Meine Welt
"Ich sehe was, was du nicht siehst"
Zum vierten Mal stellen in Frankfurt (Oder) Künstler aus, die „anders“ sind
Landschaft. Haus. Mensch. Die Gründe und Abgründe, die eruptiven Impulse in den Arbeiten der 41 Künstlerinnen und Künstler, die derzeit ihre Werke im Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder) präsentieren, sind nicht selten von archaischen Zeichen gesäumt. Eine Suche nach dem festen Punkt im eigenen Leben, nach einem verlässlichen Bindeglied zwischen innerer und äußerer Welt, aber auch nach einer Möglichkeit, die Dämonen der Angst ebenso wie Sehnsüchte und Visionen zu bannen, spiegelt sich in vielen der mehr als 300 Malereien, Grafiken, Plastiken, Objekten und Installationen wider.
Die Biennale „Meine Welt“, nun schon zum vierten Mal durch die Wichern Wohnstätten gGmbH ((rpt: gGmbH)) Frankfurt (Oder) in Zusammenarbeit mit dem Museum Junge Kunst veranstaltet, schafft „Künstlern, die anders sind“ ein Podium. Sie kommen aus Brandenburg, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, leben größten Teils in geschützten Wohnstätten oder Heimen und gelten als psychisch krank oder geistig behindert. Kurator Armin Hauer zieht den Begriff der „kommunikativen Behinderung“ vor. Stärker noch als bei anderen schöpferischen Menschen führt sie zum Ausweichen in andere als die gewohnten Ausdrucksformen, lässt sie die Kunst zur eigentlichen Sprache werden, die das Unsagbare sagbar, das Unsichtbare sichtbar macht. „So wird der coole Lack von der Bildhaut des Westens gekratzt. Darunter pulsiert noch immer das zutiefst widersprüchliche Leben“, erklärt Hauer.
Kein Thema bleibt ausgespart. Das Trauma des sexuellen Missbrauchs findet sich in einem Zyklus von Zeichnungen eben so wieder, wie die sinnenfrohe Installation aus Blumen und Tieren, in deren Innern sich eine nostalgische Drehorgel verbirgt. Miniaturstädte, die an Manhattan oder Frankfurt am Main erinnern, erheben sich neben Landschaftsbildern, die auf den Umweltgipfel von Johannesburg verweisen. Überraschend für manchen Betrachter ist die expressive Lust vieler Malereien, eine überbordende, fast explosive Farbigkeit. „Meine Welt“ hat Platz für die naiv-spielerische Erotik einer Bleistiftzeichnung, für die pedantische Suche nach einem aus der Geometrie erwachsenden Ordnungsprinzip, für den irrlichternden Schmetterling und die neuerliche Erfindung des Fahrrades.
Mit dem von Jean Debuffet einst apostrophierten Begriff der „Art brut“, der rohen Kunst, ist diese Vielfalt kaum mehr zu fassen. Das ungestüm Ursprüngliche, das zur Ent-Äußerung drängt, steht nicht beziehungslos in einem Welt-Raum, der mit seinen Fernsehbildern, Hörfunksendungen und Printmedien bis in den letzten Winkel dringt, dessen Werbeterror vor niemandem halt macht. „Die Legende vom bildunkundigen Behinderten oder unverbildet geistig Kranken ist schön, aber so in ihrer Rousseaus´schen Gutgläubigkeit natürlich nicht wahr“, meint Hauer. Dennoch bleibt diese Welt vor allem Material und wird nicht zum anvisierten Ziel der künstlerischen Reflektion. Kein Kunstmarkt regiert. Die Begegnung zwischen Schöpfer und Rezipient bleibt zwang-los.
