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Weidl

Spieglein, Spieglein auf dem Fluß...

Vom schönen Scheitern an der Natur

Ganz egal, mit wem man sich unterhält, mit dem Unternehmer aus den alten Bundesländern, dem zugereisten BGS-Beamten an der Grünen Grenze oder dem Touristen: Die Faszination angesichts einer weitgehend in ihrer Ursprünglichkeit belassenen Uferlandschaft mit ihrem vor Eiszeiten gewachsenen spröden Charme eint sie alle. Für die einen ist sie die Waage, auf der das Wörtchen Heimat liegt, für andere eine Erinnerung an schon historisch anmutende Wurzeln jenseits einer zunehmend als natur- und also menschenfeindlich empfundenen Urbanität. Und immer wieder inspiriert das Oderland die Künstler - mitunter zu einer ästhetischen Akrobatik, die noch am ehesten einer sehr für den Schöpfer sprechenden Hilflosigkeit Ausdruck verleiht, selbst dann, wenn sie sich aus Furcht vor jeder Demutsgeste ins Monumentale flüchtet.

Das Projekt "Spiegelfluß" von Peter Weidl ist solch ein Versuch. Sein genialischer Zug besteht darin, daß sich das Vorhaben zwar nicht umsetzen, aber sehr schön herumzeigen läßt. So derzeit im Festsaal des Frankfurter Rathauses und im kommenden Jahr in Stettin. Seit Weidl die Oderlandschaft 1987 zum ersten Mal besuchte, hat sie den Niederbayern gefesselt. Schon 1991 entstand das Modell für sein Objekt: Dreizehn Spiegelsäulen, dreißig Meter hoch und vier Meter breit, sollen im Abstand von vier Metern unterhalb von Frankfurt (Oder) in die Mitte des Stroms gestellt werden. Dem Betrachter soll, so Weidl, damit die Möglichkeit gegeben werden, das Geheimnis des Flusses zu erkennen, der Fluß gar soll sich aus einer Schicksalsgrenze in den "Fluß an sich" verwandeln. "Die Landschaft beider Seiten vereinigt sich durch Spiegelung und Durchblick zu einem Bild eigendynamischen Geschehens...Der Betrachter wird somit Gestalter seines Sehens." Das klingt gewaltig, aber wie ein Frankfurter Grafiker bei der Vernissage murmelte, tut das auch jeder Autofahrer, wenn er in den Rückspiegel schaut. Überdies hätte dieses auf eine Strecke von hundert Metern ausgedehnte gigantische Spiel einen Gartenzauneffekt: Wo sich der Betrachter selbst bespiegelt, verliert er den Blick auf das Gegenüber, wird seine Wahrnehmung im gleichen Maße beschränkt wie erweitert.

Die Entgrenzung funktioniert ohne neue Grenzziehung nicht, und der Fluß schlägt dem reinen Kunstwerk ein Schnippchen mit Miraden von Wassertröpfchen, mit jedem Nebelschwaden, das die glänzende Fläche stumpft, jeder Sandbö, die sie schleift, und jeder Eisscholle, die sich der Konstruktion entgegenbäumt. Das Starre unterliegt. Und dennoch: Das Modell im Kreuzgewölbe des gotischen Hauses, umgeben von Malereien und Objekten, die Weidl unter Zuhilfenahme der am Fluß vorgefundenen Materialien schuf, weckt nicht nur den homo ludens, sondern fordert - wie vielleicht jeder Spiegel - zum philosophischen Bedenken heraus. Ob es dabei um "eines der große europäischen Kunstprojekte" geht, wie der Dieter Ronte vom Bonner Kunstmuseum vermutet, mag ebenso dahingestellt sein, wie die Frage, ob das Modell überhaupt noch der Realisierung bedarf.


1998