Werner Stötzer
Sich stellen und weiter machen
Zu Besuch bei dem Bildhauer Werner Stötzer in Altlangsow
Und wer lehrt mich,
was ich vergaß: der Steine
Schlaf, den Schlaf
der Vögel im Flug, der Bäume
Schlaf, im Dunkel
geht ihre Rede - ?
Johannes Bobrowski
Werner Stötzer Foto: Henry-Martin Klemt
Erdschwer ein Mann, er geht, mit kurzen Schritten, um sich eine Kruste aus Marmor. Das Abendlicht spielt darauf, wie auf einem vereisten See. Der Arm eine Säule ohne Sockel, die Hand muß sich zügeln, um zärtlich zu sein. Unmerklich entfernt der Mann sich und scheint doch zu kreisen um den Torso im Rücken, das Weib. "Naja", sagt Stötzer: "Wir kommen alle aus den Müttern." Und reißt mit der Kohle eine neue Linie auf den Stein, schießt einen verbeulten Ball durch den Garten. Zwischen Marmorsplittern und Skulpturen fegt Lumpi, der Hund, seinem Spielzeug hinterher. Stötzer saugt an seiner Zigarre. Hinten im Haus lockt gelbes Licht und verspricht etwas Wärme. Der Abend ist herbstlich und kühl. Der Hammer federt in der Hand des Bildhauers, er schwitzt. Acht Stunden am Stein sind kein Zuckerlecken, wenn einer 63 ist. Aber am 21. Oktober soll die Plastikgruppe in Potsdam stehen, vor dem Brandenburger Tor. "Toleranz" ist ihr Thema, sich nähern, sich entfernen. Die beiden sind einander nicht gleich und gleichgültig schon gar nicht. Sie haben miteinander zu tun. Dazu brauchts keine schwierigen Sätze. Alle großen Fragen sind einfach. Wie die Utensilien es Künstlers: Holzkohle, Spitzeisen, Hammer.
Zuerst ist der Stein immer ein Feind
Der Stein wehrt sich. Er läßt sich nicht formen und verändern nach Belieben. Der Ton duldet einen Gott über sich. Der Stein aber reißt ihn in seine Menschlichkeit zurück. Zuerst ist er ein Feind. "In Glauben und Unglauben kommt man zueinander, denn ich will ihn ja nicht bezwingen, sondern befreien, was in ihm steckt", meint Stötzer. Dabei verzichtet er weitgehend auf Maschinen. Er möchte den Hieb wiedererkennen im wechselnden Licht, wo er den Stahl angesetzt hat.
Stötzers Eltern haben Spielzeug geschaffen. Der 1931 in Thüringen Geborene wurde nach dem Krieg Kerammodelleur für Porzellangestaltung. An der Fachschule gab es die Lebensmittelkarte für Schwerstarbeiter. Nicht unwichtig für ihn, die Mutter, den Bruder. Der Vater blieb im Krieg - und in Stötzers Träumen, jahrzehntelang.
Der Gesellenprüfung folgte das Studium in Weimar und Dresden. Nach dem Bildhauer-Diplom bewarb sich Stötzer als Meisterschüler an der Berliner Akademie. Gustav Seitz wurde 1954 sein Lehrer. "Brecht. Becher. Arnold Zweig. Anna Seghers. Stephan Hermlin. Bodo Uhse", zählt Stötzer auf. Ihre Stücke, Bücher, die Zeichnungen der Kollwitz haben ihn geprägt bis hin zu der zehn Jahre lang währenden Arbeit für das Marx-Engels-Forum in Berlin, die er mit einem Langstreckenlauf vergleicht.
Die Form des Reliefs ermöglichte es ihm, mit menschlichen Körpern von Trauer, Kampf, Liebe und Leid zu erzählen. "Das sind die elementaren Regungen der Menschen, und ich konnte sie versammeln auf einer Fläche von zehn Metern." Sie bleiben wie die Angst vor dem Fertigen, Perfekten, Starren, über die Stötzer oft gesprochen und manchmal geschrieben hat. So auch in dem Band "Werner Stötzer. Skulptur und Zeichnung", der bei DuMont erschien. Lakonisch und genau fixiert Stötzer dort Episoden aus seiner Biographie. Er hält sich an das Sinnliche, das immer offen ist für den anderen, wenn von Freunden die Rede ist, von der Arbeit oder den Gründen, in dem Land zu bleiben, dem er sich verbunden fühlt. "Ich bin ein deutscher Bildhauer. Ein großes Vorbild ist Schlüter, Schadow ist wichtig und Rauch, Lehmbruck und Barlach, diese ganze Phalance deutscher Bildhauer, aus der ich komme."