Auch das gehört zum sozio-kulturellen Projekt „Meine Welt“: Bei der Vernissage fanden sich alle noch lebenden Künstler ein, um Kontakt mit den mehr als 350 Eröffnungsgästen aufzunehmen. An das Kinderspiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“, fühlte sich der Schauspieler Dieter Mann angesichts der Exposition erinnert. Christoph Helm vom brandenburgischen Kulturministerium sprach von der Unbekümmertheit, mit der die Kunst das Unmögliche zum Selbstverständlichen macht: durch Wände schreiten, dahinter sehen.
In Zukunft soll „Meine Welt“ bundesweit ausgeschrieben werden. Nachdem das Museum Junge Kunst seine Absicht erklärt hat, sich aus dem Projekt zurück zu ziehen, ist „Meine Welt“-Initiatorin Renate Witzleben im Gespräch unter anderem mit den Berliner Museen und der Bundesbeauftragten für Behinderte.
2003
Ungestüme Offenbarung
Biennale "Meine Welt" in Frankfurt (Oder)
"Art brut" - rohe Kunst - nannte Jean Debuffet eine Stilrichtung in der Moderne, die mit der Traditionslinie "Kunst aus Kunst" bricht. Statt der gewollten Bezugname auf einen ästhetischen Kontext und seine Weiterentwicklung, zeichnet sie sich durch Unmittelbarkeit und Authentizität aus. Die Grenze des Kommunikablen, die Spannung zwischen Draußen und Drinnen, das dominierende Jetztgefühl prägen die so entstehenden Werke. Durch ihre "irritierende Fähigkeit zur Unabhängigkeit" (Lucienne Peiry) erhalten sie ein existenzielles Gewicht, eine Unausweichlichkeit, die betroffen macht, provoziert und herausfordert.
Die Biennale "Meine Welt", die am 11. Februar zum dritten Mal im Frankfurter Museum Junge Kunst eröffnet wird, versteht sich als ein solches art brut-Projekt. Sie versammelt 38 "Künstler, die anders sind" aus Berlin und Brandenburg. Behinderte Menschen, die jenseits therapeutischer Absicht die Kunst als Mittel zur Lebensauseinandersetzung für sich erobert haben. In ihren Zeichnungen, Malereien, Plastiken und Installationen scheinen Lebenswelten auf, in denen Sensibilität und Verletzlichkeit mit naivem Ungestüm Ausdruck finden. Sehnsüchte und Träume werden nicht durch den reflektierten Einsatz stilistischer Mittel perforiert, sondern zeigen sich in ihrer Un-Willkürlichkeit und Transparenz. So offenbart Christine Konrad in dem knappen halben Dutzend Bildern, die sie in ihrem Leben schuf, ein Bedürfnis nach Sammlung und Harmonie jenseits des geometrischen Gleichklangs der neuen Städte. In den farbintensiven Strukturen von Judith Sechting lebt sich eine verheißungsvolle Dynamik aus, ein Lebensgefühl voller fragiler Erwartung. Archetypisch erscheinen die Figuren aus ungebranntem Ton, die Melanie Rathmann bei ihren Installationen in ein Torfbett platziert - oft unter freiem Himmel, der Vergängnis ausgesetzt in ihrer haltlosen Kreatürlichkeit. Eine verträumte Naivität mischt sich mit explodierenden Farben in der Malerei von Ursula Kowalski, während die virtuelle Wirklichkeit der Werbe-Welt zum Sujet für die Collagen von Uwe Sonntag wird. "mental handicap" ist ein Mail-Art-Projekt überschrieben, das von einer Künstlergruppe auf rund 20 Quadratmetern vorgestellt wird.
