Willi Sitte
Das Gesicht aus dem Moor ins Wasser gerettet
Werkschau von Willi Sitte auf der Burg Beeskow
Willi Sitte zeigt sein Gesicht. Darin zu lesen, fällt schwer. Der eindringliche Blick verbirgt mehr, als er preisgibt. Nur zur Hälfte schaut es aus der amorphen Masse heraus, wirft seinen Schatten zurück. „Selbstbildnis im Moor“ nannte der Maler das Selbstporträt Mitte der achtziger Jahre. Ein halbes Jahrzehnt später der gleiche Ausdruck. „Selbstbildnis im Wasser mit Stein“. Die Verhältnisse haben sich geklärt. Im Moor läuft es sich schlecht. Im Wasser kann der Mensch sich fortbewegen. Die Chance zum Untergang, zum Ersticken, zum Verschwinden ist allemal gleich. Willi Sitte, heute 82 Jahre alt, hat das Kinn über der Oberfläche behalten. Trotzig auf heitere Art ließ er sich auf der Burg Beeskow von einem 300-köpfigen Vernissage-Publikum feiern. Es ist die erste Werkschau im Osten Deutschlands seit langem. In der alten Bundesrepublik ist der Künstlers mittlerweile gegenwärtiger als in dem Halb-Land, von dem er heute sagt: „Ich habe es nicht verstoßen. Es hat mich verstoßen“.
Die Ausstellungsmacher haben sich vor dem Versuch gehütet, „den ganzen Sitte“ vorstellen zu wollen. All zu leicht könnten die großformatigen, explosiven Malereien das alte Burggewölbe sprengen. Die opulente Körperlichkeit, der in der DDR der Satz nacheilte: „Lieber vom Leben gezeichnet als von Sitte gemalt“, bildet jedoch nur eine Facette im Oevre des Hallensers, der noch heute in seinem Atelier „Frohe Zukunft 1“ tätig ist. Die Fülle der Autoporträts, die nun in Beeskow zu sehen ist, bezeugt vor allem Kontinuität im Blick auf sich selbst und den fortdauernden Widerstreit zwischen Ironie und Bitterkeit. Die Grenzen zwischen Bekennermut und Sarkasmus scheinen fließend, wenn Sitte „als Arbeiter mit Schutzhelm und Tube“ neben der Staffelei posiert oder an der Seite seines Vaters die eigene Blöße in die Sowjetfahne hüllt. Im Mittelpunkt dieser Kollektion aber ist Sittes „Warschauer Familie 1943“ zu sehen, den Aufstand im jüdischen Ghetto erinnernd. Ein Aufschrei, ein Motiv über jede Alltagswiderwärtigkeit hinweg.
Selbstbildnis als Arbeiter
Eine Wiederbegegnung gibt es mit zahlreichen Druckgrafiken, die Sitte nicht nur als vorzüglichen Zeichner ausweisen, sondern einmal mehr die Affinität seines Raumgefühls zur Bildhauerei unterstreichen. Zugleich spiegeln sich in den Blättern Traditionslinien und Wahlverwandtschaften von Delacroix bis Courbet, Corinth bis Rembrandt, Goya und Signorelli. Was in den auf der Burg gezeigten Frühwerken der 50-er Jahre noch Anempfindung eines Avantgardismus in den Spuren Picassos war, das stellt sich in den Grafiken der 80-er Jahre zumeist als philosophische Befragung zwischen Ode und Memento Mori dar.
Die Zeiten, als die SED-Parteihochschulchefin Hanna Wolf angesichts von Sittes „Proletearier aller Länder, vereinigt euch“ sittliche Bedenken hegte und nach einem schlichtgrauen Vorhang griff, sind vorbei. Das heißt, sie sind auf neue Art gegenwärtig. Im UN-Sicherheitsrat, so erinnerte Laudator Peter Michael, wurde im Februar 2003 Picassos „Guernica“ verhüllt, um Collin Powell nicht mit den absehbaren Folgen amerikanischer Außenpolitik zu belästigen. Sittes „Proletariern“ gab die PDS bei der Umgestaltung des Hauses am Kölnischen Park in Berlin den Laufpass. Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg hat mit seinem Ausstellungs-Ukas wenig für die Freiheit der Kunst und einiges gegen den Ruf der eigenen Unabhängigkeit getan. So wenig überraschend dies alles für den früheren Präsidenten des Verbandes Bildender Künstler der DDR sein dürfte, so wenig nimmt es der ausgreifenden Handschrift, dem detonationsartigen Strich Sittes etwas von seinem Charakter und seiner Einzigartigkeit. Peter Michael nennt es „ein Beharren auf einem ganzheitlichen Menschenbild an Stelle eines modernen Nachwendepessimismus“. Wenn aber mit den großen Formaten auch der akklamierend berserkende Geschichtsoptimismus aus den Bildern Sittes verschwand, ist dies kein Verlust.


