Mal sah ich Otto Dix' Arbeiten über den Krieg 1981. Soldat war ich - in Polens Bruderland - und im Bauch saß die Angst vor dem nächsten Alarm. Und im Kopf das dumme Pathos von der "verfluchten bitteren Notwendigkeit". Anderen ging es ähnlich. Wir behalfen und mit Rotwein und Metaphysik, zündeten Kerzen an und lasen nachts bei dem Flieger Exupery vom kleinen Prinzen. "Man sieht nur mit dem Herzen gut", stand dort. Ungeschrieben blieb die Frage, was geschieht, wenn das Gesehene das Herz zerreißt. Vielleicht kehrt einer dann nicht mehr zum Flugplatz zurück.
Der Krieg, unter Brüdern oder mit dem Klassenfeind, schien gar nicht mehr so unwirklich fern, als wir in einem dicken Bildband blätterten. Plötzlich starrte mich der Geraer Proletensohn an, wie er sich selbst gesehen hatte: als Verwundetenträger in seinem Kriegs-Triptychon von 1929/32.
Die unbarmherzige Ironie in den ein Jahrzehnt früher entstandenen Radierungen sah ich noch nicht. Auch nicht die Barmherzigkeit für die kleinen Huren und Muschkoten, den mondän sein wollenden Liebes- und Lebensersatz. Zuerst war da nichts als das Grauen. "Lens wird mit Bomben belegt" hieß eines der Blätter, wie wie eine Klammer zwischen Munchs "Schrei" und dem "Guernica" von Picasso. "Die Irrsinnige von St. Marie-…-Py" war ein anderes betitelt. Der Tod als Frau, die nach ihrer Brust greift, um das vor ihr liegende, tote Kind zu säugen. Und ein drittes, schon 1915 entstandenes Bild: "Selbstporträt als Schießscheibe". So weit sah ich damals noch nicht. Weder mit dem Kopf, noch mit dem Herzen.
Es mag ja sein, daß der Krieg heute sauberer ist. Leicht zu durchschauen, wenn auf dem Bildschirm Staub gewischt ist. Der Suchstrahl des Lasers ist die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten. Jeder Tornado-Pilot weiß das, über den Wolken, wo die Freiheit wohl gren- zenlos ist. Aber unten?
Die Ausstellung im Kabinett des Frankfurter Museums Junge Kunst steht auf der Liste jener Veranstaltungen, die dem 50. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus gewidmet sein sollen. Warum nicht ebenso dem vierten Kriegswinter in Jugoslawien? Oder der russischen Okkupation in Tschetschenien? Oder dem kurdischen Volk, gegen das eine Regierung mit deutscher Militärhilfe und Duldung der NATO-Bündnispartner Krieg führen läßt? Aber auch jenem könnten die Schau gewidmet sein, der mit dem Tucholsky-Zitat "Soldaten sind Mörder" bis in die letzte deutsche Instanz prozessieren mußte, um freizukommen. Und sogar dem Offizier, der meinte, daß ihm durch einen Drei-Wörter-Aussagesatz die Ehre abgeschnitten würde. Kein Arm, kein Bein - zum Glück.
Bei Exupery stand auch: "Du bist ein Leben lang verantwortlich für das, was Du Dir einmal vertraut gemacht hast." Deshalb also sollt ich meines Bruders Hüter sein? Aber ich war es nicht, und alles, was mir zu Hilfe kam, war nicht mein Verdienst.
Auch den Krieg hatten wir uns vertraut gemacht, ohne es wahrhaben zu wollen. Deshalb der Schrecken im Angesicht jener Bilder, die einfach nur festhalten wollten. Nicht richten und nicht belehren. In denen, wie der Maler es wollte, auch die Lust zu sehen war, die Neugier, das kleine Vieh neben dem großen Helden. Und beides in einem.
So sah der Maler aus Gera nicht nur den Krieg. "Trau deinen Augen" war der Satz, den er zu seinem Wahlspruch machte, den er mir nachzurufen scheint zwischen Kupplerinnen und Luden, dem geilen Matrosen, dem Greis und der Bettlerin.
Vier Jahre grafischen Schaffens sind in der Exposition versammelt, die als Leihgabe des Instituts für Auslandsbeziehungen Stuttgart nach Frankfurt kam. Zwischen den Engeln, die von der Barockdecke lächeln, und den furchtbar sterblichen Gesichtern an den Wänden wildwechselt der Blick. Trau deinen Augen.
"Otto Dix - Kritische Grafik, Radierwerk "Der Krieg"
Otto Dix - Selbstdarstellung als Verwundetenträger
Kriegs-Triptychon 1929 - 1932
Kein Tag, gelebt, fehlt diesem Atemzug.
Der Krieg ist Sumpf. Ein Antlitz welkt und wehrt
Des Fiebers sich, das diesen Mann beschwert,
Wie der Geschundne, den er mit sich trug.
Dies ist die wahre Pest und ihr anheim-
Gefallen alles, was den Mann umgibt.
Er bäumt sich: Dorthin habt ihr mich - geliebt,
Wo alle Harmonie verdorrt im Keim?
Die Augen kralln an der verfluchten Saat,
Die er mit Blut und Dreck gedüngt. Verrat!
Schreit auf sein Blick. Er kann uns nicht mehr schauen.
Als Gleichnis aber, sich, das er uns läßt,
Hält er das gute Tier im Menschen fest.
So hemmungslos entblößt sich nur Vertrauen.
Henry-Martin Klemt, 1981