"Es gibt kaum ein Genre, das nicht vertreten wäre", so die Initiatorin der vom Frankfurter Wichernheim getragenen Schau, Renate Witzleben. "Ebenso sind alle Generationen bei Meine Welt vertreten - das Lebensalter der Künstler reicht von 20 bis 26 Jahre." Da jede Biennale ausschließlich neue Künstler vorstellt, sind seit 1996 bereits mehr als hundert neue Namen in die Öffentlichkeit gelangt - einige davon mit beträchtlichem Nachhall in Galerien und Expositionen. In diesem Schritt über die Schwelle sieht Renate Witzleben auch das eigentliche Anliegen von "Meine Welt": "Es geht uns darum, Normalität herzustellen." Zahlreiche Sponsoren unterstützen das Projekt und die Herstellung eines Katalogs, der alle Beteiligten mit ihren Biografien und 40 Abbildungen vorstellt. Geöffnet ist die Schau vom 11 Februar bis zum 29. April, dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Rathausfestsaal Frankfurt (Oder).
MEINE WELT schlägt Brücken
“Die Akteure kann ich nur bewundern”, gestand Ministerpräsident Manfred Stolpe am vergangenen Wochenende bei der Vernissage der Biennale “Meine Welt II” im Frankfurter Rathausfestsaal. “Sie empfinden, sehen, handeln anders. Sie zeigen eine Kunst besonderer Art, die uns anpackt. Der Sinn dieser Ausstellung liegt darin, da die Chance einer Kommunikation angeboten wird, da so etwas wie eine Brücke gebaut wird zwischen sonst einander fremden Lebenswelten.” Damit sprach Stolpe der Ausstellungsinitiatorin Renate Witzleben wohl ebenso aus dem Herzen, wie dem Kunstwissenschaftler Armin Hauer vom Museum Junge Kunst, dem Nervenarzt und Stuhlmeister der Frankfurter Frteimaurerloge “Zum aufrichtigen Herzen”, Dr. Holger Mäthner, oder dem Geschäftsführer der Oder-Anzeiger Media GmbH, Peter Gudlowski. Alle vier hatten als Arbeitsgruppe das Projekt “Meine Welt” vorbereitet und nach Kräften unterstützt, ebenso wie die Ostdeutsche Sparkassenstiftung, der auch der Ausstellungskatalog zu danken ist. Hunderte Frankfurter sowie Gäste aus Brandenburg und Berlin nutzten schon die Vernissage zu einer Visite. Hermann Naehring und seine “Grenzgänger” begleiteten die Eröffnung mit einem aufregenden Percussionkonzert. Die Künstler selbst nutzten die Gelegenheit, mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen. Gezeigt werden rund 250 Werke von 33 Künstlern, darunter auch zwei Gruppenarbeiten. Plastiker sind ebenso vertreten wie Maler und Grafiker, Collagen finden sich neben Masken und Objekten. Es sind sehr unmittelbare Ausdrucksformen, für die Jean Debuffet den Begriff der “Art brut” prägte. Sie entspringen der ausgelebten Spannung zwischen Innen und Auen, beschreiben aufrührend und eindringlich mit ihren ästhetischen Mitteln die Befindlichkeit des Einzelnen im Flu der Zeit und eröffnen einen neuen Ausblick auf eine Welt zwischen Realität, Mythos und Traum. Es sind keine therapeutischen Werke, die gezeigt werden – eher schon Zeugnisse von Verstörungen, die oft auch das Publikum betreffen, uneingestanden, unartikuliert. Die Direktheit der Arbeiten beunruhigt, fordert zu einem Wechsel der eigenen Perspektive heraus, zum Wagnis neuer Sichten. Giselher Forstreuter, dessen in 55 Tagen gezimmerter Einbaum wohl das Prachtstück der Exposition bildet, und von dem auch eine Reihe Collagen zu bewundern sind, sagt von seinem Arbeiten, da sie aus der Sehnsucht nach Freiheit entstanden, da er dieser Sehnsucht näherkam, indem er ihr künstlerischen Ausdruck verschaffte. Eine andere Philosophie, eine andere Anschauungsweise, die durchaus einen bewuten Reflex auf die sogenannte moderne Gesellschaft darstellt, wird hier nicht nur geschildert, sondern auch gelebt: Doch wenn der graumähnige Künstler mit seinem Einbaum über die Havel rudert, holt ihn die Zivilisation ein. Er behindere mit seinem schwerfälligen Gefährt den Verkehr auf der Wasserstrae. Auerdem fehlt ihm der offizielle Anlegeplatz in einem Sportboothafen, meint die Wasserschutzpolizei, und dort wiederum wünscht man sich nicht unbedingt mit der bloen Axt zurechtgehauene Baumstämme als Aushängeschild der Wasseranderei. Was und wer da behindert und Behinderung ist, darüber liee sich trefflich streiten, doch um das zu können, brauchen Menschen erst einmal die Chance, vom Rand in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. “Meine Welt” ist eine solche Gelegenheit. “Wir wollten keine Ausstellung von Auenseitern machen, sondern Integration ermöglichen, das Verlassen der Nische”, so Initiatorin Renate Witzleben. Das lebhafte Interesse an “Meine Welt” gibt ihr recht.
