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Erhard Scherner - Entwurf eines Spiegelbilds

Wenn ihr meinen Kopf braucht

Erhard Scherners Gedichte in der Edition D.B. - Erfurt

Der Dichter ist ein bedächtiger Mann. Seine Verse zwischen zwei Buchdeckel zu bringen, hat er bis zur Vollendung des 75. Jahres gewartet. Doch selbst da setzt er vorsichtig Metrum und Schritt: „Entwurf eines Spiegelbilds“ nennt er den Band, in dem sich rund 120 Gedichte finden. Das lässt Korrekturen zu – schließlich hat Erhard Scherner sein Jahrhundert noch nicht beisammen – und huldigt dem Fragment als vielleicht gültigster Form von Dichtung und Leben. Das Zeichen, das er setzt, ist nur scheinbar beim ersten Hinsehen deutbar. Wie auf dem Titelbild von Sabine Beck: Schriftzug und Spur und – weil chinesischem Pinsel entsprungen – Geheimnis. Das einfachste, schwerste: „Liebe“.

Nicht, dass er seine Gedichte versteckt gehalten hätte. Nur brauchte er wie den Anlass doch meist den Adressat, den konkreten. Seine Frau Helga, der das Buch gewidmet ist, den „dicken Weisbach, der sich angeblich mit einem Haus erschlagen hat“, die junge Tereza, die in Auschwitz zu Hause ist, „dicht neben dem Museum“. Als es für lächerlich, so nicht staatsfeindlich galt, sich aufzuschwingen zum Verteidiger von Kröte und Haseltrieb, ließ Scherner sich von den Finken an die eigene Wildheit erinnern.

Seine Blätter zog er aus Hemd oder Jacke, sie vorzutragen, Autor und Bote in einem, neugierig zumal und gewitzt, leise dabei. Scherners Schärfe ist nicht die des Skalpells. Im Zorn wird er nicht rabiat. Aber er ersäuft sich auch nicht in der pisswarmen Molke Melancholie: „Wenn ihr meinen Kopf braucht – / ihr könnt ihn haben. / Wenn ihr meinen Kopf braucht – / es wäre besser“, schrieb er, im Jahr des Kulturexodus, 1979.

Das Epigramm kommt wieder zu Ehren bei Scherner. Nicht auf römischem Pergament vorzugsweise, eher auf chinesischer Seide. Gefährlich wie die Vergesslichkeit der Vergangenheit („Kuba ist eine karibische Insel / wer sonst?“), ist die der Gegenwart gegenüber, der anderen, von der er Balladen schreibt, Legenden aufhebt. Er richtet seine Gedichte an, damit sie etwas anrichten können. Das hat er von Brecht und gemeinsamen Lehrern: Konfuzius, Laotse, Marx und Moritz. Wer war Marx? Der die chinesische Mauer schon 1857 sah mit der Inschrift: „République chinoise“.

Wer kapitelweit die Liebste besingt, hymnisch und schlicht, der darf den Krieg nicht beschweigen. Wer den Ausweg sucht, muss dem beistehn, was lebt, und kann sich „nicht gewöhnen / an so viel Nacht“. Wenn er weise wäre, mutmaßt Scherner in einem Gedicht, wüsste er wohl: „Unsere Sache, mag sie / gerecht sein, / siegt nicht.“ Er ist weise genug, um zu wissen: Liebe siegt auch nicht, ist da.

Erhard Scherner, Entwurf eines Spiegelbilds, Gedichte, Edition D.B – Erfurt, 10,80 Euro., 174 Seiten, Paperback, ISBN 3-936662-09-6

Buchbasar am 1. Mai