Vita Schriftsteller Journalist Freunde Orte Lektüre Downloads Impressum
Startseite Journalist Rezensionen Bildende Kunst Staeck und Gerz

Journalist


Kommentare Portraits und Gespräche Portraits und Gespräche 2 Rezensionen Bildende Kunst Rezensionen Biographien und Autobiographien Rezensionen Filme Rezensionen Fotografie Rezensionen Kabarett Rezensionen Lyrik Rezensionen Prosa Rezensionen Sachbücher Rezensionen Theater Verstreutes

Arslan Beckmann Bisky Bolchoun Dix Engelhardt Förster Goßmann Grimmling Kollwitz Mach Meine Welt Mucchi Neubauer Rother Schulze - 1997 Sitte Staeck und Gerz Stötzer Weidl Weidner Yamanaka Zhang



Klaus Staeck und Jochen Gerz

Freiheit für Rosa Luxemburg und Coca Cola

Jochen Gerz und Klaus Steack präsentieren erste gemeinsame Ausstellung in Frankfurt (Oder)

Zum ersten Mal stellen Jochen Gerz und Klaus Staeck ihre Werke gemeinsam aus: die Klarheit jeder Aussage in Frage stellend der eine, die plakative und doch schichtenreiche Deutlichkeit suchend der andere. Damit stellen sie sich in ihrer vom Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) und der Akademie der Künste initiierten Schau wechselweise in Frage – ein überaus produktiver Prozess, an dem der Zuschauer Anteil nimmt.

Beide stammen aus dem Osten Deutschlands. Der Berliner Gerz lebt seit Jahrzehnten in Paris, der Pulsnitzer Staeck fand sein Zuhause in Köln. Sie gelten als politische Künstler und gehören in ihrem Metier zu den Bekanntesten. Beiden ist der Sprung in deutsche Museen gelungen – was beide nicht nur als Kompliment begreifen. „Ruhestörer“, nennt Museums-Chefin Brigitte Rieger-Jähner sie: „Sie regen mit ihren Plakaten, Objekten, Installationen, Fotoarbeiten und Fotografien das Nachdenken an über Fragen, die man meinte, für sich geklärt zu haben.“

An der Giebelwand des Rathausgewölbes empfangen den Besucher die Porträts von 48 Einwohnerinnen der Stadt Cahors. Gerz befragte die Zeitgenossinnen von Maurice Papon – verantwortlich für die Deportation von Juden im Raum Bordeaux, Vichy-Kollaborateur und Nachkriegsminister – nach dem Zusammenhang von privater und öffentlich sozialer Wahrheit. Die Antworten sind zu einem vielstimmigen Credo auch für diese Ausstellung geworden: „Wahrheit ist auch das, was man nicht mehr tut, was man gerne tun würde und auch wie man etwas macht.“ Nebeneinander hängt Gerz seine schwarzroten Schrifttafeln, die Freiheit für Rosa Luxemburg und Coca Cola, Adam Smith und Michail Bakunin, Florence Nightingale und Ezra Pound fordern: Wie war das mit den Andersdenkenden?

Staeck schleppt Koffer herbei, von der typischen Gastarbeiterkiste bis zum vormals luxeriösen Gepäckstück. Übermannshoch aufgestapelt dräuen sie am Rand einer Europaflagge, deren Sternenkreis von Stacheldraht bewehrt der Kriege harrt, die da noch kommen werden. „Frieden vernichtet Arbeitsplätze“, mahnt ein Plakat und der Sozialismus wird wach mit dem Foto von einem HO-Geschäft, in dem die staatstragenden Winkelemente bündelweis in Klopapierrollen drapiert wurden – andere Fähnchenhalter waren offenbar nicht zur Hand. Der Fotograf Staeck ist ebenfalls eine Neuentdeckung dieser Schau. „Früher habe ich mich einfach auf anderes konzentriert“ meint der Künstler, der seit Jahrzehnten immer auch mit der Kamera unterwegs ist.

Mit grimmem Humor bestätigen Staecks Werke immer wieder die Einsicht, dass wir nur verbrauchen können, was wir selber von anderen haben erarbeiten lassen. Keine erste Welt ohne eine dritte. Dafür hat der gelernte Rechtsanwalt Dutzende Prozesse in Kauf genommen – und gewonnen. „Natürlich lasse ich mich nicht so leicht erschrecken, wie juristische Laien. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Meinungsfreiheit in diesem Land sehr weit geht. Man muss nur Gebrauch von ihr machen.“

Wo Staeck die Volltöne liefert, sorgt Gerz für Nuancen, Kontrapunkte. Wo Staeck auf das konzentrierte, zum Symbol geronnene Bild setzt, versucht Gerz, das Wort aus dem Schweigen zu schälen, was auch heißen kann: aus dem Geplapper. „Seit der Wiedervereinigung habe ich das Gefühl, in die Fremde zu kommen, wenn ich nach Deutschland komme“, gesteht er. „Es scheint mein Status zu sein, dass ich nach Hause komme, wo ich nicht zu Hause bin.“ Zugleich plädiert der „begeisterte Europäer“ dafür, „Geduld zu haben mit sich und mit der Gesellschaft. Deshalb muss ich immer wieder eine Lanze brechen für diese unglaublich stümperhafte Umwelt, zu der wir selber gehören.“

00000400