Biennale MEINE WELT in Berlin
Suche nach dem eigentlichen Leben
Biennale “Meine Welt” in Berlin
Berlin: Bereits zum zweiten Mal öffnen sich am kommenden Sonnabend in der St.Matthäus-Kirche im Berliner Bezirk Tiergarten die Türen zur Biennale “Meine Welt”. Sie stellt 15 von insgesamt 33 bei der Biennale vertretenen geistig behinderten Künstlern aus Berlin und Brandenburg vor und versteht sich als “ein überzeugender Beitrag innerhalb der Gegenwartskunst”. Die Ölmalereien, Grafiken und Objekte entstanden nicht im Rahmen therapeutischer Betreuung, sondern aus einem urwüchsigen, durch keine Kunstradition deformierten Gestaltungsbedürfnis. Sie offenbaren eine eigene Weltsicht, thematisieren die Verstörung des Einzelwesens im Spannunggsfeld zwischen Innen und Auen. Sie wirken teils kindlich ungebrochen, teils eruptiv entfesselt, teils sehnsuchtsbeladen meditativ.
Seit 1996 gibt es das Projekt, initiiert durch die Galeristin Renate Witzleben, getragen vom Wichernheim Frankfurt (Oder) und betreut durch eine vierköpfige Arbeitsgruppe, zu der auch der Kunstwissenschaftler Armin Hauer gehört, der als Kurator für zahlreiche Ausstellungen des Frankfurter Museums Junge Kunst verantwortlich zeichnet. Auch “Meine Welt” konnte bereits zweimal im Festsaal des oderstädtischen Rathauses gezeigt werden. Dem voraus ging jeweils eine mehr als einjährige Vorbereitungszeit, in der Hauer und Witzleben jeden einzelnen Bewerber aufsuchten. Die Kontakte zu den Künstlern wurden über Heime und Betreuungseinrichtungen geknüpft. Mit dem Öffentlichmachen der Werke im Stil der “Art Brut” – ein Begriff der “rohen Kunst”, den Jean Debuffet prägte – will “Meine Welt” ihren Schöpfern helfen, ihre Nische künstlerischen und menschliche Daseins zu verlassen. Auch wenn die Exposition “Künstler, die anders sind” präsentiert, geht es doch darum, die in das künstlerische Leben der Gesellschaft gleichberechtigt zu integrieren. “Durch ihr Auenseitertum und Anderssein erreichen alle Werke eine existentielle Lebenssicht, die tief unter den Lack der heutigen coolen, perfekten Verwertungsgesellschaft dringt, um dort nach dem pulsierenden Nerv des eigentlichen Lebens zu suchen”, ist Hauer überzeugt. “Das ist ein Weg ohne Fernsicht, Versicherung und ohne Ende.”
