Bolchoun
Der Klang von Arkadien
Elena Bolchoun im Kunstkeller Witzleben
"Die Verwandlung des Liebsten zu einem Wolf" heißt das Bild, und allein schon dieses eine lohnte die ganze Exposition: Die russische Bauernstube, dieses einem Märchen entsprungene, auf seinen Stock gestützte Mütterchen, das lasziv-fröhlich die Haare zurückwerfende Mädchen und dazwischen er: wolfsgesichtig und doch so gar nicht wild, ein schwermütiger Strubbel mit einer Zigarette in der Pfote, ein verwunschener Knurrhahn ohne Boshaftigkeit - oder...? Viele Bilder der jungen Malerin Elena Bolchoun sind von dieser Art. Da schwebt ein Mädchen durch einen Himmel von Chagall. Da sitzt ein anderes mit verzerrtem Mund an einem Strand von Dix. Da steht Bulgakows Meister mit seiner Margarita. Eine Badende scheint ihre Wanne im Garten Eden aufgestellt zu haben. Ein schemenhaftes Paar rückt mit der Gabel einem Fisch, Symbol mehr als Speise, zu Leibe.
"Elena Bolchoun spielt mit dem Kolorit ebenso wie mit den Gegenständen", meinte der Kunsthistoriker Herbert Schirmer zur Vernissage im Frankfurter Kunstkeller Witzleben. "Ihr Weltbild beschwört Arkadien, das Paradies und das Elysium in einem - und wer von uns träumt nicht davon?" Aber es sind nicht nur Träume, die die 28jährige in ihren Gemälden bannt, sondern auch Alpträume, nicht nur das Schweben, auch das Losgerissensein, nicht nur die Sanftheit, auch die Gewalt zeitigt ihre Spuren, leise, versteckt zumeist, eine dramatische Geste, ein Signal am Rand der Szene. So fließen die Künste zusammen: Poesie, Theater, Malerei. "Ich möchte nichts davon entbehren", bekennt die Malerin, Bühnenbildnerin, Poetin, Schauspielerin. Bevor sie zum Pinsel greift, hat sie den Titel des Bildes im Kopf. Sein Klang ist es, der sie inspiriert.
Anläßlich der Jüdischen Woche in Frankfurt (Oder) zeigt Elena Bolchoun zum ersten Mal in Deutschland ihre Bilder. Zuvor hat sie in Riga Kunst studiert, mit einem Laientheater gearbeitet, bevor sie sich einer internationalen Theatertruppe in Malmö anschloß und schließlich längere Zeit nach Israel reiste. Ihre Arbeiten, die in dieser Zeit entstanden, sind zu einem Gutteil über private Sammlungen in Europa und den USA verteilt. Andere stehen in ihrem kleinen Zimmer im Wohnheim am Frankfurter Friedenseck, wo Elenea Bolchoun seit dem Sommer lebt. "Deutschland und ich passen gut zusammen." Hier hofft sie, malen, schreiben und studieren zu können. "Aber nirgendwo anders spüre ich auch so stark, daß ich Jüdin bin." Dieses Herkommen, so meint sie, kann alles bedeuten oder nichts. "Ich glaube nicht an einen Gott, sondern daß Gott in einem Menschen lebt."