Zwei Stunden am Tag nimmt Stötzer sich Zeit, um zu lesen. Eine Plastikgruppe im Garten ist Hermlins "Ballade von den großen Städten" gewidmet. Doch am tiefsten berühren ihn die Verse von Johannes Bobrowski, dessen Wurzeln bis in den deutschen Barock Stötzer ebenso schätzt wie die völlig neue Beschreibung der östlichen Landschaft.
Da muss der liebe Gott dazwischenhauen
Der Mensch muß ein Zentrum haben, um das sich alles bewegt. Für Stötzer sind es die Lebensgefährtin, Kritikerin und Künstlerkollegin Silvia Hagen, die Tochter, der Sohn. "Wenn ich unterwegs bin, sehne ich mich nach dem großen alten Haus. Nach den Büchern, den Arbeiten, der Musik. Das ist, was für mich das Leben eigentlich ausmacht. Dann geh ich ins Kaufhaus und sehe, was ich alles nicht brauche."
Sicher ist heute ein Marmor leichter zu bekommen, wenn man das Geld dafür hat. Früher bekam Stötzer manchmal Grabsteine geschenkt. Ein Hebezeug, eine Fräse erleichtern die Arbeit. Aber sonst sind die Genüsse die alten geblieben: die scheinbar nie verlöschende Zigarre, kochen, gut essen und trinken, die Entdeckung eines Gedichts. Nachdenken.
"Bei einem Abendessen sagte einmal ein Kollege von mir zu seiner Frau: Muddel, wir habens doch geschafft... Das hat mich so betroffen gemacht, daß ich die ganze Nacht nicht damit fertig wurde. Was hat man denn geschafft? Ist man prominent geworden? Ich war erschrocken. Da muß doch der liebe Gott dazwischen hauen. Wenn man nicht mehr aufreißt, was fertig erscheint, was geschafft erscheint, dann ist das eine Bankrotterklärung."
Als es nach dem Beitritt neuer Anstöße bedurfte, um mit den materiellen und seelischen Schwierigkeiten fertig zu werden, organisierte Stötzer das 1. Internationale Bildhauersymposium "Europa ohne Grenzen" auf dem Krugberg unweit seiner Wahlheimat Altlangsow. Inzwischen gibt es viele solcher Projekte. In Strausberg wurde jüngst der Grundstock zu einem Skulpturenpark gelegt. Im Schul- und Bethaus Altlangsow, dessen Restaurierung Stötzer schon zu DDR-Zeiten anregte und das jetzt durch einen Förderverein getragen wird, zeigt derzeit Gertraud Wendlandt, eine seiner Schülerinnen, ihre Arbeiten.
Wir zeigen unsere Hände
Stötzer selbst, der vor kurzem den mit 10.000 Mark dotierten Ernst-Rietschel-Kunstpreis in Pulsnitz erhielt, zeigte seine Arbeiten zuletzt gemeinsam mit Nuria Quevedo in der Berliner Sophien-Edition und arbeitet mit drei Galerien im Osten Deutschlands zusammen. "Das ist mir schon fast zuviel." An der Küste wartet der Stein für die ertrunkenen Seeleute auf ihn, der im nächsten Jahr auf der Mole von Warnemünde aufgestellt werden soll, in Trebnitz eine zweieinhalb Meter hohe Eiche, im Garten entsteht eine lebensgroße Ariadne, zu der Stötzer sich auf der griechischen Insel Naxos anregen ließ. Spiel ist für ihn das Schwingen zwischen Hinwendung und Distanz. Bauch und Kopf entscheiden darüber, welche Form zur anderen gehört. Und auch der Stein verrät es ihm. "Das heißt nicht, daß ich es leicht nehme, aber daß ich versuche, sehr frei damit umzugehen. Und Freiheit bedeutet auch Spiel."