Inzwischen läuft die Ausschreibung zur III. Biennale “Meine Welt”, an der sich wiederum Künstler aus Brandenburg und Berlin beteiligen können, soweit sie bei den vorausgegangenen Projekten noch nicht beteiligt waren. Das Wichernheim hat wiederum die Schirmherrschaft über die Biennale übernommen. Im Oktober wird eine Jury über die Auswahl entscheiden. Ein Spendenkonto bei der Frankfurter Sparkasse (BLZ 17 05 24 72, Konto-Nummer 36 10 13 33) soll bei der Finanzierung helfen.
Du musstz dein Herz freilassen
Biennale “Meine Welt II” wird am 25. April eröffnet
Frankfurt (Oder): Im Frankfurter Rathausfestsaal wird am 25. April um 15 Uhr die zweite Biennale “Meine Welt” eröffnet. Sie vereint mehr als 200 Werke von 33 behinderten Künstlern aus Berlin und Brandenburg in dem von Jean Debuffet als Art brut beschriebenen Stil – einer Kunstrichtung, die sich in ihrer Unmittelbarkeit und Authentizität von tradierten Herkünften löst, sich in den ureigenen Empfindungen und Erfahrungen auslebt und dem Betrachter dadurch nicht selten überraschende und irritierende ästhetische Findungen offeriert: Kunst, die nicht aus der Kunstrezeption entsteht, Leben aus sich selbst heraus. Keine der Arbeiten ist in einem therapeutischen Zusammenhang entstanden.
“Meine Welt”-Initiatorin Renate Witzleben und die vierköpfige Arbeitsgruppe, die für Ausschreibung und Auswahl verantwortlich zeichnen, wollen mit der Ausstellung helfen, da Künstler aus der Nische, in der sie häufig leben, heraustreten können. Es soll keine Exposition von Auenseitern sein; sie soll vielmehr die künstlerische Existenz an der Peripherie der Gesellschaft verlassen helfen. So ist der ästhetische Anspruch denn auch das wichtigste Kriterium für die Teilnahme. Wie ernst Renate Witzleben diesen Anspruch nimmt, verrät der Streckenzähler ihres Wagens. Mehr als zehntausend Kilometer hat sie zurückgelegt, um jeden zu besuchen, der sich für “Meine Welt” beworben hatte.
Das gewichtigste Kunst-Stück dürfte Giselher Forstreuters handgezimmerter Einbaum im keltischen Stil gewesen sein, der mit einem Kran aus dem See bei Spandau gehievt werden mute. Aber Momente der Faszination gab es oft, wenn Renate Witzleben und Armin Hauer die Ateliers ihrer Klienten betraten. Was für eine leichtfüige Dynamik in den Blättern von Richard Meiner! Was für ein eigener Kosmos, den der über siebzigjährige Werner Schmeer mit seinen Teddybären bevölkert, den er Tag um Tag mit seinen kalligraphischen Zeichen beschreibt, deren Sinn uns ein Geheimnis bleibt! “Du mut dein Herz freilassen, um das aufzunehmen”, meint Renate Witzleben. “Vielleicht wissen diese Menschen oft mehr über das Davor und Danach als wir, vielleicht spüren sie etwas von dem Flieen, das wir in unserem Leben gar nicht mehr so empfinden.”
Der Kunstwissenschaftler Armin Hauer verweist auf die mit “Meine Welt” ermöglichte Teilhabe an einem Lebensgefühl, “das stets um das Anders- und Eigensein kreist”. Alltag und Mythos, vermeintlich Banales und Symbolhaftes gehen ineinander über, werden ungebrochen gleichberechtigt zum Gegenstand einer künstlerischen Artikulation, mit der die Künstler nicht zuletzt versuchen, die mitunter unüberwindlich erscheinenden Hürden in der Kommunikation mit ihren Mitmenschen zu überwinden. Dank der Ostdeutschen Sparkassenstiftung wird “Meine Welt” von einem umfangreichen Katalog begleitet, der alle Beteiligten Maler, Grafiker, Objektgestalter und Plastiker mit ausgewählten Arbeiten vorstellt. Die Ausstellung ist bis zum 20. Juni zu sehen.
