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Helmut Preissler - Gründe oer Wer nicht die Kehre

Sand im Getriebe der Vergessmaschinen

Preißlers erste Gedichte nach Beitritt und Transformation waren dem polnischen Dichter Zdzislaw Morawski zu danken, der den Gleichaltrigen über die Oder hinweg zum lyrischen Dialog einlud. Preißlers jüngster Band "Gründe oder Wer nicht die Kehre macht" wurde möglicherweise durch eine ebenso kritische wie neugierige Nachfrage aus dem Westen Deutschlands inspiriert. Der in Bad Saarow lebende Autor, höflich im brechtschen Sinne, nahm die Heraus-Forderung als Chance und versucht nun, seinem Zöllner und seinen Lesern 140 Seiten einzuhändigen. Keine Weisheiten freilich, sondern Material zur Person: Gedichte, Reden und Aufsätze, die in der DDR und in der Bundesrepublik Deutschland entstanden, Erinnerungen und Erklärungen.

"Ich lebte in der DDR nicht angepaßt, ich fühlte mich zugehörig", ist gleich eingangs in einem Brief zu lesen. "Ich war von den Idealen der Kommunisten bewegt, von der Vision und dem Auftrag der Bergpredigt und des Kommunistischen Manifests, und ich glaubte bis in die siebziger Jahre, daß wir hier und in den sozialistisch orientierten Ländern, trotz aller Fehler und mancher Scheußlichkeiten, dabei waren, sie zu verwirklichen. In dieser Hoffnung und Absicht habe ich gelebt und gewirkt." Daran, daß er in der DDR sein "zweites Leben" nach der Hitlerei begann, erinnert Preißler, an den Kalten Krieg, der seine Heerführer und sein Fußvolk beidseits der Elbe hatte, und auch an das Wort von Barbusse: "Vergeßmaschinen sind wir".

Der Zeitgeist ist Preißler wie die "historische" Wahrheit eine unheimliche Erscheinung geworden. Er, daran läßt Preißler keinen Zweifel, will seinen Geist bekennen und seine Wahrheit finden, derweil in seinem Wohnort frühere Ferienlager zu Kempinski-Palästen mutieren. Derweil in Schwerin jemand die Justizgeschäfte übernimmt, der vor reichlich zehn Jahren das Verfahren gegen einen SS-Offizier und Kindermörder aus Altersgründen einstellte. Derweil der Lyriker Manfred Streubel und der Schauspieler Wolf Kaiser und mancher andere ihrem Leben selbst ein Ende setzen.

Auch ihnen gegenüber ist Preißler es sich schuldig, seine Haltung so auszuweisen, wie sie sich beispielsweise in dem Songtext "Die Sache mit der Menschlichkeit" von 1957 widerspiegelt. Die Botschaft des Liedes ist dreifaltig schlicht: Der Mensch soll sein wie er ist, schreibt der Humanist, und gebessert werden, fügt der Aufklärer hinzu, und im Sinne der Sache funktionieren, diktiert der Parteisoldat den Refrain. Sich selbst in Hoffnung und Schwäche so zu zitieren, erfordert zweifelsohne Mut, ersetzt aber die Nachfrage nicht, wie Ideologie und politische Parareligiösität eigentlich funktionieren, wie es zum großen Einverständnis mit dem abstrakten moralischen Imperativ kommt, selbst noch dann, wenn er der empirischen Erfahrung Hohn spricht. Die Nachfrage lohnte, denn Vereinnahmen und Vereinnahmenlassen haben sich gleichermaßen, wenn auch unter wechselndem Vorzeichen, vererbt.

"Wie viel Selbstverleugnung um der Sache willen", resümiert Preißler an der Jahreswende 1988/89 die Biografien jener, die aus dem Gulak in die DDR kamen, arbeiteten und schwiegen. "Bewundernswert? Tadelnswert?" fügt er hinzu und denkt nach darüber, warum "wir sie nicht befragten" drei Jahrzehnte lang. Die Antwort aber bleibt offen.

Auch aus seinem Poem "Dies ist mein Land" zitiert Preißler eine hymnische Passage. "Am Anfang sah ich" die DDR "so ohne jeden Zweifel" schreibt er über die Elbe hinweg. "Später suchte ich sie mir beschwörend so festzuhalten gegen aufkommende Zweifel." Ein mögliches Warum meint er in der Welt vom 23. September 1974 bei Franz-Josef Strauß gefunden zu haben, der offenherzig bekannte: "Was wir hier in diesem Lande brauchen, ist der mutige Bürger, der die roten Ratten dorthin jagt, wohin sie gehören." Der grobe Keil verfehlt seine Wirkung nicht, zumal Preißler keineswegs zu den groben Klötzen gehört. Die Angst vor einem wiederaufkeimenden Faschismus rührt sich instinktiv, der Antikommunismus von Strauß und Genossen scheint ein Seismograph dafür. Aber das Märchen von Feuer, Wasser und Posaunen wurde ja fortgeschrieben, ins Zeitalter der Millionenkredite und deutsch-deutschen Staatsempfänge hinein, der sich selber einlullenden sklerotischen Greise...

Für viele ist es ein kaum zu lösender Widerspruch geblieben, daß der durchaus streitlustige Dichter, der das eisige Schweigen eines Bezirksparteiplenums zu ertragen wußte, wenn er sich im Recht fühlte, in seiner Lyrik fast durchweg ein Lobsänger war, ein zuweilen beinahe kindlicher Philantrop, der das Schöne besingt, als könnte er es allein dadurch schon mehren. In seinem 1989 geschrieben Beitrag "In eigener Sache" verweist er darauf, daß er durchaus Wüstenei erlebt und in Verse gebannt hat: am Mekong Delta, in Illyrien, Venedig, Ulan Bator. Warum, fragt sich der Leser, nicht auch in Zielitz, in Halle, an der Elbe schwarzem Strande? Tröstet der scharfe Blick auf die von amerikanischen Soldaten verbrannten vietnamesischen Wälder jene, die sich hier vom Dichter verlassen fühlten? Begann dort nicht eine schlimme, schwer zu überbrückende Fremdheit - nicht nur für Preißler? Zu zaghaft die mahnenden Töne, zu sehr überströmt von den sanften Akkorden...

Auf dem Grund ist Preißler mit seinen Gründen noch nicht angekommen. Seine eigene Wahrheit wächst langsamer, als die allenthalben von den jeweils Mächtigen erneuerte "historische" Wahrheit. Aber es wäre billig, die in Gang gekommene Auseinandersetzung deshalb abzutun. Denn auch in seinen Ratlosigkeiten ist dieses Buch zu einer Handvoll Sand im kreischenden Getriebe der "Vergeßmaschinen" geworden.

HENRY-MARTIN KLEMT

Helmut Preißler, "Gründe oder Wer nicht die Kehre macht", GNN Verlag 1997, 16,80 Mark