Vielleicht ist das der wichtigste Grund, weshalb Stötzer froh über die offenen Grenzen ist. "Die Jüngeren bekommen jetzt wieder einen ganz anderen Zugang dazu. Diese Weltbegegnung läßt die Gedanken nach dem Süden gehen, läßt sie Kunst und Architektur anderer Länder erleben." Aber daß er jemals würde erklären müssen, daß Bildhauer ein Beruf ist, hätte er sich vor einigen Jahren nicht träumen lassen. Denn Bildhauer nennen sich auch Leute, die "in Dachlatten machen", Holz sägen, daraus Objekte zimmern und im übrigen einer anderen Profession nachgehen. Wenn Stötzer davon berichtet, versucht er die Verletztheit zu überspielen.
In der Diskussion um die DDR-Kunst hielt sich der letzte Vizepräsident der Akademie der Künste Ost zurück. Es war nicht seine Sprache, in der solche Debatten geführt wurden. Die CDU werde im Senat weiter fordern, daß die Akademiemitglieder sich gaucken lassen und Leute wie Baselitz würden weiter von Arschlöchern schwätzen. Das sei nicht maßgebend für den Umgang zwischen Ost- und Westkollegen. "Wir zeigen uns unsere Hände und was wir gemacht haben. Damit stehen wir sehr nackt da und sind verwundbar. Die Politiker nicht." Kämpfe freilich werde es immer wieder geben.
"Wenn heute die Sowjetunion und das Hitlerreich verglichen werden, dann muß man auch sagen, daß unter Hitler überhaupt keine Kunst entstanden ist. In der Sowjetunion Stalins gab es Schostakowitsch, Chatschaturian, Fadejew, Scholochow, Ehrenburg. Die Namen der Künstler, die unter dieser Diktatur gearbeitet haben, sind Legion. Und sie reichen bis in die jüngste Zeit. Da gab es einen Aitmatow, Jewtuschenko. Das soll keine Kunst gewesen sein in der Musik und der Literatur? Neben dem "Archipel Gulag" ist auch noch anderes
entstanden - und nicht nur eine Lüge."
Eines Tages läßt sich nichts mehr verdrängen
Aber Politik und Geschichte sind verschiedene Dinge, meint Stötzer. "Politik ist eine Nebenwirkung der Geschichte und deshalb ist sie uninteressant. Sie wird andauernd umgestülpt, die Geschichte nicht. Die schlägt zu, wie wir gesehen haben." Das hindert Stötzer nicht, in der Politik auch Partner zu finden. "Stolpe zum Beispiel ist ein Mensch, der Augen hat. Der kann sehen und man kann mit ihm reden." Auch die Zusammenarbeit mit den Westkollegen in der berlin-brandenburgischen Akademie macht ihm Spaß. "Wir kennen unsere Werke, gehen mit Formen um, arbeiten nach den gleichen Gesetzen. Viele, die ich kennengelernt habe, waren eine Bereicherung für mich." Stötzer rechnet auch mit der Rückkehr einiger Akademiemitglieder, die im Affekt ausgetreten waren. "Und das wird wieder eine Bestätigung dafür sein, daß es richtig ist, sich zu stellen und weiterzumachen."
Vor dem Haus stehen zwei riesige Kastanien. Niemand sammelt ihre Früchte auf. "Schade", meint Stötzer. Er wird sich jetzt eine Stunde ausruhen, sich mit einem Buch hinlegen. Eines nachts war er erwacht und hatte gemerkt, daß er seine Ängste nicht mehr verdrängen kann, nicht den Tod von Freunden und Bekannten, nicht den Gedanken an das, was würde, wenn er nicht mehr arbeiten könnte. Silvia Hagen steht noch in ihrem Atelier. Der Nachbar baut an seinem Garagentor, grüßt über die Straße, während Stötzer die Pforte verschließt. Hier gehen die Uhren anders.
Immer zu benennen:
den Baum, den Vogel im Flug,
den rötlichen Fels, wo der Strom
zieht, grün, und den Fisch
im weißen Rauch, wenn es dunkelt
über die Wälder herab.