(1999)
Künstler, die anders sind
32 Behinderte zeigen ihre Werke in Frankfurt (Oder)
Für Renate Jantke haben sich die Mühen der letzten vier Jahre gelohnt. Wenn am Sonntag im Frankfurter Museum Junge Kunst die Ausstellung "Meine Welt" eröffnet wird, hat sich die Mitarbeiterin des Frankfurter Wichernheims einen Traum erfüllt und zugleich 32 bislang unbekannten Künstlern den Weg in die Öffentlichkeit geebnet. Brandenburgischen Künstlern, die "anders" sind, weil sie mit einer geistigen Behinderung oder einer seelischen Krankheit leben, oft zurückgezogen und isoliert, am Rand der Leistungsgesellschaft. Schon 1992, als die diplomierte Kulturwissenschaftlerin in Krakau eine internationalen Biennale behinderter Künstler erlebte, kam ihr die Idee, ein ähnliches Projekt zu initiieren.
Fördermittel nahm sie dafür nicht in Anspruch, wohl aber die Unterstützung engagierter Frankfurter. Dazu gehörte der Nervenarzt Holger Mäthner, der zugleich Meister der Freimaurerloge "Zum aufrichtigen Herzen" ist. "Natürlich kannte ich Zeichnungen kranker Menschen aus dem Psychologischen Handbuch. Aber bei diesen Arbeiten ging es nicht um Therapie oder Diagnose. Es waren Arbeiten, die aus dem Wunsch entstanden waren, mit anderen zu kommunizieren." Die Vielgestaltigkeit der Malereien, Plastiken, Objekte, Texte und Fotografien faszinierte die Logenbrüder ebenso wie den Arzt. "Ein besseres Projekt hätten wir kaum unterstützen können." So flossen in mehreren Etappen rund 12 000 Mark aus der feimaurerischen Weltkugel-Stiftung in die Ausstellung. Weitere Sponsoren halfen, Firmen boten Sonderkonditionen für das Projekt. Inzwischen gibt es eine technische Grundausstattung, die die Fortsetzung von "Meine Welt" als Biennale in Frankfurt gestattet.
Zu den Begründern der Arbeitsgruppe, die schließlich die Ausschreibung organisierte und als Jury 120 Werke auswählte, gehörten auch die Chefin des Frankfurter Museums Junge Kunst, Brigitte Rieger-Jähner, sowie der Kunstwissenschaftler Armin Hauer. Das Museum stellte für die Exposition den Festsaal des historischen Rathauses zur Verfügung. Das ist eine Ausnahme, denn gewöhnlich sind hier nur Werke zu finden, die mit der Sammlungstätigkeit des Hauses zu tun haben. "Diese Arbeiten sind aus einem tiefen Bedürfnis heraus entstanden, das weder mit der Lust an einer großen Öffentlichkeit noch mit kommerziellen Interessen zu tun hat", meint Rieger-Jähner. "Deshalb strahlen sie eine besondere Unmittelbarkeit und Frische aus." Hauer fühlt sich dabei an Werke der Art brut erinnert. "Hinter optischer Spontaneität und Farbenfreude werden immer konfliktgeladene, spannungsvolle Situationen sichtbar. Immer geht es um seelische Befindlichkeiten, das Ringen zwischen Innen und Außen, das Orten der eigenen Position. Diese Kunst ist oft auch ein Strohhalm, sich festzuhalten und sich selber zu spüren."
