Lutz Schumacher - Die Omegafliege
Handbuch für Lutzisten
Lutz Schumachers Debüt mit Gedicht-Geschichten
ER ist LUtz. ER hat Menschengestalt angenommen und ein griechisches Pseudonym. Dann ist LUtz in eine Tonne gekrochen. So wurde das Reihenhaus erfunden. Wenn Herrschaft auftaucht, sieht LUtz keine Sonne mehr. Worauf von beidem lässt sich leichter verzichten? LUtz vollbringt keine Wunder. LUtz wundert sich, dass die Leute auch 2000 Jahre später die Antwort nicht wissen und dass auf die Menschen selten jemand hört. Menschen sind Leuten peinlich. LUtz ist auch peinlich. Manchmal sogar sich selber.
LUtz wünschte, dass sie einander näher wären, die Leute und die Menschen, einander gleich, statt gleichgültig. Aber ein bisschen Angst hat ER davor auch. Würden die Menschen dann bald so wenig von sich selber halten, wie die Leute? Würden sie dann auch weglaufen vor den Testosteronschüben, den Übermüttern, dem zu teuer erkauften Duft der Geliebten? Vor dem Leben?
„Fresst einen Sack Taranteln“, rät LUtz ihnen freundlich, wie ER den ewig Gestrigen, ewig Morgigen sagt: „immer ist nur Gegenwart“. Der das Wort „Glück“ erfunden hat, vermutet LUtz, „wusste zwei Minuten später auch nicht mehr, was er damit meinte“. Und LUtz weiß nicht, ob der Verlust der Jugend tragischer ist als der Verlust des Alters, denn „plötzlich sind alle Sportler jünger“ als ER.
LUtz fühlt sich der Fliege verwandt, deren Auge facettenreich den Einband seines Buches ziert. Weil sie sitzen bleibt, wenn Herrschaft in die Hände klatscht. Und weil sie deshalb überleben wird. ER vermutet, so könnte es gehen. ER ist ein Sitzenbleiber, der ungereimte Hinterhofballaden singt von grauen Jehova-Mäusen, Hunden, Katzen, Kellnerinnen, und weiß: „Der Schwache hat Angst vor dem Tod. Der Starke hat Angst vor dem Sterben“. Jeder Text hält für einen Moment die verrinnende Zeit an und dreht sie in anderes Licht.
Ein Wort ändert alles. Aus Ernst wird Ironie und aus Ironie Ernst. LUtz ist ein Dichter. ER ist erschienen. Nicht ermächtigt.
HENRY-MARTIN KLEMT
Lutz Schumacher, „Die Omegafliege – Gedicht-Geschichten“, Books on Demand, Paperback, 64 Seiten, illustriert, ISBN 3-8334-2631-4
Verdichtete Hoffnung
Lutz Schumacher
Avinus Verlag 2008, 68 Seiten, 10,00 €, ISBN: 3930064901, EAN: 9783930064908
Auch das Würgende hat seinen Rhythmus
Es mag Zufall sein, dass Lutz Schumachers Buch mir im Verein mit einem Computerabsturz in die Quere kam. Doch da es Zufall nicht gibt, fragt sich, was das Verbindende ist zwischen der Lektüre von Gedichten, der menschlichen Anfälligkeit, die mit der Anfälligkeit seiner Technik wächst, und dieser Melange von Gefühlen, die jemanden befallen mag, wenn das Wort Festplatte seinen seelisch stützenden Klang verliert und die Einsicht, andauernd mit Dingen umzugehen, von denen man allenfalls weiß, wie man an ihnen schaltet und waltet, keineswegs aber, wie sie funktionieren und warum, wütend den Hauptspeicher stürmt.
Schumacher wartet nicht lange mit der Antwort: „Die Einschläge kommen näher / und werden dichter / die Sprengköpfe gefüllt / mit Krebs Diabetes / und Leberzirrhose…“ und der Dichter, „neugierig / auf den Tod“, heizt trotzdem „gegen die Kälte des Weltalls an.“ Wer irgendwann einmal Kohle in Marmeladeneimern aus Pappe vier Treppen herauf geschleppt hat und wer überdies erlebte, wie ein Jahrhunderte alter Friedhof für solche Kohle geschleift wird samt Dörfchen drum`rum, kann ermessen, welche Pole die Weltheizer ausschreiten müssen.
Geschichte der Schöpfung: „Es ward Licht / und es begannen die großen Kriege“, aber „das leben ist ein herrlich schleichendes Gift“. Schumacher ist ein Philosoph, der Romantik mit Versen auspisst wie einen gefährlichen Schwelbrand. Keiner, dessen Sprache zur bloßen Defäkation zerlaufen wäre, aber auch keiner, der einer Weltformel traute, an der kein Haken ist, sie aufzuhängen. Vorsichtig schiebt er beides zusammen, die Liebe und den Verheißungsbeschiss, leicht übersehbare Größe und göttliche Erbärmlichkeit. Entzündliche Mixturen. Die Seele verbrennt dran, wo nicht die Welt - und dass, der es ausspricht, selbst als ätzend empfunden wird, ist ein Abgrund, aus dem der Dichter lindernde Eitelkeit schöpft. Auch das Würgende hat seinen Rhythmus, und Schumacher hat ihn gefunden. Dass er Misantroph wäre – heilsame Lüge.
Die Helden in seinen Gedichten springen vom Rand der Whiskyflasche, „die große Lieben werden zu / Kotelett mit Mischgemüse“, aber „da wo das Glück zum Unglück wird / und der Arme reich wird / und die Schönheit verblasst / ist Leben“. Schumacher besingt die Gier, wo nichts zu finden ist, als das. Er weiß, dass er sie teilt. Mit toten Musikern und Mädchen von nirgendwo, vorgeblich froh, ein „Allesfresser und Single“ zu sein, inkompatibel zu Lesben-, Linken- und Vegetarierparties, „pedantisch-loyal seiner Wahrheit verpflichtet“. Die Evolution der Viren erscheint so einem nicht weniger poetisch als die Büchse der Pandora.
Ein Feigling, auch wenn er selbst sich so nennt, ist nicht, wer Angst hat. Angst ist der Schlüssel zu Schumachers Texten. Nicht die Angst, sich seiner Haut zu wehren, nicht die Angst vor dem Alltagsknüppel, nicht die Angst davor, Liebe und Triebe zu verwechseln. Aber Angst, die unheimlichen Fressen, die seine Kindheit umstellten, könnten zu guten Onkels mutieren. Die Angst vor denen, die im Krieg nie etwas gemacht und neben der Gaskammer nie etwas gewusst haben. Die Angst vor Revolutionären, die alt werden. Die Angst vor Seneca, der Stalin Feuer gibt. Die Angst vor dem Sklavenmarkt, der den Sklaven gefällt. Vor Allmachtsphantasien, die das Opfer wittern, die kleine Genugtuung. Wär er mit denen allein, für wen sollte der Koch dann noch kochen, mit wem der Erzieher noch spielen, für wen der Dichter noch dichten? Diese Angst ist der Sisyphusstein. Schumacher schiebt ihn den Berg hoch, setzt sich und raucht erstmals eine. Da kommt was ins Rollen, sieht er, und wenn´s wieder still ist, sammelt er´s ein.
Henry-Martin Klemt
Frankfurt im November 2007