Johannes Bobrowski
Werner Stötzer, 2008
Fotos: (c) Henry-Martin Klemt
Wegzeichen für die Bank
"Stop!" Beim ersten Versuch, den siebeneinhalb Tonnen schweren Stein umzusetzen, rutscht er aus den gefrorenen Gurten heraus. Der Ausleger mit dem Fünfzig-Meter-Arm hält inne. Der Altlangsower Bildhauer Professor Werner Stötzer zündet sich eine neue Zigarre an. Der Filialdirektor der Dresdner Bank, Albert Pfündl, haucht in seine klammen Hände. Bauarbeiter werfen einen skeptischen Seitenblick auf den Sattelschlepper, der Stötzers "Großes Wegzeichen" aus Heilbronn geholt hat, wo es vier Jahre lang als Leihgabe vor dem Museum stand. Dann schwebt die Last herüber zum Neubau im Zentrum der Stadt. Zentimeter für Zentimeter nähert die Plastik sich ihrem endgültigen Bestimmungsort. Carlo Wloch, ein von der Insel Rügen stammender Steinrestaurator und Steinbildhauer-Meister, weist den jungen Kranfahrer ein, stemmt sich gegen den steil aufragenden fränkischen Muschelkalk, winkt ab. Stötzer weiß, daß er sich auf Wlochs Augenmaß verlassen kann. Die beiden arbeiten seit fast zwei Jahrzehnten zusammen, jeder mit dem Anspruch, Kunst und Handwerk miteinander zu verbinden.
"Es ist eine angenehme Situation für mich", kommentiert Stötzer den Ankauf seiner Plastik durch die Dresdener Bank. "Ich wollte den Brocken gern wieder in unserer Region haben. Und hier macht er sich doch gut." Entstanden ist das "Große Wegzeichen" bei einem Bildhauersymposium 1988 in Westberlin, an dem auch vier Künstler aus der DDR teilnahmen. Ein Galerist hatte die Initiative dazu ergriffen, eine westdeutsche Firma den Stein gesponsert. Einige Jahre stand das Werk unweit der Nationalgalerie. "Es war auch ein Zeichen, daß wir da sind", meint Stötzer zu der Arbeit, die einen in den Stein zurückgenommenen, seitwärts geneigten Körper ahnen läßt, einen Torso, offnen nach allen Seiten, gestützt durch den massigen Block, zugleich ihm anverwandt.
Auch die Bank will mit dem Werk ein Zeichen setzen. Für die dem kleinen, zur Gründerzeit angelegten Park zugewandte Seite des Gebäudes soll es eine Ausschreibung für Knstler geben. Gemeinsam mit der Innenraumgestaltung soll eine Gesamtkomposition entstehen, in der Menschenbild und Landschaft eine Rolle spielen, Osten und Westen zueinander kommen oder einander konterkarieren. Einbezogen werden Künstler aus ganz Deutschland, wie Albert Pfündl sagte. Auch ein Engagement bei der Gründung eines "Zentrums innovativer Kultur" auf dem Gelände des Business and innovation Centres Frankfurt (Oder) hält der Bankchef für möglich.
1995
Der große Schlüssel hängt im Haus
Noch vor wenigen Tagen stand die Plastikgruppe zum Thema "Toleranz", die sich nun ins Potsdamer Stadtbild am Brandenburger Tor einfügt, hinter dem Haus des 63j„hrigen Bildhauers Werner Stötzer in Altlangsow. Seit fast anderthalb Jahrzehnten lebt der geborene Thüringer im Oderbruch. Hier findet er den Horizont, die Weite, die er für seine Kunst braucht. Immer wieder beschäftigen ihn die elementaren Empfindungen von Menschen: Liebe, Schmerz, Angst, Zorn. Auch seine bisher größte Arbeit, das zehn Meter breite Relief für das Marx-Engels-Forum in Berlin, erzählt davon.
Den Marmor, vierzig Tonnen schwer, holte er sich damals selbst aus dem bulgarischen Piringebirge. Im Gepäck hatte er einen Koffer voll Schnaps für die Männer aus dem Steinbruch, die mit feuchten Säcken auf dem Kopf der mediterranen Sonne widerstanden. "Ein alter Partisan, der mich mit dem Jeep die Serpentinen hochkutschierte, hatte mir dazu geraten", erinnert Stötzer sich. Auáerdem zeigte er den Arbeitern Fotos von seinen Entwürfen. Abends brachten die Männer Forellen und Hühner, die in einer langen Nacht am Feuer gebraten wurden. Solche Augenblicke bewahrt der Künstler sein ganzes Leben lang, und während er erzählt, saugt er an seiner Zigarre, zieht den Kohlestift aus der Tasche und fixiert auf dem frischen Marmorblock einen neuen Ansatz für den Meißel. "Die Frage ist: Was bekommt jemandem? Bildhauerei hat auch damit zu tun, daß man haut. Mir bekommt der Stein auch durch die körperliche Anstrengung."