Renate Jantke hat in Vorbereitung der Ausstellung jeden einzelnen Künstler mindestens einmal besucht, die Arbeiten abgeholt, mit ihren Schöpfern gesprochen. Tausende Kilometer hat sie so in den letzten Jahren zurückgelegt. "Durch die Arbeit in einer diakonischen Behinderteneinrichtung habe ich keine Berührungsängste. Trotzdem wart es manchmal sehr schwer. Wenn ein intensiver Kontakt zustande kam, wurde ich in eine völlig andere Realität hineingezogen, die neben meiner Welt existiert. Hinter jedem Kunstwerk steht ein Schicksal, mit dem ich plötzlich konfrontiert war." Gerade deshalb hofft sie, daß auch Galeristen sich für das interessieren werden, was in Frankfurt bis März zu sehen ist. Daß bereits andere Städte in Deutschland Interesse an Teilen der Schau angemeldet haben, bestärkt sie darin. "Meine Welt setzt ein Signal. Wir werden feststellen, daß wir noch immer viele Künstler gar nicht kennen. Daß es ein Potential gibt, das uns Staunen macht." Auch Mäthner ist davon überzeugt: "Die Ausstellung wird gründlich mit dem Vorurteil aufräumen, Kranke müßten "Kranke" Bilder malen. Diese Künstler werden sich mit ihren Arbeiten Respekt verschaffen und zeigen, daß ihre Welt der unseren gar nicht so fern ist.
MEINE WELT räumt auf mit Vorurteilen
32 behinderte Künstler stellen in Frankfurt(Oder) aus
Mit einem kräftigen Schlag auf den großen Gong eröffnete Percussionist Hermann Naehring in Frankfurt(Oder) die Ausstellung "Meine Welt" - eine Exposition der ungewöhnlichen Art. Sie stellt 120 Malereien, Zeichnungen, Plastiken, Fotografien, Objekte und literarische Texte von 32 brandenburgischen Künstlern vor. 31 von ihnen waren bei der Vernissage selbst dabei. Es sind geistig behinderte und psychisch kranke Menschen, die bisher eher am Rand der Gesellschaft lebten. Plötzlich ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, genossen viele von ihnen die Chance, über ihre Kunstwerke in Kontakt mit den fast 400 Besuchern treten zu können. "Ich hatte solch ein Glücksgefühl, als ich diese Menschen sah, wie ich es noch bei keiner anderen Ausstellung erlebt habe", gestand eine junge Frau. Die Initiatoren sind sich einig, daß die Schau im Museum Junge Kunst, die bis zum März zu sehen ist, gründlich mit dem Vorurteil aufräumen wird, Kranke müßten "kranke" Bilder malen. Von Anfang an hatte die Arbeitsgruppe ihre Auswahl nach ästhetischen Kriterien getroffen, Qualitätsmaßstäbe angelegt, die "Meine Welt" in eine Reihe mit anderen Ausstellungen rückt.
Die Idee dazu entstand bereits vor vier Jahren. Damals besuchte die Kulturwissenschaftlerin Renate Jantke eine internationale Biennale behinderter Künstler in Polen. "Eigentlich war ich enttäuscht", erinnert sich die Mitarbeiterin des Frankfurter Wichernheims. "Schon als ich wieder nach Hause fuhr, dachte ich: Das kannst du doch auch." Vom brandenburgischen Kulturministerium wurde ihr angeboten, ein Projekt zu erarbeiten, um Fördermittel zu bekommen. Renate Jantke lehnte ab. "Es war mein Ziel, die Ausstellung ausschließlich mit Leuten zu realisieren, die bereit sind, sich ganz persönlich zu engagieren." Wie schnell sich solche Mitstreiter fanden, hat sie dann selbst überrascht. Der Frankfurter Nervenarzt Holger Mäthner kannte Arbeiten aus dem Therapie- und Diagnosebereich der Psychiatrie. "Das hier war etwas völlig anderes. Die Arbeiten sind aus eigenem Antrieb entstanden, aus dem Willen zur eigenen Artikulation." Als Meister der Freimaurerloge "Zum aufrichtigen Herzen" war er sich mit seinen Brüdern einig, daß es "kein besseres Vorhaben gibt, das unsere Unterstützung verdient". So flossen insgesamt 12 000 Mark aus Mitteln der Weltkugel-Stiftung in das Projekt. Diese Stiftung verwaltet das nach der Wende an die Logen Ostdeutschlands rückübertragene Vermögen unter anderem aus den inzwischen anderweitig genutzten Immobilien der Logen. Mit dem Geld und der Hilfe weiterer Spender und Sponsoren konnte die technische Grundaustattung angeschafft werden. "Damit sind wir in der Lage, die Ausstellung als Biennale fortzusetzen", erklärt Renate Jantke.
Auch das Museum Junge Kunst, dessen Expositionen sonst stets im Zusammenhang mit der eigenen Sammlungstätigkeit stehen, öffnete bereitwillig seine Türen. Dabei geht es nicht nur um ein praktisches Solidargefühl. Kunstwissenschaftler Armin Hauer sieht die Werke in der Tradition der Art brut, die den akademischen Ballast klassischer Kunsttradition abwirft und sich in unmittelbarer Weise den eigenen Konflikterfahrungen stellt. "In den Arbeiten sind - oft unter der Oberfläche - Spannungen spürbar, die von den Künstlern ausgelebt werden. Immer wieder geht es um die Widersprüche zwischen Innen- und Außenwelt. Immer wieder wird der Versuch unternommen, das eigene Ich zu ergründen, die eigene Position zu bestimmen."
Tatsächlich verblüffen viele der gezeigten Arbeiten durch ihre Akribie, ihre farbliche Opulenz, ihre spielerische Vermittlung eines Schwebezustandes zwischen Wirklichkeit und märchenhafter Phantasie.
Um die Ausschreibung in Gang zu setzen, hat Renate Jantke im Laufe eines Jahres ein ganzes Buch mit Adressen gefüllt: Betreuungseinrichtungen, Heime, Vereine, Beratungsstellen, diakonische Institutionen. Rund vierzig Künstler bewarben sich. Jeden einzelnen von ihnen hat die Frankfurterin mindestens einmal besucht. Tausende Kilometer fuhr sie dafür durchs Land. "Durch meine Arbeit in einer diakonischen Einrichtung hatte ich keine Berührungsängste. Trotzdem fiel es mir oft schwer, den Kontakt zu den Künstlern aufzunehmen", gesteht sie. "Wo immer es gelang, wurde ich plötzlich in eine Welt hineingezogen, die sich neben meiner eigenen Realität befindet. Es ging nicht nur um Kunstwerke, sondern jedesmal um ein menschliches Schicksal, das daran hing." Zugleich erfuhr sie bei ihren Reisen vom Engagement zahlreicher Sozialeinrichtungen und Betreuer. In Lobetal wurde den Plastikern sogar ermöglicht, ihre Arbeiten in Bronze zu gießen. Die entstandenen Büsten spiegeln sehr genau die Befindlichkeiten und Sehnsüchte ihrer Schöpfer. "Diese Menschen", so Mäthner, "erleben ihr Dasein wesentlich härter als wir. Mit ihren Arbeiten verschaffen sie sich Achtung und Respekt. Vor allem aber strahlen sie ihre Botschaft aus - daß ihre Welt der unseren überhaupt nicht fern ist. Daß viele Lebenssituationen auch in unserer Biographie möglich sind, mit der gleichen Betroffenheit, dem gleichen Schmerz und der gleichen Freude."
Für Regine Hildebrandt, die an der Vernissage teilnahm, grenzt das Zustandekommen von "Meine Welt" an ein "Wunder". Die Sozialministerin sieht darin eine Ermutigung, "Sozialstaat und Solidargemeinschaft hochzuhalten", auch wenn einige inzwischen scheinbar vergessen hätten, daß das Sozialstaatsgebot in der Verfassung verankert sei. "Gemeinsam an einer solidarischen Gesellschaft festzuhalten, ist so nötig wie noch nie in Deutschland."