Die "Wand des Vormärz" an der Spree wurde unter Denkmalschutz gestellt. Der Originalentwurf ging in die Sammlung Ludwig ein. Stötzer gehört zu den bedeutendsten Bildhauern hierzulande, auch wenn er jeden Superlativ gelassen lächelnd von sich weist. "Ich bin ein deutscher Bildhauer. Aber ich liebe auch das Mittelmeerische." Er nennt Schlüter und Rauch, Lehmbruck und Barlach. Dann zählt er Dichter auf, Komponisten. Ein Leben ohne Verse und Musik wäre nicht denkbar für ihn. Manchmal schreibt er selbst. Der DuMont-Verlag, bei dem bereits ein repräsentativer Band zum Werk Stötzers erschien, will im kommenden Jahr auch Texte des Bildhauers publizieren. Sie haben eine eigentümliche Strahlkraft, die aus schlichten, sehr genauen und sinnlichen Beschreibungen herrührt.
So ist auch der Mann, wenn er den Hammer führt, das Spitzeisen ansetzt, doch plötzlich macht er den Gast aufmerksam auf eine kleine Veränderung des Lichts, die vom Marmor aufgenommen wird und alles verändert: die hochaufgerichtete, schwere Gestalt des Mannes und der Frauentorso, dem er den Rücken zuwendet, obwohl er - die Spannung zwischen beiden im verrät es - ohne ihn nicht gehen könnte.
Jedes Werk spricht über seinen Schöpfer. Stötzer kann sich nicht denken ohne seine Lebensgefährtin Silvia Hagen, die Tochter, den Sohn. Selbst die kurzzeitige Trennung vom dem 150jährigen Haus, den alten Kastanien, der Bibliothek fällt ihm schwer. "Das war früher nicht so."
Stötzer hat Kerammodelleur gelernt, die Bauhaustraditionen in Weimar kennengelernt und die "Erfindung des sächsischen Kommunismus" in Dresden erlebt, war Meisterschüler bei Gustav Seitz und Probenbesucher an Brechts Berliner Ensemble. Auf vielen Symposien hinterließ er seine steinerne Spur. Ulbrichts "Bitterfelder Weg" und Honeckers "Weite und Vielfalt" haben ihn seinen künstlerischen Ansprüchen nicht entfremdet. Dazu gehört das Wechselspiel von Heiterkeit und Ernst, Nähe und Distanz, Glauben und Aberglauben für ihn. Selbst zum Meister geworden, lehrte er jüngere wie Horst Engelhardt und Gertraud Wendlandt, sich selbst zu verwirklichen. Die Arbeiten der Mecklenburgerin sind im benachbarten Schul- und Bethaus zu sehen. Der große Schlüssel dafür liegt bei Stötzer im Haus.
Schon in der DDR-Zeit hat er sich für die Restauration des Hauses eingesetzt. Heute gibt es einen Förderverein, Ausstellungen, Konzerte, Lesungen. Nach der Wende organisierte Stötzer das erste Internationale Bildhauerseminar "Europa ohne Grenzen" auf dem nahen Krugberg, um Kollegen zusammenzuführen und Mut zu machen. Inzwischen ist die Vielzahl solcher Projekte Ausdruck künstlerischen Selbstbewußtseins zwischen Neuanfang und Kontinuität.
Der Wahl-Brandenburger bringt gern Dinge auf den Weg, die lebendig genug sind, ohne ihn fortzubestehen. Was ihn ängstigt, ist das Streben nach Perfektion, die zur Erstarrung führt, nach Fertigem. Es muß etwas offen bleiben, einen Zwischen-Raum geben, der eine neue Möglichkeit verröt. Zwischen den beiden Plastiken scheint die Abendsonne hindurch. Noch einmal fliegen Marmorsplitter durch den Garten. Die Arbeit muß zu Ende gebracht werden. Sie wird nicht fertig sein.
1994



